[Illustration: Abb. 36. +Entwurf zur Madonna von S. Niccolò de’

Frari.+

Federzeichnung in der Uffiziengalerie zu Florenz.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

[Illustration: Abb. 37. +Die Madonna von S. Niccolò de’ Frari.+ In

der Pinakothek des Vatikans.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

Mit welcher Sorgfalt Tizian die Raum- und Beleuchtungsverhältnisse,

für die seine Bilder bestimmt waren, in Betracht zog, davon ist auch in

dem zwischen ihm, dem Herzog von Ferrara und dessen Geschäftsträger in

Venedig, Jacopo Tebaldo, geführten Briefwechsel ein Zeugnis erhalten.

Da erbittet sich Tizian, bevor er ein bestelltes Bild anfängt, ganz

genaue Angaben, an welche Stelle einer bestimmten Wand im herzoglichen

Arbeitszimmer dasselbe kommen soll.

Dieser Briefwechsel enthält auch sonst manches Bemerkenswerte. Wir

erfahren daraus, daß der Maler von dem Herzog ganz ausgearbeitete

Anweisungen über die zu malenden Gegenstände bekam, die unter Umständen

sogar von Zeichnungen begleitet waren.

Etwas in den Briefen des Herzogs immer Wiederkehrendes ist seine

Klage, daß Tizian ihn so lange warten lasse. Und Tizian gibt seinem

Drängen gegenüber neue Versprechungen zu den noch uneingelösten

alten. Das erklärt sich zum Teil daraus, daß Tizian zeitweilig mit

größeren Arbeiten beschäftigt war, um derentwillen er die Bilder

für den Herzog beiseite legte. Gleich auf die Vollendung des großen

Himmelfahrtsbildes, die in die Zeit jenes Briefwechsels fällt, scheint

die Ausführung einer Altartafel mit der lebensgroßen Darstellung von

Mariä Verkündigung für den Dom zu Treviso gefolgt zu sein. Dieses Bild

wurde aller Wahrscheinlichkeit nach im Jahre 1519 auf seinen Platz

gebracht, auf dem es sich noch befindet.

Eine alte Nachricht spricht auch von einem Freskogemälde, das Tizian an

einer Wand jenes Domes ausgeführt habe.

Beiläufig sei hier erwähnt, daß Tizian in Treviso als Sachverständiger

angerufen wurde, um einen Streit zwischen Pordenone -- der später in

Venedig als sein Nebenbuhler auftrat -- und dem Besteller eines von

diesem gemalten Freskobildes zu entscheiden. Tizian gab seine Erklärung

dahin ab, daß das Bild gut genug sei für den niedrigen Preis.

[Illustration: Abb. 38. +Die Heiligen Katharina, Nikolaus, Petrus,

Antonius, Franziskus und Sebastian+ (unterer Teil des Altargemäldes

für S. Niccolò de’ Frari). Holzzeichnung, geschnitten von Andrea

Andreani.]

Ein Hauptgrund der Verzögerungen, die den Herzog von Ferrara zur

Ungeduld reizten, war neben der Bevorzugung der Kirchenarbeiten die

Art und Weise, wie Tizian bei der Ausführung seiner Gemälde zu Werke

ging. Es war -- nach der Mitteilung eines seiner Schüler -- ganz

gegen seine Gewohnheit, ein Bild „~alla prima~“ zu malen; ein

Improvisator, pflegte er zu sagen, könne keine tadellosen Verse machen.

Nachdem er ein Bild angelegt hatte, stellte er es gegen die Wand, um

es längere Zeit gar nicht zu sehen. Wenn er es dann, manchmal erst

nach Monaten, wieder hervorholte, so unterzog er es einer scharfen

Kritik, er sah es an, „wie wenn er einem Todfeind gegenüberstände.“

Und fand er dann etwas, was ihm mißfiel, so nahm er die Figur „wie ein

wohlmeinender Chirurg“ in Behandlung. Wenn er nun nach fleißiger Arbeit

zufrieden war, so stellte er das Bild wieder beiseite und arbeitete

an etwas anderem, bis das erstere trocken war. Und so verfuhr er zu

mehrerenmalen mit dem Bilde, bis er durch die wiederholten Übermalungen

das höchste Maß der Vollendung erreichte.

[Illustration: Abb. 39. +Die Grablegung Christi.+ Im Louvre zu

Paris.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

Es versteht sich von selbst, daß Alfonso d’Este, nachdem er mit

Tizian in Verkehr getreten war, auch sein Bildnis von ihm malen ließ.

Das Porträt wurde so schön, daß Karl V. später den Wunsch, dasselbe

zu besitzen, aussprach. Der Herzog mußte dem Wunsch des Kaisers

willfahren, und so ist das Bild nach Spanien gekommen; es befindet

sich jetzt im Pradomuseum zu Madrid. Alfonso zeigt sich uns da als ein

schöner Mann von feurigem Temperament, bräunlich von Hautfarbe, mit

dunkelbraunem Haar und Bart. Er trägt eine veilchenblaue, mit Gold

verzierte Kleidung. Seine Linke ruht auf dem Degengriff und die Rechte

streichelt ein seidenhaariges, weiß und braun geflecktes Hündchen, das

auf einem neben dem Herrn stehenden Tisch Platz genommen hat (Abb.

24). -- Daß Tizian auch die Herzogin, die schöne und bei der Nachwelt

vielleicht mehr als bei den Zeitgenossen verschrieene Lucrezia Borgia,

gemalt hat, davon dürfte man überzeugt sein auch ohne die ausdrückliche

Nachricht, daß ein solches Porträt vorhanden gewesen sei. Aber dieses

Bild ist verschollen.

Seit 1517 weilte Ariosto, der kurz vorher seinen „Rasenden Roland“

vollendet hatte, am Hofe des Herzogs Alfonso. Daß der Dichter und

der Maler sich einer von dem anderen angezogen fühlten, ist leicht

begreiflich; die Überlieferung hat dieses Freundschaftsverhältnis mit

lebhaften Farben ausgeschmückt. Tizian hat den Ariosto vermutlich

mehrmals gemalt. Ein schönes Bildnis in der Nationalgalerie zu

London wird aller Wahrscheinlichkeit nach mit Recht mit dem Namen

Ariost bezeichnet. Es zeigt in sitzender Stellung einen schmächtigen

Mann -- Ariost war kränklich -- in gewählter Kleidung, mit feinem,

gedankenvollem Gesicht, das von lang herabwallendem Haar umgeben ist,

vor einem Hintergrund von Lorbeerzweigen (Abb. 28).

Lucrezia Borgia starb im Sommer 1519. Ein Mädchen von bürgerlicher

Herkunft, Laura Dianti, wurde ihre Nachfolgerin. Vasari erwähnt ein

staunenswürdiges Bildnis Lauras, das Tizian vor deren Erhebung zur

Gemahlin des Herzogs gemalt habe. Ein im Louvre befindliches Gemälde,

das eine junge Dame beim Ankleiden zeigt, führt jetzt die Bezeichnung

„Laura Dianti.“ Man erkennt nämlich in dem Kopfe eines diensteifrigen

Verehrers, der hinter der Schönen erscheint, eine Ähnlichkeit mit

dem Herzog Alfonso. Früher trug das Bild den Namen „Tizian und seine

Geliebte.“ Mit dem Meister selbst hat jener im Dunkel des Hintergrundes

verschwimmende Kopf allerdings gar keine Ähnlichkeit; aber auch die

Ähnlichkeit mit dem bekannten Bilde des Herzogs ist nur eine sehr

unbestimmte. Dagegen wird man durch Form und Haltung des weiblichen

Kopfes lebhaft an das allbekannte liebliche Mädchenbild in den Uffizien

erinnert, das mit dem Namen der Blumengöttin bezeichnet wird.

[Illustration: Abb. 40. +Madonna mit Johannes dem Täufer und dem

Stifter des Bildes.+

In der königl. Pinakothek zu München.

(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstängl in München.)]

Diese „Flora“ gehört zu denjenigen Werken Tizians, die eine gewisse

Ähnlichkeit mit den von Palma Vecchio geschaffenen Gestalten zeigen.

Und man glaubt, in ihr das Bildnis von Violante, einer der schönen

Töchter Palmas, zu erkennen, von der die Sage erzählt, daß Tizian sie

geliebt habe. Eine jugendliche Erscheinung von vollen runden Formen,

nur leicht verhüllt durch ein feines, dünnfaltiges weißes Gewand,

tritt sie in halber Figur aus einem lichtgrauen Hintergrund hervor.

Prachtvolles Haar von jener rötlichschimmernden Goldfarbe, die die

Venezianerinnen jener Zeit durch künstliche Mittel hervorzubringen

wußten und die wir bei fast allen weiblichen Figuren Tizians finden,

umrahmt die feinen Linien vom Gesicht und Hals; am Scheitel sorgfältig

geordnet, wallt es mit seinen weichen losen Enden auf Schultern und

Brust herab. Die linke Hand hält ein umgeworfenes Obergewand von

blaßviolettem Damast, und die leicht vorgestreckte Rechte bietet weiße

Rosen und Veilchen dar. Der Kopf wendet und neigt sich nach der rechten

Schulter hin; ein Ausdruck ruhiger, wohlwollender Freundlichkeit

begleitet den Blick der sanften, unschuldigen Augen, die an einer

seitwärts außerhalb des Bildes befindlichen Person zu haften scheinen

(Abb. 29).

[Illustration: Abb. 41. +Skizze zur Madonna des Hauses Pesaro.+

Rötelzeichnung in der Albertina zu Wien.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

Die sogenannte Laura Dianti ist gegenüber der „Flora“ eine gereiftere

Schönheit. Die Formen ihres Gesichts haben nicht mehr jene zarte

schwellende Rundlichkeit, und die Körperformen sind stärker; der

Ausdruck hat nicht jenes Süße, Unbewußte, aber eine darum nicht weniger

reine anmutige Mädchenhaftigkeit. In Bezug auf den künstlerischen

Gedanken ist das sehr schöne Bild grundverschieden von der „Flora:“

während diese ganz wie mit Licht gemalt erscheint, entfaltet hier

eine prächtige Helldunkelwirkung ihre Reize. Die junge Dame steht im

Licht eines kleinen Fensters. Das Licht fällt ihr gerade ins Gesicht

und spiegelt sich in den schwarzen Augen; es trifft den Rücken

der erhobenen rechten Hand und zaubert Goldfunken hervor auf dem

zusammengenommenen Teil des Haares, den diese Hand zu ordnen sich

anschickt; und indem es vom Kinn und von der hervorgezogenen Haarmasse

aus scharf ansetzende und zart verlaufende Schatten auf Hals und

Schulter wirft, gleitet es weich über die Rundung der Büste und über

das feine Hemd, das die Brust bedeckt. Der rechte Unterarm bekommt nur

noch halbes Licht, und der weite Bauschärmel des Hemdes hängt in den

Schatten herab. Weiterhin wird die Helligkeit durch die dunkle Farbe

der Kleidungsstücke scharf abgeschnitten: an ein grünes Mieder schließt

sich ein gefältelter Rock, dem eine schwarze Schürze vorgesteckt ist;

das Ende der Schürze ist über den linken Arm genommen. Die linke Hand

befindet sich fast ganz im Schatten; sie hält auf dem Toilettentisch,

von dem man nur einen schmalen Streifen sieht, das Töpfchen mit der

Haarsalbe. Oben vermitteln die durchsichtigen Schatten des Fleisches

und das Goldhaar mit zauberhaftem Reiz zwischen dem blühenden Licht

und dem Dunkel des Hintergrundes, in dem ein unbestimmter brauner

Dämmerton und das tiefe Rot der Kleidung des Mannes prachtvoll

zusammenklingen. Der gefällige Kavalier hält im Rücken seiner Schönen

einen großen Rundspiegel aufrecht, in dem sich jenseits ihres Kopfes

das kleine Fenster spiegelt. Mit der anderen Hand, deren feine,

wohlgepflegte Finger vom Licht getroffen werden, hält er ihr einen

kleinen viereckigen Spiegel vor. In diesen Spiegel blickt die Dame mit

aufmerksamer Prüfung des aus dem anderen Glase zurückgeworfenen Bildes

der Rückseite ihres erst zur Hälfte geordneten Haares (Abb. 31).

Man kann nicht behaupten, daß die sogenannte Laura Dianti in

überzeugender Weise den Eindruck eines Bildnisses mache. Wenn sie eins

ist, so hat Tizian dabei ebenso wie bei der Flora -- die ja ihrer

ganzen Auffassung nach nicht als Porträt gelten will -- die Züge

der Dame, die ihm saß, seinem allgemeinen Schönheitsideal angepaßt.

Ähnliche Köpfe begegnen uns sehr häufig unter Tizians weiblichen

Idealfiguren. Fast in derselben Ansicht und Beleuchtung wie jene

beiden, aber die dunklen Augen dem Beschauer zuwendend, erscheint

ein solches Gesicht in einem allegorischen Gemälde der Münchener

Pinakothek, das leider durch ungeschicktes Reinigen seine feineren

Reize verloren hat. Da hält das schöne junge Weib mit der Rechten

eine eben erloschene Kerze und einen Spiegel, in dem man hinter einem

Tisch, den ein Geldsack, Haufen losen Goldes und Silbers und ein

Rosenkranz bedecken, eine häßliche Alte am Spinnrocken sitzen sieht.

Ein ernster, fast harter Blick aus den schönen Augen begleitet die aus

dem Spiegel sprechende Mahnung, daß keine Macht, nicht Reichtum und --

hier hat offenbar ein Horazischer Vers den Maler geleitet -- auch nicht

Frömmigkeit das Kommen des Alters aufzuhalten vermag (Abb. 30).

Die Unzufriedenheit des Herzogs Alfonso über Tizians vermeintlichen

Mangel an Eifer seinen Bestellungen gegenüber erreichte ihren höchsten

Grad im September 1519. Er beauftragte Tebaldi, den Maler von seinem

ernsten Unwillen und der Absicht, diesen Unwillen empfindlich fühlbar

zu machen, in Kenntnis zu setzen und die Anwendung von Zwangsmaßregeln

anzudrohen. Tizian ließ sich durch diesen Zornesausbruch nicht

beunruhigen, sondern antwortete einfach, wenn das Bild, um das es sich

eben handelte, so weit wäre, würde er es nach Ferrara bringen, wo es

an seinem Bestimmungsplatze die letzte Vollendung bekommen sollte.

Gegen Ende Oktober erfreute er den Herzog durch die Überreichung eines

herrlichen Meisterwerkes. Es war die Darstellung eines Bacchusfestes,

bestimmt, im Verein mit einem Gegenstück, das der Venus gewidmet war,

die Hauptwand in des Herzogs Arbeitszimmer zu schmücken. -- Sowohl das

„Bacchanal“ wie das „Venusopfer“ sind nachmals in den Besitz König

Philipps IV. von Spanien gelangt und befinden sich jetzt im Pradomuseum.

Der Vorwurf zu dem „Venusopfer“ ist dem griechischen Schriftsteller

Flavius Philostratus entnommen, der in der ersten Hälfte des III.

Jahrhunderts n. Chr. unter dem Titel „Bilder“ die erläuternde

Beschreibung einer neapolitanischen Gemäldesammlung veröffentlichte.

Da wird unter der Überschrift „Liebesgötter“ in reizvoller Weise

geschildert, wie auf dem Rasengrund eines Gartens und in den Zweigen

der Apfelbäume die Liebesgötter sich tummeln, eine Schar, „deren Zahl

so groß ist, wie die Vielheit der Wünsche des Menschengeschlechtes.“

Ihr Kinderspiel deutet die Mannigfaltigkeit des Wesens der Liebe

an. Am Bach, der die Wurzeln der Bäume benetzt, steht das Bild der

Venus, der Herrin der Nymphen, die sie zu Müttern der Liebesgötter

macht. Das Bild ist mit den Opfergaben der Nymphen behängt, einem

silbernen Spiegel und anderen Gegenständen, die durch die Inschrift

als Weihgeschenk bezeichnet sind. -- Tizian hat sich sehr genau an

diese Schilderung gehalten. Nur hat er die opfernden Nymphen mit in

die Darstellung gezogen: am Fuße des Marmorstandbildes der Venus

zeigen sich zwei jugendliche weibliche Gestalten, von denen die eine,

eilig, die Gunst der Liebesgöttin zu erlangen, einen Spiegel auf das

Postament hinaufreicht, während die andere still lächelnd auf ein

Inschrifttäfelchen mit dem Worte „~munus~“ (Weihegeschenk) zeigt,

um damit zu sagen, daß sie schon geopfert hat. Aber die Darbringung

des Opfers, nach der das Bild benannt zu werden pflegt, ist räumlich

und gegenständlich nur Nebensache. Das Wesentliche ist das niedliche

geflügelte Kindervolk, das in wirklich unzählbarer Schar den Garten

füllt. Was Philostratus von dem Treiben der Liebesgötter erzählt, hat

Tizian Gruppe für Gruppe getreulich verbildlicht; aber wie zwanglos

wirbelt das durcheinander! Auch den Schlußsatz hat er nicht vergessen,

daß die Kleinen der Göttin Äpfel darbringen, um sie zu bitten, sie möge

den Garten immer so lieblich erhalten. Etwas Lieblicheres, als wie

Tizian diesen Garten gemalt hat, kann man sich nicht denken. Es ist

ein unbeschreiblicher, sonniger Kinderzauber. Wie entzückend heiter

ist das Ganze gestimmt! Die Luft ist licht und die Bäume prangen in

saftig weichem Grün. Nur wenig Dunkelheiten sind vorhanden, und nur

wenige starke Farben: die Kleider der beiden Nymphen zeigen Blau und

Karminrot, in das rosig-goldige Gewoge der Kleinen tragen viele blaue

Flügelchen wie in flatterndem Spiel die Gegensatzfarbe hinein (Abb. 32).

[Illustration: Abb. 42. +Die Madonna des Hauses Pesaro.+

Altargemälde in der Kirche S. Maria de’ Frari zu Venedig.]

[Illustration: Abb. 43. +Bildnis eines Unbekannten.+ In der

königl. Pinakothek zu München.

(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstängl in München.)]

[Illustration: Abb. 44. +Entwurf zu dem Bilde: „Die Ermordung

des heiligen Petrus Martyr“+ (von der Ausführung verschieden).

Tuschzeichnung in der Albertina zu Wien.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

[Illustration: Abb. 45. +Skizze zu dem Bilde: „Die Ermordung des

heiligen Petrus Martyr“+ (von der Ausführung verschieden).

Tuschzeichnung in der Uffiziengalerie zu Florenz.

(Nach einer Originalphot. von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E.,

Paris und New York.)]

Hier, wo Mädchen die Göttin anflehen, sie mit einem Liebesgott zu

beschenken, und die Flügelknaben noch ihre Waffen nur im Spiel

gegeneinander gebrauchen, hier mutet der Gesamteindruck des Bildes uns

an wie ein wonniger südlicher Frühlingstag. In dem Gegenstück aber, dem

„Bacchanal“, lebt die tiefer glühende Stimmung des Hochsommers. Süßes,

heißes Genießen wird hier geschildert. Bacchantinnen schwärmen mit

ihren Genossen in Wein, Gesang und Tanz. Die Luft ist tief dunkelblau;

blendend weiß leuchtet das Gewölk an diesem Gluthimmel und in noch

tieferem Blau liegt unter ihm das Meer. Das Grün der Bäume ist dunkel

und bräunlich. Ein scharfer Sonnenblick fällt auf den mit weichem

Rasen bedeckten Hügel, wo die Schar ihr Wesen treibt, und überzieht

einzelne Gestalten mit leuchtender Helligkeit, während die Mehrzahl

der dunkelbraunen Männer, die den goldigweißen Mädchen Gesellschaft

leisten, vom tiefen Schatten der Bäume umhüllt ist. Ein paar bunte

Farben von Gewändern klingen kräftig hinein: Rot und Blau stehen einmal

ganz hell, einmal dunkel nebeneinander. Im Vordergrund fesselt die

wunderschöne Gestalt eines jungen Mädchens den Blick, das, auf den

Rasen und das abgestreifte weiße Gewand gebettet, in Schlaf gesunken

ist; dieser Körper ist wie aus Licht geschaffen und dennoch Fleisch und

Blut und Haut. Die Figur eines kleinen Knaben, der sich sehr zwanglos

benimmt, bildet den Übergang von dieser großen Haupthelligkeit zu einer

zweiten Lichtgestalt, einer Mänade, die mit wehendem Gewande sich im

Reigen schwingt. Von ihren Mittänzern balanciert einer voller Übermut

eine gefüllte Krystallkanne, während ein anderer in dem Augenblick,

wo im Wechsel des Reigens seine Hände frei werden, mutwillig aus

dem Kreise heraus zu den Trinkenden hinspringt. In der Mitte des

Vordergrundes lagern zwei Mädchen, die heiter miteinander plaudern,

und zu den Füßen der einen von ihnen ruht ein Jüngling, der behaglich

dem Tanze zuschaut. Über Köpfe, Schultern und Arme der beiden Mädchen

spielen volles Licht und durchsichtiger Schatten, daß sie im Einschluß

des Weißzeugs und des vollen Rot und Blau ihrer Kleider wie prächtige

Blumen aus dem dunklen Grunde hervortreten. Der Kopf der einen, die mit

ausgestrecktem Arm ihre Trinkschale zum Füllen zurückreicht, ist einer

der fesselndsten Punkte im Bilde; es ist wieder jener Lieblingskopf

Tizians, diesmal durch sonnigen Frohsinn bezaubernd; auch hier spricht

die Überlieferung von einem Bildnis der Geliebten des Künstlers, und

in der That scheint das große Veilchen an ihrer Brust eine Anspielung

auf dem Namen Violante zu enthalten. Hinter der Gruppe sind zwei

Schenken beschäftigt, die Trinkgeschirre zu füllen. Zwei andere Männer

lehnen am Stamm eines Baumes; sie scheinen das Trinklied zu singen,

dessen Kehrreim in Text und Noten auf einem vor jener Schönen am Boden

liegenden Zettel zu lesen ist:

„~Chi boit et ne reboit ne çais qua boir soit~“

(Wer trinkt und nicht wiedertrinkt, weiß nicht, wozu der Becher blinkt).

[Illustration: Abb. 46. +Skizzen zu dem Bilde: „Die Ermordung

des heiligen Petrus Martyr.“+ Auf dem Blatt mit den Skizzen der

herabschwebenden Englein der für die Ausführung maßgebend gebliebene

Entwurf der drei Hauptfiguren. Im Museum zu Lille.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

Ganz links sieht man einen bärtigen Mann, der eine mächtige Amphora

auf der Schulter herbeiträgt, und einen jüngeren, der ein großes Gefäß

zu langem Zuge hebt. Seitwärts von der geschlossenen Baumgruppe, deren

undurchdringliches Blätterdickicht den Zechenden Schatten spendet,

durchschneidet ein schlankes Bäumchen die Fläche der Luft, und in

seinen Zweigen wiegt sich oben vor dem dunkelsten Himmelsblau eine

Pfauhenne, ungescheucht von dem Lärm des Gelages. Ganz in der Ferne

sieht man am Horizont ein Segel, und man mag darum, wenn man will, in

der Schläferin des Vordergrundes die von Theseus verlassene Ariadne

erkennen, der die Gabe des Bacchus Vergessen ihres Jammers gebracht

hat. Aber der Gott selbst ist nicht zu sehen; auf seine Nähe deutet

nur die Gestalt des alten Silen, der in einiger Entfernung unter dem

Gesträuch eines Hügels bei seinem Weinkrug eingeschlafen ist. Fast hat

es auch den Anschein, als ob dem Bacchus hier eine mächtigere Gottheit

den Rang streitig mache. Denn wie eifrig ihm auch gehuldigt wird, so

sind doch unverkennbar die schönen Frauen die Herren der Situation. Das

ganze augenberauschende Bild ist Luft, Wärme, Sonnenschein (Abb. 33).

Beide Gemälde gehören zu Tizians glücklichsten Schöpfungen.

Nebeneinander betrachtet, sind diese so schön zusammenpassenden

Gegenstücke in ihrer Stimmungsverschiedenheit ein wunderbares Zeugnis

von der Feinheit der malerischen Empfindung Tizians.

Aus dem Anfang des Jahres 1520 erfahren wir, daß Tizian dem Herzog

in seinen Bemühungen, die Fayencefabrikation in Ferrara einzuführen,

thatkräftig unterstützte; daß er Zeichnungen zu Gefäßen entwarf, mit

Tebaldi die Werkstätten in Murano besuchte, wo die nach seinem Entwurf

geformten Gegenstände gebrannt wurden, und einen kundigen Mann nach

Ferrara schickte, um dort eigene Majolikawerkstätten einzurichten.

Beiläufig erfahren wir aus den Berichten über diese Angelegenheit die

bemerkenswerte Thatsache, daß Tizians Bilder im Schlosse zu Ferrara

vergoldete Rahmen bekamen. Später waren Philipp IV. und Velazquez der

Ansicht, daß schwarze Rahmen ihre Farbenpracht am besten kleideten.

Auf neue Bilder, die Tizian ihm versprochen hatte, wartete Herzog

Alfons im Jahre 1520 wieder vergeblich. Tizian vollendete in diesem

Jahre auf Bestellung eines in Ragusa ansässigen Venezianers ein

Altargemälde für die St. Franciscuskirche in Ancona, mit einer

Darstellung der zwischen Engeln in den Wolken thronenden Mutter Gottes

und des unten knieenden Stifters, dem der heilige Franciscus und der

heilige Blasius zur Seite stehen. Jetzt befindet sich das Bild in der

St. Dominicuskirche zu Ancona.

Außerdem arbeitete Tizian damals an einem dreiteiligen Altarwerk, das

der päpstliche Legat in Brescia für eine dortige Kirche bestellt hatte.

Der Herzog machte, voller Verdruß darüber, daß Tizian die Aufträge

von geistlicher Seite immer den seinigen vorzog, den Versuch, eine im

Herbst 1520 fertig gewordene Tafel dieses Altarwerkes, einen heiligen

Sebastian, für sich in Besitz zu nehmen und Tizian eine Wiederholung

derselben für den Besteller malen zu lassen; aber er schrak im letzten

Augenblick vor einer solchen Kränkung des päpstlichen Würdenträgers

zurück. -- Auch im Jahre 1521 erübrigte Tizian, der außer jenen noch

mehrere andere Kirchenbilder zu malen übernommen hatte, keine Zeit für

den Herzog. Selbst die Lockung des letzteren, er wolle ihn mit nach

Rom nehmen, wenn er sich dorthin begebe, um dem Nachfolger Leos X. zu

huldigen, blieb ohne Erfolg.

Tizian · 第 3 / 12 段