Seit meine teure Seele Herrin war

Von ihrer Wahl und Menschen unterschied,

Hat sie dich auserkoren. Denn du warst,

Als littst du nichts, indem du alles littest ...

... gebt den Mann mir,

Den Leidenschaft nicht knechtet; hegen will ich

In Herzensgrund ihn, in des Herzens Herzen,

Wie ich dich hege.

Eine recht stattliche Gruppe kommt zusammen, wenn man die Männer

nebeneinander stellt, die bei Shakespeare zugleich von Trieb und

Niedrigkeit unterjocht und hellen Verstandes sind: bei Richard III.,

Falstaff, Jago und Edmund Gloster ist es sogar so, daß sie in all

der Häßlichkeit ihrer Gierversklavung vom Geiste her fast wie Freie

und Schöne sind. Einer von denen, die von Trieb und Gier tief in den

Schlamm getaucht werden, dabei aber, ohne sich Herausreißen zu können,

von ihrem eminenten Verstande so etwas wie kraftloses Gewissen und

untätige Reue geliefert erhalten, ist der König Claudius. Um Hamlet

nun steht es so -- das ist die Familienähnlichkeit zwischen Oheim und

Neffen, von der auch Tieck etwas bemerkt hat --, daß in ihm ebenfalls

der Geist keine rechte Beziehung zur Tat eingeht; sein Geist ist,

wie es in der Deklamation vom rauhen Pyrrhus heißt, neutral in dem

besonderen Sinne, daß er dem Schlechten zweifellos, der Tat des Guten

aber ebenfalls, wie zweifelnd, widerstrebt. Denn diese Tat des Guten

ist gefärbt von der Gesinnung der Zeit und der Tradition, die tief

im Blute sitzt; sie ist blutrot gefärbt, weil sie durchaus blutige

Rache für schändliche Tat begehrt. So schnell wie dem geübten Fechter

Hamlet der Degen die Parade führt, so schnell und zweifellos, sicher

wie der Instinkt bedient seine Natur in spontaner Entladung die

Forderung seines Blutes; sein Geist aber paßt nicht in diese Zeit,

sträubt sich und vermag die Tat des Alten nicht zu tun. Diese Mischung,

die Hamlets Wesen ausmacht, ist das spezifisch, das allezeit Moderne

an dieser Gestalt; modern ist Hamlet in diesem allgemeinen Sinn der

Stellung zwischen zwei Zeitaltern, des Zwiespalts zwischen dem Inhalt

der Blutforderung oder des Gefühls und aber des Denkens; im Sinn der

lähmenden Neutralität des Geistes, der sich von dem, was dem Gefühl

noch dringende Notwendigkeit ist, schon emanzipiert hat. Nur daß er’s

noch nicht weiß, nicht wissen will, sich nicht zugibt; dadurch, daß

das Denken zu Bedenken, die ~discretion~, die Unterscheidung und Prüfung

aller Umstände zu behutsamer Vorsicht, das Wissen zu Gewissen wird,

wirkt dieser Geist tatsächlich als Hemmung; mit den Worten dagegen,

die er zu sich selbst spricht, ist er wieder der Diener des Blutes

und hadert mit sich selbst. Wie kennzeichnend für diese komplizierte

Verfassung ist Hamlets Monolog nach der Pyrrhus-Deklamation: mit

beinahe hysterischer Gewalttätigkeit will er sich zur Tat antreiben; er

bringt es auch richtig bis zu den fürchterlichsten Schimpfausbrüchen

und Androhungen babarischster Rachetat, um gleich darauf sich selbst

auszulachen, daß er von dem Deklamator, der sich ganz in seinen

Gegenstand versetzt und mit ihm eins wird, nichts andres gelernt

hat als zu deklamieren. Erst also die Erkenntnis der schleunigen

Notwendigkeit der Tat; sie führt zu Worten; dann die Erkenntnis, es

dürften nun keine Worte mehr gemacht werden; die führt zu dem Bedenken,

am Ende stünde noch gar nicht fest, daß der Geist ein guter Geist

und sein Vater gewesen, daß sein Oheim die Untat begangen; und die

Vertagung der Entscheidung bis zur Wirkung des Schauspiels, das er dem

Verdächtigen aufführen will.

Nichts aber erschütternder und nichts genialer und kühner in der

Komposition, als wenn nach dieser Theateraufführung die beiden

Monologe zusammenstoßen: der Gebet- und Reueversuch des Königs und

der Racheversuch Hamlets. Wenn das recht gespielt wird, muß es uns

heiß und kalt überlaufen, da wir vor Augen und Ohren und Erkenntnis

das Schicksal der Menschheit haben, wenn wir gewahren: unsägliche

Verschiedenheit und unsägliche Gleichheit ist in diesen beiden, dem

Vaterbruder und dem Neffen, die einander beide zu morden begehren und

einander beide morden werden, weil der Bruder den Bruder, dem Sohn

den Vater ermordet hat. In so ähnlich grauenhaftem Mythus stellt der

antike Tragiker das unnennbare Schicksal der Menschheit dar, wie sie

aus Geist und Herzen, aus Wut und Stille heraus zu leben vermeint und,

Agamemnon wie Iphigenie, Klytämnestra wie Orest und all die andern mit

ihrem Leben und Lieben und Hassen, mit ihrem Planen und Tun und Leiden,

mit all ihrem gegenseitigen Morden nur miteinander den schauerlichen

Reigen vor dem Altar des Gottes tanzen, dem sie als Opfer urlängst alle

bestimmt sind. Shakespeare in seinem nämlichen grauenhaften Mythus

gestaltet dasselbe, nur daß wir dabei der Menschheit so tief ins Herz

und in die Abgründe des Wesens hinuntersehen, daß wir erkennen: die

Götter und Dämonen, die sie necken und plagen und hetzen, wohnen in

ihrem Innern. Shakespeare hat die Gebundenheit und Gefangenschaft des

Menschen tiefer gezeigt, weil er seine Freiheit gezeigt hat; weil wir

bei ihm schaudernd gewahren, daß wir alle unsre eignen Schließer, unsre

eignen Knechte, unsre eignen Mörder sind, und weil wir bei ihm das

ganze Räderwerk des innern Mechanismus erblicken, mit dem wir unser

Herz zu unsrer Folterkammer machen.

Hamlets Denken und Planen hat diesmal das Größte getan, dessen das

Denken fähig ist: es hat sich selbst aus dem Weg geräumt, hat den

Denkenden an die Kühnheit gebunden. Hamlets Plan entspricht wunderbar

der Natur des Königs nicht nur und der Besonderheit der Situation,

sondern ebenso Hamlets eigner Natur. Er kennt sich gut genug, der

eine in ihm kennt den andern gut genug, um zu wissen: führt er sich

erst auf den Weg der Kühnheit, so wird er ihn wundervoll kühn zu Ende

gehen. Und das tut er, und die Wirkung auf den Mörder, der seine Tat

vor sich auf der Bühne sieht und von dem Sohn seines Opfers in dürren

Worten ausgesprochen und kommentiert hört, die Tat, von der keine

Menschenseele etwas wissen kann, das Entsetzen des Mörders darüber

ist ungeheuer. Kein Zweifel nunmehr für den Rächer mehr möglich: der

Mörder, der Blutschänder ist überführt. Ein wilder Jubel kommt über

Hamlet; er singt, er tanzt fast, er improvisiert, sein Geist sprüht

Funken, zündende Funken, er hält gar nicht mehr an sich, denkt nicht

mehr daran, sich wahnsinnig zu stellen, und muß darum mit seinen

Anspielungen, seinen blitzenden Zornausbrüchen, seinen Gleichnissen

und Bildern denen, die nichts von dem ganzen Zusammenhang wissen,

gerade toll und gefährlich erscheinen. Dann kommt die Einladung der

gepeinigten Mutter an ihn, gleich jetzt, zu dieser nächtlichen Stunde,

zu ihr zu kommen. Wir ahnen, wie sie ganz aufgelöst ist vor Scham und

Entsetzen, wie sie nicht weiß, für wen sie zuerst fürchten soll, für

sich, für den Mann, für den Sohn. Er aber ist ganz einheitlich von der

Sohle zum Scheitel Flamme und Empörung: ja, er will zu ihr gehen, will

mit ihr ringen, will sie schütteln.

Wir wollen gehorchen, und wäre sie zehnmal unsre

Mutter!

Es kann keine entsetzlichere Rede geben von einem Sohn in dieser Kürze:

was gibt es für Mütter, was für Verhältnisse des Kindes zur Gebärerin,

was ist das für eine Mutter, die ins Ehebett des Mannes gestiegen

ist, der dem Sohn den Vater scheußlich getötet hat! Aber selbst wenn

sie die ist, die sie ist, diese Mutter, ich will kommen, die Mutter

begehrt’s, das Kind gehorcht! Und wie nun der Höfling, der von allem

nichts versteht, der seinen Dienst tut, ohne der allerschrecklichsten

menschlichen Erschütterung dessen, an dem er mit zudringlichen Fingern

nestelt, zu achten, wie diese glatte Kreatur, die nicht besser und

nicht schlimmer ist als jeder Durchschnittsbeamte oder gebildete Lakai,

ihm noch weiter zusetzt, da kommt, immer in Hamlets metaphorischer

Sprache, die die Umgangssprache dieses dichterischen Menschen ist, wenn

er in seiner Geschlossenheit steht, ein wahrhaft wonnevoller Ausbruch

über die klägliche Seele gegossen; wonnevoll nicht nur für uns, auch

für den in seinem Zorn überlegenen und aufgeräumten Mann selbst. Es

gibt aber keinen in seinem Grunde rechten Menschen, dem die Lust und

die Freiheit, gleichviel, welchen Ursprungs sie gerade sind, nicht

die Güte wecken. Und so wird auch Hamlet eben dadurch, daß sein Zorn

gegen sie und ihre Abgesandten aufs höchste gestiegen ist, auf diesem

Gipfelpunkt gut und mild gegen seine Mutter. Er denkt der Worte des

Geistes, seines Vaters: erschüttern will er sie, nicht töten. In dieser

Stimmung, angeregt zum äußersten, in vollem, klarem Wissen dessen, was

geschehen ist, was zu geschehen hat, macht er sich festen Schrittes auf

den Weg durch die hallenden Säle des Schlosses zu dem Nachtgespräch

mit der Mutter. Und da kommt er an dem König vorbei, der elend sich

krümmend an seinem Altare kniet.

König Claudius möchte beten, aber er kann nicht. Und mit einer

ungewöhnlichen Einsicht und dialektischen Kunst erklärt er sich den

Grund. Sein Wille zu beten, sagt er sich, ist in diesem Augenblick

stark; aber seine Schuld, nicht eine vergangene Schuld, sondern die

gegenwärtige, immer fortwirkende, daß er von allem, was er frevelhaft

an sich gerissen hat, nichts aufgeben, jegliches genießen will, ist

stärker. Er möchte bereuen; er weiß, die Reue kann die Gnade vom Himmel

herabziehen; die Gnade muß sich ergießen, wenn das Gebet der Reue

sie ruft. Die Reue kann alles, nur eines nicht: Nichtreue zur Reue

machen! Und er bereut ja gar nicht; Reue ist Aufgeben schuldigen Tuns,

Wiedergutmachen, aktive Unschuld, und der Segen, der der Seele Ruhe

schenkt, läßt sich nichts vormachen: der Himmel ist unbestechlich,

Macht und Reichtum gilt vor ihm so wenig wie Heuchelei.

Die stärk’re Schuld besiegt den starken Vorsatz,

Und wie ein Mann, dem zwei Geschäft’ obliegen,

Steh’ ich in Zweifel, was ich erst soll tun,

Und lasse beides.

Da haben wir wieder das Bild des Neutralen. Dieser König, der im

Zusammenhang seiner Schuld dabei ist, Hamlet umbringen zu lassen, ist

in diesem Augenblick in einer ähnlichen Situation wie der, der um

dieser Missetat willen ihm erst recht nach dem Leben trachtet. Aber

nicht bloß die Situation ist ähnlich; er auf der Seite des Schlechten

hat in sich ein ähnliches Verhältnis zwischen Verstand und Willen wie

Hamlet auf der Seite des Guten. König Claudius in seinem Verstand weiß:

es gibt ein Heil auch für ihn, auch jetzt noch; er trägt es in sich; er

braucht nur recht zu wollen und umzukehren; aber er weiß auch, daß er

dieses einzige, was not tut, nicht wollen kann.

Hamlet, der dabei steht und hinsieht, während dieses Denken des Königs

in seinem dunkeln Winkel vor sich geht, weiß jetzt gewiß, daß er den

Mörder seines Vaters vor sich hat. Er will ihn töten; er fühlt es

als seine Pflicht; die Hand sucht nach dem Schwert; aber das Denken,

das nämliche, das seinen Plan entworfen hat, der so völlig geglückt

ist, hält ihn zurück. Es fragt nicht im geringsten, was manche

Kommentatoren sagen: wie wollte er denn nachher seine Tat rechtfertigen

und die Schuld des Königs beweisen? Es sagt: die Strafe wäre zu klein;

am Ende käme der Mörder, wenn ich ihn in seinem Gebet töte, in den

Himmel; meinen Vater hat er in all seinen Sünden umgebracht, der

steht Höllenqualen in der Ewigkeit aus. Warten also heißt die Losung,

bis die Rache fürchterlicher vollstreckt werden kann. Dieses Denken

will nicht und macht sich Gründe vor; und im selben Augenblick, wo

Hamlet die Rache aufschiebt, weil der König im Gebet mit dem Himmel

vereinigt sei, sagt sich der König, für ihn gebe es keinen Himmel, weil

er nicht bereuen könne. Welche Höllenironie, daß in dieser Situation

Hamlet Gründe orthodox-dogmatischer Art beibringt, angeblich, um

raffinierter, grausamer zu töten, in Wahrheit, um nicht zu töten, weil

er es, sowie er im Denken steht, nicht vermag; daß dagegen der König,

der ruchlose Sklave der Gier, in feinem Verstande und hoher Bildung

vom ganz innig freien Christentum weiß: das Himmelreich ist in euch!

Man denke sich die Situation umgekehrt, dann sieht man, meine ich,

leuchtend klar, wie im Bilde, vor sich, was Shakespeare mit seiner

Seelenergründung bedeutet: das Umgekehrte wäre eben das, was Schiller

ganz sicher aus dieser Szene gemacht hätte, der schulmäßige Fall der

mit Charaktermasken arbeitenden Psychologie: König Claudius hätte

Gebete geplappert, weil er als Mörder im dogmatisch mechanischen

Aberglauben stünde, und Hamlet hätte das Himmelreich in sich getragen

und hätte sich klar gesagt, Blutrache sei für ihn ein überwundener

Standpunkt. Und damit hätte man diesen Typen auf den Grund gesehen

und hätte, wenn man Publikum wäre, sich dort an schönem Schwarz und

noch schönerem Rosa erfreut. Shakespeare aber zeigt seine Individuen,

wie sie unterwegs, wie sie zwischen den Zeitaltern, wie sie vielfach

und gemischt und unergründlich sind; wie in ihnen Trieb und Geist in

mannigfach verschiedenem Verhältnis miteinander in Streit liegen;

Shakespeare zeigt vor allem eine Weltordnung so wenig wie eine

poetische Gerechtigkeit, sondern eine Weltironie.

Leicht möglich, daß der reife Shakespeare, als er dieses Motiv in dem

früheren Stücke fand, daß, wer im Gebet stirbt, gleichviel, wer er

ist, und ununtersucht, wie er betet, in den Himmel kommt, daß er, dem

solche Vorstellung weltenfern lag, das Motiv ingrimmig stehen ließ,

weil für Hamlets Denken, für seinen Widerwillen, die Tat zu tun, jede

Ausrede, auch die dümmste, gut genug schien; denn dieses Denken ist

zwiefach: einmal tief in Verborgenheit Geist, der im Frieden und in

der Liebe steht; dann aber der klug bewegliche Diener des Fühlens und

Getriebenseins oder gar des noch sprachlosen Geistes selbst, wie in

diesem Fall Hamlets. Und überdies bot sich eben dem bitteren Dichter

hier die Gelegenheit, Hamlet und Claudius mit einander ironisch zu

vertauschen: Hamlet das denken zu lassen, was Unmögliches Claudius

ersehnen möchte; und diesem König in die Gedanken zu geben, was für

Hamlets Gerede die tiefste Widerlegung ist. Darum mag er dann das Motiv

der Orthodoxie auch schon, wo es das erste Mal auftaucht, im Bericht

des Geistes stehen gelassen haben; seine Kunst und Ironie aber hat

es vermocht, an der entscheidenden Stelle den Verbrecher selbst des

Dichters Wahrheit über das Verhältnis von Himmel und Gebet und Sünde

sagen zu lassen.

Nach dieser Begegnung, nach diesem Rückzug von der physisch rohen

Tat kommt Hamlet zur Mutter, und schon draußen vor der Tür ruft er:

Mutter, Mutter, Mutter! Denn nun, wo es gilt, mit Geist und Seele, mit

Sprachgestaltung eine Tat zu tun, nun ist er in seinem Element. Da

kommt die Begeisterung über ihn, da steht er in seiner Geschlossenheit,

da ist das Denken nicht Bedenken und Hemmung, sondern Geist und

Beflügelung; sein Blut wird Sprache und feurige Zornbeschwörung, von

der Rede her kommt Festigkeit und Raschheit auch in seine Muskeln

und seine Hand, und nun, wo er nicht im Plane, sondern im Gefühl

und der spontanen Sicherheit des Impulses steht, ist er imstande,

blitzschnell den König, der ihm in den Weg läuft, zu töten, und er tut

es sofort. Freilich war’s ein Irrtum, sein blitzender Wille hat den

König gestochen, und Polonius liegt als Leiche hinter dem Wandteppich,

-- welch wahnsinnig verworrene Welt für einen Menschen wie Hamlet!

Denkt er in Ruhe und spinnt seinen Plan, so vermag er nicht zu tun;

und handelt er unbesonnen, spontan, so verfehlt er sein Ziel und tötet

einen, dessen Tod ihm nachher schmerzlich weh tun wird.

Jetzt aber ist er so im Feuer der tatvollen, umwandelnden,

gestaltenden, schüttelnden Rede, daß er sich von dem Zwischenfall

kaum unterbrechen, gewiß nicht aus der Richtung bringen läßt; er geht

über seinen Totschlag an Polonius hinweg wie über eine rednerische

Entgleisung. Ja, seine Stimmung ist noch gesteigert, da nun die Rede

ihn zur raschen Tat befähigt hat. Wie gewaltig gestaltet er die

Sprache, um sie zum Ausdruck der Wirklichkeit zu machen! Wie modelliert

er die Bildnisse des Vaters und seines Mörders, mit welcher Kraft der

Polemik, der Karikatur, der Liebe, der Verklärung! Wie arbeitet er an

der Seele seiner Mutter, zumal nachdem der Geist gekommen ist und ihn

gemahnt hat; und wie gelingt es ihm, diese leicht verführte Frau, die

nie aufgehört hat, den Sohn innig zu lieben, zur echten Reue und zum

Weh zu verführen, in dem höchsten Maße, das ihre Oberflächlichkeit

zuläßt, und sie beinahe über sich selbst hinauszuheben. Der eine

Teil der Aufgabe, die ihm der Geist übertragen hat, soll ihm nur auf

seltsamsten Schicksalswegen, mit dem eignen Untergang, den sein Gefühl

von Anfang an mit dieser Tat unlöslich verbunden hat, gelingen; das

ist nicht die Sache, der er gewachsen ist: sich in die Welt der Schuld

hineinzustellen, Böses mit Bösem zu vergelten. Aber den andern führt

er durch; das ist seine Sache. Er ist kein Orest; er liebt die Mutter

und hat vom Jenseits den Auftrag, sie zu schonen. In dieser Tragödie

gibt es keinen Muttermord, sondern die Bekehrung der Mutter, die in die

Ermordung des Vaters verstrickt ist, durch den Sohn. So dürfen wir,

ohne jetzt im entferntesten an die äußerlich dogmatischen Rudimente zu

denken, die dem Stück noch anhaften, im ganz tiefen Sinn des Wortes

sagen: hier haben wir das christliche Gegenstück zum Atridenmythos der

Antike: die Mutter, die nie unschuldig am Mord des Vaters heißen darf,

die ihren Buhlen, den Mörder, neben sich auf den Thron gehoben hat,

wird von dem Sohn nicht ermordet, sondern durch Liebe entsühnt, durch

die flammende, gestaltende Sprache der Wahrheit zu Reue und Erneuerung

gebracht. Orest erlebt seinen Schauder und die Verfolgung der Erinnyen

nach der Tat; Hamlet, der das hat, was eins in zwei Gestalten ist:

Phantasie und Liebe, hat die Qual vor der Tat, vor ihr in beiderlei

Sinn.

Gertrud, seine Mutter, ist in dieser nächtlichen Unterredung, so tief

es nur geht, erschüttert und umgewendet worden, sie ist von jetzt an

nicht mehr ganz dieselbe; wir merken es sofort darauf in dem Gespräch

mit dem Gemahl, dem sie nur, wie sie muß, berichtet, daß Hamlet den

Polonius erstochen hat; sie stellt, obwohl sie es besser wissen muß,

die Tat als die eines Kranken hin und berichtet, was wir glauben

dürfen, was in ihrer Darstellung aber doch ein ganz andres Bild gibt,

daß der Sohn jetzt um sein Opfer weine; von dem Furchtbaren, was sie

durch Hamlet erfahren hat, von der Gefahr für das Leben des Gemahls,

die sie ahnen muß, spricht sie kein Wort. Daß Hamlet nach England soll,

ist ihr ganz recht; er darf jetzt nicht hier bleiben; gewiß hofft sie

in ihrer weichen Art, es könne doch noch irgendwie alles gut werden.

Noch einmal sehen wir Hamlet dem König gegenüberstehen: wie der ihm

mitteilt, daß er um seiner Untat an Polonius willen zu seiner eignen

Sicherheit sofort nach England hinüber müsse. Hamlet ist wie nach

übergroßer Anstrengung erschöpft; er redet fast nichts; weder in Worten

noch gar in der Tat lehnt er sich gegen den König auf; er ist bereit,

sich gleich aufs Schiff bringen zu lassen. Auf dem Weg dahin stößt er

auf die Soldaten des Fortinbras, die über Dänemark nach Polen ziehen,

wo sie um den Besitz irgend eines kleinen Nestes kämpfen werden.

Da erwacht der Hader Hamlets mit sich, seine Verachtung gegen sich

aufs neue; wir sehen ja immer, wie dieser Phantasiemensch leicht ein

Gleichnis findet, das ihn wie aus dem Traume weckt und ihm vorrückt,

was er tun sollte, sei’s die Deklamation eines Schauspielers oder die

Tat eines Soldaten, der um einen Strohhalm sein Leben wagt. Zwei Dinge,

so sagt er sich jetzt, halten den Menschen von der großen Hingabe an

die Aufgabe ab, die den Tod nicht fürchtet: einmal die Liebe zum Leben,

zum gemeinen Genuß, und dann

Der grüblerische Zweifel, der zu peinlich

Bedenkt, wie’s ausgeht --

Das ist sein Fall, sagt er sich; und wiederum hält er sich nun vor,

wie er immer noch beim Vorsatz und Planen bleibe, da doch alles für

die Tat reif ist: Der Grund ist da, sein Wille ist da, seine Kraft ist

da, und die Mittel zur Ausführung sind da. Die Tat fordern von ihm der

ermordete Vater, die Schmach der Mutter, das Blut in ihm und, sagt er

sich, seine Vernunft. Und eindringlich, in einer Prägung ohnegleichen

ruft er sich zum Heldentum auf:

Wahrhaft groß sein, heißt:

Nicht ohne großen Gegenstand sich regen;

Doch einen Strohhalm selber groß verfechten,

Wenn Ehre auf dem Spiel.

Hartnäckig also, mit der Absicht, einen neuen Plan zu entwerfen,

begibt er sich auf die Reise nach England. Zunächst befreit er sich

von Rosenkranz und Güldenstern und hat nun den Beweis gegen den

König in Händen, daß der ihn hat so töten lassen wollen, wie die

beiden Höflinge in England den Henker finden werden. Wenn wir sehr

mitleidige und unpolitische Seelen sind, kann uns der Tod, den diese

Tyrannenbedienten mit Gymnasialbildung finden, recht leid tun; sie

scheinen von dem Mordplan ihres Herrn nichts gewußt zu haben, und ihre

Theorie, die sie mit ebensoviel eleganter Bildung wie Schweifwedelei

und höfischer Wortkunst entwickeln, daß das Leben des Monarchen viel

wertvoller sei als das der Untertanen, wird in unsern Ländern mit dem

Roten Adlerorden oder dergleichen, aber nicht mit dem Tode belohnt.

Jedenfalls aber erschwert sich, sollte man meinen, Hamlet seine Anklage

gegen den König und befleckt seine reine Rache, wenn er sich auf den

Boden des nämlichen unbedenklichen Tuns stellt. Aber ich habe schon

gesagt, daß ich in diesen Partien unverarbeiteten Rohstoff finde. Im

Zusammenhang mit den Korsaren, die ihn befreien, scheint Hamlet nun

einen neuen Plan zu entwerfen, von dem wir nichts weiter wissen.

Inzwischen hat seine rasche Tat, die Ermordung des Polonius, ihre

Wirkung getan. Laërtes ist in Aufruhr zurückgekehrt; Opheliens Geist

hat sich umnachtet. Zuletzt war sie viel in der Umgebung der Königin,

die den herzlichen Wunsch hatte, dies „süße Kind“ möchte Hamlets

Gattin werden; von Ehen, in die Macht und Staat vermengt sind, hat sie

schaudernd genug.

Wer ganz sicher, greifbar sehen will, was verstellter und was echter

Wahnsinn ist, der braucht nur von Hamlet zu Ophelia zu gehen. Bei

ihm ist es eine Mischung von Weltschmerz, Phantasie, Tiefsinn,

Gereiztheit, Spiel und eine Verstellung, die nicht mehr viel zu tun

hat, um alle, selbst die liebende Ophelia, zu täuschen, nur einen

nicht: König Claudius ist in seinem Schuldgefühl zu mißtrauisch und

überdies selbst mit zu energischem Geist begabt, um die Bildersprache

Hamlets, die in Zorn und Bosheit immer ihren seelischen Grund verrät,

für Störung des Geistes zu nehmen. Wie rührend klagt dagegen Ophelia,

dies einfache Gemüt, um den Geliebten, der jetzt gemütskrank geworden

ist, der ihr sonst alle Tugenden und glänzenden Eigenschaften des

Mannes repräsentiert hat. Und nun bringt sie das Unglück der Liebe,

die sie in sich zurückdrängen muß, die geistreichen und also ihr

gegenüber entsetzlich brutalen und doch alles Sinnliche erregenden

Worte des an Weib und Geschlecht verzweifelten Geliebten, die Ermordung

des Vaters durch diesen toll gewordenen Geliebten, das alles bringt

sie von Sinnen. Da sehen wir, was im einfachen Gemüt, wenn es das

Gleichgewicht, die Sicherheit und damit die Herrschaft, die von Sitte

und Geziemendem ausgeübt wird, verloren hat, für Wirrnis und tiefe

Kompliziertheit heraufkommt: was bei der Gesunden nur auf dem Weg über

die Seele an die Oberfläche durfte, die Sinnlichkeit zeigt sich jetzt

bloß und schamlos, wie wir sie alle unten in uns haben; viel, was ihre

Ohren gehört haben, ohne daß sie nur darauf achtete, hat sich da unten

gesammelt und rinnt jetzt herauf. Was haben manche Erklärer aus diesen

alten sinnlichen Volksliedern, die dem armen Mädchen über die Lippen

treten, für Schlüsse gezogen! Wünschen wir ihnen und ihresgleichen,

wozu auch alle Aussicht besteht, daß sie nie den Verstand verlieren!

Goethe hat auch hier im wesentlichen das Rechte getroffen und hat

Opheliens Natur aufs schönste gedeutet; nur daß er auch sie etwas zu

sanft idyllisch, zu sesenheimerisch nimmt und Shakespeares tragisch

hartes Bild von dem Abgrund der Menschenseele ein wenig glatt ebnet

und verlieblicht; dafür hat er in der größten dramatischen Szene, die

er gedichtet hat, in Gretchens Kerkerszene mit Recht nicht vermeiden

wollen, von Opheliens Wahnsinnsszene zu nehmen, was er brauchen konnte.

Shakespeare (Volume 1 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 19 / 27 段