Einander nicht zu kennen, des Nächsten nie sicher zu sein, ist

allgemeines Menschenlos. Ich bin ich und habe und weiß mich nicht

von innen, sondern ich bin ich; sein hat kein Objekt; ich bin ich,

ich bin nicht mich; und, ich bin du -- wer darf es sagen? In der

Geschlechtsliebe nun ist dieses allgemeine Menschenlos zugleich

aufgehoben und in höhere Potenz gesteigert: in der Begattung der

Leiber, der Gleichzeitigkeit und Gemeinschaft der Wonne, in die

das Paar aus begehrendem Verlangen dahinsinkt, in der Wirklichkeit

oder Phantasie des Dritten, in dem die Zweiheit sich eint, in der

Begattung der Seelen, zu der es die Liebe als Höchstem bringt, ist für

Augenblicke die Einheit da. Aber der Mensch, der einzelne im Paar, ist

da nicht mehr er selbst; der Verstand begreift nichts davon, nicht

einmal von der Sinnlichkeit und noch weniger von der Phantasie und

verklärenden Mystik des Gefühls; der Verstand steht vor dem dunklen,

rätselhaften Gattungstrieb wie vor einem Fremden, der sich des eigenen

Wesens bemeistert hat; der Verstand ist das absolut Lieblose; er

kann nicht lieben; er kann auch die Liebe nicht begreifen. Und er

raunt dem Manne immer wieder zu: die ist es nicht, du selber bist es;

dein Verlangen, deine Lust in dem Doppelsinn des Gelüstes und der

Befriedigung; die ist nur das Gefäß, das Mittel deiner Lust, und so

bist du für sie; ihr seid nicht eins; sie ist dir fremd; wer ist sie?

So ist es im allgemeinen, und nun kommen für diesen vertrauenden Mann

noch besondere Umstände dazu. Der feinste Umstand ist von Shakespeare,

dessen Gestalten ich keineswegs Züge zuschreiben will, die sie wohl

haben könnten, von denen aber ihr Schöpfer nichts gewußt hat, genügend

angedeutet. Othello ist nicht mehr jung und ist ein geprüfter Mann,

der alles im Leben gefunden hat, nur kein Weib, zu dem sich seine

Seele so in Verehrung neigte, daß sie seine Gattin werden mußte;

an flüchtigen Liebesabenteuern hat es ihm nicht gefehlt; auch mit

Frauen vom Schlage Emilias mag er sie sich gestattet haben. So wie er

gewohnt ist, Wildheit, Brunst, Leidenschaft in seinem Kriegshandwerk,

dem ernsten Männerberuf gerade darum zurückzudrängen, weil er des

Trieblebens in tiefem Untergrund mehr als genug in sich weiß, so

liebt er jetzt, wo er Desdemona in inniger Beglücktheit gefunden hat,

ohne Sinnlichkeit, in dem wunderschönen, wie verzauberten bräutlichen

Zustand, wo man das Begehren in sich irgendwo in starken Kräften weiß,

wo oben aber rundum Stille und Seligkeit ist. Verstärkt wird das noch

durch das aufschauende Kindschaftsverhältnis Desdemonas zu ihm, durch

seine Väterlichkeit gegen sie. In ihr nun lebt wie in Julia in aller

Sanftheit eine knospende Sinnlichkeit, ein fast trotzig begehrendes

Erschlossenseinwollen. Ein wundervolles Verhältnis des ergänzenden

Liebesgegensatzes, solange der hadernde, antastende Verstand nicht

dazwischentritt und fragt, mäkelt, analysiert. Ich will nichts dazu

dichten, will nichts davon wissen, was in Othellos Innerm in dem

Augenblick der Nacht vorging, als der Lärm ihn aus dem Bett vertrieb;

aber gerade, wo dieser Zusammenhang so gröblich verkannt wird, will

ich das eine sagen: man weiß, welchen Sturz die Liebe keuscher Seelen,

auch ohne einen trunkenen Cassio als Störenfried, in der Brautnacht

erleidet; und nun stelle man sich in diesem Moment, einige Stunden,

ehe Othello zum ersten Mal für uns Desdemona mit fremden, ernüchterten

Blicken ansieht, dieses ungleiche Paar vor, das sich heimlich verbinden

mußte, weil der berühmte und populäre General für die Liebe diesen

Makel hat, ein Mohr zu sein! Das ist der zweite und bedeutendste

Umstand, der zur allgemeinen Fremdheit zwischen Menschen und zumal

Liebenden dazukommt, daß Othello aus tausendfachen Erfahrungen

mit Menschen weiß: man braucht ihn, man begegnet ihm mit Achtung,

zum Schluß und im Grunde ist er aber immer der Mohr; hat er solche

Erfahrungen nicht immer wieder gemacht? hat nicht Desdemonas Vater, der

ihn so gastlich und ehrenvoll in sein Haus geladen hatte, an eine Liebe

zu ihm, dem Mohren, nicht glauben können, es sei denn durch verruchte

Zauberei? So lebt von vornherein die Möglichkeit des Zweifels in ihm,

des Glaubens, daß Desdemona ihn mit einem andern betrügen könne.

Aber trotz allem: sofort nach ihrer Wiedervereinigung, wo er sie so

stürmisch-innig begrüßt hatte; nach ihrer endlichen Vereinigung in

der Liebe! Ein solcher Sturz, ein solcher Abfall von sich selbst,

eine so grauenhafte Verkennung der sichtbar Reinen und Holden wäre

bei einem Othello nicht im entferntesten denkbar, wenn nicht Jagos

abgefeimte Intrige dazukäme. Sich eine so geniale Verstellungskunst und

tiefe Niedertracht vorstellen zu können ist Othello unfähig; überdies

hat für seine Harmlosigkeit Jago gar nicht den mindesten Grund, ihm

übelzuwollen oder Übles zu tun; der junge Mann -- achtundzwanzig

Jahre ist er alt -- bekleidet eine sehr angesehene Stellung, hat

das besondere Vertrauen seines Generals, zwar nicht im feinsten

Militärischen, aber in allem Kriegerischen und Menschlichen; er lebt in

einer Ehe, wie sie zu seiner anspruchslosen Derbheit zu passen scheint.

Auch gilt Jago keineswegs für schlecht; er zeigt sich auch nicht so;

was er etwa Rohes tut, wird von dem Kriegsmilieu und seiner ungeistigen

Muskelnatur genügend erklärt; so sieht ihn Othello.

Wir sehen ihn ganz anders; wir wissen, welch genialer

Verstellungskünstler der Mann ist; wir sind dabei, wie er sich ohne

Rückhalt und Scham mit sich selbst auseinandersetzt. Man hat oft

gefragt, ob so viel Selbstbewußtsein, so viel Klarheit über sich selbst

in schlechten Menschen sei, wie in Jago. So viel Kenntnis ihres Wesens

und Bekenntnis zu sich? Und man hat es als einen Fortschritt der

neueren Dramatik bezeichnet, daß da das Schlechte sich ergibt, ohne daß

die einzelnen Menschen Bösewichte sind oder sich gar dafür halten und

erklären. Es ist nun freilich die Frage, ob da zwischen der Renaissance

und unseren Zeiten bloß ein Fortschritt der dramatischen Kunst und

psychologischen Erfassung vorliegt; oder ob nicht diese andere Art

der Beobachtung zusammenhängt mit einer Änderung der Menschen und

Zustände. Vielleicht bedurfte es einst zur Begehung des Schlechten und

Verderblichen der gemeinen und bösen Gesinnung; vielleicht besteht der

Fortschritt der Zeiten in unsrer Epoche darin, daß es heute weniger

Handelnde und mehr Getriebene gibt, daß man heute ein niederträchtiges

Milieu und verderbliche Zustände durch sich hindurchwirken läßt, ohne

selbst zur Besinnung über das zu kommen, was man verrichtet, wessen

man sich schuldig macht? Vielleicht ist die Verteilung der Schuld auf

unendlich viele Massenteilchen, ist die ganze Massenhaftigkeit und

Individualitätslosigkeit unseres Zeitalters nicht eine neue Technik

unsrer Dichter, sondern ganz einfach: unsre Technik?

Wie auch immer, wir schreiben heute der Gruppe, der vererbten

Überlieferung, der Gesamtheit, der Gesellschaft, dem Milieu zu, was

früher als Wesen des Einzelcharakters genommen wurde. Und wenn ein

Dichter Zustände unsrer Zeit darstellen will, wie zum Beispiel Hebbel

in Maria Magdalena und Julia, so wirkt die Selbstzerfaserung von

Gestalten, die nicht mehr in der selbsteigenen Freiheit, sondern in der

Milieugebundenheit stehen, bei aller Genialität der Sprache befremdend,

und es klafft ein Widerspruch, der selbst die Gestalten in solchen

Dramen wie Judith und Gyges unsicher und etwas zu Abstraktionsgeburten

macht, weil ihr Dichter nicht mehr fest in einer und der nämlichen

Auffassung steht.

Von solcher großen Übergangserscheinung aber abgesehen, ist

zum Verhältnis unserer Zeit zu Shakespeare zu sagen, daß wir

diese unsre materialistische, ökonomistische Geschichts- und

Gesellschaftsauffassung gar zu mechanisch angewandt, gar zu sehr den

Menschen als bloßes Produkt der Verhältnisse genommen haben. Ich rede

nicht nur von der Kunst, ich rede von unserm Leben. Ich rede, wenn ich

von Shakespeare spreche, von unserm Leben, und von seiner Bedeutung

besonders auch für uns, und rede darum von ihm. Es gibt in der Tat

ohne Zweifel Produktmenschen; es gibt sie in Massen; unsre Zeit der

Technik stellt diese Massen wahrhaft fabrikmäßig her; sie kommen bei

ihrer Geburt aus der Fabrik und gehen in die Fabrik bis zum Tode.

Aber es gab auch und gibt noch und wird geben produktive Menschen.

Das große Drama hat es nicht mit dem Dutzendmenschen, sondern mit dem

ungemeinen Menschen zu tun, weil typisch nicht für die Zustände auf der

Oberfläche eines der Vergänglichkeit und beinahe Mode unterworfenen

Gesellschaftstreibens, sondern für das Grundwesen der Gattung und die

innere Beschaffenheit der Welt nicht der in fertige Form gegossene,

sondern der formende Mensch ist. Es gibt freilich auch die melierten

Seelen -- viel Verstand und wenig Natur --, so wie der Antonio im

Tasso; sie sind interessant, wiewohl nicht eben imponierend oder

kurzweilig, und gehören, schon etwas herausgereckt, der Fläche an, aus

der die Träger des dramatischen Elements hervorspringen.

Nähme ein Dichter unsrer Zeit also, sagen wir -- um nicht gar zu sehr

in die Nähe greifen zu müssen -- Herrn Suchomlinoff und malte ihn

in schwarzen Farben als ruchlosen, sich selbst klar überschauenden

Bösewicht, so würde man -- von aller andern gehässigen Beschränktheit

dieser Darstellung abgesehen und die Hauptvoraussetzung für den

Augenblick zugegeben -- mit Recht einwenden: Nein, nein, nicht so

einfach! Das Schlimmste ist, daß heute die Mörder gar keine Mörder

sind, und daß die für millionenfache Höllengreuel Verantwortlichen

keine Teufel und nicht einmal schlechte Kerle sind und sich im

öffentlichen Leben für Politiker und im privaten für brav und ehrenwert

halten dürfen.

Gerade darum aber, weil sie selbst, im Bösen und Guten, nicht

schöpferisch, sondern Geschöpfe sind, sind die Einzelpersonen dieser

Art, die keine Persönlichkeiten sind, nicht Gegenstand einer solchen

Dichtung, die Repräsentanten des Schöpferischen darstellt und sich

an das Schöpferische in uns, an die nachschaffende -- die Dichtung

nachschaffende und nach der Dichtung im Leben schaffende -- Phantasie

wendet.

Je bedeutender aber einer als einzelner ist, um so mehr ist er, der

Wollende, ein Denkender und also auch über sich Denkender. Daß diese

Auseinandersetzung des Menschen mit sich selbst, diese Selbstschau

über die eigenen Taten und Antriebe im wirklichen Leben anders vor

sich geht als in den Monologen Richards III. oder Jagos, ist richtig,

gehört aber in eine ganz andere Reihe der Betrachtung. Das geht nicht

mehr den Inhalt an, sondern die Form. Der Monolog, wenn ihn nicht die

Jungfrau von Orleans oder Tell deklamiert, sondern ein wahrhafter

Dramatiker aufgebaut hat, ist eine poetische Form, in der die in unserm

zerstreuten, gefühligen, traumhaft dusligen Leben pochenden, sinnenden,

aufzuckenden und huschenden Gedankenfetzen im entscheidenden Moment zu

einem Sprachgebilde zusammengefaßt werden; nur in Höhepunkten angewandt

und nur solchen Gestalten in den Mund gegeben, die des Selbstgesprächs

fähig sind, gehört er zu den Kunstmitteln des dramatischen Dichters,

die dazu dienen, die Menschen in ihrem innersten Geheimnis zu zeigen.

Unsre neue, der Wissenschaft nach Inhalt wie Form angenäherte Dichtung

hat im Roman, von Stendhal über Flaubert und von Balzac über Zola zu

Dostojewskij, Bedeutendes geschaffen. Was das Drama angeht, so sind

selbst die Bedeutendsten, die auch für die neuen Inhalte neue Formen

gefunden haben, Ibsen und Strindberg, der Gefangenschaft einer vom

Elend der Dutzendmasse gepreßten und sinkenden Zeit noch nicht in allen

Stücken entronnen und trotz wertvollen Fluchtversuchen noch in vielem

auf den Weg gebannt, der von Shakespeare über Iffland nach abwärts

führt, und noch gelten Schillers, der für die Gefühlssprache der

Begriffe und also auch für die Polemik und Rhetorik ein so herrlicher

Dichter war, wie er im Drama nur Szenen, Reden und Träger politischer

Rollen, aber keine Menschen aufbauen konnte, noch gelten seine

prachtvollen Fragen und Antworten:

Woher nehmt ihr denn aber das große, gigantische Schicksal,

Welches den Menschen erhebt, wenn es den Menschen zermalmt?

„Das sind Grillen! Uns selbst und unsre guten Bekannten,

Unsern Jammer und Not suchen und finden wir hier.“

Aber ich bitte dich, Freund, was kann denn dieser Misère

Großes begegnen, was kann Großes denn durch sie geschehn?

Prachtvoll ist das gefragt; aber ich will die glänzende Tirade doch

nicht anführen, ohne dabei zu sagen, daß der Mann, der Herakles

Shakespeare so reden ließ, es selber gewagt hat, den Bastard Edmund und

das Verhältnis Othellos zu Jago derart mit Schiller zu verschneiden,

daß eine Mißgeburt nicht der Natur, sondern der Kunst wie Franz Moor

und eine Kläglichkeit wie die Beziehung Ferdinands zu Wurm daraus

wurde, von seiner tristen Verbürgerlichung Macbeths gar nicht zu reden.

Wurm und Jago! Ein zu kombinatorischen Zwecken erfundenes unmögliches

Gemächte, eine Karikatur-Arabeske, und ein saftiger Mensch!

Jago ein Mensch? Ist es denn so? Läuft so etwas denn auf zwei Beinen

herum? Ein Kerl ohne einen einzigen guten Zug? das Urbild des

abgefeimten Intriganten?

Gemach! Zwar verliebe ich mich nicht so in die Gestalten der großen

Bösewichte Shakespeares, daß ich sie „retten“ will; aber ganz und gar

ein Teufel aus der Hölle und nichts überdies ist keine einzige unter

ihnen. Für Jago ist eins zu sagen, ein Entscheidendes: das Gute an ihm

ist, was das Schlechte an ihm ist: daß er unten ist. Womit gemeint

ist: wenn er oben, wenn er da wäre, wohin es ihn treibt, wohin er

strebt, ganz oben, so hätte er alle Anlagen, als Jago der Große oder

als heiliger Jago ein berühmter Monarch oder Papst zu sein. Er ist

nicht an seinem Platze; er ist, mit eminenten Gaben des Kopfes und

der Kraft, ein vom Schicksal Vernachlässigter. Das Schlimmste, was er

tut, kommt vom Neid; nun -- Neid ist keine individuelle Eigenschaft,

oder all solche angeblichen Eigenschaften der Menschen sind Namen für

Beziehungsgewohnheiten; Neid aber gar ist die Beziehung des Strebens,

das selbst wieder keine Eigenschaft, sondern eine Beziehung ist, zu der

von außen auferlegten Entbehrung. Die Fehler der Hausknechte, Kellner

und Advokatenschreiber verlieren, verändern sich unglaublich schnell,

wenn diese Leute Rentiers, Hotelwirte und Besitzer werden, und ich

bin überzeugt, daß einer aus der großstädtischen Verbrecherklasse,

dessen Spezialität der Diebstahl von Fahrrädern ist, kein einziges

Rad mehr stiehlt, wenn er erst im eignen Auto fährt. Shakespeares

Verbrecher, Schelme, Lumpen und Tschandalas, ob sie Jago oder Richard

oder Thersites oder gar Caliban heißen, sind allesamt vortrefflich aus

Erbe und Lebensstellung erklärt; nur daß ihre Persönlichkeit nicht von

den Verhältnissen geschluckt wird, daß vielmehr die Umstände, die sie

bedangen, in ihr Wesen aufgegangen sind.

Wenn etwas an Jago sympathisch ist, so ist es das: daß er seinen

General aus ganzer Seele haßt, und daß dieser Haß nicht bloß

persönliche, sondern Gründe allgemeiner Natur hat:

Ich hasse den Mohren. Mein Grund sitzt tief im Herzen.

Und:

Ei, wir können nicht alle Herren sein,

Nicht jeder Herr kann treue Diener haben.

Er höhnt über die dienstbaren, kniebeugenden Gesellen, die in ihr

Sklavenjoch verliebt sind:

Die Peitsche solchem Dummkopf!

... Andre gibt’s,

Die, aufgeputzt mit Blick und Form der Demut,

Im Herzen doch nur sich im Auge haben;...

die Kerle haben Sinn;

Und für solch einen Mann erklär’ ich mich.

... Wär ich der Mohr, ich möcht’ nicht Jago sein.

Wenn ich ihm diene, dien’ ich nur mir selbst.

... Ich bin nicht, was ich bin.

Ich bin nicht, was ich bin, -- es liegt alles in diesen Worten.

Zunächst: man nimmt mich -- allgemein -- für einen Biedermann, der

treu dient; hier, dir Esel Rodrigo gegenüber, zu meinem besondern

Zweck, lüfte ich einmal die Maske: aber die andern halten mich für

eine wackere, treue Seele, für einen dienstbaren Geist; sie sollen

sich hüten! Dann -- warum verstelle ich mich denn, warum betrüge ich,

wozu umgarne ich? -- Ich bin nicht, was ich bin, -- ich bin nicht an

der Stelle, die mir zukommt, die ich ausfüllen könnte, die ich haben

will! Wär’ ich Othello, das heißt an seiner Stelle, ich blickte mit

Verachtung auf Jago und seine Knechteskünste und Sitten; Herr wäre ich!

Für jetzt also lebt in ihm in voller Kraft der Egoismus des Unteren,

das Streben; was im Wege ist, muß weggeräumt werden; und das

Begleitgefühl dieses gesunden, gemeinen, durch nichts gebändigten

Dranges ist die Ranküne, die Bosheit und gradezu die Lust, Streiche zu

spielen, rein erscheinende Verhältnisse zu verwirren, Komplikationen zu

schaffen, Menschen gegen einander zu hetzen. Das ist von der Natur sehr

bequem eingerichtet, daß alles, außer der Arbeit, was egoistischen

Zwecken dient, außerdem auch Vergnügen macht; Jago ist kein solcher

Haßkünstler wie Shylock; aber hätte er bei seinen Schadengeschäften

statt der elastischen Lust der Bosheit die deprimierende Unlust der

Scham, so würde er sie bald aufgeben. Er ist jedoch mit voller Lust

bei der Sache und ist in jeder Hinsicht ein Schamloser, was sich

zumal auch auf dem Ursprungsgebiet der Scham wie der Lust zeigt. Er

ist, wie man so sagt, gemein, ungewöhnlich gemein; aber in Verbindung

mit dieser rohen Niedertracht und in ihrem Dienste steht ein ganz

ungemeiner witziger, schneller, geübter, vor keiner Konsequenz

zurückschreckender und durch seelische Hemmungen, wie ehrfürchtige

Scheu oder Pietät, durch Religion also keineswegs gebändigter Verstand.

Fromm ist Jago weder im Sinn irgend einer Glaubensgemeinschaft noch

der zähmenden Zucht; er ist witzig und wild. So haben sich in ihm

die Intellekt-Tugenden ausgebildet, die seiner Stellung entsprechen:

dieser sein Witz ist scharf, stechend und aufbegehrend, besonders wenn

er hochmütig und höhnisch gegen Dumme ist, er hält aber fast alle

für dumm; und er arbeitet mit Logik, Berechnung, System, Ausdauer,

trockener Ruhe und schneller, improvisierender Anpassung an jede

Situation und jeden Zwischenfall.

Die unerhörte Wirkung der großen Szenen zwischen Jago und Othello

kommt daher, daß zwei Kühnheiten, Raschheiten grundverschiedener Art

zusammenstoßen und, indem die eine die andere bis aufs Blut haßt,

einem Ziele zu, zur Vernichtung Desdemonas, zusammenwirken. Das sind

zwei Unruhen gegen eine stille Frauenseele. Othellos Raschheit ist die

Leidenschaft, die Trübung, der Affekt, die Glut und Wut der Seele, die

hochschießt, sowie er sich für betrogen, für entehrt hält. Aus Othello

bäumt sich ein wütiger brüllender Stier, nur daß immer wieder das

Gemüt, die im Herzen getroffene Innigkeit und unter Jagos Händen die

Überlegung, die Dialektik, ein Zorn, der sich in Denken und Planen

verkleidet, dazukommt. Jago aber ist wie der flinke Stierkämpfer, der

jeden Vorteil wahrnimmt, ein kaltblütiger, geschmeidiger, eleganter

Schütze. In diesem Verhältnis hat Jago, der aufstrebende Plebejer mit

dem Vernichtungswillen, alle aktiven Tugenden des Überlegenen; Othellos

Vernichtungswille ist dem Anlaß nach eingeimpft, wiewohl das Gift nicht

wirken könnte, träfe es nicht verwandte Stoffe im Blut des Mohren;

Othello der General ist Jagos dienendes, mit der Ursprungswildheit

seiner Natur dienendes Werkzeug, ist wie ein im Handeln leidender

Knecht, der, je freier und wilder, je entfesselter er seine Tatkraft

losläßt, um so wehrloser geopfert wird; dabei ist aber dem äußern

Anschein nach das Verhältnis so, daß Othello als unabhängiger,

gebietender Mann seine Ehre wahrt und sein Haus reinigt, daß Jago ihm

nur pflichtschuldig, treu und beflissen Dienste tut.

Jagos Psychologie ist Physiologie; er ist ein vollendeter Zyniker; er

nennt alles beim „rechten“, beim hundsgemeinen Namen; das wahre Wesen

der Welt ist für ihn völlige Erbärmlichkeit; und so stellt er die

Gemeinheit aller Menschen, in Ausnahmefällen den Edelmut als Dummheit

in seine Rechnung.

Bei solchen Eigenschaften hat er es leicht und ist es ihm Bedürfnis,

seinem Haß gegen den Herrn immer weiter einzuheizen; das Gerede, der

Mohr habe mit seiner, Jagos, Frau Umgang gehabt, glaubt er, weil er die

Menschen so beurteilt, daß so etwas ihn ohne weiteres wahrscheinlich

dünkt; und überdies will er es glauben, weil dieser Glaube, für den er

keinen Beweis hat und keinen braucht, ihm paßt. Dem Cassio traut er

das nämliche zu. Der wahrhaft Mißtrauische und Eifersüchtige in diesem

Stück ist Jago; sich selber, seiner Frau und aller Welt traut er,

besonders im Geschlechtsverkehr, jede Gemeinheit, jede Unbedenklichkeit

zu, wenn nur Gelegenheit da ist.

So spielt er in lüsternem Vorgenuß mit dem Gedanken, später einmal,

bald einmal Desdemona zu genießen. Ihre holde Anmut, ihre Reinheit

ist ihm ein besonders verführerischer Reiz. An eine von innen her

bedingte, wesenhafte Reinheit glaubt er nicht, und so hat Desdemona

etwas Unfaßbares und im Grunde Verhaßtes für ihn an sich, das ihn mehr

kitzelt als begreifliche Sinnlichkeit. Überdies wird er wohl zwar nicht

auf Seelenzüchtigkeit, aber auf eine gewisse physische, von strenger

Aufsicht stammende Unberührtheit und Mädchenhaftigkeit viel Wert legen,

wie die Männer in den orientalischen Märchen und Renaissancenovellen.

Was Jago in der schauderhaften Wirklichkeit, die uns die Tragödie

erleben heißt, zustande bringt, will er ursprünglich keineswegs:

auf diesen Ausbruch Othellos, auf die Ermordung einer wunderschönen

reizenden Frau fast unmittelbar nach der Hochzeit -- wegen so was! das

tun sie doch alle bei Gelegenheit! uns Hörner aufsetzen! -- darauf

war er nicht gefaßt. Sein Zweck ist, durch seine Verleumdung und mit

Rodrigos Hilfe Cassio aus dem Wege zu schaffen; dadurch will er,

Daß Lieb und Lohn der Mohr mir zollt,

Weil ich so glänzend ihn zum Esel mache

Und ihn verstöre bis zur Raserei.

Und bei der Gelegenheit, nebenbei -- denn die Karriere ist ihm die

Hauptsache, das Geschlechtliche ist ihm nur eine sehr angenehme

Lustbeigabe wie seine Bosheit -- will er, nachdem er erst die junge

Ehe erschüttert hat, in sie einbrechen und die junge Frau des alten

schwarzen Esels kirre machen. „Bis zur Raserei“ will er seinen General

bringen -- das will er ausprobieren -- er weiß ja, daß Eifersucht

rasend macht, weiß es nur zu gut, hat indessen diese gemeinen Wüte

immer bei bester Gesundheit überstanden, weder ihm noch dem Eheweib

sind sie je ans Leben gegangen; aber wie Othello ist, wenn er rast, das

weiß er nicht; er kennt ja weder die Wildheit noch den Adel des Mannes;

als besonders Beherrschten, Gefaßten hat er ihn nur immer gekannt:

Wie, kann

Er zornig sein? Ich sah, wie die Kanone

Ihm seine Reih’n geschleudert in die Luft

Und, gleich dem Teufel, von der Seit’ ihm riß

Den eignen Bruder -- kann er zornig sein?

Jagos Verfahren ist, wie er sich’s liebt, sehr kompliziert, sehr aus

Haß und Berechnung gemischt und also keineswegs vorsichtig, sondern

gewagt und an der äußersten Grenze spielend: mit seiner Intrige will

er es zugleich zu Othellos Vertrautem und erstem Offizier bringen und

auf dem Wege zu diesem Ziel ihn peinigen bis aufs Blut. Der verwegene

Kerl, dem Kopf und alle mit Saft gefüllten Gefäße vor Drang und lustig

bösem Ungestüm fast platzen, hätte an all seiner Klugheit keine Freude,

wenn sie bedächtig wäre. So wie er’s tut vorzugehn entspricht seiner

Natur und überdies seiner allgemeinen Stellung in der Gesellschaft

und der besondern Situation, wie sie sich ihm bietet: Othello hat

den jungen hübschen Mann, der bei Desdemona sein Freiwerber war und

vertraut mit ihr verkehrt, zu seinem ersten Offizier gemacht; jetzt

eben wird die unpassende Ehe zwischen dem alternden Mohren und der

blühenden Venezianerin geschlossen; da ist der närrische Rodrigo auf

Jagos Veranlassung mit gespicktem Beutel mit nach Zypern gekommen,

der Desdemona durchaus besitzen will und sich also trefflich zu Jagos

Werkzeug eignet, -- die Karten sind gemischt, das Spiel kann losgehn:

Cassio ist Trumpf.

Shakespeare (Volume 1 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 26 / 27 段