Und Mamsell Muskulus zwitscherte: »Ach du meine Gite! -- Du meine Gite!«

»Sapperlot!« rief der Apotheker, und das junge Volk lachte. -- Und sie

riefen alle durcheinander alles mögliche in Weimarscher Ursprache.

»Ne aber!« -- »Herr Jemine!« -- »Herr Jes!« und machten ein arges

Geschrei damit.

Die Kummerfelden aber sagte: »Na, Kinders, da woll'n mer uns doch aber

auch einmal den Garten ansehen.« -- Und gesagt gethan. Die Thür ging

auf.

Alle machten der Rätin Platz, denn sie war die nächste dazu, und nun

strömte es hinein und riß den armen Rat mit sich.

Im Garten war das erste, daß Frau Rätin den Herrn Rat ein wenig

beiseite nahm. Sie hatte eine tiefgekränkte Miene aufgesetzt mit

so viel Grandezza, als womit sie ihre Hüte und Hauben aufzusetzen

pflegte. Und diejenigen, welche dem Paar am nächsten standen, hörten

verschiedene scharf betonte »Aber Gustävchen!«

So zornig die kleine statiöse Rätin aber auch sein mochte und so viel

Recht sie dazu hatte, so that es ihr der Garten mit den vielen lustigen

Leuten und dem vielen Gemüse, dem Obst und den Sommerblumen und den

pflückreifen Kirschen und dem Sommerhäuschen und dem Bratwurstherde und

dem Beerenobst doch auch an.

Und alle waren in der besten Stimmung; der arme Rat mußte wahrhaft

Spießruten laufen; sie kühlten alle ihr Mütchen an ihm und hänselten

ihn und zeckten und neckten ohne Aufhören.

Was half es dem Rat, daß er ein so gelehrter Mann war und mehr wußte

als die ganze Gesellschaft zusammengenommen, daß zu verschiedenen Malen

sein Name in den Jenaer Horen rühmlichst erwähnt war? Gar nichts half

es ihm, eben gar nichts!

Als sie im Sommerhäuschen seinen Flausrock und die alten Latschen und

die große Pfeife entdeckten, brach ein Hallo aus. Sie drängten mit

solcher Wucht in das Häuschen, alle auf einmal, um den Flausrock zu

betrachten, daß es den Anschein hatte, als wollten sie die stille,

winzige Bretterbude, in der es so heimlich nach Moder, Sämereien, Erde

und alten Weidenkörben roch, auseinandersprengen.

Und mitten in diesem Gedränge, mitten im Häuschen, mitten unter lauter

Stimmen, die nicht müde wurden, den Rat zu bearbeiten und zu ärgern,

erhob sich plötzlich eine, die rief und alle andern wie mit einem

Schlag verstummen ließ: »Kinder, wie wär's mit Bratwürsten?«

Das hatte eingeschlagen -- und es zeigte sich, daß die alten Weimaraner

wahren Feldherrnblick hatten, wenn es galt, ein Vergnügen beim Zipfel

zu fassen; denn wer weiß, was alles dazu gehört, ein wirkliches und

wahrhaftiges Bratwurstfest zu feiern, der würde gespannt sein, wie das

so plötzlich und völlig unvorbereitet zu stande kommen sollte.

Aber es kam zu stande. Das junge Volk wurde in aller Eile nach allen

Seiten hin ausgeschickt, um zu holen, was zu holen war. Die einen

mußten in die »Armbrust« laufen und die Würste herbeischaffen. Der

Apotheker wußte ganz genau, daß die »Armbrust« heute Würste hatte, und

Holzkohlen, die würde der Armbrustwirt, wenn er ein schönes Kompliment

vom Apotheker überbracht bekam, gewiß hergeben.

Hausmuff, den ließ Frau Rat Kirsten von ihren Ratsmädchen und Budang

bei sich aus dem Keller holen, um ihn zum Feste zu stiften. Der

Apotheker lieferte die Brote. Messer, Gabeln und Gläser, die mußten von

dem gebracht werden, der am nächsten wohnte; aber es wohnte niemand am

nächsten.

Sie wohnten zumeist alle in der Wünschengasse, auf dem Frauenplan oder

am Markt, nur die Kummerfelden, die aber hatte nicht so viel Teller.

Da blieb die Schopenhauern, die war aber nicht mit zugegen. Zu der

schickte die Frau Rätin und ließ sagen: »Eine schöne Empfehlung und

ob die Frau Schopenhauern und die Fräulein Adele ihr die Ehre geben

wollten, in der Frau Rätin ihren Garten zum Bratwurstfest zu kommen,

und ob sie die Güte hätten, ein paar Teller, aber viele Gläser und

viele Gabeln und ein paar Messer dem Ueberbringer mitzugeben.«

Es war also von jetzt an der Garten der Frau Rätin -- und das fiel

niemand auf -- nur dem Rat fiel es auf.

Und es gab an diesem Abend wirklich Bratwürste im Garten, dem Rat

brauchte das Wasser nun nicht mehr im Munde zusammenzulaufen.

Ueber die Verwendung des Gemüses und des Obstes konnte er sich nun

beruhigen. Darüber saßen sie an diesem selben Abend schon zu Gerichte;

die Frau Rätin trieb einen wahren Handel. Zu einer gewissen Zeit

sollten Apothekers beginnen, sich den Salat zu holen und die Mohrrüben,

und zum Einmachen konnte die Schopenhauern bekommen, was es für sie

gab; die Müllersch und die Kirstens und die Kummerfelden sollten

alles, was die Rats nicht brauchten, seiner Zeit sich für ein billiges

erstehen.

Und nun sangen sie an diesem Abend alle:

»Wenn einer einen Garten hat.«

Nur der Herr Rat sang nicht mit.

Ein wunderschönes Fest, das so wie vom Himmel herabgefallen war.

Die Frau Rätin sagte: »Wahrhaftig, so ein Garten ist mir doch immer

abgegangen.«

Der Apotheker und der Kupferstecher sprachen dem Hausmuff zu, als

die Würste noch in der »Armbrust« nicht fertig gestopft waren --

und der Apotheker brachte verfrühte Trinksprüche aus, die alle den

geheimnisvollen Kauf des Herrn Rat in der Mache hatten.

Er hob sein Glas mehrmals mit immer neuen Variationen:

»Der Rat, das ist ein schlauer Mann,

Der wollte einen Garten han,

Der kauft sich einen Garten

Und ließ die andern warten.«

Solch dummes Zeug sang er, und sie fanden es herrlich.

Der Apotheker war ganz außer dem Häuschen und konnte es nicht satt

bekommen, seinen alten Rat zu ärgern.

»Siehst du,« sagte er, »nun mach dir's aber auch bequem, mein Schatz,

und zieh deinen schönen Flausrock an und die Latschen und stecke die

Pfeife an, damit wir doch auch sehen, wie du schändlicher Kerl hier so

kommod umeinander geschoben bist.«

Und es half dem armen Rat nichts, der Apotheker hatte so etwas an sich,

daß er immer das aussprach, was in den andern noch unbewußt schlummerte.

Jetzt stürzten sie wieder in das gebrechliche Sommerhäuschen, so, als

wollten sie's zum Platzen bringen, und holten den Flausrock, brachten

ihn angeschleift und rissen sich um die Latschen und brachten die

Pfeife, und der arme Rat mußte beim Schein eines Windlichtes wirklich

in seinen Flausrock kriechen und in die Latschen, und der Apotheker

hielt sich den Bauch vor Lachen. Und so saß der Rat und mußte den

Behaglichen spielen wie auf einer Maskerade.

In dem armen Rat kochte und braute etwas. Es war ihm sein Lebtag noch

nicht so miserabel zu Mute gewesen. Wenn er sich auch die Entdeckung

seines Gartens manchmal vorgestellt hatte, so, in solcher Gestalt,

hatte er sie sich nicht vorgestellt. Das sind ja lauter Teufel! Die

Menschen sind ja Teufel! dachte er in aller Heimlichkeit, ohne einen

Mucks zu thun.

Er war wirklich noch nie innerlich so zornig gewesen. Aeußerlich zornig

zu sein hatte er ganz verlernt, und das war das Schlimme und Ungesunde.

Er ließ sich den Apotheker ungestraft in aller Frechheit vor den Augen

herumzappeln, ließ sich von ihm höhnen und besingen und rührte sich

nicht. Er ließ sich alles gefallen und machte den liebenswürdigen Wirt

und ließ sich eben gar nichts davon merken, daß unter dem Flausrock

nachgerade ein Hexenkessel braute.

Wie ein Verzweifelter dachte und dachte er: Wie werde ich sie nur

wieder los, die Bestien? Und war ganz bereit, dazu Pläne zu schmieden

-- aber -- aber --

Es war nun einmal geschehen, und die vielen Frauenzimmer, denen er

zu Hause davongelaufen war, deretwegen einzig und allein, um ihnen

entwischen zu können, er sich diesen Garten gekauft hatte, die würden

nun tagtäglich, wenn es ihnen paßte, hereingequollen kommen. -- Und

diese unaufhaltsamen Thees und Damenkaffees, die Spielchen ohne Ende --

denn was war natürlicher, als daß sie hier ihre Whistpartieen abhalten

würden?

Was sah er nicht alles kommen!

Aber das sollte denn doch nicht alles ohne weiteres geschehen! Der Rat

verlegte sich aufs Grübeln. Das Grübeln, das war ja sein eigenstes

Element. Was hatte er an langen Winterabenden bei seinem Leuchter mit

dem grünen Schirm nicht alles schon ertüftelt und ergrübelt!

Und jetzt! Das waren denn doch andre Dinge, diese wissenschaftlichen.

Wer das kann, der wird doch auch ein paar Frauenzimmer loswerden können.

Während die Bratwürste brieten, spazierte er in seinem Garten im

Dunklen umher und sah im Geiste Dinge, die ihm die Galle überlaufen

ließen.

Seine Frau würde sich einen Schlüssel machen lassen, das wußte er im

voraus, und der Kathrine auch einen; die Kathrine würde dann im Garten

zu putzen und zu wirtschaften anfangen wie in ihrer Küche, unter den

Büschen rascheln und kehren, das Sommerhäuschen scheuern und putzen und

auf alle Weise Ordnung schaffen. Das erboste ihn. Und er erlebte im

Geiste gallig weiter, wie sein alter Garten Feste auf Feste feierte,

ein Kirschenfest, ein Beerenfest, Bratwurstfeste in schwerer Menge,

auch ein Perlzwiebelfest -- natürlich. Da sah er schon die ganze

Gesellschaft um das lange, schmale Perlzwiebelbeet herumliegen und die

Zwiebelchen aus dem Erdreich herausklauben; damit wollten sie ihm

jedenfalls einen Gefallen thun, die Unsinnigen -- wie ihn das schon im

voraus zur Wut reizte! Und seine Phantasie malte ihm weiter aus, wie

Kathrine während der Arbeit allen Kuchen präsentierte, und wie dem mit

einem vorsündflutlichen Appetit zugesprochen wurde.

Sein arg erboster Geist sah in wilden Vorstellungen alle Frauenzimmer

auf den Knieen liegen, in der Erde wühlen und in große Flocken

Mohnkuchen beißen, die Kummerfelden in ihrem geblümten Kleid und die

Muskulus mit der großen Perücke, welche die Fabianen einen Fußsack

nannte; über der Perücke hatte sie zum Ueberfluß noch den ewigen

Veilchenhut auf. Das sah der Herr Rat in seiner Wut alles unheimlich

genau vor sich.

Da lag auch noch die lange Adele Schopenhauer und Madame Schopenhauer

und die Rätin Kirsten und die Ratsmädchen mit ihren Freundinnen und

Freunden und die Apothekerin mit ihrer Schwägerin und die Müllersch

Frauenzimmer und noch viele mehr -- eben alle, die jetzt auch

leibhaftig im Garten bei den Windlichtern, die schon hergebracht worden

waren, herumwirtschafteten.

Und auf die Frauenzimmer hatte der Herr Rat einen Hauptärger, die waren

damals und sind noch jetzt in Weimar stark vertreten.

Jetzt war das Maß voll, über und über voll -- das Blut des geduldigen

Mannes war endlich in Wallung geraten -- in eine ganz wütende

Wallung. Wie er so hellsehend und außer sich umherlief, kamen ihm die

Ratsmädchen gerade in den Weg gelaufen. Diese Rackersmädchen hatten

ein Leben wie zehn Katzen, das war seine Meinung. Sie würden an allen

Enden des Gartens, wie schon jetzt, zu gleicher Zeit sein und unter

allen Beerensträuchern hocken und immer mit einem Gefolge von so und

so vielen. Sie waren damals so Mädchen von vierzehn, fünfzehn Jahren.

»Die reinen Räuberhauptleute!« brummte der Rat in seine große weiße

Halsbinde mit der Mechanik hinein.

»Wie sind alle diese Frauenzimmer zu vertreiben -- diese Bestien?« Das

war und blieb es, worüber der Herr Rat rachsüchtig und leidenschaftlich

grübelte. -- Und mit einem Male, ganz plötzlich, wie so die guten Ideen

kommen, da hatte er's -- da rieb er sich die Hände in seiner Wut und

flatterte im Flausrock wie ein großer, unheimlicher Nachtfalter die

dunkelsten Wege auf und nieder.

Inzwischen war alles nun in Gang gekommen. Die Rätin hatte heute ihr

karmesinrotes Kleid an, das ihre dicke kleine Gestalt wie eine Haut

umspannte. Um den Nacken trug sie die goldene Hochzeitskette. Sie

saßen jetzt vor dem Gartenhäuschen in einem Kreis und tranken Thee und

stippten Kuchen, den hatte die Schopenhauern für das allgemeine Wohl

geliefert.

Die Herren standen hinter den Stühlen der Damen und sprachen aufs

ehrerbietigste. Sie machten andre Gesichter als kurz vorher, und

es hatte den Anschein, als wäre die lustige plappernde Lawine im

Handumdrehen zu einer Gesellschaft allerersten Ranges geworden, die

sich nicht so ohne weiteres gehen lassen kann, wie es bei einem

Bratwurstfest sich eigentlich gehört. Alle legten jetzt der Wirtin eine

ganz gewaltige Portion Steifheit und Wohlanständigkeit zu Füßen.

Die Schopenhauern hatte nicht nur Adelen mitgebracht, auch den Arthur

und mit ihnen die ganze erhabene Stimmung.

Arthur räkelte sich auf einem Stuhl vor der Gartenhausthür und

verbreitete Schweigen um sich her. Wenn ein Stein ins Wasser fällt,

zieht er Kreise, und Kreise zog auch Arthur Schopenhauer in den

Gesellschaften, in die er fiel oder fallen mußte, Kreise des Schweigens

und des Verstummens.

Und that er je einmal seinen großen Mund auf, dann schaute seine Frau

Mama mit angstvollen Augen auf ihn. Heute sprach er wieder einmal gar

nicht. »Ein rechtes Kreuz für so eine gescheite, liebenswürdige Dame

wie die Schopenhauern,« dachten die Frauen.

Und nicht genug, daß er schwieg. Er lag auch noch wie ein Alp auf allen

andern. Er »glubschte«, wie die Weimaraner sagen, so von unten auf mit

seinen großen blauen Augen, und um seinen Mund spielte der blanke Hohn,

wenn eins etwa neben ihm sprach, wie ihm der Schnabel gewachsen war.

Ein ungemütlicher Bursche!

Der Herr Rat machte jetzt wieder den liebenswürdigen Wirt, dienerte

nach allen Seiten, präsentierte seinen Nachbarinnen die Zuckerdose und

die Tabaksdose. Es war ihm in den langen Jahren seiner Ehe so allerlei

andressiert worden. Wenn einer von der Gesellschaft aber den Herrn Rat

beobachtet hätte, würde er etwas Sonderbares an ihm wahrgenommen haben.

Er schaute sich ganz versunken bald das eine, bald das andre

Frauenzimmer an, sinnend und prüfend, als wollte er eins davon kaufen,

oder als hätte er irgendwie sonst eine Wahl zu treffen, oder als hätte

er sich aufs Malen verlegt und wollte eins besonders studieren. Er war

manchmal ganz versunken, so daß Frau Rätin sich einmal genötigt sah,

ihn ein wenig anzustoßen und ganz leise: »Aber, Gustävchen,« zu sagen.

Während die Herrschaften vor dem Gartenhäuschen sich standesgemäß

benahmen, brieten Kathrine und die Waschfrau unter den Kirschbäumen

die Würste, setzten die Windlichter hin und trugen die dampfenden

Herrlichkeiten haufenweise auf.

Das war für die am Gartenhäuschen verlockend genug, um mit der

Grandezza jetzt einzupacken. Sie wußten es zwar alle, daß die Rätin es

liebte, wenn man sich hin und wieder etwas bei ihr bethat, wie sie in

Weimar sagen; damit war es nun aber aus, denn die Schopenhauers hatten

sie jetzt überwunden.

Höchst zierlich führten sich die Herrschaften noch zu guter Letzt zu

den Wurstschüsseln, als wollten sie zu einem Menuett antreten, und

setzten sich wieder mit viel Komplimenten, um nun endlich mit einem

Wolfshunger über die Herrlichkeiten herzufallen.

Der Herr Rat war der einzige, der den Würsten nicht stark zusprach,

aber dafür ganz gehörig, gegen seine sonstige Gewohnheit, dem Hausmuff,

so daß ein leises, wohlmeinendes »Aber, Gustävchen« zu ihm angeschwirrt

kam, mitten durch das Stimmengemurmel.

Nach dem Essen spazierten einige im Garten umher, andre spielten

Rat- und Antwortspiele und benahmen sich, wie es sich für gesättigte

Menschen geziemt. Den Rat sah man mit der Kummerfelden umherwandern.

Das war sonst nicht seine Art, sich mit den Frauenzimmern so intim

einzulassen.

Sie gingen den tiefen Garten entlang, der Lottenmühle zu, und die

Kummerfelden wunderte sich über den galanten Rat.

Jetzt waren sie in der Nähe des Mühlbaches angelangt, der rauschte

nächtlich, und über das Mühlrad stürzte das Wasser. Da, mit einem Male,

war es der Kummerfelden ganz sonderbar zu Mute, ganz beängstigend und

traumhaft. Es war ihr, als packte sie der Herr Rat um die Hüften -- und

dann -- als führe er ihr mit dem Kopf in das Gesicht.

Ja, er fuhr ihr mit dem Kopf ins Gesicht und stieß sie an die Nase, und

um die Hüfte hielt er sie wirklich gepackt. Und der Kummerfelden war

es, als schöbe er sie dem Mühlbache zu.

»Herr, du meine Güte,« ging es ihr durch den Kopf, »was hat denn der

Mann? -- Sollte er tobsüchtig geworden sein?«

»Teure, verehrte, geliebte Kummerfelden!« sagte der Rat wütend in

seine große Halsbinde mit Mechanik hinein und würgte die erschreckte

Kummerfelden wieder. Der wurde es angst und bang, sie hätte schreien

mögen, verließ sich aber fürs erste auf die eigenen Kräfte, denn

»Schreien«, das kam ihr doch zu unreputierlich vor. Wie ein Blitz fuhr

ihr ihre ganze Nähschule durch den Kopf und der Skandal, wenn man sie

schreien hören und sie und den Herrn Rat so miteinander finden würde,

denn er war immer noch ganz ungebärdig und fuhr ihr beständig mit dem

Kopf ins Gesicht.

Alle Scenen, in denen sie früher aufgetreten war in Leipzig, Hamburg

und Weimar, gingen mit unbegreiflicher Geschwindigkeit durch ihre

Seele, aber da war keine, die mit dieser einige Aehnlichkeit

gehabt hätte, es müßte denn eine Liebesscene gewesen sein -- ach

du barmherziger Gott -- so ein sträflicher Gedanke! Der alte,

wohlverehelichte Rat und sie, die Kummerfelden? Die Bezeichnung »alt«

ließ sie in diesem Falle der Geschwindigkeit wegen wohl aus, denn

alles, was die Kummerfelden jetzt dachte und im Geiste durchlebte, das

war in ein paar Sekunden hineingezwängt.

Jetzt aber alle Achtung und allen Respekt beiseite, den sie für Herrn

Rat hegte! Jetzt, als er immer noch nicht aufhörte, sondern fortfuhr,

sie mit seiner Person zu bedrängen, gab sie ihm einen ganz gehörigen

Puff vor die Brust mit ihren kleinen festen Armen. Der Herr Rat stöhnte

etwas auf, und die Kummerfelden nahm ihr geblümtes Kleid zusammen

und sprang aus dem Gestrüpp am Mühlbach durch dick und dünn, durch

Gemüsebeete und Blumenbeete mit schiefer Haube der Gesellschaft und den

Windlichtern zu.

Ratsmädel- und Altweimarische Geschichten · 第 11 / 15 题