Das hochgepriesene Schlachtengemälde ist bei dem Brande von 1577 mit

den anderen damals in der großen Ratshalle befindlichen Bildern zu

Grunde gegangen. Ein Kupferstich hat die Umrisse desselben aufbewahrt,

und eine in der Uffiziengalerie befindliche Ölskizze -- wahrscheinlich

nicht ein vorbereitender Entwurf des Meisters, sondern eine nach dem

Bilde von jemand anders gemachte Übungsarbeit -- gibt auch von der

Farbe und Wirkung des größten Teiles des Bildes eine Vorstellung

(Abb. 68). Der Gegenstand des Gemäldes war die Schlacht von Cadore im

Jahre 1508, der Sieg der Venezianer über die Kaiserlichen in Tizians

Heimat. In dem mittelalterlichen Freskobild, an dessen Stelle das neue

Gemälde kam, war der Sieg eines Kaisers über die päpstliche Stadt

Spoleto verbildlicht gewesen. Es scheint, daß anfangs die Absicht

bestand, diesen Gegenstand beizubehalten, und daß man sich erst später

zu der Verherrlichung einer den Kaiserlichen beigebrachten Niederlage

entschloß; daraus erklärt es sich, daß das Bild von Zeitgenossen auch

mit dem Namen „die Schlacht bei Spoleto“ belegt wurde, obgleich die

Cadoreschlacht, wie die erhaltenen Anschauungsmittel bekunden, ganz

deutlich gekennzeichnet war. Sogar die Örtlichkeit, die wir da sehen,

ist als ein Abbild der Gegend, in der die Schlacht stattfand, mit

Bestimmtheit zu erkennen. Den Schauplatz des Kampfgetümmels, in dem

das Gelingen eines überraschend ausgeführten Angriffs veranschaulicht

wird, bilden die felsigen Ufer eines Baches, eines Zuflusses des

Boite; steile Höhen, zwischen denen der Felsen und die Burg von Cadore

sichtbar werden, schließen den Blick. Die venezianische Reiterei,

über der ein Banner mit drei Leoparden, das Banner der Cornaro, weht,

hat den Übergang über den Bach erreicht, und in musterhafter Ordnung,

Abstand haltend, nehmen die Geharnischten einzeln oder zu zweien

im Galopp die schmale Brücke, um mit Ungestüm in den Knäuel des am

anderen Ufer sich in Unordnung drängenden feindlichen Vortrupps

einzusprengen. Schon strecken Speere und Schwerter der vordersten die

verzweifelt sich wehrenden Gegner nieder. Was ihnen ausweichen will,

Mann oder Roß, stürzt über die Felsen des Bachrandes. Noch flattert

zwar die Reichsfahne mit dem Adler den Venezianern entgegen; aber für

den Beschauer ist es zweifellos, daß aus der entstandenen Verwirrung

sich kein erfolgreicher Widerstand mehr entwickeln kann. In geringer

Entfernung rückt eine Abteilung venezianischen Fußvolkes unter weiß

und rot gestreifter Fahne im Eilschritt vor, um den am Fuß des Monte

Zucco sich zeigenden hellen Haufen der kaiserlichen Landsknechte von

der Seite zu fassen. Das schnelle Daherbrausen der Kriegermassen hat

unbeteiligte Personen ins Gedränge gebracht; ein junges Mädchen ist,

um sich zu retten, in den Bach gesprungen und hält sich angstvoll an

einem Felsblock des von den Venezianern besetzten Ufers fest. Ganz im

Vordergrunde, rechts von der Mitte des Bildes (auf der Florentiner

Skizze, der das Stück mit der anmarschierenden Reiterei fehlt,

dicht am rechten Rande), hat der Maler den venezianischen Feldherrn

hingestellt. In der Nähe eines verlassenen Geschützes steht Giorgio

Cornaro -- diesen glaubt man in ihm zu erkennen -- und blickt mit

stolzer Haltung, den Kommandostab mit ausgestrecktem Arm auf einen

Felsblock aufstützend, in die Niederlage der Feinde; ein Page ist damit

beschäftigt, ihm die Rüstung anzulegen, und sein noch ungesatteltes

Streitroß, ein langmähniger Schimmel, wiehert, aufgeregt durch den

Klang der Trompete, den vorbeimarschierenden Pferden ungeduldig zu.

Unsere heutige realistische Anschauungsweise entsetzt sich vor der

künstlerischen Freiheit, die den Befehlshaber an einer so unmöglichen

Stelle zeigt und ihn dort in aller Ruhe seine Wappnung vornehmen läßt.

Jener Zeit aber war eine derartige künstlerische Freiheit durchaus

nicht anstößig; das damalige venezianische Publikum würde zweifellos

ein Weglassen des Führers der Venezianer viel übler vermerkt haben,

sein Anbringen an einer Stelle, wo er sich in Wirklichkeit während

des geschilderten Augenblickes nicht befunden haben kann; und es

verstand die Absicht des Künstlers, der gerade dadurch, daß er den

Kommandierenden beim Anlegen der Rüstung zeigte, deutlich ausdrückte,

daß man sich ihn als an einem anderen Orte befindlich zu denken und

sein Hiersein nur sinnbildlich aufzufassen habe. Noch befremdlicher

ist es für uns, daß die Deutschen im Vordergrunde in antiker Rüstung

dargestellt sind. Dafür gibt es einen zweifachen Grund. Erstens wollte

der Künstler die Gelegenheit benutzen, um seine Befähigung, auch in

stark bewegten und verkürzten Figuren die menschliche Gestalt richtig

wiederzugeben, ins Licht zu stellen; er schloß sich dabei der von Rom

ausgegangenen und von den Schülern Raffaels aufs äußerste getriebenen

Kunstmode an, die durch alle Kleidung hindurch die Körperformen

zeigte, und die eben daraus entstanden war, daß die Künstler mit

ihrem Wissen und Können prunken wollten. In Mantua hatte Tizian ja

Giulio Romano kennen gelernt, der diese Richtung in weitestgehender

Weise vertrat, und an den Marmorfiguren, die seinen Cäsarenbildern

als Vorbilder dienten, hatte er die der Körperform angeschmiegte

römische Rüstung gesehen. Aus dem nämlichen Grunde, um seine Kenntnis

und Geschicklichkeit zu zeigen, hat er auch im Vordergrunde der

Schlacht einen ganz entkleideten Gefallenen angebracht, eine Figur,

die sich durch die Annahme rechtfertigen ließ, es habe im Hin und

Her der Schlacht schon vorher hier ein Gefecht stattgefunden und die

Plünderer hätten Zeit gehabt, die Toten ihrer Rüstung und Kleider zu

berauben. Wenn aber der Künstler für jene einer fremden Kunstweise

entliehene, innerlich in Künstlereitelkeit begründete Freiheit eine

äußere Begründung dem venezianischen Publikum gegenüber gebrauchte,

so war diese darin gegeben, daß sich so die beiden Parteien deutlich

unterscheiden ließen. In der Wirklichkeit gab es ja damals keine

wesentlichen Unterschiede der Tracht und Bewaffnung zwischen

italienischen und deutschen Soldaten, und im Handgemenge machten

Freund und Feind sich durch das Feldgeschrei kenntlich. Und doch war

es wichtig, im Bilde die Fallenden als die Feinde zu kennzeichnen. Das

wurde durch die fremdartige Einkleidung der Gegenpartei erreicht; und

Tizian durfte auf volles Verständnis bei seinen Zeitgenossen rechnen,

wenn er die Truppen des römischen Kaisers durch eine, wenn auch längst

vergangener Zeit angehörige, römische Kriegertracht kennzeichnete. --

Mit den großen Gemälden des Ratssaales ist auch das Porträt des Dogen

Pietro Lando, des Nachfolgers des Andrea Gritti, das Tizian bald nach

dessen Erwählung im Anfang des Jahres 1539 malte, untergegangen. Auch

was von anderen Bildern -- es sind fast nur Porträts -- aus den Jahren

1538 bis 1540 genannt wird, ist alles nicht mehr vorhanden oder nicht

nachweisbar; die einzige, aber auch nicht ganz unzweifelhafte Ausnahme

bildet ein Kardinalsporträt im Palast Barberini zu Rom, in dem man den

von Tizian in dieser Zeit zweimal gemalten Kardinal Bembo zu erkennen

glaubt.

[Illustration: Abb. 81. +Venus.+ In der Galerie der Uffizien zu

Florenz.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

Die moderne Forschung setzt die Entstehung des räumlich größten von

den erhaltenen Gemälden Tizians, über das die alten Nachrichten

merkwürdigerweise sehr wenig bringen, auf Grund der Anhaltspunkte,

welche die Malweise bietet, in eine dem Jahre 1540 naheliegende Zeit.

Es ist das jetzt in der Akademie zu Venedig befindliche Bild „Mariä

Tempelgang“ (Abb. 69). Nach der Legende über die Kindheitsgeschichte

der Jungfrau Maria ist dargestellt, wie Maria als Kind sich in den

Tempel begibt, um sich dem Dienst des Höchsten zu weihen. Das Kind

schreitet freudig und unbefangen, sein hellblaues Kleid ein wenig

aufhebend, die Stufen der langen Freitreppe des Tempels hinan, dem

Hohenpriester entgegen, der mit einigen Begleitern aus der Vorhalle

herausgetreten ist, um erstaunt die Kleine in Empfang zu nehmen. Maria

befindet sich ganz allein auf der Treppe; ein goldiger Lichtschein

umgibt das liebliche Figürchen, das trotz seiner Kleinheit auf der

riesigen Leinwand dem Beschauer sofort als der Mittelpunkt der ganzen

Darstellung in die Augen fällt. Die Eltern Joachim und Anna sind am

Fuß der Treppe zurückgeblieben, Joachim spricht mit Wichtigkeit zu

den Umstehenden. Viele Menschen sind auf dem Platz vor dem Tempel

stehen geblieben, um zuzusehen, wie es eben geschieht, wo etwas

Ungewöhnliches bemerkt wird. Das ist eine prächtige venezianische

Volksgruppe, Leute von mancherlei Art, von stolzen Senatoren an bis zu

ganz armseligen Erscheinungen, ehrwürdige Greise, stattliche Männer,

hübsche Frauen und gedankenlose Kinder. Alle Personen in dieser Menge,

die so treffend den Eindruck macht, vom Zufall zusammengeführt zu

sein, sind so ausgeprägt in ihrer Eigenart, daß man lauter Bildnisse

zu sehen glaubt. Die Überlieferung weiß einige der vornehmen Herren

mit Namen zu nennen; die Mitlebenden aber haben gewiß auch das alte

Höckerweib erkannt, das neben der Treppe bei seinem Eierkorb sitzt. Den

Tempelplatz säumen stattliche Gebäude, Marmor- und Backsteinbauten,

an denen Balkon und Fenster sich mit Zuschauern füllen. Durch die

breite Straße sieht man in eine vorn im Schatten liegende, in den

fernen Höhen aber lichtschimmernde Landschaft unter bewölktem Himmel.

-- Niemals hat ein Maler eine so große Leinwand mit Figuren, die

fast alle nichts zu thun haben, so reizvoll und in einer solchen

Zusammengehörigkeit von Menschen und Gebäuden gefüllt, und dabei,

unbeschadet des Anscheins vollkommener Natürlichkeit, der Komposition

in Linien und Farben ein so feierliches Ebenmaß zu wahren gewußt. In

dieser großräumigen venezianischen Architekturphantasie, die einer

Darstellung religiösen Inhalts als lichter, festlicher Rahmen dient,

sehen wir den Weg gewiesen, auf dem später Paul Veronese weiter

schritt. Um die Komposition vollständig würdigen zu können, muß

man wissen, daß die jetzige Gestalt des Bildes nicht mehr ganz die

ursprüngliche ist und daß man nicht mehr sieht, welche besonderen

Rücksichten der Meister zu nehmen hatte. Das acht Meter lange Gemälde

nahm an seinem Bestimmungsort, in einem Saal des Bruderschaftshauses

der Carità -- das ist dasselbe Gebäude, welches jetzt die Akademie

inne hat, -- die Fläche einer ganzen Wand von der unteren Verkleidung

bis zur Decke ein; zwei Thüren, eine größere rechts und eine kleinere

links, schnitten in diese Fläche ein, so daß das Bild mit seinem

unteren Rande diesen Einschneidungen ausweichen mußte. Als es in die

Gemäldesammlung übertragen wurde, hat man die beiden Einschnitte durch

eingesetzte Stücke ausgefüllt. Das Ungehörige dieser Ergänzungen macht

sich besonders an der rechten Seite fühlbar; der flickende Maler hat

selber das Störende der großen leeren Fläche, die durch das Durchführen

der Treppenwand entstand, empfunden, aber sein Gedanke, diese Leere

durch das Anbringen eines großen Kellerloches einigermaßen auszufüllen,

war ein sehr unglücklicher.

Im Juni 1540 hatte Tizian den Tod seines feinsinnigen und aufmerksamen

Gönners Federigo Gonzaga zu beklagen. In das Zuströmen von Bestellungen

aber brachte dieser Verlust keine Unterbrechung.

[Illustration: Abb. 82. +Christus und die zwei Jünger zu Emmaus.+

Im Museum des Louvre zu Paris.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

Davalos, der jetzt als Generalleutnant der kaiserlichen Heere in

Italien in Mailand stand, drängte auf Vollendung eines Bildes, mit

dessen Ausführung er den Meister im vorigen Jahre beauftragt hatte,

und das ihn als Feldherrn darstellen sollte, wie er eine Ansprache an

seine Soldaten hält. Tizian konnte sich zeitweilig damit entschuldigen,

daß seine Pflicht ihn bei dem Herzog Francesco, dem Nachfolger

Federigos, in Mantua festhalte. Im Jahre 1541 wurde die „Allokution des

Davalos“ fertig und fand in Mailand großen Beifall. Davalos belohnte

den Künstler durch Zuweisung eines Jahrgehaltes. Später ist das Gemälde

in den Besitz des Königs von Spanien gekommen und befindet sich jetzt

im Pradomuseum. Bei zwei Bränden, im Escorial im Jahre 1671 und im

Königsschlosse zu Madrid im Jahre 1734, hat es schwere Beschädigungen

erlitten und ist infolge dessen gänzlich überarbeitet worden. In seinem

jetzigen Zustande besitzt es nicht mehr viel von Tizianischem Reiz.

[Illustration: Abb. 83. +Kaiser Karl V. am Morgen der Schlacht bei

Mühlberg.+ Im Pradomuseum zu Madrid.

(Mit Genehmigung der photographischen Gesellschaft in Berlin.)]

Vermutlich überbrachte Tizian persönlich das Bild dem General. Denn

im Spätsommer 1541, als der Kaiser in Mailand verweilte, begab

er sich dorthin. Karl V. gab auch bei dieser Gelegenheit wieder

einen Gnadenbeweis durch Anweisung eines Jahrgehaltes, das aus der

mailändischen Staatskasse -- Mailand war durch den Tod des Herzogs

Francesco Sforza im Jahre 1535 dem Kaiser zugefallen -- gezahlt werden

sollte.

[Illustration: Abb. 84. +Kaiser Karl V. im Jahre 1548.+

In der königl. Pinakothek zu München.

(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstängl in München.)]

Mit der Jahreszahl 1542 sind zwei Gemälde bezeichnet, die als Werke

geringen Umfangs zwischen größeren Arbeiten, die den Meister damals

beschäftigten, entstanden sind. Das eine ist ein Idealbildnis der

Königin von Cypern, Katharina Cornaro. Es befindet sich in der

Uffiziengalerie. Die im Jahre 1510 verstorbene „Tochter der Republik“

ist darin mit ihrer Namensheiligen, der alexandrinischen Jungfrau aus

königlichem Geschlecht, verschmolzen. Sie trägt eine reiche Krone

mit einem eigentümlichen Schleieraufbau darüber und fürstlichen

Juwelenschmuck an dem rotseidenen Kleid und dem Überkleid von grünem

Damast. Ein leichter Heiligenschein und das im Hintergrund angedeutete

Marterwerkzeug des Rades geben die Kennzeichnung der heiligen Katharina

(Abb. 70). -- Wenn man es diesem Prunkstück wohl etwas ansieht, daß

es nicht nach der Natur gemalt ist, so ist dafür das andere Bild

eine um so frischere Wiedergabe des Lebens. Es ist ein entzückendes

Kinderbildnis und stellt ein Töchterchen von Roberto Strozzi, einem

zeitweilig in Venedig wohnenden Sohne des aus Florenz verbannten

Filippo Strozzi, vor. Bis vor einigen Jahren hat es im Palazzo Strozzi

gehangen; jetzt schmückt es das Museum zu Berlin. Das Bild ist in

seiner Verbindung von Liebreiz, Lebenswahrheit und Farbenzauber eine

künstlerische Kostbarkeit, die in dieser Art wohl nicht ihres gleichen

hat. Die Kleine, ein allerliebstes Geschöpf von etwa vier Jahren,

mit braunen Augen und krausen Löckchen von jenem warmen Blond, das

sich in späteren Jahren in Kastanienbraun verwandelt, streichelt und

füttert ihr Hündchen, das auf einem Marmortisch sitzt. Das gesättigte,

geduldige und verständige Hündchen sieht den Beschauer ganz ernsthaft

an; seine kleine Herrin aber hält nur einen Augenblick still, sie

wendet den Kopf und wird gleich davonlaufen, um wiederzukommen, -- es

ist etwas wunderbares, wie der Künstler es verstanden hat, die muntere

Lebhaftigkeit ihres Wesens zu veranschaulichen. Das Kind ist in weiße

Seide gekleidet, trägt auch schon zierlichen Schmuck. Das seidenhaarige

Hündchen ist weiß mit rotbraunen Flecken; der weiße Marmor seines

Sitzes, der am Fuß mit einem Reliefbild spielender Amoretten

geschmückt ist, hat eine bräunliche Altersfarbe angenommen. Auf der

einen Seite des Bildes bildet eine schlichte graubraune Wand einen

ruhigen Hintergrund für das helle Figürchen, auf der anderen Seite

aber entfaltet sich ein entzückendes Farbenspiel: über die Marmorbank

hängt eine nachlässig hingeworfene Decke von krapprotem Sammet mit

entsprechendem Seidenfutter; darauf steht eine goldene Schale mit

Früchten; über die Bank hinweg sieht man auf das dichte Laub eines weit

ausgedehnten Parks und auf einen wolkenlosen Sommermittagshimmel, in

dessen gleichmäßigem duftigen Blau ferne Hochgebirgsgipfel verschwimmen

(Abb. 71.)

[Illustration: Abb. 85. +Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen+,

als Gefangener zu Augsburg 1548. In der kaiserl. Gemäldegalerie zu Wien.

(Nach einer Originalphotographie von J. Löwy in Wien.)]

Im Jahre 1542 porträtierte Tizian auch den elfjährigen Ranuccio

Farnese, einen Enkel des Papstes Paul III. Der Beifall, den dieses --

jetzt nicht mehr vorhandene -- Bildnis bei den Erziehern des Prinzen

fand, hatte wiederholte Einladungen an Tizian, sich nach Rom zu

begeben, zur Folge. Insbesondere war es der sehr kunstsinnige junge

Kardinal Alessandro Farnese, Ranuccios ältester Bruder, der sich

bemühte, die Dienste Tizians für sich zu gewinnen.

Schon im folgenden Jahre brachten die politischen Ereignisse eine

Gelegenheit, daß Tizian den Papst und dessen Angehörige malen konnte,

ohne deswegen nach Rom zu gehen. Paul III. brach im Frühjahr 1543 nach

dem Norden Italiens auf, um wie sein Vorgänger persönlich mit dem

Kaiser zu verhandeln, und er schickte eine Aufforderung an Tizian,

mit ihm zusammenzutreffen. Der Meister stellte sich in Ferrara beim

Papste ein und begleitete denselben dann nach Busseto bei Cremona, wo

die Zusammenkunft mit Karl V. stattfand. Zwischen ihren politischen

Verhandlungen unterhielten die beiden Häupter der Christenheit sich

über Tizians Kunst. Tizian kehrte mit dem Papst zurück und blieb bis

in den Sommer in Bologna. In dieser Zeit malte er zwei Bildnisse

Pauls III., eines von dessen Sohn Pier Luigi, Herzog von Castro, ein

Doppelbildnis des Papstes und des Herzogs Pier Luigi, und ein Bildnis

des Kardinals Alessandro Farnese. Von den Bildern des Papstes, die

begreiflicherweise oft kopiert worden sind, besitzt die Sammlung

der Ermitage zu Petersburg eins, das zweifellos eine nach dem Leben

gemalte erste Aufnahme ist, die von dem Meister für sich selbst

zurückbehaltene Grundlage zu einem ausgeführten Gemälde. Das Bild

stammt nachweislich aus dem Nachlasse Tizians. Man sieht der Malerei

die Schnelligkeit an, mit der es entstanden ist. Der merkwürdige

Kopf des Papstes, mit langer, herabhängender Nase, buschigen Brauen

und schweren Augenlidern, weißlichem Vollbart und dunkler Hautfarbe,

ist mit der sprechendsten Lebendigkeit gekennzeichnet; er hat einen

unangenehmen Ausdruck von Verschlagenheit, die Mundwinkel sind unter

den dichten Büscheln des Schnurrbartes emporgezogen, ohne darum zu

lächeln, der Blick der nach den Augenecken gedrehten und auf den

Beschauer gerichteten dunklen Augen hat etwas Beunruhigendes (Abb.

72). -- Das für den Papst selbst ausgeführte Exemplar des Bildnisses

befindet sich im Museum zu Neapel; hier sehen wir, wie der Meister

seine ganze Geschicklichkeit aufgeboten hat, um ein Wunderwerk

vollendeter Durchbildung herzustellen. In dem nämlichen Museum findet

man das Bildnis des Kardinals Alessandro Farnese, dessen Andenken

die Kunstgeschichte besonders in Ehren zu halten hat, da auf seine

Anregung hin Vasari seine Künstlerbiographien schrieb, die trotz

mancher Irrtümer die wichtigste Quellenschrift über die Kunst der

italienischen Renaissance sind. -- Das Porträt des Herzogs von Castro

wird im königlichen Schloß zu Neapel aufbewahrt. -- Das Doppelbildnis

ist verschollen.

[Illustration: Abb. 86. +Nicolas Granvella, Kanzler Kaiser Karls

V.+

Im Museum zu Besançon.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

Paul III. wollte seine Erkenntlichkeit durch Überweisung der Einkünfte,

welche mit dem Titel eines päpstlichen Siegelbewahrers verbunden waren,

bezeugen. Aber Tizian besaß die Hochherzigkeit, dieses Anerbieten

abzulehnen, weil er durch die Annahme einen anderen Künstler geschädigt

haben würde; denn um an ihn übertragen werden zu können, hätte der

Amtstitel dem Maler Sebastian Luciani aus Venedig -- der eben hiernach,

weil die Bullensiegel in Blei gedruckt wurden, den Beinamen „del

Piombo“ führte -- entzogen werden müssen.

Bevor Tizian Venedig verließ, um sich zum Papst zu begeben, hatte er im

Auftrage des Dogen Lando das übliche Votivbild für den Saal der Pregadi

vollendet. Das Bild ist mit den übrigen seinesgleichen im Jahre 1577

verbrannt. -- Vor Ablauf des Jahres 1543 vollendete der Meister ein

ziemlich umfangreiches Gemälde, die Vorführung Christi durch Pilatus

darstellend, für einen Privatmann, den Kaufmann Giovanni d’Anna, einen

in Venedig naturalisierten Niederländer. Andere Bilder, die Tizian

im Auftrage des nämlichen Mannes malte, sind verloren gegangen. Das

große „~Ecce Homo~“ aber von 1543 ist erhalten und befindet sich

jetzt in der kaiserlichen Gemäldegalerie zu Wien (Abb. 73). Es ist

eine figurenreiche Komposition von großer Wirkung, aber mit manchen

Unschönheiten im einzelnen, die auf die Mitwirkung von Schülerhänden

schließen lassen. Ähnlich wie bei dem Bilde „Marias Tempelgang“ ist

der Vorgang auf und an eine große Freitreppe verlegt. Die Treppe führt

zu dem reichverzierten Marmorportal des römischen Amtsgebäudes, dessen

Wand mit Rustikapilastern besetzt und mit marmornen Götterbildern

geschmückt ist; ein säulenbesetzter Pfeiler deutet einen weiten

Portikus vor dem Gebäude an. Zwischen dem Pfeiler und der Wand sieht

man die von schwülem Gewölk bedeckte Luft. Die Gesichtslinie ist so

tief genommen, daß nichts von Landschaft über dem Gedränge des Volkes

zum Vorschein kommt. Pilatus ist aus dem Hause hervorgetreten, und

neben ihm erscheint, von einem Soldaten geschoben, Christus unter

dem Portal, gebeugt, gesenkten Hauptes, mit vornüber wallendem Haar.

Der in römische Imperatorentracht gekleidete Landpfleger weist mit

ausdrucksvoll sprechenden Händen auf den gepeinigten und verhöhnten

Dulder hin und stellt ihn mit einem halben spöttischen Lächeln, einem

unübertrefflichen Ausdruck mitleidiger Geringschätzung, dem Volke vor,

das, mit den Armen in der Luft, brüllend die Straßen hinaufdrängt.

Müßige Neugier hat auch ein paar junge Mädchen, von denen eines einen

kleinen Jungen vor sich herschiebt, in das Gedränge getrieben; sie

sehen gar nicht nach der Schmerzensgestalt hin, der der Lärm gilt,

und höchstens in dem Blick der einen, die sich umwendet, um mit

jemand zu sprechen, kann man etwas wie eine schwache Mitleidsregung

lesen. Hinter ihnen sieht man immer mehr gehobene Hände vor der Luft

und bekommt dadurch den Eindruck einer sehr großen lärmenden Menge,

obgleich man auf der Treppe nur zwei Schreier sieht. Auch denkt man

sich noch viele Leute durch die zwei Wächter verdeckt, die sich, dem

Beschauer näher, auf der Treppe bewegen und von denen der eine dem

anderen etwas zuraunt. Noch weiter vorn dreht sich ein Kriegsmann, der

in beschaulicher Ruhe auf der Treppe saß, schwerfällig um, um nach dem

Gegenstand der Volkserregung zu blicken; er benutzt dabei seinen Schild

mit dem römischen Kaiseradler -- den Tizian natürlicherweise so, wie

er ihn kannte, doppelköpfig, gebildet hat -- als Stütze. Neben ihm

sitzt ein halbwüchsiger Gassenbengel, mit einem Hunde spielend, auf den

Stufen und schreit aus reiner Lust am Schreien in das vor dem Bilde

befindlich zu denkende Volk hinein, -- eine Gestalt aus dem Leben.

Der tobende Pöbel ist das Werkzeug, dessen sich die einflußreichen

Widersacher des Heilandes bedienen; diese selbst sehen wir durch

zwei am Fuße der Treppe miteinander sprechende Charakterfiguren von

Pharisäern vertreten: einen galligen, schwarzbärtigen Fanatiker und

einen salbungsvollen kahlköpfigen Fettwanst in rotem Gewande und

kostbarem Pelzkragen. Hinter diesen beiden halten zwei Reiter: ein

Türke auf einem weißmähnigen Fuchs und ein geharnischter vornehmer

Herr auf einem Schecken. Der Türke sieht feindselig auf Christus

hin: der Ritter scheint ihn auf die Erbärmlichkeit des wankelmütigen

Volkes aufmerksam zu machen. Den beiden Reitern folgt ein ebenfalls

berittener Bannerträger, der die mit einem eingestickten R (Roma)

gezeichnete Fahne schwingt. In dem Türken erkannten die Zeitgenossen

den Sultan Soliman, dessen Gegenwart unter den Widersachern Christi

sehr zeitgemäß erschien. Die Versuchung, den Ritter, der eine Rüstung

nach der Mode der Zeit trägt -- wie denn überhaupt in der Kostümierung

der Figuren Antikes und Modernes unbefangen durcheinander gemischt ist

--, ebenfalls auf eine bestimmte Persönlichkeit zu deuten, lag nahe;

aber die Deutungen, auf die man gekommen ist, haben keinen Sinn. Dem

Besteller des Bildes, der zu Tizians näherem Freundeskreise gehörte,

und manchem anderen Beschauer wird es ein besonderes Vergnügen gewesen

sein, zu bemerken, daß zum Kopf des Pilatus der gottlose Spötter Aretin

Modell gesessen hatte. -- Tizian hat das Bild mit einer augenfälligeren

Bezeichnung versehen, als er sonst zu thun pflegte: auf der Treppe

liegt ein Zettel mit der Aufschrift: „~Titianus Eques Ces.~

(kaiserlicher Ritter) 1543.“

[Illustration: Abb. 87. „+Die Jungfrau mit der Fruchtschale+“

(Tizians Tochter Lavinia). Im königl. Museum zu Berlin.

(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstängl in München.)]

Großen Verdruß bereitete dem Meister zu dieser Zeit ein Rechtsstreit

mit der Geistlichkeit der Kirche S. Spirito in Isola, der im Dezember

1544 noch nicht geschlichtet war und ihn veranlaßte, sich mit der Bitte

um Beistand an den Kardinal Alessandro Farnese zu wenden. Für diese

Kirche, die neu ausgebaut worden war, hatte Tizian die Herstellung

eines Altarblattes und mehrerer in die Deckenfelder einzusetzenden

Bilder übernommen. Die Ausführung dieser Gemälde, die er wahrscheinlich

im Jahre 1541 anfing, scheint seine Hauptarbeit im Jahre 1542 gewesen

zu sein und kam wohl erst 1544 zum Abschluß. Und nun entstanden

Schwierigkeiten wegen der Bezahlung, die zu eben jenem Rechtshandel

führten. -- Die Bilder, um die es sich handelte, befinden sich jetzt in

der Kirche S. Maria della Salute. Das Altargemälde ist dort in einer

Seitenkapelle angebracht worden. Es stellt die Sendung des heiligen

Geistes dar. Leider hat es durch Nachdunkeln viel an seiner Wirkung

eingebüßt. Die Uffiziengalerie zu Florenz besitzt eine Sepiazeichnung,

die als ein Entwurf Tizians zu diesem Gemälde gilt, von dem sie in

Einzelheiten abweicht. (Abb. 74). -- Acht Rundbilder, in denen die

vier Evangelisten und die vier großen Kirchenlehrer als lebenswahre

Persönlichkeiten verbildlicht sind, schmücken die Decke des Chors. In

der Sakristei sind die übrigen Deckenbilder angebracht: drei in kühnen

Verkürzungen aufgebaute Gruppen, die den Brudermord Kains, das Opfer

Abrahams und Davids Sieg über Goliath schildern.

[Illustration: Abb. 88. +Tizians Tochter Lavinia.+ In der königl.

Gemäldegalerie zu Dresden.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

Tizian · 第 7 / 12 段