Die Tragödie von Othello, dem Mohren von Venedig, ist im Jahre 1622,

nach des Dichters Tod also, aber vor der Gesamtausgabe, in einer

Quartausgabe noch herausgekommen. Die Vorbemerkung des unbekannten

Herausgebers sagt uns nur, daß das Stück etliche Male von Seiner

Majestät Schauspielern im Globe- und Blackfriartheater gespielt worden

sei; wann aber zuerst, erfahren wir weder daraus noch sonstwoher.

Malone, ein glaubwürdiger Mann, hatte Urkunden vor sich, aus denen sich

die Daten von Festen und Aufführungen am Hof ergeben; jetzt sind sie

nicht mehr vorhanden, doch halte ich die Echtheit dieser Urkunden für

wahrscheinlich, weil die Angaben nie einer sonst feststehenden Tatsache

widersprechen; danach wäre Othello 1604 in Whitehall aufgeführt worden;

eine spätere oder wesentlich frühere Entstehung anzunehmen, liegt kein

Grund vor.

Shakespeares Quelle bildet eine Novelle von Giraldi Cinthio aus der

Sammlung Hecatommithi, die 1565 zuerst in Sizilien, später auch in

Venedig gedruckt wurde. Eine französische Übersetzung von 1584 liegt

vor; von einer englischen ist keine Spur vorhanden. Der einzige Name,

der in der Novelle genannt wird, ist Desdemona; sonst ist vom Mohren,

so wie die Novelle den Titel Der Mohr von Venedig führt, vom Fähnrich

und vom Hauptmann die Rede.

Der erste Teil von Shakespeares Handlung, die Entführung, findet sich

in der Novelle nicht. Desdemona ist eben die Frau des Mohren, ist es

allerdings gegen den Willen der Eltern geworden, und irgendwann nach

Eingang der Ehe hat der Mohr nach Zypern zu fahren, und die Gattin

begleitet ihn. Der Fähnrich begehrt Desdemona und glaubt, sie liebe

den Hauptmann. Ohne daß irgendeine Intrige mitspielt -- von Rodrigo

weiß die Novelle so wenig wie von Brabantio --, wird der Hauptmann vom

Mohren entlassen, weil er einen Soldaten verwundet hat. Die Gattin

will die beiden wieder versöhnen, und diese Gelegenheit benutzt der

Fähnrich, erst das Mißtrauen des Mohren zu erregen, und dann, mit Hilfe

seines Töchterchens, Disdemonas Treulosigkeit durch das Taschentuch zu

beweisen. Der Fähnrich unternimmt es, den Hauptmann in dem Augenblick

zu töten, wo er aus dem Hause einer Buhlerin kommt. Dann erschlagen

der Mohr und der Fähnrich gemeinsam Desdemona mit einem Sandsack,

worauf sie die Decke des Zimmers zum Einsturz bringen. So bleiben

sie als Täter ganz unentdeckt. Zu irgend einer spätern Zeit entsteht

Feindschaft zwischen den beiden, die mit der Sehnsucht des Mohren nach

seiner Toten immerhin zusammenhängt. Der Fähnrich gibt den Mohren an,

ohne sich selbst zu verraten; der Mohr wird festgesetzt, gefoltert,

gesteht aber in seiner Standhaftigkeit nichts. So wird er nur zu

lebenslänglicher Verbannung verurteilt, aber von Verwandten Disdemonas

umgebracht. Noch später wird der Fähnrich in einer ganz andern Sache

ergriffen und zu Tod gefoltert. Danach enthüllt seine Frau den ganzen

Vorgang. „So rächte Gott die Unschuld Disdemonas.“

Der Sinn dieser Geschichte ist also: Ein Mord wird so schlau von zwei

Kumpanen begangen, daß er gar nicht als Mord erkannt wird, sondern als

Unglücksfall erscheint; trotzdem werden beide Mörder ihrer Bestrafung

zugeführt; der eine, weil sie sich veruneinigen; der andre, weil er

fortfährt, Verbrechen zu begehen. Ein völlig novellistisch behandelter

Stoff also: es kommt fast gar nichts auf die Charaktere der Menschen,

sehr wenig auf ihre Beziehungen untereinander, fast alles auf die

hintereinander folgenden Abenteuer an: so schlau auch die bösen

Menschen sind, Gott, der Novellengott der merkwürdigen Ereignisse,

überlistet sie doch noch.

Shakespeare hat diesmal den Stoff ganz besonders straff

zusammengezogen, hat sich keine Episode erlaubt, die nicht zur

Motivierung gehörte, und hat die tragische Entwicklung und Katastrophe

unmittelbar aus der einen tragischen Anlage hervorgehen lassen; neue

Elemente und Ereignisse hat er im Lauf der Handlung nicht eingreifen

lassen. Mit dem überlieferten Stoff aber hat er ganz frei geschaltet,

und jedesmal, wo dieses Abenteuer erzählt: „Dann aber traf es sich“

oder „Da ereignete sich zufällig...“, zeigt er vielmehr, was sich aus

den Charakteren und ihrer Situation zu einander mit Notwendigkeit

ergeben muß. Dabei hat er jedoch, wie er es auch sonst tut, aus

Teilen der Erzählung, die er wegwarf, immer noch Züge und Farben für

sein Drama geliehen. In der Erzählung hilft das Töchterchen bei dem

Taschentuchbetrug; das benutzt Shakespeare nicht; aber es hilft jemand:

Jagos Frau, die er sowieso braucht; wie in der Novelle ist sie bei

ihm die Person, die schließlich alles aufdeckt, wenn auch in ganz

anderm Zusammenhang. So steht’s auch mit der Buhlerin; der Vorfall mit

Cassios Tötung muß bei Shakespeare ganz anders verlaufen; aber die

Buhlerin kann er doch gut brauchen, so wie Emilia aus äußern und innern

Gründen: ist Emilia ein Gegenstück zu Desdemona, ein Hintergrund der

Gewöhnlichkeit, von dem sich die Edle abhebt, und ist sie überdies für

die Taschentuchintrige und die Enthüllung am Schluß nötig, so ist auch

die Buhlerin noch für die sorgfältigst motivierte Taschentuchkomödie zu

brauchen, dient aber außerdem dazu, daß wir deutlich im Gefühl haben,

wie Cassios Verhältnis zu Desdemona ganz unverfänglich ist. Selbst der

unförmliche Sandsack der Novelle ist nicht ohne Beziehung zu Desdemonas

Deckbett; und auch die Verwandten Desdemonas, die in der Novelle

schließlich Blutrache üben, hat Shakespeare in seinen Schluß verwoben.

Die Gemeinsamkeit zwischen Othello und Jago bei der Ausführung der

Tat konnte er nicht brauchen; aber Othello erlaubt Jago, ihn darüber

zu beraten, und von Jago stammt der Gedanke, die Frau mit dem Bett

zu ersticken; radikal getilgt hat Shakespeare Othellos Leugnen und

jeglichen unedeln Fleck auf seiner Gestalt; von der Folter, der Othello

in der Novelle standhält, mag übrig geblieben sein, daß Jago nach

seiner Ergreifung kein Wort aus sich herauspressen läßt; Desdemonas

Oheim meint dann zwar: „Die Folter macht Euch reden“, aber es bleibt

dahingestellt, ob die Voraussage zutrifft.

Von allen Tragödien, ja, von allen Stücken Shakespeares ist Othello

das einfachste: es ist eine einzige geradlinige Handlung, ein einziges

Motivbündel, ohne weitere Verzweigungen. Daß aber keineswegs von einem

einzigen Motiv, sondern von einem Motivbündel zu reden ist, das macht

dieses einfache Stück so reich und voll; keineswegs folgt alles aus

Othellos Eifersucht oder aus Jagos Haßintrige oder gar aus Rodrigos

Liebessucht oder Desdemonas Entführung oder Cassios Entlassung; aber

diese Geschehnisse, von denen jedes mit der besonderen Natur eines

einzelnen Menschen zusammenhängt, der nur seine eigene Sache besorgt,

sind um Desdemonas Gestalt herum aufs engste mit einander verbunden.

Dieses Stück, seinem äußern Verlauf nach ohne Zweifel ein Intrigenspiel

und trotz dem kriegerisch-politischen Hintergrund, der diesmal ganz

Hintergrund bleibt, ein bürgerliches Trauerspiel, ist, so wie es eine

einheitliche Handlung hat, auch sogar der Einheit von Ort und Zeit

angenähert; nimmt man den ersten Akt in Venedig als Vorspiel, so

geschieht alles Folgende in unmittelbarem Zusammenhang hintereinander

auf Zypern.

Die Betrachtung, wie dieser Aufbau des Stückes beschaffen ist, wird uns

schon zu einer Einsicht bringen, ohne die die Tragödie und ihr Sinn

völlig mißdeutet wird.

Das erste, was wir erfahren, ist Jagos Haß auf Othello; Jagos Natur

fangen wir gleich an kennen zu lernen. Dann erleben wir Desdemonas

Entführung durch den Mohren; sehen, wie der Vater es nimmt; hören

ihn die Anklage aussprechen, es seien Zauberkünste im Werke; von

der heimlichen Vermählung erfahren wir. Nun wird ein neues Motiv

eingeführt: Othello wird zum Kampf gegen die Türken, zur Verteidigung

Zyperns berufen. Wir sehen ihn vor dem Senat stehen und die Natur

seiner und Desdemonas Liebe erklären; dann müssen sie eiligst, ehe die

Hochzeit vollzogen werden kann, ausfahren; Desdemona wird zur Fahrt

dem Schiff Jagos anvertraut; daß das äußerlich vermählte Paar bis zur

Ankunft auf Zypern sein eheliches Leben nicht begonnen haben kann, wird

uns ausdrücklich gezeigt. Zum Schluß dieses ersten Aktes werden wir

nun noch in Jagos Plan eingeweiht, wie er Cassios Stelle erhalten und,

wo möglich, seiner Gier nach Desdemona frönen will. Und von nun an auf

Zypern: zu Beginn des zweiten Aktes die Erwartung, darauf die Ankunft

erst Cassios, dann Jagos und Desdemonas, schließlich Othellos auf drei

besonderen Schiffen. Wundervoll hat hier Verdi in seiner Oper in der

musikalischen Darstellung der stürmischen Natur und des jagenden Tempos

der Fahrt der einander folgenden Schiffe zu Shakespeares Tragödie ganz

aus dem Geist des Dichters eine Szene neu komponiert, derengleichen

wir in andern Leidenschaftstragödien Shakespeares von ihm selbst

haben; die Szenen, die Shakespeare selbst Othellos Ankunft vorausgehen

läßt, stehen nicht ganz auf der Höhe dieser Dichtung. Othello landet;

jetzt erst lernen wir so recht seine glühende und innige Liebe kennen;

die Verehrung, die Cassio für Desdemona hegt, empfinden wir auch.

Jagos Plan erweitert sich, befestigt sich. Dann, jetzt erst die

Hochzeitsnacht; sie wird gestört durch Cassios in Trunkenheit verübte

Gewalttat. Cassio wird abgesetzt; sofort wird er von Jago an Desdemona

gewiesen, die vermitteln soll; und sofort am frühen Morgen will er sich

an sie wenden. Damit und mit Jagos Vorbereitungen, diese Zusammenkunft

auszunutzen, schließt der zweite Akt, und zu Beginn des dritten, am

frühen Morgen nach dieser Nacht also, sehen wir Cassio bei Desdemona.

Jago erregt Othellos Verdacht. Und unmittelbar daran schließt sich

das lange Gespräch zwischen Othello und Jago, das sich immer mehr

steigert; die kurze Szene mit Desdemona und Emilia ist eingelegt; der

Taschentuchbetrug leitet sich ein; dann wird Othellos Gespräch mit

Jago wieder aufgenommen und zum letzten Gipfel emporgeführt; wir hören

den Racheschwur; schon wird das Todesurteil über Desdemona und Cassio

vom Mohren ausgesprochen. Welch eine Szene! Welch ein Morgen nach

der Hochzeit! Aber sofort wird dem Gipfel noch ein Gipfel zugesetzt:

Othello und Desdemona stoßen zusammen; er spricht vom Taschentuch, das

ihr fehlt; sie von Cassios Begnadigung! Der Zorn bricht aus; Othello

rennt weg; Cassio kommt wieder; Desdemona versteift sich, ihm zu

helfen. Und am Schluß des Aktes hat Cassio schon das Tuch in seinem

Zimmer gefunden. So vergeht dieser Tag, und der vierte Akt bringt uns

in den nächsten. Durch das Gespräch zwischen Jago und Cassio und durch

das Tuch erlangt Othello seine völlige Gewißheit: Desdemona ist im

schnödesten Sinne schuldig. Der Gesandte Venedigs trifft ein; in seiner

Anwesenheit mißhandelt der Mohr seine Gattin leiblich und seelisch.

Er nimmt sie als Dirne, Emilia als Kupplerin, sich im Spiel des Hohns

als den Galan, den Brecher der eignen Ehe. Er bereitet sich zum Mord.

Desdemona geht auf sein Geheiß früh zu Bett. Und dann zum Schluß die

Nacht dieses letzten Tages: der Anfall auf Cassio; die Ermordung

Rodrigos; Desdemonas Ermordung. Emilia klärt Othello über Desdemonas

Unschuld auf. Jago wird entlarvt, tötet seine Frau, wird festgenommen;

Othellos Verhaftung, Verzweiflung und Selbstmord.

Dies der Aufbau; und damit, daß wir ihn scharf erfassen, schützen wir

uns vor landläufigen Verkennungen nicht nur der Vorgänge, sondern

geradezu der Charaktere, zwischen denen sie geschehen. Sofort also nach

der heimlichen Vermählung -- wieder in einem Stück Shakespeares so ein

äußerlich formaler Akt, der in unsrer Abwesenheit schnell erledigt

wird -- folgt der Befehl des Senats zu Othellos Ausfahrt; bis dahin

war Desdemona ein Mädchen im Vaterhaus gewesen; eine Stunde ist jetzt

Zeit zu den Vorbereitungen des Kriegszugs und zum Abschied Othellos von

der jungfräulichen Gattin; Desdemona folgt auf einem andern Schiff

mit Jago. Dieser Sachverhalt wird uns so oft eingeschärft, daß es

für jedermann außer den Kommentatoren genug sein sollte. Es ist ein

wesentlicher Zug an Othello, daß er seine Sinnlichkeit seit langem

im Zaume hält; ein wesentlicher Zug am Verhältnis des Mohren zu der

jungen Venezianerin, daß es vor allem ein Seelenbund ist; wie nun

Desdemona vor dem Senat bittet, den Gemahl begleiten zu dürfen, erklärt

er sofort, er sei um ihres Wunsches willen einverstanden, keineswegs

sei jugendliche Hitze dabei im Spiel, die ihm sehr fern liege; und um

jeden Verdacht und jede Verführung, in seinen ernsten Kriegsgeschäften

von Amor gestört zu werden, wegzuräumen, vertraut er seine Frau seinem

erprobten, verheirateten Fähnrich Jago an.

Komm, Desdemona; nur ein Stündchen bleibt

Für Liebe mir und weltliche Geschäfte

In deiner Näh’. -- Der Zeit muß man gehorchen.

Daß dieses Stündchen „~of love, of worldly matters and direction~“

nicht zum Höchsten der Liebe Zeit läßt, ist sicher; ein solches

stürmisch-brünstiges Naschen liegt nicht in Othellos Art; es gehören

andre Dinge dazu, um den Orkan, der in ihm ruht, zu entfesseln und

aus dem beherrschten ruhigen Stolz des urbanen Mannes ursprüngliche

Wildheit zu machen. Im zweiten Akt nach der Ankunft und der

Wiederbegegnung der beiden wird dann dem Volk von Zypern feierlich

angekündigt, daß der General sein Hochzeitsfest zugleich mit dem

Freudenfest über den Untergang der türkischen Flotte feiern wolle; und

zu Desdemona sagt Othello:

Komm, Geliebte:

Genießen wir, nachdem der Bund geschlossen,

Die süße Frucht, bis jetzt noch ungenossen.

Und gleich darauf sagt der zynische Jago geradeheraus, ohne jede

Blumen- oder Früchtesprache:

Er hat noch keine Liebesnacht mit ihr verlebt, und sie

ist ein Bissen für Jupiter.

Und noch einmal ruft er: „Gut Glück zur Brautnacht!“ Und mit dieser

Feststimmung sinnlich berauschender Art verführt er Cassio zum Trinken.

In der Novelle findet sich von alledem kein Wort. Warum Othello

seine Brautnacht erst auf Zypern begeht, ist -- wie alles in diesem

herrlich gebauten Stück -- nach außen und innen trefflich motiviert;

warum will es aber der Dichter so haben? Natürlich hätte er für das

Gegenteil genau so gute Motive gefunden; im Leben herrscht strikte

Notwendigkeit; in der Dichtung gefühlsmäßig zwingende Glaubhaftigkeit,

Wahrscheinlichkeit. Warum also? oder besser gefragt: wozu? Damit

Hochzeit und Zweifel des Gatten an der Gattin und ihre Ermordung durch

ihn unmittelbar auf einander folgen.

In der Tat ist der erste Akt eine Art Vorspiel, in Straffheit

zusammengefaßte Exposition und Beginn einer Handlung, deren Sinn sich

uns erst im weitern Verlauf erschließt. Dann sind die bräutliche

junge Frau und der geprüfte und ausdauernde General, dem sie sich

geschenkt, Tage und Nächte lang von wilden Wogen getrennt; und nun,

wo sie sich wieder begegnen, wo ihre Ehe anheben soll, geht es Schlag

auf Schlag: die Hochzeit -- während die Gatten sich im Höchsten der

Liebe vereinigen, ist das Volks-, Soldaten-, Offiziersfest im Gange;

da wird Cassio von Jago trunken gemacht, und daraus rollt, dem Plane

gemäß, den Jago noch in Venedig entworfen hat, alles: am nächsten

Mittag ist Othello schon zur Ermordung der Frau entschlossen. Und noch

ein Tag geht dahin -- die Beweisstücke sind erdrückend beisammen, die

Kette geschlossen -- in der Nacht, achtundvierzig Stunden nach der

Brautnacht, ermordet Othello seine junge Frau.

Das halte man sich nun vor Augen, beachte, daß es unzweifelhaft,

deutlich, ausdrücklich und wiederholt vom Dichter gesagt, gezeigt,

geradezu eingeschärft wird, -- und versuche zu verstehen, wie es

menschenmöglich ist, daß ein Mann wie Friedrich Theodor Vischer, der

sich lang, breit und nicht untief mit dem Stück beschäftigt und die

Übersetzung ganz durchgeackert hat, schreiben kann, im Othello sähen

wir „die Liebe, die als gesetzliches Band konstituiert und geheiligt

ist, die sichere, beruhigte, abgeklärte Eheliebe“, und fortfährt:

„Seine Ehe dauert zwar erst kurz, aber sie ist behandelt wie ein schon

durch Jahre tief und innig befestigter Herzensbund.“

Zuerst sage ich: So was kommt von so was, nämlich vom Vergleichen.

Denn natürlich wird das von Othellos Ehe gesagt, weil wir in Romeo und

Julia „das feurige Aufglühen erster bräutlicher Jugendliebe“ sehen.

Aber es geht doch wirklich nicht an, daß man Gegenüberstellungen und

Übergänge besorgt wie Professor Kuntze vom Karlsruher Gymnasium,

der uns eines heißen Nachmittags vordozierte: „Lessing starb

verhältnismäßig früh 1781; aber noch nicht so schnell versiegte seine

literarische Tätigkeit; wir müssen nämlich jetzt noch seinen Nathan

besprechen.“ Bedenklicher aber wird Vischers Sache doch schon, und

ein Beitrag zur Psychologie der Zeugenaussage, zum eigensinnigen

Nichtsehen dessen nämlich, was einem nicht in den Kram paßt, ist es,

wenn man Vischers Erklärungen zu den einzelnen Szenen liest. Die

Auseinandersetzung Othellos vor dem Senat, er werde sich von der Liebe

in seinen Geschäften nicht stören lassen, übergeht er mit Schweigen.

Ebenfalls Othellos Abschiedsworte an Desdemona. Bei der Verlesung

der Proklamation durch den Herold, die dem Volk von Zypern Othellos

Hochzeitsfest ankündigt, findet er zwar Zeit zu dem schwäbischen

Scherz, die erlaubten Vergnügungen dürften bis elf Uhr dauern, dann sei

Polizeistunde, sagt aber mit keinem Wort, was es mit dieser Hochzeit

auf sich hat. Von den Worten Othellos zu Desdemona von der bis jetzt

noch ungenossenen Frucht, von Jagos Äußerungen zu Cassio über die

Freuden von Othellos Hochzeitsnacht keine Silbe. Wie dann Othello zu

der wüsten Nachtszene dazukommt, weist Vischer uns mit keinem Wort

darauf hin, woher er kommt. Dabei geht er beinahe sklavisch der Reihe

der Szenen und der Auftritte nach Punkt für Punkt durch! Seine Prüderie

mag bei diesem Vorbeisehen an Wesentlichem und bei seiner gesamten

Auffassung mitspielen; ein Grund mehr, jegliche Unfreiheit, die sich an

Shakespeare, den Genius der Freiheit, wagt, zum Teufel zu wünschen.

Trotzdem aber wäre es unmöglich, daß ein solcher Kenner wie Vischer

sich so verrannt hätte, wenn an dem, was er völlig verkehrt behauptet,

nicht doch etwas daran wäre, -- nur nicht in der Ebene der äußern

Tatsachen, sondern auf der Skala des seelischen Erlebens. In dem Teil

der Handlung nämlich, der von Othello und auch von Jago vorwärts

getrieben wird, herrscht eine so ungeheuer gesteigerte Intensität

des Erlebens, ein solches südländisches und wahrhaft afrikanisches

Tempo, daß, wie im Traum, schon fast die Minuten zu Jahren werden.

Normalerweise wäre es so, wie es nach Vischers Worten in unserm Stück

sein soll: da würde es in der Tat Jahre brauchen, bis ein Ehemann sich

von Liebe zu Gleichgültigkeit und nun gar zu Haß und Ekel wendet. Diese

Tragödie aber stellt gerade nicht ein irgend Normales, stellt ganz und

gar keine Ehe und keine Entwicklung dar, sondern eine Katastrophe,

die wie ein Geiser die Kruste durchbricht: den Zusammensturz eines

Traumes in dem Augenblick, wo er sich in die Wirklichkeit wagt. In

diesem Traum Othellos von seiner Ehe mit Desdemona aber waltete in

der Tat das, was Vischer für diese Ehe selbst sagt, die es gar nicht

gegeben hat: das war „eine sichere, beruhigte, abgeklärte Eheliebe“;

es herrschte in dem bräutlichen Verhältnis der beiden, wie Othello es

wünschte und hergestellt hatte, Verläßlichkeit, wie zwischen Seele

und Seele. So sollte es sein, so träumte es Othello der Mann, der

Beherrschte, Erfahrene, nicht mehr Junge, so ließ es sich an, ehe die

arge Welt dazwischen kam, ehe die Ehe geschlossen wurde. So war aber

nicht nur der Traum Othellos von seiner künftigen Ehe mit diesem jungen

venezianischen Patrizierkind; es war sein Wahn über seine gesamte

Existenz, über sein Wesen. Er hatte sich geformt und zu einem gesetzten

Nobile gestaltet, bis Jago die feste Schale mit seinen Klauen aufriß

und den feuerflüssigen Kern herauskochen ließ: den unterdrückten

Othello, den Mohren seiner Vorfahrenkette, den Wilden, der nach

Mirabeaus Wort, das wir ein andermal noch hören werden, wie in diesem

Afrikaner, so in jedem Stolzen, jedem Repräsentanten der Freiheit vom

Ursprung seiner Natur her steckt.

Allerdings also hat die Liebe, die zwischen Othello und Desdemona webt,

schon in Venedig etwas wie Brautschaft und erprobte Ehe zugleich an

sich, so wie Othello erprobt ist, bis die äußerste Probe kommt. Noch

mehr dürfen wir sagen: das Verhältnis zwischen den beiden hat eine

Tönung wie das zwischen Vater und Kind; er ist ein Mann, der keineswegs

mehr ganz jung ist; sie ist sicher kaum älter als Julia. Wie aber alle

Zivilisation nur eine Farbe, nur ein Lack oder nur eine Wohnung ist,

in der man Jahre und Jahre sicher und gedeihlich wie in sich selbst

beherbergt ist, bis die Stunde der Entscheidung kommt, wo das Wesen,

das man im Innersten ist, sich zu äußerst und zu tiefst getrennt

findet von dem Wesen, das man angenommen hat, so ruht die sittsam

schöne, friedlich heitere Verläßlichkeit der Liebe zwischen Othello und

Desdemona nicht auf der Einheit zweier Seelen, die es anders als für

einen Nu nicht gibt, und nicht auf der Bekanntschaft, sondern gerade

auf der Unbekanntschaft, auf der Fremdheit, auf der heiligen Scheu,

wie sie zwischen Seelen waltet, die Sehnsucht, aber nicht Vertrautheit

an einander bindet. Othello hat sich seine Ehe mit Desdemona, hat sich

Desdemona geträumt; aber er kennt sie nicht. Nein, nicht so; sie ist ja

im Innersten und in jeder Regung, wie seine Liebe sie sieht; Othello

erfaßt Desdemona völlig mit der Liebe seiner Seele; er erfaßt sie,

aber er kann sie nicht halten; er behält nicht, was er gewahrt; sein

Verstand glaubt in der Krise nicht mehr, was sein Gefühl von ihr weiß.

Ein wesentliches Moment der Handlung also, und dazu eines, das

Shakespeare neu erfunden hat, ergibt sich uns schon bei der ersten

Betrachtung der Szenenfolge: sofort am Morgen nach der Hochzeitsnacht

beginnt Othellos Eifersucht und steigt gleich bis zur Raserei. Cassios

Rausch und Gewalttat hat Othello aus dem Bett gerufen; Cassio wird

abgesetzt; sowie die Nacht verstrichen ist, naht er als Hilfesuchender

Desdemona. Die Katastrophe ist ganz nahe an den Anfang, an die

Entführung aus dem Vaterhaus gerückt; es ist gar keine Zeit, sich in

ehelicher Liebe, in der Gemeinsamkeit auch des kleinen Alltags und

in gegenseitiger Duldung kennen zu lernen; denn was für ein so ganz

anderes Kennen ist das bräutliche Liebesverlangen!

Entführung -- Fahrt übers Meer -- Sturm -- Brautnacht -- Rausch --

Zorn --, diese hintereinander folgenden Elemente der ersten Handlung

sagen uns schon: es geht ein jagendes Tempo durch dieses Stück. Es

kommt aus den Naturen der beiden, deren aktive und passive Kraft alles

in Bewegung setzt: Jago und Othello. Dieser Jago hat etwas Schnelles,

Schnellendes, geradlinig Stechendes an sich wie der Haß und die Logik,

die aus seiner urgesunden, starken, jungen, waghalsigen und tatlustigen

Jugend herausschießen. Das Bild der Geschwindigkeit, die er vor allen

der Handlung versetzt, haben wir in seiner Fahrt übers Meer: viel

später mit Desdemona abgefahren als sein General, schießt er mit so

gutem Wind pfeilschnell dahin, daß er noch vor Othello landet. Und wie

für ihn Venedig der Ausgangspunkt, Zypern das Ziel war und dazwischen

nur die eine gerade Linie der Fahrt, so hat er schon von Venedig her

sein Ziel und seinen Plan, der nun sofort zur Aktion wird, in der

die andern die Puppen dieses überlegenen Spielers bilden. Seine

allervortrefflichste Puppe, in einem ganz andern Charakter der Natur

des Lenkers wunderbar angepaßt, ist Othello: wie Jagos Teufel der

schnellste der Hölle ist, so schnellt Othellos Zorn plötzlich, wie ein

Quell, der aus der Erde schießt und Felsblöcke schleudert, empor.

Shakespeare (Volume 1 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 24 / 27 段