Soviel Poesie auch in solchen Halbfigurengruppen Tizians leb

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Liebhaber-Ausgaben

[Illustration]

Künstler-Monographien

In Verbindung mit Andern herausgegeben

von

H. Knackfuß

XXIX

Tizian

=Bielefeld= und =Leipzig=

Verlag von Velhagen & Klasing

1897

Tizian

Von

H. Knackfuß

Mit 123 Abbildungen von Gemälden und Zeichnungen

[Illustration]

=Bielefeld= und =Leipzig=

Verlag von Velhagen & Klasing

1897

Von diesem Werke ist für Liebhaber und Freunde besonders luxuriös

ausgestatteter Bücher außer der vorliegenden Ausgabe

_eine numerierte Ausgabe_

veranstaltet, von der nur 100 Exemplare auf Extra-Kunstdruckpapier

hergestellt sind. Jedes Exemplar ist in der Presse sorgfältig numeriert

(von 1-100) und in einen reichen Ganzlederband gebunden. Der Preis

eines solchen Exemplars beträgt 20 M. Ein Nachdruck dieser Ausgabe, auf

welche jede Buchhandlung Bestellungen annimmt, wird nicht veranstaltet.

Die Verlagshandlung.

Druck von Fischer & Wittig in Leipzig.

[Illustration: +Tizian.+ Selbstbildnis des Meisters in der

Sammlung des Uffizienpalastes zu Florenz.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

[Illustration]

Tizian.

Am südöstlichen Ausgang des Ampezzothals, unweit der Grenze zwischen

Friaul und Tirol, liegt das Städtchen Pieve di Cadore. Die ganze

Erhabenheit des Hochgebirges umgibt den Ort, über ihm ragen die

seltsamen Riesenzacken der Dolomiten zum Himmel empor, unten windet

sich im engen Thal die reißende Piave südwärts, an deren Ufern sich von

altersher der kürzeste Verkehrsweg zwischen den Hochalpen und Venedig

entlang zieht. Die Landschaft Cadore, deren Hauptort Pieve ist, hat im

Wechsel der Zeiten bald zum Deutschen Reich, bald zum Patriarchat von

Aquileja gehört, bis sie im Jahre 1420 der Republik Venedig einverleibt

wurde.

In einer der Gassen von Pieve di Cadore steht das durch eine

Inschrifttafel kenntlich gemachte Haus, in dem der große Meister

der venezianischen Malerschule, der größte Farbenkünstler Italiens

überhaupt, Tiziano Vecellio, im Jahre 1477 geboren wurde.

Die Forschung hat die Abstammung des Malers weit hinauf verfolgen

können. Im Jahre 1321 wählten die Cadoriner einen Herrn Guecello,

Sohn des Tommaso von Pozzale, zu ihrem Oberhaupt. Solch ein gewählter

Vertreter der Stadt und ihres Gebietes leitete an der Spitze des Rates

das kleine Staatswesen fast gänzlich unabhängig von dem Burgvogt, der

als Beamter des Lehenträgers des Patriarchen von Aquileja in dem neben

der Stadt errichteten Kastell saß. Der Name jenes Guecello wiederholte

sich unter seinen Nachkommen und gab schließlich dem ganzen Geschlecht

die unterscheidende Benennung, die zum Familiennamen wurde. Das

Geschlecht wurde als das der Guecellier bezeichnet, und jedes Mitglied

desselben fügte schließlich diese Bezeichnung seinem Taufnamen bei.

Nur hatte sich die Schreibweise in der Zeit, in welcher Familiennamen

gebräuchlich wurden, verändert, das anlautende Gu, durch das im

mittelalterlichen Latein, und so auch im Italienischen, häufig der Laut

des deutschen W wiedergegeben wurde -- z. B. ~Gualterus~, ~Guilhelmus~,

~guerra~ -- war durch das der italienischen Zunge geläufigere V ersetzt

worden. Die Nachkommen des Guecello schrieben sich Vecellio anstatt

Guecellio; oder, in der Mehrzahlform, die im eigentlichsten Sinne als

Familiennamen anzusehen ist, da sie nicht auf den einzelnen, sondern

aus die Gesamtheit hinweist: Vecelli.

Den Taufnamen Tizian trugen viele Mitglieder der Familie Vecelli.

Namenspatron ist ein außerhalb des venezianischen Gebietes kaum

bekannter Kirchenheiliger, der Bischof Titianus von Oderzo, dessen

Gedächtnis in der Gegend von Cadore in dem Namen der Ortschaft

S. Tiziano -- im Gaimathal am Fuß des Monte Civetta -- fortlebt.

Heute denkt bei dem Namen Tizian nicht leicht jemand an eine andere

Persönlichkeit, als an den großen Maler aus dem Hause der Vecelli.

Die Vorfahren dieses Tizian waren von dem Ahnherrn Guecello an in vier

aufeinander folgenden Geschlechtern Rechtsgelehrte und dienten ihrer

Heimat in hervorragender Weise. Der fünfte in der Reihe, Gregorio

Vecellio, war des Künstlers Vater. Von ihm wird berichtet, daß er

„ebenso durch seine Weisheit im Rate von Cadore, wie durch seine

Tapferkeit im Felde sich auszeichnete;“ gegen Ende des XV. Jahrhunderts

wurde er zum Befehlshaber der Wehrmannschaft von Pieve ernannt, und als

im Jahre 1508 die Landsknechte Kaiser Maximilians durch das Ampezzothal

in das venezianische Gebiet eindrangen, hatte er rühmliche Gelegenheit,

seine Kriegstüchtigkeit zu bewähren. Tizians Mutter Lucia gehörte

ebenfalls dem Geschlecht der Vecelli an. Tizian wurde im Alter von

neun Jahren zu seiner Ausbildung nach Venedig gebracht, zu einem dort

wohnenden Oheim. Ob von vornherein die Absicht bestand, ihn der Kunst

zuzuführen, erscheint fraglich. Über ein Geschichtchen, das überliefert

wird, der kleine Tizian habe mit Blumensaft ein Marienbild an eine Wand

des elterlichen Hauses gemalt und durch den Farbenreiz dieses Werkes

alle Verwandten und Bekannten in Erstaunen gesetzt, mag man denken, was

man will. Jedenfalls erhielt Tizian in Venedig schon früh Unterricht

in der Malerei. Und daß Gregorio entgegen den Familienüberlieferungen

in die Wahl eines solchen Berufes einwilligte, beweist, daß der

Gesichtskreis dieser Patrizier eines Alpenstädtchens nicht eng war.

Allerdings galt damals in Italien die Malerei schon längst nicht mehr,

wie es in Deutschland noch der Fall war, als ein Handwerk.

[Illustration: Abb. 1. +Jacopo Pesaro wird durch Papst Alexander VI.

dem Schutze des heiligen Petrus empfohlen.+ Im Museum zu Antwerpen.]

Die Nachrichten über Tizians Lehrjahre sind sehr dürftig. Es heißt, er

habe seinen ersten Unterricht bei einem Mosaikarbeiter Namens Sebastian

Zuccato bekommen und sei von diesem dem Giovan Bellini zur weiteren

Ausbildung übergeben worden; später habe er sich den Giorgione zum

Vorbild genommen.

[Illustration: Abb 2. +Madonna mit Heiligen.+ In der

Liechtensteingalerie zu Wien.

(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstängl in München.)]

Der Altmeister Giovan Bellini, der Lehrer vieler vortrefflichen

Künstler, war der eigentliche Begründer der besonderen venezianischen

Malerei mit ihrer gesunden Kraft und Schönheit und ihrer

herzerfreuenden Farbenpracht. Auch Giorgio Barbarelli, der unter der

Benennung, die ihm seine Freunde gaben, Giorgione (der lange Georg) der

Nachwelt bekannt geworden ist, war sein Schüler. Giorgione war Tizians

Altersgenosse. Er war ein ausgezeichneter Künstler und ein Maler von

allererstem Range. Er fühlte in Farben. Sein im Louvre befindliches

Gemälde zum Beispiel, das mit dem Titel „Konzert im Freien“ bezeichnet

zu werden pflegt, ist eins der vollkommensten malerischen Kunstwerke,

die es gibt. Deutschland besitzt ein treffliches Werk von ihm in dem

vor kurzem für das Berliner Museum erworbenen Bildniskopf eines jungen

Mannes. Giorgione starb 1511 im Alter von vierunddreißig Jahren als ein

berühmter Mann. Es hat nichts Befremdliches, wenn der junge Tizian von

einem Gleichalterigen, der solch eine hervorragende Begabung besaß,

zu lernen sich bemühte. Tizian scheint kein Wunderkind gewesen zu

sein, sondern vielmehr sein außerordentliches Können durch arbeitsamen

Lerneifer sich erworben zu haben. Auch von dem um zwei oder drei Jahre

jüngeren Mitschüler Jacopo Palma, gewöhnlich Palma Vecchio („der Alte“)

zum Unterschied von einem gleichnamigen späteren Maler genannt, einem

Meister in der Schilderung blühender Frauenschönheit, hat Tizian vieles

gelernt. Man braucht darum die Selbständigkeit seiner Kunst nicht

geringer zu veranschlagen. Daß unter jungen Leuten, die in gleichen

Verhältnissen gleichen Zielen zustreben, einer von dem anderen annimmt,

ist nur natürlich. Auch erklärt der Umstand, daß in der Schule Bellinis

mehr als irgendwo anders zu jener Zeit nach dem Leben gemalt wurde und

daß daher die nämlichen Modelle verschiedenen Malern dienten, manche

Ähnlichkeiten. Jedenfalls hat Tizian, der auch den Palma überlebte,

später diesen sowohl wie den Giorgione übertroffen.

Über Tizians Jugendarbeiten ist aus den Quellen wenig zu erfahren.

Es heißt, eines seiner allerersten Werke sei ein Freskobild über der

Thür des Palastes Morosini gewesen, das den Hercules darstellte. Auch

Bildnisse seiner Eltern, Früchte eines Besuchs in der Heimat, die um

die Mitte des XVII. Jahrhunderts noch vorhanden waren, jetzt aber

verschollen sind, werden wohl zu seinen ersten Leistungen gehört haben.

Im Jahre 1499 soll er den gefürchteten Freischarenführer Cesare Borgia

gemalt haben, als dieser als Abgesandter des Papstes mehrere Tage in

Venedig verweilte.

Das erste erhaltene Gemälde Tizians, das eine einigermaßen sichere

Zeitbestimmung zuläßt, befindet sich im Museum zu Antwerpen. Es stellt

den venezianischen Prälaten Jacopo Pesaro vor, der mit der Kriegsfahne

Papst Alexanders VI. in der Hand vor dem Throne des Apostels Petrus

kniet und diesem von dem Papste selbst empfohlen wird (Abb. 1). Die

Zeitereignisse, auf die dieses Gemälde anspielt, lassen auf seine

Entstehung schließen: frühestens im Jahre 1501, in dem Jacopo Pesaro

zum Befehlshaber einer gegen die Türken ausgerüsteten päpstlichen

Flotte ernannt wurde; und schwerlich nach dem Jahre 1503, in dem

Alexander VI. starb.

Es versteht sich von selbst, daß der junge Maler, dem von einem Manne

wie Pesaro ein derartiger Auftrag anvertraut wurde, vorher schon

bedeutende Proben seines Könnens geliefert haben mußte. Eine Anzahl

von Gemälden ist vorhanden, die zwar der äußeren Anhaltspunkte zur

Bestimmung der Zeit ihres Entstehens entbehren, die sich aber durch die

Art ihrer Auffassung und Ausführung als Jugendwerke Tizians zu erkennen

geben.

[Illustration: Abb. 3. +Die heilige Familie.+ In der

Nationalgalerie zu London.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

Vielleicht darf man hier ein Gemälde voranstellen, das sich in der

fürstlich-Liechtensteinschen Galerie zu Wien befindet. Es ist ein

Andachtsbild von jener in der Bellinischule besonders beliebten Art,

die verschiedene Heilige in der Verehrung des von der Jungfrau Maria

gehaltenen Jesuskindes vereinigt zeigt. Vor einem roten Vorhang sitzt

Maria, dem Beschauer zugewendet, und das Kind dreht sich nach der

heiligen Katharina um, die, von Johannes dem Täufer geleitet, mit einem

lieblichen Ausdruck mädchenhafter Schüchternheit herantritt. Katharina

ist gekennzeichnet durch die Märtyrerpalme in der einen Hand und ihr

Marterwerkzeug, das Rad, auf das sie die andere Hand legt. Sie und der

dunkellockige Johannes heben sich in sprechenden Umrissen von der

blauen Luft ab, im Gegensatz zu der Gruppe von Mutter und Kind, die

im wesentlichen als Helligkeitsmasse aus dem tiefen Ton des Vorhangs

hervorkommt (Abb. 2). Das liebenswürdige Gemälde besitzt Tizians

Farbenreiz, und es entspricht auch in der Linienkomposition seiner Art

und Weise. Aber es zeigt auffallende Mängel in der Zeichnung. Darum

wird sein Tizianscher Ursprung bezweifelt, und man möchte es als das

Werk eines seiner Schüler ansehen, der es unter starkem Einfluß des

Meisters geschaffen habe. Aber dagegen läßt sich einwenden, daß die

Farbe doch das Feinste in der Malerei ist, daß ein Lehrer eher die

Zeichnung eines Schülers zu berichtigen, als ihm sein Farbengefühl

mitzuteilen vermag. So mögen wir das Bild wohl als Probe von Tizians

Kunst aus einer Zeit betrachten, wo er zwar die Formengebung noch nicht

voll in der Gewalt hatte, aber schon imstande war, seinem dichterischen

Farbenempfinden Ausdruck zu geben.

[Illustration: Abb. 4. +Maria mit dem Kinde.+ In der kaiserl.

Gemäldegalerie zu Wien.

(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstängl in München.)]

Die Nationalgalerie zu London besitzt ein Gemälde, bei dem ein Zweifel

darüber, ob es ein Werk Tizians aus seiner Jugendzeit sei, wohl kaum

bestehen kann. Es stellt die Krippe zu Bethlehem dar (Abb. 3). Maria

und Joseph, dieser sitzend, jene knieend, halten das sehr zarte

Kind zwischen sich auf der aus Korbgeflecht gebildeten Krippe. Maria

schmiegt ihre Wange an den Scheitel des Kindes; der im Ausdruck sehr

innige Kopf setzt mit einem weißen Schleier ganz hell von der dunklen

Wand eines Felsens ab. Josephs dunkler Kopf steht auf der lichten

Luft. Der Blick des Pflegevaters ist auf den ersten Ankömmling der

Hirten gerichtet -- es ist eine prächtige Figur eines italienischen

Hirtenbuben --, der niederknieend seine Blicke treuherzig und

gläubig in die Augen des Kindes senkt. Im Hintergrund sieht man den

Verkündigungsengel bei den Schafhirten im Felde. Der Ochs und der

Esel, die nach alter Überlieferung bei dieser Darstellung nicht fehlen

dürfen, werden an der Felswand im Rücken Marias sichtbar. -- Auch in

diesem sehr schönen Bild machen sich auffallende Unvollkommenheiten der

Zeichnung bemerklich; besonders störend in der Figur Josephs, wo der

Kopf nicht recht auf den Schultern sitzt.

[Illustration: Abb. 5. +Marienbild+ (sogenannte Kirschenmadonna).

In der kaiserl. Gemäldegalerie zu Wien.

(Nach einer Originalphotographie von J. Löwy in Wien.)]

[Illustration: Abb. 6. +Maria mit dem Kinde und vier Heiligen.+ In

der königl. Gemäldegalerie zu Dresden.

(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstängl in München.)]

Ein unbestritten echtes, gleichfalls noch ziemlich frühes Jugendwerk

Tizians ist ein Marienbild in der kaiserlichen Gemäldegalerie zu Wien,

das im Volksmunde die sonderbare Bezeichnung „Zigeunermadonna“ führt

(Abb. 4). Hier ist die Formengebung schon eine durchaus sichere;

namentlich in der Gestalt des Kindes fällt der Fortschritt in der

Zeichnung gegenüber dem erstgenannten Wiener Bilde sofort in die Augen.

Ein allerliebstes gesundes Knäblein ist dieses Jesuskind, das, an

die Mutter angelehnt, auf einer Steinbrüstung steht und spielend mit

dem einen Händchen die Falten von Marias Mantel, mit dem anderen die

Finger der haltenden Mutterhand anfaßt. Diese Maria ist durchaus keine

gesuchte Idealschönheit, sondern nur eine hübsche Venezianerin; aber

es liegt etwas Weihevolles über ihrem stillen, bescheidenen Antlitz

und über ihrer von Schleier und Mantel umhüllten Gestalt, das mit der

Stimmung der Linien und Töne des ganzen Gemäldes zusammenklingt und

dasselbe zu einem echten Andachtsbild macht. Den Hintergrund bildet zum

Teil ein grünseidener Vorhang, zum Teil ein Blick ins Freie; da sieht

man in eine Hügellandschaft, in der sich ein volles Gefühl für die

Poesie der unter blauem Himmel sich ausdehnenden Weite ausspricht.

[Illustration: Abb. 7. +Madonna mit drei Heiligen.+ Im

Louvremuseum zu Paris.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

In der nämlichen Galerie zeigt ein anderes Marienbild, die sogenannte

„Kirschenmadonna“ (Abb. 5), uns den Künstler wieder auf einer reiferen

Stufe der Entwickelung, im Vollbesitz reichen malerischen Könnens,

das den feinsten Farbenempfindungen Ausdruck zu geben vermag. Maria,

holdselig und vornehm, mit einem Gesicht von lieblicher Fülle der

Formen, heftet einen echt mütterlichen Blick auf das Kind, das mit

freudiger Eile ihr einige von den Kirschen anbietet, die vor ihm

hingelegt worden sind und auf die der kleine Johannes mit einem

kindlichen Verlangen hinblickt, das ebenso natürlich wiedergegeben ist,

wie die Mitteilensfreude des kleinen Jesus. Zu beiden Seiten des roten,

goldgemusterten Stoffes, der für die mit einem faltenreichen hellroten

Gewande und blauem Kopftuch bekleidete Jungfrau den Hintergrund bildet,

werden Joseph und Zacharias sichtbar, dunkle Köpfe, die sich kräftig

von der blauen Luft abheben -- der erstere leider durch charakterlose

moderne Übermalung verunstaltet.

[Illustration: Abb. 8. +Madonna mit dem heiligen Antonius

Eremita.+ In der Uffiziengalerie zu Florenz.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

Ähnliche Stimmung, aber reichere Wirkung zeigt das herrliche Bild der

Dresdener Gemäldegalerie, auf dem das Jesuskind, auf dem Knie der

Mutter stehend und von Johannes dem Täufer, der hier als erwachsener

Mann erscheint, unterstützt, sich drei herantretenden Heiligen zuwendet

(Abb. 6). Die Lichtgestalt des Kindes wird hier einerseits durch einen

dunkelgrünen Vorhang, vor dem die Figur des Johannes in braunen Tönen

sich unterordnend steht, andererseits durch das rote Kleid Marias

hervorgehoben. Auf dem Schoß Marias liegt der blaue Mantel, und ihr

Kopf steht ganz hell in hell, indem er sich mit einem weißen Schleier

von der weißbewölkten Luft absetzt. Auf derselben Luft steht dann

ganz dunkel der Kopf eines im tiefsten Schatten des Bauwerks, das

weiterhin den Hintergrund bildet, befindlichen Heiligen, der sich

in ehrfürchtiger Verneigung vorbeugt und den der wallende Bart und

das Schwert als den Apostel Paulus kenntlich machen. Der Schatten

überzieht auch das ganze sichtbare Stück des Bauwerks und, nach vorn

an Tiefe abnehmend, die Gestalt des heiligen Hieronymus, der als Büßer

dargestellt ist, wie er in heißem Gebet zu einem Kruzifix aufblickt,

mit herabgestreiftem Kardinalsgewande und entblößter Schulter. Die

ganze Dunkelheitsmasse, die auf diese Weise gebildet ist, wird wieder

geteilt durch die helle Gestalt einer weiter vorn stehenden weiblichen

Heiligen. Von der Seite einfallendes Licht und der Lichtwiederschein

von der Hauptgruppe überziehen das weiße Seidenkleid und die feine

Haut und das blonde, künstlich geordnete und mit einem blaßvioletten

Bande geschmückte Haar dieses Mädchens mit einem weichen Schimmer. Es

ist Maria Magdalena, die das Salbengefäß, durch das sie gekennzeichnet

wird, dem Christuskinde darbietet. Ihre rechte Hand, die das Gefäß

hält, wird durch den von der Schulter herabgeglittenen Mantel, dessen

anderes Ende sie mit der Linken gefaßt hat, zugedeckt; dieses Stück

Mantel, das sich an die Dunkelheit des Paulusgewandes anschließt,

bildet einen dunklen Trennungsstreifen zwischen den beiden weiblichen

Figuren. Wunderbar im Ausdruck ist die Gegenüberstellung der beiden

Frauen: die ganz von Scham erfüllte reuige Sünderin vor dem Angesicht

der Allerreinsten; wunderbarer noch der milde Ernst des Verzeihens in

dem Blick des Kindes.

Ein Gemälde von der nämlichen Gattung, das im einzelnen wieder ganz

anders angeordnet ist, befindet sich im Louvre. Es ist gleich den

vorbesprochenen Bildern in Halbfiguren komponiert. Links sitzt Maria

vor einer dunklen Wand. Sie blickt innig und sinnend in die Augen

des auf ihrem Schoße liegenden Kindes, das sie wieder ansieht und

nach der mit dem Schleier verdeckten Mutterbrust greift. Eine weiße

Windel hebt die Helligkeit des zartfarbigen kleinen Körpers. Vor der

Jungfrau und dem Kinde stehen drei Heilige in Andacht versammelt,

drei lebensvolle Charakterfiguren. Der vorderste ist der Kirchenvater

Ambrosius, ein langbärtiger Greis, vornehm und mit hartem Ernst in den

Zügen; er hebt die Augen nicht von seinem Gebetbuch auf. Zwischen ihm

und Maria sieht man den weiter zurückstehenden heiligen Stephanus mit

der Märtyrerpalme, der die Augen mit schwärmerischer Jünglingsandacht

aufschlägt. Der dritte ist der dunkelhäutige Mauritius, ein derber,

schlichter Kriegsmann in blankem Harnisch, mit bescheiden gesenktem

Blick. Über der reichfarbigen Gruppe der drei Heiligen spannt sich eine

bewölkte Luft aus, die ein schlichter Hügelstreifen säumt (Abb. 7).

[Illustration: Abb. 9. +Die heilige Jungfrau mit dem Jesuskind,

Johannes dem Täufer und der heiligen Katharina.+ In der

Nationalgalerie zu London.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

Tizian verschmähte es nicht, sich zu wiederholen, wenn eine seiner

Schöpfungen Anklang fand. Dieses Pariser Bild stimmt fast genau

überein mit einem in der kaiserlichen Gemäldegalerie zu Wien

befindlichen, auf dem die drei Heiligen Stephanus, Hieronymus und Georg

sind.

An den Schluß der Reihe von Muttergottesbildern in Halbfiguren, die

uns von Tizians Jugendentwickelung innerhalb eines Zeitraums, dessen

Grenzpunkte sich nicht bestimmen lassen, die beste Anschauung gewährt,

kann man ein liebliches Gemälde in der Uffiziengalerie stellen, ein

Meisterwerk kostbarster liebevoller Ausführung. Das Jesuskind, gleich

seiner Mutter eine Erscheinung von süßer Holdseligkeit, ruht halb

liegend, halb sitzend auf den Armen Marias und auf dem Mantel, den

sie von Arm zu Arm herüberzieht; es hält die Händchen voll Rosen und

wendet das Köpfchen einer weiteren Rosenspende zu, die der kleine

Johannes diensteifrig mit hochgestrecktem Arm ihm darreicht. Seitwärts

steht der heilige Einsiedler Antonius, ein wunderschöner Greis, mit

beiden Händen auf den ihn kennzeichnenden ~T~-förmigen Stab

gestützt, und versenkt sich mit stiller Innigkeit in die Betrachtung

des kindgewordenen Gottessohnes. Den Hintergrund bildet zum größten

Teil ein Vorhang von bräunlicher Farbe; nur ganz seitwärts, an den

Köpfen der beiden Kinder, wird ein Stückchen duftiger Landschaft unter

einer lichten Wolkenwand sichtbar (Abb. 8). In dem Bewußtsein, etwas

Wohlgelungenes geschaffen zu haben, hat Tizian dieses Bild mit seinem

Namen bezeichnet.

Soviel Poesie auch in solchen Halbfigurengruppen Tizians lebt: das

volle Maß seiner malerischen Dichtkunst offenbart sich erst da, wo

der Künstler die Darstellung ganz ins Freie verlegt und aus Figuren

und Landschaft ein stimmungsvolles Ganzes zusammenwirkt. Solch eine

Tiziansche Landschaft ist nicht, wie etwa bei Raffaels Madonnen im

Grünen, nur eine reizvollere Art des Hintergrundes, sondern in ihr

steckt ebensoviel künstlerisches Empfinden, wie in den Figuren, sie ist

etwas Beseeltes, in dessen Wesen der Maler sich mit Schönheitswonne

vertieft, und das er zum vollendetsten Zusammenklange mit der Formen-

und Farbenstimmung der Figuren gebracht hat. Die Nationalgalerie zu

London besitzt ein Marienbild von dieser Art, von dem man nach der

großen Ähnlichkeit des Kopfes der Jungfrau mit der ebengenannten

Florentiner Madonna wohl annehmen muß, daß es um dieselbe Zeit wie

dieses entstanden sei. Maria sitzt auf einer Bodenerhöhung; neben ihr,

in ehrerbietigem Abstand, der kleine Johannes, der auch hier wieder

Blumen darreicht. Ohne die Augen von der zärtlichen Betrachtung des

auf ihrem Schoße liegenden Kindes zu erheben, nimmt die Jungfrau die

Blumenspende aus der Hand des Johannes. Vor ihr kniet die heilige

Katharina und herzt mit mädchenhafter Freude das Jesuskind. Das gelbe

Kleid Katharinas und das Rot und Blau der Gewandung Marias bilden

einen vollkräftigen Zusammenklang der drei Grundfarben. Und dahinter

spannt sich ein landschaftlicher Farbenzauber aus. Dichtbelaubte Bäume

stehen auf dem grünen Hang des Hügels, auf dem die Gruppe ruht; eine

dunkelbewaldete zweite Höhe senkt sich zu einer Ebene hinab, in der

Hirten ihre Herden weiden lassen; der Spiegel eines Sees erglänzt

in bläulicher Ferne, und weiterhin schweift der Blick über sanfte

Hügelwellen bis zu dem ragenden Hochgebirge; auf den Gipfeln lagern die

Wolkenmassen. Das Licht der Abendsonne dringt durch die Risse eines

Dunstschleiers und färbt den Rand eines dichten Wolkengebildes mit

rötlicher Glut. Oben in diesem Wolkenrand erscheint ein Engel, um die

Hirten auf der Flur, die ein Wiederschein des goldigen Lichtes erhellt,

zur Verehrung des göttlichen Kindes herbeizurufen (Abb. 9).

[Illustration: Abb. 10. „+Die himmlische und die irdische Liebe.+“

In der Galerie Borghese zu Rom.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

Andachtsbilder waren damals, wie man zu sagen pflegt, das tägliche Brot

der Werkstatt, und Tizian hat früh bewiesen, mit welcher Innigkeit des

Empfindens er solche zu gestalten wußte. Sein berühmtestes Jugendwerk

aber, vielleicht von all seinen Schöpfungen die am meisten beim

Publikum beliebte und am weitesten durch Nachbildungen verbreitete,

ist kein religiöses Bild. Es ist das in der Villa Borghese zu Rom

befindliche Meisterwerk von Farbenpoesie, das den zweifellos ganz

unzutreffenden Namen „die heilige und die weltliche Liebe“ führt

(Abb. 10). Eine im XVII. Jahrhundert verfaßte Beschreibung nennt das

auch damals hochbewunderte Bild mit der gleichgültigen Bezeichnung:

„Zwei Mädchen am Brunnen.“ Es ist eine Allegorie, deren Gedanken

sicherlich nicht von Tizian ausgeklügelt, sondern von dem Besteller

ihm gegeben worden ist. Glücklicherweise ist die Enträtselung des

dunklen Sinnes keine Vorbedingung für den klaren Schönheitsgenuß, den

das Werk gewährt. Eine idyllische Landschaft dehnt sich hinab zum Meer,

dessen lichtblaue Linie den Gesichtskreis schließt; das Linienspiel

der Hügel wird durch das Spiel der von den weißen Wolken geworfenen

Schatten poetisch belebt. Nach vorn steigt das Gelände, ein paar

Bäumchen durchschneiden mit kräftiger Dunkelheit die Luft, und ganz

vorn steht im Grünen eine Brunneneinfassung von weißem Marmor, in der

Gestalt eines antiken Sarkophags gebildet und mit Reliefdarstellungen

geschmückt. Auf dem Rande des Wasserbeckens sitzt ein blondes

junges Mädchen, nackt bis auf ein um den Schoß geschlungenes weißes

Schleiertuch; das abgestreifte rotseidene Gewand haftet nur noch an

dem linken Oberarm und seine herabwallenden Falten begleiten reizvoll

den anmutigen Linienfluß der enthüllten Gestalt; aber die holdseligste

Unschuld ist das Kleid des Mädchens. Als ein fast überflüssiges äußeres

Sinnbild der Reinheit und Aufnahmefähigkeit dieser Seele hat der Maler

eine offene Schale von spiegelndem Silber neben die Figur auf den

Brunnenrand gestellt. Die liebliche Jungfrau hält mit der Linken ein

Gefäß empor, aus dem Opferdampf aufsteigt, und blickt über ihre rechte

Schulter mit großen, fragenden Augen auf den klaren Wasserspiegel im

Brunnen. Von hinten aber ist ein Liebesgott an den Brunnen getreten

und beugt sich wie ein spielendes Kind über den Marmorrand; er taucht

sein Händchen in die Fläche, und ein leichtes Plätschern wird die

ruhige Klarheit zerstören. Den Gegensatz zu dem jungen Mädchen, das

etwas Unbekanntem in kaum erwachender Ahnung entgegensieht, bildet ein

an der anderen Seite des Brunnens sitzendes blühendes junges Weib.

Diese Gestalt ist in einen Anzug von weißer Seide mit rotem Unterzeug

gekleidet, der mit weiten Falten ihre Formen umhüllt; selbst die Hände

sind mit Handschuhen bedeckt. Sie sieht den Beschauer groß und ruhig

an, ohne Frage und ohne Spannung; sie ist ganz Ruhe und Befriedigung.

Auf ihrem hellblonden Haar liegt ein schmaler Blätterkranz, die linke

Hand ruht auf einem geschlossenen Gefäß, die Rechte hält gleichgültig

ein paar abgerissene Rosen. Das Reliefbild an der Vorderseite des

Marmorbeckens zeigt verschiedene Gruppen von Kindern, deren Thun und

Treiben sicherlich eine mit dem Sinne des Ganzen zusammenhängende

Bedeutung hat. Zwischen den Kindergruppen ist über dem Ausflußrohr des

Brunnens ein Wappen angebracht, zweifellos dasjenige des Bestellers;

aber selbst dieses Wappen spottet aller Bemühungen der Forschung,

aus ihm auf die Person des Auftraggebers und demnach vielleicht auch

auf die Bedeutung des Gemäldes Schlüsse zu ziehn. Hier erkennt man

recht, wie untergeordnet für die Wirkung eines Kunstwerkes dessen

gegenständlicher Inhalt ist. Kein Mensch weiß den Sinn dieser

Darstellung in völlig befriedigender Weise zu erklären; aber von ihrem

künstlerischen Gehalt wird ein jeder bezaubert, der überhaupt des

Kunstgenusses fähig ist.

[Illustration: Abb. 11. +Der Tambourinschläger.+ In der kaiserl.

Gemäldegalerie zu Wien.

(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstängl in München.)]

Als ein kleines nicht religiöses Werk sei hier das köstliche Bildchen

in der kaiserlichen Gemäldegalerie zu Wien erwähnt, auf dem ein nacktes

Knäblein dargestellt ist, das im Grünen auf einer niedrigen Steinbank

sitzt und sich mit einem Tambourin belustigt (Abb. 11). Wenn das Kind

als Amor bezeichnet wird, so liegt dazu kein Grund vor; weder die

Flügel noch sonst eine Kennzeichnung des Liebesgottes sind vorhanden.

Eher darf man wohl an ein Porträt eines hübschen Kindes denken. Es

wird bezweifelt, ob das Bildchen wirklich von Tizian gemalt sei, da

die Malweise etwas zu hart für ihn erscheint. Aber ein überzeugender

Gegenbeweis gegen seine Urheberschaft ist damit durchaus nicht gegeben.

Vielmehr sind der muntere Liebreiz des Kindes und die entzückende Art

und Weise, wie das Figürchen mit der Landschaft zusammenkomponiert

ist, ganz und gar Tizianisch.

Was in Venedig selbst unter dem Titel von Jugendarbeiten Tizians

gezeigt wird, verdient nicht viel Beachtung.

Die erste Nachricht über Tizians Thätigkeit, welche eine sichere

Zeitbestimmung bietet, ist zugleich die erste Kunde von seiner

Beschäftigung an einem öffentlichen Werk. Aber nicht als selbständiger

Empfänger eines Auftrags, sondern als Gehilfe des Giorgione erscheint

hier der Künstler, der bereits in sein dreißigstes Lebensjahr

eingetreten war. Es handelte sich um Freskomalereien an den Außenwänden

eines Staatsgebäudes. Das als Wohn- und Warenhaus für die deutschen

Kaufleute in Venedig von der Regierung eingerichtete und unterhaltene

Gebäude war im Jahre 1505 abgebrannt; und es wurde nun alsbald die

Erbauung eines neuen Hauses für diesen Zweck ins Werk gesetzt. Schon im

Sommer 1507 war der neue „Fondaco de’ Tedeschi“ am Canal grande, ganz

in der Nähe der Rialtobrücke, im Bau vollendet, und sicherlich wurde

nun gleich mit der umfangreichen malerischen Ausschmückung desselben

begonnen. Giorgione erhielt den Auftrag und er übertrug einen Teil der

Arbeit an Tizian.

[Illustration: Abb. 12. +Der Doge Niccolo Marcello.+ In der

vatikanischen Pinakothek.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

Während Tizian mannigfaltige Phantasien auf die Wände des Fondaco de’

Tedeschi zauberte, mögen seine Gedanken manchmal mit banger Sorge in

die Heimatberge hinübergeschweift sein. Denn im Anfang des Jahres

1508 drangen Kaiser Maximilians Truppen in Cadore ein. Pieve mußte,

da ein Versuch, der deutschen Artillerie Widerstand zu leisten,

aussichtslos erschien, eine kaiserliche Besatzung aufnehmen. Aber

mutige Männer, unter ihnen Tizians Großoheim Andrea Vecelli und dessen

Sohn, der auch Tizian hieß, hielten, unwegsame Bergpfade benutzend, die

Verbindung mit den venezianischen Truppen aufrecht und ermöglichten

einen Überfall, der den Rückzug der Deutschen und daraus einen

Waffenstillstandsabschluß zwischen dem Kaiser und der Republik zur

Folge hatte. Ein Bruder Tizians, Francesco, der ebenfalls die Malerei

als Beruf erwählt hatte und sich in Venedig ausbildete, hielt es unter

diesen Verhältnissen nicht aus bei der friedlichen Kunst. Er trat als

Reiter bei den Scharen des Condottiere Maco von Ferrara ein und erwarb

sich bald den Ruf eines tapferen Kriegers. Noch spät erzählte man von

seinem Zweikampf mit einem deutschen Hauptmann im Jahre 1509. Erst nach

längerer Zeit kehrte er auf Tizians Zureden zur Kunst zurück.

Im Spätherbst 1508 waren Giorgione und Tizian mit den Freskomalereien

am Fondaco, die sich über zwei Fronten und den Innenhof erstreckten,

fertig. Sie hatten das massige Gebäude mit einem bunten Spiel

von Figuren und Zierwerk umkleidet. Ein innerer Zusammenhang

der dargestellten Gegenstände läßt sich aus den Beschreibungen

nicht erkennen. Heute sind von dieser einst höchlich bewunderten

Dekorationsmalerei kaum noch einige ganz schwache Spuren wahrnehmbar;

in der Seeluft können Fresken sich nicht halten. Der zeitgenössische

Künstlerbiograph Vasari hat sich über diese Malereien sehr mißfällig

ausgesprochen; sie waren ihm, wie man in der Ausdrucksweise unserer

Zeit sagen würde, nicht „stilvoll“ genug entworfen. In den Augen

anderer aber bildete gerade das Freie, Lebendige, Malerische und

scheinbar Willkürliche dieses Farbenschmuckes dessen besonderen Reiz.

Vasari wußte hier nicht zu unterscheiden, was von Giorgione und was

von Tizian herrührte. Merkwürdig ist es ja auch nicht, wenn Tizian

sich der Art und Weise seines bewunderten Kunstgenossen enger anschloß

bei einer in Gemeinschaft mit diesem gemachten Arbeit. -- Vasari war

auch bei einem Altarbild, das er in der Kirche S. Rocco sah, über die

Urheberschaft im Zweifel, und er nennt dasselbe in zwei verschiedenen

Kapiteln seines Buches das eine Mal als Werk des Tizian, das andere

Mal als Werk des Giorgione. Dieses Bild, das sich heute noch an

seinem Platz befindet, aber in einem durch unzweckmäßige Behandlung

verursachten schlechten Erhaltungszustand, zeigt Christus auf dem Wege

nach Golgatha; es ist eine ausdrucksvolle und ergreifende Darstellung

und wohl sicher eine Schöpfung Tizians.

In die Zeit der Arbeiten am Fondaco de’ Tedeschi wird die Entstehung

eines merkwürdigen Bildnisses verlegt, das sich in der Gemäldesammlung

des Vatikans befindet. Es stellt einen Dogen von Venedig dar, in

lebensgroßer Halbfigur, bekleidet mit der eigentümlichen Mütze und dem

altertümlich geschnittenen Brokatmantel des Oberhauptes der Republik.

Der charaktervolle Kopf ist scharf im Profil gesehen, die Hände kommen

unter dem Mantel heraus; die Linke hält ein Battisttuch, die Rechte

-- die leider durch Übermalung ganz entstellt ist -- ist wie zu einer

Begrüßungsansprache vorgestreckt. Man kann sich nichts Überzeugenderes

von Lebenswahrheit denken, als dieses durch die großartigste

Einfachheit ausgezeichnete Bildnis, in dem gewissermaßen die ganze

Besonderheit der Würde des Mannes, dem die stolze Republik die Leitung

ihrer Macht anvertraut hat, zum Ausdruck kommt. Und doch hat Tizian

dieses Porträt nicht nach dem Leben gemalt. Den regierenden Dogen zu

porträtieren war ein Vorrecht, das dem alten Giovan Bellini, solange er

lebte, niemals entzogen wurde. Tizian hat hier auf der Grundlage irgend

eines alten Porträts, vermutlich im Auftrage der betreffenden Familie,

die Erscheinung eines längst Verstorbenen, des Dogen Niccolo Marcello,

der von 1473 bis 1474 die Herrschaft innegehabt hatte, mit wunderbarer

Meisterschaft glaubwürdig ins Leben gerufen (Abb. 12).

[Illustration: Abb. 13. +Der Zinsgroschen.+ In der königl.

Gemäldegalerie zu Dresden.

(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstängl in München.)]

Tizians Thätigkeit bei der Ausschmückung des Fondaco mußte ihn

naturgemäß in häufige Berührung mit deutschen Kaufherren bringen. Wie

wäre es damals einem Deutschen in Venedig möglich gewesen, irgend ein

Werk der Malerei entstehen zu sehen, ohne in Gedanken einen Vergleich

zu ziehen mit den Schöpfungen des großen Landsmannes Albrecht Dürer,

der ja ganz vor kurzem erst die Lagunenstadt verlassen und dem der

Altmeister Bellini die unverhohlenste Bewunderung gezollt hatte?

Daß Tizian und Dürer sich persönlich kennen gelernt hatten, kann

bei dem Aufsehen, das die Arbeiten des deutschen Malers in Venedig

erregten, wohl keinem Zweifel unterliegen, wenn auch in Dürers

erhaltenen venezianischen Briefen Tizians Name nicht genannt wird.

Dem Wetteifer mit Dürers Kunst schreibt eine Erzählung, die zwar erst

im XVII. Jahrhundert aufgezeichnet wurde, aber sich auf glaubhafte

mündliche Überlieferung stützte, die Entstehung einer der vollendetsten

Schöpfungen Tizians zu. Bei einem Besuche von vornehmen Deutschen in

Tizians Werkstatt, so heißt es, zeigten diese sich nicht so entzückt

von dessen Werken, wie man erwartet hatte, und auf Befragen gestanden

sie den Freunden des Künstlers, daß sie weder diesen, noch irgend

einen anderen italienischen Maler jenes höchsten Maßes von Durchbildung

für fähig hielten, das ihren Landsmann Dürer auszeichnete. Darauf

soll Tizian gesagt haben, „wenn er die äußerste Durchbildung für

das wahre und letzte Ziel der Vollendung hielte, dann würde auch er

in Übereinstimmung mit der Ansicht jener zu Dürers Übermaß gekommen

sein; aber weil sein eigenes, durch langes Studium und fortgesetzte

Arbeitserfahrung hinreichend gekräftigtes Urteil ihn, gemäß der von

der schönen Natur und den besten Kunstwerken ausgeübten Einwirkungen,

zu der Erkenntnis gebracht hätte, daß er bei seiner Art zu malen als

der der Wahrheit mehr entsprechenden bleiben müsse: so halte er es

nicht für angezeigt, den breiteren und sicheren Weg zu verlassen, um

den ungewissen und von Mißerfolgen bedrohten einzuschlagen; dennoch

wolle er bei der ersten seinem Geschmacke zusagenden Gelegenheit, die

sich bieten würde, zeigen, daß er auch imstande sei, etwas mit vollem

Kunstfleiß in Gestalt und Zubehör durchzubilden und auch einmal etwas

ganz fein zu machen, ohne im Übermaß durchzugehen.“ Das Ergebnis dieses

Entschlusses soll das jetzt in der Dresdener Galerie befindliche

Gemälde gewesen sein, das unter der Benennung „der Zinsgroschen“

bekannt ist.

[Illustration: Abb. 14. +Der Triumphzug des Glaubens.+

Holzzeichnung, geschnitten von Andrea Andreani.

1. Blatt (Schluß des Zuges): Die heiligen Bekenner und Märtyrer.]

Dieses Bild ist in der That etwas in jeder Hinsicht Vollkommenes.

Gegenstand der Darstellung ist die Zurückweisung der an den Heiland

gerichteten Pharisäerfrage, ob es erlaubt sei, dem Kaiser Zins zu

zahlen. Das Gemälde enthält nur das zum Aussprechen des Gedankens

unbedingt Notwendige: von Christus sieht man etwas weniger als die

halbe Figur, von dem Pharisäer, der ihm die Münze zeigt, nicht viel

mehr als das Gesicht und die Hand mit dem Geldstück (Abb. 13). Tizian

hat sein Wort gehalten. Er hat hier alles mit der äußersten Vollendung

der Einzelheiten durchgeführt. Aber er hat alle Einzelheiten der

natürlichen malerischen Gesamterscheinung unterzuordnen gewußt. So

wirkt das Haar, von dem das Christusantlitz eingerahmt ist, als eine

ruhige dunkle Masse; aber in der Nähe erkennt man die einzelnen lose

heraustretenden Härchen. So sind die Kleinigkeiten von Formen und

Farben, welche die Haut beleben, alle vorhanden, ohne daß dadurch die

große, einfache Wirkung des Fleischtons beeinträchtigt würde. Aber

nicht nur als eine Leistung des größten malerischen Könnens ist das

Bild das Wunderwerk, als das es zu allen Zeiten angesehen worden ist.

Auch in tieferem Sinne hat Tizian gezeigt, daß er den Vergleich mit

dem deutschen Meister herausfordern dürfe. Er hat sich mit ganzer

Seele in den Inhalt der Darstellung versenkt und hat diesen ganzen

Inhalt in klarster, schönster Kennzeichnung zum Ausdruck gebracht. Die

heimtückische Verschmitztheit des Fragestellers, sein schleichendes

Herandrängen, und die göttliche Ruhe, die hoheitsvolle Überlegenheit

des Heilands, die bestimmte und doch so vornehm leichte Bewegung, mit

der seine Hand die Gegenfrage: „Wessen ist das Bild?“ begleitet, --

das alles spricht so klar und deutlich, wie es nur jemals höchster

Kunst möglich gewesen ist. Und mit welcher erhabenen Einfachheit hat

der Künstler das alles zum Ausdruck gebracht! Dabei die wunderbare

Durchführung des Gegensatzes der Charaktere in jeder Form der beiden

Köpfe und der beiden Hände! -- Es ist wohl begreiflich, daß ein

Gesandter Karls V. beim Anblick dieses Bildes laut sein Erstaunen

darüber aussprach, daß es einen Maler gebe, der so mit Dürer zu

wetteifern imstande sei. Der Gesandte dachte selbstredend nicht an

Dürers Formenäußerlichkeiten, sondern an das Wesen von dessen Kunst.

Und ein Wehen von Dürers tiefem Geist hat Tizian verspürt, als er

dieses Werk schuf. Daß er bei allem anderen seine Farbenkunst nicht

vergaß, daß er die verschiedenartigen Fleischtöne und Haarfarben,

das Rot des Rockes und das Blau des Mantels in der reinsten Harmonie

zusammenklingen ließ, versteht sich von selbst.

[Illustration: Abb. 15. +Der Triumphzug des Glaubens.+

Holzzeichnung, geschnitten von Andrea Andreani.

2. Blatt: Der heilige Stephanus als der Anführer der Märtyrer; die

heiligen Bischöfe; die Apostel; Johannes der Täufer.]

Vasari sah den „Zinsgroschen“ im Arbeitszimmer des Herzogs von Ferrara.

Ob der Herzog Alfonso d’Este, für den später Tizian eine ganze Anzahl

von Bildern malte, der Besteller des Gemäldes war, oder ob er dasselbe

als ein fertiges, von dem Künstler aus eigenem Antrieb gemaltes Werk

erwarb, darüber fehlen die Nachrichten. Nach Dresden ist das Bild im

Jahre 1746 als ein Bestandteil der von König August III. dem Herzog

Francesco d’Este abgekauften modenesischen Sammlung gekommen.

Den Christuskopf, den Tizian hier geschaffen, hat er ein anderes

Mal in der Seitenansicht wiederzugeben versucht, in einem Gemälde,

das lediglich das Brustbild des Erlösers auf einem landschaftlichen

Hintergrunde zeigt. Das Gemälde, das dem „Zinsgroschen“ keineswegs an

Vollendung gleichkommt, befindet sich in der Sammlung des Pittipalastes

zu Florenz.

Das tiefe religiöse Gefühl, das aus Tizians Christusbildern spricht,

offenbart sich mit besonderer Kraft in einem Werk, das unter den

Arbeiten des großen Malers eine vereinzelte Stellung einnimmt. Es ist

eine Folge von Holzschnitten, die sich zu einem zusammenhängenden

Ganzen aneinander reihen. Nach dem Vorbild von Mantegnas berühmtem

Triumphzug Cäsars ist hier der „Triumphzug des Glaubens“ dargestellt.

Der Triumphator ist Christus, die Evangelisten ziehen seinen Wagen.

Voraus schreiten die Stammeltern des Menschengeschlechts, die Väter

des alten Bundes, die Propheten und die Sibyllen. Hinter dem Wagen des

Erlösers folgt das Heer der christlichen Heiligen (Abb. 14-18). -- Nach

Vasaris Angabe brachte Tizian diese Holzschnittfolge im Jahre 1508 an

die Öffentlichkeit.

Die nämliche Darstellung soll Tizian an die Wände des Zimmers gemalt

haben, das er in Padua bewohnte, als er dort längere Zeit verweilte.

Im Jahre 1511 nämlich hatte er in dieser Stadt eine Anzahl von

Freskogemälden auszuführen.

[Illustration: Abb. 16. +Der Triumphzug des Glaubens.+

Holzzeichnung, geschnitten von Andrea Andreani.

3. Blatt: Christus als Triumphator; der Wagen gezogen von den vier

lebenden Wesen, welche die Evangelisten versinnbildlichen, an den

Rädern die vier großen Kirchenväter.]

Es handelte sich um die Ausschmückung der „Scuola del Carmine,“ des

jetzt als Taufkapelle dienenden Raumes neben der Karmeliterkirche,

welcher der Versammlungsort der zu dieser Kirche gehörigen Bruderschaft

war, und der „Scuola del Santo“, des Bruderschaftssaales der St.

Antoniuskirche. Tizian bediente sich bei diesen Arbeiten, die nur mäßig

bezahlt wurden, der Beihilfe eines von ihm gedungenen, wahrscheinlich

in Padua einheimischen Malers. Von den Freskobildern in der Scuola

del Carmine, deren Inhalt die Lebensgeschichte der Jungfrau Maria

ist, rührt nur eines von Tizian selbst her. Es hat die Begegnung von

Joachim und Anna an der Pforte des Tempels zu Jerusalem -- nach der

alten Legende von den Eltern Marias -- zum Gegenstand. Die beiden alten

Leute, die sich nach langer Trennung wiedersehen, schauen einander

mit freudiger Bewegung ins Gesicht. Ihre Gestalten und diejenigen

von ein paar Zuschauerinnen heben sich farbig von den hellen Tönen

der Marmorarchitektur des Tempels ab. Seitwärts von der Hauptgruppe

kniet einer der Hirten, bei denen Joachim die Zeit seiner Abwesenheit

verbracht hatte. Hinter dieser Figur dehnt sich eine Hügellandschaft

unter heller Luft aus; man sieht die weite Straße, auf der Joachim

hergewandert ist. -- Daß das Bild mit einer gewissen Eilfertigkeit

hingestrichen ist und daß die Ausarbeitung mancher Einzelheiten dem

Gehilfen überlassen war, läßt sich nicht verkennen. Dennoch ist es ein

schönes Bild, dessen mit wenigen Tönen hergestellte malerische Wirkung

durch die schlechte Erhaltung zwar beeinträchtigt, aber doch nicht

zerstört worden ist. Die Hand von Tizians Gehilfen allein erkennt man

in dem daneben befindlichen Bilde. Campagnola, so hieß der Gehilfe --

hat hier sozusagen von derselben Palette gemalt wie sein Meister. Aber

seine Arbeit erscheint nur als eine Zusammenstellung von Einzelheiten,

die teilweise ganz schön sein mögen; das Tiziansche Bild dagegen ist

eine aus dem Ganzen gestaltete Schöpfung, ein Stimmungsgedicht.

[Illustration: Abb. 17. +Der Triumphzug des Glaubens.+

Holzzeichnung, geschnitten von Andrea Andreani.

4. Blatt: Die Propheten und Sibyllen.]

[Illustration: Abb. 18. +Der Triumphzug des Glaubens.+

Holzzeichnung, geschnitten von Andrea Andreani.

5. Blatt: König David, Propheten und Patriarchen, Moses, Noah, die

Stammeltern.]

[Illustration: Abb. 19. +Der heilige Antonius läßt ein unmündiges

Kind reden.+

Freskogemälde in der Scuola del Santo zu Padua.

(Nach einer Originalphotographie von Gebr. Alinari, Florenz.)]

[Illustration: Abb. 20. +Der heilige Antonius heilt einen

Jüngling.+

Freskogemälde in der Scuola del Santo zu Padua.

(Nach einer Originalphotographie von Gebr. Alinari, Florenz.)]

Tizian · 第 1 / 12 段