Noch bewunderungswürdiger sind die drei Fresken in der Scuola del

Santo, die Tizian in der Zeit vom 24. September bis 2. Dezember 1511

ausführte. Eingedrungene Feuchtigkeit und wiederholte Nachbesserungen

haben auch diesen Gemälden übel mitgespielt; aber dennoch kommt

die Arbeit des großen Malers in ihnen noch mächtig zur Geltung.

Unwillkürlich drängt sich einem hier in Padua, wo von Giotto und dessen

trefflichen Nachfolgern so herrliche Freskomalereien zu sehen sind, der

Vergleich mit diesen alten Meistern auf. Dasjenige, was bei Tizian als

etwas Neues und von jenen völlig Verschiedenes zunächst und am meisten

in die Augen fällt, ist die durchaus andersartige Farbenhaltung,

welche aus dem Gefühl für das Landschaftliche hervorgeht. Bei jenen

kamen landschaftliche Gegenstände, wie Bäume oder Felsen, nur als

Andeutungen einer Örtlichkeit zur Darstellung; die Luft war ihnen ein

dunkelblauer Hintergrund, vortrefflich geeignet zur Hervorhebung der

weißen Baulichkeiten, die sie mit Vorliebe als nächsten Hintergrund

der Figuren anbrachten. Für Tizian aber, den im Anblick der See groß

gewordenen Sohn des Hochgebirges, hatte die Luft eine ganz andere

Bedeutung als für die Kinder festländischer Marmorstädte; sie war ihm

eine lichterfüllte, lichtspendende Weite, und unter ihr vertiefte sich

die Landschaft ins Ferne hinein in zusammenhängender Mannigfaltigkeit

der Formen und Töne. Tizian ließ sich auch als Freskomaler ganz von

malerischer Empfindungsweise leiten; die Körperhaftigkeit der Wirkung,

durch welche die Giottoschüler ihre Zeitgenossen verblüfft hatten,

und die nach ihnen durch Mantegna aufs feinste durchgebildet worden

war, war für ihn etwas an und für sich Nebensächliches; sie war ihm

nur das selbstverständliche Ergebnis der natürlichen Lichtwirkung.

-- Die Fresken in der Scuola del Santo hatten Wunderthaten des

heiligen Antonius von Padua zu schildern, des berühmtesten Angehörigen

der Stadt, der dort schlechtweg „der Heilige“ (il Santo) hieß und

heißt. „Der heilige Antonius läßt ein unmündiges Kind zum Beweis der

Unschuld seiner verleumdeten Mutter reden“ ist der Gegenstand des

ersten Gemäldes. In der Mitte des Bildes steht der Heilige in seiner

graubraunen Kutte, ruhig, sanft und überzeugungsvoll; neben ihm kniet

ein Ordensbruder und hält in tiefer Erregung das kleine Kind empor,

das mit dem lebendigsten Ausdruck des Sprechens Kopf und Händchen

gegen seinen Vater, den Ankläger der Mutter, vorstreckt. Dieser, ein

vornehmer Herr in reicher Kleidung, starrt mit einer unwillkürlichen

Bewegung des Zurückweichens das Kind an; in seinem Gesicht vollzieht

sich der Übergang vom Zweifel zur Beschämung. Seine Gattin, ebenfalls

sehr vornehm gekleidet, vernimmt in würdevollem Tugendbewußtsein

die wunderbare Offenbarung der Ungerechtigkeit des gegen sie

ausgesprochenen Verdachtes. Rechts und links stehen bunte Zuschauer,

die von dem Wunder jeder in seiner Weise ergriffen werden. Den

Hintergrund bildet einerseits die dunkle Wand eines Gebäudes, vor der

ein antikes Marmorstandbild steht, andererseits eine grüne Landschaft

mit reizvoll gezeichneten Bäumchen vor heller Luft (Abb. 19). --

Unterhalb dieses prächtig wirkenden Bildes hat Tizian ein Stückchen

Wand neben der Thüre, das von der Holztäfelung, die bis zur Fußlinie

der Gemälde die Wände des Saales bekleidet, unbedeckt geblieben ist,

in allerliebster Weise ausgefüllt durch ein paar nackte Engelkinder,

die an den Seiten einer kleinen weißen Steinfigur des Heiligen

stehen. -- Das zweite Gemälde Tizians: „Der Heilige heilt einen

Jüngling, der sich den Fuß, mit dem er nach seiner Mutter getreten,

abgeschnitten hat,“ schildert einen Vorgang auf dem Lande. Das Bild

hat eine ländliche Stimmung. Man sieht unter einem von Wolkenstreifen

durchzogenen Abendhimmel weithin über eine reizende Landschaft, die das

Meer in Bogenlinien säumt; auf einer leichten Bodenerhöhung liegt ein

Städtchen, vor dessen Thoren Schafe weiden, unweit des Ortes, wo das

Ereignis eine dichte Menschengruppe zusammengeführt hat. Wie prächtig

sind die Bauersfrauen geschildert! die Mutter, die, von einer anderen

Frau unterstützt, den wie leblos am Boden liegenden schwerverwundeten

Sohn hält und mit wilder Angst und mit Hoffnung zugleich die Blicke

auf den Heiligen heftet; und ein starkknochiges junges Weib, das den

Umstehenden lebhaft und wortreich erzählt, wie das alles so gekommen

ist. Und wie vornehm im Gegensatz zu diesen Persönlichkeiten der

Heilige! Er tritt dicht an Mutter und Sohn heran, und indem er sich

vorwärts neigt, zieht er seine Kutte leicht herauf, um deren Saum nicht

in der großen Blutlache am Boden zu besudeln; er streckt die Rechte

vertrauengebietend aus, und unter dem Segensspruch seines Gebetes

schließt sich die Wunde in dem Bein des Burschen. Als Begleiter des

Heiligen sieht man außer einem jungen Mönch einen fürstlichen Herrn,

der einen Bewaffneten und einen Schildträger bei sich hat (Abb. 20).

-- Das dritte Bild ist kleiner als die beiden anderen; es ist am

stärksten beschädigt, bringt aber doch seine großartige Farbenstimmung

noch mächtig zur Geltung. „Der Heilige ruft eine von ihrem Manne aus

Eifersucht ermordete Frau ins Leben zurück.“ Mit diesem gegebenen

Gegenstande hat der Maler sich in der Weise abgefunden, daß er, anstatt

in allzu beschränktem Raum eine Komposition aufzubauen, die inhaltlich

eine große Ähnlichkeit mit derjenigen des vorigen Bildes gehabt haben

würde, die Missethat darstellt, deren Folgen der Heilige nachher wieder

gut zu machen hat. Der Ort der Handlung ist eine öde Landschaft, ein

wüster Platz hinter einem steilen Lehmhügel, wie zu einem Verbrechen

geschaffen. Der Eifersüchtige, ein vornehmer Herr, in weißem, mit roten

Sammetstreifen ausgeputztem Rock, schwarzhaarig, die schwarzen Augen

von rasender Leidenschaft glühend, hat die Frau an ihren blonden Haaren

zu Boden gerissen. Verzweifelt sträubt sie sich und windet sich, daß

die Falten ihres gelbseidenen Rockes sich weithin am Boden ausbreiten

und die dunkelfarbigen Strümpfe sichtbar werden. Schon blutet sie aus

einer Wunde an der nur vom Hemde bedeckten Brust, und der Mörder

holt mit fürchterlicher Wildheit zu einem zweiten Dolchstoß aus. Am

Himmel jagen die Wolken, der Wind peitscht die Zweige der kümmerlichen

Bäumchen, die auf dem Hügel stehen. Nur im Hintergrunde, in einem

kleinen Durchblick neben dem Hügel, wird der aufgeregten Stimmung des

Bildes gegenüber die Beruhigung angedeutet. Da wird auf das Eingreifen

des Heiligen hingewiesen in einer Nebendarstellung, die, nach der bei

Tizian zwar seltenen, jener Zeit im allgemeinen aber noch geläufigen

Art bildlicher Erzählung, das zeitlich Abliegende in räumlicher

Entfernung zur Anschauung bringt: der Heilige wandert mit zwei

Begleitern durch die Ebene, in der das Landhaus des Ehepaares liegt,

und ihm wirft sich der nach geschehenem Verbrechen von Reue gejagte

Missethäter hilfeflehend zu Füßen (Abb. 21).

Von einer Freskomalerei, die Tizian an der Straßenseite des Palastes

Cornaro in Padua, ebenfalls mit Beihilfe des Campagnola, ausführte, hat

sich nichts erhalten.

Von Padua begab sich Tizian nach Vicenza und malte hier in der

Gerichtslaube am Rathaus ein Freskobild: „Das Urteil Salomons.“ Dieses

Gemälde hat nur wenige Jahrzehnte bestanden; es ist einem um die Mitte

des Jahrhunderts ausgeführten Umbau zum Opfer gefallen.

[Illustration: Abb. 21. +Der heilige Antonius gibt einer von ihrem

Manne ermordeten Frau das Leben wieder.+

Freskogemälde in der Scuola del Santo zu Padua.

(Nach einer Originalphotographie von Gebr. Alinari, Florenz.)]

[Illustration: Abb. 22. +Der heilige Markus mit den Heiligen Kosmas

und Damian, Rochus und Sebastian.+

Altargemälde in S. Maria della Salute zu Venedig.

(Nach einer Originalphotographie von Gebr. Alinari, Florenz.)]

[Illustration: Abb. 23. „+Rühre mich nicht an!+“ In der

Nationalgalerie zu London.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

Wahrscheinlich bald nach seiner Rückkehr nach Venedig, die im Frühjahr

1512 erfolgt sein wird, wurde Tizian mit der Anfertigung eines

Gemäldes für die Kirche Santo Spirito in Isola beauftragt, in dem

der Schutzheilige der Markusrepublik verherrlicht werden sollte. Man

vermutet, daß die in diesem Jahre zustande gekommene Beendigung der

Feindseligkeiten mit Kaiser Maximilian, die im Herbst 1511 auch Tizians

Heimat wieder in Mitleidenschaft gezogen hatten, die Bestellung dieses

Bildes mitveranlaßte. Auch dem Dank für das Erlöschen der Pest, die

ein Jahr vorher in Venedig gewütet hatte, sollte in dem Gemälde

Ausdruck gegeben werden. Darum wurden dem heiligen Markus der heilige

Kriegsmann Sebastian und der Schutzpatron der Pestkranken, der heilige

Rochus, zugesellt. Weiterhin kamen, unbekannt aus welchem Grunde, die

Heiligen Kosmas und Damian auf das Bild. -- Tizian löste auch die

Aufgabe, ein Altargemälde aufzubauen, vom malerischen Gesichtspunkte

aus, mit Verschmähung der strengen architektonischen Gebundenheit, die

bis dahin für Altarwerke als künstlerisches Gesetz galt. Im Malerischen

liegt die Großartigkeit der Wirkung dieses prächtigen Gemäldes, das

sich jetzt nicht mehr an seinem ursprünglichen Aufstellungsorte,

sondern in der Vorsakristei von S. Maria della Salute befindet. Der

heilige Markus thront wie ein Herrscher über den anderen Heiligen. In

einer etwas gewaltsam majestätischen Haltung sitzt er auf einem engen

Postament, die Linke herabhängend, die Rechte mit ausgestrecktem Arm

auf sein auf das Knie aufgestelltes Evangelienbuch gelegt. Seine rote

Tunika und sein blauer Mantel stehen kräftig beleuchtet vor der blauen,

weißwolkigen Luft; auf seinen Kopf, die linke Schulter und den linken

Arm aber fällt tiefer Schatten. Zur Linken des Evangelisten erhebt sich

ein ebenfalls im Schatten liegender Mauerpfeiler. Vor diesem stehen der

heilige Rochus und weiter vorn, wieder im hellsten Licht, der heilige

Sebastian; der letztere eine prächtige Jünglingsgestalt mit dunkler

Lockenfülle um das schöne Haupt, als Märtyrer gefesselt und entkleidet,

mit weißem Schurz, dessen Ende als starke Lichtmasse bis auf den Boden

herabwallt. Der Boden ist Marmortäfelwerk. Rechts von Markus stehen

vor den Stufen des Thronpostamentes Kosmas und Damian im Gespräch

miteinander, in große Gewänder gehüllte Prachtgestalten, deren Köpfe

sich dunkel von der Luft abheben (Abb. 22).

[Illustration: Abb. 24. +Alfons von Este, Herzog von Ferrara.+ Im

Pradomuseum zu Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von J. Laurent & Cie., Madrid.)]

[Illustration: Abb. 25. +Die drei Lebensalter.+ Nach einer alten

Kopie des bei Lord Ellesmere in London befindlichen Originals. In der

Galerie Doria zu Rom.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

[Illustration: Abb. 26. +Mariä Himmelfahrt.+ Altargemälde,

vollendet im Jahre 1518.

In der Akademie zu Venedig.]

[Illustration: Abb. 27. +Kopf der Maria aus dem Himmelfahrtsbilde in

der Akademie zu Venedig.+

(Nach einer Originalphotographie von Gebr. Alinari, Florenz.)]

Als im März 1513 Leo X. den päpstlichen Thron bestieg, erhielt Tizian

alsbald von Rom aus eine Aufforderung, in die Dienste des Papstes

zu treten. Aber er zog es vor, seine Kraft Venedig zu widmen. Er

richtete am 31. März ein Gesuch an den Rat der Zehn, worin er,

unter Hinweisung auf den ruhmverheißenden Vorschlag des Papstes, um

Beschäftigung im venezianischen Staatsdienst bat. Insbesondere sprach

er den Wunsch aus, in der Halle des Großen Rats im Dogenpalast, an

deren Ausschmückung mit Gemälden schon seit geraumer Zeit gearbeitet

wurde, ein Schlachtengemälde ausführen zu dürfen, an das sich bisher

wegen der Schwierigkeit der Aufgabe noch niemand gewagt hatte. Er

habe die Malerei nicht sowohl aus Gewinnsucht, als aus dem

Verlangen, einigen Ruhm zu erwerben, erlernt, erklärte Tizian; so

sei er auch bereit, sich mit jedem Lohn, den man für seiner Arbeit

entsprechend halten würde, zu begnügen. Doch bat er zugleich, um der

Sicherstellung eines besseren Einkommens willen, um Gewährung derselben

Vergünstigungen, die Giovan Bellini genoß. Das war die Stellung von

zwei Gehilfen und Lieferung der Farben und sonstigen Erfordernisse

auf Staatskosten und außerdem die Verleihung eines Amtes, das um

seiner Einträglichkeit willen vielbegehrt war: des Amtes eines Maklers

am Fondaco de’ Tedeschi. Die Deutschen in Venedig und die anderen

Ausländer, denen mit ihnen das Recht, im Fondaco zu wohnen und Waren

niederzulegen, eingeräumt war, durften weder kaufen noch verkaufen

ohne die Vermittelung eines staatlichen Maklers (~sansere~

= ~sensale~). Die Zahl dieser Beamten betrug dreißig; und

ausnahmsweise wurde es begünstigten Personen gestattet, die Einkünfte

dieses Amtes zu beziehen, ohne die Obliegenheiten desselben auszuüben.

Tizian bewarb sich in seinem Gesuch um die Verleihung der nächsten frei

werdenden Stelle eines Sansere auf Lebenszeit.

Der Rat genehmigte, offenbar von der Befürchtung, einen solchen

Künstler durch die Übersiedelung nach Rom der Heimat entzogen zu

sehen, getrieben, Tizians Gesuch in allen Punkten und räumte ihm eine

Werkstatt in einem dem Staate gehörigen Hause ein.

[Illustration: Abb. 28. +Ariosto.+ In der Nationalgalerie zu

London.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

[Illustration: Abb. 29. „+Flora.+“ In der Gemäldegalerie des

Uffizienpalastes zu Florenz.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

Tizian war hierdurch von Staats wegen als ebenbürtig mit dem alten

Bellini anerkannt worden, der seit Jahren damit betraut war, die

Ausführung derjenigen Bilder in der Ratshalle, die er nicht selbst

malte, wenigstens zu beaufsichtigen. Bellini aber war trotz seiner

87 Jahre nicht gewillt, sich einen Künstler als gleichberechtigt

zur Seite stellen zu lassen. Es begann ein geheimer Kampf zwischen

dem alten und dem jungen Meister, der sich in den Ratsbeschlüssen

wiederspiegelt. Schon im Frühjahr 1514, als Tizian nach der Vollendung

der Vorarbeiten eben mit der Ausführung des großen Gemäldes begonnen

hatte, wurde ihm die Anwartschaft auf die nächste Maklerstelle und

die Besoldung der Gehilfen entzogen; im Herbst desselben Jahres aber

kam es wieder zu einer Verständigung. Im folgenden Jahre wurden die

Kosten, welche die Ausschmückung der Ratshalle verursachte, geprüft

und dabei festgestellt, daß das ganze bisher befolgte Verfahren ein

verschwenderisches gewesen sei; daraufhin wurde ein neues Verfahren,

wonach mit dem besten Maler über den Preis eines jeden einzelnen

Gemäldes besonders verhandelt werden sollte, beschlossen. Tizian machte

hiernach neue Vorschläge, und diese wurden gebilligt. Am 30. November

1516 starb Giovan Bellini, und Tizian rückte nun in die hierdurch

frei gewordene Maklerstelle mit Übergehung aller vor ihm angemeldeten

Anwärter ein.

[Illustration: Abb. 30. +Die Vergänglichkeit.+ In der königl.

Pinakothek zu München.

(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstängl in München.)]

Aber über diesen Hinziehungen hatte Tizian die Lust an der

unterbrochenen Arbeit verloren. Endlich ans Ziel gelangt, gab er

seinerseits zunächst nichts weiter als das Versprechen, die Arbeit in

der Ratshalle wieder aufzunehmen.

Mehr Vergnügen mochte er jetzt an der Ausführung von Gemälden finden,

die der Herzog von Ferrara, Alfons von Este, bei ihm bestellte. Ein

Aufenthalt Tizians am Hofe dieses großen fürstlichen Kunstfreundes wird

zum erstenmal für das Jahr 1516 bezeugt; damals verweilte er im Februar

und März mit zwei Gehilfen dort. -- Außerdem fesselte ihn der Auftrag,

für die Franziskanerkirche (S. Maria dei Frari) ein Altargemälde von

ungewöhnlicher Größe zu schaffen.

Was Tizian in den zunächst vorhergehenden Jahren während seiner

Enthaltung von der Arbeit im Ratssaale gemalt hatte, darüber fehlen die

Nachrichten. Mit ziemlicher Sicherheit kann man zwei ausgezeichnete

Meisterwerke jener Zeit zuteilen. Beide befinden sich in London; das

eine, die Erscheinung des auferstandenen Heilandes vor Maria Magdalena,

in der Nationalgalerie, das andere, ein Gegenstand freier Erdichtung,

bekannt unter dem Namen „die drei Lebensalter,“ in der Sammlung des

Lord Ellesmere.

[Illustration: Abb. 31. „+Alfons von Ferrara und Laura Dianti+“

(früher „Tizian und seine Geliebte“ genannt). Im Museum des Louvre zu

Paris.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

Das Bild der Erscheinung des Auferstandenen ist ein Wunderwerk

poetischer Stimmung, ein von weihevoller Erhebung getragenes religiöses

Gedicht. Eine Landschaft, deren Formenanordnung derjenigen des einen

Antoniusbildes in Padua sehr ähnlich ist, liegt in weicher Dämmerung.

Das Morgenlicht überzieht in mächtig aufsteigender Flut den Himmel, daß

die dunkelblaue Meereslinie sich kräftig von der hellen Luft scheidet

und die Umrisse eines jungen Eichbaumes, der im Mittelgrund steht, sich

in scharfer Dunkelheit von dem schimmernden Gewölk abheben. Ganz vorn

tritt die Gestalt des Auferstandenen in milder Beleuchtung aus dem

dämmerigen Grunde hervor. Die Gärtnerhacke in seiner Hand weist darauf

hin, daß Magdalena ihn beim ersten Anblick für den Gärtner gehalten

hat. Beim Erkennen dessen, den sie im Grabe gesucht hat, sind ihr die

Kniee zusammengebrochen. Auf den Knieen ist sie näher gekommen, bis

an den Saum seines Gewandes heran. Die Hand, auf die sie sich stützt,

spreizt sich über dem Salbengefäß, das für den Toten bestimmt war, der

ihren Augen hier als Lebender erscheint. Und ihren Augen nicht trauend,

hat sie zaghaft die Rechte erhoben, um sich durch das Gefühl zu

überzeugen, ob sie etwas Wirkliches sieht. Christus aber weicht, indem

er sein Gewand vorzieht, ihrer Berührung aus; und zugleich neigt er

sich ihr erbarmungsvoll entgegen. Magdalena hat seine Stimme vernommen

und ist überzeugt; heilige Wonne verklärt ihr Gesicht, während ihre

Augen den Blick unendlicher Milde aufsaugen, den der Freund der reuigen

Sünder auf sie herabsenkt (Abb. 23).

[Illustration: Abb. 32. +Der Garten der Liebesgötter+ („das

Venusopfer“). Im Pradomuseum zu Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

Jenes andere Gemälde, „die drei Lebensalter,“ versetzt uns in

ein welliges Hügelland von anmutiger Einfachheit der Linien. Im

Mittelgrunde schlafen zwei nackte Kinder unter einem Baum, dessen

Zweige noch keine Blätter tragen. Über die beiden hinweg schreitet

der Liebesgott, eilig, zu einem anderen Menschenpaar zu gelangen,

das für ihn reif ist. Dieses Paar sitzt ganz im Vordergrunde, im

blumigen Grase am üppig grünenden Waldessaum: ein Jüngling und ein

Mädchen, er fast nackt, sie in ländlicher Kleidung, blicken einander

in süßester Harmlosigkeit der Unschuld in die Augen; beide denken noch

an nichts anderes als an das Spiel auf Hirtenflöten, das sie unter

seiner Unterweisung einübt. Und weiter in der Tiefe des Bildes sitzt

bei einem Baumstamm, der den Wipfel verloren hat, ein Greis; müde

stützt er sich auf die Hände, als ob es ihm schwer würde, sich auf

dem schrägen Hang des Hügels noch zu halten; er ist allein, nur etwas

bleiches Totengebein erinnert ihn an das, was er einst besaß. In der

Ferne sieht man menschliche Wohnungen, und in ihrer Nähe steht ein

Hirt bei seiner Herde, gleichsam als der Betrachtende, der über das

Menschendasein nachdenkt. Und in weiter Ausdehnung grünen die Hügel,

bis sie das endlose Meer erreichen. Eine wunderbar schlichte, weiche

und zugleich klare Stimmung liegt über diesem gemalten Gedicht, einem

anspruchslosen, aber zu Herzen gehenden Lied (Abb. 25).

[Illustration: Abb. 33. +Das Bacchusfest.+ Im Pradomuseum zu

Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

[Illustration: Abb. 34. +Bacchus und Ariadne.+ In der

Nationalgalerie zu London.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

[Illustration: Abb. 35. +Andrea Gritti, Doge von Venedig+

(1523-1538).

(Galerie des Grafen Jaromir Czernin von Chudenitz.)

(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstängl in München.)]

Zu machtvoll feierlicher Erhabenheit entfaltet sich dagegen Tizians

Kunst in dem großen Altarbild für die Frarikirche. Dies ist das Werk,

durch das Tizian sich auf einmal zum gefeiertsten Maler Venedigs

machte. Der Gegenstand des Bildes ist die Aufnahme der allerseligsten

Jungfrau in den Himmel (~Santa Maria Assunta~). Jetzt befindet

sich dasselbe in der Sammlung der Akademie von Venedig. An dem

Platze, für den es gemalt war, über dem Hochaltar jener Kirche, wurde

es im Jahre 1518 am 19. März, dem Vorabend eines Feiertages des

Franziskanerordens, in einem reichen Marmorrahmen aufgestellt. Das

war im zweiten Jahre nach der Erteilung des Auftrags an Tizian; der

Künstler hatte nicht an der Zeit gespart, um die großartige Aufgabe,

die ihm gestellt war, würdig zu lösen. Während Tizian bisher meistens

in kleinerem als lebensgroßen Maßstab gemalt hatte, gehen hier die

Figuren, wie es der weite Raum der Kirche verlangte, erheblich über

die Lebensgröße hinaus. In dem unteren Teil des Bildes sieht man die

am Grabe Marias zusammengekommenen Apostel, die in höchster Erregung

über das von ihnen wahrgenommene Wunder, unter den verschiedenartigsten

Äußerungen des empfangenen Eindrucks emporblicken; die großartigsten

Gestalten sind der greise Petrus, der ganz überwältigt mit gefalteten

Händen auf die Steineinfassung des Grabes niedergesunken ist, und

der von heiliger Glut begeisterte jugendliche Johannes. Das Grab

ist auf einem Berge befindlich gedacht, und der Horizont ist ganz

tief genommen; die erhobenen Köpfe und Arme der Apostel heben sich

von einer Luft ab, die das dunkle Blau des hohen Himmels zeigt. Die

Gestorbene aber, die auf einer mit jubelnden Englein angefüllten Wolke

den Zurückbleibenden entschwebt, wird über die Höhe des Erdenhimmels

hinausgehoben; ihre ganze Gestalt ist schon von der blendenden

Helligkeit eines goldenen Lichthimmels umgeben. Von unendlicher Wonne

durchbebt, breitet die Verklärte die Arme aus, und ihre glückseligen

Augen schauen das Angesicht Gottes, das sich ihr aus der Lichtflut

entgegenneigt. Scharen von Cherubim, silberfarbige Lichtgebilde,

schließen sich an die Englein auf der Wolke an, und bilden um die

Erscheinung Gottes eine Wölbung, die im Lichtglanz der Unendlichkeit

verschwimmt (Abb. 26). Etwas ganz Wunderbares an diesem Gemälde ist

der Eindruck räumlicher Weite, der fast ohne Anwendung wirklicher

Perspektive erreicht ist. Zu den Kunstgriffen, die Tizian anwendete,

um hierzu zu gelangen, gehört die ungleiche Ausführungsweise der

verschiedenen Teile des Bildes. Während er in der Hauptgruppe oben

alle Klarheit sammelte, hat er die unteren Figuren, die im trüberen

Erdenlicht stehen, ganz breit und mit einer gewissen Unschärfe

behandelt. Er folgte darin der Beobachtung des Naturgesetzes, daß, wenn

man die ganze Aufmerksamkeit der Augen einem entfernteren Gegenstand

zuwendet, alles was näher liegt als dieser Gegenstand, verhältnismäßig

undeutlich erscheint. Er bewirkte hierdurch den Anschein eines

Abstandes, der sich sonst nur durch starke Größenunterschiede

zwischen den oberen und den unteren Figuren hätte ausdrücken lassen.

Thatsächlich sind die Apostel im Maßstab nur um ein ganz Geringes

größer, als die Figur Marias. Der Pater Guardian der Franziskaner soll

freilich, als er das Bild in der Werkstatt des Meisters besichtigte,

die unteren Figuren noch zu groß gefunden haben; und man erzählte

sich, daß Tizian wegen des ausgesprochenen Tadels sich geweigert habe,

das Bild abzuliefern, und nur durch eine förmliche Entschuldigung des

Paters wieder umgestimmt worden sei. Als das Gemälde dann an seinem

Platze aufgestellt war, mußte jeder Zweifel an der Richtigkeit der

Erwägungen des Künstlers verstummen, und die Brüder hüteten sich wohl,

auf das Anerbieten des Gesandten Kaiser Karls V. einzugehen, der

ihnen das Bild sofort abkaufen wollte. Tizian hatte sein Werk eben

mit sorgfältigster Beachtung der Raum- und Beleuchtungsverhältnisse,

unter denen es in der Kirche zur Geltung kommen sollte, gemalt. Leider

ist durch die jetzige Aufstellung des Gemäldes in der Akademie die

vom Meister gewollte Wirkung wieder gestört. Bei viel zu geringem

Abstand von dem zu niedrig stehenden Bilde bleibt der Blick des

Beschauers zunächst an den Figuren der Apostel hängen, anstatt

gleich über dieselben hinweg nach oben gezogen zu werden; und das

gleichmäßige harte Licht des nahen Fensters läßt jene breite Behandlung

dieser Gestalten, die weiseste künstlerische Berechnung war, wie

Oberflächlichkeit erscheinen. Und ebendieselbe scharfe Beleuchtung,

welche unten die Dunkelheit auflöst, beeinträchtigt oben den Reiz der

Lichtmasse, indem sie die verhältnismäßig kräftigen Schattenangaben zu

stark hervorhebt, die der Maler gebrauchte, um in der dämmerigen Kirche

dem Gewoge der Englein in der Wolke die beabsichtigte Lebendigkeit

der Wirkung zu sichern. Mit diesen Erwägungen muß der Beschauer sich

erst abfinden, wenn er die ganze künstlerische Größe dieser erhabenen

Schöpfung empfinden will.

Tizian · 第 2 / 12 段