Wir stehen mit dieser Szene am Ende des vierten Aktes. Immer wieder

haben wir gesehen, wie es die Männer in beiden Lagern nehmen, daß

dieser Krieg, der nicht enden will, um eine Helena, um eine Weibersache

geführt werden muß. Wir haben miterlebt, wie der edle junge Troilus

mit seiner Geschlechtsliebe in die Irre geht und all sein Bestes an

ein kokettes, nichtiges, graziös reizvolles Frauenzimmerchen hängt;

wie Achill von Wollust jeder Art, von Trieb und Unbeherrschtheit

in seinem Adel angefressen ist; wir haben Pandarus, den seelisch

leeren Kastratenlüstling, gesehen, der sich an andrer Leute Lustfeuer

wärmt, und dagegen die Männer der Ausgeglichenheit, der Vernunft

auf verschiedenen Stufen der Höhe, Ulysses und Hektor zumal. Da

dringt in dieser Szene, wo die Feinde in hoher Stunde der Heiterkeit

zusammenkommen, wo Troilus traurig schmachtend abseits steht und nur

die Gier im Leibe hat, bei Gelegenheit dieses Festes zwischen den

Feinden ins Zelt des Kalchas zu seiner Cressida zu kommen, wo Achills

brünstige Blutgier von Hektors herrlich gefaßter Männlichkeit auf

ihrem eigenen Boden seelisch überwunden wird, mit sicherer Gewalt der

Sinn dieses Dramas in uns ein: hier steht Männerfreundschaft gegen

Geschlechtsbrunst. Leibhaft erleben wir: was sind das, was wären das

für Männer! Wehe über sie, wehe über die Welt, deren Repräsentanten

sie in allen Tönungen sind, daß sie in Weiberbanden, in den Banden

der Gier, der oberflächlichen und doch tiefzehrenden Sinnlichkeit,

der Affekte stecken; daß sie darum einander auf Leben und Tod im

Krieg gegenüberstehen. Und es liegt etwas wundervoll Tiefes darin,

daß Shakespeare diesen Stoff des Krieges um Helena ergriffen hat, um

diese sehr selten gewahrte Beziehung zwischen Sinnlichkeit, Gier,

oberflächlicher, ungeistiger Sucht und dem Krieg aufzuzeigen. Man

braucht sich nur an Porzia von Belmont und Portia, die Frau des Brutus,

an Desdemona, an Cordelia, an Hermione und Miranda zu erinnern, um zu

wissen: er war, viel weniger noch als Strindberg, in keinem Stadium

ein Weiberfeind; aber daß gewisse Mann-Weib-Beziehungen der Urgrund

männlicher Wut sind, daß auch die stiermäßige Kriegswut in Beziehung

zu Brunst und Unbefriedigung, vor allem des Geistes steht, das hat

er gesehen und in Troilus und Cressida dargestellt. Und er hat im

selben Zusammenhang die Freundschaft als ein nicht bloß privates,

sondern öffentliches und gesellschaftliches Prinzip behandelt und

durch das, was er in herrlich bewegter Aktion zeigte, gefeiert. Die

Freundschaft, wie sie mit Ratio, mit hellem, warmem Geist verbunden

ist und über allen Affekten des Hasses und der Zornwut steht; die

Freundschaft, wie sie in seiner Sonettendichtung ein so seltsam freies

und gebundenes, kummervolles und adliges Leben führt, und wie sie in

unsrer Zeit Walt Whitman als Kameradschaft, allen Nationen der Erde als

Band der einzelnen, der Gruppen und damit der Gesellschaften gekündet

hat. Nicht die Lotterbettfreundschaft, wie sie zwischen Achill und

Patroklus eingerissen ist, wo edles Band und niedriger Trieb einander

durchdringen, wo der Geschlechtstrieb in Maskierung seine Verwüstungen

anrichtet; der gräßliche Fluch, den Thersites gegen alle „männliche

Huren“ und „unnatürliche Sodomiter“ schleudert, wird nicht umsonst

dem Patroklus gegenüber und nicht umsonst in diesem Stück geäußert,

und ganz gewiß nicht umsonst in dieser Szene, mit der der fünfte Akt

einsetzt, der ersten, die auf das große Bild der Freundschaft, die

den Krieg überwindet, folgt. Wie hat Achilles nach dem Streit, nach

Blut gelechzt, als er im Dunstkreis Hektors stand! Jetzt, unmittelbar

darauf, ist ein Brief Hekubas mit einem Liebesgeschenk ihrer Tochter

eingetroffen, die Brunst ist wieder da, die ihn stärker bezwingt als

der Vorsatz, als das Gelöbnis, als der Handschlag, den er geleistet,

sich zum Kampf zu stellen:

Fallt, Griechen, sinke, Ruhm; fort, Ehre, oder bleib!...

Er ist zum Verrat entschlossen und zum Wortbruch und will nicht mehr

mit Hektor kämpfen.

Seit Cressida ins Griechenlager gekommen ist und gleich nach ihr die

trojanischen Fürsten zu Gast erschienen, sind die beiden bewegten Teile

der Handlung in Fluß gekommen: der Gegensatz Achills zu Hektor und

das Verhältnis Troilus-Cressida. Dieses Drama gehört zu der Serie von

Stücken aus Shakespeares letzter Periode, deren jedes seinen besondern

Stil hat, weil er in frischer Gärung und tiefer Unbefriedigung mehr als

je ein Suchender ist, der Neues auszudrücken hat und also auch immer

wechselnd sich neuer Formen bedient; es gehört in dieser Hinsicht zu

Timon, Perikles, Zymbelin, dem Wintermärchen, Antonius und Kleopatra

und Sturm. In Troilus und Cressida kommt die Handlung sehr langsam

in Gang; die Exposition, von Troilus, Cressida und Pandarus zu der

politischen und militärischen Lage bei den Trojanern, dann zu den

Griechen und ihrem Kriegsrat, zur Vorbereitung des Turniers, zu den

abgesonderten Heerführern Ajax und Achill und dem zwischen beiden

hetzenden und schmähenden Thersites, darauf wieder zum großen Rat

Hektors mit Vater und Brüdern, zur Erziehung Achills durch Ulysses --

das alles gibt mehr eine Zustandsschilderung als eine Handlung; in

alledem bewegt sich als Aktion fast nur das Liebesverhältnis des jungen

Paares bis zum Morgen nach ihrer Nacht und der Trennung; jetzt aber ist

konzentrierteste Spannung, wir erleben die beiden Hauptteile der äußern

Handlung als innerlich zusammengehörig, als Seelenvorgang und Sinn;

alle Fäden sind geschlungen, und das Grundthema, das alles eint, ist

aus dem Vielfachen herausgesprungen: die Ritter als Männer; die Ritter

als Sklaven des Geschlechts.

Ulysses hat den stillen, von Trauer umfangenen jungen Feind Troilus

in sein Herz geschlossen; er ahnt sein Geheimnis und will ihn nach

seiner Art fördern; so wie der nach Lästerung lüsterne Thersites

dem Diomedes auf die Sprünge gekommen ist; und so hat sich eine der

wundervollen Szenen in schlüssiger Motivierung vorbereitet, die man nur

mit musikalischen Gebilden vergleichen kann und die auch in Art der

Musik komponiert sind. Ulysses hat Troilus mit einer Fackel zum Zelt

von Cressidas Vater Kalchas geleitet; Thersites ist hinter Diomedes

hergeschlichen; Diomedes hat, vom Vater begünstigt, sein nächtliches

Stelldichein mit Cressida.

Da haben wir ein Quintett, das sich zusammensetzt aus dem

Liebesgeflüster von Diomedes und Cressida, aus den noch leiseren

Worten, die die beiden unfreiwilligen Lauscher, Troilus und Ulysses,

mit einander wechseln müssen, und aus der ungeheuren Gewalt der mehr

unterirdisch gekollerten und gekrähten als gesprochenen zynischen

Solobemerkungen des Thersites.

Diomedes geht ganz kaltblütig, rationell, wie nach der Vorschrift einer

Psychologie der Wollust ans Werk der Verführung: er läßt, zugleich

mit dem Reiz, den sein Leib, seine Jugendlichkeit, seine Kraft und

seine Begier auf das Weibchen ausübt, durchblicken, daß er sehr wohl

auch ohne Cressida auskommen kann. Es lebt schon so etwas wie Wille

oder, wenn es das Wort gäbe, Möchte zur Treue in ihr; sie sträubt sich

nicht bloß aus Koketterie; der ferne Troilus -- sie ahnt ja nicht,

daß er dabei ist -- tut ihr recht leid; aber Diomedes’ Nähe berückt

ihre Sinne, und wie er achselzuckend gehen will, hält sie ihn zurück,

klammert sich an ihn, streichelt ihn und holt ihm die Schleife zum

Liebesgeschenk, die sie als Unterpfand der Treue von Troilus angenommen

hatte. Dann wiederholt sie im Spiel der Buhlerei, was sie vorher im

letzten Zieren des kleinen Restes ihrer bessern Natur getan hat: sie

hält ihn hin, sie zieht sich zurück, sie peitscht das Geschlecht in ihm

auf.

Bei alledem steht Troilus, muß es mitansehn, in all seinem unsäglichen

Jünglingsschmerz. Wundervoll ist, ein Zug aus der Freundschaftswelt,

der Besonnenheit und Güte, wie Ulysses ihn behütet. Erst flüstert er

ihm nur mit mahnender Betonung zu: Nun -- Trojaner! Dann sorgt er mit

kürzesten Worten, aber so wirksam, wie’s nur dieser Menschenkenner

kann, dafür, daß der Gepeinigte, der als einzelner zur Nachtzeit im

Feindeslager und an einer Stelle steht, wo er nicht zu dulden ist,

nicht in Wut gerate und vom unbekümmerten und aufgestachelten Feind

erschlagen werde. Jetzt aber sehen wir erst, welch innig schöner

Jüngling Troilus ist; er faßt sich; nicht diese ja hat er geliebt; er

hat die Liebe geliebt. Seine Klage gilt der Welt, gilt dem Trug des

schönen Scheins.

~O beauty, where is thy faith?~

O Schönheit, wo ist deine Treue?

Aber Shakespeare ist Shakespeare; er zeigt auch hier, wo so

Allerpersönlichstes, allerbitterst Erlebtes mitschwingt -- Diomedes ist

sein aristokratischer Freund, Troilus ist er selbst --, er zeigt im

Drama immer auch die andere Seite. Wie in Troilus’ Worten:

O Schönheit, wo ist deine Treue?

das Leid des betrogenen Liebenden sich zur Mannesklage um das Ganze

gesteigert hat, so erhebt sich Cressida in dem Augenblick, wo sie

der Wollust erliegt, über sich selbst und stimmt rührend die Klage

um das Los der schwachen, der zitternd auf Eingriff und Erschließung

wartenden, passiv lechzenden, mit kleinen Reizen aufstachelnden Frauen

an:

~Ah, poor our sex~ --!

Wir sind ein arm Geschlecht und schuld hierin:

Des Auges Irrtum leitet unsern Sinn.

Wen Irrtum führt, vergeht sich. Zieht den Schluß,

Wie schimpflich Sinnentrieb uns machen muß.

Und dazu kommt das greuliche Echo des lauschenden Mitgenießers

Thersites, der aus der stillen Klage, in der uns die mild verzeihende

Gerechtigkeit des Dichters mitklingt, die hohnvolle Anklage boshafter

Weltverzweiflung macht:

Was Schlüsse angeht, weiß ich einen nur,

Der besser noch: nun bin ich halt ’ne Hur’!

Wenn ein Zwerg sich recken könnte, bei dieser Entlarvung der

Menschennatur, die er wieder einmal mitansehen darf, hätte es der

bissige Wicht getan. Aber auch in seiner Kleinheit liegt Größe der

Dämonie, wenn die ganze Wollust des Hasses und der Schadenfreude und

Schmutzfreude in ihm locker wird und er in die erwachende Gier der

beiden schönen jungen Menschen hineinzischt:

Wie der Wollustteufel mit seinem fetten Steiß und seinem

Kartoffelfinger diese Menschen zusammenkitzelt! Schmore, Unzucht,

schmore!

Es gibt aber nichts schauderhaft Groteskes, nicht einmal von

Shakespeare, was nicht von manchen unter seinen Erklärern noch

überboten werden könnte. Ich zweifle nicht, daß schon einer

nächtlicherweile Thersites gegenüber hinterm Busch gehockt ist und, um

das Quintett zum Sextett hochzubringen, an dieser Stelle dazwischen

gefuchtelt hat: Es hat ja aber doch zur Zeit des trojanischen Krieges

in diesen Ländern noch keine Kartoffeln gegeben! Die sogenannten

Anachronismen, die in diesem Stück nicht gehäufter auftreten als in

andern, besonders aus Shakespeares später Zeit, aber auch zum Beispiel

im Julius Cäsar, deuten keineswegs auf parodistische Absichten, sondern

hier auf die besondere Lebendigkeit, mit der der Dichter die Vorgänge

empfand und zur Empfindung bringen wollte. Für das Dicke, Beulenmäßige

und doch dabei Gereckte, was da vor der Phantasie erstehen soll, wußte

Shakespeare für uns kein geeigneteres Wort Thersites in den Mund zu

legen als dieses: Kartoffelfinger; und warum sollte er es denn also

nicht tun, da er nicht für Archäologen schrieb, da wir im Gegenteil

durchaus wissen und spüren sollen, daß dieser trojanische Krieg und

diese Seuche der Lust und der Gier unter uns wütet?

Muß ein Drama, wozu ich den Grund nicht einsehe, durchaus benannt und

einer Gattung eingeordnet werden, so ist dieses keine Komödie und keine

Tragödie und keine Tragikomödie zu nennen und ebenso wohl alles drei.

Es bringt uns nicht Lachen oder Weinen, auch nicht bald Lachen und

bald Weinen, sondern, wie im Don Quixote kommt der reife, erkennende

Weltbetrachter, der seine Aktion vor uns aufführt, zu einem wehvollen

Lachen, wo es denn auf die Natur des Miterlebenden ankommt, ob er --

etwa -- in Ergriffenheit und doch darüberstehend lacht oder ob er, noch

im Stande zu lächeln, weinen muß. Das Lachen darf sogar ein böses,

hartes, scharfes, grimmiges sein; zwischen Hektor und Ulysses auf

der einen Seite und Thersites auf der andern ist viel Platz, und da

steht Shakespeare; aber Größe muß in dem Lachen sein; denn was wir in

dieser Aktion erleben, ist, wie sich eine große Welt, mit ihrem Willen

müssend, sehend und damit blind, mit Augen sehend, mit Sinnen sehend,

zugrunde richtet. Und es darf nichts Unreines in dem Lachen sein;

Shakespeare hat Thersites in dem Verstehen, das nicht ohne Liebe ist,

und doch in Verachtung geschaffen, er steht nicht bei ihm.

Immer wieder wird man geneigt sein, sich bei Shakespeare der Sprache,

wie Spinozas, so Schopenhauers zu bedienen. Aber Shakespeare steht

Spinozas Ethik um fast so viel näher als Schopenhauers, wie er

Hektor gewiß näher steht als dem Bastard, den Thersites mit einer

buddhistischen Nonne erzeugt hätte. Weitaus universeller und

liebevoller als Schopenhauer umfaßt Shakespeare mit seinem Blick das

Ganze und Vielfache der Welt, weitaus mehr als der aus Weichheit Böse

hat er an sich gearbeitet, so daß er mit festerem Panzer gegürtet der

Welt widersteht. Er kommt nicht bis zur fromm-feigen Bosheit der Askese

und des Weltverzichts inmitten der Welt; und er kennt zweierlei Willen:

den einen freilich, den Schopenhauer geschildert hat, den Willen, der

der Sklave seiner Diener der Sinne ist; den andern aber auch, wie ihn

Spinoza der Mensch, Fichte der Mann gekannt haben, den Willen, der

männlich, fest, ritterlich die Tiere im Innern zügelt, die Diener lenkt

und beim Licht der Vernunft den Weg findet. Gegen die Menschen aber,

die das vermögen -- Shakespeare zeigt es uns besonders auch in diesem

Stück --, ist die Welt verbündet; sie siegen im Geiste, wie Hektor über

Achill schon gesiegt hat, aber sie dauern selten und fallen meist. Und

darum, weil er das zu tiefst geschaut, erlebt, erlitten hat und doch

noch heiter resignieren konnte, darum, weil er alle Stimmungen und

Lehren, die diese Weltschau ermöglicht, finden und gestalten konnte,

ist Shakespeare der größte aller Dramatiker, der große Tragiker und der

große Humorist; darum ist diese Dichtung eine ganze Tragödie und ein

ganzes Stück befreienden Lachens.

Troilus, den Schmerz und Enttäuschung erziehen, sieht in diesem

Augenblick ein, daß nichts am äußern Reiz, daß alles an der Seele

liegt. Er hat Cressida, seine Cressida, in ihrem Schäferstündchen mit

Diomedes gesehen und ruft sich nun, wie um aus einem Traum zu erwachen,

zu:

Hat Schönheit Seele, war’s nicht Cressida!

Dann geht er aber weiter und hat das tiefe Erlebnis, das den Knaben vom

Manne scheidet: Cressida zerfällt ihm nun in zwei, in das adlige Bild,

das ein Ausdruck des Innern ist, das er geliebt hat und immer lieben

will, und in das armselige Geschöpfchen da, das er in dieser Situation

gesehen, das er niemals gekannt hat, das ihm ganz fremd ist.

Aber er hat es nicht so leicht wie Diomedes, der gewiß auch einmal,

mehr als einmal er, solche Erfahrung gemacht hat und sich dann

entschließen konnte, mit dem Leib im schmutzigen Fluß weiter zu

schwimmen und nur den Kopf frei über Wasser zu halten. Troilus braucht

ganze Reinheit; wie leicht ist es für den Jüngling, sie von der Liebe

zu fordern; und wie schwer ist es für den Betrogenen, wieder ganz

Verlassenen, diese Reinheit, die Liebe ist, selber zu üben. Noch ist

er nicht ganz reif, bei weitem noch nicht; erst muß ein größerer, ein

nicht so mit Tiertrieb und Raffgier verwachsener Schmerz über ihn

kommen; und der wird nicht ausbleiben. Jetzt glüht er vor Rachsucht

gegen Diomedes; den Mann, der Cressidas Schleife trägt, will er im

Felde treffen; und da nun die Nachbrunst der betrogenen Liebe, der

Rachedurst im Spiele ist, soll dieser Krieg nicht mehr ritterlicher

Kampf, soll er Vernichtungskrieg sein.

Die Trojanerhelden sind heimgekehrt und rüsten sich zum Streit, wie

ihn Hektor und Achill für heute vereinbart haben. Hektor bricht auf;

vergeblich wollen ihn Andromache, seine Frau, Kassandra, Priamus selbst

zurückhalten; alle haben sie böse Träume gehabt; und sie wissen, das

sind keine gewöhnlichen Träume, das sind Wahrträume gewesen. Hektor

nimmt diese Warnungen auch keineswegs leicht; er ist selbst wie von

Ahnungen umwittert; er ist tief ernst; aber er hat den Griechen sein

Wort verpfändet, sich heute zum Kampf zu stellen; die Ehre verlangt,

daß er geht; er weiß ihr nicht, wie Achill, einen andern Wohnsitz

anzuweisen als bei sich selbst.

Nun kommt Troilus dazu. Den jungen Bruder, fast noch einen Knaben,

sieht Hektor heute ungern so kriegerisch gerüstet; diesmal soll es

rauher Ernst werden. Aber Troilus ist wahrlich nicht in der Verfassung,

sich in der Stube halten zu lassen; er will den Krieg noch viel rauher

und schärfer, als Hektor ihn bisher immer geführt hat. Und so hält er

ihm vor, oft habe Hektor Feinde, die im Kampf gestürzt waren, wieder

aufstehen heißen; dasselbe, was Nestor bewundernd an Launcelot-Hektor

bemerkt hat. Ja, das ist Hektors Art;

O schönes Spiel!

ruft er aus. Wie könnte er den Mordkrieg führen, wenn der nicht

zugleich das schöne Spiel aller Kräfte Leibes und der Seele, der Stärke

und der Geschmeidigkeit, der Derbheit und der Feinheit, der Härte

und der Güte, der Unerbittlichkeit und der Vornehmheit wäre? Als ein

Spiel und überdies als ~fair play~ muß der Krieg geführt werden, loyal,

an selbst gegebene Gesetze gebunden und ritterlich; die Schranken des

Menschenmöglichen dürfen nicht überschritten werden. Troilus aber, in

der Verfassung, in der er ist, nennt das Narrenspiel; wer Waffen trägt,

muß sie mit Wut und Ingrimm und giftiger Rache gegen den Feind führen.

Solche Kampfesweise faßt Hektor weder noch versteht er, wie sein

Troilus so reden kann:

Pfui, Wilder! Pfui!

ruft er aus und erklärt mit noch größerer Bestimmtheit und jetzt

aus anderm Grund, er wünsche Troilus heute nicht im Feld zu sehen.

Troilus läßt sich nicht halten, aus schmerzlicher Wut, die ihm fast

die Besinnung nimmt; Hektor läßt sich nicht halten, wahrlich nicht

aus Kampfgier, auch nicht einmal um der Rettung des Staats willen,

sondern weil er den Griechen sein Wort gegeben hat, sich zu stellen.

Bei alledem, bei Hektors melancholischer Ritterlichkeit und bei der

sinnlich brünstigen grausamen Kriegswut des jungen Troilus hat, wer

das Drama im Kreise herum, in der Beziehung aller Teile aufeinander

empfindet, schon im Sinne, wie Achill bald eben das Gräßliche an Hektor

tun wird, was Hektor beim Aufbruch zum Kampf als so unsäglich und

unmöglich verwirft.

Unermeßlich ergreifend ist es, wie Kassandra prophetisch, im äußersten

ekstatischen Versuch, Hektor zurückzuhalten, in seine Ohren hinein

seinen eigenen Tod beschreibt; und was für ein innig geniales

Kunstmittel ist es überdies, uns jetzt, vor dem Kampf, im Moment des

Abschieds in höchst gesteigerter Wortkunst voraus erleben zu lassen,

was die Bühne für die leiblich gewahrenden Sinne nicht darstellen kann:

O lebwohl, mein Hektor!

Sieh, wie du stirbst! Sieh, wie dein Aug’ erblaßt!

Sieh, wie dein Blut aus vielen Spalten strömt!

Hörst du, wie Troja schreit, die Mutter brüllt,

Hörst du den Klageschrei Andromaches?

Leid, Wut, Erstarrung stoßen da zusammen,

Entseelte Bilder! Alles, alles schreit:

Ach, Hektor, Hektor tot! Ach, Hektor, Hektor!

Nach dieser ungeheuren Vorbereitung folgt die große, reichgegliederte

Kampfszene, die ihrer ganz würdig ist. Ich kann mich, wie nur manchmal

so bei Beethoven, nicht satt wundern über die eherne Härte dieses

Organismus, dieser Weltfunktion, die Shakespeare heißt, wie er nun zum

Beispiel die einzelnen Teile dieser Schlachtenszene gegen einander

abtönt, wie er keineswegs in der einen Stimmung, die mit Hektors

vorweggenommenem Tod so unbeschreiblich leidvoll angeschlagen wurde,

bleiben muß, sondern alles vom Ganzen aus ordnet und verteilt! Wir

sehen Ajax, Diomedes, Troilus hinter einander herjagen, ahnen, wie der

wilde Junge Wunder der Tapferkeit verrichtet; wir sehen Thersites in

zwei Episoden als Soldat, und er darf sich neben Falstaff sehen lassen.

Erst stößt er mit Hektor in Person zusammen; und wie der den Mann in

der Rüstung ritterlich fragt:

Wer bist du, Grieche? Bist du Hektor gewachsen?

Bist du von Blut und Ehre?

da antwortet er in ängstlich witziger Wahrheit mit unglaublich

geschwinder Zungenfertigkeit:

Nein, nein, ich bin ein Schuft! Ein schäbiger, schimpfender

Bube, ein ganz schmieriger Lump!

und Hektor wendet sich verächtlich ab:

Ich glaub’ es. Lebe!

Befreit und neu gestärkt schimpft Thersites hinter ihm her. Das andere

Mal will ein Bastardsohn des Priamus mit ihm anbinden, den überschüttet

er mit Bastardworten:

Ich bin auch ein Bastard! Ich liebe die Bastarde

usw.

Und so feig er ist, muß er dem Gegner doch im Davonlaufen noch eine

saftige Wahrheit über seine Rolle in diesem Krieg nachschreien; denn

seine Bosheit ist viel stärker als seine Angst; er ist nun einmal so

organisiert, daß all seine Tapferkeit im Maulwerk sitzt; so lacht er

denn hinter ihm drein, von ihm weg: Haha, da will ein Hurensohn in

diesem Krieg um eine Hure kämpfen!

Die Heldentaten, die Hektor verrichtet, werden wieder in der Form

der Wortkunst gebracht. Agamemnon, Nestor, Ulysses berichten

hintereinander, was die Trojaner unter Hektors Führung für Waffentaten

tun; unter vielen andern ist Patroklus gefallen, und die Myrmidonen

sind ganz zusammengehackt zu Achilles geflohen. Der war untätig im

Zelt gesessen; hatte die Seinen, hatte die Verbündeten, hatte auch den

Freund allein in den Kampf ziehen lassen, wir wissen, warum; jetzt,

wo der Freund, der geliebte Knabe, ihm als Leichnam vor Augen liegt,

kommen die Tränen, kommt die Wut, kommt die Rachgier, und alles andre

ist wieder vergessen. „Ach, unser arm Geschlecht!“ Nicht bloß für das

Geschlecht der Frauen gilt Cressidas Klage, daß wir Sklaven der Sinne,

Sklaven der Augen sind. Achilles wappnet sich; er eilt ins Feld; er

tritt vor Hektor; spät hat er ihn, dem er sich zum Kampf verpflichtet,

gefunden, -- so soll es scheinen. Nun fordert er ihn zum Zweikampf

heraus. Hektor muß glauben, jetzt, am Abend der Schlacht, habe Achill,

wie er selbst, große, ritterliche Taten, schwere Arbeit hinter sich,

und erwidert vornehm:

Erst ruh’ ein wenig, wenn es dir gefällt.

Da, wie diese Höflichkeit ihn warten heißt, als ob’s um den

Ritterkampf, um ~fair play~ und nicht um grimmige Rache ginge, gerät

Achilles ganz außer sich. Er stürzt weg. Hektor kämpft weiter. Und hat

dann genug für heute, legt Schild und schützenden Helm weg, entwappnet

sich.

Ich tat mein Tagewerk. Nun ruh’ ich aus!

Da kommt Achilles herbei und mit ihm seine Myrmidonen, die er rasend

geholt hat. Vergebens ruft ihm Hektor kurz und streng zu: Ich bin

entwaffnet, -- Grieche! Unter Achills hetzendem Anruf hauen und

stechen die Myrmidonen auf ihn ein. So wird der Ritter mit Hilfe des

großen Haufens von der Wut umgebracht. Und die Volksleute schreien die

Heldentat übers Feld aus: Achill hat den Hektor erschlagen!

Ehre und Ruhm hatte Achilles schon vorher preisgegeben; die Rachgier

für den gefallenen Freund hat den Streithelden erst ins Feld gebracht.

Von Anfang an haben wir gesehen, wie dieser Mann, bei herrlichsten

Anlagen, ein Gewesener, ein nie tapfer zu sich Gekommener, über

sich hinaus Gekommener, wie er ein vom Trieb Umnebelter war; ein

Lässig-Fauler, kein Wachsender; und so hat er auch nicht in der echten

Männerehre und Freundschaftswelt gelebt, hat Wut und Wahn und Wollust

des Geschlechts in die Freundschaft hinübergenommen und hat ohne alle

Ritterlichkeit, der Ehre bar, den toten Freund gerächt. So schleift

die Gier noch den Leichnam des adligen, menschlichen Helden im Triumph,

an den Roßschweif gebunden, übers Feld.

Troilus lebt weiter in den Untergang Ilions hinein, den er klar

voraussieht. Jetzt, wo diese hohe verehrte Gestalt, Hektor sein

Bruder, so umgekommen ist, wie er selbst den Krieg knabenhaft unreif

empfohlen hatte, in diesem Schmerz ist er zum Manne geläutert worden.

Ohne Hoffnung, ohne Lebenslust will er aushalten und will weiter

kämpfen, der wilden Art nach, als ob er nicht wüßte, daß am Ende dieses

Kampfes der Untergang steht; dem Grund nach, weil er es weiß: in einem

dionysischen Zorn, der der trostlosen Welt gilt.

Von Cressida ist schon lange mit keinem Wort mehr die Rede, und von

Pandarus, der mit seiner widerlichen Erscheinung die Erinnerung an

sie bringen will und der am bittern Schluß die niedrige Welt, die

unsterblich weiter leben darf, repräsentiert, wendet sich Troilus in

Ekel ab. Was liegt an der Pandaruswelt, die auf der Bühne bleibt und

mit dem Publikum fraternisiert, nachdem die Helden dahingegangen sind?

Was liegt noch an Cressida? Ilion geht unter; Hektor ist tot.

Othello

Shakespeare (Volume 1 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 23 / 27 段