Aber zu dem Pesarobild sind mehrere Vorarbeiten vorhanden; eine

Rötelzeichnung der Hauptgruppe befindet sich in der Albertina (Abb.

41) und eine gemalte Naturstudie zu dem Christuskind in den Uffizien.

-- Auf die Zeit der Vollendung des Gemäldes kann man aus dem Umstande

schließen, daß in den von der Familie Pesaro aufbewahrten Quittungen

über die Bezahlung des Bildes am 27. Mai 1526 der Empfang der Restsumme

bescheinigt wird. -- Das Gemälde ist an seinem Aufstellungsorte,

über einem Seitenschiffaltar der Franziskanerkirche, geblieben. Es

ist an Größe der „Assunta“ fast gleich und hat überlebensgroßen

Maßstab. Den Umstand, daß das Altargemälde vor allem ein Votivbild

war und daß für solche eine Profilkomposition, die den Anbetenden

dem Heiligen gegenüberstellte, die natürlichste und auch schon lange

eingebürgerte Anordnung war, hat der Künstler benutzt, um ganz

mit der bei Altargemälden gebräuchlichen Symmetrie zu brechen und

mit voller Freiheit rein malerische Grundsätze an die Stelle der

architektonischen zu setzen. Die Hauptmasse der Figuren zieht sich in

zusammenhängender Gruppierung schräg durch das Bild. Ganz seitwärts

rechts sieht man ein Stück von der Eingangswand eines Kirchengebäudes

in schräger Perspektive. Eine Säulenhalle von mächtigen Abmessungen

ist dem Gebäude vorgelegt; zwei der Riesensäulen sind sichtbar, und

ihre granitenen Schäfte wechseln in breiten Streifen mit der sonnigen

Luft. Oben durchschneidet eine vom Himmel herabgesenkte kleine Wolke

die senkrechten Formen; auf der Wolke halten zwei Englein das Kreuz

des Erlösers. Die Sonne beleuchtet und durchleuchtet das Wölkchen

und wirft dessen Schatten auf die Säulenschäfte. Mit seinem hellsten

Licht verweilt der Sonnenschein auf der Gruppe der Jungfrau mit

dem Jesuskind. Marias weißer Schleier, der, an ihrer rechten Seite

herabhängend und an der anderen Seite von dem Jesuskind emporgehoben,

einen Rahmen um beide Figuren bildet, gibt der Lichtwirkung die

höchste Steigerung. Maria sitzt auf dem Podest der Säulenhalle; ein

Teppich hängt von ihrem Sitz aus über den hohen Marmorabsatz herab. Mit

Rücksicht auf die Kirche, in die das Bild gestiftet wurde, erscheint

die Jungfrau als „heilige Maria der Frari:“ neben ihr stehen, auf

einem tieferen Absatz, die Ordensheiligen Franciscus und Antonius;

das Jesuskind wendet sich freundlich scherzend dem ersteren zu, der

seine Hände ausbreitet, um deren Wundmale zu zeigen. Der eigentliche

Vermittler aber zwischen der Mutter Gottes und dem betenden Jacopo

Pesaro ist der Apostelfürst Petrus; der Beschirmer des Papsttums

steht auf der obersten Stufe des Podestes und blickt, die Augen von

seinem Buche erhebend, auf Pesaro, den päpstlichen Legaten, dem der

Befehl über eine päpstliche Flotte anvertraut war, herab. Auf Pesaros

besonderes Verdienst um den heiligen Stuhl weisen die an seiner

Seite sich zeigenden Figuren hin: ein geharnischter Krieger, der das

lorbeergeschmückte Banner mit dem Wappen Alexanders VI. emporhält,

führt ein paar gefesselte Türken herbei. Jacopo Pesaro kniet, innig

betend, ganz unten in der linken Ecke des Bildes. Sein weites schwarzes

Seidengewand steht in malerischer Gegenwirkung zu der Farbenpracht,

deren Höhen in dem Rot und Blau der Gewänder Marias, dem gelben Mantel

des Petrus und dem golddurchwirkten roten Fahnentuch liegen. Dem Jacopo

gegenüber knieen die nicht unmittelbar bei dem Vorgang beteiligten

übrigen Mitglieder des Hauses Pesaro, der vorderste von ihnen in einen

prächtigen Brokatmantel gekleidet. Sie alle sehen in andächtigem Gebet

vor sich hin; nur der jüngste, ein hübscher Knabe, vermag die Sammlung

nicht zu wahren, sondern blickt unbefangen zum Beschauer heraus (Abb.

42).

[Illustration: Abb. 61. +Isabella von Este.+ In der kaiserl.

Gemäldegalerie zu Wien.]

Während Tizian dieses hohe Meisterwerk der Vollendung entgegenbrachte,

wurde ihm von seiner Gattin der erste Sohn geschenkt. Über den

Zeitpunkt, wann Tizian die Ehe mit Frau Cecilia schloß, und über deren

Herkunft haben sich keinerlei Nachrichten erhalten. Mutmaßlich fand die

Vermählung im Jahre 1523 oder 1524 statt.

Aus dem Jahre 1527 erfahren wir, daß Tizian dem Markgrafen von

Mantua zwei Porträts als Geschenk übersandte, Bilder von Personen,

die dem Markgrafen, wie er selbst in seinem Dankschreiben an Tizian

sagte, stets sehr lieb waren. Von den beiden Abgebildeten war der

eine, Girolamo Adorno, vor vier Jahren als kaiserlicher Gesandter in

Venedig gestorben. Der andere war vor kurzem nach Venedig gekommen,

um dort seinen Wohnsitz zu nehmen. Es war der Dichter Pietro Aretino,

jene merkwürdige Persönlichkeit, um deren Gunst sich die Mächtigsten

bewarben, aus Furcht vor den gefährlichen Boshaftigkeiten, von denen

seine gewandte Feder überfloß, sobald er aufhörte zu schmeicheln. Wie

abscheulich auch der Charakter sein mag, der aus seinen Schriften

spricht, im persönlichen Verkehr muß Aretino doch etwas Bestechendes

gehabt haben. Jedenfalls gelang es ihm bald, sich Tizian zum Freunde zu

machen.

In der Münchener Pinakothek befindet sich ein Bildnis eines

schwarzgekleideten Herrn im Alter von einigen dreißig Jahren, aus

dessen Zügen sich mancherlei schlechte Eigenschaften herauslesen

lassen. Eben aus diesem Grunde galt das Bild früher für Aretinos

Porträt. Der Vergleich mit anderen, beglaubigten Bildnissen des

Dichters hat indessen die Irrigkeit dieser Benennung erwiesen. Aber

wer auch die dargestellte Persönlichkeit sein mag, jedenfalls ist

dieses Porträt, das wohl der in Rede stehenden Zeit angehören kann, ein

vortreffliches Beispiel von Tizians Bildniskunst, die mit sprechender

Kennzeichnung die größte Vornehmheit der Auffassung zu vereinigen wußte

(Abb. 43).

In den Jahren 1528 und 1529 hielt sich Tizian wiederholt längere

Zeit in Ferrara auf. Wir erfahren, daß er mit einem Gefolge von fünf

Personen im Schlosse abstieg, und daß der Herzog sehr gnädig und von

Bewunderung für die erhaltenen Gemälde erfüllt war. Über die Gemälde

selbst aber erfahren wir nichts. -- Auch dem Markgrafen von Mantua

machte Tizian von Zeit zu Zeit seine Aufwartung.

[Illustration: Abb. 62. „+Venus von Urbino.+“ In der Galerie der

Uffizien zu Florenz.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

Das Bruderschaftshaus von S. Rocco in Venedig besitzt ein durch

Vermächtnis seines ersten Besitzers dorthin gekommenes Gemälde Tizians,

eine lebensgroße Darstellung von Mariä Verkündigung. Aus der Malweise

des sehr schönen Bildes mag man schließen, daß es wohl um diese Zeit

entstanden sei. -- In dem Alpendorf Zoppé, 20 Kilometer von Pieve di

Cadore entfernt am Fuße des Monte Pelmo gelegen, verbirgt sich ein

kleines Altarbild von des Meisters Hand: Maria mit dem Jesuskind auf

dem Schoß und ihren Eltern Joachim und Anna und dem heiligen Hieronymus

zur Seite. Die Dorfkapelle wurde erbaut auf Grund der Nachlaßbestimmung

eines Cadoriner Patriziers vom Jahre 1528; und Tizian wird wohl

bald nachher das Bild gemalt haben, in dem er den Bewohnern seiner

Heimatberge eine Probe seiner Kunst zeigte.

Seine beste Kraft widmete der Meister auch in diesen Jahren wieder

einem sehr großen Altargemälde. Die Bruderschaft des heiligen Petrus

Martyr hatte das Bild für den Altar ihres Heiligen in der Kirche S.

Giovanni e Paolo bestellt. Es wird berichtet, daß die Auftraggeber

sich nicht gleich an Tizian wendeten, sondern einen Wettbewerb

ausschrieben, und daß Tizian über zwei Mitbewerber, seinen Freund

Palma und den jüngeren ruhmbegierigen Pordenone, den Sieg davontrug.

Verschiedene Entwürfe und einige Einzelstudien sind als Zeugnisse

von Tizians Vorbereitungen für diese Arbeit erhalten (Abb. 44, 45,

46). Der Gegenstand des Bildes war der Tod jenes Heiligen, eines

Dominikaners, der um seines Glaubenseifers willen ermordet wurde und

daher den Beinamen „der Märtyrer“ erhielt. Im April 1530 befand sich

das Gemälde auf seinem Platze. Von Mit- und Nachwelt wurde es als eines

der allerhöchsten Meisterwerke Tizians bewundert. Als einmal eine sehr

bedeutende Summe für das Bild angeboten wurde, trat die venezianische

Regierung derartigen Versuchungen durch einen Erlaß entgegen, der die

Entfernung des Gemäldes von seinem Platze bei Todesstrafe verbot. Aber

es verfiel einem beklagenswerteren Schicksal. Im Jahre 1867 wurde es

vom Altar herabgenommen, weil in dessen Nähe Herstellungsarbeiten

am Gebäude ausgeführt wurden, und in eine Seitenkapelle gebracht;

in dieser Kapelle brach in der Nacht vom 15. auf den 16. August auf

unerklärte Weise Feuer aus, und das Bild verbrannte. -- Die vorhandenen

Kopien und Kupferstiche können nur eine unvollkommene Vorstellung von

dem Meisterwerk geben. Mit allen herkömmlichen Regeln für Altarbilder

hat Tizian hier ganz und gar gebrochen. Die Komposition ist ganz frei

bewegt; sie veranschaulicht den Vorgang in natürlicher, glaubhafter

Schilderung. Der Schauplatz ist ein Wald, durch dessen Wipfel der Sturm

fährt. Der gedungene Meuchelmörder hat sein Opfer zu Boden geworfen und

holt mit dem Schwerte zum Todesstoß aus. Der Begleiter des Überfallenen

rennt, von Entsetzen gejagt, vorwärts, gleichsam zum Bilde heraus. In

der Ferne reitet der Urheber des Mordes davon. Daß das Opfer dieser

That ein Heiliger ist, das verrät nur ein liebliches Engelpaar, das von

Himmelsstrahlen begleitet durch die Baumkronen herabschwebt, um ihm

die Siegespalme zu überbringen, und an diesen Himmelsboten haftet der

letzte Blick des Märtyrers.

Auch die Nachbildungen lassen erkennen, daß das Außerordentliche der

Wirkung des Gemäldes in der großartigen Landschaftsstimmung gelegen

hat, die in hochpoetischer Weise die Erzählung der Begebenheit mit der

Schilderung eines Aufruhrs in der Natur, dessen stürmische Bewegung

vom Sonnenlicht siegreich durchbrochen wird, begleitete. Und der

Künstler, der diese Schilderung gab, war vertraut mit der Sprache der

Bäume und Wolken. Wie gern sich Tizian dem erfrischenden Verkehr mit

der freien Natur hingab, beweisen die Landschaftszeichnungen, die

in der nicht großen Zahl der von ihm hinterlassenen Handzeichnungen

fast die Mehrzahl bilden (Abb. 48). Manchmal genügte ihm die bloße

Zeichnung nicht, um die Eindrücke, die er auf seinen Wanderungen, sei

es auf dem nahen venezianischen Festland, sei es in den oft besuchten

Heimatbergen, empfing, wiederzugeben. Er sah was vor ihm noch niemand

gesehen hatte, in der Landschaft einen sich selbst genügenden Bildstoff

und malte reine Landschaftsbilder. Mochte er auch bisweilen durch

Hinzufügung einer religiösen oder mythologischen Staffage dem Bild

einen Titel und die Daseinsberechtigung in den Augen des Publikums

geben, so verschmähte er dies doch in anderen Fällen und setzte nur

solche Figuren hinein, die, wie Hirten oder Wanderer, etwas wirklich

zu der Gegend Gehörendes waren. Darum gilt Tizian als der Vater der

Landschaftsmalerei, und der Berechtigung dieses Titels kann die

Thatsache, daß um dieselbe Zeit in der Kunst des Nordens gleichartige

Erscheinungen zu Tage traten, keinen Abbruch thun.

Die meisten seiner Landschaftsbilder sind nur aus

Kupferstichnachbildungen bekannt. Aber ein wunderbares Gemälde ist

erhalten geblieben. Es befindet sich in der Sammlung der Königin von

England im Buckinghampalast. Ein Regenschauer an einem Hochsommertag

gießt Wasserströme auf das Vorland der Alpen herab und sendet

schnellziehende Wolken vor sich her, unter denen auf dem welligen

Gelände mit seinen Türmen, Bäumen und Gebüschen die Schatten und

Lichter sich drängen und jagen (Abb. 47). Ein solches bewegtes Leben in

der unbeseelten Natur bildlich wiederzugeben, daran hatte vor Tizian

damals weder in Italien noch in den Niederlanden jemand anders auch nur

entfernt gedacht.

[Illustration: Abb. 63. „+La Bella di Tiziano.+“ Im Pittipalast zu

Florenz.

(Nach einer Originalphotographie von Giacomo Brogi, Florenz.)]

Als Karl V. in Bologna verweilte, um mit Papst Clemens VII. über

die Geschicke Italiens zu verhandeln und von ihm die Kaiserkrone

zu empfangen, im Winter von 1529 auf 1530, wurde Tizian dorthin

eingeladen und dem Kaiser vorgestellt. -- Nach Vasaris Angabe soll der

Meister damals ein sehr schönes Bild des Kaisers im Harnisch gemalt

haben.

[Illustration: Abb. 64. +Francesco Maria della Rovere, Herzog von

Urbino.+

In der Galerie der Uffizien zu Florenz.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

Im Anfange des Jahres 1530 hatte Tizian drei Bilder für den Markgrafen

von Mantua in Arbeit: ein Porträt des Markgrafen in Rüstung, eine

Madonna mit der heiligen Katharina und ein Bild mit badenden Frauen.

Also alles was die Renaissancezeit von der Kunst des Malers verlangte:

Bildnis, Religiöses und schönes Fleisch.

Eines von diesen drei Gemälden hat sich erhalten. Wenigstens wird mit

gutem Grunde angenommen, daß die im Louvre befindliche „Madonna mit

dem Kaninchen“ jenes Madonnenbild sei, das Tizian vor dem Frühjahr

1530 nach Mantua ablieferte. Es ist ein liebenswürdiges Idyll, bei dem

das Heilige -- das äußerlich durch den dreiteiligen Strahlenschein

um das Köpfchen des Jesuskindes angedeutet wird -- nur in der

Herzlichkeit der Empfindung und in der reinen Anmut liegt. In einer

von Bergen begrenzten Hügellandschaft, unweit eines zwischen Bäumen

halbversteckten ländlichen Hauses, vor dem ein Hirt sich in behaglicher

Ruhe bei seinen Schafen niedergelassen hat, sind die Jungfrau Maria und

die heilige Katharina -- die wie üblich in vornehmer Kleidung erscheint

-- um das Jesuskind beschäftigt. Maria sitzt im blumigen Grase, das

Arbeitskörbchen vor sich; Katharina hat ihr das Kind abgenommen. Da

bietet sich eine Gelegenheit, dem Kleinen ein echtes Kindervergnügen

zu bereiten. Ein weißes Kaninchen ist herbeigesprungen, die Mutter

hält es fest, und Katharina bückt sich mit dem Kinde, damit es das

Tierchen in der Nähe sehe. Wie nun das Kind voller Freude nach dem

lebendigen Spielzeug greifen möchte und doch das ausgestreckte Ärmchen

scheu zurückhält, während es mit der anderen Hand, um des sicheren

Rückzugsortes gewiß zu bleiben, das Gesicht der Freundin anfaßt: das

ist etwas ganz Entzückendes; wie hat der Maler die Kinderseele zu

belauschen verstanden! Ein mildes, gedämpftes Sonnenlicht gießt einen

goldenen Ton über die liebliche Gruppe (Abb. 49).

Das nämliche Museum besitzt ein zweites Bild dieser Gattung, das dem

ebengenannten gleich ist an Liebenswürdigkeit der Empfindung und das

durch die weitere Ausdehnung der Landschaft noch einen besonderen Reiz

besitzt. Die heilige Familie im Genuß des Familienglücks ist hier

dargestellt. Auf einer Anhöhe, von der man über Wiesen, Baumgruppen

und einen Wasserspiegel hinaus auf die Mauern und die Vorhäuser einer

Ortschaft sieht, sitzt Maria mit dem Kinde auf der Rasenbank, und

Joseph, neben ihr behaglich hingelagert, scherzt mit dem Kinde. Aber

die Aufmerksamkeit des kleinen Jesus wendet sich dem kleinen Johannes

zu, der ein Lämmchen herbeibringt; er möchte ihm entgegen springen,

beide Füßchen gehen in die Luft, und die lächelnde Mutter muß fest

zufassen, um ihn zu halten. Daß das Lamm, das Opfertier, hier noch

eine andere Bedeutung hat, als die eines Spielzeuges für das Kind, das

sagen nur dem Beschauer die Englein, die in einer um die Baumstämme

schwebenden Wolke ein Abbild des Marterholzes tragen; in der Flur von

Bethlehem herrscht noch Paradiesesfrieden. Daß jene Ortschaft Bethlehem

ist, das erkennen wir an den beiden Tieren, den Mitbewohnern des

Stalles, die am Fuß der Anhöhe auf die Weide geführt werden (Abb. 50).

[Illustration: Abb. 65. +Eleonora Gonzaga, Herzogin von Urbino.+

In der Galerie der Uffizien zu Florenz.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

In jener Zeit einer ehrlichen Freude an der Kunst war in den hohen

Kreisen Italiens das Schenken von wertvollen Kunstwerken ein beliebtes

Mittel, um die Gunst von Mächtigen zu gewinnen. Tizians Gemälde mußten

oft zu solchen Zwecken dienen. Eine erzählenswerte kleine Geschichte

fällt in den Sommer des Jahres 1530. Während des Hoflagers Karls V.

in Bologna hatte im Hause des Grafen Pepoli, wo der Kaiser verkehrte,

ein Kammerfräulein der Gräfin die lebhafteste Aufmerksamkeit des

kaiserlichen Staatssekretärs Covos erregt. Als Federigo Gonzaga, den

der Kaiser eben durch die Verleihung des Herzogstitels ausgezeichnet

hatte, hiervon erfuhr, sah er einen gewiesenen Weg, um sich den

kaiserlichen Vertrauten in freundlicher Gesinnung zu erhalten. Er

beauftragte den Bildhauer Giambologna und den Maler Tizian mit der

Anfertigung von Porträts jenes jungen Mädchens, um dieselben Covos als

Geschenke zu schicken. Tizian traf im Juli mit einem schmeichelhaften

Empfehlungsschreiben des Herzogs von Mantua an die Gräfin Pepoli in

Bologna ein. Aber das gesuchte Fräulein fand er nicht; es war erkrankt

und um der Luftveränderung willen aufs Land geschickt worden. Das

brachte indessen Tizian nicht aus der Fassung. Er schrieb an den

Herzog, die Schönheit junger Damen präge sich ihm so ein, daß er sich

anheischig mache, nach dem Eindruck, den jene früher auf ihn gemacht

habe, ihr Bild so zu malen, als ob sie ihm mehreremal gesessen hätte.

[Illustration: Abb. 66. +Giovanni Moro, Oberbefehlshaber der

venezianischen Flotte im Jahre 1537.+ Im königl. Museum zu Berlin.

(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstängl in München.)]

In dem nämlichen Briefe erwähnte Tizian beiläufig, daß er sich nicht

ganz wohl fühle und von der Hitze in Bologna leide. Als er Mitte Juli

in Venedig wiedereintraf, war er krank. Aber zu Hause erwartete ihn

noch Schlimmeres. Seine Frau erkrankte auch und starb. Am 6. August

wurde sie begraben. Sie ließ ihrem Gatten drei Kinder zurück, von

denen das älteste fünf Jahre zählte. Tizian war ganz untröstlich, und

eine Zeitlang versagte ihm die Arbeitskraft. -- Doch konnte er gegen

Ende September das versprochene Porträt des Bologneser Fräuleins an

den venezianischen Geschäftsträger des Herzogs von Mantua abliefern,

der dasselbe alsbald an seinen Herren abschickte. Zur Leitung seines

Hauswesens ließ Tizian jetzt seine Schwester Orsa aus Cadore kommen.

Im nächsten Jahre vertauschte er seine bisherige Wohnung am Canal

grande mit einem gesünderen Hause an dem damals noch gartenreichen

Nordostrande der Stadt.

Im Jahre 1531 bekam der Herzog von Mantua einen heiligen Hieronymus

und eine heilige Magdalena von Tizian. Beide Gegenstände hat der

Meister oft behandelt; der büßende Kirchenvater gab Gelegenheit,

durch eine wilde Landschaft zu wirken, und die reuige Magdalena,

„schön und thränenreich,“ in deren Verbildlichung sich das Erbauliche

mit dem Reizenden vereinigte, war eine Darstellung nach dem Herzen

der damaligen Kunstfreunde, da sie ihren Geschmack nach zwei Seiten

hin befriedigte. Zwei prächtige Bilder, der Hieronymus im Louvre

(Abb. 51) und die Magdalena im Pittipalast (Abb. 52), seien hier

erwähnt, da ihre Entstehung wohl in die in Rede stehende Zeit fallen

kann. -- Das Magdalenenbild, welches Federigo Gonzaga bestellte, war

wieder als Geschenk für einen einflußreichen Herrn bestimmt: für den

Oberbefehlshaber der kaiserlichen Truppen in der Lombardei, Don Alfonso

Davalos, Marchese del Vasto. -- Zu den Gegengaben, die Tizian für

seine Gemälde von dem Markgrafen von Mantua empfing, gehörte als eine

außerordentliche Gunstbezeugung die Erwirkung einer geistlichen Pfründe

für seinen ältesten Sohn Pomponio.

[Illustration: Abb. 67. +Bildnis eines Unbekannten.+ Im königl.

Museum zu Berlin.

(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstängl in München.)]

Im Herbst 1531 wurde ferner ein Gemälde für den Dogenpalast fertig.

Jeder Doge war durch das Herkommen verpflichtet, außer seinem Bildnis

für die Halle des Großen Rats ein Bild für den Saal des Kollegiums der

Pregadi malen zu lassen, in dem er unter dem Geleit eines Heiligen vor

dem Thron der Mutter Gottes betend dargestellt war. So malte Tizian

den Dogen Gritti, mit dem Evangelisten Markus zur Seite, vor den Füßen

Marias, die mit dem Jesuskinde zwischen einem Gefolge von Heiligen,

die von Gritti nach besonderen Beziehungen zu ihren Namen ausgewählt

worden waren, erscheint. Das Bild wurde als eine der besten Schöpfungen

Tizians bewundert. Es ist bei dem Brande im Dogenpalast im Jahre 1577,

der auch die Gemälde im Saal des Großen Rats vernichtete, zu Grunde

gegangen.

[Illustration: Abb. 68. +Skizze eines Teiles des untergegangenen

Gemäldes in der Halle des Großen Rats zu Venedig: „Die Schlacht von

Cadore“.+ In der Galerie der Uffizien zu Florenz.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

[Illustration: Abb. 69. +Mariä Tempelgang.+ In der Akademie zu

Venedig. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in

Dornach i. E., Paris und New York.)]

Im Spätherbste 1531 ließ der General Davalos den Meister bitten, zu ihm

nach Correggio, wo er sein Hauptquartier hatte, zu kommen. Vermutlich

gab er ihm damals den Auftrag, sein Bildnis zu malen. Dieses Bildnis

glaubt man in einem Prachtgemälde der Louvresammlung wiederzuerkennen,

das einen vornehmen Kriegsmann im Mittelpunkt einer allegorischen

Darstellung zeigt. Die Tröstung der Gattin des scheidenden Feldherren

-- Davalos war seit kurzem mit Maria von Arragonien vermählt -- ist

der Gegenstand des Bildes. Die in idealer Gewandung, gleichsam als die

Liebesgöttin selbst, dargestellte junge Frau, der ihr Gatte, schon im

Eisenharnisch zum Kriegszug gerüstet, beim Abschied noch einmal die

Hand auf die Brust legt, ist in die Betrachtung einer Glaskugel, des

Sinnbildes der Zerbrechlichkeit des Erdenglückes, versunken; da treten

Amor, Viktoria und Hymen -- Liebe, Sieg und Eheglück -- vor sie hin, um

ihr zu sagen, daß sie sie nicht verlassen wollen (Abb. 53). Das Gemälde

ist in Komposition und Ausführung ein wundervolles Meisterwerk. Die

Dame auf der einen Seite und Viktoria und Amor auf der anderen Seite

bilden zwei Massen duftiger Lichttöne, die oben in den beiden schönen

Frauenköpfen gipfeln, und unten sich in den Händen einander nähern und

durch die vollen Farben in den Gewändern der Dame -- Grün und Rot --

miteinander verbunden werden. Zwischen den beiden weichen Helligkeiten,

und durch diese hervorgehoben, steht in kraftvoller Wirkung die

Gestalt des Mannes mit dem blitzenden, spiegelnden Eisenharnisch und

dem von schwarzbraunem Haar und Bart umrahmten Kopf. Der Hintergrund

für den Herrn und die Dame besteht in einer schlichten dunklen

Wand, die sich hinter jenem so weit auflichtet, daß er zum größten

Teil mit dunklem Umriß davon absetzt. Hinter dem Kopf der Viktoria

bilden der beschattete Kopf des Hymen, dessen emporgehobener Korb

voll Blumen und Früchte und die wolkige Luft einen reichen farbigen

Hintergrund. Die Figuren überbieten eine die andere an Vollkommenheit

der Durchbildung. Die Dame ist so überaus liebenswürdig und vornehm;

aus ihrem Antlitz spricht ein Herz voll Liebe, der Blick ist ernst

und sinnend, gedankenschwer; ihre Gestalt ist voll, die Haut ganz

zart, die Hände weich, biegsam und fein. Der Mann ist ebenso ernst,

etwas Weiches und Schwermütiges liegt in der Bewegung des gewendeten

und seitwärts geneigten Kopfes; aber während die Frau mit gesenkten

Lidern, den Blick ein wenig von der Glaskugel erhebend, die Viktoria

ansieht, deren Worte sie nur halb vernimmt, hält er die Augen beim

Betrachten der Glaskugel männlich offen gegen das unbekannte Geschick.

Sein kräftig geschnittener Kopf ist der Kopf eines Edelmannes in jeder

Linie, bis in die Haarspitzen hinein; und dem entspricht die wunderbar

feine und doch ganz männliche, vornehme Hand. Im Schulterstück seines

Harnisches spiegelt sich der Kopf der Siegesgöttin. Diese ist ein

blondes junges Mädchen, durch den Lorbeerkranz im Haar als das was

sie vorstellt gekennzeichnet; sie neigt sich vor der Dame, in deren

Augen sie einen leuchtenden Blick hingebender Verehrung sendet, und

öffnet die Lippen zu herzlichen Worten, während sie die rechte Hand

mit den schönen Fingern in lebendigem Ausdruck der Beteuerung über

ihre Brust legt. Der kleine Amor, der auf der Schulter ein dickes

Bündel fest zusammengeschnürter Pfeile herbeibringt, mit einem Ausdruck

eines Kindes, das seiner Mutter eine rechte Freude zu machen denkt,

ist eine der köstlichsten unter Tizians köstlichen Kinderfiguren. Von

Hymen sieht man nicht viel mehr als das stark verkürzte Gesicht mit

vollen Lippen und im Schatten glänzenden Augen, die auf seine freudig

dargereichten Gaben gerichtet sind.

[Illustration: Abb. 70. +Katharina Cornaro, Königin von Cypern, als

heilige Katharina.+ In der Galerie der Uffizien zu Florenz.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

Das Neue einer solchen Bildnisgruppe in allegorischer Einkleidung

fand Beifall. Davon legen zwei in der kaiserlichen Gemäldegalerie

zu Wien befindliche Bilder Zeugnis ab. Beide sind Abwandelungen der

„Allegorie des Davolos“; aber beiden sieht man es an, daß die Wünsche

der Besteller, die sich hier mit ihren hübschen Geliebten porträtieren

ließen, Tizian nicht zu solchen tiefempfundenen vornehmen Schöpfungen

anzuregen vermochten, wie jenes Bild eine war. Man empfängt den

Eindruck, als ob der seichtere Inhalt der allegorisch auszudrückenden

Gedanken eine minder vollendete künstlerische Ausführung von selbst mit

sich gebracht hätte.

Wie ein unmittelbarer Nachklang der „Allegorie des Davolos“, nicht dem

Inhalt, aber der Form nach, erscheint ein mythologisch-allegorisches

Bild in der Münchener Pinakothek: Venus weiht ein junges Mädchen

in ihre Geheimnisse ein. Das Bild mag in der Ausführung, der des

Meisters einzigartiger Farbenschmelz fehlt, die Hand eines Schülers

verraten; seine Erfindung aber ist echt Tizianisch. Die Liebesgöttin

und das Mädchen sind einander fast genau so gegenübergestellt,

wie die Gattin des Davalos und die Viktoria. Das Mädchen ist eine

angehende Bacchantin; es ist mit bacchischem Geleit herbeigekommen.

Ein häßlicher, grinsender Satyr mit einer gefüllten Fruchtschale

nimmt genau den Platz im Bilde ein, den dort Hymen inne hat, und

an der Stelle des Ritters steht erwartungsvoll ein hübscher junger

Faun. Venus thut, was ihres Amtes ist, indem sie sich anschickt, vor

der Unkundigen, die mit halbgeöffneten Lippen und mit verlangenden,

glänzenden Augen zu ihr aufschaut, eine verschleierte Herme, das

geheimnisvolle Bild des Mannes, zu enthüllen; aber sie thut es mit dem

Ausdruck tiefen Mitleides für das junge Geschöpf. Über die Schulter der

Liebesgöttin blinzelt Amor, hier ein boshafter Schlingel, nach seinem

willigen Opfer hin (Abb. 54).

Tizian · 第 5 / 12 段