Schweren Herzens sagte sie: »Nun seid ihr noch schöner als gestern.«

Und das waren sie auch.

Es war der Ehrentag ihrer Schönheit. Sie schienen selbst ganz feierlich

gestimmt, wie die eine die andre so ansah.

Budang, Franz Horny und Ernst von Schiller, die den Zug nicht

mitgemacht hatten, kamen, um sich die Kameradinnen anzuschauen. Die

Lichter unter dem grünen Seidenschirm waren angesteckt, und die beiden

Mädchen gingen im Zimmer umher in ihrer unschuldigen Herrlichkeit.

Die Kameraden verhielten sich einsilbig.

Da stand etwas so fremd Schönes vor ihnen, etwas so Bekanntes,

Vertrauliches, süß Freundschaftliches, -- und doch so Entrücktes.

Die Schönheit ihrer Kameradinnen lag ihnen schwer beengend auf dem

Herzen; es war ihnen dabei nicht wohl zu Mute.

* * * * *

Am andern Morgen, als die beiden schönen Geschöpfe spät zum Frühstück

kamen, schenkte die Waben ihnen ihre Milch ein.

Die Pate Sperber hatte nach ihrer Gewohnheit, wenn bei Kirstens irgend

etwas Besonderes los war, einen Kuchen geschickt, und in diesen Kuchen

aßen Röse und Marie sich in ihrer Zufriedenheit und Glückseligkeit tief

ein, wie ein paar Mäuse, und erzählten dabei der Mutter und der Waben

ihre Erlebnisse.

Die alten Erlebnisse, die schöne Mädchen, so lange die Welt steht,

zu jeder Zeit erzählt haben: berauschende Dinge, die das Geschöpf

triumphieren lassen im glückseligen Machtgefühle.

Und dabei aßen die beiden ungeheuer viel Kuchen und fischten nach den

Rosinen darin.

Und während sie im besten Plaudern waren, brachte die Magd einen

vollblühenden Rosenstock herein, etwas ganz Unbegreifliches zu dieser

Winterszeit, und sagte: »Eine schöne Empfehlung an Fräulein Marie.«

Und an dem Rosenstock hing auch noch ein Briefchen.

Marie wurde dunkelrot und nahm mit zaghaften Händen das Wunder in

Empfang.

»Ach Marie!« jubelte Röse auf.

Ein süßes Gesichtchen wurde bleich, -- ein paar Lippen zitterten wie in

namenlosem Weh, und eine zarte Gestalt ging unhörbar zur Thür hinaus,

ohne daß jemand darauf geachtet hätte.

Das war von +ihm+!

Daß er den Abend oft mit Marie getanzt habe, das hatten sie ja schon

erzählt. Wie war er denn nur hingekommen? Er hatte es eben möglich

gemacht, dachte die Waben dumpf.

Aber der Anblick des blühenden Rosenstockes, -- das war es, -- das erst

hatte ihr schneidend weh gethan!

»Jede Imagination muß ihren Corpus haben,« sagt der alte Paracelsus.

Oben in der Schlafkammer lag das gebrochene Mädchen bei verschlossener

Thür auf den Knieen und hielt den Rosenkranz zwischen den zitternden

Fingern und hatte sich das Bild der heiligen Jungfrau auf den Stuhl

gelehnt und hielt Gottesdienst, einen so schweren, herzbeklommenen

Gottesdienst.

Und sie sehnte sich nach Weihrauch und dem tiefen Orgelbrausen in

ihrem Schmerzensrausche, nach den Aufzügen der Geistlichen bei der

großen Messe; sie sehnte sich nach den prachtvollen Meßgewändern,

klangvollen Worten und starken Tönen, nach der großen Herrlichkeit und

den gewaltigen Glocken, den hohen Säulen und den anstrebenden Gewölben.

Hätte sie dort jetzt auf den Knieen liegen dürfen! Auf Orgelbrausen

und Weihrauchwolken wäre ihr Weh der Mutter Gottes zu Füßen gestürmt.

Aber so, in dieser Kahlheit hier, da hob der Schmerz sich nicht zum

Himmelsflug, sondern drückte und drückte und wurde wieder zur grauen,

schweren Steinplatte, die sie ganz begrub.

Wie nach einer Heimat sehnte sie sich nach ihrer hohen, stillen,

dämmerigen Kirche, und sie breitete die Arme aus und schluchzte laut. --

Mittlerweile war dem Rosenstocke der Mann auf Freiersfüßen selbst

gefolgt und hatte sich nach dem Befinden der Schwestern erkundigt.

Das Befinden war vortrefflich. Sie waren lustig und guter Dinge.

Röses Bräutigam erschien auch, und die beiden schönen Paare standen

auf ihrer Lebenshöhe, denn auch Marie war ganz entzückt von dem

begeisterten, wohlerzogenen jungen Menschen, der sich so plötzlich in

sie verliebt hatte, wie in ein Wunder. So gab es in dem Kirstenschen

Familienzimmer eine prächtige Harmonie. Schöne Menschen in voller

Jugend, die nur von den besten, schönsten Dingen sprachen und

dachten und träumten, die Feste beredeten und Ausflüge und allerhand

Vergnügungen und Feierlichkeiten, um die herrliche Zeit zu genießen.

Als die Waben hereintrat, begrüßte ihr Schopenhauerscher Freund sie,

leicht befangen, als alte Bekannte, -- that es aber mit gutem Gewissen,

denn das große Liebesfeuer, das jetzt in ihm brannte, hatte das

kleine, bedächtige Flämmchen, das für die zarte Waben geglommen hatte,

vollständig verschlungen.

Und was er im Schein des bedächtigen Flämmchens gesagt, gethan und

geblickt hatte, davon wußte er wohl nichts mehr.

»Ihr kanntet euch schon?« fragte Röse ihre Schwester.

»Ja, von Schopenhauers her,« antwortete sie ruhig.

Und da stieg die Seligkeit im Kirstschen Familienzimmer schon wieder

hell empor. --

Und über der Waben schlug es grau und erstickend zusammen, wie dunkles

Wasser.

Sie wußte nicht, was sie mit sich selbst anfangen sollte.

Sie liebte ihn so sehr!

Wie ein trauriger Schatten kam sie sich mitten unter den glücklichen

Menschen vor.

Das ging so ein paar Tage fort, -- so hilflos, so über Bord geworfen

fühlte sie sich! -- Dann hatte sie einen Entschluß gefaßt, nahm sich

ein Herz und bat: »Vater, erlaubst du mir, daß ich nach Jena zur

Beichte fahre?«

Das war ein Ruf nach Rettung, den sie gethan hatte. Es faßte sie wie

die Sehnsucht nach einer alles verstehenden Mutter, die durch und durch

sieht, alles weiß und voller Hilfe und Liebe ist.

Und so fuhr die Waben nach Jena, in der alten, rumpeligen Postkutsche,

und der Postillon blies ein Stückchen, das zu Herzen ging; so ein

echtes, rechtes Postillonstück, das die alte lederne Kutsche zu einem

lebendigen Ding macht, das jubelnd oder klagend am frühen Morgen

auszieht und nachts jubelnd oder klagend in langgezogenen Tönen durch

die dunklen Straßen fährt -- und die Schläfer weckt -- und ihnen das

Herz bewegt.

* * * * *

In Jena, in der grauen Stadt, die, von sonnigen, heitern Bergen

umgeben, im weiten Kessel wie ein Pilznest hockt, mit spitzen grauen

Giebeln und spitzen Dächern, da fand sie in der kleinen, uralten,

geheimnisvollen Kirche, die zwischen Gräbern in der Sonne liegt, das

Orgelbrausen, die Weihrauchwolken, die Säulen, die Priesterworte, --

das Heimische, wonach es sie in ihrer Not verlangt hatte. Da durfte sie

auf ihren Knieen liegen und schluchzend ihr Weh anvertrauen. Und die

Weihrauchwolken und die Orgeltöne waren wie breite Flügel, auf die sie

ihren Jammer niederlegte, und die mit ihm höher flogen, und höher und

höher, immer höher.

Und in der Beichte demütigte sie sich vor Gott und einem alten,

ärmlichen Priester, schüttete ihr Herz aus und beschuldigte sich.

Und ihre Schuld war: daß sie liebte und nicht zu Ende mit dieser Liebe

kommen konnte, daß sie beneidete, verzagte und glücklich sein wollte.

Aber der alte, ärmliche Geistliche tröstete sie und ermahnte sie. Er

sprach von der heiligen Wonne der Selbstverleugnung; er sprach von der

Seligkeit des großen Ueberwindens, von der reinen Freiheit der freien,

ruhigen Seele, die nichts Irdisches will, mitten im Leide nicht

beunruhigt, mitten in der Freude unbegehrlich, selbst arm alles anderen

gönnend, -- nichts wollend selig.

Er sprach in seiner Einfalt die großen unirdischen, ascetischen Worte

zu ihrer Jugend, die sich aufgebäumt hatte gegen das »Ueber Bord

Geworfensein«, die genießen und leben wollte.

Aber das gute Geschöpf hatte sich ganz und rückhaltslos gedemütigt. --

Sie wollte nur Hilfe und streckte die Hände aus und nahm, was man ihr

gab: die große, schwere, ernste Gabe.

Das zarte Gesicht leuchtete, die gebrochene Gestalt richtete sich auf,

und sie empfing die Absolution ihrer Sünden.

Tief in der Nacht fuhr die rumpelige Postkutsche in Weimar wieder ein;

der Postillon blies und weckte die Schläfer.

Im Posthof schlüpfte aus dem dunklen Wagen ein zartes Wesen und ging

durch enge Gassen und Straßen.

Und als sie oben in der Schlafstube, im alten Haus in der

Wünschengasse, vor den Betten der schönen, glückseligen Schwestern

stand und die beiden Mädchen fest schlafen sah, kniete sie nieder und

faltete die Hände, und es war ihr, als wenn sie mit geschlossenen Augen

langsam in das tiefe, stille, sanfte Meer der Entsagung versänke. Wie

weiche Wellen schlug ein großer Frieden ihr entgegen, etwas so unsagbar

Besänftigendes, etwas so hinsterbend Süßes. Und es ward ihr weich und

weit ums Herz, so frühlingshaft, so werdend, als wenn von einem großen,

wunderbaren Geheimnis der Schleier gehoben würde. Man glaubt, das Beste

auf Erden sei das Glück? Das glaubt man; aber es gibt noch etwas, etwas

so geheimnisvoll Unergründliches, was größer als Glück und Unglück ist,

was über allem steht, -- etwas Unantastbares. Und dies Große wohnt

einzig und allein im Herzen entsagender Menschen.

Die unbeachtetste, die geringste Seele kann es mit seiner Größe

erfüllen, die mächtiger ist als alle Welten, als alle Glückseligkeiten.

So umschloß die, von der kleinen Oellampe dämmerig beleuchtete Stube

drei Bräute: zwei glückselige, schlafende, irdische Bräute, -- und

eine süße, kleine Himmelsbraut, mit lichtem, klarem Herzen; eine

Himmelsbraut, auch wenn sie nicht ins Kloster ziehen wollte, sondern

hier zu bleiben gedachte, in diesem glücklichen Hause.

Mitten im Leiden nicht mehr beunruhigt, mitten in der Freude

unbegehrlich, selbst arm alles andern gönnend, -- nichts wollend selig.

Das ist das Große, das Lebendige! Das ist das Unantastbare!

Kußwirkungen.

Am Marktplatz, im Eckhaus, das dem jetzigen Rathaus gegenüber liegt,

da lebte zur Zeit, als die Ratsmädel mit allerlei Schwänken in der

Wünschengasse ihr Wesen trieben, und Apothekers von ihrem Erker,

den ein buckliges steinernes Weibchen auf den Schultern trägt, nach

den Herrschaften ausblickten, um rechtzeitig knicksen zu können,

und das kleine Fräulein Muskulus mit ihrer dicken Perücke und mit

dem Veilchenhut über den Platz scheegte und die Fabianen und die

Kummerfelden und die Kameraden der Ratsmädchen, Budang, Horny und

Schillers Aeltester vorüberwanderten, und es überhaupt von all den

alten Weimaranern, von denen keine Feder und keine Faser mehr übrig

ist, noch wimmelte, da wohnte im Eckhaus ein gelehrter und weiser

Herr, Rat Tiburtsius. Er wohnte da mit seiner Gemahlin, einer kleinen

statiösen Dame, und seiner Haushälterin.

Kinder gab es im Hause nicht, dafür war aber alles blitzblank, vom

messingenen Thürknauf und dem Namenschildchen an der Flurthür, bis

zu dem messingenen Vogelkäfig an dem Fenster über Madame Tiburtsius'

Arbeitstischchen, und bis auf den letzten Messingnagelknopf in

der Küche, bis auf die messingene Kuppellaterne, mit der Madame

Tiburtsius abends von den Whistpartieen abgeholt wurde, die der Reihe

nach umgingen bei Apothekers, bei Madame Kirsten, der Mutter der

Ratsmädchen, bei Madame Kummerfelden und auch bei Fräulein von Knebel

im Schloß, der Erzieherin der Prinzeß Karolina, bei Tiburtsius' und

noch einigen andern und auch bei Madame Schopenhauer. Es glänzte

und glitzerte alles im Haus, auch die alte messingene Kohlenpfanne,

die der Mutter selig, mit Gesangbuch und Lederkissen, winters in

die Stadtkirche nachgetragen wurde und die jetzt im Flur hing. Die

Kaffeekanne, aus der Herr und Frau Tiburtsius nachmittags ihr Schälchen

tranken, blendete die Augen, und der Präsentierteller, auf dem sie

stand, warf ihren Glanz und den seinigen zur Zimmerdecke hinauf und

ließ grelle Lichtringel tanzen.

Und all dieses Feuer fachte ein einziges Frauenzimmer an, das, wenn

man ihr nur Zeit gegeben hätte und einen gehörigen Putzlappen, die

ganze liebe Erde reingefegt haben würde. Dieses Frauenzimmer war

eine trockene, hagere Person, sauber und kerzengerade, und wenn sie

mit ihren beiden strahlenden Eimern zum Brunnen ging, der unter

Apothekers Erker sein Wasser in das große steinerne Becken laufen

ließ, und hinwandelte, rein wie eben erst aus Gottes Hand mit samt

ihren Eimern hervorgegangen, da schauten die Hausfrauen, die mit ihren

Strickstrümpfen und in großen Hauben an den Fenstern saßen, verlänglich

nach ihr aus und seufzten und übertraten regelmäßig den Katechismus,

der da sagt: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Magd.

Aber das war ihre Sache, sie mochten es damit halten, wie sie wollten,

sündigen oder nicht sündigen, es half ihnen doch nichts.

Tiburtsius' Kathrine war in dem blinkenden Hause festgewurzelt, eher

hätte der Stadtkirchenturm ans Umziehen gedacht, als daß Kathrine von

ihrem Dienst in einen andern getreten wäre.

Sie gehörte zu Tiburtsius', schon zur Zeit der Mutter von Madame

Tiburtsius. Sie war es gewesen, die der alten Dame die messingene

Kohlenpfanne, die jetzt unbenutzt, aber immer noch blinkend, im

Flur hing, mit dem Feuerstörer, dem Gesangbuch, dem Lederkissen in

die Stadtkirche nachgetragen hatte. Leid und Freud hatte sie mit

ihren Leuten durchgemacht, hatte gewissermaßen Herrn Rat Tiburtsius

mitgeheiratet und hätte es nahezu für eben einen solchen Treubruch

gehalten, wenn sie ihn verlassen hätte, als wäre sie sein angetrautes

Weib gewesen und nicht die Köchin und Haushälterin der Madame.

»Unser Herr,« sagte sie, wenn sie vom Rat sprach.

»Unser Herr,« sagte auch Madame Tiburtsius, wenn sie in Eifer kam über

irgend etwas, was ihrer Meinung nach der Herr Gemahl hätte unterlassen

können.

Tiburtsius' Kathrine war aber mit ihrem Herrn und mit der Madame, trotz

aller Treue und trotz aller Unmöglichkeit, sich von ihnen und ihren

Messingkäfigen, Messingknäufen, Messinghandhaben, Messingkesseln,

Messingofenthüren, Gabeln und Zangen, Leuchtern, Klingeln und dem

messingenen Namenschild jemals trennen zu können, durchaus nicht so

ohne weiteres einverstanden. Sah man sie im Hause hantieren und auf

den Markt gehen, so hätte man glauben sollen, solche unanfechtbare,

bewährte Sauberkeit, die könnte nur in allertiefstem Frieden gedeihen,

in einer Harmonie, von der man sich eigentlich keine rechte Vorstellung

machen kann, sondern die man nur für möglich hält auf der Insel

der Seligen oder an solch einem Orte, wo es weder Kaminfeger noch

Heizung gibt, noch Straßenschmutz und Staub, noch etwas Versalzenes,

Angebranntes, Gesäuertes, noch Mißverständnisse aller Art, Zank mit

Handwerkern, Tauwetter, Rauch und üble Laune, Aerger über Freunde und

Feinde, noch alte Damen, die mit ihrem Mops auf Nachmittagvisiten

gehen, weder alte Herren mit Tabakspfeifen, noch Kinder mit

schmutzigen Schuhen und Musbröten.

Ja, und es war auch bei Tiburtsius' wie überall auf Erden. Es ging

nämlich ganz natürlich zu, und der ungetrübte Glanz, der über allen

Dingen lag, war nichts weiter als was sich eben mit unermüdlichen

Fäusten erreichen ließ. Tiburtsius' Kathrine hatte so viel Aerger zu

schlucken, so viel Leid, als irgend eine andre Sterbliche auch.

Sie umhüllte den Rat mit einer wahren Wolke von Reinlichkeit und

Sauberkeit -- aber im Kern dieser Wolke, da saß der Rat und paffte

und steckte in einem schmierigen Schlafrock und in ausgeschlappten

Filzschuhen und häufte Schmutz und Staub und Gelehrsamkeit auf

seinen Schreibtisch und rührte all dieses untereinander und streute

Schnupftabak darüber und spuckte auf die Dielen und wischte sich die

Feder an den Kniehosen und warf sein weißes Perückchen auf die Akten,

daß der Puder stäubte und sich mit dem Schnupftabak und Rauchtabak und

der Asche und den Dochten, die er immer aus der Lichtputzschere fallen

ließ, auf seinem Schreibtisch (dem Misthaufen, sagte Kathrine in ihren

Selbstgesprächen) zu einem sehr bedenklichen Ueberzug vermengte.

Das war ein Kreuz und ein Elend -- und dies vor den Augen der Welt zu

verbergen, war Rats Kathrine ihre erste Sorge, da war kein Opfer und

keine Mühe groß genug.

Nichts macht den Menschen mehr Spaß, scheint es, als eine Lüge zu

verteidigen, eine Lüge groß zu ziehen, an eine Lüge zu glauben und

glauben zu machen, eine Lüge am Leben zu erhalten, für eine Lüge zu

leben und zu sterben.

Die Leute sollten nun einmal glauben, der Rat wäre ein Wunder von

Sauberkeit, Pünktlichkeit, Ordnungsliebe und dergleichen löblichen

Eigenschaften mehr. Das hatte sich Kathrine in den Kopf gesetzt,

und nicht nur Kathrine, sondern das rechtmäßig angetraute Weib auch

ebenso. Armer Rat, wenn du die Treppe hinabwandertest, in aller

Unschuld, wie war's dir dann, wenn die Küchenthür aufflog und hinter

dir drein ein Weibsbild fuhr mit Bürsten bewaffnet, der Tuchbürste

und der Samtkragenbürste und, ohne zu reden über dich herfuhr wie

ein Hagelwetter, vom Kragen auf den Rock mit der sanften Bürste und

der harten Bürste in blitzschneller Abwechslung -- und wenn, von den

Bürsten angelockt, sich noch eine Thüre öffnete und die Frau Rätin mit

sanften Jammertönen und der Puderbüchse und der Quaste eilig ankam, um

dir das Perückchen frisch zu stäuben und dein Zöpfchen zwischen den

Fingern zu nudeln -- und dann das Bürsten von neuem begann -- wild und

eifrig, damit um Gottes willen Herr Rat nicht aufgehalten würde; alles

in allergrößter Devotion und ehelicher Liebe und Fürsorge!

»Und die Finger, Gustävchen -- und die Finger und das Fazeterl?

»Die Finger --, Gustävchen, hast se doch erscht gewaschen?« --

Was hatte doch die Frau Rätin für eine behagliche Stimme -- so ein

bißchen eine fette Stimme und ein wenig schnarrend.

Und wenn du glücklich draußen warst, Herr Rat, da war es dir ein wenig

schwindlig -- da wackeltest du mit dem Kopfe ein ganz klein wenig

über diese Weibsbilder; aber nicht etwa so stark, daß man es mit

unbewaffneten Augen vom Fenster aus hätte wahrnehmen können. Beileibe

nicht! Denn oben schaute die Rätin am Fenster dir nach und öffnete

das Schiebfensterchen und rief einmal wie allemal: »Aber Gustävchen,

pünktlich zum Essen -- damit wir den Nachmittag vor uns haben --

Gustävchen!«

Und dann gingst du in deine Sitzung -- da warst du ein freier -- ein

großer Mensch.

In diese Sitzung sprangst du allemal wie der Frosch in den Teich, wenn

du nur das Bild nicht übelnehmen willst! Da kam dir nichts nach -- gar

nichts, da mußte alles draußen bleiben, unwiderruflich -- alles, alles.

Ueber die Schwelle -- ein Schritt, und du warst ein gefeiter Mann. Das

war eine vortreffliche Einrichtung!

Manchmal aber in der Sitzung, da packte es dich ganz eigenartig, da

war es dir zu Mute wie dem Schneck, der sein Haus irgendwo hat stehen

lassen aus Vergeßlichkeit, wenn einem Schneck so etwas passieren

könnte, und der sich nun absorgt, was derweilen wohl mit seinem Haus

geschehen ist, was sie wohl damit machen, ob sie's ihm zertreten haben

-- oder ob was hineingekrochen ist.

Ganz so war es dir zu Mute, lieber Rat -- das weiß ich, und du

würdest mir recht geben. Ja, das wäre dir lieb gewesen, wenn du nicht

gewissermaßen nackt und bloß in die Sitzung hättest gehen müssen,

sondern wie der Schneck dein Haus, dein Eigentum hättest überall

mitnehmen können; wenn du mit deinem Schreibtisch zusammen hättest in

die Sitzung gehen können -- das wäre schön gewesen! Der aber hat zu

Hause bleiben müssen, dein Schreibtisch, der Misthaufen.

Und du mußt selbst gestehen, daß ein Misthaufen mitten in einem

solchen blinkenden Hause, wie das deine eins ist, nicht hineinpaßt;

daß ein Misthaufen entfernt werden muß, und daß es Hände gibt, die das

unwiderruflich thun werden, wenn der Haufen gen Himmel stinkt, wie

Kathrine sagt.

Und dann, wenn du nach Hause kamst, guter Rat, und es empfing dich so

eine angenehme wohlbekannte Luft, eine eigentümliche Oede -- fremd

starrte dich dein Zimmer an, wie eine Wüste dein Schreibtisch, die

Dielen naß, kalt, fleckenlos, der Tabaksduft mit Seife- und Sandgeruch

vermischt, der seelenvolle Zustand ertötet, alles kalt zusammengerafft

ohne Sinn und Verstand, die Verbindung von Gelehrsamkeit, Schnupftabak,

Rauchtabak, Asche und Staub zerstört, das Behagen verscheucht -- das

hast du oft durchgemacht, Herr Rat; anfangs gebrummt, geschimpft,

gezankt, aber das nahmen deine Weiber so selbstverständlich hin

wie eine Rechnung, verzogen die Gesichter nicht und strichen deine

Aufregung, deine Verzweiflung, deinen Jammer, deine Wut einfach ein,

quittierten darüber, und die Sache war abgemacht.

Du warst machtlos, Herr Rat, denn was wolltest du thun; du warst

machtlos wie ein Verrückter zwischen seinen beiden Wärtern, die ihn

seelenruhig toben, schreien, zappeln lassen, bis der Anfall vorüber

ist, und sich sogar verständnisinnig in ihrer Roheit über das Gethu des

armen Narren zulächeln.

Trotz aller deiner Gelehrsamkeit, Herr Rat, warst du ein armer Narr. --

Glaub's nur, Herr Rat.

Von deiner Gelehrsamkeit sahen sie nichts, hörten sie nichts, und wie

sie zu dem Wirtschaftsgeld kamen, das immerhin deine Gelehrsamkeit

ihnen einbrachte, darüber zerbrachen sie sich auch den Kopf nicht.

Sie bemerkten nur die Asche, den Ruß, die rauchige Feuerstelle, die

die Flamme deines Geistes erzeugte, und hielten das für einfache

Schmutzerei.

Und Schmutzerei konnten sie beide nicht brauchen, die Kathrine nicht,

weil sie Blankheit für wichtiger als Luft, Atemholen, Essen und Trinken

ansah, und die Frau Rätin nicht, weil sie immer Besuch und Visiten

erwartete -- und die bekam sie von früh bis in die Nacht hinein.

Besuch mit Nachtessen und Visiten mit Kaffee, einem Gläschen Wein und

Kringeln. So waren Besuch und Visiten voneinander zu unterscheiden bei

Frau Rätin und Kathrine. Und dieses Besuch- und Visitenerwarten, das

war der zweite schwere Stein, der auf Kathrinens Herzen lag, und nicht

nur auf Kathrinens. Die Frau Rätin war eine lebenslustige Frau, die bei

sich dachte: »Es ist, weiß Gott, genug, wenn eines im Hause sauertopft,

das sollte mir fehlen, daß ich mich über meinen Nähtisch setzte, wie

mein Rat über seinen Schreibtisch, und Grillen finge und spindisierte.

Gott bewahre.« Die rundliche Rätin mit den muntern blauen Augen, dem

kleinen, von runden Wangen eingeengten Mund, der strammen, kugelrunden

Gestalt, die Frau Rätin, die so lachen konnte, daß alles an ihr

schwabberte und schwabbelte, die wollte das Leben genießen und genoß es.

Sie hatte so viele gute Freunde und Freundinnen, alte und junge, und

war überall dabei und machte alles mit. Vormittags hielt sie sich, wie

es einer guten Hausfrau geziemt, leidlich daheim, flickte, schaute der

Kathrine nach, machte mit ihr Streifzüge in Herrn Rats Studierzimmer,

sobald er selbst ihm den Rücken gewandt hatte; sie ging Mittwochs

und Sonnabends hinunter auf den Markt und brachte die Morgenstunden

herum, wie es ein kinderloses Weibchen mit einem grilligen Mann am

Schreibtisch in Weimar und anderswo je hingebracht hat. -- Aber am

Nachmittag!

»Damit wir die Nachmittage vor uns haben, Gustävchen.« Das rief sie

nicht umsonst täglich Herrn Rat aus dem Schiebfensterchen nach, wenn er

sich in die Sitzung aufmachte.

* * * * *

Bei Tiburtsius' und bei Apothekers ging es am lustigsten her von allen,

die rings um den Marktplatz wohnten.

Bei Apothekers nahm groß und klein an jeder Festlichkeit teil, da floß

Familienseligkeit, Familiengenügsamkeit wie ein lustiges Bächlein.

Bei Rat Tiburtsius' aber ging der Geselligkeitstrieb, der Trieb nach

Festlichkeit und Lustbarkeit von einem einzigen fetten Weibchen aus,

das sich breit und wichtig machte.

Kathrine haßte das ganze Gästewerk aus Grund ihres Herzens. Sie kamen

zu jeder Zeit und hatten kein Einsehen. Ehe die Stiegen noch trocken

waren, tappten kleine und große Füße darauf herum und schleiften den

Straßenschmutz wieder herein.

Die Kummerfelden, die alte Schauspielerin und jetzige Nählehrerin, die

am Entenfang in ihrem winzigen Häuschen wohnte, kam angehatscht durch

dick und dünn, bei jedem Wetter. In ihren Strickbeutel hatte sie zwar

oftmals Steine auf ihrem Spaziergang eingesteckt, die ließ sie dann

auf dem grundlosen Weg zum Entenfang, so hießen ein paar kleine Häuser

am Lottenbach, fallen, hatte aber nicht viel genutzt, und so zierlich

sie ging, die Alte, ein gehöriges Stück Entenfang brachte sie an ihren

Kreuzbänderschuhen immer noch mit.

Bei Tiburtsius' fand sich alles mögliche zusammen: die Fabianen,

die sie in Weimar Rabenmutter nannten, weil sie jeden Winter, den

Gott schickte, zum Ettersberg hinauswanderte und die Raben fütterte

mit allerlei, was sie bei den guten Freunden eingesammelt hatte,

worauf sie mit ihren großen Filzschuhen und mit gutem Humor, wie

ein Rieseneiszapfen, zur Kaffeestunde zu Tiburtsius' kam und ihren

unzerreißbaren Christophorusmantel übers Treppengeländer hing, so daß

beim Auftauen die Bäche davon herabrannen. Und ihre Freundin, die

winzige Mamsell Muskulusen mit der dicken Perücke, und die wunderschöne

Rätin Kirsten mit ihren beiden Ratsmädchen, und alle Apothekers,

und der Kupferstecher Müller mit den Müllerschkindern, und nicht zu

vergessen der Ratsmädchen Freunde, Budang, Ernst von Schiller und Horny

und Herr und Frau Egidi, ein junges Ehepärchen, und zu feierlicheren

Gelegenheiten Madame Schopenhauer und Fräulein Adele, die Pogwischs,

die ganze schöngeistige heilige Klerisei aus Frau Johannas Salon,

August von Goethe und junge Leute seiner Bekanntschaft. -- Wer sie

alle aufzählen könnte, die Leute aus dem immer lustigen Weimar, die

fleißig bei der dicken kleinen Frau Tiburtsius aus und ein gingen

und Kathrinens guten Kaffee tranken und die guten Kuchen aßen, die

sie buk, und die Pufferts und Wickelklöße und die appetitlichen

Brotschnittchen -- und bei besonderen Gelegenheiten ein Gläschen von

Herrn Tiburtsius' gutem alten Malaga zu schlucken bekamen, so lange,

bis er aufgeschleckt war und der Herr Rat das Nachsehen hatte.

Und wie sie alle mit einem schlechten Gewissen an der Thür von Herrn

Rats Arbeitsstube vorbeischlüpften und auch an der blinkenden Küche

von Kathrine. Sie wußten gar wohl die Sachlage zu beurteilen; aber

das störte sie nicht, durchaus nicht. Im Gegenteil, es hatte etwas

Anregendes. Und wenn der Herr Rat ein bißchen maulwurfsmäßig in die

schon stundenlang versammelte Gesellschaft seiner Frau trat, da wurde

er gescholten und liebenswürdig gehänselt und zwischen zwei schöne

Damen gesetzt, und mußte den Sakramenter spielen. Und brauchte man sein

Arbeitszimmer zu lebenden Bildern oder als Garderobe oder sonst zu

irgend einem edlen Zweck: »Ausgeräuchert, alter Hamster,« sagte dann

irgend ein Pfiffikus zu ihm, sein alter Freund, der Apotheker, oder

Kupferstecher Müller oder sonst einer; irgend so eine Art Witz machten

sie stets, gewöhnlich denselben.

Das ging so fort jahraus, jahrein.

Was half es dem armen Rat, daß er ein großes Licht der Wissenschaft

war, daß man in Weimar allerlei Anekdoten von ihm erzählte, daß die

Marktweiber ihn nicht nur in eine Reihe mit Schiller und Goethe

stellten, sondern noch weit über diese hinaus, daß der Nachtwächter ihn

ganz besonders ehrfurchtsvoll grüßte, daß er ein sehr geachteter Bürger

war? Gar nichts. Er blieb eine armselige, waffenlose Kreatur, die nicht

im stande war, ihr Nest zu verteidigen. Er wurde gebürstet, überstäubt

und wieder gebürstet, sein Schreibtisch wie ein Stall gereinigt, sein

Behagen durchkreuzt, verscheucht, seine Atmosphäre gelüftet, seine

Gewohnheiten wurden mißachtet, seine Ruhe wurde gestört, seine Stube

genäßt, versandet, sein Wein verschenkt -- der Boden ihm unter den

Füßen weggenommen. Er wußte es selbst nicht, wie schlimm es war.

Kathrine aber ging hin und wieder ein trübes Licht über den Zustand

ihres armen Herrn auf, einzig deshalb, weil auch sie dem Trieb nach

Geselligkeit, der ihre Frau beherrschte, feindlich im Grunde ihrer

Seele gegenüberstand. Sie kannte eine Geschichte, die hatte der Wirt

vom Stadthaus ihr erzählt, eine Geschichte, auf die sie stolz war, die

sich zugetragen hatte, als sie schon längst im Hause diente, von der

sie aber nichts erfahren, bis eben der Wirt vom Stadthause sie ihr

mitteilte, und die Geschichte hatte sich folgendermaßen zugetragen.

»Dein Rat ist doch ein verteufelt Gescheiter,« hatte der Wirt ihr

gesagt, während sie sich das Seidel Braunbier von ihm einfüllen ließ.

»Da schaut er einmal zum Fenster 'raus und gafft, und bei mir steht ein

Bauersmann, so 'n Stoffel, der nich dreie zählen kann -- der sollte

in der Stadt einen Doktor holen, aber welchen -- das hatte er dir

vergessen. Und nun steht er da in seinen Lederhosen, wie die Kuh vor

dem neuen Thor, und weiß nicht, was hinten und vorn is -- und kratzt

sich hinter den Ohren. Da sag' ich zu ihm: ›Guck, da sieht der Rat

Tiburtsius zum Fenster 'naus -- der weiß alles. Wenn einer, so kann der

dir's sagen, den mußt du fragen.‹ Un richtig, der Schiebel geht auch

und steht dir unterm Fenster und glotzt 'nauf -- und thut 's Maul nich

auf.

»Da mach' ich mich auf die Strümpfe und mach' dem Herrn Rat mein

Kompliment und sag': ›Herr Rat, der Mann da soll schnell einen Doktor

aufs Land holen un weiß nich mehr, welchen.‹

»Der Herr Rat, der hört's dir nur -- un sagt gleich: ›Das ist ja

wunderlich -- das ist ja wunderlich.‹

»Un Doktor Wunderlich, der war dir'sch werklich, das hatte er gleich

weg. -- Der Doktor Wunderlich, der sollte geholt werden. Es muß schonn

so an recht Gelehrter sein, dein Rat.« --

Und Kathrine erwog diese Geschichte in ihrem Herzen und vergaß sie

nicht, und wenn es die Gäste der Madame gar zu bunt trieben und den

Frieden des Herrn Rat gar zu unverschämt störten und auch in ihrer

Küche herumwirtschafteten, das Mehl selbst aus dem Fasse holten, um

Mehlhäufchen zu spielen, oder die blanken Kasserollen herunterlangten,

weil sie dieselben zu Helmen in irgend einem lebenden Bilde gebrauchten

-- da dachte Tiburtsius' Kathrine, daß man so einen gelehrten Mann doch

mehr ästimieren sollte. Das dachte sie hin und wieder eine ganze Reihe

von Jahren lang.

Nun war einmal um Fastnacht ein sehr milder Februar, der seine zehn

Frühlingstage, die er füglich geben sollte, so verlangte man es damals

in Weimar von ihm, auch wirklich gab; -- es waren schon bald ihrer zehn

beisammen, und der Herr Apotheker und der Herr Kupferstecher Müller und

der Herr Rat Kirsten und der Herr Rat Tiburtsius und noch so und so

viele sagten, wenn sie einander begegneten oder ein Gespräch anfingen:

»Heuer ist's aber in schönster Ordnung« -- oder »Ein kapitaler Februar«

-- oder »Ein Staatsfebruar« -- oder »Heite ham mer en Februar, der sich

gewaschen hat« -- oder sonst dergleichen etwas, wie es die alten Herren

von damals zu sagen liebten.

Die Jenenser Botenweiber brachten schon Schneeglöckchen und

Weidenkätzchen mit und erzählten Wunderdinge, wie weit sie in Jena

schon Weimar voraus wären.

Um diese Zeit war in den Rat Tiburtsius eine sonderbare Lustigkeit

gefahren. Er trieb sich außer dem Haus umher. Die einen sahen ihn da,

die andern begegneten ihm dort. Er machte weite Spaziergänge, man hatte

ihn mit Leuten auf der Straße reden sehen; von denen man wußte, daß sie

mit Tiburtsius' nicht bekannt waren. Er war zerstreuter denn je, ließ

sich von Kathrine auf der Treppe bürsten und von der Rätin bestäuben

und dann wieder bürsten, ohne etwas davon zu bemerken. Er suchte die

Dinge, die er in der Hand trug, in allen Ecken, jammerte nach der

Brille, die ihm auf der Nase saß, bemerkte es scheinbar nicht, wenn sie

seinen Schreibtisch abgekehrt und umgekehrt hatten, wurde von Kathrine

ertappt, wie er ohne Hut ausgehen wollte, statt des Hutes aber seinen

alten Filzschuh unterm Arm trug. So toll dies auch klingen mag, ist es

doch wirklich und wahrhaftig wahr und in Weimar auch bei alt und jung

gar wohl bekannt. Es hat sich so manche Geschichte von dem Herrn Rat

fortgepflanzt, und ich kann eine feierliche Beteuerung abgeben, daß

überhaupt alles, was ich von dem Herrn Rat erzähle, vollständig auf

Wahrheit beruht, wie überhaupt alles, was ich in dieser Geschichte zum

besten geben will.

Und wollte ich die Quelle verraten, aus der ich so manches

Altweimarische schöpfen darf, so bin ich versichert, es würden sich

so vielerlei Forscher und Wühler mit Eimern, Gelten und Schaffen

aufmachen, um auch aus meiner Quelle zu schöpfen, daß ich wohlweislich

schweigen werde. Sie würden mich fortdrängen. Sie würden behaupten, bei

weitem wichtiger als meine Wenigkeit zu sein. -- Sie würden sich mit

wissenschaftlichem Eifer breit machen, würden mich anschnauzen oder

höflich ersuchen, Platz zu machen, weil sie die Goethezeit mit allem

Drumunddran gepachtet zu haben vorgeben. -- Jawohl -- daraus wird aber

nichts.

Uebrigens, um gleich eine Ungenauigkeit, deren ich mich schuldig

gemacht habe, selbst zu berichtigen, ehe es andre thun, gestehe ich,

daß Herr Rat Tiburtsius keinen alten Filzschuh unterm Arm statt seines

Hutes getragen hat, sondern etwas andres, was ich mir aber erlaubt

habe, des guten Tons halber in einen alten Filzschuh umzuwandeln. Der

Rat war eben mit seinen Gedanken ganz wo anders, als wo Kathrine und

die Rätin meinten, daß er sein müßte.

So ging es eine ganze Weile fort.

Die Leute trugen der Frau Rätin zu, daß der Herr Rat einen Kauf müsse

abgeschlossen haben; aber was er gekauft habe, das konnten sie ihr

nicht sagen. Auf dem Stadtgericht war er auch gesehen worden. -- Gott

weiß, wo alles man ihn gesehen hatte! Auch hinter den Scheuern wollte

man ihn gesehen haben.

Die Frau Rätin grübelte hin und her, ihre Gäste grübelten, Kathrine

grübelte. Man fragte, man sprach allerlei Vermutungen aus. Die einen

meinten, er habe sich ein Reitpferd gekauft -- darüber mußte aber die

Frau Rätin lachen. Die andern meinten Pferd und Kütschchen -- da lachte

die Frau Rätin schon weniger, das wäre ihr gerade recht gewesen. Einen

Oxhoft Wein aus Frankfurt, glaubte der Apotheker. Andre wieder kamen

darauf, er wolle der Stadt eine Schenkung machen. Man konnte nicht

darüber einig werden, und der Rat schwieg beharrlich.

»Das ist meine Sache -- meine Sache -- meine Sache!« fuhr er seine Frau

an; zum erstenmal seit Jahren fuhr er sie wahr und wahrhaftig an, als

sie hinterlistig und energisch hinterlistig in ihn dringen wollte.

Das erschien ihr so sonderbar, daß ihr gut gewöhnter alter Gatte mit

einemmal rebellisch wurde, daß sie etwas Unbestimmtes fühlte, was sie

veranlaßte, nicht weiter in ihn zu dringen.

Und so blieb er so weit unbehelligt.

Eines schönen Abends, als die Rätin zu der Schopenhauern zur

Whistpartie gebeten war, wanderte Herr Rat in seinem Zimmer auf und

nieder und pfiff. -- Er pfiff wirklich. -- Wie sonderbar es klang,

und wie sonderbar er es fühlte, dies Pfeifen! Seine Lippen waren ihm

ordentlich steif geworden und juckten ihn. -- Er hatte seit Jahrzehnten

nicht gepfiffen, solang er Rat war, kein einziges Mal.

Aber heute! -- Und er rieb sich die Hände ganz vergnügt und schlürfte

in seinen Pantoffeln sehr schnell und sehr eifrig auf und nieder.

Jetzt klappte er den Kleiderschrank auf, suchte und kramte unten und

oben auf dem Brett, wo sein Schuhwerk stand, und auf dem, wo Hüte und

Kappen lagen und wo ein Staatsperückchen auf seinem Stengelchen saß.

Dem nickte er zu und sagte: »Du wirst was erleben!«

Dann wirtschaftete er zwischen Röcken und Kniehosen und den gestickten

Westen herum, und ein paar weiße, mächtige Halsbinden fielen oben vom

Brett, wo sie neben dem Perückchen gelegen hatten, und er trat darauf.

Es knackte. Zuerst merkte er's nicht, denn er wühlte ganz zu hinterst

im Schrank, aber jetzt steckte er mit dem einen Fuß in einer, und die

hatte eine Mechanik und schnappte.

Da fuhr er mit dem Kopfe aus seinen Röcken, Hosen und den gestickten

Westen -- und sah nach, was angebissen hatte.

»Ei -- ei -- ei -- ei!« sagte er betroffen und gedachte seiner

Weibsleute. Dann legte er die Halsbinden vorsichtig, trotzdem er sie

bös zugerichtet hatte, wieder neben das Staatsperückchen -- und kramte

weiter.

Endlich hatte er, was er suchte, und zog ein Ungetüm von einem alten

Flausrock hervor, einen hellen Flausrock, der ihm von oben bis unten

ging. Er schien, nach dem Zustand zu urteilen, in dem er sich befand,

der Vater von dem jetzigen alten Flausrock zu sein, den der Rat

gerade anhatte -- oder auch der Großvater davon. Er war so eine Art

Schlafrockheiligtum.

»Da ham m'ern,« murmelte der Rat, hielt ihn ausgebreitet vor sich hin

und schaute den schäbigen Gesellen pfiffig an und schaute auf die

Rutschpartieen von altbekannten Tintenflecken, auf ganze Wüsteneien,

wo er die Feder jahrelang ausgewischt hatte, so daß glänzende

Krusten entstanden waren, und schaute auf Tabak- und Bierflecken und

unbestimmbare Flecken, als blickte er auf lauter Gemälde seines

vergangenen Lebens.

Der Rock gefiel ihm. Der Rat schmunzelte und wickelte ihn sorgfältig

und fest in eine Rolle, und mit einem Bindfaden band er ein paar

große Latschen darauf, schob dann das Paket in eine Ecke und stellte

einen Lehnstuhl davor und ging wieder im Zimmer auf und nieder eine

ganze Weile, schaute hin und wieder zum Fenster, und jetzt lugte er

vorsichtig zur Thür hinaus. Es war still, ganz still -- Kathrine mußte

auch fort sein.

Ein Zug tiefen Friedens lagerte sich auf dem Gesicht des Rats. Er legte

die Hände über sein spitzes Bäuchlein, das sich unvermittelt wie ein

Schwalbennest an der hagern Figur angehängt hatte, und wandelte so

weiter. Diesmal aber pfiff er nicht.

Er sang mit einer knarrenden, ungeschmierten Stimme, wie in der Kirche,

wenn er seinen Choral absang -- aber ein gutes, herzerfreuendes

Lied war es, kein Choral. Und nur die erste Strophe davon -- weiter

nicht. Er sang so schüchtern, als wollte er einer schönen Dame eine

Liebeserklärung singend vortragen, und es lag ein sonderbarer Ausdruck

über seinem Gesicht, eine Erregung, etwas wie Reiselust; die aber

kannte und verehrte der Herr Rat nicht. Es war etwas andres.

Die Sonne ging jetzt unter und warf ihre Frühlingsstrahlen auf die

gelbgetünchten Mauern des Stadthauses, daß es golden glänzte, und die

Strahlen, die in das große Becken des Marktbrunnens plätscherten, ließ

sie wie lebendiges Silber glänzen.

»Wenn einer einen Garten hat.«

Das sang der Herr Rat mit zitternder, gerührter Stimme.

Das mochte vielleicht eine Erinnerung sein, eine Jugenderinnerung,

eine Frühlingserinnerung, die sich ins Herz schleicht, die das ganze

Leben vergessen läßt und uns in die liebe, gute Jugend versetzt,

denn der Herr Rat hatte alles, nur keinen Garten, und er sang genau

so, als hätte er einen, nicht sehnsüchtig und eigentlich auch nicht

erinnerungsselig, sondern triumphierend -- wirklich triumphierend. Und

er schritt auf und nieder, stolz und unternehmend wie ein Hahn auf

seinem Hof. Es war ihm wohl zu Mute, und damit wir's kurz sagen: er

hatte wirklich einen Garten. Er hatte einen Garten gekauft -- für sich

selbst einen Garten, kein Pferd mit einem Kütschchen, und hatte auch

der Stadt nichts vermacht. Gott bewahre!

Und jetzt war er dabei, sowie die Dämmerung ein wenig dichter wurde,

mit seinem Flausrock unterm Arme in sein neu erworbenes Eigentum zu

wandern.

Er hatte die sonderbare, eines weltfremden Gelehrten würdige Idee

gefaßt, seinen Garten geheim zu halten. Es sollte so lang als möglich

niemand etwas davon erfahren, und deshalb wartete er auf die Dämmerung

und sang das Gartenlied erst, als er sich überzeugt hatte, daß auch die

Kathrine ausgegangen war.

Und endlich -- endlich war es so weit. Der Rat schlüpfte in seinen

Rock, nahm Stock und Hut, legte über den Flausrock und über die alten

Latschen ein zerknittertes Fetzchen blaues Papier, das er aus einem

Fache seines Schreibtisches bedächtig hervorgesucht hatte, denn zu

jener Zeit wurde eine solche Papierverschwendung wie jetzt, wo man

einen ganzen Flausrock mitsamt alten Latschen bequem in ein einziges

Zeitungsblatt wickeln könnte, nicht getrieben. Man dachte an eine

solche papierne Flut, wie sie uns heute überschwemmt hat, noch nicht im

Traume damals.

Dem Herrn Rat wäre aber so ein tüchtiger Fetzen Zeitung, wie die

»Kölnische« etwa, gerade recht gekommen, denn er zupfte und reckte und

strich an seinem blauen festen alten Papierchen, das gar nichts decken

wollte, sondern nur wie ein Pflaster auf dem Flausrock lag. Schließlich

nahm er ihn aber unter den Arm, wie es gehen mochte, schlich die

Treppe vorsichtig, vorsichtig hinab, trotzdem er, als er zaghaft in die

Küche geschaut hatte, überzeugt sein konnte, daß das Frauenzimmer mit

den Bürsten ebensowenig daheim war als die Gattin mit der Puderquaste

und der Puderschachtel.

Er war jetzt ein freier Mann; aber das Schleichen hatte er sich nun

einmal angewöhnt.

Auf der Straße lief er so hastig mit seinem Bündel, als es sich

irgend mit seiner Würde als Rat vertrug, durch die Wünschengasse

unter dem Wittumspalais hin, die alte ausgetretene Treppe, die zur

Esplanade führt, hinauf; da, unter den alten Linden, war es schon

recht dämmerig. Für den Flausrock war das gut, weniger für den Garten;

aber diesmal kam es dem Rat mehr darauf an, sein Bündel in dem Garten

glücklich unterzubringen. Er stellte sich vor, wie er den Flausrock

dort aufhängen würde, damit er künftig alle Herrlichkeit in seinem

Garten auch ganz kommod genießen könnte, denn im Staatsrock und in

Lederstiefeln, das hätte ihm nicht gepaßt.

Bei der Schopenhauern mußte er vorüber, aber das schien ihm

ungefährlich. Wie angepicht saßen sie bei ihrem Partiechen, hörten und

sahen nichts, das kannte er. So ging er weiter und hinter dem Theater

noch ein Stückchen Erfurterstraße, bis ans Erfurter Chausseehäuschen,

dann ging die Herrlichkeit an. Ja, man war mitten schon darin -- Garten

an Garten, von dem alten Brauhaus an bis hinunter zur Wallendorfer

Mühle.

Und nicht etwa so Staatsgärten, wie man sie jetzt liebt, mit

zementierten, runden, glatten Bassins für ein einziges langweiliges

Strählchen Wasser, mit langweiligen runden und dreieckigen Beeten,

auf denen wohlgeordnete Blumen von gleicher Höhe und gleicher Farbe

wachsen, mit dünnem Gebüsch und breiten sandigen Wegen, kurzgeschorenen

winzigen Grasfleckchen -- keine so blechernen Gärten, in denen die

Beete, Büsche und Rasenplätze wie ein Meublement aussehen, Gärten,

wie vom Tapezier arrangiert. Gar nicht! Das waren urwüchsige Gärten,

gesegnete Gärten.

Und solch einen alten, guten Garten, nicht allzu weit von der

Stadt entfernt, den zweiten von der Lottenmühle aus, den hatte der

Rat Tiburtsius erworben. Wie zu einem Liebchen schlich er an den

Gartenzäunen hin. Die Hand hielt er in der Tasche und faßte den

Schlüssel darin fest, mit dem er sich sein Paradies aufschließen wollte.

Jetzt waren die Leute schon meist daheim. Er begegnete zwischen den

Zäunen keiner Menschenseele, die ihn irgend etwas anging -- und

jetzt stand er vor seiner Thür -- seiner Thür, einer Thür aus zart

silberglänzenden, verwitterten Latten, und durch den Bretterzaun

steckten Himbeerbüsche ihre grünen Finger. Es war Mai geworden, bis der

Garten wirklich Herrn Rat Tiburtsius gehörte. Und über den Zaun quoll

der Duft aus dem vollen grünen Garten -- und der Duft gehörte dem Herrn

Rat. Ehe er wirklich aufschloß, schnaufte er ein paarmal tief.

So ein Duft aus dem eigenen Garten!

Den geraden Weg entlang, der auf ein Gartenhäuschen zuführte, standen

die Sommerblumen schon in dicken Knospen, und die Pfingstrosen blühten

in ganzen Ballen, und Irisblumen, blaue und gelbe. Die Aepfel- und

Birnen- und Kirschbäume trugen dickes, frisches Laub.

Die alten Eschen und Birken, die das grünbemooste Dach der Lottenmühle

beschatteten, schützten den Garten von Norden und hüllten ihn in einen

dichten grünen Mantel. Wie geborgen lag er so in dem Dämmerlicht und

quoll und blühte und knospte und duftete.

Ein Fledermäuschen schwirrte vom Mühlbach her, und die großen Bündel

des gestreiften Bandgrases raschelten und wisperten ganz fein im Winde

wie Schilf -- nur weicher.

Und alles war so weich, so voll, so lebendig -- Farben lugten aus

der Dämmerung. Die Laubmassen wurden immer dicker, flossen immer mehr

zusammen, und es war feierlich im Garten des Herrn Tiburtsius.

Der stand immer noch mit dem zusammengerollten Flausrock mitten auf dem

Weg, ohne sich zu regen.

Ihm war so wohl! Wahrhaftig, er traute sich nicht, sich zu rühren. Kein

Mensch wußte von ihm, ahnte, wo er sich befand und wie er sich befand,

und er kam sich vor wie ein Vogel in einem grünen versteckten Nest, den

keines Menschen Auge treffen kann. Und wieder summte und brummte er das

Gartenlied, aber jetzt zwischen den Zähnen:

»Wenn einer einen Garten hat.«

Er hätte sich vor einer lauten Stimme, auch vor der eigenen, in dem

weichen, vollen Garten erschreckt.

Der Flausrock wurde jetzt auseinandergerollt und im dumpfen dunklen

Gartenhäuschen, in dem es nach Sämereien, trockenem Laub, alten

Weidenkörben und etwas moderig roch, aufgehängt. Der Rat mußte mit den

Händen nach einem Nagel suchen. Eine wilde Weinranke tippte währenddem

ein paarmal an das Fensterchen. Es war so heimlich.

Jetzt ging er hinaus und tappte vorsichtig zwischen den Gemüsebeeten

hin und her, bückte sich und befühlte die Salatpflanzen, die sich

schon zu Köpfen ballten. So zart und elastisch waren sie und fühlten

sich etwas fettig an. Dem Rat lief der Tau, der sich in den tausend

Schlupfwinkeln so eines Salatkopfes eingenistet hatte, kühl über die

Finger.

Ein Nachtfalter flog auf. Von den Feldern her hörte man die Grillen

zirpen, und die Luft war voll Laubduft. Und manchmal trug ein Windchen

den unaussprechlich zarten Duft der vielen blauen und gelben Irisblumen

durch die Luft, und auch die Pfingstrosen, die eigentlich fast duftlos

blühen, empfand man deutlich. Und von der Lottenmühle her kamen ganze

Wolken von Geißblattblütenduft, so gewürzig, so vielgestaltet; bald

empfand der Rat diesen wundervollen Duft wie Vanille, bald wie alle

schönen bekannten und unbekannten Düfte zusammengebraut.

Das Rauschen des Mühlbachs drang auch herüber und das Klappern und

Dröhnen des Mühlwerkes, ganz dumpf, und die Birken und Eschen rauschten

dazu. -- Die Dunkelheit sank immer tiefer herab, und der Herr Rat

tastete sich aus den Gemüsebeeten heraus, um nichts zu zertreten, und

machte sich auf den Heimweg. Ehe er aber die Thür öffnete, blieb er

noch lange ganz versunken stehen und atmete den schönen Gartenfrieden

ein, und die Dunkelheit verbarg ihn mit allen seinen Schätzen vor aller

Welt, ihn mit seinen Pfingstrosen, seinen Iris- und Bandgrasbüschen,

seinen knospenden Sommerblumen, seinen Salatköpfen, Zwiebeln,

Kohlrabiknollen und Krautköpfen, seinem Dill und seinem Gurkenkraut,

seinen Stachelbeerbüschen, Himbeerbüschen, Bertramstauden und den

hundertfach knospenden Centifolienbüschen.

Und als er endlich zwischen den Zäunen wieder der Stadt zuging, da

kam er wirklich wie von seiner Liebsten -- und zu Hause ließ er kein

Wörtchen verlauten.

Die Rätin fragte auch nicht, als sie später von der Schopenhauern

zurückkam. Sie nahm an, er wäre im »Elefanten« bei seinen alten Herren

gewesen. -- Und unter denen ging es das eine Mal so zu wie das andre

Mal, da war nicht viel zu fragen und zu antworten zwischen einem alten

Ehepaar.

Am andern Abend, aber bei weitem früher, machte er sich wieder

auf. Bei ihm war das Haus voller Leute. Es schnatterte bis in sein

Studierzimmer, und in der Küche wurde gebacken und geklappert. Es war

großer Damenthee.

Wieder konnte er völlig unbemerkt davon kommen und arbeitete

im Flausrock stundenlang und goß sein Gemüse und saß vor dem

Gartenhäuschen und paffte aus seiner Pfeife, schaute in den blauen

Himmel, hörte auf eine Lerche, die draußen in den Feldern aufstieg,

schnaufte tief den Duft seines vollen Gartens ein, und der Duft mischte

sich mit den Tabakswölkchen aus seiner Pfeife.

Die Vorübergehenden konnten ihn nicht sehen, denn der alte Bretterzaun

war hoch, und von den Nachbargärten war er auch nicht ohne weiteres zu

belauschen. Dieser Umstand hatte viel dazu beigetragen, den Herrn Rat

zum Ankauf dieses Grundstückes zu bestimmen.

Aus dem einen Garten hörte er Kinderstimmen. Sie sangen:

»Es fuhr ein Bauer ins Holz,

Es fuhr ein Bauer ins Kirmsenholz,

Ki -- ka -- Kirmsenholz,

Es fuhr ein Bauer ins Holz.«

Es machte ihm Spaß, zuzuhören. Es machte ihm überhaupt alles Spaß.

Und er hatte so ein verschmitztes Lächeln, der Rat, ein Lächeln, wie

es, solange er Rat und Gatte der Frau Rätin war, seine Muskeln niemals

inkommodiert hatte.

Zum erstenmal fühlte er, was es heißt, Herr im Hause zu sein. Darüber

mußte er nun wieder lächeln, denn so ganz geheuer kam es ihm doch nicht

vor, und er dachte an den Mann, der unter dem Tische sitzt und schreit,

als er die Frau mit dem Besen kommen sieht: »Nun will ich aber doch

sehen, wer Herr im Hause ist!«

So etwas war bei ihnen natürlich nicht vorgekommen -- aber -- aber.

Daß sie es aber in Weimar mit dem Garten noch nicht heraus hatten,

war doch sonderbar, ging es dem Rat wieder durch den Kopf. Wirklich,

das war ein seltener Glücksfall. Eigentlich nicht zu glauben. Der

Zinngießer Lange, mit dem er den Handel abgeschlossen hatte, der mußte

wirklich so weit reinen Mund gehalten haben.

Und es dauerte auch noch eine ganze Weile. Vier Wochen lang schlüpfte

er nun schon wie der Fuchs in seinen Bau, und es war ihm, als stände er

unter ganz besonderer göttlicher Fürsorge. Der Herr Rat wurde dadurch

frech und unvorsichtig, war nicht zu blöde, seiner Gattin die ersten

Salathäupter in die Küche mit heimzubringen und ein paar Porreestauden

und Dill und Gurkenkraut, was zu einem ordentlichen Salat gehört.

Darüber schüttelten die Rätin und Kathrine die Köpfe, denn es war

durchaus nicht seine Art, etwas heimzubringen. Der Salat aber war

vortrefflich.

Es schien aber auch eine besonders günstige Zeit für die Heimlichkeiten

des Herrn Rats zu sein, denn seine Gattin genoß mit ihren Bekanntinnen

und Bekannten den Sommer mit einer erstaunlichen Energie.

Nach dem Essen, kaum daß sie ihr Schläfchen abgehalten, lief Kathrine

mit dem Strickbeutel der Rätin zum Konditor Ortelli und brachte ihr den

Beutel ganz appetitlich gefüllt wieder mit heim. Und die Frau Rätin

nahm ihn dann, setzte sich den großen Hut auf und band den Longshawl um

und trug den Beutel wieder aus. Der Herr Rat konnte darauf von seinem

Fenster aus sehen, wie seine Gattin sich in der Nähe des »Elefanten«,

der dem Hause des Herrn Rat gerade gegenüber lag, postierte und wie

eine Schildwache auf und nieder ging. Zuerst mutterseelenallein, denn

sie war eine pünktliche Frau -- dann gesellten sich allerlei Personen

zu ihr und gingen mit ihr auf und nieder. Aus der Wünschengasse kamen

verschiedene, die allermeisten. Die Schopenhauer mit der Adele und den

Pogwischs, die Kirstens, die Mutter und die Ratsmädchen; gewöhnlich

auch die Begleiter der beiden Mädchen, die guten Freunde, und auch

Bekannte von den Pogwischs. Es schwoll wie eine Lawine an. Aus der

Apotheke kam's dann auch und aus Müllersch ihrem Haus, und die kleine

Muskulusen kam angerannt und manchmal auch die Kummerfelden mit einigen

Schülerinnen, manchmal auch mit allen, wie es sich gerade traf.

Und diese Lawine aus lauter lebenslustigen jungen und alten Weimaranern

und Weimaranerinnen lachte und schnatterte und setzte sich endlich

in Bewegung. Entweder nach Tieffurth zu oder nach Belvedere oder

Ettersburg oder Tröbsdorf, nach Buchfahrt, was sie aber »Buffert«

nannten, nach Ehringsdorf oder Oberweimar, nach allen möglichen Dörfern

und Nestern, die jetzt in Weimar aus der Mode gekommen sind, nach

Süßenborn und Taubach, nach dem Rödchen und nach Nora.

So genoß man damals den Sommer, wo noch keine Menschenseele daran

dachte, eine Badereise zu machen oder in die Sommerfrische zu gehen.

Oftmals ging es auch in einen Garten zu einem Bratwurstfest. Jeder alte

Weimarsche Garten hatte seinen kleinen Herd im Freien, einen gemauerten

Herd, auf dem ein Rost stehen konnte zum Wurstbraten. Das waren so

recht Altäre der Geselligkeit.

Davon weiß jetzt keine Menschenseele mehr etwas, wie herrlich es war,

wenn aus dem Garten die blauen Wölkchen aufstiegen, die Würste sich

auf dem heißen Roste wanden, dann platzten und rauchig dufteten,

und die Leute im Garten bei einander saßen mit Weißbroten und Bier,

hauseingelegtem Bier, »Hausmuff« nannten sie's, und mit Guitarre und

Gesang.

Da eben wurden die alten schönen Lieder gesungen:

»Wenn einer einen Garten hat.«

und ähnliche Lieder.

In dem Garten des Herrn Rat Tiburtsius stand auch so ein Bratwurstherd,

und es war ihm mehrmals schon das Wasser im Munde zusammengelaufen,

wenn er davor gestanden hatte. Aber lieber das Wasser im Munde haben,

als so eine Wurst, wenn man den ganzen Lärm, der so eine Wurst

begleitete, mit in den Kauf nehmen mußte.

Nein -- nein -- lieber keine Wurst!

Es war ihm auch schon einmal im Garten in einer müßigen Stunde das

Gelüste gekommen, sich ganz allein ein Paar Würste zu braten --

das wäre gegangen, aber der Rauch! Den hätten sie in allen Gärten

geschnuppert. -- Und so allein Würste braten wäre auch nicht recht

gewesen; aber verlockt hatte es ihn -- sehr verlockt.

Als eines schönen Nachmittags die ganze Lawine, deren Kern die Frau

Rätin bildete, sich, wie es hieß, nach Tröbsdorf bewegt hatte, ging

er wieder in den Garten. Es wurde ihm jetzt schon gar nicht leicht,

sich mit Amtsgeschäften auszureden, wenn die Rätin ihn fragte: »Aber

Gustävchen, heute kommst du doch nach -- kommst uns wenigstens

entgegen?« Das war doch sonst nicht so, dachte die Frau Rätin und

schaute ihren Gatten immer verwundert an. Und wie er diesmal im Garten

war, fiel es ihm auf die Seele, daß es eigentlich so nicht fortgehen

könne, und das stimmte ihn schwer und schmerzlich. Es schien ihm, als

wäre der schöne Friede seines Besitztums nicht mehr so rein. Er dachte

aber wie ein Schleicher: »Ist's bisher gegangen, wird's auch weiter

gehen. Hat es bisher niemand verraten, verrät's auch vielleicht noch

lang niemand,« und beruhigte sich damit und goß seinen Salat und die

Radieschen und alles, was der Zinngießer Lange gesäet hatte und der

Herr Rat ernten sollte.

Es fuhr ihm durch den Kopf, wo er einmal mit all dem Gemüse hin sollte

-- und wenn das Obst reifte -- die Kirschen glühten schon zwischen den

grünen Zweigen: ja, was sollte er mit all den Dingen machen? -- hm --

das wußte er nicht recht.

Er war heute eben nicht so harmonisch gestimmt. Allerlei wollte sich

eindrängen, was ihm nicht paßte. Es lag so in der Luft, war schwül und

trüb heute. Der Garten war so dicht und grün und voll, so sommerlich

und still, und der Bach rauschte, und das Mühlwerk klapperte dumpf und

dröhnend.

Er machte sich heute früher als sonst auf den Heimweg, vor

Dunkelwerden. Vorsichtig schloß er sein Thürchen auf und trat behutsam

hinaus, schaute nach links: da war die Luft sauber, keine Menschenseele

zu bemerken -- schaute nach rechts -- und stand wie vom Blitz gerührt.

-- Ja, wo hatte er denn seine Ohren gehabt? -- Drei Gartenthüren von

ihm da flimmerte es ihm vor den Augen, da kam es angerückt. -- Ihm

schien es wie Tausende von Menschen, Tausende von Hüten, schlenkernden

Armen, Tausende von Strickbeuteln und Sonnenknickern, mit denen auch

geschwenkt wurde. -- Das war die Lawine, die doch heute in Tröbsdorf

hätte sein sollen. Und mit welchem Lärm kam diese Lawine an! Dem armen

Rat schwindelte.

»Ja -- ja -- ja -- was ist denn das?« riefen aus dem Gewirre

verschiedene Stimmen zugleich.

»Aber Gustävchen -- Gustävchen!« -- Das war die Stimme der Rätin. --

Und jetzt kam es ihm zum Bewußtsein, daß er die Hand noch am Schlüssel

hatte, um ihn abzuziehen -- das hatte die ganze Lawine gesehen, da war

nichts zu machen. Er ließ die Hand, wo sie lag, und blieb regungslos --

und da waren sie schon alle um ihn.

»Na, Alter, was ist denn das?« schmunzelte der Apotheker.

Die alte Kummerfelden drängte sich vor und blickte den Herrn Rat mit

ihren großen, runden Augen an.

»Aber Gustävchen! -- Aber Gustävchen!« Das war wieder die knarrende

Stimme der kleinen Rätin. »Was ist denn das? Aber Gustävchen! Wo kommst

du denn her? Hast du denn hier Amtsgeschäfte?« Das klang sehr ernst

und als sollte noch viel danach kommen. Sie drängten sich alle um ihn

wie bei dem Spiele Wickelklos, das bei den Kindern auf Weimars Gassen

sehr beliebt war und noch ist, und wobei derjenige, welcher im Kern des

Wickelkloses steckt, Gefahr läuft, von den andern erdrückt zu werden.

Der Rat faßte sich aber, nahm alle Kraft zusammen und sagte: »Das ist

mein Garten. -- Ich komme -- ich habe -- ich komme aus meinem Garten --

ich habe mir nämlich einen Garten gekauft.«

»Aber Gustävchen!« rief die Frau Rätin.

Das war gewiß das wenigste, was sie rufen konnte. Aber die Frau Rätin,

die kleine, fette Frau, war Meisterin darin, in das einzige »Aber

Gustävchen!« ganz unglaublich viel zu verpacken.

Sie hatte sich das sehr bequem eingerichtet, wie überhaupt ihren ganzen

Haushalt. »Aber Gustävchen!« in hundert Variationen. Sie konnte auf

dieser einen Violinsaite ganze Lieder und Musikstücke spielen.

Und der Herr Rat hatte ein gutes Gehör für diese verschiedenen

Tonarten. Er ging im Takt danach wie ein alter Regimentsgaul.

»Aber Gustävchen!« rief die Rätin noch einmal, wie ein kleines

vollgeladenes Gewitterchen.

Die Kummerfelden sagte, als stände sie noch auf der Bühne und spräche

zum Publikum gewendet: »Einen Garten hat er also gekauft, und kein

Pferd und kein Kütschchen.«

Ratsmädel- und Altweimarische Geschichten · 第 10 / 15 题