Darum ist Shakespeare der geborene Dramatiker, weil er von seiner

Natur genötigt ist, die verschiedenen Standpunkte und Verkörperungen

in ihrer Mannigfaltigkeit und Ergänzung zur Totalität zu sehen. Und

wir wissen von andern Stücken und Gestalten her, eben von Falstaff

zum Beispiel und von Shylock, daß auch die gesunkene, erbärmliche

Hundsgemeinheit ihre Rolle in der Gesellschaft und ihr Recht hat.

Der Tschandala, der Enterbte, der auch innerlich Versklavte hat

einen Blick und eine Stimme, die etwas zu gewahren, zu sagen und zu

deuten haben, so wahr in ihrer Gehässigkeit, wie es der Bevorzugte in

aller vernünftigen Einsicht und Ritterlichkeit nicht kann. Befangen,

in unsre Rolle und Umgebung gebannt sind wir alle; kein besserer

Ausdruck für diese Bedingtheit als unser Wort Beschaffenheit, das

einräumt, daß, was wir stolz und frei unsre Eigenschaft nennen, ein

Geschaffenes ist; und sofern die Hohen da droben, die Helden und völlig

Überlegenen, zu dem Zwang der Vorwelt und Umwelt, der sie ausmachen

will, noch ein Eigenschöpferisches dazu bringen, das in die Umwelt

und Nachwelt neue Bedingungen strahlt und sie zu Freien macht, dürfen

auch die Originale im unteren Bezirk und im Schatten, die Getretenen,

Gefallenen, Verbogenen und Verwahrlosten, die Shylock, die Falstaff

und die Jago auftreten und sagen, daß so, wie sie beschaffen sind, die

Freiheit aus ihnen reaktiv und in Mißgestalt nach oben spritzt. Zu

diesen mißgeschaffenen und mißschöpferischen Gestalten gehört auch der

Schatten der Helden, der Schimpfheld und Maulheld, der große Schmäher

dieses Dramas, Thersites, der sich wiederum zu Homers Gestalt verhält

wie Shakespeares Ulyß, Achill und Hektor zu ihren Vorbildern.

Sein Elend ist, im Innern, daß er ist, was er ist, denn er kennt

seine Erbärmlichkeit gar wohl; und in der Anwendung, daß er in diesen

Krieg gekommen ist, in dem er nur Angst und Abscheu empfindet; sein

Trost und seine Lust, daß er an allem, was in dieser Welt groß und

herrlich dasteht, die gemeine Kehrseite erblickt und aus Herzensgrund

darauf schimpft. Dazu kommt, daß die vielgerühmten Helden, die

gemeinschaftlich um einer großen Sache willen ausgezogen zu sein

behaupten, auf einander eifersüchtig und erbost sind, daß sie ihn,

der so virtuos schimpfen und herunterwürdigen kann, brauchen, daß

sich besonders Ajax und Achilles um ihn reißen, wie die Großen der

Renaissance um einen berühmten Pamphletisten oder die verschiedenen

Reichsämter um einen korrupten und zu allem fähigen Journalisten.

Was er mit seinem Mund tut, das hat er vorher mit seinen Augen getan.

Man könnte sich ein Stinktier denken, das eine Art immer weiter

produzierender Geifer- und Gallenblase am Leibe hätte, in die es

mit greifenden und austeilenden Gliedmaßen, mit Armen und Händen

hineinlangte, um sein Gift und seinen Kot in die Welt zu spritzen.

Diese Gliedmaßen nun vertritt bei Thersites nicht zuerst sein

Sprachwerkzeug, sondern sein Blick. Er hat durchaus nichts Lügnerisches

an sich, dieser große Beschimpfer und Schmäher, er spricht aus, was

er sieht. Und dazu hat er dann noch eine im Ekelhaften großartig

wühlende Phantasie, die sich ausmalt, was man noch alles in der Welt

Scheußliches sehen könnte. „Agamemnon -- wie, wenn der Beulen hätte?

Vollauf, über und über, am ganzen Leib...“, das ist das erste, was wir

von ihm hören; und er malt es sich immer anschaulicher aus, -- bis ihn

dann ein Lachen von der gräßlichen Vorstellung befreit: denn wenn nun

aus den Löchern dieses Eitersacks die Materie herausliefe, -- dann

käme doch wenigstens etwas aus dem hochmögenden Herrn heraus; jetzt

ist gar nichts in ihm! Die Kritik, die Bosheit dieses infernalischen

Kerlchens nährt sich von seinen monströs ungeheuerlichen und schon

fast grandiosen Geifervisionen, die ihn immerzu verfolgen; und darum

ist er das Urbild der seltenen Libellisten, deren Niedertracht Natur,

letzte Notwendigkeit und geradezu Zwangsvorstellung ist. Und insofern

ist er in der Tat, wie es Achilles sagt, „ein privilegierter Kerl“.

Daß das aber nicht sein Los allein ist, so von innen her dirigiert

zu werden und wollend und scheinbar frei agierend zu müssen wie ein

Hampelmann, daß er solchen Zwang, so eine erbärmliche Sklaverei, so

eine Gefangenschaft in Trieben und Brunst auch an den Großen dieser

Erde bemerkt, das beglückt ihn. Der schlimmste Fluch, den er einem

zuschleudern kann, ist, ihm zu wünschen, was unfehlbar schon da ist:

„Von deinem Blut lasse dich regieren bis zu deinem Tod!“ Gierig

spürt er ihnen nach, diesen schimmernden Helden, und kommt zu dem

befriedigenden Resultat: lauter Brunst und Unzucht und Liederlichkeit

steckt dahinter, „lauter wollüstige Schurken!“

„Unzucht, Unzucht! Nichts als Krieg und Unzucht! Weiter ist gar nichts

Mode. Hol’ sie ein brennender Teufel!“ Und was für ein Krieg gar! Um

was der Streit geht! Der kalte, schneidende, geifernde Schimpf dieses

Thersites spricht nur aus, was auch schon der Prolog, was Troilus als

abgewandter Betrachter, was Hektor in seiner Besonnenheit gesagt hatte.

„Um einen geschlitzten Unterrock“ wird Krieg geführt!

Der ganze Inhalt der Geschichte ist -- ein Hahnrei und eine Hure!

Ein schöner Streit, um eifersüchtige Parteien aufzuwiegeln und sich

darüber zu Tod zu bluten. Die trockne Krätze falle auf das Mensch,

und Krieg und Liederlichkeit verderbe alle!

In Person tritt Helena wenig auf; aber doch hat sie einen kleinen

Augenblick der Einkehr, der Schwermut, der tragischen Größe. „Singe mir

von Liebe!“ bittet die Schöne den Pandarus, der -- eine komödiantisch

gefühlvolle Kastratennatur -- gut singen kann, und nun ertönt das Lied,

aus Trauer, Wollust und Frivolität gemischt:

Liebe! Liebe! Nichts als Liebe!

Tief hat sie aufgeseufzt, so tief, wie die entzückend Oberflächliche in

einem schönen Moment in sich und der Wirklichkeit einkehren kann:

Diese Liebe wird uns noch alle vernichten!

O Kupido! Kupido! Kupido!

Kommt es nicht, wie es Nestor als Vorschlag der Griechen übermittelt

hatte, zu Helenas Auslieferung, so doch zu der Cressidas, im Austausch

gegen einen trojanischen General; ihr Vater Kalchas, ein trojanischer

Priester, der zu den Griechen übergegangen ist, hat seine Tochter

verlangt, und dem Begehren wird willfahrt. Wie sie nun von Diomedes

aus Troja abgeholt wird, erleben wir aufs entschiedenste ausgeprägt

die Verbindung und den Gegensatz ritterlicher Gegenseitigkeit und

Freundschaft zum Krieg.

Äneas und Diomedes, die beiden Feinde, treffen sich auf einer Straße

Trojas und begrüßen einander:

Willkommen sei in Troja

Mit Menschenfreundlichkeit!

~In humane gentleness!~

... Nimmer hat ein Mensch

Auf solche Art und inniger ein Wesen

Geliebt, das er zu töten wünscht!

Dieser Gedanke wird nun mannigfach variiert:

Die gehässigste und freundlichste

Begrüßung waltet hier.

Die Freundschaft geht so weit, daß sie einander liebevoll und

schonungslos die Wahrheit sagen. Diomedes, ein sinnenfroher,

leichtfertiger junger Mann, ein Draufgänger, einer, der im Leben sich

wohlig in der Wollust badet, dabei aber mit dem Denken doch frei

bleibt und nicht zum Sklaven der Sinnlichkeit wird, spricht sich aufs

schärfste, ohne von einer Wolke des Hasses zur Unterscheidung zwischen

Freund und Feind gebracht zu werden -- Paris persönlich gegenüber --

gegen Helena, Menelaus und Paris selber aus:

Für jeden falschen Tropfen

In ihren buhlerischen Adern sank

Ein griechisch Leben schon; für jedes Lot,

Das ihr befleckter, fauler Körper wiegt,

Liegt tot ein Troer!...

Cressida soll Diomedes holen; und so ist er dazu bestimmt, die

Reizende im leichten Liebesspiel, ohne daß er wie Troilus Innigkeit

und Phantasie und Lebensernst hinter der Sinnlichkeit herschickt, ohne

daß er irgend in Empfindung versinkt, dem Knaben abspenstig zu machen.

Sie aber kommt gerade von ihrer Liebesnacht mit Troilus, der ersten,

die sie ihm endlich bewilligt hat. Hier nun, bei dem Abschied der

Liebenden, die in dem Augenblick von dem, was über Cressida beschlossen

ist, noch nichts wissen, die nur eben für diesmal ihre Liebeslust

beendet sehen, haben wir entschieden eine Parodie, aber nicht auf

Homer, sondern auf Romeo und Julia.

O Cressida! Schon weckt den emsigen Tag

Die Lerche!

Ohne daß er’s aber weiß und möchte, ist der gute Jüngling ernüchtert;

der graue Morgen ist da, und Troilus redet eine unedle, zwischen

Liebesvertrautheit und Wollustvertraulichkeit, zwischen Sehnsucht und

Begier und Alltag stolpernde Sprache:

Bemüh’ dich nicht! ’s ist kalt heut morgen.

Geh nur zu Bett!

Du wirst dich erkälten!

Dazwischen dann wieder Liebesbeteuerungen und Klagen über die Kürze der

Nacht.

Und in diese Situation kommt nun, um das Pförtchen zu öffnen, Cressidas

Oheim Pandarus, nicht, wie Juliens Amme, die Vermittlerin zwischen

leidenschaftlicher Liebe, sondern in Mannesgestalt der unmännliche

Kuppler, der sie -- es ist seine Natur so, er braucht das -- mit seinen

Lobeserhebungen, seiner Anwärmung, seinem Hin- und Hertragen erst zu

einander gebracht hat; er, der immerzu neugierig ist, weil ihm alles

von außen kommen muß, bedarf immer neu der Gier der andern, um in seine

verhutzelte Trockenheit etwas Saft zu bekommen. Der macht nun seine

schnöden Witzchen über ihre Nacht und gießt vollends kaltes Wasser auf

den armen Troilus, der glaubt nicht leben zu können, wenn er seine

Liebe nicht über die Befriedigung des Triebs hinaus festhalten kann.

Shakespeare hat sich in dieser und ähnlichen Szenen dieses Stücks,

wie in manchen seiner romantischen Lustspiele, an die äußerste Grenze

der romantischen Ironie gewagt. Nur feinste Künstler könnten auf der

Bühne die Parodie so zart herausbringen, daß darüber die Realität der

Gestalten und die freundwillige Liebe des Dichters zu ihnen, die ~humane

gentleness~, die selbst Cressida, besonders aber Troilus umschwebt,

nicht verloren ginge. Dieser prächtige Jüngling hat ja doch, wenn schon

nicht die rechte Geliebte, so doch die rechte, die leidenschaftliche

Jünglingsliebe, die alle Grenzen sprengen möchte, und auch die

rechten Gedanken über das Verhängnis, das Liebe heißt. Wie er mit dem

bürgerlichen, sinnenden Ernst, der philosophischen Betrachtung, die die

Gestalten dieses Stückes besonders auszeichnet, zu Cressida sagt, noch

ehe sie sich ihm ergeben hat:

Das ist das Ungeheure in der Liebe, Jungfrau, daß der Wille

unendlich und seine Ausführung beschränkt; daß die Begierde

unbegrenzt und die Tat ein Sklave der Grenze ist.

Wie nah steht dieser Jüngling in seinem Gefühlsleben dem jungen Romeo,

und wie so ganz anders ist doch die geistige Sphäre dieses Dramas aus

Shakespeares letzter Periode als in Romeo und Julia, dem Meisterwerk

seiner Jugend!

Aber wie leibhaft als Individuum und wie Herz und Geist ergreifend als

Repräsentant einer Weltgesinnung steht der eine wie der andre, Romeo

und Troilus vor uns da, und wie kommt man zugleich aus der Wirklichkeit

und dem tiefen Sinn in die ärgerliche Nichtigkeit und talentvollste

Theatralik, wenn einem einen Augenblick lang die Gedanken von Troilus,

dem jungen Sohn des Kriegs, zu dem Kind des Lagers Max Piccolomini

schweifen!

Auch Romeo ist zum Denken, zur Betrachtung geneigt; aber ihm kommt

das Leben seines Geistes nur wie eine Blüte aus Leidenschaft und

Seelengewalt geschossen und bleibt untrennbar damit verbunden; die

Gestalten dieses Stücks aber, auch der junge Troilus, scheinen das

Leben des Triebs und der Seele in einem Behältnis, das der Vernunft in

einem andern zu haben; sie scheinen aus einem Zustand der Gesellschaft,

einer Beschaffenheit des innern Menschen zu einem andern, einem neuen

unterwegs zu sein. Was Troilus sinnt, will fast noch mehr von der

Sinnenliebe weg als es aus ihr kommt; er denkt wie zum Übergang und

zum Untergang, dieser annoch Sklave der grenzenlosen Begierde, der

berufen ist, dereinst als Freier, nicht mehr als Freier und Werber um

die Wollust, sondern als Freier ums Schicksal gereift und frei in den

Untergang zu schreiten, er sinnt über die Liebe, wie der ewige Jüngling

Faust, der triebhaft Denkende und im Empfinden zum Denken Getriebene:

„Und im Genuß verschmacht’ ich nach Begierde!“ Troilus sagt den Grund,

ohne Erfahrung, wie aus der Ahnung heraus, seinen Grund, den er nun

zu erleben hat: Weil der Genuß die Enttäuschung und die Begierde die

Hoffnung ist; weil nur die Begier unendlich ist, die Tat, der Akt aber

ein Sklave der Grenze ist.

Fast unmittelbar an den Liebesabschied der beiden schließt die

Mitteilung an, daß es eine Trennung sein soll, fast wie Romeos

Verbannung. Nur daß diese furchtbare Trennung hier dem Liebesakt,

der bloß der Sehnsucht des Jünglings einzig geschienen hatte, der

aber ganz gewöhnlich war, und ihrem nüchternen Abschied hintennach

hinkt, während Romeos und Julias Liebe und Trennungsschmerz um und um

eingehüllt war in die Tragik einer von Haß und Feindschaft zerrissenen

Liebe. Auch hier fehlt es nicht an Parodie: Cressida muß fort, ins

Lager der Feinde, und Troilus verspricht, sie dort unter Lebensgefahr

zu besuchen. In unecht, angelesen klingenden, modischen Gewaltsworten

hören wir Cressidas Beteuerungen der Treue; und dann tauschen sie, nach

dem Brauch der Ritterzeit und der Ritterromane, Liebespfänder: Trag’

diese Schleife! -- Und du diesen Handschuh!

Troilus läßt sich’s nicht nehmen, die Geliebte persönlich Diomedes

zu übergeben, und geleitet sie bis zum Tor. Dem stolzen Griechen

gegenüber, der sofort in überlegener Ruhe zu flirten anfängt, spielt

der Gefangene der Liebe eine knabenhafte, leicht komische Rolle; und

was uns da auffällt, wird auch der gewitzten Cressida nicht entgehen.

So kommt sie ins Griechenlager, wo sie von den galanten Fürsten, die

sich auf ihren Wert verstehen, sofort mit Küssen empfangen wird. Ihr

tut das sehr wohl, und sie geht mit rechtem Vergnügen auf das Spiel

ein; einer aber wendet sich provozierend scharf gegen sie: Ulysses. Ihm

ist, wozu die gewohnheitsmäßigen Spottreden, die bei der Gelegenheit

auf Menelaus fallen, nicht einmal nötig gewesen wären, der Schatten

Helenas auf den Vorgang gefallen, und in Cressida erkennt sein scharfer

Blick sofort ein Weib von der Art der Ledatochter. Auch er bittet sie

um einen Kuß, um sich, wie sie ihn leichten Herzens gewähren will,

verächtlich abzuwenden:

Um Venus willen bitt’ ich: küss’ du dann,

Wenn Helena zur Jungfrau wieder wird -- --

Und keine Rücksicht kann ihn vom schärfsten Ausfall zurückhalten; er

kennt sie durch und durch:

Pfui, pfui auf sie!

Ihr Aug’ hat Sprache, ihre Wang’ und Lippe;

Ihr Fuß selbst spricht; ihr üppig Trachten blickt

Aus jedem Glied, aus jeder Körperwendung ...

Kurz darauf aber das Gegenbild in der Sphäre der Männlichkeit. Bei dem

ritterlichen Turnier, zu dem sich nun Trojaner und Griechen vereinigen,

hören wir, wieder aus dem Mund des Menschenkenners Ulysses, die

Schilderung des Jünglings Troilus, der mit zu den feindlichen Gästen

gehört:

Ein echter Held,

Noch nicht gereift und doch schon unvergleichlich!

In Worten karg, mit Taten sprechend, aber

Mit seiner Zunge tatenlos ...

So Herz als Hände offen, beide frei,

Er gibt, was er besitzt, zeigt, was er denkt,

Doch leitet Überlegung seine Milde,

Und unanständigen Gedanken leiht

Er niemals seinen Atem.

Das Mannesideal Shakespeares verkörpert auch Troilus, umwogt

noch von der weichen Hülle holder Jugendeselei; aber was er zu

werden verspricht, sehen wir mit Augen, wie es Ulysses bestätigt:

Ritterlichkeit ist ihm mit Rationalismus vereint; Herz und Kopf wirken

ebenmäßig mit einander der Harmonie zu.

Diese Schilderung steht am Eingang zu der herrlichsten Szene unter den

vielen prachtvollen des Stückes: der Mannesheld Hektor der Trojaner

ist mit seiner Schar Fürsten und junger Helden als Gast ins Lager der

Griechen gekommen. Welche Freude waltet zwischen ihnen, und welche

Mannigfaltigkeit in der Freude, und welche Steigerung durch das

Bewußtsein, das immer dabei ist, daß diese liebevolle Freundschaft

zwischen Feinden nur eine Kampfpause im Völkerkrieg ist.

Die Griechen haben den plumpen, schwer körperlichen, starken Streiter

Ajax, der mit seiner bramarbasierenden geschwollenen Eitelkeit

manchmal ein wenig komisch wirkt, zum Streit im Turnier mit Hektor

erwählt; sie haben es getan, um Achilles zu reizen. Kann er, der ihrer

Sache ganz fremd geworden ist und den die Brunst zum Verrat zieht, noch

gehalten und geweckt werden, so nur durch die Eifersucht. Ulysses hat

schon vorher die Griechenfürsten dazu gebracht, daß sie ihn verächtlich

behandeln, und hat ihm unmittelbar danach in sehr ernster Rede ins

Gewissen hinein eine Lektion gegeben; im Anschluß an ein Buch, in

dessen Lektüre versenkt er an Achilles’ Zelt vorbei wandelt -- es

scheint ein Band Cicero oder Montaigne gewesen zu sein, derlei hat es

zur Zeit von Shakespeares Trojanischem Krieg ebensowohl gegeben wie die

Ethik des Aristoteles --, legt er ihm dar, wie auch der Ruhm von der

Mode abhängt, und wie ein Ruhm, der sich nicht immer neu herstellt,

welk und abgestanden wird:

Die Zeit trägt einen Ranzen auf dem Rücken,

In den sie steckt die Gaben des Vergessens,

Des riesenhaften Ungeheuers, Undank.

Nur Brocken sind die Taten, die vorbei sind,

So schnell verschlungen als geschehn.

Die Zeit ist wie ein Gasthofwirt, der die Gäste, die gehen, kalt

entläßt und die neu Ankommenden schon beinahe umarmt.

Nur ein Naturzug

Verbrüdert eine ganze Welt: daß alle

Einstimmig neugebornen Tand empfehlen,

... ja, daß selbst der Staub,

Leicht übergoldet, höhern Rang genießt

Als wie bestaubtes Gold ...

Mit diesen mahnenden Betrachtungen hat er den Helden, der nur

unerzogen, willkürlich, triebhaft, dem Verderben nah, aber noch nicht

verloren ist, schon recht nachdenklich gestimmt. Dann aber, nachdem er

ihn mit solchen allgemeinen Maximen rege gemacht hat, apostrophiert er

ihn persönlich und schießt seinen schärfsten Pfeil ab. Die Griechen,

deren geistiges Haupt ein Ulysses ist, haben, wenn sie im Krieg liegen,

ihre Augen, ihre Spione überall; sie wissen sehr wohl, warum Achill

sein Schmollen, seine Unzufriedenheit mit der neuen Strategie gar nicht

überwinden kann: Wollust steckt dahinter! Man hat ausgekundschaftet,

daß Achill des Priamus Tochter Polyxena begehrt, daß er Unterhandlungen

mit Troja pflegt. Aber -- und nun läßt sich der so Sittenstrenge wie

Bewegliche auf den Ton ein, den Achill, Patroklus und Thersites unter

einander eingeführt haben --

Besser würd’ es ziemen,

Wenn Hektor unter dir, Achilles, läge

Als die Polyxena.

Damit hat er ihn verlassen, und nun soll Achilles wie ein Garnichts

unter den Zuschauern stehen, wenn Hektor mit Ajax kämpft!

Gar so schlimm aber kommt’s nicht; dafür sorgt seine reckenhafte

Erscheinung und die höfisch zierliche und dabei doch herzlich

verehrende Art der Trojaner, vor allen des Äneas. Von ihren Kämpfen her

kennen diese Ritter einander nicht; da tragen sie die geschlossenen

Helme; wie aber nun Achill, bei dem die Kur schon etwas angeschlagen

hat und der im Kreis der andern griechischen Fürsten steht, eine

Bemerkung macht, da wendet sich Äneas sofort zu ihm:

Wenn du nicht Achilles,

Wie ist dein Name sonst?

Auch weiterhin geht es in dieser Szene ganz zu wie in den

Ritterromanen; Ajax hat sich vorgenommen, den Kampf, wie’s in solchen

Spielen nicht sein muß, aber nach dem Brauch sein kann, bis zum

Äußersten zu führen; Hektor aber erinnert sich, daß Ajax’ Mutter

eine Schwester des Priamus war (ich möchte annehmen, daß das -- in

der Romanüberlieferung -- die Tante war, die den Trojanern von einem

Griechen geraubt worden war), und gegen seinen Vetter kämpft er nicht

im Ernst; er darf das tun; daß er für seine Person keinen Kampf scheut,

weiß jeder. Und nun regt sich erst beglückte Gemeinschaft des Wesens

unter ihnen; und immer geht durch alle Ritterlichkeit, Höflichkeit

und herzliche Verehrung die Todesdrohung, durch Spiel der Ernst, in

Heiterkeit und männlicher Fassung die Tragik durch. Agamemnon begrüßt

Hektor:

... Was vorüber, was noch folgt,

Das ruhe unter formenlosen Trümmern

Der Hüll’ und des Vergessens; aber jetzt,

In diesem Augenblick heißt Treu’ und Wahrheit,

Von aller hohlen Arglist frei, von Herzen,

In Himmelsreinheit, dich willkommen,

Erhabner Hektor!

Dann wendet sich Hektor zu dem, der sich als Menelaus bekannt gibt;

sein freundlicher Gruß geht nicht ohne neckende Anzüglichkeit ab. Zu

feierlicher Rede holt der alte Nestor aus; wie oft hat er diesen Hektor

im Kampfe gesehen, hat seine Tapferkeit und seinen Edelmut bewundert,

wie er sein Schwert hoch in die Luft warf, um es nicht auf einen

schon zu Boden Liegenden fallen zu lassen, ganz wie Sir Launcelot,

der adligste Held, in Malorys Arthur-Roman das Prinzip hat: „Einen

gefällten Ritter erschlage ich nicht“; und nun sieht der alte Mann dem

heldischen Manne zum ersten Mal ins Antlitz. Sie umarmen einander,

und „die gute alte Chronik“, wie Hektor ihn liebevoll nennt, fährt in

seiner Rede fort:

Wohl kannt’ ich deines Vaters Vater

Und focht auch einst mit ihm! Ein großer Held,

Allein beim großen Mars, der unser aller

Heerführer ist, dir war er niemals gleich ...

Das ist homerisch und mehr als homerisch; bei Homer wäre er streng

in seiner Rolle, sich zu erinnern und die gute alte Zeit zu loben,

verharrt; hier kommt die Überwältigung durch den großen Moment dazu.

Dann kommt die Reihe der Begrüßung an Ulysses. Sie kennen einander;

Ulyß war schon zu Verhandlungen in Ilion. Er meidet als erstes

scharfe ernste Worte nicht: Ilion muß fallen. Dann erst, nach solchen

Wechselreden, erlaubt sich der Politiker das Menschliche, das nun aber

aus Herzensgrund hervorbricht:

Willkommen denn,

Du freundlichster und tapferster der Helden ...

In all der Zeit hat Achill seine gierigen Blicke nicht von Hektor

gewendet. Nun tritt er vor und begrüßt ihn mit raschem Wort. Auch

Hektor betrachtet sich den Helden, aber höflich zurückhaltend, und ist

schnell damit fertig. Achill jedoch, Hektor sagt es, nicht angenehm

berührt, erdrückt ihn immerzu mit seinen Augen. Und doch weiß der Stolz

des Herrlichen, der an den innern Wert denkt:

In mir ist mehr,

Als du verstehen kannst ...

Aufs schlagendste tritt hier der Gegensatz dieser beiden Naturen

hervor; Achill kann und will gar kein Hehl daraus machen, warum seine

Blicke wie magnetisch von Hektors Körper angezogen werden:

Sagt,

Ihr Götter, mir: an welchem Körperteil

Vernicht’ ich ihn? Hier? Dorten? Oder da?...

In großem Zorn, aber mit einer Würde ohne gleichen erwidert Hektor:

Es wär’ den Göttern Schmach, hochmüt’ger Mann,

Der Frage zu genügen. Wart’ es ab!...

Mit Achill ist die rohe Kampfwut durchgegangen; seine politischen

Verhandlungen mit Troja, die er nicht aus Politik, sondern in der

Willkür des Brünstigen und verärgert Launischen geführt hat, waren ihm

beim Anblick des herrlichen Feindes ganz aus dem Sinn gekommen. Ajax,

sowieso schlecht auf ihn zu sprechen, sagt es ihm gradezu:

Ich fürchte,

Die allgemeine Sache ist es nicht,

Was dich zum Kampf reizt.

Inzwischen hat Hektor sich ganz gefaßt und antwortet auf den plumpen,

schnuppernden Raubtieranfall Achills nicht mit einer Herausforderung,

sondern mit einer Bitte:

Laß, ich bitte dich,

Im Feld dich wiedersehn. Ein Kinderkrieg

War’s nur, seit du der griechischen Sache dich

Entzogen hast.

Bei dieser wunderschönen Männlichkeit überläuft es den Achill. Das

überwindet ihn; das ist stärker als alles, was bisher auf ihn wirken

wollte. So läßt Hektor sich die Hand darauf geben, daß sie morgen sich

im Kampf treffen wollen.

Philologen! Das ist nicht bloß anders, nicht bloß uns mehr angehend,

nicht bloß in Sachen des Staates, der Gesellschaft, all unsrer

Problematik moderner als Homer; das ist im tiefst Menschlichen eine

Stufe über ihn hinaus gebaut, das ist größer als Homer! Theatermeister!

Es ist eine der erhabensten und innigsten Szenen Shakespeares; und von

ihr aus ist das ganze strotzend reiche, bitter ernste, tiefsinnige,

durchaus menschliche Geschichtsdrama zu erfassen.

Shakespeare (Volume 1 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 22 / 27 段