Und der Rat dachte: »Die kommt mir nicht wieder!«

»Ja, Kummerfelden,« rief der Apotheker lachend, »was ist mir denn

das? Wie sitzt denn Ihre Haube und weshalb sind Sie denn so

umhergesprungen? -- Ich habe Sie ja springen sehen.«

Die Kummerfelden fuhr mit beiden Armen nach ihrer Haube, die saß ganz

miserabel; aber sie konnte nicht antworten, die arme Kummerfelden,

denn sie war völlig außer Atem und wollte das nicht merken lassen.

Ihr gutes, menschenfreundliches Herz schlug nach dem Dauerlauf zum

Zerspringen.

»Na, Kummerfelden,« sagte der Apotheker wieder, »was ist mir denn das?

Ist Ihnen denn ein Spuk begegnet -- oder -- oder wie wär's denn mit

noch einem Gläschen?«

Da traf ihn aber ein entrüsteter und würdevoller Blick der alten, guten

Dame.

»Ich verbitte mir das, ich verbitte mir das!« Das rang sich ihr

mühselig aus der Brust. »Mich hat eine Katze erschreckt!«

»Aber so zu springen! -- Ich habe Sie ja gesehen.« Der Apotheker

bekräftigte ganz gewaltig, daß er sie gesehen, und stützte die beiden

fetten Händchen auf die runden Beine.

»Nun, dann hat Er mich eben gesehen!« antwortete sie ärgerlich und nach

Luft schnappend.

Jetzt kam die Rätin dazu, und die Kummerfelden legte die Hände ihr auf

die Schulter und schaute sie an mit einem Paar so großer, mitleidvoller

Augen, wie man die Frau möglicherweise in der Sterbestunde ihres Mannes

ansehen würde.

Die Kummerfelden that es so ausdrucksvoll, denn ihr Mienenspiel war

durch ihre schauspielerische Laufbahn gelenkiger geworden als andern

Leuten ihres.

»Na, Kummerfelden, was haben Sie denn?« sagte die Rätin ganz betroffen.

* * * * *

Mittlerweile aber wanderte der Herr Rat wieder mit einem weiblichen

Wesen im Garten auf und nieder, und wieder kamen sie in die Nähe des

Mühlbachs, in die tiefste Dunkelheit hinein, und wieder packte der Rat

sein Opfer. Aber diesmal hatte er sich schon mehr gefaßt als bei der

Kummerfelden, da war er nicht Herr seiner Bewegungen gewesen, hatte

eine unsinnige Angst angestanden, so daß die doch gewiß erfahrene

Kummerfelden über das, was sich zwischen ihr und dem Rat abgespielt

hatte, im unklaren geblieben war. Diesmal war kein Zweifel. Er hatte

die kleine Mamsell Muskulus regelrecht auf den Mund geküßt, war aber

statt auf den Mund in den Mund geraten, denn sie hatte ihn vor Schreck

weit aufgesperrt.

Er aber korrigierte eifrig diesen Zwischenfall und küßte sie ein

paarmal tüchtig auf die Wangen, so daß ein Zweifel gar nicht mehr

aufkommen konnte.

»Ach, Herr Rat -- ach, Herr Rat --« lispelte die kleine Mamsell

verschämt, und der Herr Rat fühlte einen Augenblick ihren Kopf und die

große weiche Perücke an seiner Brust ruhen. Die kleine Mamsell war ganz

überwältigt, fühlte vorderhand gar nichts weiter, als daß sie geküßt

worden war, und dies Gefühl durchströmte sie wie eine neue Lebensquelle.

Der Herr Rat hatte gemeint, sie würde nun auch die Kleider

zusammennehmen und davonstürzen wie die Kummerfelden, und es wurde ihm

sonderbar, als dies nicht geschah. Die Muskulusen wandelte mit ihm auf

und nieder in der tiefen Dunkelheit, und er fühlte, wie sie nach seiner

Hand tastete, sie erfaßte und lispelte, daß man stark sein müsse, daß

sie ihm von jeher sehr ergeben sei -- aber ebenso seiner Gemahlin, und

daß sie wisse, was sie dieser vortrefflichen Frau schuldig sei. Mamsell

Muskulus sprach wohlgesetzt und tiefbewegt und wurde dem Herrn Rat sehr

unbequem, so daß er sich beeilte, sie wieder in die Nähe der Leute zu

führen.

Sie ließ sich auch von ihm führen, wohin er wollte. Und als sie in

den Schein der Windlichter traten, bemerkte der Rat, daß Mamsell

Muskulusen einen ganz verklärten Ausdruck hatte.

Aber ohne zu denken, stürzte er sich wieder auf eine andre; diesmal

jedoch war er an die Adele Schopenhauer geraten, da war's ihm angst und

bange dabei; er beschränkte sich darauf, ihr am Mühlbach die Hand zu

küssen und die Wange zu streicheln, und es war ihm zu Mute, als hätte

er sich diese Freiheiten gegen Pallas Athene selbst herausgenommen.

Die junge Adele donnerte ihn nieder mit einer Hoheit und

schriftstellerischen Gewandtheit, die ihn verblüffte und erschreckte,

und in wahrer sittlicher Empörung verließ sie den verblüfften Rat am

Mühlbach und wandelte ruhig gemessen ihres Weges.

»Der Teufel auch,« dachte der Rat; aber er war nun einmal ein ganzer

Mann, und wenn er eine gute Idee ausgeheckt hatte, so mußte die auch

durchgeführt werden, und so stürzte er sich wie ein Tiger wieder auf

ein Frauenzimmer -- und wieder auf eins -- und wieder auf eins -- und

wieder auf eins, wie rasend, und wurde ganz gelenkig dabei, spitzte die

Lippen mit einer wahren Virtuosität und wütender Zärtlichkeit, denn

seine Wut hatte sich gewissermaßen in Zärtlichkeit verwandelt.

Jetzt kam ihm eine junge, bescheidene Frau in die Arme gelaufen, die

kleine Frau Egidi. Die stieß aber solche Jammertöne aus, daß es dem Rat

erst recht angst wurde.

»Ach mei' Mann -- mei' Mann! -- Was wird mei' Mann sagen!« rief

sie laut und ängstlich, so daß der Rat fürchtete, sie würden alle

zusammenlaufen, und daß er von ihr fortstürzte und sie verblüfft stehen

ließ.

Da liefen aber dem Mord- und Kußlustigen gerade noch die Ratsmädchen

in die Quere. »Diese Krabaten!« dachte er, denen kann's nicht schaden,

wenn ich sie ein bißchen erschrecke, die brächte ich mir gern vom Hals.

Sie waren wie immer beide zusammen, und als sie dem Rat begegneten,

gingen sie mit ihm, und er machte kurzen Prozeß und gab jeder einen

gehörigen Schmatz, der die Ratsmädchen aber durchaus nicht erschreckte;

sondern sie hakten sich in seine Arme ein, äußerst vertrauensvoll,

und Röse bog sich hinter dem Rücken des Rats zu ihrer Schwester Marie

hinüber und flüsterte: »Du, der scheint uns ja doch gewogen, da können

wir uns ja ganz gehörig über die Stachelbeeren hermachen. Ich habe doch

immer gedacht, er kann uns nicht leiden.«

* * * * *

Inzwischen hatte sich aber in der Gesellschaft vor dem Gartenhäuschen

etwas Sonderbares abgespielt: es war, als hätten die vortrefflichen

Würste und der gute Hausmuff ihre Kraft verloren, als wäre nur alles

eine Art Luftspiegelung gewesen und als hätten die Gäste der Frau Rat

noch gar nichts im Magen. Es mußte mit den Leuten etwas geschehen sein.

Der Frau Rätin war so etwas noch nie vorgekommen, die erschien sich wie

verraten und verkauft unter ihren guten Freundinnen.

Mit der Kummerfelden hatte es angefangen, die hatte mit einem Male so

ein Paar närrische Augen gemacht, als wäre der Geist der Verwirrung in

sie gefahren, dann war mit einem Male die Muskulusen aufgetaucht wie

eine Trauerweide. Die Schopenhauers hielten mitten in der Gesellschaft

über irgend etwas geheimnisvoll Familienrat, und überhaupt tuschelte

man überall miteinander.

»Was ist denn nur, was haben denn die?« sagte der Apotheker ganz

verblüfft zur Rätin.

Die junge, bescheidene Frau Egidi saß da, als hätten ihr die Hühner

das Brot gefressen. Wie schon gesagt, mit allen war es mit einem Male

nicht richtig. Es lag eine drückende, schwüle Stimmung über der ganzen,

sonst nach vollbrachter Mahlzeit so überaus heiteren Lawine, und auf

die Rätin fielen manchmal unerklärliche Blicke, so etwa, als hätten

in einem Kaufmannshaus die Gäste früher von dem Bankerott des Mannes

erfahren als die Hausfrau und betrachteten sie sich daraufhin.

Der armen Rätin wurde es wirklich ganz bänglich zu Mute -- und wo

steckte denn nur ihr Mann --?

»Aber Gustävchen!« rief sie in die Dunkelheit hinein, als es ihr immer

unheimlicher wurde unter ihren Gästen. Und als der Rat endlich kam, da

war der Höhepunkt der unerklärlichen peinlichen Stimmung erreicht, da

erhoben sich die Schopenhauers, Mutter und Tochter, und verabschiedeten

sich eisig und gingen, von dem Sohn begleitet, als wendeten sie

gefallenen und verkommenen Menschen den Rücken, und mit Schopenhauers

brachen alle plötzlich auf -- und fort waren sie. Apothekers gingen

auch mit, denn eins zieht nun einmal das andre nach sich.

Und im dunklen Garten befanden sich alsbald nur noch der Rat, die ganz

verblüffte Rätin, Kathrine und die Waschfrau.

* * * * *

So aber blieb es nicht nur an diesem Abend und nicht nur im Garten. Der

Rat, die Rätin und Kathrine lebten mit einem Mal im Haus am Markt wie

auf einer einsamen Insel; keine Katze kam zu ihnen, denn die Weimaraner

Damen waren, wie der Rat richtig berechnet hatte, sehr tugendhaft. Die

Rätin und Kathrine wurden ganz tiefsinnig vor Grübeln. Der Rat aber

ging jetzt unbehelligt in seinen Garten und wirtschaftete dort wieder

im Flausrock. Den ersten und zweiten Tag kümmerte es ihn wenig, daß er

bemerkte, wie ein paar Bekannte ihm ganz augenscheinlich aus dem Weg

gingen.

Er wurde vom Hochgefühl getragen, wie es eine gelungene

wissenschaftliche Arbeit ihm sonst einflößte. Diesmal aber hatte er

auch auf einer Seite, wo er sonst immer Niederlagen erlitt, Triumphe

gefeiert, und außerdem sah und hörte er nichts weiter.

Im Garten harkte er über die tiefen Fußspuren, die die Kummerfelden

in seine Beete gedrückt hatte, warf die zertretenen Salatköpfe auf den

Komposthaufen und ordnete alles, was seine gute Idee angerichtet hatte.

* * * * *

Aber nach und nach wurde es ihm selbst ungemütlich. Das Haus am Markt

wurde so stille wie ein Grab; seine Frau saß in sich gekehrt, war stumm

und bedrückt zu jeder Tageszeit, und ihre großen, runden Augen schauten

immer fragend die Wände an.

Eines schönen Abends begegnete er Mamsell Muskulus, die ihn ganz

eigentümlich anblickte, gerade so, als wenn sie wieder Appetit

hätte. Der Rat aber machte lange Schritte und schüttelte sich in der

Erinnerung an die Strapazen, die er durchgemacht hatte.

Zu Hause wurde die Stimmung immer schwüler, immer bänger. Er fand

jetzt seine Frau mit rotgeweinten Augen. Sie war ganz hilflos, ganz

verwirrt. Im Herrn Rat regte sich etwas -- er wußte selbst nicht recht

was, etwas Unbequemes, Fatales. Das Essen schmeckte ihm nicht mehr. Er

ertappte sich darauf, daß er die Einsamkeit seines schönen Gartens gar

nicht so oft aufsuchte, als es das Opfer, mit dem er diese Einsamkeit

erkauft hatte, verdient hätte; er saß mit etwas Aehnlichem, wie einem

schlechten Gewissen, oben in der Studierstube, und wie ihn früher der

Lärm gestört hatte, so störte ihn jetzt die Stille.

Auch von Apothekers ließ sich niemand blicken. Das Vertreibungsmittel

hatte ganz niederträchtig gewirkt.

Eines schönen Nachmittags zur Kaffeestunde schellte es und Madame

Kummerfelden kam. Die Rätin ging ihr ganz betreten entgegen. Und Madame

Kummerfelden kam feierlich, setzte sich aufs Kanapee und fragte nach

dem Ergehen und sprach auch vom Wetter, was sie sonst nicht zu thun

pflegte, und schließlich legte sie wieder die beiden Hände auf Frau

Rats Schultern und schaute sie wieder so verdächtig mitleidig an, wie

damals im Garten, daß es der Rätin eiskalt den Rücken hinunterlief --

und dann kam die ganze Pastete von Anfang bis zu Ende -- alles, was

geschehen und nicht geschehen war, was gesagt und nicht gesagt war,

mitsamt dem ganzen Klatsch von Beteiligten und Nichtbeteiligten -- und

daß die Schopenhauern keinen Schritt mehr ins Haus setze und daß die

junge Frau Egidi gesagt habe, ihr Mann werde ihn fordern, und daß er

selbst die harmlosen Ratsmädchen geküßt habe, was sie in aller Unschuld

erzählt hätten -- und daß er sie, die Kummerfelden, auch geküßt habe

auf eine ganz wütende Weise, so daß sie es gar nicht für Küssen

gehalten, sondern gemeint habe, daß er sie in den Mühlbach habe werfen

wollen, und daß er tollwütig geworden sei -- und daß die Rätin es sich

nicht allzusehr zu Herzen nehmen solle, da es nun einmal geschehen und

man im allgemeinen alles und jedes von jedem Mannsbild zu gewärtigen

habe, daß ein Mannsbild immer eine Bestie sei, es möge sich stellen,

wie es wolle -- und daß sie, die Kummerfelden, von den Mannsbildern

überhaupt nichts halte, was sie auch trieben.

Jedenfalls stehe der Scheidung wohl kaum mehr etwas im Wege, Zeugen

haben sie die Hülle und Fülle, und das sei in solchem Fall von größtem

Wert.

Von der Muskulus sagte die Kummerfelden kein Sterbenswörtchen, denn die

Muskulusen hatte die ganze Zeit über niemand gesprochen, die hatte sich

mit ihren Liebesgefühlen in ihre Dachkammer zurückgezogen und wußte

davon noch gar nichts, daß sie ihre Küsse mit einem Dutzend Schwestern

zu teilen hatte.

»Aber,« sagte die Kummerfelden, »der Herr Rat. -- Mein Gott, für die

Ehrbarkeit selbst hätte man ihn halten sollen, so ein gescheiter,

gelehrter Mann! -- Es ist wie ein böser Traum.«

Die Kummerfelden hatte immer allein gesprochen, und die arme Rätin saß

ganz bewegungslos da, starr und steif, und ihre großen runden Augen

fragten die Wände um Aufklärung. Sie verstand nichts recht, sie war

ganz auseinander -- ganz wie zertreten. Ihre Gestalt fiel zusammen, als

würden ihr die Knochen weich und könnten das langgewohnte Fleisch- und

Fettpolster nicht mehr aufrecht tragen, -- und in diese Situation trat

völlig unvermutet, leidlich harmlos der Herr Rat -- und wurde von der

Kummerfelden wie ein Begrabener und Auferstandener angeblickt -- und

von seinem Weibe wurde er gar nicht angeblickt -- und zum erstenmal in

ihrem Leben kam jetzt kein »Aber Gustävchen!« über ihre Lippen. Sie war

verstummt. Und so saßen und standen sich die drei gegenüber.

Dem Rat fiel es wie eine Zentnerlast auf die Seele, als er in die

richtenden Augen der Kummerfelden gesehen hatte. -- Das waren Augen,

wie sie nur auf einem ganz Gesunkenen ruhen konnten -- und da die

Kummerfelden eine mutige Frau war, so prasselte von neuem alles

Gesagte und Nichtgesagte, alles Geschehene und Nichtgeschehene, alles

Beschworene und Beschlossene auf das unglückliche Paar los. --

»Ja, aber Madame Kummerfelden, so ist ja denn das aber doch gar nicht!«

rang es sich protestierend aus der Kehle des Herrn Rats los -- und nun

fing der Rat an zu erklären -- und predigte erst tauben Ohren -- aber

so nach und nach taute bei der Kummerfelden die sittliche Entrüstung

auf und sie schaute den Rat an -- und in ihren alten lustigen Augen

blitzte es auf. Das waren wieder die Augen der Kummerfelden, die

Kirchenfenster, mit denen sie den verworfenen Rat angeschaut hatte,

mochten nur so eine Art Kraftleistung gewesen sein. --

»Also erschrecken haben Sie die Frauenzimmer gewollt -- haben

gemeint, mit Küssen lassen sich Frauenzimmer vertreiben -- na ja --

gewissermaßen in gewissen Fällen schon. Freilich, wenn Sie sie alle

so geküßt haben wie mich -- dann glaub' ich's schon eher -- dann

schon. Aber wer küßt denn auch so! Großer Gott, nicht einmal küssen

kann so ein gelehrtes Mannsbild! Wundert mich nur, daß es die andern

schließlich für das genommen haben, was es hat sein sollen -- wundert

mich.«

Die Kummerfelden kam in allerbeste Laune.

»Aber daß ich auf so etwas nicht gekommen bin, ich alte Gans!« rief sie

ein Mal über das andre Mal, »daß ich mit den andern Weibsbildern Ach

und Weh geschrieen habe! Ei, ei, ei, ei, das ärgert mich aber!«

Und jetzt that sich die Thür auf, und Kathrine brachte die blinkende

Kaffeekanne auf dem strahlenden Präsentierteller und Kuchen und Tassen

und das Zuckerdöschen.

Und mit einem Schlag war es wieder, wie es immer gewesen, urgemütlich,

und auch die Erstarrung der armen niedergedrückten Rätin löste sich --

und das erste Zeichen eines normalen Zustandes war das, daß ein ganz

unglaublich betontes »Aber Gustävchen!« ihr über die Lippen kam. -- Und

darüber lachte die Kummerfelden wieder so herzlich, wie nur sie lachen

konnte.

Und wie es die Kummerfelden gesagt, die Geschichte, auf welche Weise

der Herr Rat seine Gäste aus dem heimlich gekauften Garten hatte

vertreiben wollen, kam ganz gehörig in Weimar herum und wurde bei Hof

erzählt und bei Excellenz Goethe und bei den Bürgersleuten, überall.

-- Die Weimaraner von damals verstanden einen Spaß zu würdigen, der

Herr Rat stieg in aller Achtung, die kleinen Leute hatten überhaupt

Vertrauen zu ihm und ließen sich nun bei jeder Gelegenheit von ihm

beraten, brachten ihm ihr Erspartes und fragten ihn, was sie ihre Söhne

werden lassen sollten.

Und wer in den Tagen, als die Geschichte, wie und weshalb der Herr Rat

die Frauenzimmer geküßt hatte, herumgekommen war, seinen Spaziergang

machte, der ging hinaus, um sich den Garten des Herrn Rat Tiburtsius

wenigstens durch die Bretter genau anzusehen, und die guten Freunde

und Bekannten, die strömten nur so ins Haus und in den Garten, um zu

zeigen, daß sie in keiner Weise etwas gegen den Herrn Rat hätten,

und in dem alten Garten, ganz wie es der Herr Rat an jenem Abend

vorausgesehen hatte, fanden nun wirklich Feste über Feste ohne Ende

statt -- Versöhnungsfeste.

Und der Herr Rat dachte, daß man ein sehr gelehrter Mann sein und doch

dem Leben gegenüber ein rechter Esel bleiben könne -- und daß selbst

dem gescheitesten Manne die Frauenzimmer immer über sind und über sein

werden, denn es änderte sich trotz aller seiner Schlauheit gar nichts

-- nicht das Geringste im Leben des Herrn Rat Tiburtsius.

Wie die Enkelin der Ratsmädel zum Blaustrumpf wurde.

Das ist so zugegangen. Sie dachte weder an Gott und die Menschen,

fühlte weder Unruh' noch Erregung, weder Hoffnung noch Verzagen,

aber hatte eine Art Zuversicht und wußte wohl weshalb. Ein günstiges

Schicksal umgab sie wie ein Zauber, und sie sah den Dingen, die da

kommen sollten, mit einem köstlichen Herzensfrieden entgegen.

An nichts glaubte sie so fest wie an diesen Zauber, dessen Kern fürs

erste auch nicht verraten wird, denn, wer weiß, vielleicht steht sie

noch unter dessen Schutz -- und Schweigen ist eben bei jedem Zauber die

Hauptsache.

Mit welcher Harmlosigkeit, so erzählt die Enkelin selbst, ließ ich

es zu, als junges Ding, daß meine ersten Arbeiten gedruckt wurden;

hatte mich nicht darum bemüht, nichts deshalb versucht, ein Zufall

brachte es zuwege, ein Zufall machte mich zum Blaustrumpf. Von der

schwerwiegenden, wenig schmeichelhaften Bedeutung dieses Wortes ahnte

ich nichts -- nicht das Geringste.

Ich und Blaustrumpf! Zum Lachen!

Ich fühlte mich so froh -- so unbedacht!

Was ich that, das war gethan -- das stand mit dem, was andre thaten, in

keiner Verbindung. Ich empfand mich als Wesen für sich und verglich

mich ein für allemal nicht mit andern.

Ich las über meine in die Welt geschickten Träume viel Gutes -- und

wunderte mich.

Unzufriedenes natürlich auch, -- selbstverständlich.

Das Gute freute mich; man hört sich gern loben, das stärkt die

Persönlichkeit.

Die Unzufriedenen hab' ich daraufhin betrachtet, ob sie mir in irgend

etwas helfen könnten, ob sie belehren könnten; als ich aber sah,

welcher Wirrwarr daraus entstehen würde, wenn ich auf alle hören

wollte, da kein Urteil mit dem andern übereinstimmt, so ließ ich Gutes

und Böses bald friedlich liegen und dachte: Auf wen soll man hören?

Auf was soll man hören? Der eine hebt, was der andre sagt, gewöhnlich

wieder auf mit dem Gegenteil, und der Dritte wieder, was der Zweite

sagt. Und was ist nun das Rechte? Wer ist nun der Vortreffliche, von

dem man sich überzeugen lassen soll?

In einem Hefte der »Kunst für Alle« sind reizvolle Wandgemälde eines

eigenartigen Künstlers aufgenommen und entsprechend gewürdigt.

Auf dem einen dieser Bilder ist in Gestalt eines dunkelhaarigen

Mädchens die Wissenschaft dargestellt, die auf einem Sessel zwischen

ihren Emblemen sitzt und einer allerliebsten Gesellschaft einen Vortrag

hält.

Hinter ihr steht gravitätisch auf langen Beinen ein Marabustorch, das

Symbol der Weisheit.

Was aber haben seine langen Beine und der spitze Schnabel dem Marabu

genutzt? Gar nichts.

Denn der Besprecher der Gemälde hat sich in die Seele des Künstlers

vertieft und hat gefunden, daß der Künstler mit einem vortrefflichen,

sachgemäßen Humor eine Löffelgans hinter diese weibliche Wissenschaft

gesetzt hat.

Was konnte er Besseres tun?

Wie stimmt das alles!

Wie ist Idealität und Realität hier glücklich verbunden! Wissenschaft

personifiziert als weibliche Figur! Lehrend! Was wird sie lehren? Die

Löffelgans hinter ihr gibt die Würdigung dessen, was sie lehrt.

Der Kritiker ist entzückt und phantasiert sich weiter in die

Intentionen des Künstlers hinein.

Er empfindet in der Tiefe seines eigenen Gemütes, wie der Künstler

sich feinsinnig nicht mit einer einfachen Gans begnügt hat, die ja

vollkommen genügt hätte, den Wert eines Frauenzimmers auszudrücken.

Durch des Kritikers Hirn bewegen sich allerlei übereinstimmende Dinge.

Er nimmt an, der Künstler habe etwas von Küche, Löffel, »Löffelgans«,

Weib, Blaustrumpf, Wissenschaft sagen wollen. -- Solches beweist, daß

dem Marabu seine langen Beine und sein spitzer Schnabel nichts nutzen,

wenn der Kritiker seine Augen und sein Verständnis schon auf die

Löffelgans gespitzt hat.

Der Künstler ist in diesem Fall nicht schuld an der Täuschung, sein

Marabu ist ein echter, guter Marabu, gegen den sich nichts sagen läßt,

und der nichts zu wünschen übrig läßt.

Bekanntlich ist ein Marabu schlank und langbeinig, und eine Löffelgans

dickgedrungen und kurzbeinig.

Das thut aber nichts, es bleibt dabei: der langbeinige Marabu ist eine

kurzbeinige Löffelgans.

»Marabu,« sagt der Künstler.

»Löffelgans,« schreit der Herr Kritiker und behält natürlich in den

Augen aller Einsichtigen recht.

»Also die Löffelgans,« so argumentiert der Kritiker weiter, »ist leider

verzeichnet, die Beine sind zu lang geraten, der Schnabel zu spitz, so

daß sie eine gewisse Aehnlichkeit mit einer Storchabart bekommen hat.«

»Aber lieber Herr, es ist ja keine Löffelgans!«

»Mein Bester,« erwidert jener, »das ist allerdings eine.«

Und so bleibt es und bliebe ein ewiger Kanon, wenn der Klügere nicht

nachgäbe.

Und es geschehen noch ganz andere Dinge.

Davon soll ein Künstler sich das Leben schwer machen lassen? soll nach

dem würdigen Schelten oder Loben seinem Marabu, den die Kritik zur

Gans umzaubert, künftighin kürzere Beine machen, soll betroffen und

zerknirscht sein und sich bessern?

Gottlob, daß man nicht so oft zerknirscht, so oft reuevoll, so oft

überzeugt ist, wie weise Ratgeber, getreue Freunde, kluge Kritiker es

wohl wünschen möchten!

Nun, da ich einige Worte über die weisen bösen Kritiker und Krittler

verraten habe, sieht es aus, als wäre mir sehr übel mitgespielt

worden; denn an nichts glaubt man so gern und so fest als an das

Schlimme, das einer von sich selbst spricht. Im ganzen ist es mir aber

unverdientermaßen gut ergangen. Das Beste, was ein Sterblicher von sich

sagen kann, denn mit dem »Verdientermaßen« sieht es gewöhnlich windig

aus; aber unverdient gut ergangen ist ein grenzenloser Spielraum für

alles Wünschenswerte.

Welche Freundlichkeit hab' ich erfahren! Wie hat Verständnis oft

wohlgethan! Welche liebenswürdigen Menschen hab' ich kennen gelernt!

Jetzt, da ich über meine eigene Person und das Leben dieser Person

etwas sehr unnötigerweise berichten will, ist es mir, als säße ich in

einem bequemen Wagen und führe leicht und behaglich dieselbe Strecke,

die ich einst mühsam und beschwerlich zurücklegte.

Aus diesem bequemen Wagen grüße ich sie alle, die mir mit warmem

Herzen wohlgethan, die es der Mühe wert hielten zu sagen: Sei unsres

Mitgefühls sicher, wir halten zu dir! Wir haben dich verstanden.

Ich begegne auch Leuten, die mir ganz besonders nahe bekannt sind, mit

deren Schicksal ich mich mehr, als es gut ist, beschäftigte.

Man soll aber vor der eignen Thür kehren und andre Leute ungeschoren

lassen.

Aber die Menschen sind ein thörichtes Geschlecht! Als ob die Welt nicht

Mühsal, Schrecken, Tod, Verzweiflung und Unsinn, Krankheit, Thorheit,

Lug und Trug, Lachen, Weinen, Spott, Härte, Freud und Leid, Liebe und

Haß, solch alles im Uebermaß brächte! Nein, die Menschen finden es

nicht genug!

Da sind welche, die, wie vom bösen Geist getrieben, glauben, es

sei unumgänglich notwendig, es sei ein Verdienst, wenn sie sich zu

den unzähligen Geschöpfen, die leibhaftig auf Erden sinnverwirrend

durcheinander wimmeln, noch welche hinzuträumen, hinzuklügeln.

Das, was Haut und Knochen hat, tagtäglich in Massen zu Grunde geht,

stirbt, neu entsteht im ewigen Wechsel, das genügt ihnen nicht; sie

schaffen mit Mühe, Begeisterung, Qual und Glück, mit ihrem Herzblut

Hirngespinste und sind entzückt, wenn diese den Gestalten gleichen,

die sie zu sehen gewohnt sind, und freuen sich ihrer eigenen Käuze,

die sie selbst geschaffen, ganz unbändig; sie erscheinen ihnen als

außerordentlich wichtige Personen.

Wer diese ihre Käuze lobt, den halten sie für einen vernünftigen,

weitherzigen Menschen.

Sie schaffen ihren Käuzen Schicksale, Ereignisse, lassen sie leiden,

beglücken sie, und wehe dem, der findet, daß sie dies nicht gerecht,

sachgemäß und vernünftig betreiben oder gar vergessen haben, über ihre

Käuze ein vollgerüttelt Maß zeitgemäßer Moral auszuschütten.

Wie ernst und eifrig wird dies Spiel betrieben -- tödlich ernst -- das

ganze Glück der wunderlichen Schöpfer hängt an dieser großen Thorheit.

Geraten die Käuze nicht, finden sie kein Gefallen, so ist der Urheber

dieser Käuze ein gelieferter Mann, verachtet, gebrochen, -- und wenn es

noch so ein gesunder, guter, braver Bursche wäre, mit tüchtigen Zähnen

und Armen.

Es ist eine Art Verrücktheit, »holder Wahnsinn« -- aber was auf Erden

ist nicht Wahn? Was auf der Welt thun wir, wobei uns nicht die Sinne

umnebelt und verwirrt sind von Vorurteilen, Gewohnheiten, Ueberkommenem?

Sehen wir in irgend einem Ding klar?

Können wir den eigentlichen Wert irgend eines Dinges beurteilen?

Gewiß nicht. Also frisch darauf los im Nebel! Uns braucht es nicht zu

kümmern. Wer einmal zu den Lebenden gehört, dem ist der Tod gewiß, und

was zwischen Geburt und Tod liegt, das macht sich wie von selbst.

Alles, was geschehen ist, geschieht oder geschehen wird, mag es

offenkundige Thorheit, oder scheinbare Weisheit sein, füllt das Leben

der Generationen aus, führt sie ihren Weg bis zum Vergehen, und keine

Thorheit ist Thorheit genug, daß sie nicht ein Menschenleben würdig

beschäftigen könnte, eins oder das Leben von Millionen.

Gut ist es, wenn man während des tollen Reigens, der durch das Leben

führt, zu dem Mode, Sitte, Vorurteil und Verwirrung den Takt geben,

einen ruhigen, praktischen Gedanken in Hirn und Herz halten kann, den

nämlich: »Es ist gut, einander zu helfen, es ist das einzige, was Wert

hat.«

Herzen und Werke, in denen dieser Gedanke zu spüren ist, mögen gelten.

Mir gefällt es auch, wenn einer seinen Käuzen, mit denen er nun einmal,

halsstarrig, wie er ist, die Welt bereichern möchte, wenn er diesen

Käuzen Sack und Pack voll Menschenliebe steckt.

Mir gefällt es, wenn einer im heiligen Glauben, Gutes zu thun, seine

Käuze ausschickt wie ein Meister seine Jünger. Ich bin jetzt scheinbar

weit abgekommen.

Aus meinem behaglichen Wagen also schaue ich nach allen Seiten und sehe

überall Leute, die mir sehr bekannt sind, was niemand nach dem eben

Gesagten Wunder nehmen wird, denn diese Leute sind meine geliebten

Käuze -- meine selbstgeschaffenen Gestalten, würde ein ästhetisch

Gebildeter sagen.

Da kommt ein armer Judenjunge und reicht mir die Patsche, ein gutes

Kerlchen; er hat nicht die übliche krumme Nase, oder vielleicht hat

er so eine. Er ist auch ein armes Bürschchen. Sein Herz kann das Böse

auf der Welt nicht ertragen, er wird davon zu mächtig gepackt. Salin

Kaliske habe ich ihn genannt.

Selbst ein sehr überzeugter Antisemit kann ihn ruhig seines Weges gehen

lassen, denn er ist ein kleiner Christusjudenmensch -- solch ein Kind,

wie unser Erlöser eines war.

Weshalb hab' ich ihn wohl nicht mit einer besonders krummen Nase

ausgestattet und mit der naturgeschichtlichen Geldgier? Weshalb bin ich

sparsam verfahren mit der Zuteilung der allbekannten Attribute?

Vielleicht hat dies mir Spaß gemacht; vielleicht hab' ich die Ansicht,

daß wir in dem lobenswerten Streben nach Wahrheit uns allzusehr mit

dem gröbsten Aeußerlichen begnügen, und mehr als je das Beste und

Wertvollste achtlos beiseite lassen.

Ich begegne weiter rechtem Gesindel, Leuten, die besorglich

wenig Anlage zu Würde und Vortrefflichkeit haben. Ein kräftiger,

lebensvoller, geprüfter Mensch geht dort, ein düsterer, grober Geselle,

der in der Todesstunde sich mächtig verliebt und sterbend den guten

Freund um die Braut bringt, der so kraftvoll und lebendig in den Tod

einzieht, wie andere auf Lebenshöhen nicht gehen.

Da läuft ein schönes Pärchen, ein leichtsinniges Mädel und ein

liebestrunkener Gesell, ein rechter Lump, der nicht begreifen kann,

daß seine unbeglückte Leidenschaft verklingen muß, der über seine

unglückliche Liebe tobt.

Kraft auf Kraft beginnt sich in ihm zu regen. Er möchte etwas leisten

und schaffen, seiner unerwiderten Liebe ein Denkmal setzen; doch ist er

unbegabt.

Er hat das mächtige Empfinden des Künstlers und nichts mehr. Aber er

schafft etwas in heiliger Einfalt aus sich selbst, aus seiner eigenen

Schönheit.

In dunkler Nacht im ernsten Klostergarten, im Mondschein am hohen Kreuz

hängt die göttliche Gestalt des Erlösers, lebenatmend, geisterhaft.

Davor in angstvollem Schauer das hübsche leichtsinnige Geschöpf, das

zitternd und erbebend vor dem Eindruck gewaltiger Leidenschaften die

dunklen verwachsenen Gartenwege zurückhuscht.

Dann begegne ich Leuten, verschiedenen Leuten, denen hab' ich auf die

Stirn geschrieben: Der Liebe ist Gerechtigkeit Sünde. Mit diesem für

diese Welt sehr thörichten Abzeichen müssen sie umherlaufen.

Dort wandern zwei lustige, schöne Mädchen, die Ratsmädel, die voller

munteren Streiche stecken, die ihr Wesen in Weimar treiben, zu Goethes

Zeit, und hinter ihnen her ziehen allerlei Personen aus Weimars

goldenen Tagen, die Rabenmutter, die alte Kummerfelden, die Leute

aus der Gassenmühle, Budang, der prächtige Bursch, das ehrbußliche

Weiblein, der blonde mächtige Förster mit seinen armen Töchtern, die

eine, die Anne, weiß, was es heißt, die Sünde der Welt auf sich nehmen,

mit eigenem Leid fremdes heilen, diese stille, große Anne! Und ihr

braver Bräutigam! Welche Menschengröße! Welche Menschenbeschränktheit!

Das sind nicht die Adelsmenschen des Genusses, die Raffinierten, aber

es sind die ganz Starken, die ganz Zuverlässigen.

Da kommt eine grenzenlos gemütliche Gesellschaft, schwachsinnig vor

Behagen. Das sind die verspielten Leute!

Vor denen nehmt euch in acht, schrecklich sind sie in ihrer

Gemütlichkeit, treten alles nieder, was hoch steht, flachen und

wetzen ab, was ihnen nicht paßt, ersticken alles mit ihrer wattenen

Herzensgüte -- das sind die rechten, schlimmer wie Raubtiere;

wohlversorgt leben sie, essen gut, trinken gut, sind gesund und

wohlgestellt -- Ehrenmänner -- Ehrenfrauen -- aber aufgepaßt!

Hütet euch vor ihnen!

Da kommen noch manche Echte aus dem alten Weimar. Der alte Apotheker

mit seiner gemütlichen Apotheke, der unheimliche Apothekergehilfe,

der jeden Todesfall voraus weiß. Sperbers, die Gutsbesitzer in

ihrer köstlichen Hülle und Fülle. Die zwölf Pastorskinder, die vom

Nachtwächter schlafen gelegt werden, und bei denen allstündlich der

Nachtwächter nachschaut, ob sie auch nächtliche Ruhe halten.

Wie gut haben es all diese Weimaraner, diese Alten, in ihren köstlichen

Gärten! O, welches Behagen! Ich denke an den alten Doktor Tiburtsius

in den Kußwirkungen, der sich hinter dem Rücken seiner vortrefflichen

runden, kleinen Gattin einen Garten kauft, um ihr und ihren fidelen

Gästen zu entwischen, und welche Abende er in diesem duftenden, Grün

strotzenden Garten verbringt -- und wie er dann später entdeckt wird!

Und daß ich es nicht vergesse, Goethe und Karl August sind auch dabei

unter diesen alten Echten, und Mamselle Muskulus im Veilchenhut

auch, und der alte verrückte französische Colonel, der mit Madame

Kummerfelden im verschneiten Entenfang, der Nähschule der Kummerfelden,

ganz im geheimen Romeo und Julia aufführt.

Die Hemdenmätze der alten Kummerfelden kommen auch anmarschiert, und

Franz Horny und Schillers Sohn, die Kameraden der wilden Ratsmädel,

die der alten Jüdin alle weimarischen Esel über den Hals gejagt haben

-- und das dritte zarte, süße Ratsmädel, das Münchner Nönnchen, das

katholische Kind, das in die Ratsmädelfamilie hineingeschneit kommt,

das entsagende Geschöpfchen, das mitten im freudigsten Leben neidlos

steht -- und zu guter Letzt der Jenenser Bäckerlehrling, der seine

schauervolle Johannisnacht mit seinem süßen Bräutchen, dem würdigen

katholischen Geistlichen, den glotzenden Hausleuten und dem Tod oben

unter dem Dachraum des uralten Hauses zu Ende feiert.

Leute aus einer Geschichte, die »Der Rangierbahnhof« heißt, seh' ich

dort -- und ich rufe: O, du meine arme kleine Olly! Du weißt es,

wie bitter schwer das Weib zu tragen hat, wenn es mit ganzer Seele

die Kunst liebt -- und jung ist und leben möchte -- und aus einem

Zärtlichkeitstraum, aus so einem weichen, weichen Traum in der Ehe

erwacht.

Aus welchem Sumpf stammst du! Wie ging es bei dir daheim sonderbar zu!

Mit welchem Lärm und Getöse rangierten die hyperästhetischen Naturen,

die aus der Kunst doch eine gute Milchkuh machen wollten! Aus welchem

Lügen- und Schwatznest stammst du! Und wie bist du rein und feurig

geblieben! Wie rührend komisch bist du in deinem Haushalt!

Wie tragisch ist alles! Ach, und dein Sterben!

Welch eine Last liegt auf solch einer Weibesseele. Pflicht und

Schaffenswonne. Wie wütet das in solchem armen Herzen!

Wie ist es euch schwer gemacht, ihr armen Weiberseelen, am Besten hier

auf Erden teilzunehmen!

Und noch so eine arme Seele ganz andrer Art begegnet mir -- Dorothea in

»Reines Herzens schuldig«. Sie ist so ganz in Liebe erwacht, in heißer

Liebe -- und muß in einem Leben verschmachten, das ihr nichts bietet,

kein Glück, auch nichts, was an Stelle des Glücks treten könnte.

Als ich diese Gestalt schuf, war ich sehr jung und hoffte, dies Buch

würde von guten Menschen gelesen, die sich mit dem Gedanken trügen, wie

man den Vernachlässigten, Unglückseligen auf Erden, von deren Dasein

die arme Dorothea Zeugnis gibt, helfen könnte.

Und daß es solche gute Menschen gibt, hab' ich zu meiner größten

Freude erfahren -- und ich sehe nicht ein, weshalb ich nicht ein wenig

prahlen soll, weshalb ich nicht ein paar von jenen Briefen und Zeilen

hier wiedergeben soll, die mir von bekannten, unbekannten, unberühmten

und sehr berühmten Händen geschrieben wurden und wie Freudenboten ins

Haus kamen, damit die Leute, die diesen kleinen Lebensabriß lesen, doch

auch eine Ahnung bekommen, was für ein glückliches Menschenkind ich bin.

»Berlin ... Reichstag.

Männer lesen selten Romane, Männer meines Berufes gar nicht.

Ihr ›Reines Herzens schuldig‹ las ich zweimal hintereinander.

Die Feder eines Dichters in Herzblut getaucht. Sie sprechen

einmal: ›Wenn du den Dichter findest, dem es gelungen ist, das

tiefste Leiden versöhnend darzustellen, den halte fest wie

einen Freund.‹

Möge Ihnen -- in Leben und Kunst -- das hohe Ziel zu teil

werden: die erhabene Heiterkeit eines Sophokles und eines

Mozart!«

Ein andrer Brief:

»Ihre drei neuen Bücher schmücken meinen Weihnachtstisch. Ich

habe sie mir selbst beschert, doch als eigenste Gabe von Ihnen.

Jedes Wort eines Dichters, das mir seine Seele offenbart,

nehme ich dankerfüllt als sein ganz unmittelbares Geschenk

entgegen. Nicht viele geben so viel wie Sie. Eines Abends,

wenige Tage vor dem Fest, las ich Ihren ›Herzenswahn‹. Ihr

übermächtiges Empfinden riß mich fort, Ihr Mut, diese Gefühle

auszusprechen, begeisterte mich. Zugleich dachte ich mit Bangen

an das Schicksal dieser Bücher; mir war's, als sähe ich sie

schutzlos in der Welt umherirren; ich wünschte innigst, daß

sie zarte Finger und warme Herzen anträfen. Ich fürchte, auch

Ihre Dorothea wird nicht oft verstanden werden; die freie

Menschlichkeit hat so wenig Raum in dieser verschnörkelten

Welt.«

Und noch ein +dritter+ Brief von einem Arzt.

»An die Schriftstellerin Helene Böhlau.

Ich habe den ›Rangierbahnhof‹ gelesen und war zugegen, wie

Köppert das Seelchen fand, ich durfte der dritte im Bunde sein;

auf mich ist von dem Glücke übergegangen, das zwischen den

beiden erstehen durfte. -- Das will ich nicht vergessen und

Ihnen lange dankbar sein, weil Sie mich zu den zwei Menschen

führten, bei denen ich rein und gut sein konnte.«

So, nun habe ich glücklich meine Prahlerei zu Ende gebracht und könnte

noch ein ganzes Weilchen fortfahren, doch möchte ich nicht, daß jemand

meine Skizzen unmutig aus der Hand legte, und ich will mir meine

Freunde erhalten.

Meine Geschichte der Dorothea gehört übrigens nicht zu den trübseligen.

Ich habe sie ausgespickt mit allerlei lustigem, freundlichem und

thörichtem Volk. Da ist ein Herr von Bublitz, ein fetter Schlingel,

der dem Wohlthätigkeitssport obliegt, da ist ein prächtiger

lustiger Onkel, schöne Mädchen die Hülle und Fülle, eine gräfliche

Hochzeitsgesellschaft, die des Guten zu viel gethan hat.

Das mag noch alles gehen; aber da laufen welche aus Stambul,

wunderliches Volk in wunderlicher, göttlich schöner Umgebung, alles

wächst und blüht und duftet und leuchtet, und die Menschen wachsen und

blühen mit und werden freudig und gesund. Es sind gar liebe Leute, die

»im frischen Wasser«.

Ich begegne noch manchem Gesellen; dort, fern von den andern, dem guten

Reichlin aus dem »Herzenswahn« mit seiner kleinen überspannten Käthe.

Ein altes Pärchen, »die alten Leutchen«, geht zufrieden miteinander.

Die kleine zierliche Frau hat mit ihrem würdigen Herrn ein Lebtag

im dunklen Lädchen gesteckt und kommt im Alter zu einem Landhaus

und köstlichen Garten, so daß das schwärmerische Persönchen in

einer Glücksfülle steckt, die sich ganz wunderlich ausnimmt. Ein

widerwärtiger, langbeiniger Ladenjunge schleicht hinter der kleinen

Alten her, trägt ein Buch in der Hand, in dem eine Wurstschale als

Buchzeichen steckt. Der lange Bengel ist dem Weibchen sehr fatal.

Zu guter Letzt Leute aus einem Roman, »Das Mutterrecht«, Leute, die

mir wahrhaft ans Herz gewachsen sind. Laßt es euch sagen, vom alten

Kutscher Jermak, wie er über seine Herrin denkt, über ihr Kindchen,

wie er von den verlassenen Mädchen spricht, von Gott und der Welt,

den Popen, den schwarzen Völkern, und alles zu seinem jungen Herrn

im Schlitten, wie er von dem Schandfleck der Familie, der Schwester

Jekatherina, spricht.

Dort geht sie, auf den schwarzen Ebenholzstock gestützt, diese herbe,

vornehme Frau, diese ganz souveräne, eine Frau, in der der Geist

mächtig wurde, eine Herrin des Lebens. -- Und Christine, du Reine, auf

dich kam die größte Schmach des Weibes, unter der noch keine in der

gebildeten Welt frei dahergehen konnte. Diese schwere Schmach hat noch

jede zu Boden gedrückt und zur Lügnerin gemacht. -- Dich nicht!

Frei hältst du dein Kindchen im Arm.

Wie eine dunkle Wolke liegt die Verachtung der Menschen über dir; aber

in deiner Seele ist es nach schwerem Kampf sonnig klar geworden. Auch

du bist Herrin geworden, dein Kind ein Königskind -- das Kind des

freien, ungebeugten Weibes.

Wie geht es dem Rothsplätz, bei dem du Schutz gefunden hast? dem Manne

aus dem Volk, dessen Gesicht immer zur Erde gekehrt ist, und doch so

heiter blickt wie der liebe Abendhimmel. Er hat dir gezeigt, dir,

dem armen gehetzten Geschöpf, wie weit das Volk, das arme Volk den

Reichen, den Hochgebildeten voraus ist. -- Nicht wahr, er hat dich und

dein Kind vor ihnen geschützt wie mit Mauern, in seinem Haus warst du

frei und unbescholten?

Diese Armen hatten, was Reichen fehlt. Sie waren menschlicher. -- Bei

ihnen hatte das Weib schon gesiegt.

Diese Leute möchte ich nun in Wahrheit guten Menschen anempfehlen.

Redet mit ihnen! Ich bitte euch, sucht sie zu verstehen. Sie sagen auch

viel mehr, als es auf den ersten Blick scheinen möchte -- viel mehr. --

All diese Gestalten, von denen ich euch hier sprach, sind der Ausdruck

eines so überaus reichen, lebendigen Lebens, der Ausdruck einer Seele,

die durch Schweres ging, die Schweres kannte und fühlte, die aber im

tiefsten Grunde glückselig und dankbar ist, denn ihr wurde das höchste

Glück zu teil, den Menschen zu finden, der sie ganz verstand, der in

seiner großen Geistesreife und seinem Können und tiefem Wissen und

seiner Güte hilfreich zu ihr stand, der aus einer wunderbaren Fülle

sie belehrte, dem sie alles dankt -- auch alles Glück auf Erden,

Freund, Lehrer, Gemahl zugleich -- und jede Stunde segnet sie, die sie

beisammen sind.

Wie ist es mir aber in den Sinn gekommen bei so glücklichem Leben, mich

mit solchem Volk zu befassen?

Ich begreife es heut noch nicht.

Die Arbeit allein, die Mühe, die Not, die Sorgen, ehe solch ein Kauz

sich präsentieren kann, hätte mich abschrecken sollen, -- denn ich war

so faul, so wundervoll faul!

Noch denke ich mit einiger Sehnsucht daran zurück, denn sie war

charaktervoll diese Faulheit -- sie war etwas! -- Da gab es nichts auf

Erden, was mich hätte zu irgend einem Fleiß anspornen können.

Als ich mit dem ersten Verslein im Fibelbuch geplagt werden sollte,

sagte ich einsichtsvoll: »Dazu bin ich noch viel zu klein,« und blieb

bei dieser Meinung und lernte keine Verslein wie andre brave Kinder.

Ich kam in eins jener fürchterlichen Institute, in denen Kindern

während ein paar Vormittagsstunden das Spielen gelehrt wird, auf

Kommando in Reih und Glied; ich sollte alles genießen, was die Zeit

einem jungen Menschlein bietet. Aber diese ernste Spielmaschine

erschien mir abschreckend; ich empfand eine Scheu vor den schon

abgerichteten Kindern, die es verstanden, sehr unnötige Lieder zu

singen, die es verstanden, im Takte in die Hände zu klopfen und mit den

Füßen zu strampfen, die wegen ganz unsinniger Dinge gelobt und getadelt

wurden. Das alles geschah in einem dämmerigen, staubigen Raum, es war

mir, als würden da schreckliche Dinge getrieben.

Ich schrie und jammerte, die Güte der Spiellehrerinnen, die mich

beruhigen wollten, machte mir einen verdächtigen Eindruck. Sie drückten

mir eine Puppe in die Arme, eine fremde, mir sehr widerliche Puppe in

einem Ballkleid mit einer schwarzen Porzellanfrisur, eine Puppe, wie

ich sie mir nicht dummer vorstellen konnte.

Ich legte dieses Geschöpf sehr verächtlich auf die Erde und sagte, daß

man nur Kinder tragen könne, keine großen Leute, die Puppe wäre eine

alte Frau.

Da lachten die Lehrerinnen und verlangten, ich solle in einen Kreis

treten, den die Spielschüler bildeten, und solle so thun, als grübe

ich im Sande und pflanzte eine Blume, dann solle ich mich anstellen,

als nähme ich einen Rechen, damit der Sand wieder geglättet werden

könnte. Die Kinder würden, während sie ein Liedchen sängen, dies alles

ausführen, ich hätte es nur nachzumachen.

Ich stand im Kreis, war aber zornig und außer mir, die Kinder

erschienen mir immer unheimlicher, das ganze Thun immer sinnloser,

die Stube immer düsterer; da sah ich eine Thür offen, lief schreiend

hinaus, die Treppe hinab, hinter mir her die Lehrerin; ich war aber

flinker.

Mit aller Liebe, allen Bitten, allen Versprechungen brachte niemand es

dahin, mich zu einem zweiten Besuch dieses unheimlichen Instituts zu

bewegen.

Es fand sich wohl auch, daß es ohne dieses ginge, ich war ein

zufriedenes Kind, kannte keine Langeweile, steckte mit meinen zwei

Schwestern den ganzen Tag in unserm hübschen Garten, hatte meine

wundervolle dunkle Ecke unter einem Holundergebüsch, in die verkroch

ich mich, und stundenlang harrte ich dort. Ich erinnere mich, daß es

mir da unbeschreiblich wohl war. Ich bildete mir auf meine eigene

Faust ein, irgend ein Tier zu sein, ein Vogel oder ein Hase, ein Löwe

oder irgend etwas, und in dieser Vorstellung verging mir die Zeit aufs

angenehmste.

Ich kam in die Schule, und man sagte mir vorher, daß es unmöglich sein

würde, aus der Schule auszureißen. Das war mir schrecklich zu hören.

»Das mag etwas Schönes sein!« dachte ich mir. Der Kindergarten lebte

mir in düsterster Erinnerung. Und ich kam in die Schule. Der Lehrer

verkündete mir, daß ich ihn »Sie« zu nennen hätte.

Ich hatte noch niemand »Sie« genannt. Ich grübelte nach, weshalb ich

dies thun sollte, und vergaß es darüber; ich konnte mich auch in die

Schule nicht hineinfinden.

Das Lernen fiel mir schwer, es interessierte mich auch nicht im

geringsten. Die Naturgeschichte, oder wie sie in den untersten Klassen

benannt wurde, der »Anschauungsunterricht«, machte mir Spaß, da war ich

dabei.

Das war aber auch das einzigste, das allereinzigste.

Die biblische Geschichte gefiel mir zwar. Ich liebte es, wenn der

Lehrer erzählte; wenn dieselbe Geschichte aber ihren Weg durch die

Klasse nahm, überkam mich eine jämmerliche Langeweile, ich hätte weinen

mögen. Da kam ich auf einen glücklichen Gedanken: ich stellte mir

vor, in unserm Garten in meiner grünen dunklen Ecke zu sitzen, statt

auf der Schulbank, stellte mir weiter vor, ein Hase zu sein, der im

Grünen in seinem Neste hockt, die Ohren anlegt und in die blaue Luft

blinzelt; wenn nun das Erzählen an den Hasen kam, wußte er natürlich

nichts, wie es auch einem guten Hasen zukommt, und das erwies sich als

sehr übel für seinen Ruf. Es geschahen auch wunderliche Dinge, der arme

Hase sollte sagen, aus was der Mensch besteht -- und blieb die Antwort

schuldig. Da hoben sich die Fingerchen so frech und keck um ihn her in

die Höh', ein ganzes Feld, und nickten und schnickten, und die Bravste

sagte im schulgemäßen Ton: »Aus Leib und Seele.«

»Aus Leib und Seele,« mußte ich wiederholen und setzte hinzu: »aber

die Wassernixen haben keine Seelen,« da lachten alle, und der Lehrer

verwies mir solch dummes Zeug.

»Was in Märchenbüchern steht,« sagt er, »ist immer unwahr.«

Ich aber steckte voller Fragen und hätte gern mit dem Lehrer eine

längere Unterhaltung angeknüpft. Ich wollte wissen, was die Seele ist,

wollte erfahren, woher man weiß, daß man eine hat, wollte wissen,

weshalb die Märchengeschichten unwahr und die biblischen wahr sind.

»Was ist denn mit der Seele?« frug ich meine Nachbarin.

»Na, was denn?« frug diese von oben herab. »Wer freilich so dumm ist,

wie du, hat keine.«

Das war mir sehr lieb zu hören. Ich wußte zwar nicht weshalb; aber es

war mir angenehmer, zu denken, daß ich keine Seele habe. Es schien mir

einfacher und besser, und gerade weil die andern alle eine hatten,

gefiel es mir, keine zu haben.

Nach diesem Gespräch beruhigte ich mich und verwandelte mich wieder in

den Hasen.

Bei solchem Phantasiespiel aber, das zum Zweck hatte, mich über die

Beschwerlichkeiten der Schule hinwegzutäuschen, erging es mir oft übel.

Ich weiß, einmal packte mich der Rechenlehrer ganz desperat an den

Schultern, um mich in die Ecke zu stellen. Ich aber, wild, bös und

wütend, fahre mit beiden Händen in das Tintenfaß, das in die Bank

eingelassen war, halte mich daran und schreie jämmerlich: »Rühr mich

nicht an, rühr mich nicht an!«

Das war dem Rechenlehrer sehr einleuchtend. Er mochte nicht Lust haben,

nähere Bekanntschaft mit meinen beiden schwarzen Tintenhänden zu machen

-- und ließ mich unangefochten sitzen. Die Mädchen aber flüsterten

untereinander: »Die ist klug, die ist doch schlau.«

Das hörte ich und empfand, daß dies erste Lob aus dem Munde der

Kameradinnen mir sehr wohl that.

»Führt sie hinaus und wascht ihr die Hände, damit sie nichts

einschmiert,« rief der Rechenmeister, und ich fühlte, daß man mit

Hochachtung mir behilflich war, die Spuren meines siegreichen Kampfes

unschädlich zu machen.

Das aber blieb der einzige Lichtblick in meiner kurzen Schullaufbahn.

Die Lehrer straften mich beinahe nie, waren freundlich mit mir; in

der Erinnerung ist es mir, als hätten sie eine sanftere Art mit mir

zu sprechen angenommen, als mit den andern Mädchen; aber es war nicht

das Rechte. Ich war und blieb bedrückt. Ich hatte keinen Erfolg

aufzuweisen. Meine Hefte gab man mir gewöhnlich stumm, kopfschüttelnd

zurück.

Wenn ich eins aufschlug, so klopfte mir das Herz; es sah so

unbeschreiblich kraus aus, und die rote Tinte herrschte in

erschreckender Weise vor.

Einmal begab es sich, daß die ganze Klasse nachsitzen mußte, und der

Lehrer sagte zu mir: »Hör' einmal, ich kann dir's nicht erlassen, du

mußt mit dableiben.« Ich beschwor ihn, ich bat ihn, ich küßte seine

Hand.

Er sagte aber: »Sei verständig, ich kann nicht anders.« Und so blieb

es.

Jede Hoffnung im Leben schien mir zu Ende, ich fühlte mich zerbrochen,

fühlte mich nicht fähig, diese Schmach zu tragen, so tausendfach ich

sie verdient hatte. Als ich nach Haus kam, stand meine Mutter an der

Treppe und reichte mir einen Teller mit Himbeeren entgegen. Sie hatte

mich kommen sehen.

Ich konnte nicht gestehen, es war mir unmöglich -- ich zitterte; ich

hatte noch nie gelogen, noch nie etwas verschwiegen; -- aber es ging

nicht, ich brachte mein Unglück nicht über die Lippen. Die Güte meiner

Mutter rührte mich unbeschreiblich -- und ich nahm die Himbeeren, mit

denen sie mich so freundlich überraschte, und da ich sie genommen und

verzehrt hatte, konnte ich nun erst recht nicht beichten. Ja, hätte

ich den Mut vor den Beeren gehabt, aber jetzt, nachdem ich das Gute

genossen -- das erschien mir abscheulich, trotzdem alles in Angst und

Verwirrung geschehen war, ohne daß ich recht wußte wie.

Ich beschloß also, so unmöglich es mir vorkam, die schlimmen

Angelegenheiten für immer zu verschweigen.

Das wurde mir bitterschwer, ich litt Tag und Nacht darunter. Ich grämte

mich -- aber ich konnte nicht reden -- ich wurde kränklich -- krank und

bekam nach einiger Zeit ein Nervenfieber.

Bevor die Krankheit bei mir ausbrach, hatte ich einen Eindruck, der

sie beschleunigte und vielleicht herbeiführte. Ich sah einen kleinen

Holzschnitt; durch Zufall kam er in meine Hände. Auf diesem Holzschnitt

war der Tod als Gerippe abgebildet, wie er durch ein Krankenzimmer

schritt. Niemand bemerkte ihn, nur ein kleiner Wachtelhund bellte ihn

an.

Dies Bild entsetzte mich so, daß mir die Sinne schwanden; ich fiel

bewußtlos zusammen.

Es war niemand zugegen, als mir dies geschah -- und niemand, als ich

wieder zu mir kam; ich konnte mich vor Grauen, Furcht und Schwäche

nicht erheben. Das schreckliche Bild war wie eingebrannt in meine Seele.

Ich fürchtete mich, konnte mich nicht regen und bewegen. Die ganze Welt

erschien mir unheimlich und entsetzlich.

Wenn es so etwas Fürchterliches gab, wie konnte man da leben? Wie

konnten die Leute noch lachen?

Ich hatte vom Tod gehört und mir wenig dabei gedacht. -- Nun aber hatte

ich ihn gesehen.

Mein ganzes Gemüt war in Trauer und Verzweiflung verwandelt.

Und wieder mußte ich schweigen -- ich konnte nicht reden, fürchtete

mich, etwas so Entsetzliches auszusprechen. Mir war, als müßte dann die

abscheuliche Gestalt sogleich ins Zimmer treten.

So hatte mein armes Herz viel zu tragen.

Mein Schuldbewußtsein drückte mich noch immer nieder, und das

Geheimnis, daß ich nun wußte, wer und was der Tod ist, vernichtete mich

fast.

Von meinem Kranksein ist mir keine Erinnerung geblieben, nur weiß ich,

daß, als ich wieder aufgestanden war und nicht mehr gehen konnte, ich

mich darüber verwunderte und erfuhr, ich wäre sehr krank gewesen.

In die Schule bin ich nie wieder gegangen und ich bekam bei einem

guten, freundlichen Manne Unterricht mit noch einem Mädchen. Unser

Lehrer hieß Herr Bräunlich.

Ich hatte sein Gesicht gern und seine Stimme. Er war ein behaglicher

Mensch, verstand es sogar, uns die Rechenexempel in Form kleiner,

netter Geschichten vorzuführen; aber immer noch schlief mein Lerneifer

und war auf keine Weise zu erwecken; auch fehlte mir jeder Ehrgeiz.

Nach und nach nahmen mehrere Mädchen an unsern Stunden teil,

vortreffliche Schülerinnen, klug und weise. Ich blieb mit aller

Gemütsruhe hinter ihnen zurück. Weshalb sollte ich es ihnen gleichthun?

Ich sah den Zweck nicht ein.

Herr Bräunlich war mit mir sehr freundlich und nachsichtig. Die Mädchen

wußten gar nicht, wie sie ihren Eifer am glänzendsten beweisen sollten.

Wir hatten frei, uns die Gedichte, die deklamiert wurden, selbst zu

wählen. Da überboten sich die Vortrefflichen in ellenlangen Balladen.

Kein Gedicht war ihnen weitläufig genug. Schiller hatte wie für sie

geschaffen -- die Glocke, die Kraniche. Es konnte nichts lang genug

sein.

Und ich liebte, es kurz zu machen, und wählte noch dazu traurige Lieder.

Die Mädchen sagten, dies geschähe aus Faulheit. Sie hatten nicht

unrecht; aber es war noch etwas dabei. Ich liebte diese kurzen,

traurigen Lieder. Seit ich das Bild vom Tode kannte und die

schreckliche Gestalt so verzweiflungsvoll empfunden hatte, erschien

mir das Leben nicht mehr harmlos und heiter. Ich liebte es nicht mehr,

allein zu sein, ich fürchtete mich, wenn die Sonne unterging -- die

Träume brachten mir schlimme Erscheinungen -- und das Bild des Todes

stand unverwischbar in meiner Seele; das geschriebene oder gedruckte

Wort »Tod« konnte mich zum Erzittern bringen.

»Armer, kleiner Narr,« sagte Herr Bräunlich, als ich wieder einmal

ein recht trübseliges kurzes Gedicht glücklich gefunden und leidlich

gelernt hatte.

Ich führte ein freies Leben -- täglich nur eine Unterrichtsstunde

und diese wurde zur Sommerszeit im Garten gehalten. Herr Bräunlich

verschmähte es nicht, als wir zur Heuzeit ihm einen großen Haufen

Heu aufgestapelt hatten, auf diesem Platz zu nehmen und so seinen

Unterricht zu erteilen.

Vor und nach jeder Stunde führten wir grauenhafte Zigeuner- und

Rittergeschichten aus, hatten dazu in einem Kasten das tollste

Zeug zusammengetragen, Schnurrbärte, Säbel, Decken, Mützen mit

wallenden Hahnenfedern; wir besaßen prächtige Dinge. Wie in den

Unterrichtsstunden, spielte ich auch bei den Spielen eine sehr

untergeordnete Rolle. Gewöhnlich vergaßen meine Kameradinnen mich, und

es hieß schließlich: sie kann die Kammerjungfer der Prinzessin sein,

oder der Hund, oder das Bauernmädchen. Ich war es zufrieden und strebte

nicht nach Höherem. Ich wußte auch, ich taugte zu nichts.

Die Aelteste und Vortrefflichste korrigierte meine Arbeiten, bevor der

Lehrer sie in die Hand bekam, so war ich ihr dankbar und machte keine

weiteren Ansprüche.

Unsre Spiele vergnügten mich außerordentlich, aber im Eifer drängte

sich die Kammerjungfer oder der Hund vor, und that sich wichtig.

Im übrigen waren mir die Mädchen zu erhaben, zu vortrefflich, als

daß ich mich ihnen hätte anschließen können. Sie kamen mir mehr oder

weniger selbst wie Schulmeister vor, und ich wurde nie ein Angstgefühl

vor ihnen los.

Die Gassenbuben und Gassenmädel vor unserm Hause machten mir einen

vertrauenerweckenderen Eindruck und waren auch samt und sonders meine

Freunde, mit denen ich mich bis zum Dunkelwerden vergnügte, winters

und sommers. Schlittenfahren, Schneeballen, Lauscheck, schwarzer Mann,

Verstecken, Schreien, Laufen, in Angst und Eile vor den Verfolgern um

die Häuser huschen, das war etwas! Und wenn mich ein Mädel mit zu ihrer

Mutter nahm und ich im niedern Stübchen mit den guten Leuten zu Abend

essen durfte, wie behagte mir das, wie war das heimlich, so klein und

warm!

Die glückliche Zeit, in der Herr Bräunlich uns nachsichtig lehrte, war

zu Ende. Es sollte jetzt ein Vornehmer, ein Würdiger kommen, einer, der

uns in die höheren Wissenschaften einzuführen hatte.

Wer aber hätte mir wohl den guten Herrn Bräunlich ersetzen können, der

in mein Censurenbuch jedesmal zu Weihnachten schrieb: Helene war gut;

aber gar nicht fleißig, hat auch wenig aufgemerkt, aber da sie brav ist

und im Betragen eine 1 erhielt, und zwar die 1 mit dem Stern, denke

ich, der heilige Christ soll ihr so viel bescheren wie den Schwestern

und ihr die schlechten Fortschritte nicht nachtragen.

Mit solchem freundlichen Begleitschreiben versah Herr Bräunlich meine

schlechten Censuren zu Weihnachten Jahr für Jahr, wenn ich sie meinem

guten Vater vorzeigen mußte.

Aber auch Herr Bräunlich fühlte einmal das Bedürfnis, mich exemplarisch

zu strafen.

Wir hatten den Unterricht zum Teil im Hause Friedrich Prellers, und

zwar wie immer gegen Abend; es war zur Winterszeit, also schon völlig

dunkel.

Ich liebte diese Stunden zur Abendzeit, sie hatten etwas Anheimelndes

-- und ich glückseliges Geschöpf besaß eine kleine Laterne und eine

große Anzahl Wachslichter.

Und mit dieser Laterne machte ich mich überaus gern auf den Weg. Ich

zündete sie schon in der allerersten Dämmerung an, und es war mir wenig

störend, wenn die Leute mir nachblickten und die Gassenjungen lachten.

Ich fühlte mich glücklich, mein eigenes Licht zu haben, und außerdem

war mir's ein behagliches Gefühl, daß keine Dunkelheit mich überraschen

konnte.

Meine liebe Mutter hatte diese Laterne und die Kerzen, die sie immer

erneuerte, mir geschenkt.

Sie wußte, daß ihre Tochter ein großer Furchthase war. Ich hatte es ihr

vertraut, daß die Dunkelheit mir das Schrecklichste auf der Welt sei.

Da hat sie mich ausgelacht; aber tags darauf hatte ich mein Laternchen.

So kam ich funkelnd wie ein Glühwurm zur Unterrichtsstunde.

Mein Herr Bräunlich war schlecht aufgelegt, und am Ende der Stunde

sagte er mit einem Mal feierlich zu mir gewendet: »Für deine

jahrelange Faulheit und Unaufmerksamkeit muß einmal eine Strafe kommen.

Du gehst heute abend mit mir und bleibst, bis ich dich nach Hause

bringe. -- Während der Zeit schreibst du an mich, wie auch an deinen

Vater einen Zettel, auf dem du versprichst, dich zu bessern.« Das

traf mich wieder wie ein Donnerschlag bis ins innerste Herz; aber ich

verhielt mich vollkommen ruhig. Ich wollte den Mädchen nicht die Freude

machen, daß sie mich unglücklich sähen.

Als wir beide, Herr Bräunlich und ich, uns auf den Weg machten, blieben

die andern zurück. Ich zündete stumpf und verzweifelt mein Laternchen

an.

Da hörte ich die Mädchen lachen und trat mit dem Fuß auf und murmelte:

»Diese Dummhüte.«

»Was hast du denn?« sagte Herr Bräunlich.

»Die da drinnen lachen mich aus!« sagte ich.

»Nein, das thun sie nicht,« antwortete er, »es sind ganz gute Mädchen.«

»Die sind nicht gut,« sagte ich. »Ich weiß, daß sie mich auslachen!«

Wir hatten den Unterricht, wie ich schon sagte, im Hause Friedrich

Prellers gehabt, des Malers der Odyssee. Und ehe wir noch aus der Thüre

waren, kam er selbst, seine schwarzseidene gewirkte Kappe tief in die

Stirn gezogen.

»Na Lenchen,« sagte er, »wo geht's denn hin?« Sein altes bedeutende

Gesicht konnte vor Güte und Freundlichkeit strahlen.

»Ich nehme sie mit mir, sie muß einmal eine Strafe bei mir absitzen,

Herr Professor!« sagte Herr Bräunlich würdevoll.

»Ja, in drei Teufels Namen!« -- der alte Preller liebte solche kräftige

Ausdrücke -- »Lenchen, was ist dir denn eingefallen? Ja, es mag ein

schweres Stück sein, mit solchen Mädels fertig zu werden. Machen Sie's

nur gnädig, das Lenchen ist kein böses Mädchen.«

»Nein, das ist sie nicht,« sagte Herr Bräunlich, »aber das Abscheuliche

an ihr ist, daß sie nichts lernt, daß sie faul ist. Dabei ist sie nicht

so arg dumm und könnte alles besser machen; aber sie rührt sich nicht.«

»Lenchen! Lenchen!« sagte der alte Preller. »Fleißig muß man sein. Was

denkst du denn -- gottlob, daß du kein Junge bist!«

Ich war tief beschämt -- an dem alten herrlichen Preller hing mein

ganzes Herz. Er war so gut mit mir. Ich hatte das große Glück, wenn

er abends still seine wundervollen Studien und Skizzenbücher und

Zeichnungen durchblätterte, hin und wieder neben ihm sitzen zu dürfen,

um mitzuschauen, und that dies mit Leidenschaft und Andacht.

Und er wußte nun so genau, wie es um mich stand! Verzweifelt ging

ich neben Herrn Bräunlich die dunkle Belvedere-Allee entlang. Mein

Laternchen leuchtete mir und ihm.

Das Herz schlug mir angstvoll. Ich wußte, daß ich es nie zu Hause

gestehen würde, was mich getroffen, und noch einmal solch eine Schmach

verschweigen, ging auch nicht. Es war beides unmöglich. Beides wollte

ich nicht. Also blieb nur ein drittes übrig. Das war einfach und

überstieg meine Rechenkunst nicht. Es durfte nie bis dahin kommen, daß

Herr Bräunlich mich mit zu sich hinaufnahm. Ich hatte ja Beine -- und

was für flinke. Gottlob! dachte ich.

Als wir durch die Marienstraße gingen, war mein Entschluß gefaßt, und

als wir an den Alexanderplatz kamen mit seiner herrlichen Wiese und dem

großen Taxusbusch darauf, da sah mein Herr und Meister mit einmal, wie

das Laternchen Sprünge machte, und wie es von seiner Seite gehuscht

war. Wir hatten Mondschein, und ich lief, was ich konnte, die Wiese

entlang; hörte meinen Lehrer rufen, hörte ihn laufen -- und schnaufen.

Ich kam unter dem Taxusbusch an, und wir liefen um denselben herum.

Herr Bräunlich schien seine Ehre dareingesetzt zu haben, mich zu

fangen; aber das Laternchen war flinker, als er glaubte.

Ich drohte ihm, außer Atem, als er sich einmal bedenklich genähert

hatte.

Ich drohte ihm, mit tiefem Grauen im eigenen Herzen, wenn er mir noch

weiter nachrenne, würde ich auf den Friedhof laufen.

»Herr meines Himmels, machst du Geschichten!« rief er pustend. »Mach,

was du willst -- aber schlecht ist's von dir!«

»Nein, sagen Sie, daß es nicht schlecht ist!« rief ich von weitem und

stand still, als ich sah, daß auch er still stand -- »und sagen Sie's

Papa nicht.«

»Gut,« antwortete Herr Bräunlich immer noch pustend, »es sei dir

geschenkt, ich sag's auch nicht.«

»Aber daß es nicht schlecht von mir ist, müssen Sie mir auch noch

sagen!«

»Gut,« rief er ungeduldig; »aber mach, daß du nach Hause kommst.«

Wer war glückseliger als ich! Mein Herz schlug leicht und zufrieden,

es hatte sich alles vortrefflich gemacht, und ich ging stolz im Gefühl

meines Sieges durch die Straßen.

Bei Gelegenheit frug mich der alte Preller, wie die Strafe abgelaufen

sei, und ich erzählte ihm alles wahrheitsgetreu; da sagte er mir, daß

ich es nicht übel gemacht habe. »Es ist immer gut,« meinte er, »wenn

man sich zu helfen weiß.«

Auch Herr Bräunlich und ich, wir blieben gute Freunde.

Aber wie schon gesagt, Herr Bräunlich tauchte unter, ein andrer auf.

Von der ersten Stunde an wurde dieser »Neue«, der ganz unzweifelhaft

ein vortrefflicher Lehrer war, mein Feind und wurde von mir gründlich

und andauernd gehaßt. Er mochte in seiner Ehre gekränkt sein, daß man

ihm, dem ausgezeichneten Manne, zugemutet, ein so dummes Mädchen wie

mich zu unterrichten, und behandelte mich danach.

Jedes Wort, das er an mich verschwendete, war Mißachtung und Spott.

Tiefer und tiefer sank ich in den Augen meiner Mitschülerinnen und

erschien mir selbst wie ausgestoßen aus der menschlichen Gesellschaft.

Mir fiel in einer der ersten Stunden das Wort »glimpflich« auf, und

ich erkundigte mich nach dessen Bedeutung, da fuhr der Neue, der ein

behender Mensch war und seine Glieder zu schleudern verstand, auf mich

ein und schrie: »Bisher hat man glimpflich mit Ihnen verkehrt -- das

hat aber jetzt bei mir ein Ende« -- und es war zu Ende.

Ich lebte geängstigt und wahrhaft gehetzt; kam ich zum Unterricht, so

hatte ich die Empfindung, als befände ich mich die Zeit über vor der

Mündung einer geladenen Kanone, die jeden Augenblick losgehen konnte.

Jedes Geschöpf des Tierreichs, das mir auf meinem Weg zu dem

gefürchteten Meister begegnete, sah ich mit neidischen Augen an. Die

Verantwortung, Mensch zu sein, war mir sehr drückend. -- Wie gern hätte

ich mit so einem munteren Pferdchen getauscht, oder mit einem lustigen

Hunde oder mit jeder Katze.

Wenn ich ins Haus eintrat, legte ich einen kleinen Stein in einen

Winkel mit dem Gelöbnis: komme ich leidlich mit heiler Haut wieder

heraus, so will ich dankbar den Stein mit mir nehmen und zum Angedenken

aufbewahren. Doch legte ich mir eine ganz gewaltige Steinsammlung an,

denn es mochte gewesen sein, wie es wollte, ich nahm den Stein aus

Dankbarkeit, daß die Sache überhaupt zu Ende gegangen war, jedesmal mit

mir.

So nahm ich nicht zu an Weisheit und Verstand, an Gnade bei Gott und

den Menschen, sondern sank tiefer und tiefer in der Achtung aller

derer, die über meine glänzenden Erfolge unterrichtet waren.

Das Unglück hatte es einmal gewollt, daß ich in der Angst und

Verwirrung, in der ich mich vor dem Unterricht gewöhnlich befand,

meinen ganzen Haufen trauriger Hefte bei einer unserm Haus befreundeten

Familie hatte liegen lassen. Mit welchem Schreck bemerkte ich dies! Die

Hefte, meine greulichen Hefte! -- Wie mich das durchfuhr!

Wenn man nun einen Blick hineinthut! Und sie werden es thun. Das war

mir ganz sicher.

Mit welchem Bangen machte ich mich auf den Weg, sie mir wieder zu

holen, wie langsam schlich ich die Treppe hinauf, wie zaghaft zog ich

die Schelle! -- Und was stand mir bevor!

Sie hatten mich kommen sehen und öffneten mir selbst die Thüre, eine

ganze Schar mir sehr würdig erscheinender Damen, Gott weiß, wer noch

dabei war. Sie ließen mich nicht herein, sondern öffneten nur halb und

reichten mir mit der Feuerzange meine Hefte einzeln heraus und riefen:

»Bessere dich! Bessere dich!« und lachten, und die Hinteren stellten

sich auf die Zehen, um über die Vorderen hinweg mich sehen und mir gute

Lehren geben zu können. Ich war wie vernichtet, wütend zum Zerspringen;

aber ich nahm die einzelnen Hefte von der Feuerzange ab, stumm und im

Herzen zerrissen; schmachvoll erschien mir's, daß ich sie nahm. Als die

Sache zu lange dauerte, riß mir die Geduld, und ich lief davon, und

meine Peiniger kehrten mir mit dem Besen die übrigen Herrlichkeiten

die Treppe hinab nach. Sie ahnten wohl nicht, was sie mir anthaten --

fast sinnlos vor Verzweiflung, Wut und Schande, sammelte ich meine

Habseligkeit ganz außer mir auf und lief bleich mit verweinten Augen

nach Hause, zählte mein Geld nach, um mir neue Hefte zu kaufen und die

alten zu verbrennen. Es reichte nicht; aber ich verbrannte sie dennoch.

In dieser Zeit kam es, daß der Gestrenge uns einen Aufsatz gab: Die

Vorzüge des Menschen vor dem Tiere.

Dabei schien mir wenig Witz zu sein -- und ich beschloß, das Gegenteil

zu behandeln: die Vorzüge des Tieres vor dem Menschen. Das leuchtete

mir weit mehr ein, und was hatte ich zu verlieren, ein Donnerwetter

mehr oder weniger, darauf kam es mir nicht an.

Ich setzte mich daran und ließ mein Licht leuchten, machte meinem

Herzen Luft und schrieb wahrhaft glückselig, stand vor lauter Wonne auf

einem Bein während des Schreibens, pfiff und war der besten Dinge.

Noch nie hatte ich so viel in meinem Leben geschrieben, es kam mir

immer Neues in die Finger. So war das Arbeiten ein Vergnügen. Ja, wenn

es sich immer um Dinge handelte, bei denen man mit Leib und Seele dabei

sein könnte! Aber dies langweilige Getreibe von Zahlen und Namen,

Regeln und Ausnahmen, mit denen man Herz und Hirn beschweren mußte, da

konnte man nicht verlangen, daß ein vernünftiges Geschöpf sich daran

mitbeteiligen sollte!

Ich gab meinen feurig verfaßten Aufsatz ab mit aller Gemütsruhe und

erhielt ihn zu seiner Zeit mit stummer Verachtung von dem Gestrengen

zurück. Er durchbohrte mich mit majestätischen Blicken -- sagte mir,

daß sich derjenige, welcher diesen Aufsatz verfaßt habe, einen übeln

Spaß mit mir erlaubt habe. Ich hätte beim Abschreiben nicht einmal

bemerkt, daß das gestellte Thema verändert wurde -- übrigens sei

dieser Aufsatz vortrefflich, und er hätte ihn in seiner Ersten Klasse

vorgelesen, habe dabei aber bemerkt, daß dies ein Aufsatz sei, den eine

ungeschickte und faule Schülerin sich von fremder Hand habe arbeiten

lassen, um damit einen Betrug auszuführen.

Ich erwiderte ruhig, daß diese Arbeit von mir sei, bekam aber wieder

einen majestätisch verächtlichen Blick, der mir Schweigen gebot.

Und ich schwieg -- ich war zufrieden, stolz und beglückt; was der

Gestrenge von mir dachte, war mir vollkommen gleichgültig, er hatte

sich bei mir durch Poltern und Ungerechtigkeit die Achtung verscherzt.

Es kamen jetzt öfters Aufsätze, unter denen in Schriftzügen zu lesen

war: Gut, aber nicht selbst verfaßt.

Ratsmädel- und Altweimarische Geschichten · 第 12 / 15 题