Von vielen Arbeiten Tizians, namentlich auch aus der Zeit von 1530

bis 1532, ist nichts als eine schriftliche Nachricht, sei es in ganz

allgemeiner Erwähnung, sei es in bestimmter Bezeichnung der Werke,

auf uns gekommen. Andererseits fehlt für eine vielleicht noch größere

Anzahl vorhandener Gemälde jegliche Kunde über ihre Entstehung. Das

ist namentlich bei den Bildnissen von Privatpersonen der Fall. Als

Porträtmaler ist Tizian von keinem übertroffen worden. In dem an

schönen Bildnissen fruchtbarsten Jahrhundert, dem XVII., hat Rubens

ihn sich zum Muster genommen und van Dyck ihm als einem unerreichbaren

Vorbild nachgestrebt; selbst der große Velazquez hat sein Auge an

Tizians vornehmen Bildnisgestalten geschult. -- Zu den herrlichsten

Bildnissen des Meisters gehört die Halbfigur eines jungen Mannes,

schwarzgekleidet, vor ganz dunklem Hintergrund, im Louvre, genannt „Der

Mann mit dem Handschuh“ (Abb. 55). Ein ebenso hervorragendes Porträt

besitzt das Pradomuseum in dem Bild eines gleichfalls ganz schwarz

gekleideten Ritters des Malteserordens (Abb. 56).

Als eine der wenigen Holzschnittzeichnungen Tizians sei das

Profilbildnis des Ariosto besonders erwähnt, das die im Jahre 1532

veranstaltete Endausgabe des „Orlando furioso“ schmückt.

[Illustration: Abb. 71. +Das Töchterchen des Roberto Strozzi.+

In der königl. Gemäldegalerie zu Berlin.

(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstängl in München.)]

Im Winter von 1532 auf 1533 saß der Kaiser Karl V. Tizian zum Porträt.

Der Kaiser war im Herbst über die Alpen gekommen, zum Zwecke einer

nochmaligen Begegnung mit dem Papst in Bologna. Am 6. November war er

in Mantua eingetroffen, und schon am nächsten Tage schrieb der Herzog

Federigo an Tizian, er möge sobald als möglich kommen. Aber nicht in

Mantua, sondern erst in Bologna malte Tizian das Kaiserbildnis. Es

wird mit gutem Grund vermutet, daß die Nachricht Vasaris über ein

schon zwei Jahre früher gemaltes Porträt Karls V. auf einem Irrtum

beruhe, daß Tizian vielmehr bei dem jetzigen Aufenthalt des Kaisers

in Bologna zwei große Bildnisse desselben, davon eines in Rüstung,

anfertigte. Zweifellos ist das prachtvolle Porträt Karls V. in ganzer

Figur, das sich im Pradomuseum befindet, ein Ergebnis der jetzigen

Sitzungen. In diesem, leider etwas nachgedunkelten Bilde trägt der

Kaiser einen weißen, mit Gold verzierten Anzug mit einem lederfarbigen

goldgestickten Wams darüber, ein schwarzes Mäntelchen und schwarze

Mütze mit weißer Feder; seine Rechte ruht am Griff des Dolches und die

Linke faßt das Halsband eines großen Windhundes, dessen eigentümliche

helle Farbe der Maler in den feinsten Zusammenklang mit dem Weiß, dem

Gold und der Lederfarbe des Anzugs gebracht hat; die ganze Erscheinung

hebt sich von einem dunkelgrünen Vorhang prächtig ab (Abb. 57).

Tizian blieb, wahrscheinlich mit der Ausführung des Beiwerks in den

Kaiserbildnissen beschäftigt, bis in den März hinein in Bologna. Der

Herzog Federigo hatte ihn mit der Anfertigung einer Wiederholung eines

der Bildnisse beauftragt, die er später in Venedig ausführte.

Es versteht sich von selbst, daß Tizian nicht in ununterbrochenem

Fluß der Arbeit den Kaiser porträtieren konnte. In den Zwischenzeiten

seines mehrmonatlichen Aufenthalts in Bologna nahmen Herren aus

dem kaiserlichen Gefolge seine Thätigkeit in Anspruch. So der mehr

soldatisch als geistlich beanlagte Kardinal Ippolito de’ Medici, der

von einem Heerzuge durch Ungarn nach Bologna gekommen war und sich

einmal in voller Rüstung, ein anderes Mal in ungarischer Kriegertracht

von Tizian malen ließ. Das letztere Porträt befindet sich im

Pittipalast zu Florenz (Abb. 58).

Der Kaiser, der sich von Bologna über Genua nach Spanien begab,

spendete dem Künstler kaiserlichen Dank. Gleich nach seiner Landung in

Barcelona im Mai 1533 fertigte er eine Urkunde aus, durch die er Tizian

zum „Grafen des Lateranischen Palastes und Mitglied des kaiserlichen

Hofes und Staatsrates unter den Titel eines Pfalzgrafen mit allen aus

dieser Würde entspringenden Vorrechten“ ernannte; er machte Tizian

zum Ritter vom goldenen Sporn mit allen sonst durch Ritterschlag

verliehenen Rechten, und erhob dessen Kinder zum Range von Edelleuten

des Reiches mit allen Ehren der Familien mit sechzehn Ahnen. -- Vasari

versichert, Karl V. habe, nachdem er Tizian kennen gelernt, keinem

anderen Maler mehr gesessen. Der Wortlaut der Urkunde rechtfertigt

diese Äußerung, indem darin der Kaiser das Verhältnis Tizians zu ihm

mit dem des Apelles zu Alexander dem Großen vergleicht, also auf ein

Alleinrecht, den Herrscher zu porträtieren, hinweist.

Auch mit der Bezahlung scheint Karl V. damals nicht gekargt zu haben.

Denn Tizian kaufte sich nach seiner Rückkehr von Bologna einen Landsitz

im Gebiet von Treviso.

Zu den ersten Arbeiten, die Tizian jetzt in Venedig ausführte, dürfte

das Hochaltargemälde für die Kirche S. Giovanni Elemosinario gehört

haben. Die nach einem Brande neugebaute Kirche war eben fertig

geworden; der Altar wurde am 2. Oktober 1533 geweiht. Nach Vasaris

Angabe bewarb sich Tizian im Wettstreit mit Pordenone um die Bestellung

des Altarbildes. Der gegebene Gegenstand war der Namensheilige der

Kirche, Johannes, Patriarch von Alexandria, dem seine Wohlthätigkeit

den Beinamen des Almosenspenders gebracht hatte. Tizian malte ein

Bild von großartiger Einfachheit in der Anordnung und in den vollen

Farbentönen. Der Heilige, eine mächtige, würdevolle Greisengestalt in

den roten und weißen Gewändern eines Kirchenfürsten, wendet sich auf

seinem Sitz, zu dem Marmorstufen emporführen, ein wenig seitwärts,

um mit vornehmer und doch von herzlicher Freundlichkeit erfüllter

Bewegung eine Gabe in die Hand eines mit dürftigen Lumpen bekleideten

Bettlers, der auf den Stufen kauert, gleiten zu lassen; auf der anderen

Seite des Bischofs, der um der Almosenspende willen sein Kirchengebet

unterbrochen hat, kniet ein Engel als Chorknabe mit dem Vortragekreuz.

Fast die ganze Gestalt des Heiligen hebt sich von der Luft ab, deren

Blau von sonnigem Gewölk durchzogen ist. Oben wird die Luft durch einen

grünen Vorhang begrenzt. Ursprünglich bildete das Stück Vorhang eine

größere Masse, als jetzt zu sehen ist. Denn das Bild, das sich noch

auf seinem Platze befindet, ist bei einer Umänderung des Rahmens durch

Abschneiden des oberen Bogenabschlusses verstümmelt worden (Abb. 59).

Im Frühjahr 1534 beauftragte Isabella von Este, die Mutter des Herzogs

von Mantua und Schwester des Herzogs von Ferrara, Tizian mit der

Anfertigung ihres Bildnisses. Aber sie wünschte nicht so gemalt zu

werden, wie sie jetzt aussah, sondern schickte dem Meister ein altes

Porträt aus ihrer Jugendzeit als Vorlage. Danach malte Tizian das jetzt

in der kaiserlichen Gemäldegalerie zu Wien befindliche schöne Bild der

Fürstin (Abb. 61).

Verloren sind leider die von Tizian gemalten Bildnisse des im Januar

1534 vermählten Herzogspaares von Mailand, des alten, kränkelnden

Francesco Sforza und der kaum zwölfjährigen Nichte des Kaisers,

Christine von Dänemark. Es würde interessant sein, Tizians Bildnis

der kindlichen Neuvermählten mit dem wenige Jahre später von Holbein

gemalten Bild der jungen Witwe zu vergleichen.

[Illustration: Abb. 72. +Papst Paul III.+ In der Ermitage zu St.

Petersburg.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

Am 31. Oktober 1534 verlor Tizian durch den plötzlichen Tod des

Herzogs Alfons von Ferrara seinen ältesten fürstlichen Gönner.

Er war damals noch mit Arbeiten für Alfonso beschäftigt, unter

anderem mit einer Wiederholung von dessen an den Kaiser abgegebenem

Porträt. Daß Tizian imstande war, noch nach Jahren Wiederholungen von

Bildnissen anzufertigen, erklärt sich daraus, daß er bei bedeutenden

Personen die ersten Aufnahmen nach dem Leben nicht gleich auf die

Ausführungsleinwand, sondern besonders zu malen pflegte, um sie für

sich zu behalten. Das Porträt Alfonsos ließ dessen Nachfolger Ercole

vollenden.

Das meiste von Tizians Arbeitskraft scheint in diesem und in den

folgenden Jahren Friedrich Gonzaga, der in seinen Briefen dem Künstler

jetzt die Anrede „Vortrefflicher und teurer Freund“ gab, für sich in

Anspruch genommen zu haben. Von den Gemälden, die Tizian für ihn und

für diese oder jene andere hohe Persönlichkeit damals ausführte, werden

mehrere besonders genannt; aber von all diesen läßt sich heute keins

mehr nachweisen.

Einen Vorschlag Karls V., ihn auf seinem Kriegszug gegen Tunis zu

begleiten, hatte Tizian abgelehnt. Aber als der Kaiser aus Afrika

zurückgekehrt war und bei Asti Heerschau über die zum Kriege gegen

Frankreich zusammengezogenen Truppen abhielt, begab sich Tizian mit dem

Herzog von Mantua nach Asti, um dem Kaiser seine Aufwartung zu machen,

und er wurde durch neue Huldbeweise geehrt.

Die Schwester des Herzogs Federigo, Eleonora Gonzaga, war an Francesco

Maria della Rovere, Herzog von Urbino verheiratet. Dadurch kam Tizian

auch zu diesem Fürsten in Beziehungen. Francesco Maria starb im Herbst

1538 an Vergiftung. Die Gemälde, welche Tizian für ihn ausführte,

scheinen innerhalb einer nur kurzen Reihe der vorhergehenden Jahre

entstanden zu sein.

Der Herzog von Urbino war am französischen Hofe erzogen worden; er

blieb Franzosenfreund, wenn er auch den Dienst des Kaisers vorzog. Er

ließ sich durch Tizian das Bildnis des Königs Franz I. malen. Vasari

sah dieses vermutlich nach einer Schaumünze gemalte Porträt im Schlosse

zu Urbino. Ein anderes Exemplar desselben wurde an den König selbst

geschickt; es befindet sich jetzt im Louvremuseum. Wenn man es nicht

wüßte, würde man beim Anblick eines so sprechenden Bildnisses nicht

denken, daß der Maler das lebende Urbild niemals gesehen hat (Abb. 60).

Das kostbarste von allen Gemälden, die in das Schloß zu Urbino

gelangten, ist das jetzt in der Uffiziengalerie zu Florenz befindliche

Bild einer unbekleidet auf ihrem Ruhebett liegenden jungen Frau; ein

Gemälde, das unter Tizians besten Schöpfungen eine hervorragende

Stellung einnimmt. Man nennt das Bild „Venus von Urbino“; aber es

stellt keine Göttin vor. Tizian hatte früher einmal -- in einem jetzt

in der Sammlung des Lord Ellesmere zu London befindlichen Gemälde --

nach der Beschreibung eines Bildes des Apelles die aus der Meeresflut

in unverhüllter Schönheit auftauchende Göttin gemalt. Hier aber hat er

nicht an die Verbildlichung eines überirdischen Wesens gedacht, es ist

ihm auch nicht eingefallen, im Sinne der antiken Kunst eine Gestalt

schaffen zu wollen, deren Schönheit über die in der Natur vorkommende

Schönheit hinausginge. Er hat vielmehr eine schöne Wirklichkeit in dem

verklärenden Zauberlicht seiner einzigartigen Poesie wiedergegeben. Das

ganze Bild ist echteste Poesie; es ist in dem hinreißenden Wohllaut

seiner Farbenklänge ein fast feierlich zu nennender Lobgesang auf die

Schönheit des Weibes, dessen Stimmung auch nicht durch die leiseste

Beimischung irgendwelchen lüsternen Nebengedankens getrübt wird. Die

Schöne ruht. Ihr Ruheplatz ist durch eine dunkelgrüne Stoffwand von dem

übrigen Raum des Gemaches geschieden, aber nicht ganz abgeschlossen.

Auf dem mit frischem weißen Leinen überzogenen roten Polster und

auf weißen Kissen, die ihr Schultern und Kopf erhöhen, behaglich

ausgestreckt, badet sie ihre Glieder in der durch das große Fenster

einströmenden weichen Luft; im Wachen träumend, regungslos bis auf ein

leichtes Tändeln mit einer Handvoll Rosen, die ihre Rechte ergriffen

hat, wartet sie, daß die Dienerinnen ihr die Kleider bringen. Wohl

begegnet der Blick der süßen, unergründlichen Augen dem Beschauer;

aber kein lockendes Lächeln, kein Hauch bewußter Sinnlichkeit stört

die Reinheit und Ruhe der Züge; der Blick fesselt je länger je mehr.

Prächtig ist der malerische Gegensatz zwischen der großen ruhigen Masse

des weichen, zarten Fleisches, deren Helligkeitswirkung durch das

Weißzeug gehoben wird, und dem Reichtum kleiner Formen im Hintergrund,

wo der getäfelte Fußboden, die Wandtapeten, die Polsterbank unter dem

Fenster, das durch eine Säule geteilte Fenster, in dem ein Blumentopf

steht und durch das man auf den Wipfel eines Baumes sieht, und die

Figuren der beiden Dienerinnen bis ins kleinste ausgeführt sind.

Die beiden Zofen sind vortrefflich geschildert; die eine, ein noch

unerwachsenes Mädchen, weiß gekleidet, hat von einem Teil der als Truhe

dienenden Polsterbank den Deckel aufgeklappt und hebt, den Deckel mit

dem Kopf hochhaltend, mit beiden Händen ein Gewand heraus; die andere,

eine stämmige Person in rotem Kleid, die bereits einen Rock für ihre

Herrin auf der Schulter liegen hat, steht dabei und kommandiert,

während sie ihren rechten Hemdärmel aufstreift, um besser hantieren zu

können (Abb. 62).

[Illustration: Abb. 73. „+~Ecce homo!~+“ In der kaiserl.

Gemäldegalerie zu Wien.

(Nach einer Originalphotographie von J. Löwy in Wien.)]

Der Gedanke läßt sich nicht abweisen, daß diese „Venus“ ein Porträt

sei; darum braucht man das liebliche Geschöpf, dessen ganze Schönheit

der Künstler schauen durfte, noch lange nicht zu einer Geliebten

des Herzogs von Urbino oder sonst etwas derartigem herabzuwürdigen.

Man glaubt die nämliche Persönlichkeit in dem herrlichen, ebenso

anmutigen wie vornehmen Porträt im Pittipalast wiederzuerkennen,

das die volkstümliche Bezeichnung „die Schöne des Tizian“ trägt

(Abb. 63). Diese junge Dame mit dem goldigglänzenden braunen Haar,

in reichem, blau und violettem Modekleid mit goldenem und weißem

Ausputz -- das ganze Bild wieder ein Wunderwerk der Farbenstimmung --

besitzt allerdings dieselben fesselnden Reize von Jugend, Schönheit

und Liebenswürdigkeit, wie die „Venus“. Aber die Ähnlichkeit der

Gesichtszüge zwischen beiden ist doch keine völlig überzeugende.

Der Herzog von Urbino ließ sich selbst und seine Gemahlin im Jahre 1537

zu Venedig von Tizian malen. Beide Bildnisse befinden sich jetzt in

der Uffiziengalerie (Abb. 64 und 65). Francesco Maria war nach Venedig

gekommen, um den Oberbefehl in dem Türkenkrieg zu übernehmen, zu dem

der Kaiser und der Papst sich mit der Markusrepublik verbündet hatten.

So steht er in dem Bilde als Feldherr da, in vollem Harnisch, den

Kommandostab auf die Hüfte aufsetzend; das blitzende Eisen der Rüstung

hebt sich von einem mit dunkelrotem Sammet bekleideten Verschlag

ab, darüber bildet eine entferntere braune Wand den Hintergrund für

den Kopf; zu seiner Rechten sieht man den mit einem Greifen und

einem Federbusch geschmückten Kriegshelm, zu seiner Linken sein

Wappenzeichen, den Eichbaum (~rovere~). Die von Kraft und Feuer

erfüllte Erscheinung des Mannes, das von einem dichten schwarzen

Haarrahmen eingeschlossene Gesicht mit der gebräunten, fettlosen

Haut, den harten, entschlossenen Zügen und den glühenden Augen

geben ein Bild, das ganz im Einklang steht mit demjenigen, das die

Geschichte von ihm gezeichnet hat: der Herzog Francesco Maria war ein

heißblütiger Mann, dem Degen und Dolch schnell aus der Scheide flogen,

ein stählerner Körper, der in Dauerritten Abenteuerliches leistete,

Soldat mit Leib und Seele, so kurz entschlossen zu entscheidender That,

wie umsichtig in der Führung der Truppen. Neben diesem Mann wirkt

die Erscheinung der Herzogin Eleonora doppelt zart, und es befremdet

nicht, wenn in ihrem feinen, vornehmen Gesicht etwas Dulderhaftes

verborgen liegt. Auch dieses Bild ist ein Meisterwerk der Farbenkunst.

Das nicht mehr jugendfrische, aber noch lichtfarbige Fleisch tritt im

Schmucke der Juwelen, am Halse und den Handgelenken von durchsichtigem

Weißzeug bedeckt, zu klarer Helligkeitswirkung hervor aus dem Rahmen,

den das durch kleine gelbe Puffen belebte Schwarz des Kleides, das

dunkelbraune Haar und ein graubräunlicher Hintergrund bilden; zu diesem

Ganzen von vorherrschend warmen Tönen hat der Künstler die reizvollste

Ergänzung gefunden in einem Fensterdurchblick auf den lichtbewölkten

blauen Himmel und die von sommerlichem Duft überflimmerte grüne Ebene;

die grüne Decke eines Tisches, auf der das braun und weiß gefleckte

Schoßhündchen neben einer kleinen metallenen Standuhr liegt, wirkt als

vermittelnder Übergang.

Für den Herzog von Mantua war Tizian im Jahre 1537 mit der Anfertigung

von Bildern der zwölf ersten römischen Kaiser (Julius Cäsar mit

eingerechnet) beschäftigt, die einem Zimmer des herzoglichen

Schlosses als Wandschmuck dienen sollten. Als Vorlagen standen ihm

antike Standbilder und Münzen zur Verfügung. Nachdem er im April

1537 eines dieser Bilder abgeliefert hatte, wurden zehn andere nach

und nach im Laufe der folgenden Jahre fertig; das zwölfte malte mit

Tizians Einwilligung Giulio Romano. Diese Cäsarenbilder, Werke

von dekorativer Art, sind durch Kupferstiche von Ägidius Sadeler

sehr bekannt geworden; in den Stichen machen sie einen befremdlich

theatralischen Eindruck. Von den Originalen scheint keins erhalten

geblieben zu sein.

[Illustration: Abb. 74. +Die Sendung des heiligen Geistes+,

Tuschzeichnung. In der Uffiziengalerie zu Florenz.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

[Illustration: Abb. 75. +Bildnis eines Fürsten, vielleicht Guidobaldo

II. von Urbino.+

In der königl. Gemäldegalerie zu Kassel.

(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstängl in München.)]

[Illustration: Abb. 76. +Amor, der Bezwinger der Stärke.+ Im

Besitz des Herrn Oberstleutnant Jekyll in London.]

Es war nicht Tizians Schuld, daß diese Arbeit sich so in die Länge

zog. Ein Bild der Verkündigung Marias, das er im Jahre 1537 der

Kaiserin übersandte, nahm ihm freilich nicht viel Zeit weg; denn es

war ein schon vollendetes Werk, für eine Kirche in Murano bestellt,

aber von den Bestellern wegen des zu hohen Preises nicht abgenommen,

und jetzt der neuen Bestimmung dadurch angepaßt, daß zwei aus den

Wolken herabsehenden Englein das Wahlzeichen Karls V., eine Säule mit

dem Spruchband „~plus ultra~“ (weiter!), in die Hände gegeben

wurde. -- Auch das in demselben Jahr gemalte Bildnis des Admirals

Giovanni Moro (Abb. 66) brachte keinen großen Aufenthalt. Dieses

schöne Porträt befindet sich jetzt im Berliner Museum, und es ist ein

besonderer Genuß, das Bild des wackeren Kriegshelden mit dem ebenda

befindlichen Bild eines selbstgefälligen jungen Mannes, dessen Namen

vergessen ist (Abb. 67), zu vergleichen und sich in die Bewunderung

der unvergleichlichen Feinheit zu vertiefen, mit der Tizian, in jedem

Bildnis neu, seine Auffassung dem Wesen der Persönlichkeit anpaßte. --

Es wurden Stimmen laut in Venedig, die sagten, Tizian sei überhaupt nur

als Porträtmaler groß. Um so mehr Grund hatte der Meister, sich seiner

alten Verpflichtung gegen die venezianische Regierung, der Malerei

im großen Ratssaal, nicht länger zu entziehen. Und der Rat der Zehn

erneuerte seine Mahnungen mit sehr nachdrücklicher Strenge; er erließ

im Juni 1537 den Befehl an Tizian, er solle, da das Schlachtengemälde,

zu dessen Ausführung er sich im Jahre 1516 verbindlich gemacht, noch

immer nicht ausgeführt sei, alle Gelder, die er seit jener Zeit aus

seinem Makleramt ohne Gegenleistung bezogen habe, zurückzahlen. Jetzt

ging Tizian ernstlich ans Werk und vollendete „mit unglaublicher

Kunst und Ausdauer“ das große, vor mehr als zwanzig Jahren entworfene

Schlachtenbild. Die Regierung gab der Erschöpfung ihrer Geduld aber

auch sehr empfindlichen Ausdruck. Nicht nur mußte Tizian bis auf

weiteres auf sein Maklergehalt verzichten; sondern er mußte es sich

gefallen lassen, daß Pordenone als gleichberechtigt neben ihn gestellt

und mit der Ausführung eines Gemäldes im großen Ratssaale beauftragt

wurde. Pordenone aber war des Meisters eifriger Nebenbuhler; er

kokettierte mit der Behauptung, seine Furcht vor Tizians Neid sei so

groß, daß er nicht ohne Degen auszugehen wage. Doch mit der Vollendung

des Schlachtenbildes ging das Ungemach vorüber. Pordenone starb im

Jahre 1538, und vom folgenden Jahre an bekam Tizian seine Bezüge aus

dem Makleramt wieder ausbezahlt.

[Illustration: Abb. 77. +Pietro Aretino.+ In der Pittigalerie zu

Florenz.

(Nach einer Originalphotographie von Giacomo Brogi, Florenz.)]

[Illustration: Abb. 78. +Papst Paul III. mit Alessandro und Ottavio

Farnese+ (unvollendet).

Im Nationalmuseum zu Neapel.]

[Illustration: Abb. 79. +Danae.+ Im Nationalmuseum zu Neapel.]

[Illustration: Abb. 80. „+Venus, sich an der Musik erfreuend+“

(Ottavio Farnese und seine Geliebte). Im Pradomuseum zu Madrid.

(Mit Genehmigung der photographischen Gesellschaft in Berlin.)]

Tizian · 第 6 / 12 段