Der wird erst -- der Zärtling verträgt nichts -- betrunken gemacht;

ein Kinderspiel für Jago in der Siegesnacht, der Hochzeitsnacht; es

gibt Streit mit Rodrigo, Cassios Degen fliegt aus der Scheide, Jago

sorgt dafür, daß die Sturmglocke geläutet wird, der Gouverneur von

Zypern, der dazwischen tritt, wird schwer verwundet, Othello eilt

herbei: Cassio wird abgesetzt. Wer weiß, ob das endgültig wäre? Bei der

gutmütigen Natur des Mohren? Und überdies, der muß gepeinigt werden.

Jago macht gern ganze Arbeit. Das Spiel ist noch nicht zu Ende. Jetzt

muß Cassio Desdemona zur Fürsprecherin wählen, sofort, sowie der Tag

dämmert; und wie nun Cassio, von Jagos gefügiger Frau hingebracht, bei

Desdemona im Garten ist, bringt Jago Othello von ungefähr dazu:

Hah! das gefällt mir nicht --

um sich dann gleich auf die Lippen zu beißen; er will nichts gesagt

haben.

In Othello wühlt es unterirdisch: er spricht zerstreut, freundlich,

beherrscht weiter; aber er will bald allein sein; kaum weiß er, warum.

Doch Jago läßt ihn nicht los; klug flicht er allgemeine Betrachtungen

über Sein und Scheinen in ein Gespräch über Cassio. Und dabei fällt

immer mal eine Andeutung; und Othello muß merken, daß der treue Gesell

behutsam und schonend zu ihm spricht. Vor ein paar Stunden hatte Cassio

in seiner Verzweiflung allerlei pathetische Dinge über den guten Namen

gesagt; die wendet Jago jetzt Othello gegenüber an der rechten Stelle

an. Dann warnt er seinen General vor der Eifersucht, noch ehe der sie

im Oberbewußtsein hat.

Eifersucht? Als langen, bohrenden Zustand? Wohl gar als ekle

Gewohnheit, auf dem Grunde der beinahe zur Mode gewordenen

Voraussetzung der Männer, daß die Frauen sie alle zum Hahnrei machen?

So eine Ehe? Nein, das ist für Othello nicht auszudenken. Darum ist

er nicht so lange Junggeselle geblieben; darum hat er nicht sich

einer Desdemona in heilig verehrender Liebe geneigt. Wie hatte er sie

doch begrüßt, als sie nach Flucht, Trennung und Wettersturm endlich

vereinigt waren?

Lust meiner Seele!...

Jetzt zu sterben,

Das wäre höchstes Glück; denn ich befürchte,

So volles Maß der Freude füllt mein Herz,

Daß nie ein andres Glück mir, diesem gleich,

Im Schoß des Schicksals harrt.

So einer ist Othello: im höchsten Glück denkt er ans Sterben. „So

absolut“ -- sagt Shakespeares Original -- hat seine Seele ihre

Befriedigung; so absolut braucht er Liebe, ganze, ungeteilte Liebe;

so unmöglich ist ihm ein Gedanke an irgendwelches Zugeständnis an

Geteiltheit oder Niedrigkeit.

Einmal zweifeln, heißt entschlossen sein

Auf einmal.

Aber -- und da ist der Unselige schon vergiftet --

Sehn will ich, eh’ ich zweifle!

Proben will er, Beweise!

Und nun warnt Jago ganz gradezu, bieder, treuherzig:

Ich kenn’ die Sitten von Venedig --

Diabolisch erinnert er an die verächtlichen Worte, die Desdemonas

eigener Vater, der sein Kind doch kennen wird, ihm mit auf den Weg

gegeben hat:

Sieh scharf und denk’ an mich:

Den Vater täuschte sie, sie täuscht auch dich!

Jetzt ist er an der richtigen Stelle; da bohrt er logisch weiter.

Wie das junge Ding sich gut verstellen konnte, als sie jüngst mit

dem Mohren aus dem Vaterhaus floh; mit dem Mohren! Sie konnte doch

eigentlich so viele Landsleute, junge Leute, Männer ihrer Rasse und

Farbe haben.

Dann bricht Jago wieder ab, bittet Othello, nur nicht aus der Fassung

zu kommen, über solche Dinge nicht zu grübeln; damit bringt er ihn

gerade dazu.

Othello will allein sein, und auch Jago hält es für gut, sein Opfer

für eine Weile sich selbst zu überlassen. Es kommt zu einer kurzen

Begegnung Othellos mit der Frau; er kann schon nicht mehr recht

freundlich zu ihr sein, wiewohl er bei ihrem Anblick sich sagt, daß

so die Treue selbst aussehen muß. In dieser knappen Szene nun ist

die Ökonomie Shakespeares mit seinen Mitteln vielleicht aufs engste

gespannt. Desdemona ängstigt sich über Othellos matten, gepreßten Ton

und fragt ihn besorgt, ob ihm nicht wohl sei. Othello, der schon nicht

mehr sicher ist, ob diese Teilnahme nicht erheuchelt ist, dem immer das

ekelhafte Bild der gehörnten Ehemänner vorschwebt, --

Im Mutterleib ist der gehörnte Fluch

Schon über uns verhängt --

gibt mit grimmiger Zweideutigkeit zur Antwort, er habe einen Schmerz

auf seiner Stirn.

Ei ja, das kommt vom Wachen,

meint Desdemona in lieblich freier Erinnerung an die Nacht, und will

ihm die Stirn mit ihrem Taschentuch verbinden; wie gern berührt sie

dieses edle Haupt! Sie, an der es in ihm zweifelt, die jetzt eben

mit Cassio so vertraut beisammen war, hat an die Nacht, an diese

Nacht erinnert, sie will an die Stirn, an diese Stirn rühren und ein

Band darum binden; er stößt sie unwillig weg und führt sie ins Haus.

Desdemona, der er damit in einer Weise begegnet ist, die sie nie an

ihm gekannt, nie geahnt hat, ist bestürzt, denkt nicht an das Tuch,

das dabei zu Boden gefallen ist, und geht mit ihm. Das aber ist eben

das Tuch, das Jago durchaus haben will, wegen dessen er -- sein Plan

ist schon lange fertig -- seiner Frau schon auf der Überfahrt immer

im Ohr gelegen hatte: auf die natürlichste Art, nicht durch irgend

einen neuen Zufall, sondern im Zusammenhang mit Othellos Qual, kommt

es jetzt Desdemona abhanden, wird von Emilia gefunden und sofort

Jago apportiert. Wenn Shakespeare so in einem Auftritt, den er zur

Fortführung der äußern Handlung nötig hat, dabei ungezwungen die

seelischen Vorgänge bis ins Mark hinein weiterführt, so sehen wir,

daß das vollendetste Maß der Technik nur der größten Innigkeit, dem

Hineinknieen in den Vorgang zwischen den Menschen erreichbar ist; daß

der raffinierteste Theatraliker der technischen Kunst des Dichters,

wenn’s zum Höchsten steigt, nicht nachkommen kann.

Jago hat nun, was er braucht: die Sache; die Ecke, um die man nicht

herumkommt; das Beweisstück, das unumstößlich mit der Gewalt der

Sinnenwahrnehmung überführt; das ~corpus delicti~.

Tand, so leicht wie Luft,

Ist für den Eifersüchtigen Beweis,

Wie’s Wort der heil’gen Schrift.

Othello hat es nicht lange bei Desdemona ausgehalten; er kommt wieder

in den Garten heraus und begegnet da wieder Jago. Jetzt ist er schon

in voller Verzweiflung und in schlimmster Krise: kann Desdemona anders

sein, als sie scheint, so möchte er wahrlich wünschen, er selbst wäre

anders als er ist! Er kann es nicht ertragen, kann nicht mehr leben,

wenn sie untreu, wenn sie also nicht sie selbst, wenn sie eine Dirne

ist. Aber wenn er’s gar nicht wüßte? Wenn sich nichts für ihn verändert

hätte? Diese greuliche Vorstellung ist sein letztes Anklammern ans

liebe Leben; dann könnte er ja weiter leben mit dem holden Schein, den

er für Sein nähme; im Glauben an die Liebe. Aber nun, -- er sagt gar

nicht mehr Wenn; er macht einen Sprung; für ihn ist der Beweis, die

Entscheidung, das Ende schon da. Nicht die Vorstellung, was er ihr tun

wird, lebt zuerst in der Phantasie des adligen Mannes; das Bild seines

Lebens steigt auf, das nun vollendet sein muß; er nimmt Abschied. Und

nun hören wir erschüttert, wie der einsame Mann bisher nichts gekannt

hat, als mühvoll errungenen Frieden in seinem Innern und tapfern,

rauhen Streit draußen; wir ahnen, wo er sich nun von diesem Frieden

und diesem Krieg loslöst, was die süße Desdemona diesem männlichen

Leben hätte bringen sollen. Wir möchten ihn beschwören, zu sich zu

kommen; aber er hat sich nun schon in Tapferkeit gefaßt, ist fertig und

entschlossen und will der Wahrheit und dem Tod ins Auge sehn. Indem er

auf Jago losfährt, ihn an der Gurgel packt:

Schuft, gib mir Beweis,

Daß ich ’ne Hure liebe --

ist er ein verwandelter, ein schon hinübergetretener Mann; er ist in

der Wolke des Zorns; er will nicht untersuchen; in dem Zwischenraum des

Zweifels, des Mißtrauens, der Eifersucht hält es der Absolute nicht

aus; er will den Beweis, er lechzt nach ihm; er braucht nichts andres

mehr im Leben als ihn; er will sehen, was ihn vernichtet hat.

Jago liefert die Beweise überreichlich; aber er will ihn langsam

foltern; er beginnt mit schmählichen Lügen, die er erfunden hat, die

aber äußerst gravierend sind, sowie Jago ein ehrlicher Kerl ist; und

warum soll denn einer so was erfinden? Und völlig glaubhaft gemacht

werden seine Erfindungen eben durch die Kleinigkeit, die Othello

zunächst von Jago erfährt: das Taschentuch, ein heiliges Andenken, ein

Talisman, das erste Geschenk seiner Liebe, ist in Cassios Besitz; der

hat sich den Bart damit gewischt. Othello versucht es noch einmal mit

Desdemona; verlangt das Tuch von ihr. Sie ist in rechter Verlegenheit,

hat es gleich vermißt, gesucht und nicht gefunden. Aber -- sie ist

ja ganz harmlos -- seine Hartnäckigkeit, davon und von nichts anderm

zu reden, nimmt sie nur als seine Auskunft, sie von ihrer lästigen

Fürbitte für den entlassenen Cassio abzubringen. Und nun antwortet die

Mitleidige, Eifrige, die Cassio hochschätzt und sich in ihrem sichern

Urteil über den wertvollen Mann nicht beirren läßt, auf jede Frage nach

dem Tuch mit immer dringlicheren Worten, die alle von Cassio handeln!

Ist’s noch nicht genug? Jago legt eine Pause ein; er braucht aus

äußern Gründen Zeit, und es lüstet ihn, die Qual des Mohren, bis

Cassio zum Untergang reif ist, noch eine Weile mitanzusehen. Jetzt

setzt er ihm wieder mit unbestimmten Redensarten aus dem wüstesten

Bereich zu; Othello muß Desdemona immer in der widerlichsten Situation

vor Augen haben: er sieht, sieht es ganz klar, unentrinnbar: sein

Weib, dieses zarte, innig scheinende Mädchen, das jetzt eben ganz die

Seine geworden, ist eine Dirne, nichts Besseres. Da wird er toll.

Er ist völlig wie im Delirium, redet unzusammenhängende Worte des

Nichtbegreifens; die Überführung -- die Beweisstücke -- die Rache --

all dieses Niedrige, durch das er hindurch soll -- die schmierige

Gemeinheit dieser Welt der Leiber und Sinne -- all das geht ihm

durcheinander:

Taschentuch -- gestehn -- -- gestehn und für die Mühe gehängt --

erst gehängt, dann gestehn -- -- -- Nicht Worte schütteln mich so

-- ah, pfui, Nasen, Ohren und Lippen -- Ist’s möglich...

Er fällt in tiefe Ohnmacht.

Und kaum ist er wieder erwacht, so erhält er den Beweis, handgreiflich,

für Ohren und Augen. Er hört, und es ist nicht der leiseste Zweifel

möglich, so kindisch einfach auch die Mittel sind, mit denen sich Jago

diesem Leichtgläubigen, Verrannten gegenüber begnügen kann, hört, wie

Cassio mit schimpflich schwatzender Vertraulichkeit zu Jago von seinem

Liebesabenteuer mit Desdemona spricht. Und ein Zwischenfall, den Jago

nicht vorhersehen konnte, der ihm sogar hätte gefährlich werden können,

wird sofort von ihm benutzt und nimmt ihm viel Arbeit ab: Othello sieht

das Tuch, sieht, wie es Cassio von einer niedrigen Buhldirne, die mit

ihm keift, als sein Eigentum, als Gabe eines andern Liebchens vor die

Füße geworfen erhält!

Davon, daß Desdemona von Liebe zu einem andern überwältigt wäre, ist

gar keine Rede. Othello sieht vor Augen, weiß jetzt, es ist bewiesen,

daß sie ein verworfenes Geschöpf, daß Cassio, den er so hoch geachtet,

ganz ihresgleichen ist; die Welt entschwindet ihm; es ekelt ihn so

gräßlich, wie wenn einer eine Blume pflücken will und in Kot faßt.

Nun ist entsetzliche, fassungslose Wut und Entschlossenheit,

felsenfeste, zur Rache, ist Beherrschtheit und sogar unheimliche

Ruhe seltsam in ihm beisammen. Immer wieder hält er sich ihre holde

Schönheit, ihre Liebenswürdigkeit, die Stunden, die sie in Venedig

zusammen verbracht, vor Augen. Daß die Welt so ist: all diese Anmut,

die aus der Seele zu strahlen scheint, ist nur obendrauf gemalt, und

unten ist eitel Laster und Niedrigkeit: wie schade ist es!

Als dann aber der Gesandte Venedigs eintrifft, Cassio -- welcher Hohn!

-- zum Gouverneur auf Zypern ernannt wird und Desdemona unschuldig und

frei -- für Othello grauenhaft schamlos -- ihrer Freude Ausdruck gibt,

da schlägt er sie.

Und in der Nacht darauf bringt er sie um. Als Jago sehen mußte, wie

dieser Mann aufs letzte ging und nicht anders konnte als sie töten,

hatte Jago in scheinheiliger Tugend den Rat gegeben, wie er sie töten

sollte: er erstickt sie mit dem Bett, auf dem sie -- tausendmal, sagt

Othellos wahnsinnige Übertreibung -- Unzucht getrieben. Und hört und

sieht nicht mehr, wie sie ist: denn er glaubt nicht mehr, kann nicht

mehr glauben, daß sie ist, wie sie scheint. Wir kennen die schmerzliche

Frage aus Troilus’ des jungen Kriegers Mund:

~Beauty, where is thy faith~?

Das heißt ja nicht nur: Schönheit, wo ist deine Treue? Es heißt auch:

Schönheit, wie kann man an dich glauben? Wo ist deine Verläßlichkeit?

Und Othello ist jetzt in der Lage, wo er fragt: Schönheit der Seele,

die du nur scheinen kannst, wo ist dein Beweis? Er hat sein alles

an diese Liebe gesetzt; Desdemona war ihm, der sich nach Stille und

Frieden sehnte, der sich in die Hand genommen und beherrscht hatte und

in dem doch noch immer so viel Aufruhr unterirdisch drängte, wie eine

Erlöserin, Erretterin, wie sein guter Engel gewesen:

Du süßes Kind! Verderben meiner Seele,

Lieb’ ich dich nicht! und wenn ich dich nicht liebe,

Dann kehrt das Chaos wieder.

So hatte er sich’s warnend, beschwörend vergegenwärtigt, als der Wurm

zuerst in ihm zu nagen anfing; und nun? Nun ist das Chaos da; die

ihm als Reine erschienen war, die in Wahrheit, nur weiß er’s nicht,

die unverstellte Reinheit ist, die ist nur Erscheinung für ihn, nur

trügerische Hülle; er glaubt an Jago, der sich verstellt: der hat so

„bewiesen“, wie die Schönheit niemals beweisen kann. Der sprechende,

der zerlegende Verstand hat die unsichtbare, schweigende Seele besiegt.

Und doch! Erinnern wir uns nur zur rechten Zeit, wo erschütterndes

Mitleid und Erinnerung an unsre eigene bitter ernste Welt des

Zerreißens uns schier umbringen will, daran, was der Dichter nie ganz

vergessen lassen will: es sind ja alles nur Bilder! Das ist das beste

Mittel gegen das Gefühl der Gräßlichkeit, und wir haben es mit Worten

etwas andrer Herkunft schon genannt, dieses Wissen: was da stirbt, es

sind nur Bilder! Was da tötet, ist nur erschaffene Gestalt! Halten

wir’s doch auch im leibhaften Leben, wo wirkliche Schmerzen wirklich

weh tun, nur so aus, daß wir uns sagen: Siehe, der Mensch gehet dahin,

-- etwas aber ist, das durch allen Tod hindurch weiterlebt, das bleibt,

das ist.

Und so, nachdem wir in aller Erschütterung über dieses Traumbild des

Lebens die Ruhe und Kühle wieder erlangt haben, die zugleich mit der

Wärme in jeglichem vollendeten Kunstwerk und in jeder reinen Aufnahme

der Kunst zu sein hat, dürfen wir uns sagen: Die Seele, die da stirbt,

lebt weiter, lebt in der Tat gar, die sie tötet. Sehen wir jetzt nur

ab von all dem schauderhaften Irrtum, in den Othello verstrickt ist;

das ist ja nur der böse, wirre Fiebertraum des gespaltenen Lebens, --

die Gesinnung, aus der heraus er handelt, trotz Betäubung, Umdunkelung,

Wut, ist adlig, seelenvoll, groß, ist seiner und Desdemonas würdig.

Die Sache will’s, die Sache will’s, mein Herz!

~It is the cause, it is the cause, my soul~:

Laßt mich’s nicht nennen euch, ihr keuschen Sterne!

Die Sache will’s.

Die Übersetzung von Baudissin-Tieck ist vielfach angetastet

worden. Vischer sagt: „Grund hat es“. Gundolf, wieder ganz aus dem

Zusammenhang, dem Stil, dem Sinn plumpsend: „Das ist die Tat“.

Man möchte weinen über solche Undankbarkeit. Die Übersetzung von

Baudissin-Tieck hat sonst der Fehler im großen und kleinen mehr

als genug; hier ist sie prachtvoll, ist Schlegel, ist Shakespeare

ebenbürtig. Othello geht es in Wahrheit um die Sache: so Schönes muß

Sprache der Natur, muß Zeichen des Wesens, muß wahr sein; oder, wenn es

nur Sprache wie des Menschenmundes -- wir sagen dazu: Sprache wie Jagos

-- ist, wenn es nur Lüge und Schein ist, darf es nicht leben! Othello

ist in diesem Augenblick vor seiner Tat zu Mute, wie es Hamlet von sich

fordert, da es Rache zu nehmen gilt: der ungeheuerste Betrug darf die

Erde nicht beflecken; in der Welt stimmt Entscheidendes nicht, solange

diese grauenvolle Sphinx lebt; er ist berufen, die Ordnung der Welt

wiederherzustellen.

Darum, weil er aus diesem Geiste heraus getötet hat, ist denn auch sein

Weh, wie Emilia in echtem Schmerz um das Heilige sich über sich selbst

erhebt und -- ihrem Mann, den sie sonst feige fürchtet, ins Gesicht --

tapfer für die Wahrheit zeugt und alles enthüllt, so groß, so gefaßt,

so wie schon längst im Untergang stehend. Die Welt wird um ein edles

Paar ärmer sein; aber an Tugend, an Schönheit, an liebliche Innigkeit

darf man wieder glauben: es war alles ein wüster Traum. Sein Leben

ersteht noch einmal, als Ganzes zusammengefaßt, vor ihm: ein Seefahrer

war er, ein Reisender, vom Wind über weite Meere getrieben:

Hier endet meine Fahrt, ich bin am Ziel,

Dies ist die Seemark meines letzten Segels.

Jago!! Der Betrüger! Der Teufel! Der eigentliche Mörder! Der dunkle

Othello sticht sofort wütend auf ihn los; aber der Helle weiß es dann

gleich besser: Er soll leben!

Wie mir zu Mut, ist Sterben Seligkeit.

Aber in Ehre will er sterben, wie er gelebt hat. Sein Wesen baut er

auf, wie sie ihn schildern sollen, wenn sie nach Venedig schreiben,

und nicht mit dem leisesten Gedanken kommt ihm in diesem Augenblick,

wo es nur um Wesenhaftes geht, zu Sinn, er gehöre einer andern Rasse,

einer andern Welt an, als alle die, an deren Achtung ihm gelegen ist:

ein Mann war er und ein Kind, fest und weich, ein Herr in Ruhe, ein

Knecht des Zorns, wenn die Wirrnis ihn umgarnte -- -- und -- nun fängt

er an zu erzählen, wie er im Zorn einst für die Ehre Venedigs eintrat

und -- alle sind gespannt, achten nur auf die Sache, nicht mehr auf den

Menschen, der vor ihnen steht -- und in der Gebärde des ehrenhaften,

soldatischen Tötens tötet er rasch, blitzgleich sich selbst.

Und stirbt an der Brust Desdemonas, im Kuß.

Desdemona? Sollte man sie nicht dem Gefühl überlassen dürfen? Wäre

von ihr zu schweigen nicht schöner als von ihr zu reden? Obwohl ein

recht bekannter Kommentator von ihr gesagt hat, sie sei verzogen,

eigensinnig, selbstsüchtig, undankbar, launisch, blasiert? Sie ist in

Wahrheit hold und rein, stark auch, wo’s ihre Liebe gilt, obwohl sie

sonst, ihr Vater sagt’s, „niemals kühn“ war,

So schüchtern stillen Sinns, daß jede Wallung

In ihr errötet vor sich selbst, --

sanft wieder, wo es gilt, den Geliebten zu schonen, ihm den Willen zu

tun. Ihre Seele ist so vollendet schön, wie jene Madonnenbilder schön

und vollendet sind, vor denen es der Kritiker fast nicht aushält, an

ihnen gar nichts zu mäkeln zu finden. Sehr fein und richtig sagt Jago

einmal von sich, daß er ~a critical~ sei; ein wenig gilt es schon

auch umgekehrt, daß jeder Kritiker ein Jago ist.

Am lieblichsten und anmutigsten ist sie in ihrem letzten Gespräch mit

Emilia; der Schatten des Todes liegt schon über ihrem Zubettgehn;

schwermütig ahndungsvoll singt sie das alte Lied von der Weide und

vom Weinen; aber sie muß noch plaudern; wie viel Heiterkeit, wie viel

Lust hat in diesen Tagen in ihr hoch wollen und ist so unbegreiflich

unterdrückt worden; wir hören, wie sie nicht um die Welt untreu sein

könnte; und wie wird sie da von Emilia zurückbeleuchtet, die sich

überlegt: na, die Welt, die ganze Welt --, da müßte doch jede so ein

bißchen untreu sein können! Sie aber kann sich’s nicht vorstellen, sie

glaubt, auch Emilia scherze nur; so wie Emilia, Jagos Frau, in Wahrheit

an Keuschheit und Treue nicht glauben kann, so meint Desdemona, die

sich für gar nichts Besonderes nimmt, alle Frauen müßten doch natürlich

so sein wie sie.

Dabei ist sie so hold sinnlich, wie ein Mädchen aus dem Volk, wie

Gretchen, deren Gestalt sie ja auch in manchem Zug zum Muster gedient

hat. Als der Senat unmittelbar nach der heimlichen Vermählung den

General in den Krieg schickte, fragte sie, fragte es unwillkürlich aus

ihr heraus:

Noch diese Nacht?

Der Zug steht freilich nur in der Quartausgabe; und der prüde Vischer

ist froh, sagen zu dürfen, Shakespeare hätte ihn also nachträglich

getilgt. Ich glaub’s im Leben nicht; die Quartausgabe ist auch sonst

manchmal verläßlicher als die Folio und überdies stammt sie ja erst aus

dem Jahr 1622; in jedem Fall aber, daran zweifelt auch Vischer nicht,

ist der Zug echter Shakespeare; und ich sage: echte Desdemona. Sie

steht zu sich selbst, kennt keine falsche Scham und keine behutsame

Vorsicht: sie ist ein Naturkind, ein beseeltes Geschöpf und hat, wie

manche hohe Frauengestalt italienischer Renaissance, den Geist und

die Aktivität ihrer Natur und Seele. Gegen den Kriegsmann Othello hat

sie sich lange gewehrt und hat kein Hehl aus dem gemacht, was ihr

nicht gefiel; als sie sich dann seinem Adel und seiner innigen, fast

flehentlichen Liebe neigte, als sie sah, daß ihr beschränkter Vater

Schwierigkeiten machen würde, floh sie kühn in die Ehe; trotzig

führte sie zu Ende, was sie beschlossen hatte, und setzte es vor der

feierlichen Ratsversammlung durch, mit ihrem Mann in den Krieg, übers

Meer zu dürfen; in ihrem Beschluß, für Cassio einzutreten, ließ sie

sich von nichts beirren, eine selbständige Frau eigenen Sinnes, wie

sie Shakespeare dann wieder in Hermione dem eifersüchtigen König

Leontes an die Seite gegeben hat. Und wie sanft, hingebend, tragend ist

sie hinwiederum bei den Unbegreiflichkeiten, Schroffheiten, bei der

Mißhandlung des Gemahls. Noch sterbend denkt sie nur an den geliebten

Mann, der sie, vor dem Ende hat sie ja eben noch den Zusammenhang wie

von ferne geschaut, zufällig, zum Unglück hat umbringen müssen; Emilia

fragt:

Wer hat die Tat vollbracht?

und mit ihrer letzten Kraft sagt die Sterbende:

Niemand -- ich selbst -- leb wohl --

Empfiehl mich meinem gütigen Herrn.

Das ist Shakespeare, dem in einem und dem nämlichen Menschen die

Gegensätze, in einer Desdemona Trotz und Sanftmut zusammenpassen, und

der imstande ist, so lieblos unerbittlich wie liebend hingegeben in

die Welt zu blicken, der das Weib als Cressida gekannt hat und als

Desdemona und auch als das, was halb und unsicher, gemein und gutmütig,

brav, wenn’s nicht viel kostet, und schlecht, wenn’s nicht viel kostet,

dazwischen pendelt, als Emilia.

_Ende des ersten Bandes_

End of Project Gutenberg's Shakespeare (Volume 1 of 2), by Gustav Landauer

Shakespeare (Volume 1 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 27 / 27 段