Die alte Frage, die Hamlets Geist nie losläßt, die Frage nach Leben

und Tod, nach unsrer Aufgabe hier im Leben und nach dem Los, das unser

nachher wartet, beschäftigt ihn aufs stärkste nach seiner Rückkehr

aus England. Gerade ist er dem gewaltsamen Tode entronnen und nun

hat er wieder den Tod vor Augen, da er auf die Ausführung seiner Tat

sinnt. Am Hof läßt er sich vorerst nicht sehen, seinen Freund Horatio

trifft er im Freien vor der Stadt, und so kommen sie zusammen auf den

Kirchhof. In den Betrachtungen bitterster Art, die er da anstellt,

lebt nicht mehr das Bangen vor der Ewigkeit, sondern der Schauder vor

der Vergänglichkeit. Alles ist eitel; alle werden wir Würmerfraß!

Diese anschauliche Erkenntnis aber gestaltet er, zumal nachdem er

den Schädel Yoricks des Narren in der Hand gewiegt hat, den er, als

er noch ein kleiner Bube war, so oft hat lachen und alle zum Lachen

bringen hören, zu grotesk eindringlicher Stärke. Die Einsicht in

den argen, höhnischen, unbegreiflichen Ernst dieser Welt macht ihn

wieder produktiv und bringt ihn in gesteigerte Stimmung; und in diesem

Augenblick sorgt sein Schicksal dafür, daß sein Weltschmerz persönliche

Gestalt annimmt: das Grab, das der Totengräber gegraben hat, ist für

Ophelia bestimmt; eben wird ihr Leichnam gebracht. Ophelia tot! Wie er

Laërtes im Schmerz, um die Tote noch einmal in die Arme zu nehmen, ins

offene Grab springen sieht, wie er seine hohen Worte der Klage hört, da

schnellt wieder alles in ihm empor wie eine Feder, die gepreßt war und

nun befreit ist. Was er verscharrt hatte, arbeitet sich mächtig hoch;

er, den niemand hier erwartet hatte, zeigt sich plötzlich vor dem König

und dem gesamten Hof und springt ins Grab. Laërtes muß es für tollen

Hohn des Verbrechers nehmen, der ihm den Vater getötet, die Schwester

in den Tod gejagt hat, und ringt mit ihm. Das wundert Hamlet erst gar

nicht; er nimmt es als leidenschaftlichen Wettkampf gepeinigter Liebe:

Ich liebt’ Ophelien! vierzigtausend Brüder

Mit ihrem ganzen Maß von Liebe hätten

Nicht meine Summ’ erreicht!

Er steht wieder im Augenblick; er fordert mit seiner Kühnheit die

Welt heraus, keinen Übergang braucht’s von einem Denken zum Tun; er

ist spontan, ist der Täter, der lustvoll ein Gleichnis des Göttlichen

erlebend gestalten darf. Der König, der ihm von dämonischer Ewigkeit

her als Ziel seiner Tat gewiesen ist, steht dabei; aber was geht der

fremde Kerl ihn an, wo er im Augenblick göttlichen Enthusiasmus steht?

Auf nichts weniger in der Tat achtet er in diesem Augenblick als

auf diesen Mörder seines Vaters; aber doch ist dies der Moment, der

alles entscheidet. Es kommt zu dem Zweikampf mit Laërtes, den des

Königs Intrige schon vorbereitet hat -- zu der Grundursache kommt bei

Shakespeare wie in der Natur noch die Gelegenheitsursache hinzu --,

und sein Schicksal vollendet sich im Untergang seines Hauses. Noch

einmal vor dem eignen Ende hat der Sterbende Gelegenheit, blitzschnell

gereckt und zusammengerafft seine ganze Seele in die Tat zu legen:

diesmal endlich trifft’s den Usurpator. Und so ist die „Gottheit, die

das Ende formt“, doch -- ganz nach der tiefen Einsicht, die sein ewiger

Widerpart, der Mörder, hat aussprechen dürfen -- ein Göttliches, das

ihm in der Brust wohnt: die Übereinstimmung zwischen Seele und Tat; und

es ist gekommen, wie er es immer geahnt und so oft bedacht hat: für ihn

ist Tat und Tod beisammen; um der toten Geliebten willen hat er die

rasche Tat getan, die ihn vor das Schwert seines legitimen Feindes und

dazu noch vor das Gift des großen Frevlers brachte; als Todgeweihter

hat er die Rache vollbracht.

Ein Todgeweihter von Anbeginn und ganz unabhängig von der zufälligen

Handlung, in die das Schicksal ihn hineinspielt, ist Hamlet, weil er

in diese Welt der Gewalttat, Lebensgier und Feilheit nicht paßt. Der

menschlich Echte, der Liebe- und Gefühlvolle und zugleich vernünftig

Denkende findet sich gequält, verstoßen, vereinsamt in einer kalten,

hofmäßigen, mörderischen, heuchlerischen, politischen Welt.

Nie, in keinem Augenblick hat Hamlet das Geringste mit Macht und

Ehrgeiz zu tun; die kriegerischen Vorbereitungen, die er im Staate

Dänemark mit ansehen muß, erfüllen ihn mit Ekel, und er wundert

sich nicht, daß sie in häßlichen Sinnentumult und wüst trunkene

Bankettstimmung eingepackt sind. Die Frage, ob nicht er thronberechtigt

gewesen wäre, ob er nicht auch sein Kronrecht an dem Usurpator zu

rächen habe, wird gar nicht aufgeworfen: er gehört einer solchen

Welt nicht an. Hamlet ist von Natur aus stark; schwach nur in einer

unmöglichen Situation; wo er eine Rolle spielen und nicht er selber

sein soll, da nimmt er noch einmal eine Maske vor, um in rebellischem

Trotz und polemischem Lachen leben zu können. Er ist der letzte

Sproß eines wilden, auf die rohe Tat gestellten Königsstammes und

ist adlig-unköniglich wie Heinrich VI. Noch bewundert und beneidet

er den Helden, der in der Einheit steht; noch springt immer wieder

das Heldengeblüt in ihm zur physischen Tat heraus; noch bekennt er

sich nicht, daß er in einem andern Lager steht; und dies ist sein

Zwiespalt und sein Schicksal: daß er eine heldische Natur ist mit neuem

Inhalt, auf neuem Gebiet; ein Held und ein Geistiger, ein Held und ein

Künstler; daß er es aber nicht weiß und daß an ihn von der Verschuldung

seines Stammes der Ruf nach der Tat des Alten ergeht, dem sein Blut

gehorcht, dem seine Phantasie nachgeht, die in dieser Rache das große

Sinnbild der Heldenhaftigkeit sieht, wie diese Phantasie in allem

ein Gleichnis findet; der Ruf, dem sein Geist mit dem Inhalte seines

Denkens dienen will, wo er doch die Erfüllung mit der Form dieses

Denkens hemmt, verzögert und von sich schiebt. Höchst königlich hätte

er sich bewährt, wie es über seiner Leiche Fortinbras rühmt; ja, aber

in einer neuen Welt, im Reich des Geistes, nicht im Reich der Politik

und Gewalttat, nicht in dem faulen Staate Dänemark.

Sehr schön hat da wieder Strindberg etwas in Hamlet gesehen, was er

selber in seinem Wesen hatte und was in der Tat in dem Stücke liegt,

wiewohl es selten bemerkt wird. Strindberg war wie Hamlet ein Mann,

der gegen die Zustände, auch gegen einzelne Menschen, wenn er sie

als Repräsentanten nahm, böse und giftig sein konnte, sonst aber, im

Umgang, ganz besonders hold und gütig war. Und so sagt er von Hamlet:

„In der natürlichen Anlage dieses Jünglings, der wohl von Geburts

wegen nicht recht zu Hause ist in diesem Gefängnis und Jammertal,

gibt es einen Zug, einen rein göttlichen: daß alle Menschen für ihn

gleich sind. Er verkehrt mit dem Hofnarren Yorick, mit Schauspielern,

Studenten, und wenn er mit den gemeinen Totengräbern spricht, ist

er höflich und nicht hochmütig. Drum wird er auch von den kleinen

Leuten, dem Volk verehrt. (Auch, füge ich hinzu, mit den aufs Meer

hinausgestoßenen Verbrechern, den Seeräubern, versteht er sich sofort.)

Aber Hamlet ist darum kein Demagog, der vor dem Pöbel kriecht, um Macht

zu erringen. Sein Standpunkt ist so universell menschlich, daß er über

allem schwebt, über Thron und Hof, Gesellschaft und Gesetz...“

Shakespeares Mannesideal waren ganz gewiß Naturen wie Fortinbras und

Prinz Heinz-Heinrich V., die Ritterlichkeit und Volkstum in sich

vereinigten, die schön und gut in der Welt herrschten, aber die Welt

ertrugen; doch schon geht er einen Schritt weiter, er, der an der

Grenze zweier Zeitalter steht und daraus seine ungeheure Weite zieht,

schon schildert er den geistigen Menschen der neuen Tat, den Menschen

der Republik, der in dieser unsrer Welt der Vereinsamte, der Aufrührer,

der Höhnische und der Dichter ist, der Worte ballen muß, weil man

ihm nicht Menschengesellschaften zu formen gönnt. Schon kündet sich

in Shakespeare und seinem Hamlet eine Zeit und eine Gesellschaft an,

die auch für uns noch weit entrückte Zukunft ist. Und darum, weil der

Zwiespalt, den er in sich und der Welt gewahrt und geißelt, unsre eigne

Zerrissenheit ist, steht uns keine Gestalt Shakespeares so schmerzlich

nahe wie diese. „Hamlet ist Deutschland“ -- sagten die Revolutionäre im

Vormärz Freiligrath nach und hatten recht; Hamlet ist die Menschheit

-- müssen wir heute noch, dürfen wir heute schon sagen. Wie sein

Unvermögen, wenn er denkt, das Alte zu tun, so die Kraft seiner Kritik

und seiner spontanen Tat zeigen uns den Punkt, in dem wir stehen, nicht

als einen Ruhepunkt, sondern als geworden Werdendes; wir sehen, woher

er kommt, und wohin er geht, und wir mit ihm.

Troilus und Cressida

Troilus und Cressida gehört zu Shakespeares bedeutendsten Stücken;

wenn mich irgend etwas zwänge, nur fünf seiner Dichtungen besitzen

zu dürfen, wäre dieses Drama dabei. Daß es heute ein im allgemeinen

unbekanntes und verkanntes Werk ist, kommt in erster Linie von den

starken Anforderungen an die Reife, die es stellt; in zweiter von der

gewaltig gedrängten Sprache, der bisher noch keine Übersetzung genugtun

konnte. Daß die Ausleger mit diesem Stück ganz besonders wenig anfangen

konnten, ganz besonders übel mit ihm umgesprungen sind, ergibt sich

aus dem Umstand, den ich an erster Stelle nannte. Trotzdem sollte man

nicht für möglich halten, was das Drama sich von zweien unter ihnen,

die sich als Bearbeiter aufgetan haben, gefallen lassen mußte. Adolf

Gelber gibt einem Enthusiasmus ohnegleichen Ausdruck; findet dann Ideen

darin verkörpert, die völlig Gelber und gar nicht Shakespeare sind,

macht auch nicht den vergeblichen Versuch, diese Gedankengänge in

Shakespeares Szenen und Worten zu finden, sondern arbeitet das Stück

völlig um und dichtet ganze lange Szenen dazu! Ernst von Wolzogen

dagegen -- es war so ungefähr um die Zeit, wo er mit dem Überbrettl

umging -- empfiehlt, das Drama ja nicht zu überschätzen; es sei eine

lustige Posse, nichts weiter; und so behandelt er es denn als Bierulk

und wirft alles hinaus, was zu dieser Auffassung nicht paßt.

Genug davon. Ich hoffe, man wird, wenn ich mit meiner Darstellung der

Dichtung fertig bin, empfinden, warum ich dieses seltsam schöne Kriegs-

und Liebes- und Gesellschaftsdrama, dieses Drama der Geschichte im

großen Sinne auf die Brutus- und Hamlet-Tragödie folgen, dem Othello

vorausgehen lassen wollte, obwohl es ganz gewiß später verfaßt ist.

Im Druck erschienen ist Troilus und Cressida zuerst 1609;

wahrscheinlich ist es auch um diese Zeit herum verfaßt worden.

Dieser Quartausgabe ist als Vorrede die Epistel eines Herausgebers

beigegeben, der unbekannt ist, der mir aber ein tieferes Verständnis

für Shakespeares Wesentliches gehabt zu haben scheint, als wir es sonst

bei seinen Zeitgenossen treffen. Er bezeichnet das Werk als Komödie und

rühmt im allgemeinen „dieses Autors Komödien“, die, meint er, besser

~commodities~, Sinnspiele, oder ~ plays for pleas~, Gerichtsspiele,

heißen würden und „die so nach dem Leben gebildet sind, daß sie als

der allgemeinste Kommentar für alle Handlungen unsres Daseins gelten

können“.

Dieser Mann, der sich im Gegensatz zu dem „Leser aller Zeiten“, an den

er sich wendet und den er „einen immer Lesenden“ nennt, als „niemals

Schreibender“ bezeichnet, versichert ausdrücklich, das Stück sei noch

nie aufgeführt worden; die Wahrscheinlichkeit, daß das wahr ist,

dünkt mich sehr groß; und ich vermute darum, daß Shakespeare selbst

diesmal Wert darauf legte, das Stück Lesern bekannt zu geben. Wir haben

Exemplare derselben Druckausgabe, denen die Epistel fehlt und die ein

anderes Titelblatt haben, auf dem nun zu lesen steht, daß das Stück von

den Schauspielern des Königs im Globe-Theater aufgeführt worden sei; da

dieser Titel auch die Jahreszahl 1609 trägt, ist anzunehmen, daß das

Stück im selben Jahre erst gedruckt und dann aufgeführt wurde.

Auch in der ersten Gesamtausgabe, der Folio von 1623, hat das Stück

sein besonderes Schicksal gehabt, das es von den anderen abhebt. Schon

die Ausgabe von 1609 war im Zweifel gewesen, welcher Kategorie das

Stück einzureihen sei; auf dem Titelblatt hieß es eine Historie, in der

Epistel eine Komödie. Im Inhaltsverzeichnis der Folio kommt Troilus

und Cressida gar nicht vor; im Text steht es als erste der Tragödien,

vor Coriolan; es trägt aber keine Seitenzahlen, die Paginierung dieser

Abteilung beginnt erst mit Coriolan; nur die zwei ersten Seiten des

Trojanerdramas tragen die Zahlen 79 und 80. Wahrscheinlich ist die

Aufnahme des Stücks erst nachträglich beschlossen worden, und offenbar

sollte es zuerst an eine andere Stelle kommen: den Zahlen nach zwischen

die Liebestragödie Romeo und Julia und die Tragödie des Menschenhassers

Timon, und das wäre ein ausgezeichneter Platz gewesen; aber so, wie es

jetzt dasteht, als etwas nicht Einzuordnendes, zwischen den Historien

und Tragödien, vor dem ersten Römerdrama Coriolan und hinter Heinrich

VIII., als ob es zugleich in der neuesten Periode der englischen

Geschichte und im frühen Altertum spielte, steht es auch sehr sinnvoll

da.

Was den Stoff angeht, so ist kein Zweifel, daß Shakespeare Homer

gekannt hat; der war auch vorher nicht unbekannt und in einer

französischen Übersetzung leicht zugänglich; jetzt aber hatte Georg

Chapman, mit dem Shakespeare persönlich verkehrt haben wird, die

Ilias ganz vortrefflich ins Englische übersetzt; die ersten sieben

Gesänge lagen seit 1598 im Druck vor, das Ganze kam erst 1611 an die

Öffentlichkeit. Von den besonderen Vorgängen des Dramas freilich, die

mit Hektors Tod in unlösliche Verbindung gebracht sind, steht in der

Ilias nichts; Troilus wird von Homer nur einmal flüchtig mit Namen

genannt. Aber die Geschichte von Troilus und Cressida war überaus

beliebt und ist in griechischen, lateinischen, mittelalterlichen

Gedichten und Romanen oft behandelt worden; Troilus und Cressida

gehörten zu den hochberühmten Liebespaaren. Shakespeare wird das

Gedicht Filostrato (Der Liebesgeschlagene) von Boccaccio gekannt

haben und ganz gewiß seine Neugestaltung durch Chaucer; Chaucer ist

der Schöpfer des Kupplers Pandarus; sein Gedicht und besonders diese

Gestalt waren so populär, daß ~pandar~ einfach das Wort für Kuppler

wurde. Die von Caxton bewirkte Übersetzung eines französischen Romans,

die aus dem Jahr 1471 stammt, wird Shakespeare auch bekannt gewesen

sein.

Auf die englische Bühne sind die Gestalten des Dramas schon vor

Shakespeare gekommen, so Thersites als Typus des Maulhelden in einem

nach ihm benannten Zwischenspiel von John Heywood, das aus dem Jahr

1537 stammt, aber erst über zwei Jahrzehnte später gedruckt wurde: eine

rohe und salzlose Hanswurstiade. Sehr interessant wäre es, ein Stück

Troilus und Cressida von Dekker und Chettle kennen zu lernen, das von

1599 stammt und auch zur Aufführung kam, wahrscheinlich sogar 1603 von

Shakespeares eigener Gesellschaft gespielt wurde; aber wir besitzen es

nicht und wissen nichts weiter davon.

Die völlig freie, unbekümmerte, die klassizistische Mode seiner und

jeder Zeit durchkreuzende Stellung Shakespeares zur Antike hat den

Erklärern stets besondere Schwierigkeiten bereitet; oft gingen sie

an das Stück heran wie an eine Verirrung, die der Entschuldigung

bedurfte, oder eine Art Tempelschändung. Um so schöner ist es, daß

Goethe, freilich in der Zeit, wo er mit Helena und Klassischer

Walpurgisnacht selbst sich wieder einmal in neuer Art frei zur Antike

stellte, mit großartig verstehender Unbefangenheit sich über das Stück

äußerte, das ihm besonders am Herzen lag. So schreibt er im Jahr

1824 in dem Aufsatz „Über die Parodie bei den Alten“, der aus dem

Briefwechsel mit Zelter hervorging: von einer Parodie oder Travestie

Homers durch Shakespeare könne gar keine Rede sein; es handle sich um

zwei innerlich von einander unabhängige Kunstwerke „mit zwiefachem

Zeitsinn“: „Das englische Meisterwerk darf man betrachten als eine

glückliche Umformung, Umsetzung jenes großen Werkes (der Ilias) ins

Romantisch-Dramatische.“ Es sei, sagt Goethe, der von den späten

Rittergedichten, die den Stoff behandelten, auch Kenntnis hatte,

„ganz Original, als wenn das Antike gar nicht gewesen wäre“. Er

deutet auch an, in der behutsam allgemeinen, orakelhaften Art seines

Altersstils, der die Meinung nicht eigentlich ausdrücken, sondern für

Eingeweihte enthalten sollte, daß Shakespeare im Gegensatz zu Homer

einen Kreis von Problemen behandelte, die unserer, der neueren Zeit

angehörten; er sagt: „Es bedurfte wieder einen eben so gründlichen

Ernst, ein eben so entschiedenes Talent als des großen Alten, um uns

ähnliche Persönlichkeiten und Charaktere mit leichter Bedeutenheit

vorzuspiegeln, indem einer späteren Menschheit neuere Menschlichkeiten

durchschaubar vorgetragen werden.“ Wer Goethe gründlich kennt, weiß,

daß er damit auch darauf hindeuten will, Troilus und Cressida sei in

dem großen Sinn, den er manchmal mit dem Wort verband, ein Pasquill

gegen die Herrschenden. Mit einem ähnlichen Privatvergnügen empfahl

er das Stück wohl 1826 Eckermann: „Wollen Sie Shakespeares freien

Geist erkennen, so lesen Sie Troilus und Cressida, wo er den Stoff der

Ilias auf seine Weise behandelt.“ Man muß sich gegenwärtig halten, wie

hoch Homer für Goethe stand, um zu bemerken, auf welche Stufe er mit

dieser Gleichsetzung Troilus und Cressida erhob. Goethe hat den Dichter

dieses Stückes als Ebenbürtigen neben Homer gestellt, dessen Gestalten

Shakespeare ohne die Spur eines philologischen Respektes für seine

Zwecke benutzte; und Goethe hat recht daran getan.

Ich will noch einen andern, einen Zeitgenossen Shakespeares nennen,

von dessen Hauptwerk Shakespeare in seiner völlig freien und

selbständigen Art die Grundstimmung und Gesinnung wiederholte, ich

halte für möglich -- mehr sage ich nicht -- mit Kenntnis dieses Werks:

Cervantes. Der Don Quixote -- der erste Teil, der ursprünglich keinen

zweiten erwarten ließ -- erschien 1605; in den nächsten Jahren gab

es weitere Auflagen, auch in Mailand und Brüssel erschienen Ausgaben

des Buches; die erste englische Übersetzung erschien 1612, etliche

Jährchen nach Troilus und Cressida, im Druck. Daß Shakespeare spanisch

gelesen hat, nehme ich nicht an, obwohl gar nichts dagegen spräche;

daß er die englische Übersetzung schon vor ihrer Drucklegung gekannt

hat, will ich auch nicht annehmen, obwohl auch das sein könnte; aber

daß in seinem Freundeskreis von diesem Buch und dem Geist, der es

erfüllte, gesprochen wurde, daß er darüber alles mit Leichtigkeit

erfahren konnte, was er wissen wollte, ist mir sehr wahrscheinlich. Wie

dem auch sei, ob mit oder ohne Kenntnis von Cervantes: Shakespeares

dramatische Ilias erkläre ich für seinen Don Quixote. Die Elemente des

Stückes finden sich alle schon gelegentlich in andern Stücken: eine

spezifisch moderne und bürgerliche Auffassung ist aus mancher Äußerung

Falstaffs und vor allem nicht bloß aus Äußerungen, sondern aus einer

wesentlichen Wendung der innern Handlung im Hamlet herauszuspüren;

die Liebeskritik, von den Sonetten ganz abgesehen, findet sich in

manchen Lustspielen, vor allem im Sommernachtstraum; und seine Zweifel

am Ritterwesen und dem ritterlichen Frauenkultus, dem Frauenkampf,

dem Frauenkrieg hat er auch gelegentlich schon früher geäußert. Das

Auszeichnende aber an Troilus und Cressida ist, daß diese Dinge, die

hier genannt wurden, in der Mitte der Darstellung stehen und geradezu

systematisch behandelt werden. Daß dazu der Don Quixote eine Anregung

gegeben hat, ist möglich; mehr zu sagen verhindert mich kritische

Vorsicht und dazu die Erwägung, daß ein solcher Zusammenhang in keinem

Fall, auch wenn er beweisbar wäre, mehr wäre als interessant. Denn

viel wichtiger ist, daß es sich um eines der allerpersönlichsten und

um eines der zutiefst die Allgemeinheit und ihre Zustände und innern

Halt- und Bewegungsmächte angehenden Werke Shakespeares handelt. Wie es

Cervantes’ Größe ausmacht, daß er den Kampf zugleich für das Bürgertum

und -- kurz gesagt -- für die heroisch-ideale Gesinnung des Geistigen

gegen den Philister führt, so ist es die Bedeutung von Shakespeares

Troilus und Cressida, daß der Dichter hier, indem er seinen grimmigen

Krieg gegen die Weiber- und Brunsthelden führt, das Positive zeigt,

das statt dessen die Gesellschaft neu aufbauen soll: die Freundschaft.

Ich bezweifle nicht, daß diese Dinge, die in der Mitte des Stückes

stehen und es in die nächste Beziehung zum Thema der Sonette setzen,

hauptsächlich Schuld daran tragen, daß die meisten Gelehrten es mit

einer gewissen Angst und Genierlichkeit zu tun bekamen, wenn sie an

dieses Drama herangehen mußten. Solche prüde und also häßlich, sei’s

auch nur mit Verlegenheit, mißdeutende Zimperlichkeit kann aber an den

tiefen Ernst und die Hoheit der Dichtung nicht rühren.

Zu dieser inhaltlichen Schwierigkeit kommt nun noch die formale, die

damit in Zusammenhang steht und hier schon berührt wurde. Ist es eine

Parodie? eine Travestie? eine Satire? eine Burleske? eine Komödie? eine

Tragödie? eine Tragikomödie? Daß das Stück auf keine Art eine Parodie

oder Travestie Homers sei, ist mit Goethes Worten schon gesagt worden;

satirische Elemente hat es genug, und einmal wird sogar etwas wie eine

Parodie auftauchen, zwar nicht auf Homer, aber auf Shakespeare selbst;

trotzdem scheint mir für keinen Empfindenden ein Zweifel möglich, daß

der tragische Ton alles andre überklingt. Wie es sich damit verhält,

soll sich zeigen, nachdem wir das Stück näher betrachtet haben.

Mitten hinein in den trojanischen Krieg werden wir gestellt. Und

gleich der Prolog betont scharf, um was dieser Völkerkrieg tobt:

neunundsechzig Fürsten sind mit einer gewaltigen Flotte „und allen

Maschinen des grausen Kriegs“ von der Reede zu Athen losgesegelt, um

Troja dem Boden gleich zu machen,

in dessen festen Mauern

Des Menelaus Gattin, Helena,

Entführt, mit dem wollüst’gen Paris schlief.

Darum der Streit!

~And that’s the quarrel!~

Sofort zu Beginn wird dieses Thema aufgenommen von dem Trojanerjüngling

Troilus, dem jungen Sohne des Königs Priamus, der sich in

Liebessehnsucht verzehrt. Er hat in dieser Verfassung immer wieder

Stimmungen, wo er gar nicht begreifen kann, warum da gekämpft wird.

Das Blasen der Kriegstrompeten schlägt an sein Ohr nur wie heilloser

Lärm. Um Helena geht es? Ja, soll ihr etwa das viele Blut, das um sie

verspritzt wird, ein Schmuck sein, soll sie davon schöner werden? Sein

Werben um Cressida erlebt er wie im Traume, als ob zwischen ihm und

ihr ein ungeheurer Völkerkrieg tobte, oder wie wenn sie eine Perle im

fernen Indien wäre, die er nun in der weiten Welt suchen müßte.

Shakespeare (Volume 1 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 20 / 27 段