Was hier gesagt wird, heißt mit andern Worten, daß der Dichter mit

einer ungemeinen, überlegenen Kunst die Charaktere und die Situation

so aufgebaut hat, daß die Katastrophe sich diesmal mit einer fast

logischen Sicherheit und Notwendigkeit aus dem Zusammen der innern

und äußern Voraussetzungen ergibt. Das hat sehr fein und stark der

junge Herder gewahrt und ausgedrückt, indem er zunächst allgemein für

Shakespeares Kunst sagt: „Wie ein Engel der Schöpfung, ein unsichtbarer

himmlischer Bote der Vorsehung die Leidenschaften der Menschen gegen

einander abwog und ihre Charaktere gruppierte und sie, jeden an seinen

Platz in der Schöpfung setzte, und nun im Strome der Zeiten ihnen eine

Schar von Gelegenheiten und Zufällen vorbeiführt, daß sie handeln;

ihnen eine Menge von Umständen vorlegt, die sie bestimmen, und nun ihre

Bestimmungen und Handlungen zu seinem Plane fortleitet: so Shakespeare

der Nachahmer der Natur...“ Und das wendet nun Herder dermaßen auf das

Stück Othello und seine treibende Kraft Jago an, daß wir in unsrer

Meinung, die schon oben angedeutet wurde, bestärkt werden: dieser Jago

ist ein Teufelskerl, dessen Zerstörungskunst der Schöpferkraft verwandt

ist; ein Aufrührer, der viel Ähnlichkeit mit einem großen Ausführer

hat; ein Genie des Entwurfs, in dem sich großer Verstand und große

Natur vereint finden; die Devise Bakunins: Die Lust des Zerstörens

ist eine schaffende Lust! hätte, wenn man diesen Ausdruck einer ideal

allgemeinen Emotion auf real gemeinen Egoismus einengt, der Wahlspruch

des jungen Verderbers sein können, dessen Muskelkraft so stark ist wie

die Kraft seines Hirns; und größte Ähnlichkeit, nächste Verwandtschaft

im Formalen seiner Anlage scheint dieser Jago mit dem dramatischen

Künstler, mit seinem Schöpfer, mit Shakespeare selbst zu haben; Herder,

das junge Kraftgenie, bestätigt es, wenn er ausruft: „Welche Welt und

was für ein Zusammenlauf der Räder zu Einer Maschine! Was für ein

Jago!... Und wie muß sich zu ihm eben ein Othello, eben ein Cassio,

ein Rodrigo, eine Desdemona finden! Und wie weiß er Alles, Alles, was

ihm in den Wurf kommt, zu seiner Absicht zu gebrauchen! Was wäre die

Welt, wenn sie viele solche Jagos in solcher Verbindung von Charakteren

und Umständen hätte?“ In der Tat ist es eigentümlich, wie Jago mit

der Virtuosität des Genies in seiner Welt wiederholt, was Shakespeare

getan hat, als er diese Welt und Jago als ihre treibende Kraft schuf:

mit einer begrenzten Zahl von Umständen wird aufs meisterhafteste

hausgehalten, und Jago wie dieser Othellodichter Shakespeare sind beide

dadurch ausgezeichnet, daß sie zu rechnen, zu kombinieren, ihre Aufgabe

interessant und elegant zu lösen verstehen wie nur je der Verfasser

eines Intrigenstücks, daß sie aber dabei zugleich eine strotzende

Fülle der Kraft, eine Üppigkeit, eine Natur haben wie die leibhaftige

Renaissance.

Was nun dabei herauskommt, daß Naturen wie die des Mannes Othello, des

Weibes Desdemona einem Jago in die Hände fallen, kann nicht gerade

eine Behaglichkeit sein; und in der Tat wird das Ergebnis, wird die

Katastrophe, wird Desdemonas Ermordung häufig schaurig, quälend,

unbefriedigend genannt. Und um doch zugeben zu dürfen, man sei

befriedigt, fragt man ängstlich und wahrhaft begierig nach der Schuld,

der Schuld Desdemonas vor allen. Diesen Aristoteles-Schematismus --

an dem Aristoteles ganz unschuldig ist -- mache ich nicht mit. Für

Shakespeare ist das kein Maßstab. Die Weltordnung, die gebrechliche

Einrichtung der Welt, wie es so innig schön bei Kleist heißt, das

innere Wesen der Menschen, ihre Situation zu einander, das Geschehnis,

des Dichters Art, in die Welt zu sehn und gestimmt zu sein, das sind

die Elemente, aus denen die Dichtung sich aufbaut; da wird’s an

Furcht und Mitleid und Reinigung, an Zermalmung und Auferstehung, an

Zermürbung und glühendem Guß zu Glanz und Einheit und Übereinstimmung

der Seele mit sich selbst nicht fehlen.

Desdemonas eigenmächtiges Vorgehen, ihre Flucht aus dem Vaterhaus

nennt Gervinus eine ganz bedeutende Schuld. Vischer summiert drei

kleine Fehlerchen: die Flucht aus dem Vaterhaus; ein weibliches Übermaß

von Geschäftigkeit bei ihren Fürbitten für Cassio; und ein bißchen

auch noch die kleine Notlüge, daß sie nicht sage, sie habe das Tuch

verloren, sondern, sie habe es verlegt! Selbst Otto Ludwig sucht und

findet eine Schuld an Desdemona: „eine unbewußte, eine negative, ein

-- Unterlassen der Vorsicht, in ihrem Charakter begründet“. Mir fällt

es nun gar nicht ein, die junge Frau gegen energische oder sanfte

Vorhaltungen dieser Art zu verteidigen; sie ist ein ganz besonderes

Menschenkind, hat also gewiß auch ihre besonderen kleinen Züge und

Fehler, die zu ihrer besonderen Liebenswürdigkeit gehören. Bloß

-- diesen Tadlern geht es ja gar nicht darum, ihren Charakter zu

ergründen, sondern, das Schauerliche zu mildern, wie man etwa sagt, uns

mit dem Ausgang zu versöhnen, das Stück zu rubrizieren, einer erlaubten

Gattung einzuverleiben und für klassisch erklären zu dürfen. Und da

muß schon gesagt werden, daß diese Art Ausleger sich ein wenig wie

Henkersknechte gebärden; die Parallele zwischen Jago, Shakespeare und

dem Herrgott, die mir selbst recht fruchtbar scheint, treiben sie in

ganz andrer Art bis zur Identifikation: nicht Jago hat Desdemona und

Othello in den Tod getrieben und ist dafür zu seiner Zeit gefoltert

und wahrscheinlich scheußlich hingerichtet worden; der Dichter hat sie

umgebracht und darf es nicht getan haben, ohne dafür die Erlaubnis

der Ästhetik zu haben. Weswegen sie sich eifrig daran machen, bei den

schönsten, liebreichsten Menschenkindern kleine Schuld zu kleiner

Schuld zu addieren; denn nach den arithmetischen Gesetzen dieser

Ästhetik oder Rechenkunst muß der Grund, zum Mord anzureizen, in Jago,

der Grund zu morden in Othello, und der Grund, ermordet zu werden,

in Desdemona liegen. Diese Herren gestrengen Ästhetiker scheinen nur

zu vergessen, daß der Herrgott uns allesamt ohne jede Ausnahme und

nur selten mit ihrer Erlaubnis und ohne viel nach tragischer Schuld

zu fragen gewaltsam ins Grab bringt und daß der Dichter, solange wir

aus der bloßen Existenz des Individuums so viel Wesen machen, auf

den gewaltsamen Tod und die Mordtat als Ausdrucksmittel höchster

Steigerung angewiesen ist. Hätten die Ameisen Tragödien, so wäre der

Untergang einer verlaufenen Ameise in einer menschlichen Zuckerdose

wahrscheinlich kein tragischer Vorwurf, eher schon die Ausrottung einer

ganzen Kolonie in einem Ameisenkrieg.

Diese Schuld-Schublade mit automatischer Guillotinevorrichtung soll

man, schlage ich vor, nur für Dichter offen halten, die die Hamburger

Dramaturgie gelesen und sich auf sie verpflichtet haben, zum Beispiel

für Schiller, der die Liebe der Jungfrau zu Lionel ausdrücklich zu dem

Zweck erfindet, damit sie ihre Schuld hat, die sie sühnen muß, -- man

kann von derlei Arbeiten, besonders wenn man daran denkt, daß sie in

unsern Schulen jeder heranwachsenden Generation als Musterbeispiele

vorgetragen werden, nicht mit zu großer Verachtung reden, gar noch,

wenn man dann dazunimmt, daß Tell, der bloß der Held eines Schauspiels

ist, nachdem er aus dem Hinterhalt getötet hat -- gewiß kein wesentlich

geringeres Vergehen als die Liebe zu einem strahlend schönen und

sittlichen Engländer --, glorreich weiterleben und Kinder und

Kindeskinder auf den Knien wiegen darf.

Achtbarere, intimere, verräterische Gründe hat es, wenn ein Mann wie

Strindberg in Desdemonas Seele wühlt, um eine Schuld in ihr zu finden;

handelten die Ästhetiker aus Leidenschaft und Abnormität, vergäßen

sie sich bis zur Erniedrigung und Gemeinheit auf der Suche nach der

Reinheit, im Kampf gegen die Welt, so sollte es ihnen wahrlich an

Achtung und Mitgefühl nicht fehlen. Strindberg hat etwas von nicht

Othellos, sondern Jagos Eifersucht und dem mit jedem Mißtrauen

verbundenen schmutzigen Blick; ihm geht es um Menschliches; irre er

immerhin! Wenn aber Otto Ludwig in einer Untersuchung, in der es

vorwiegend um die Handwerkskünste geht, kaltblütig fragt: „Warum hat

dennoch ihr (Desdemonas) furchtbarer Tod nichts Gräßliches?“, kann

man dann auf eine so gräßliche Schulmeister- und Aufklärichtfrage

etwas andres antworten als: Zum Donnerwetter, er hat etwas, hat viel

grauenhaft Gräßliches! und wenn es nach eurer poetischen Gerechtigkeit

in der Welt zuginge, müßten solche Frager wie ihr gewiß eher unter der

Bettdecke erstickt werden als Desdemona! In dieser schaurigen Welt,

unsrer Welt, der Welt der Menschentriebe und Menscheneinrichtungen,

der Welt des Mißverhältnisses zwischen Fühlen und Denken, Seele und

Geist, in unsrer Welt, in der Othello ein holdestes Mädchengeschöpf

in Liebe träumt, eine überwiesene Dirne, die die Reine gespielt hat,

tötet und dann an der Leiche, die als sein Opfer daliegt, erfährt, daß

das in lebendiger Wirklichkeit sein holdestes Menschenkind, seine ihm

anvertraute Gattin, und daß die Dirne der Traum seiner Wahnwut war, --

in dieser Welt, die entstehend und zerbrechend immerdar in schwärenden

Leibern unterwegs ist, während in unserm Geist die fertige und

ruhende, die göttliche Vollendung lebt, ist nichts gegen eine Dichtung

gesagt, wenn man ausspricht, daß sie Gräßliches birgt. Agamemnons des

Iphigenienmörders Ermordung ist gräßlich, und gräßlich die Ermordung

der Mörderin Klytämnestra -- darum ist doch die Orestie das weihevoll

Erhabenste, was die dramatische Literatur hat. Und höchst gräßlich

ist die Verstrickung, in der Ödipus von den Mächten gefangen wird. So

wenig wie zum Vergnügen ist die Tragödie zur sittlichen Befriedigung

da, -- es sei denn, man habe die Stufe des Ethischen, des Friedens

erreicht, wo einem alle wahrhafte Gräßlichkeit der Menschen gegen

einander, des Welterbes und Weltwerdens gegen die Menschen nichts mehr

anhaben kann. Auf der Leiter, die zu dieser Höhe emporführt, stehen

wir aber schon, wenn wir in Ataraxia, in Unerschütterlichkeit zusehen,

wie in der Welt die Verkettung undurchbrechbar, wie das Geflecht der

Seelenabgründe in den einen und ihrer Gegensätzlichkeit in den andern

mit den Situationen unzerreißbar, wie die Notwendigkeit der Natur

unentrinnbar ist. Ein so Unerschütterlicher sieht, gleich Spinoza im

kleinen Mythus der Anekdote, zu, wie die Spinne die Fliege in ihr Netz

bekommt, er hat „interesseloses Wohlgefallen“, wenn er gewahrt, wie der

Kuddelmuddel kommunaler Nachlässigkeiten, die das Kirchendach nicht

rechtzeitig zur Ausbesserung gebracht haben, und der Sturm, den die

Natur in Nordostasien gebraut hat, und das Kind, das die Mutter zum

Milchholen geschickt hat, so zusammentreffen, daß der Ziegelstein vom

Dach das Kind zerschmettert, während der Milchtopf ganz bleibt; er hat

diese nämliche Befriedigung, wenn Othello und Desdemona und Jago an

einander zugrunde gehn, und er kennt eine Tragödie, die wahrlich nicht

der Kraft, aber der Art nach noch über die Shakespeares hinausgeht, in

der Othello und Desdemona als Lebendige verderben und Jago Doge von

Venedig wird. Nicht zu wenig, sondern in äußerlichen Abschlüssen, die

wenig Bedeutung haben, zu viel poetische Gerechtigkeit findet sich

bei Shakespeare, der, wie vor ihm und bisher nach ihm kein zweiter,

den Blick für die wahre Sach- und Lotgerechtigkeit, für die innerste

Wirklichkeit nämlich des Widerstreits unsrer kausal gespaltenen Welt

hatte.

Ganz besonders kunstvoll und lebendig werden wir diesmal in die

Handlung und so auch wieder in die einzelnen Szenen mitten hinein

geführt, so daß eine Weile der Spannung vergeht, ehe wir im

Zusammenhang sind. So ist es gleich im Beginn: zwei Männer besprechen

sich erregt über etwas, was ein andrer zu ihrer Unlust getan; was

er getan, erfahren wir aber noch lange nicht. Und wer ist es? Ein

Befehlshaber; es geht um eine Leutnantsstelle -- das heißt, um

den Stellvertreter dieses Kommandanten, um den Generalleutnant --

der Sprechende ist enttäuscht, Wut äußert sich: ein Fremder, ein

Florentiner, Michael Cassio hat die Stelle bekommen -- der wird als

ein zarter Mensch, ein Mann der Bücher, ein Gelehrter ohne praktische

Erfahrung, ein Rechner geschildert; der Sprechende, Jago, schildert

sich damit als Soldaten der Ausführung, der rohen Gewalt. In Troilus

und Cressida haben wir den Gegensatz der beiden militärischen Typen,

der hier nur gelegentlich zur Charakteristik dient, in entscheidend

ernstem Zusammenhang getroffen. Dann erfahren wir -- noch lange

nicht den Namen des Feldherrn, aber verächtliche Bezeichnungen und

Vergleichungen: Seine Mohrschaft -- der Mohr -- die Wulstlippe --

ein schwarzer Bock -- ein Berberhengst -- und immer wieder der Mohr;

man merkt, das ist, ganz unabhängig von dem entstellenden Haß der

Sprechenden, ein populärer Mann, dieser Farbige, der der Admiral der

Republik Venedig ist. Erst in der dritten Szene, wo wir schon lange mit

ihm selbst zusammen waren, hören wir seinen Namen; da redet ihn der

Doge als Othello an.

Wie ist es nun mit dieser Mohrschaft? Ist Othello ein Maure oder

ein Neger? Gemeint ist er offenbar als Maure, die Bezeichnung sagt

es schon; Mauritanien, das von den Arabern bewohnte Nordwestafrika,

ist seine Heimat. Aber der äußern Erscheinung nach ist er eine aus

ethnologischem Irrtum entstandene Phantasiegestalt: ein Araber mit

einigen körperlichen Eigenschaften des Negers; Bezeichnungen wie

„Wulstlippe“, „Dicklippe“ weisen deutlich darauf hin. Als Beweis für

Shakespeares angebliche Unbildung in geographischen Dingen läßt sich

aber diese Zusammenwerfung nicht verwerten; Shakespeare teilt den

Irrtum seiner gelehrten Zeitgenossen; in einem Nachschlagewerk seiner

Zeit heißt es ausdrücklich: „Mohr, einer aus Mauritanien, schwarzer

Mohr oder Neger.“ Trotzdem ist für die Bühne keine übertrieben dunkle

Färbung und keine starke Hervorkehrung der physiognomischen Negerzüge

zu empfehlen; solche Fragen müssen genau so behandelt werden wie die

dekorativen Elemente der Szenen; es geht auf der Bühne nicht wie in der

Natur zu, wo außer dem, was zur Handlung gehört, auf jedem Schauplatz

noch eine Menge andere, zufällige Dinge zu finden sind. So wenig in

Desdemonas Schlafgemach ein Nachttisch mit den dazugehörigen Utensilien

gehört, so wenig darf über die Absicht des Dichters hinaus Othellos

Negerhaftigkeit betont werden: worauf der Dichter nicht immer die

Aufmerksamkeit lenkt, das darf auch der Anblick uns nicht fortwährend

aufdringlich vorführen. Findet man das richtige Maß, die Verteilung

der kleinen Andeutungen nicht, so ist zu wenig gewiß besser als zu

viel; es schadet nichts, wenn diese Negerzüge mehr in Jagos gehässiger

Verleumdung und im Vorurteil als in grell beleuchteter Wirklichkeit

leben.

Im Ganzen des Stücks und in vielen Einzelzügen stellt sich Othello als

stolzer, adliger Mann dar, der einem Kulturland entstammt, zu Hause

ein Fürst ist; er ist ausgestattet mit der Bildung des Geistes und

des Herzens. In Venedig ist er überaus angesehen und beliebt; er weiß

sich in Achtung zu setzen, gebieterisches Auftreten ist ihm zweite

Natur geworden; Brabantio, einer der vornehmsten Senatoren, hat ihn

gern bei sich im Hause gesehn; nur, wenn’s ans ganz Intime geht, tritt

das Rassenvorurteil dazwischen. Am stärksten spricht es Emilia aus,

Jagos Frau, die er sich im ungebildeten Volk geholt hat; gar nicht die

vornehmen Venezianer, die seine Dienste brauchen, und Desdemona und

Cassio, die an Seelenadel und Reinheit auf Othellos Stufe stehen.

Daß er kein Neger im üblichen Sinne und noch weniger so etwas wie ein

amerikanischer Nigger ist, wie ihn maß- und geschmackloses Virtuosentum

manchmal auf die Bühne stellt, ist klar; Shakespeare hat ihn wahrlich

nicht als solchen gesehen; er spricht die reiche, bildkräftige,

strömende Sprache der großen Gestalten des Dichters; ihn irgend etwas

radebrechen zu lassen, weil Venezianisch nicht seine Muttersprache

ist, ist Bönhasenalbernheit, die man höchstens auf Liebhaberbühnen

vermuten sollte; solche Sprachschwierigkeiten zwischen Angehörigen

verschiedener Nationen existieren für den Dichter nur, wenn er sie zu

einem besonderen Effekt verwenden will; bei Othello darf das Geringste

der Art so wenig hervortreten, wie Antonius lateinisches, Cleopatra

aber ägyptisches Englisch oder Deutsch spricht; und wenn er vor dem

Senat sagt:

Ich bin rauher Rede

Und nicht geschickt im feinen Wort des Friedens,

Seit siebenjähr’ges Mark mein Arm gewann,

Bis jetzt, bis vor neun Monaten etwa,

Liebt er in Zelt und Feld sich nur zu regen,

Und wenig lernt’ ich von der großen Welt,

Als was zum Kampf gehört und Schlachtenwerk, --

so ist damit der Kriegsmann, der Offizier charakterisiert, nicht

der Barbar; und überdies heißt ihn bei aller Aufrichtigkeit gerade

weltmännische Klugheit so reden: er nimmt seine Leute gut, vor denen er

als Angeklagter steht.

Einen Zug hat er ohne Frage, der in Verbindung gebracht wird mit der

südlichen Zone, aus der er und sein Geschlecht stammen: sein heißes

Blut, seine jähe Furchtbarkeit. Aber da gilt es, fein zu unterscheiden:

auch das wird von Shakespeare nicht ethnologisch gefärbt, nicht als

Rassenmerkmal gebracht, sondern als Eigenschaft dieses Individuums.

Daß er so ist, wie er ist, kommt von seiner menschlich einmaligen

Besonderheit; daß man die aber auf Afrika zurückführen kann, ist

seine Stellung unter den Menschen. Diese exotische Besonderheit trägt

Othello wie einen Fluch, von den Leuten her, so wie Richard III. seine

körperliche Entstellung. Nicht seine gnomenhafte Gestalt und seine

Deformation schafft physiologisch Richards Naturell und Charakter;

sondern wie die Leute das nehmen und wie er meint, daß sie es nehmen

müssen, soziale, nicht physische Zusammenhänge also isolieren ihn zum

Aufrührer und Usurpator. Und so steht es mit Othello: das typisch

Afrikanische ist in der individuellen Natur dieses Leidenschaftlichen,

Stolzen nur so fein und unlöslich mitwirksam wie das Provenzalische

bei Mirabeau, das Römische bei Coriolan, das Schottische bei Macduff;

aber so wenig wie Macduff ein adliger Held ist, weil er ein Schotte

ist, so wenig ist Othello, wenn die Situation danach ist, darum

der umdunkelnden Wut preisgegeben, weil er ein Afrikaner ist. Daß

es aber so gedeutet werden kann, daß es bei jeder Gelegenheit dem

Durchschnittsmenschen und Boshaften einfällt, er entstamme ja der

dunklen Rasse, das ist ein wichtiges Element in seinem Leben.

Wollen wir die Grundzüge seines Wesens nennen, so geht es uns wie

bei Shakespeares Menschen immer: er scheint aus lauter Widersprüchen

zusammengesetzt. In Wahrheit gibt es bei Shakespeare wie im Leben

keinen reinen Charakter an und für sich, den man absolut aussprechen,

auf eine abstrakte Formel bringen, als Typus für eine Gattung

nehmen könnte, sondern nur bestimmte Menschen in Beziehung zu

ihrer Geschichte, Umgebung und Situation. So scheint Othello, wenn

wir ihn mit den paarig vereinfachenden, verfälschenden Ausdrücken

unsrer Begriffssprache beschreiben wollen, besonders zart und

besonders wild; besonders beherrscht und besonders unbeherrscht,

besonders vertrauensvoll und besonders mißtrauisch. Es ergibt sich

daraus nur, daß mit solchen Etiketten einem Lebendigen gegenüber

nicht viel anzufangen ist; denn sowie wir solche schulmäßige

Eigenschaftscharakteristik aufgeben und den Mann im Zusammenhang seiner

Geschichte betrachten, wird alles zweifellos klar. Zwar gibt uns der

Dramatiker keine solche zusammenhängende Geschichte; nur vereinzelte

Bilder aus der Situation der Katastrophe sehen wir hier; das aber ist

Shakespeares Kunst, daß aus diesen Bildern sich das äußere Leben, auch

die Vorgeschichte, und das innerste Wesen ergibt.

Ein Kriegsmann, ein Seeheld, ein Weitgereister ist der Mohr; in

Gefangenschaft und in Sklaverei ist er gewesen. Er ist männlich,

gebieterisch, befehlskundig, frei, ungebunden:

Liebt’ ich nicht so die holde Desdemona,

Ich gäb’ nicht meinen hauslos freien Stand

In Band und Fesseln hin für alle Schätze

Des reichen Ozeans.

Nun aber hat er, der Freie, sich endlich, in höheren Jahren, zu dem

Ehestand entschlossen, der ihm sonst bedenklich schien als eine Art

Gefangenschaft oder Sklaverei, die er in andern Formen genug kennen

gelernt hatte. Das scheint er nicht viel im Leben gefunden zu haben,

was er bei diesem jungen Mädchen fand: reines, uninteressiertes

Mitgefühl bei einer freien, auch ihrerseits unabhängigen Natur. Auch

sie vereint scheinbar Gegensätze wie er: sie ist die ganz Freie,

Trotzige und die ganz Hingebende. Keineswegs hat sie sich ihm schnell

gegeben: sie sind immer wieder beisammen gesessen; er hat von seinen

Taten und Leiden in fernen Ländern und Meeren erzählt, sie hat

zugehört; dann hat Cassio für ihn werben und ihn verteidigen müssen,

wenn sie ihn tadelte; denn das tat sie, sie hat sich offenbar schwer in

ihn gefunden, hat Züge an ihm gesehen, die ihr bedenklich waren, die

sie erschreckten; nun aber ist er, der gebieten kann wie ein Mann und

weinen wie ein weiches Kind, ganz der ihre, wie sie die seine ist. Wie

das so gekommen ist?

Sie liebte mich, weil ich Gefahr bestand,

Ich liebte sie um ihres Mitleids willen.

Seiner Natur nach ist Othello der vertrauendste, der harmloseste, der

kindlichste Mann. Er ist ehrenhaft und setzt Ehre, er ist ehrlich und

setzt Ehrlichkeit voraus. So sieht ihn auch Jago:

Der Mohr hat einen freien, offnen Sinn,

Hält jeden Mann für ehrlich, der so scheint,

Und den führt man so zierlich bei der Nase,

Als einen Esel --

Othello weiß auch selbst ganz gut, daß das Vertrauen in seiner Natur

liegt; noch am Schluß, nachdem er die grauenhafte Tat des Mißtrauens

getan, bezeichnet er sich als einen, „nicht geneigt zur Eifersucht“.

Und so sieht ihn auch Desdemona:

Gut, daß mein edler Mohr

Von treuem Sinn und nicht so niedrer Art

Wie eifersücht’ge Menschen.

Gewiß ist er bei dieser Anlage seiner Natur schon oft betrogen worden;

und als gebildeter Mann, der sich auf allgemeine Regeln versteht, hat

er sich auch Lehren daraus gezogen. Jago, wie es seiner Art entspricht,

zögert einmal bei einer entscheidenden Frage Othellos, zögert

absichtlich, und da meint Othello:

Bei treulos falschen Schurken sind das

Gewohnte Kniffe, doch beim Biedermann

Sind’s klare Zeichen von dem Kampf des Herzens,

In dem die Leidenschaft nicht aufkommt.

Ja, die Regel kennt er schon; aber auf systematische Verstellung, auf

Ränke und Intrigen versteht er sich nicht, weil er eine wahrhafte,

offene und darum gläubige Natur hat. Denn wer beurteilt nicht die

Menschen nach sich? Auch Jago tut’s; an wahren Seelenadel glaubt er

nicht; und wo er seine Zeichen gar nicht übersehen kann, da setzt

er ihn -- wir haben es jetzt eben mit seinen Worten gehört -- der

Dummheit gleich. Daß der Kluge nicht mit allen Mitteln, die ihm zu

Gebote stehen, seinen Vorteil wahren soll, der Obere als Befehlender

hinab, der Untergebene als Listiger hinauf, das begreift er nicht. Und

so, von sich aus, begreift Othello nicht, daß das, was wahr aussieht,

wahr klingt, nicht eben so sein soll, wie wenn er es wäre, er es

spräche. Wohl weiß er von Schurken und ihren Kniffen; gewiß hat er

schon mit solchen zu tun gehabt, denen man Bosheit und Verstellung

am Gesicht ansah, am Ton anhörte; was für ein frischer, natürlicher,

ehrlicher Bursch, ein bißchen brutal und plump, aber nichts weniger

als raffiniert oder auch nur in feineren Planen geübt ist aber (wenn

ihn nicht ein schlechter Schauspieler spielt) dieser Jago, wie er in

seinem Umgang erscheint; darum, weil er in ihm nur einen starken,

treuen, tapfern Soldaten, aber einen untergeordneten Kopf sieht, hat

Othello ihn ja auch nicht als Generallieutenant, als stellvertretenden

General brauchen können. Jago erscheint ihm als ungeleckter Tolpatsch;

Cassio, der feine, gelehrte, der Pläne entwerfen kann, der Florentiner

aus Machiavellis Land, ist geeignet zu einem so hohen Posten; dem traut

der adlige Naturmensch, dem solche Bildung etwas Unvertrautes ist, dann

auch im Leben zu, was er selber im Öffentlichen und Privaten nicht

vermag: List, Betrug, Niedertracht.

Wie er den Menschen vertraut, so vertraut Othello auf sich; er ist

stolz und zuversichtlich. Hier aber ist der Punkt, wo er nicht bleibt,

was er von Natur aus ist; hier ist seine verwundbare Stelle; von hier

aus beginnt alles. Daß er, der gläubigste Mann, an der Reinheit selber

nicht bloß zweifeln, daß er ihr den schmutzigsten Verrat zutrauen

muß, daß der Vertrauende vom Mißtrauen zerfleischt wird, bis er die

Ermordung der Unschuld beschließen muß, dieses Entsetzliche, diesen

Abfall Othellos von sich selbst zu erreichen, wird Jago nur möglich,

weil der Mohr in dem einen Punkt mißtrauisch gegen sich selbst und von

da aus erst mißtrauisch gegen andre ist: in dem Punkt der Liebe.

Shakespeare (Volume 1 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 25 / 27 段