Im Jahre 1522 wurde das Altarbild für Brescia fertig. Das treffliche

Werk befindet sich noch dort in der Kirche S. Nazaro e Celso, für

die es gemalt worden ist. Es hat die altertümliche Anordnung eines

Flügelaltars. Auf der Mitteltafel ist die Auferstehung Christi

dargestellt. Die beiden seitlichen Tafeln sind quer geteilt. In

ihren oberen, kleineren Abschnitten ist die Verkündigung durch die

Halbfiguren der Jungfrau Maria und des Erzengels Gabriel verbildlicht;

der Auferstehung als dem Abschluß des Erdenlebens des Erlösers ist

so der Beginn seines menschlichen Daseins zur Seite gestellt. In

den unteren, höheren Feldern der Seitenflügel stehen einerseits die

heiligen Nazarus und Celsus neben dem Stifter, dem Legaten Averoldo,

der knieend den Auferstandenen anbetet; andererseits der heilige Rochus

mit einem Engel und, weiter im Vordergrund, der an einen Baum gebundene

heilige Sebastian. Dieser Sebastian ist eben jene Figur, die den Herzog

von Ferrara in Versuchung führte; die Venezianer glaubten noch nie

einen so schön gemalten Körper gesehen zu haben, und Tizian selbst

erklärte diese Gestalt für das Beste, was er gemacht habe.

Im Sommer dieses Jahres schickte der Rat der Zehn eine ernstliche

Ermahnung an Tizian, er solle seine Arbeit im Dogenpalast vorwärts

bringen; widrigenfalls würde er durch Entsetzung von seinem Makleramt

und durch Einziehung der ihm bereits gewährten Vorschüsse gestraft

werden. Tizian malte nun in der That eine Zeitlang in der Halle des

Großen Rates. Es ist zweifelhaft, ob das Gemälde, für dessen Vollendung

ihm in jenem Ratsbeschluß ein Termin gesetzt wurde, das Schlachtenbild

war, mit dem er vor neun Jahren einen Anfang gemacht hatte, oder

ein anderes, von Bellini unfertig gelassenes, das Tizian als dessen

Nachfolger zu vollenden hatte; der Gegenstand dieses letzteren war die

sagenhafte Demütigung Kaiser Friedrich des Rotbarts vor Papst Alexander

III. in der Markuskirche.

[Illustration: Abb. 47. +Landschaft.+ In der Sammlung der Königin

von England im Buckinghampalast.

(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstängl in München.)]

[Illustration: Abb. 48. +Landschaft.+ Angetuschte Federzeichnung

in Sepia. In der Sammlung des Herzogs von Devonshire zu Chatsworth.]

Im Januar 1523 schickte Tizian endlich wieder ein Bild an den Herzog

von Ferrara. Er selbst reiste, bevor er sich dorthin begab, nach

Mantua. Denn dorthin hatte ihn der regierende Herr, Friedrich von

Gonzaga, ein Neffe des Herzogs von Ferrara, eingeladen. Dieser neue

Gönner behandelte den Maler, im Gegensatz zu dem bisweilen etwas

barschen Ton seines Oheims, mit der ausgesuchtesten Liebenswürdigkeit.

Er entließ Tizian mit der Bestellung eines Bildnisses und mit einem

Schreiben an den Herzog, in dem er diesen bat, ihm den Meister

möglichst bald wieder zurückzuschicken.

[Illustration: Abb. 49. „+Madonna mit dem Kaninchen.+“ Im

Louvremuseum zu Paris.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

[Illustration: Abb. 50. +Heilige Familie.+ Im Louvremuseum zu

Paris.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

Das Gemälde, dem Tizian damals in Ferrara an seinem Bestimmungsplatze

die letzte Vollendung gab, war eine mythologische Darstellung,

die sich den anderen, dem „Venusopfer“ und dem „Bacchusfest“, mit

denen sie auch im Format übereinstimmt, anschloß. Das Bild befindet

sich jetzt, nach mancherlei Wanderungen, in der Nationalgalerie zu

London. Gleich jenen beiden ist es ein wunderbares Meisterwerk voll

glühender Farbenpoesie. In genauem Anschluß an ein Gedicht Catulls

ist geschildert, wie Bacchus, mit seinem Gefolge einherziehend, am

Strand von Naxos Ariadne findet und von Liebe zu ihr ergriffen wird

(Abb. 34). Der Bacchuszug kommt unter den prächtigen Bäumen eines

Haines hervor in das Sonnenlicht des Gestades. Über der See und der

weithin sich erstreckenden formenreichen Küste flimmert die tiefblaue

Luft mit streifig gelagerten und zu hohen Ballen aufgetürmten, von

glühender Sonne durchleuchteten Wolken. Ariadne ist beim Nahen der

lärmenden Schar entsetzt aufgesprungen. Ihre ungeordneten Gewänder

eilig zusammenraffend, will sie fliehen, hinab zum Meere; aber schon

scheinen die Augen des Gottes sie zu bannen und ihre Flucht in halbes

Entgegenkommen zu verwandeln. Das Leopardengespann vor dem Wagen des

Bacchus hat, auch ohne Zügel dem Willen des Gebieters gehorchend, Halt

gemacht und steht regungslos. Der jugendschöne, epheubekränzte Gott

springt wie im Fluge vom Wagensitz aus über Brüstung und Rad, daß sein

Gewand nachflatternd emporwallt und die weichen Formen des jugendlichen

Körpers fast unverhüllt im Sonnenschein leuchten läßt. Heißes, süßes

Verlangen erfüllt seine Blicke, und seine Armbewegung fordert die

Fliehende auf, ihm in den einladenden Schatten des Haines zu folgen.

Über Ariadne leuchtet am Tageshimmel die Sternenkrone, die Brautgabe

des Gottes. In dem Schwarm von Satyrn und Mänaden, der den Bacchus

begleitet, hat der Künstler die Schilderung des Dichters in prächtige

malerische Erscheinung übersetzt, die in all ihrem Phantastischen

sozusagen den Eindruck glaubhafter Lebenswahrheit macht. Der erste im

Zuge ist ein übermütiges Faunenkind: unbekümmert um das Bellen eines

kleinen Hundes, der es zurückhalten will, schreitet es lustig mit

seinen Bocksbeinchen vorwärts, den entzückenden Schelmenkopf, mit Augen

wie schwarze Käfer, zurückgeworfen, singend und den Kopf eines Kalbes,

Überrest der Mahlzeit, an einer Leine nachschleppend. Hinter ihm kommt

eine junge Mänade in hochgeschürzten Gewändern; ihr abgemessener

Schritt folgt dem Takt der Cymbeln, die sie schlägt; ihr Kopf und der

erhobene rechte Arm sind in durchsichtigen Schatten gehüllt, von der

Höhe der nur halb verdeckten Brust an ist die anmutige Gestalt von

Licht übergossen. Seitwärts von ihr, weiter vorn und ganz im Schatten,

taumelt ein bärtiger Satyr, der seinen erhitzten braunen Körper mit

kühlenden Schlangen umwunden hat. Hinter diesem hüpft in ergötzlichen

Bockssprüngen ein Faun, auf den Thyrsusstab sich stützend und ein

Bein des verzehrten Kalbes in der Luft schwingend; seine begehrlich

leuchtenden Blicke sind auf eine reizende Tamburinschlägerin gerichtet,

die ihn mit neckischem Mutwillen ansieht, während sie vor seinem Nahen

zur Seite flieht, -- eine durch das dunkle Baumgrün hervorgehobene

Lichtgestalt. Der trunkene Silen kommt auf einem Esel sitzend langsam

nach; der feiste Fleischklumpen seines Körpers und die dunkle Gestalt

eines Mannes, der einen riesigen Weinkrug schleppt, haben das

reizvolle Spiel der Lichtdurchblicke zwischen den Baumzweigen als

Hintergrund. -- Wohl niemals ist ein Maler einem derartigen Gegenstand

aus der klassischen Mythe besser gerecht geworden, als Tizian in diesem

sprühenden Bilde von Genußfreude und Übermut, dessen Ungebundenheit

durch die Anmut beherrscht wird.

Über das Bildnis, welches Federigo Gonzaga bei Tizian bestellt hatte,

erfahren wir nichts Näheres. Im August 1523 bescheinigte der Markgraf

den Empfang eines Gemäldes, das ihm sehr gefallen habe. Inzwischen war

der Meister durch die Erledigung verschiedener heimischen Aufträge in

Anspruch genommen.

Gewissermaßen eine dienstliche Obliegenheit war es für ihn durch

sein Einrücken in die Stellung Giovan Bellinis geworden, das Bildnis

des regierenden Dogen zu malen, das in der Halle des Großen Rats den

Bildern von dessen Vorgängern angereiht wurde. Zum erstenmal trat

diese Aufgabe an ihn heran, als Antonio Grimani im Juli 1521 zum

Oberhaupt der Republik erwählt wurde. Der bei seinem Amtsantritt im

siebenundachtzigsten Lebensjahr stehende Herr hatte Tizian schon

vor Jahrzehnten gesessen; es heißt, daß er sich im Jahre 1498 und

im Jahre 1510 von ihm habe malen lassen. Und jetzt, als regierender

Fürst, gewährte er dem Meister mehrmals diese Gunst. Das pflichtmäßige

Bildnis Grimanis für den Großen Ratsaal scheint Tizian aber erst im

Frühjahr 1523 gemalt zu haben, kurz vor dem Tode des alten Herrn. Denn

als ihm das Honorar für dieses Porträt ausgezahlt wurde, war Grimanis

Nachfolger, Andrea Gritti (gewählt am 20. Mai 1523), schon im Amte.

Auch dieser Doge, der Tizian seine besondere Gunst zuwendete, saß ihm

außer zu dem amtlichen zu vielen anderen Porträts (Abb. 35).

[Illustration: Abb. 51. +Der heilige Hieronymus in der Wildnis.+

Im Louvremuseum zu Paris.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

[Illustration: Abb. 52. +Die heilige Magdalena.+ In der

Pittigalerie zu Florenz.

(Nach einer Originalphotographie von Giacomo Brogi, Florenz.)]

[Illustration: Abb. 53. „+Die Allegorie des Davolos.+“ Im

Louvremuseum zu Paris.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

Auch im Jahre 1523 erregte die Enthüllung eines großen Altargemäldes

Aufsehen in Venedig, besonders in Malerkreisen. Tizian hatte sich nach

Vasaris Versicherung bemüht, in diesem Werke etwas Hervorragendes zu

bieten. Das Bild war für dasselbe Kloster bestellt, wie die „Assunta“;

aber nicht für die Hauptkirche, sondern für die im Innern des Klosters

liegende kleine St. Nikolauskirche. Daher die Benennung, mit der es

bezeichnet zu werden pflegt: Madonna von S. Niccolò de’ Frari. Es kam

in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts nach Rom und befindet

sich jetzt in der Vatikanischen Pinakothek; leider in verstümmeltem

Zustande, da man ihm unbegreiflicherweise den halbkreisförmigen oberen

Abschluß abgeschnitten hat, um es viereckig zu machen. Gegenstand

des Gemäldes ist die Verehrung der Mutter Gottes durch den heiligen

Nikolaus und mehrere andere Heilige (Abb. 37). Maria thront in den

Wolken, die mit einem mächtig vorgeschobenen Ballen das Bild quer

durchschneiden. Von oben senken sich Strahlen auf sie herab, deren

Quell -- vermutlich die Erscheinung Gottvaters und des heiligen Geistes

-- infolge der Verstümmelung des Bildes nicht mehr zu sehen ist.

Marias Blicke gehören nur dem göttlichen Kinde auf ihrem Schoße, das

sie dem Anblick der Beter enthüllt. Das Kind aber dreht mit lebhafter

Bewegung den Kopf, um nach den Anbetenden zu schauen. Diese, die

unten auf der Erde stehenden Figuren, sind größer im Maßstab, als die

in einer gewissen Entfernung gedachte himmlische Erscheinung. Zwei

liebliche Engelknaben, die zu den Seiten des Wolkenthrones weiter nach

vorn getreten sind, geben dem Auge des Beschauers die perspektivische

Vermittelung. Die Gruppe der Heiligen unten zeigt keinerlei künstlichen

Aufbau; denn die Figuren stehen alle aufrecht, dicht bei einander. Aber

sie wird durch eine zweifache malerische Wirkung kunstvoll gegliedert:

einer starken geschlossenen Helligkeit auf der einen Seite hält auf

der anderen eine anschwellende und ausklingende Farbenpracht das

Gegengewicht. Die lebhafte Helligkeit bildet der Körper des gebundenen,

pfeildurchbohrten heiligen Sebastian, eine fast weiblich zarte

Jünglingsgestalt. Durch die farbige Wirkung wird der heilige Nikolaus

als Hauptfigur hervorgehoben; die mächtige Gestalt des weißbärtigen

Mannes, der mit kräftiger Kopfbewegung aufwärts blickt, ist mit einem

prachtvollen Meßgewand aus Brokatstoff mit bunter Reliefstickerei

bekleidet. Das Gold des Brokatmusters und der reichen Einfassungen der

mit köstlicher Feinheit ausgeführten Stickerei, das Dunkelblau des

seidenen Grundstoffes des Gewandes und dessen rotes Futter klingen

feierlich ineinander und wirken voll zusammen mit einem kräftigen Grün

und einem lichten Violett in den Gewändern der heiligen Katharina, die

hinter Nikolaus steht. In Katharinas Gesicht, einem feinen Gesicht

mit gesenkten Lidern, und auf dem Überwurf auf ihren Schultern stehen

Helligkeiten von gleichem Wert mit den Lichtern des Goldbrokats; auf

dem unteren Teil ihrer Gestalt verliert sich die Farbenfülle in weichen

Schattentönen. Auf der anderen Seite des heiligen Nikolaus steht, halb

von ihm verdeckt, der heilige Petrus, der seinen schönen Greisenkopf

in Andacht senkt. In dessen hellgelbem Mantel und violettem Rock geht

die Farbigkeit in eine lebhaftere Helldunkelwirkung über. Zwischen den

beiden Wirkungshöhen, der farbigen und der hellen, steht schlicht und

ruhig das Grau der Kutten von zwei Mönchen, Mitgliedern des Ordens,

zu dem die Frari gehörten; der eine ist der heilige Franciscus, der

andere, den die Lilie kennzeichnet, der heilige Antonius von Padua. Den

Hintergrund der unteren Gruppe bildet das Innere eines halbverfallenen

Rundbaues. In der Mauer sieht man eine Inschrifttafel mit den Worten:

„~Titianus faciebat~“. Durch das Imperfektum an der Stelle des

gebräuchlichen „~fecit~“ teilt der Maler, nach berühmten Mustern

des griechischen Altertums, dem klassisch geschulten Beschauer mit,

daß das Werk nicht in schnellem Wurf geschaffen worden ist, sondern in

langer, ausdauernder Arbeit allmählich entstand.

Einen Beweis der Befriedigung, die Tizian selbst über dieses Werk

empfand, darf man in der Thatsache erblicken, daß er das Bild zum Zweck

der Vervielfältigung auf Holz zeichnete (Abb. 38).

[Illustration: Abb. 54. +Die Einweihung einer Bacchantin.+ In der

königl. Pinakothek zu München.

(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstängl in München.)]

[Illustration: Abb. 55. „+~L’homme au gant.~+“ Im

Louvremuseum zu Paris.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

Das Jahr 1524 hindurch wartete der Herzog Alfonso wieder vergeblich auf

versprochene Werke von Tizians Hand bis zum Dezember, wo der Meister

sich endlich zu einem kurzen Aufenthalt in Ferrara entschloß. Was für

Gemälde es waren, die er damals dort fertig machte, darüber fehlt jede

Kunde. Im Anfang des Jahres hatten Fieberanfälle ihn verhindert, den

Wünschen des Herzogs nachzukommen, und dann wurde er durch Aufträge

des Dogen, deren Erfüllung er wohl allen anderen vorangehen lassen

mußte, an Venedig gefesselt. Andrea Gritti beschloß im Mai 1524 die

Neuausstattung einer im Dogenpalast gelegenen Kapelle und beauftragte

Tizian mit der Freskoausschmückung dieses Raumes. Leider ist von

diesen Fresken keine Spur übriggeblieben. Dagegen hat sich ein

einzelnes Freskogemälde erhalten, das Gritti um dieselbe Zeit durch

Tizian in dem Treppenraum zwischen den Wohngemächern des Dogen und

dem Senatssaal ausführen ließ. Der Gegenstand dieses Bildes ist der

heilige Christophorus. Weil das Wasser, durch welches der Riese das

Christuskind trägt, die Lagune von Venedig ist, hat man vermutet, daß

hier eine politische Anspielung versteckt sei. Aber wahrscheinlicher

ist es doch, daß der bejahrte Doge bei dieser Bestellung von nichts

anderem geleitet wurde, als von dem Volksglauben, der den heiligen

Christophorus als Beschützer gegen plötzlichen Tod verehrt. Was dem

Gemälde, trotz nicht zu leugnender Mängel in der Zeichnung des Riesen,

eine bedeutende Wirkung gibt, ist das Landschaftliche. Jenseits des

Wassers sieht man Venedig in schwimmenden Umrissen; darüber baut

sich die Luft in vielen Wolkenlagen empor. Durch den tiefen Horizont

und die Höhe der Luft wird in sehr wirksamer Weise der Eindruck

riesenhafter Größe der Figur gesteigert. Aber auch in sich hat die

große Gestalt, die mit einem entästeten Baum als Stütze durch die

bewegte Lagune watet, etwas sehr Mächtiges. Trefflich ist das schwere

Tragen zum Ausdruck gebracht, das Ankämpfen gegen eine nicht mehr zu

bewältigende Last. Der Riese wendet seinen Kopf, um eine Erklärung

für die unbegreifliche Last zu suchen, da er doch nur ein leichtes

Knäblein auf seinen starken Nacken genommen hat; und der Blick begegnet

dem allerliebsten Kindergesicht, dessen Ausdruck durch das nach oben

weisende Händchen erläutert wird.

[Illustration: Abb. 56. +Bildnis eines Malteserritters.+ Im

Pradomuseum zu Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von J. Laurent & Cie. in Madrid.)]

[Illustration: Abb. 57. +Kaiser Karl V.+, gemalt im Jahre 1533. Im

Pradomuseum zu Madrid.]

Im Louvremuseum befindet sich ein Prachtbild, das alle anderen dortigen

Meisterwerke Tizians in Schatten stellt: „die Grablegung Christi“

(Abb. 39). Das Bild stammt aus dem herzoglichen Schlosse zu Mantua

und es gehört vermutlich mit zu den ersten Arbeiten, die Tizian für

Friedrich Gonzaga ausführte. Raffaels berühmte Darstellung desselben

Gegenstandes erscheint als ein kaltes Formenspiel im Vergleich mit

diesem Gemälde, das den tiefsten Empfindungen farbenglühenden Ausdruck

gibt. In hellem goldigen Sonnenschein wird der Tote aus dem schönen

Licht des Tages hinweg in das kalte Dunkel des Grabes gebracht. Von

der Landschaft sieht man nichts als die düstere Felsenwand, die

den Grufteingang enthält und die sich mit einigen mageren Bäumchen

traurig von der leuchtenden Luft abhebt. Zwei Männer tragen den auf

ein Leintuch gelegten heiligen Leichnam. Einen Augenblick hemmen sie

die Schritte, da einer von ihnen einen Stein am Wege benutzt, um sein

Knie aufzusetzen und das Leintuch an den Füßen besser zurechtzulegen.

Der Jünger Johannes, der die rechte Hand des Heilandes in der

seinigen haltend nebenhergeht, wendet sich in diesem Augenblick

schmerzdurchbebt nach Maria um, die gebeugt und mit wankenden Knieen,

von Magdalena gestützt, nachkommt. Die Komposition ist in ihrer

Einfachheit ergreifend, aber das, wodurch sie am stärksten auf das

Gemüt des Beschauers wirkt, ist die Farbe im Verein mit der bewegten

Helldunkelwirkung des Bildes. Der vordere Träger, der rückwärts gehend

das Haupt Christi durch Anlehnen an seinen rechten Arm aufrecht hält

und mit seitwärts gebeugtem Oberkörper Kopf und Brust des Toten vor den

Sonnenstrahlen schützt, ist in blaßrote orientalische Seide gekleidet;

der Stoff schillert in den Tiefen der Falten glühendrot, ein stumpfes

Grün im Futter des Rockes und die helle kalte Farbe des grünlichen,

blau gewürfelten Halstuchs wirken den roten Tönen entgegen. Der andere

Träger hat einen Rock von warmer dunkelgrüner Farbe. Und an dieses

Dunkelgrün schließt sich einerseits das tiefe Rot des Johannesgewandes,

und von der anderen Seite stoßen das Blau von Marias Mantel und die

hellen und dunklen Goldtöne von Magdalenas Kleid und Haar dagegen.

Nirgendwo stehen Farben bei einander, die durch gegenseitige Ergänzung

einen abgeschlossenen Zusammenklang bilden. Aber im Ton des Ganzen

verschmilzt alles zu einer wunderbaren Harmonie.

[Illustration: Abb. 58. +Der Kardinal Hippolyt Medici in ungarischer

Tracht.+

In der Pittigalerie zu Florenz.

(Nach einer Originalphotographie von Giacomo Brogi, Florenz.)]

[Illustration: Abb. 59. +St. Johannes Elemosynarius.+ Altargemälde

in der Kirche dieses Namens zu Venedig.]

Als eine kleine Nebenarbeit, die um diese Zeit entstanden sein könnte,

mag man das farbentiefe Marienbild mit Stifterbildnis betrachten, das

die Münchener Pinakothek besitzt (Abb. 40). Die Mutter Gottes sitzt im

Freien vor einer dunklen Wand, neben der man an dem laubumkleideten

Stamm eines Baumes vorbei in eine vom fernen Hochgebirge begrenzte

freundliche Hügellandschaft sieht. Ein schwarzgekleideter bärtiger

Herr -- eine uns unbekannte Persönlichkeit, die das Bild als Weihegabe

für eine Kirche gestiftet hat, -- kniet zu Füßen Marias und fleht

sie um Fürbitte bei ihrem göttlichen Sohn an. Die Jungfrau hat nur

einen ernsten Blick für den Beter; aber sie hebt das Kind empor und

überreicht es dem an ihrer Seite sich niederbeugenden Johannes dem

Täufer, den wir als den besonderen Schutzheiligen, vielleicht den

Namenspatron, des Stifters anzusehen haben; und der Blick, den das

Jesuskind dem Täufer zuwendet, scheint zu sagen, daß es um seinetwillen

dem Bittflehenden gnädig sein wolle.

Im Jahre 1525 erübrigte Tizian wohl nicht viel Zeit für kleinere

Bilder. Denn er setzte jetzt seine ganze Kraft an die Vollendung eines

großen Altargemäldes, das ihm schon lange bestellt worden war und für

das die aufgespannte Leinwand seit dem Herbste 1519 in seinem Atelier

stand. Auftraggeber war jener Jacopo Pesaro, Titularbischof von Paphos,

der sich von Tizian in dessen früher Jugend in einem Votivbilde hatte

malen lassen. Auch das jetzige Gemälde war ein Votivbild; es sollte

dem Danke des Stifters für den Schutz des Himmels, den er in jenem

Türkenkriege erfahren, Ausdruck geben und ihn im Verein mit anderen

Angehörigen seines Hauses in dauerndem Gebete vor den himmlischen

Beschützern zeigen. Aber während man sonst derartige Bilder in

bescheidenen Maßen zu halten pflegte, ließ Pesaro dem Gemälde eine

gewaltige Größe geben. Vielleicht geschah dies auf Zureden Tizians;

denn das Bild war für die nämliche Kirche bestimmt, in deren weitem

Raume das Riesenbild der „Assunta“ seine mächtige Wirkung ausübte. --

Von Entwürfen und Vorarbeiten, die Tizian der Ausführung seiner Gemälde

vorausgehen ließ, erfahren wir im allgemeinen nicht viel; es scheint,

daß er gewöhnlich ohne große Vorbereitungen ans Werk ging, und daß er

den etwa gemachten Skizzen und Studien zu wenig Wert beilegte, um sie

aufzubewahren.

[Illustration: Abb. 60. +Franz I., König von Frankreich.+

Im Louvremuseum zu Paris.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

Tizian · 第 4 / 12 段