aber vor allem auch von der Unreinheit der Liebesaffäre her, um die
dieser gewaltige Völkerkrieg sich dreht. Um ein untreues Weib! Seine
Liebe ist Reinheit, wenn sie auch die irrende Liebe eines Jünglings
ist, wenn sie auch all ihre schöpferische Phantasie an ein reizendes
Weibchen hängt, das innerlich ganz anders beschaffen ist, als er es
sich zurecht träumt und als sie selber es noch weiß. Dieser Gegensatz,
dem der noch unfertige Jüngling, dessen Stimmung schwankt, nur erst
seinen vorläufigen Ausdruck gibt, geht in den verschiedensten Tönungen
durch das ganze Stück: auf der einen Seite echte Ritterlichkeit,
Männlichkeit, Heldentum, Männerfreundschaft -- und auch ihre äußerste
Entartung, die Päderastie, wird mit Worten stärkster Verachtung
entscheidend gestreift --; auf der andern höfisches Ritterwesen,
Rittermanieren, Unterjochung unter das Weib, Verderbnis durch
wollüstige Sinnenliebe. Die äußern Züge des Ritterwesens, daß man,
wenn man einen Zweikampf zu bestehn hat, diesem ernsten Unternehmen
modisch-konventionell den Namen einer Dame als Etikett aufklebt,
welcher zu Ehren der Kampf ausgefochten wird; daß man die Schleife und
den Handschuh der Dame trägt; die höfische Zierlichkeit, anderseits
aber auch die gute Freundschaft, die die Feinde unter einander
halten, das sind alles Dinge, die allein diesem Stück angehören und
sich anderswo bei Shakespeare durchaus nicht finden. Selbst Hektor,
sonst hier bei Shakespeare die herrliche Verkörperung des männlichen
Heldentums, fügt sich im Äußerlichen der galanten Sitte oder Mode.
Äneas kommt als Abgesandter der Trojaner ins Zeltlager der Griechen.
Er tritt mit einer so übertriebenen, parfümierten Höflichkeit auf, daß
sich selbst die Griechen baß verwundern. Und dann meldet er den Zweck
seines Kommens: er ist der Träger einer Herausforderung zum Zweikampf
bis zum Äußersten, zu einem Kampfspiel im Namen Hektors. Der Held will
in dieser Ruhepause zwischen den Schlachten dafür einstehn, daß sein
Weib „weiser, schöner, treuer“ sei als das irgend eines Griechen. Das
will er mit seinem Schwerte beweisen. Wer hält dagegen? Da fangen die
Griechen gleich Feuer. Sofort denken sie an ihren größten Kriegshelden
Achilles -- und den hat wahrscheinlich auch Hektor zum Kampf locken
wollen und sich darum der Mode bequemt --, aber er sitzt ja schmollend
im Zelt und macht sich mit seinem jugendlichen Busenfreund Patroklus
über die Griechenfürsten und über alles in der Welt lustig. Aber wenn
keiner den Handschuh aufnimmt, will’s der Fürst der Fürsten, der große
Agamemnon selber tun, und selbst der überalte Nestor will dafür kämpfen,
Meine Dame sei
Einst lieblicher gewesen, als die Mutter
Von seiner Mutter war,
und dafür will er, wenn’s not tut, mit seinen letzten drei Blutstropfen
einstehn.
Gilt es dann aber nicht ein Kampfspiel, sondern den bösen Krieg, diesen
Krieg um ein Weib, so lernen wir in den beiden Lagern den männlichen,
von der oberflächlichen Sinnensklaverei freien Standpunkt in zwei sehr
verschiedenen Gestalten kennen.
Nicht zum ersten Mal werden wir hier bei Shakespeare an die
große Unterscheidung Spinozas erinnert zwischen dem Sinnen-, dem
Affektmenschen, der ein knechtischer Sklave der Triebe ist, und dem
freien Vernunftmenschen, der nach Grundsätzen, ruhiger Überlegung,
objektiver Prüfung und freiem Entschluß handelt. Und nicht zu leugnen:
das Unfreie, in Banden Geschlagene, das launisch Willkürliche,
oberflächlich Wetterwendische und also Treulose wird hier dargestellt
einmal in Gestalt des körperlich reizvollen, seelisch leeren, geistig
unbedeutenden, koketten, dem Trieb selbst unterworfenen und zum Trieb
anlockenden Weibes, in Gestalt Cressidas, und dann in Gestalt des
Manns der Männer, des großen Kriegshelden Achill. Shakespeares Plan,
der Sinn seiner Dichtung enthüllt sich uns, wenn wir gewahren, wie
ihm der männischste Mann und das weiblichste Weib in diesem einen
zusammengehören, daß sie beide treulos und ohnmächtig tierischer
Wildheit preisgegeben sind, wenn er in Wut den Männerstreit,
sie in Brunst den Frauenkrieg führt. Es ist Shakespeares des
Individualisierungskünstlers und sehr ernsten Mannes großes Recht,
daß er den tapfern Haudegen, den gewaltigen Schläger und Schmoller
Homers als eine Gestalt, der aus allen Poren eigenes Leben strahlt,
völlig neu aufbaut; das verschämte Erröten oder glühende Zürnen der
Philologen, daß es nun zwei sehr verschiedene Achillesgestalten gibt,
die unvergängliche epische Homers und die unvergängliche dramatische
Shakespeares, diese Gebundenheit an ein Objekt, dessen kanonisch
festgelegte Züge mit finsterer Wut und Verbissenheit gegen jeden
frechen Erneuerungsversuch verteidigt werden, repräsentiert eine dritte
Form der Unfreiheit: neben der weiblichen Cressidas und der männlichen
Achills die zwar keineswegs sachliche, aber sächliche Sklaverei des
unpersönlichen Götzendienstes.
Man könnte überdies sagen, daß diese Kämpen Homers unhistorisch
vorgehn, daß Shakespeare sich gar nicht einfallen ließ, sich an
Homer zu reiben, daß er durchaus nicht in die Reihe gehört, die zu
Offenbach hinführt, sondern daß er romantische Sagen weiterbildete;
dies ist, kenntnisreich und gut, von Wilhelm Hertzberg vor andern
gesagt worden. Um der wissenschaftlichen Kenntnis willen soll man auf
diese Zusammenhänge hinweisen; aber keineswegs zu einer Entschuldigung
Shakespeares, die er nicht braucht. Wie Sophokles eine Elektra nach
Aischylos gestalten durfte, wie es von Heine eine komische Frechheit
war, Goethe ins Gesicht zu sagen, er schreibe einen Faust, so durfte
Shakespeare nach Homer einen Achill, einen Achill nicht nach Homer
gestalten.
Wie haben sich denn auch die übrigen Gestalten, die uns aus dem Epos
vertraut sind, verändert, wie sind sie in einem andern Zeitsinn
neugeboren worden!
Ulysses und Hektor verkörpern zwei verschiedene Stufen der männlichen
Vernunft und Staatsklugheit.
Kriegsrat im Griechenlager vor Agamemnons Zelt. Schlechte Stimmung
bei den Fürsten: der Krieg geht nicht vorwärts; nun liegen sie sieben
Jahre vor Troja, und noch keine Aussicht auf Entscheidung. Agamemnon,
in feierlicher Würde, als der Mann, der das Amt bekleidet, die Elemente
zusammen zu halten, bewegt sich mahnend, ohne einen neuen Gedanken und
ohne energischen Befehlswillen in den Allgemeinheiten der Erfahrung:
Hienieden wird
Der Hoffnung ausgebreiteter Entwurf
In der versprochnen Fülle nie erreicht
Bei irgend einem Zweck.
Eine Prüfung von Jupiter ist es gewiß, um der Unterscheidung willen:
Helden und Feiglinge, Weise und Toren sollen auseinandertreten, wie die
Worfel Spreu und Weizen sondert. Das ist so recht das Thema für den
alten Nestor; die Rolle des Alten, der die Jugend belehren kann, gibt
er nicht leicht auf:
In Schicksals Unbestand zeigt sich die wahre
Beständigkeit des Manns.
Nun aber hebt Ulysses an. Zuerst, in einer prachtvollen Anrede, zeigt
er sich als der glänzende Redner, der seine geistige Überlegenheit
nicht auftrumpfen läßt, sondern einleitend die Bescheidenheit seiner
Stellung betont: der Fürst von Ithaka redet zu dem hoheitsvollen
Oberherrn aller Griechen, zu dem ehrwürdigen Greis. Dann aber sagt er
frei seine Meinung heraus: allgemeine Maximen und Fügung unter den Rat
der Götter bringen uns nicht vorwärts. An uns selber liegt die Schuld;
das gilt es einzusehen. Das Parteiwesen hat dem Griechenheer die Kraft
genommen; es fehlt an Einigkeit. Und nun tritt er gegen Laune und
Willkür für Gesetz, Staatsordnung, ständische Gliederung im Volk und
zwischen den Völkern ein. Wie in den Bahnen der Gestirne feste Ordnung
ist, so muß es auf Erden sein.
Denn wie kann ein Verein,
Der Schulen Stufen, Brüderschaft in Städten,
Ein friedlicher Verkehr entfernter Küsten,
Das Erstgeburtsrecht, Pflichten der Geburt,
Vorrecht des Alters, Thrones, Zepters, Lorbeers
An ihrer rechten Stelle anders stehn
Als durch die Gliederung?
Mit einer Großartigkeit ohnegleichen malt er den Königen, die seine
Zuhörer sind, das Gegenbild, das Bild des Aufruhrs, der Auflösung
an die Zeltwand. England stand, als diese Worte gedichtet, gelesen,
von der Bühne herunter gesprochen wurden, in der Vorbereitungszeit
seiner Revolution; nie ist in den Aufruhr der Parteien hinein, die,
der Einheit vergessend, mit einander rangen, nie ist an eine oberste
Gewalt hin, die in Gefahr stand, ihre Autorität zu verlieren, eine
staatsmännische Rede größeren, wahrhaft kosmisch weltbürgerlichen
Gehaltes und Schwunges gehalten worden als diese: und man begreift, daß
Shakespeare oder einer seiner politischen Freunde Wert darauf legen
mochte, dieses Sinnspiel oder ~play for plea~, diese Dichtung,
die zugleich ein Gericht und ein Plaidoyer war, sofort durch den Druck
bekannt zu geben:
... Alles wird Gewalt,
Gewalt wird Willkür, Willkür zur Begier,
Und die Begier, ein allgemeiner Wolf,
Mit ihrem Dienerpaar Gewalt und Willkür,
Nährt sich vom allgemeinen Raub und frißt
Zuletzt sich selbst auf.
Und nach dieser allgemeinen Feststellung wendet sich Ulyß dem
Besonderen zu. Wer ist der Repräsentant dieser Einzelwut, die sich
ichsüchtig absondert und das Band zerreißt? Der große Achill, der
anerkannte Kriegsheld der versammelten Völker! In dieser politischen
Sphäre Shakespeares geht’s nun wahrlich nicht um den elenden Streit
einer schönen Sklavin halber. Achill hat sich zurückgezogen und spottet
wie ein Karikaturenmacher mit seinem Liebling Patroklus zusammen der
andern Führer, weil er -- und ebenso Ajax, der wiederum eine Partei für
sich bildet -- auf dem Boden des alten Kriegs steht, während Ulyß und
unter seinem Einfluß die andern die neue Kriegführung vertreten. Diese
führen den Krieg für eine gemeinsame Sache mit der Absicht, ihn durch
eine günstige Vereinbarung zu beenden; Krieg ist für diese Richtung
ein Mittel der Politik; für Achilles ist der Kampf Selbstzweck; nach
einer Sache fragt er nicht viel; und es kommt ihm nicht sonderlich
darauf an, auf welcher Seite er kämpft, wenn nur gekämpft wird; so hat
er in seiner völligen Zurückgezogenheit und Feindseligkeit gegen die
Verbündeten angefangen, sich gar nicht mehr innerlich zugehörig zu
fühlen, und sinnt, im Zusammenhang mit einer Liebessache, der es an
politischer Bedeutung nicht fehlt, auf Verrat.
Ulyß ist ein Staatsmann, der weit entfernt von einer Bekämpfung des
Kriegs überhaupt ist, er stellt den Krieg als ein notwendig Vorhandenes
realpolitisch in seine Rechnung; aber er ist der Techniker, der
Generalstäbler im Gegensatz zu dem veralteten wüsten Dreinhauer nach
Art des Ajax; und nicht viel anders als der will auch Achill mit seiner
persönlichen Kampflust und Tapferkeit den Krieg durchaus nicht als
Staatskrieg und Vernunftkrieg auffassen.
Das nun ist aus dem listigen Ulysses der antiken Überlieferung unter
Shakespeares Händen geworden. Aus Personalfabeln sind allgemeine
Gesichtspunkte geworden; was entzückend kindlich war, ist jetzt bitter
männlich geworden. Das hat Goethe gesehen, als er von dem zwiefachen
Zeitsinn sprach: die homerischen Gestalten begegnen uns hier auf einer
andern geschichtlichen Stufe. Der Epiker Homer stand noch mitten in der
Ritterzeit drin und dazu in einem Ritterwesen, das genötigt war, seine
Abenteuer seeräubermäßig an fremde Küsten zu verlegen, weil zu Hause
nur Raum für patriarchalisches Regiment über Bauern- und Hirtenvölker
war; Shakespeare will die sinkende und entartete Ritterlichkeit erhöht
und gereinigt in ein ständisch gegliedertes bürgerliches Gemeinwesen
aufnehmen; dieser Renaissancedramatiker, der seine Individuen in große
typische Gegensätze von Gesamtheiten hineinstellt, hat ganz andere
Mittel, seine Gestalten zu individualisieren und scharf, kantig gegen
einander zu führen als Homer, bei dem sie sich nur so von dem episch
umhüllenden Dunst der Gleichheit abheben können, wie die Farben des
Regenbogens von der Wolkenwand.
So also spricht der „verschlagene“, der „vielgewandte“ Vertreter
moderner Kriegskunst gegen die Männer der bloßen rohen Gewalt:
Sie nennen tadelnd unsre Weisheit Feigheit,
Erachten Weisheit nicht für Kriegsbedarf;
Verpönen Vorsicht, schätzen lediglich
Die Tat der Faust; die stille, geist’ge Kraft,
Die überlegt, wie viel der Hände wohl
Zum Schlagen not tun, wenn’s der Anlaß fordert, ... Bettenarbeit
Ist’s ihnen, Kartentand und Stubenkrieg;
So daß der Mauerbrecher, der die Mauer
Zu Boden schlägt mit dem gewalt’gen Schwung
Und Ungestüm der Schwere, höher steht
Nach ihrem Sinn als der, der ihn gemacht,
Und höher als die Seelenfeinheit derer,
Die ihn vernünftig anzuwenden wissen.
Man sieht: was in Homers kindlicher Welt ganz im Privaten
und Persönlichen und klugen Auskunftsmitteln auf Grund der
Einzelpsychologie stecken bleibt, ist hier zur Politik erweitert.
Das nun, daß Ulysses bei Shakespeare nicht auf der Stufe der holden
Fabel, des immer unterhaltenden, oft innigen und manchmal tiefsinnigen
Märchens stehen bleibt, sondern ein großer Politiker ist, das und
dergleichen hat man gewagt, eine Parodie auf Homer und nichts weiter zu
nennen!
Dieser Ulysses repräsentiert auf der unsäglich reichen Stufenleiter
des Geistes, die Shakespeare in seinen Dramen aufbaut, von Caliban
und Thersites und Falstaff bis zu Hamlet und Porzia von Belmont und
Brutus und Prospero, eine bestimmte Stufe, eine so ähnliche wie trotz
arger Unreinheit Heinrich IV.-Bolingbroke schon gegen Richard II.,
wie beiderseits viel strahlender sein Sohn, Prinz Heinz, Heinrich V.
in seinem Gegensatz zu Heinrich Percy, nicht unten auf der Leiter
und nicht ganz oben, sondern in einer Mitte und in einem deutlich zu
spürenden Aufstieg. Bei Shakespeares vollendetsten Gestalten steht
einem nicht bloß stark und sicher vor Augen, was sie sind, sondern --
man denke nur an Shylock -- wie sie geworden sind, geworden nicht nur
im kleinen Einzelleben, sondern im langen geschichtlichen Werdegang
der Gesellschaften und Kulturen. Ebenso nun ist mir, als sähen wir
bei solchen Gestalten wie Ulysses, Hektor, Hamlet, was es über sie
hinaus in der Geschichte noch geben wird, wie sie selbst für sich zwar
wundervoll sicher im Moment ihres Wesens stehen können, wie dieses
Wesen aber in einem nächsten Moment der Geschichte ein andres Gefüge
der Beziehungen und also gewandelt sein wird.
Wieder auf einer andern Stufe der Männlichkeit und des Geistes als
bei Ulysses sind wir im nächsten, dem zweiten Akt mit dem nicht
minder herrlichen Staatsgespräch, das bei den Trojanern stattfindet.
Die Griechen führen ihre Kriegspolitik im Sinne der Auffassung, die
wir von Ulysses gehört haben, und so hat Nestor den Trojanern den
Vorschlag übermittelt, sie sollten Helena ausliefern; trotz den
schweren Verlusten an Blut und Gut solle dann der Krieg ohne Anspruch
auf irgend eine Entschädigung gleich beendet sein. Da ist Hektor, ein
Kriegsheld wie Achill, aber ein Mensch ganz anderer Art, ein besonnener
Mann, sofort der Meinung: Genug und mehr als genug Opfer für dieses
Weib! Liefert sie aus! Dem gegenüber verficht Troilus der Jüngling den
Standpunkt der Ritterlichkeit, der Ehre, des Ruhms. So sehr er selbst
unter diesem Krieg und der Unreinheit seiner Ursache leidet, jetzt,
wo’s um eine Entscheidung geht, sind alle Gefühle seiner persönlichen
Liebessucht zurückgedrängt, jetzt empfindet er nur als Trojaner. Wo’s
um Ehre geht, gelten keine Gründe, kein Krämerstandpunkt, kein Rechnen,
wie viel man verloren hat und was man höchstens gewinnen kann.
Nein, geht’s nach Vernunft,
Dann rammelt nur die Tore zu und schlaft!
Das sind für Hektor keine neuen Dinge, die man ihm erst von außen
bringen muß, was der junge Troilus da so begeistert verficht; das
Ende wird’s zeigen. Er aber will sich’s nicht nehmen lassen, zu
unterscheiden, zu prüfen und selbst zu bestimmen, woran er sein alles,
woran er das Leben von Zehntausenden und den Bestand der Stadt, der
Burg, des Staates setzt:
Bruder, sie ist nicht wert, was ihr Besitz
Uns kostet.
Wert? gibt der Jüngling mit der ganzen Sophistik dunkler Seelenwärme
zurück, die, gerade weil sie nicht aus Erwägungen entstanden, um
Gründe nicht verlegen ist; Wert? Es gibt keinen andern Wert als unsre
Wertung. Mit alledem ist Hektor längst fertig; er sucht nicht Gründe
für eine Wallung; er weiß.
~But value dwells not in particular will~ --
Doch nicht die Einzelwillkür leiht den Wert;
Er hat Gehalt und Würdigkeit sowohl
In eigentümlich innrer Kostbarkeit,
Wie in dem Schätzer; toller Götzendienst
Nur macht den Kultus größer als den Gott ...
Hier scheidet sich klar die subjektive Willkür, die vom einmal,
wenn schon blind Erwählten oder Zugefallenen nicht loslassen will,
und die Besonnenheit, die Objektives, Allgemeingiltiges anerkennt;
selbst der Gottesdienst ist zu prüfen, was in ihm wahrhaft Gott, was
ewig verehrungswürdig ist, und was nur Dienst, nur Menschenwerk und
Menschengewöhnung, freche Setzung und verhärtete Satzung ist; wo diese
Übereinstimmung zwischen Verehrung und ewigem Grund zur Verehrung
fehlt, da waltet Idolatrie. Der besinnungslose, von der Leidenschaft
vergiftete Wille, der sich mit seiner eigenen Wertung an das eigene
Gemächte klammert, ist kindische Raserei, wenn der Gegenstand der
Anbetung nicht das Bildnis, das Urbild des Verdienstes ist.
Aber Troilus gibt sich noch nicht besiegt. Nichts kann ihm sein Gefühl
nehmen: wo’s um Ehre geht, muß Urteil, Analyse, Erwägung des Vorteils
schweigen. Er nimmt sich zusammen, sucht nach Beispielen, und das
erste, das er nun in warmer Beredsamkeit anführt, liegt ihm, er ahnt
nicht wie sehr, nahe genug. Wenn ich heute ein Weib nehme, von meinem
Willen geleitet, von dem Willen, der wieder von den Sinnen entzündet
wird, und nun, wenn ich sie erst habe, wendet sich mein Wille von
ihr ab, -- kann ich sie wieder los werden? Wir, im Zeitalter der
Ehescheidung und Ehezersetzung, sagen ja; Troilus sagt: Nein, die Ehre
verbietet’s. Und er gibt andre Beispiele, die noch näher den Fall
selbst, um den es geht, Helenas Fall, berühren. Gibt man dem Händler
die Seidenstoffe zurück, die man selber schmutzig gemacht hat? Wirft
man übrig gebliebenes Essen, weil man selber voll ist, zu Müll und
Kehricht? Und nun lenkt er die Blicke auf den Ursprung dieses Krieges
zurück. Hat nicht das ganze Volk gejauchzt, als diese Sache anhob? Wie
ging’s denn an? Wie all diese Seeräuberkriege! Die Griechen hatten
irgend eine alte Tante von den Trojanern in Gefangenschaft, und Paris
zog aus, um einen Rachestreich zu vollführen. Welcher Jubel begrüßte
ihn, als er die schönste Griechenkönigin heimbrachte! Die Ehre fordert
es, daß man bei dem bleibt, was man begonnen, als bei sich selbst.
Das wäre ja freilich Diebstahl und der allerniedrigste dazu, wenn man
nicht halten könnte, was man genommen hat. Haben wir Helena für ihr
eignes Land ehrlos gemacht, so fordert es die Ehre, daß wir sie bei
uns behalten in sicherer Hut. Man sieht, Troilus kennt in seiner Zeit
der Ritterlichkeit zwar nicht die Ehescheidung, aber den Ehebruch und
Eheraub, dann aber wieder nicht die Treulosigkeit des Ehebrechers gegen
die, die er an sich gerissen hat.
In diesem Augenblick, wo wir in der Schwebe stehen zwischen den guten
Gründen, die für die Beendigung und die für die Fortführung des Krieges
sprechen, dringt der Wehruf zu uns:
Weint, Troer, weint!
Ich aber möchte mein eigenes Weinen dazu geben, darüber, daß diese
erhabene Szene, daß dieses große Geschichtsdrama, diese Tragödie,
in der die Vernunft von heiligen und unheiligen ererbten Gefühlen
bestritten und angetastet wird, den Völkern, dreihundert Jahre nachdem
der Geist des Dichters in ernster Zeugung das Werk uns gegeben
hat, noch nicht lebt, daß es nicht von der Bühne herunter, kaum
für verstehende Leser seine Wirkung tut. Kassandra naht in diesem
Augenblick mit ihrem Wehruf und wiederholt ihn:
Weint, Troer, weint!
Und dann schwankt sie im Zustand der Verzweiflung herein und sagt
Ilions Untergang voraus:
Weint, Troer, weint! Hie Helena und Weh!
Weint! Troja brennt, sagt ihr nicht zu ihr: Geh!
Aufs äußerste erschütternd ist es, wie jetzt Hektor sich hält. Nichts
gibt es in Wahrheit für ihn, wovor die Vernunft zurücktreten müßte.
Die Prophezeiung Kassandras, „die hohe Hingerissenheit der Ahnung“ in
den Rufen der Schwester nimmt er ganz in seine Besonnenheit auf, und
tief ernst redet er dem Bruder zu, weist ihn nachdrücklich auf seine
Jugendlichkeit hin und bittet ihn, die Stimme der Vernunft und die
furchtbare Warnung der Schwester zu hören. Troilus ist so beharrend,
wie er feurig ist; er bleibt bei seiner Meinung; was Kassandra sagt,
ist ihm nur „hirnkrankes Rasen“. Und jetzt greift auch noch der ein,
den’s von Priamus’ Söhnen am nächsten angeht: Paris. Und wenn sie
alle sich wendeten, so wollte er ganz allein für seine Tat weiter
einstehn; Verrat an Helena, Schmach an der eignen Würde, Schimpf für
ihn wäre es, wenn die Trojaner Helena hergäben! Sie ist die Krone aller
Schönheit; der Kampf um sie der schimmerndste Ruhm. Und nun fällt
Hektor die Entscheidung. Überzeugt ist er in nichts; lächelnd meint
er, sie hätten eben gesprochen wie junges Volk, das Aristoteles für
noch unreif erklärt hat, Moralphilosophie auch nur zu hören. Und noch
einmal erklärt er sich: Das Recht der Natur gebietet, dem Eigentümer
zurückzugeben, was ihm gehört; und es gibt kein heiligeres Anrecht als
das des Gatten an sein Weib:
So spricht Natur- und Völkerrecht gleich laut,
Daß nach der Sitte sie zurück muß: Unrecht
Wird besser nicht, wenn man darin verharrt,
Nein, macht das Unrecht ärger --,
aber diese Vernunft, zu der er sich bekennt, und dieses Recht gewähren
Sicherheit und Vorteil: und dies ist der Punkt, wo Ehre und Scham sich
in ihm gegen die eigene Einsicht bäumen. Seine Vernunft ordnet sich
keiner andern Regung, die sie von außen mit Schwall überfluten will,
unter; aber das eigne Gefühl unterdrückt sie nun und weist sie fort.
Seine Einsicht ist noch jung und darum schwach, unsicher, unheilig,
ohne die Wurzel und den warmen, schönheitsvollen, geschwellten
Gefühlsappell und Mantel der Tradition; und, den Untergang vor Augen,
der, wie es das Verhältnis der vom Geist geleiteten Tat zur echten
Prophetie ist, noch vermieden werden könnte, wenn Hektor beharrlich in
seinem Neuen stünde, wenn der Mensch nicht aus Versklavung unter das
Alte, das als heiliges Gefühl weiterlebt, seiner eignen Wahrheit untreu
würde, ein Frevler an seiner Bestimmung, gibt er nach. Der Lockung der
Ehre und des Ruhms, dem Ruf der Jungen, aus denen das Uralte spricht,
der eigenen Kampflust auch und der Scham, mißdeutet zu werden, kann er
nicht widerstehen; er gibt nach, obwohl er alles weiß, das Recht und
das Ende: der Krieg soll weitergehn.
Das ist nun freilich eine Ergründung im Innersten eines Helden und
Führers seines Volkes und ein Konflikt, von dem Homer nichts gewußt
hat. Shakespeares Hektor ist wieder ein großes Beispiel für die Art,
wie dieser Dichter, indem er innere Erlebnisse von Menschen, Zustände
und Stufen der Gesellschaft und der Geschichte schildert, die nicht
Zufälliges und Vergängliches, sondern Allgemeines und Bleibendes
bedeuten, doch keine Typen und Schablonen, keine abstrahierten Muster
hinstellt, sondern als Repräsentanten von Gattungsmäßigem einmalige,
geschaute, in Besonderheit schimmernde, unvergeßliche Gestalten
aufbaut. Dieser Trojanerfürst ganz besonders ist ein Mann, der zu uns
her und über uns hinaus unterwegs ist: die ~discretion~, die
Vorsicht und Erwägung, die in dem aus dem Rittertum heruntergekommenen
Sir John Falstaff erbärmlich persönliche Feigheit ist, so glänzender
und scharfer Vernunftgründe sie sich auch bedient, will in Hektor ein
nicht mehr egoistisches, ein Bürgerprinzip für’s Gemeinwesen werden,
will aber die Ritterlichkeit, wie sie Prinz Heinz, wie sie Hektor
selbst repräsentiert, mit in dieses Gemeinwesen aufnehmen und strebt so
nach einer Einheit, nach einem Organismus, der für Hektor, ich glaube,
der erst recht auch für uns noch unterwegs ist.