In diese Welt der Niedrigkeit hat er nicht gepaßt. Der Ekel, der ihn

bei den letzten Ereignissen erfüllte, die gräßliche Enttäuschung,

die er an seiner eignen geliebten Mutter erlebte, war doch nur die

äußerste Erfüllung dessen gewesen, was er von dieser Welt erwartete.

Es gab da keine Stellung, keinen Beruf, keine Aufgabe für ihn. Von

all den kriegerischen Vorbereitungen, die er um sich sah, hatte er

sich ohne Teilnahme, ja, mit Widerwillen abgewandt; all das war ihm

hineingeflochten in ein Treiben der Würdelosigkeit und des Taumels.

Jetzt kommt die geistige Welt und bringt ihm Schicksal und Aufgabe.

Aber in welcher Entsetzensgestalt! Welche Mission! Er wird nicht

hinausgehoben aus der Wüstheit in irgendeine Sphäre der Reinheit,

sondern die Wüstheit in ihrem ganzen Graus, wie sie ihn aufs nächste

umgibt und angeht wird ihm gezeigt, auf daß er sie bekämpfe! Das

von nun an sein Amt, dazu ruft ihn der Bote aus der Geisterwelt,

sein eigner Vater auf: die ermordete, vergiftete Reinheit soll er an

der Schnödigkeit rächen. Denn so nimmt er’s sofort: es gibt für ihn

nichts Besonderes, für sich Stehendes, Privates; geht es um Dinge des

Einzellebens, des Interesses, des Gewinns und Genusses, so ist er wie

gelähmt; Kraft hat er nur von seinem schöpferischen Phantasiedenken

her: im einzelnen muß er das Allgemeine erfassen. So wird denn sofort

dies Erlebnis, das eine bestimmte, vereinzelte Tat von ihm fordert, von

ihm gestaltet, ausgestaltet, geweitet; dieses Einzelne gilt ihm nur als

Symbol für das Ganze. Notiert, aufgeschrieben muß es werden, damit es

nie wieder vergessen wird,

Daß einer lächeln kann und immer lächeln

Und doch ein Schurke sein.

Warum aber ihm gerade diese Verstrickung, dieses Schicksal, diese

Aufgabe? Nicht, sich abwenden zu dürfen und irgendwo in Stille ein

Leben der Reinheit und Betrachtung zu führen, sondern kühn in die Mitte

des geilen Frevels greifen zu müssen und den Krieg gegen Schmutz und

Ruchlosigkeit zu führen?

Die Zeit ist aus den Fugen; Schmach und Gram,

Daß ich zur Welt, sie einzurichten, kam.

Er übernimmt, wozu ihn der Geist beruft; noch ehe er weiß, was

geschehen ist, kommt der Entschluß und das Gelöbnis der Rache aus ihm

heraus; daran will er sich nun halten, daß das sein letztes, sein

einziges Geschäft hier auf Erden ist; aber er empfindet es als Fluch,

daß diese greuliche Bestimmung gerade ihn traf. Er nimmt den Ruf ganz

heroisch, ganz geistig, ganz phantastisch; nichts weiter soll für ihn

mehr leben als diese eine Aufgabe, die er aber für etwas Totales,

Riesenhaftes, Allumfassendes, endgültig Entscheidendes nimmt. Wie

Philosophen und Mystiker wohl gesagt haben, daß, wenn man ein Ding,

und wär’s das kleinste, ganz erkennte, man damit die Welt erfaßte,

und wie sie auch gesagt haben, daß das wahre Erkennen ein Tun sei und

daß, wer Ein Ding recht täte, damit im Ewigen stünde, so träumt Hamlet

vom ersten Augenblick an -- und nur dadurch hat die Rachetat für ihn

einen Sinn --, daß er diese eine Tat so vollendet, so repräsentativ

tun müsse, wie eine Opfertat eines einzelnen die ganze Welt erlöst. Er

nimmt diese Tat wie die eines Herkules, der mit ihr zum Christus der

Menschheit, zum Reiniger der Welt würde -- er, der sich bekannt hat,

daß er sich für alles eher als für einen Herkules hält!

Sein Amt, er weiß es sofort nach dieser Begegnung mit dem Jenseits,

verlangt die entschlossene, keinen Ekel scheuende Rückkehr aus der

Abgewandtheit zur Erde und ihren Bedingungen. Das Verbrechen muß

festgestellt, der Verbrecher muß gestellt, aus seinem Versteck

hervorgeholt, das Geheimnis muß offenbar werden. Es ist ein Kennzeichen

der einen Seite seines Wesens, wie sofort nach der Unterredung mit dem

Geist der für jeden andern seltsamste, für ihn gefährlich natürliche

und lockende Entschluß da ist: heisa, nun hat er sich wahnsinnig zu

stellen! Was Wahrheit ist, daß er der Welt fremd, hassend, verachtend,

polemisch, wütend, grimmig gegenübersteht, das soll nun in einer

Verwandlung und Verstellung, die gar nicht so arg viel dazu tun und

davon nehmen muß, seiner Aufgabe dienen, soll planvoll angewandt

werden: wie wenig in der Tat muß er an absichtlicher Groteske und

metaphorischer Ausdrucksweise dazu tun, um mit dem Ausdruck seiner

wahren Meinung in dieser Welt für verrückt zu gelten!

Ausgezeichnet klärt uns wieder Strindberg, der selbst dieses tragische,

groteske Verhältnis zur Welt gehabt hat und zwischen Genie und Wahnsinn

gestanden ist, darüber auf, warum Shakespeares Hamlet sich wahnsinnig

stellt, wozu diese Maske ihm dienen soll: „Die Erfahrung“, sagt er,

„hat nämlich gezeigt: sobald ein Mensch als verrückt gilt, erfährt er

die Geheimnisse aller Menschen. Weil sie glauben, er verstehe nichts,

kommen sie in Scharen und entblößen sich bis zur Nacktheit, zeigen,

ohne es zu wollen, alle ihre Gebrechen und Laster.“ Auch hier bleibt

Strindberg gewiß nicht im Shakespearischen, dichtet aus eigner Kraßheit

heraus selbständig weiter; aber gerade damit kommen wir dem zentralen

Punkt, wo Hamlet in Shakespeare, wo der Wahnsinn, den Hamlet spielt,

mit dem er spielt, in seinem Geist und seiner Stellung zu den Menschen

verwurzelt ist, intim nahe. Indem Hamlet sich entschließt, kühn,

zugreifend, forschend dem Mörder ganz nahe zu treten, hüllt er sich in

den Mantel der Fremdheit, wie um sich nicht zu beschmutzen, um darunter

er selbst zu sein; um sein Geheimnis nicht preiszugeben; um das

Geheimnis des Feindes herauszulocken. Und überdies kann der Wahnsinnige

ungestraft, ohne daß es auffällt und ernst genommen wird, sagen, was er

will, kann Anspielungen machen und dabei beobachten.

Zu derselben Zeit, wo Hamlet vom dämonischen Jenseits her sein

großes, furchtbares Schicksal empfängt, wird ihm in der kleineren,

näheren Sphäre irdisch-menschlicher Innigkeit das Geschick, an dem

seine Sehnsucht und Liebe so zart und zag gebaut hatte, schmerzlich,

unbegreiflich, nur allzu begreiflich genommen: als gehorsame Tochter

bricht Ophelia mit ihm, gibt ihm die Briefe zurück, in denen es

seiner scheuen Neigung leichter gefallen war sich zu äußern als

im persönlichen Verkehr, und verweigert ihm die Stunden stillen

Beisammenseins, die sie in letzter Zeit manchmal gehabt hatten. Nur

allzu begreiflich! Das ist ihm die Probe aufs Exempel Weib; nichts

kann seiner Verallgemeinerung bessere, schmerzlicher brennende Nahrung

bieten: wie die Mutter, so die Geliebte -- weil sie alle so sind,

die Weiber! Wie er dann Ophelia bald nachher begegnet, ist alles

beisammen: seine zertrümmerte Liebe -- sein Leid -- seine Verachtung

gegen sie -- sein Unglaube an Frauenreinheit überhaupt -- das ist

auch so eine, das ist ein Weib! -- sein Weltschmerz -- seine Stimmung

gegen die Mutter, gegen ihren Mann, den Brudermörder -- sein geheimes,

unsägliches Widerstreben gegen die Rolle, gegen das Eingreifen, gegen

die Tat, die ihm auferlegt ist -- und sein Plan, der ihm erlaubt und

befiehlt zu tun, wonach seine Verzweiflung lechzt: sich wahnsinnig zu

gebärden. So haben wir denn in dieser Begegnung eine der großen, ganz

innigen, erschütternden Shakespeareszenen: und um diese Innigkeit noch

leiser, raunender zu machen, sie von aller Wirklichkeitsroheit und

Sinnenbeschränkung zu entfernen, sie aus dem Diesseits vergänglicher

Bewegung ins Ewige des Geistes zu heben, hat der Dichter dieses

wehvolle Bild nicht als Aktion, sondern als Sprachgebilde gebracht.

Wir haben diese Szene in Opheliens Erzählung; und haben so tiefer

ergreifend, als wenn wir dabei wären, die Gewißheit, wie schrecklich

Hamlet sich irrt, wie rein und hold die ist, die sich liebend von ihm

und vom Glück zurückgezogen hat:

Er griff mich bei der Hand und hielt mich fest;

Dann lehnt’ er sich zurück, so lang sein Arm,

Und mit der andern Hand so überm Auge,

Betrachtet’ er so prüfend mein Gesicht,

Als wollt’ er’s zeichnen. Lange stand er so;

Zuletzt, ein wenig schüttelnd meine Hand

Und dreimal hin und her den Kopf so wägend

Holt’ er solch einen bangen tiefen Seufzer,

Als sollt’ er seinen ganzen Bau zertrümmern

Und endigen sein Dasein. Dies getan

Läßt er mich los, und über seine Schultern

Den Kopf zurückgedreht, schien er den Weg

Zu finden ohne seine Augen; denn

Er ging zur Tür hinaus ohn’ ihre Hilfe

Und wandte bis zuletzt ihr Licht auf mich.

Man wird mitfühlen, daß diese stumme Szene, deren Wesentliches eine

Haltung und ein unsäglich tiefer Seufzer ist, nicht als Bühnenvorgang

gebracht werden konnte; man wird Shakespeares Innerlichkeit kennen

lernen, wenn man sich in seine produktive Stunde, in seine Konzeption

hineinversetzt und gewahrt, wie er aus einer Fülle dramatischer

Möglichkeiten für Hamlets Begegnung mit Ophelia nichts andres haben

wollte als dieses in Sprache und nichts als Sprache gestellte stumme

Bild.

Der Mann, der so für sich mit dem Wahnsinn spielt und für andre den

Wahnsinnigen spielt, ist in keinem Augenblick wirklich wahnsinnig.

Freilich, nimmt man den Wahnsinn ganz und gar als eine Relation zur

Umwelt, sagt man in Variation eines Hamletworts: An sich ist keiner

vernünftig oder wahnsinnig, erst unsre Betrachtung macht ihn dazu --

so kann sich Hamlets Publikum zu Shakespeares Publikum erweitern, und

dann geht es so ähnlich wie bei Lichtenberg mit dem Buch und dem Kopf

-- dann ist Hamlet wahnsinnig. In seinem wahren Zustand sehen wir ihn

in den Selbstgesprächen, in den Unterredungen mit Horatio, den er in

alles einweiht, in den Gesprächen mit den Schauspielern, in dem großen

Gespräch mit der Mutter, am Grab Opheliens und am Schluß, in dem darauf

folgenden Kampf mit Laërtes, und in seinem Ende.

Er ist ein an der Welt leidender und immer wieder spontan gegen

Unrecht und Gemeinheit, vor allem gegen die kriecherisch verlogene,

geduckte, liebedienerische Mittelmäßigkeit und talentvolle Seichtigkeit

anspringender Phantasiemensch; er verallgemeinert schrankenlos,

leidenschaftlich, wie es die intuitiven, impulsiven, Reinheit und

Totalität begehrenden Menschen dieser Art tun -- „ein Fall gilt ihm für

tausend“ -- er hat den Drang und die Gabe, sein tragisches Erlebnis

mit der Welt im Wortbild zu formen; und ein Mann dieser Art soll

nun mit seinem Instrument der Vernunft, das ihm zu Stillem, Reinem,

Betrachtendem, Ordnendem gegeben ist, einen Racheplan entwerfen,

soll den Übergang finden vom langsamen Überlegen zum Tun, von der

Innerlichkeit zur Tat, wo er doch grenzenloses Mißtrauen gegen alles

und alle hat, wo er sicher ist, endgültige Erfahrungen mit den

Menschen gemacht zu haben, Grund zu haben, die Natur der Menschen zu

verachten; sich selbst und das Erbe in seinem Blut nicht ausgenommen.

Die Enttäuschung, die einer verzweifelten Erwartung entsprach, wie sie

ihm die Mutter und Ophelia zumal gebracht haben, kann in ihm keinerlei

Selbstzufriedenheit, Selbstgerechtigkeit wecken. Zu nichts hat er

weniger Anlage; der Riß, der durch die Welt geht, fährt schneidend

durch ihn selber hindurch. Wir dürfen glauben, daß er, auch ohne daß

Ophelia sich von ihm zurückgezogen hätte, in der seltsamen Mischung

von Verzweiflung und Wahnsinnsverstellung dem Liebesbund ein schroffes

Ende gemacht hätte; er muß allein auf sich gestellt sein, an niemanden

und nichts gebunden; auf sich gestellt -- was für eine zweifelhafte,

brüchige Stellung ihm das ist!

Wozu sollen solche Gesellen wie ich zwischen Himmel

und Erde herumkriechen? Wir sind ausgemachte Schurken,

alle, trau keinem von uns! Geh -- in ein Kloster!

Kriechen zwischen Himmel und Erde, in dies feste Fleisch gebannt, in

die Tierheit; und nun das Wunder der Wunder gekommen ist und die Welt

des Jenseits sich ihm aufgetan hat: da ist die Hölle gekommen, die

seinen Vater und mit ihm die ganze Welt in sich einsperrt, und hat

ihm diese Höllenaufgabe gesandt. Daß er da, bei diesem zerreißenden

Widerspruch, immer wieder in bäumende Erregung gerät, daß er nach der

Umnachtung und der Bewußtlosigkeit leidenschaftlich begehrt, daß er

damit spielt wie mit dem freiwilligen Tod, ist wahr, und es wäre ein

Wunder, wenn es nicht so wäre; aber die Grenze zu überschreiten gelingt

ihm nicht. Sein Geist ist zu stark, zu gestaltend, zu schöpferisch dazu.

Er hat eine so umfängliche Natur, und wir gewahren so gut, wie er ohne

diesen Gegensatz zu einer niederträchtigen Welt, die ihn zu Hitze und

Schärfe reizt, wäre, daß wir sagen dürfen: dieser seiner ursprünglichen

Natur nach wäre er gut, geruhig, sanft, betrachtend, überlegend und in

heitrer Stille überlegen; wir merken es an manchem freundlichen Wort

zur lieben Mutter, an der Art, wie er zum harmlosen Plaudern geneigt

ist, an seinem Verkehr mit Horatio dem Freund, mit den Schulkameraden,

und vor allem an der Unterweisung, die er den Schauspielern gibt. Das

wäre so sein Gebiet gewesen, alles Leben nicht in der Reaktion gegen

die Menschen zu verbrauchen, sondern abseits der Menschen und damit

gerade für sie in die Maske zu werfen; aber das Schicksal gönnt ihm

diesen Schauplatz nicht; und so muß Hamlet als Geist, wie sein Vater

auf der Terrasse seines Schlosses, so er auf den Bühnen aller Länder

und Zeiten umgehn und wird noch lange keine Erlösung finden, weil die

Zustände, die ihm Glück und Seelenfrieden und wahre Bestimmung und

Leben geraubt haben, heute noch sind wie damals, -- wo Hamlet unter

Menschen die Maske des Wahnsinns und Shakespeare die Maske Hamlets

annehmen mußte.

Es ist ungeheuer, wie Hamlet keinen Augenblick aus der Handlung

heraustritt, wie vielmehr ihr langsamer, träger Verlauf in der Mitte

des Stückes ganz auf sein Wesen zurückgeht, und wie uns dabei doch in

den Szenen, in denen er am Hof den Tollen spielt, fast die Erinnerung

verlorengeht, daß er’s mit König Claudius und seinen Kreaturen zu tun

hat: so sehr spüren wir seine stachligen, geißelnden Reden an uns,

an unsre äußern und innern Zustände gerichtet. Was sagt er alles in

der Maske des Wahnsinns, was sagt Shakespeare in der Maske des tollen

Hamlet den Großen, dem Hof, den Frauen, der innersten Menschennatur,

der Welt! So hat sich Goethe seines Teufels bedient, um seine Bosheit

anzubringen, so hat er jahrzehntelang ab und zu damit gespielt, aus

den Szenen, wo Mephisto am kaiserlichen Hof ist, ein fürchterliches

Pasquill zu machen; und wohl ist er witzig und bissig und steigt

hie und da bis zu dämonischer Kraft; aber die erhabene Stärke, die

Shakespeare aus der innig unlöslichen Verbindung der Polemik mit der

Aktion, mit der Tragik des Menschlichen zuströmt, kann Goethes im

Vergleich mit ihm gefaßte Art niemals erreichen.

Am feinsten -- ganz wunderbar -- sehen wir den Übergang von der Ekstase

des Gequälten, die sich im Umgang gern fast menschenfreundlich hinter

geistreichem Witz verbirgt, zum verstellten Wahnsinn in den Gesprächen

mit Rosenkranz und Güldenstern, denen er zunächst als Jugendfreunden

vertraut; dann stellt er sie, schon bedenklich geworden, doch noch in

Gegensatz zur Welt der Feinde, weil sie offen bekennen, daß man sie zu

ihm geschickt hat, um ihn auszuhorchen, bis er merkt: sie sind Höflinge

und Lügner wie die andern, und sich gegen ihre Wanzenhaftigkeit und

Beschnüffelung in die Tollheit zurückzieht.

Das Eigene an diesen Szenen, die ja doch gräßlichen Frevel und

heroische Pläne und innigste Seelenqualen zur Voraussetzung haben,

ist ihre kraftvolle Lustigkeit. Rosenkranz, Güldenstern, Polonius,

Osrik sind lauter Instrumente, auf denen Hamlets Witz spielt. In

seinem Verteidigungskampf gegen die zudringende Welt ist er durchaus

aggressiv, seine Waffe ist der Geist, und, so sehr hinter all seiner

Haltung das Leid steckt, so anders sein Gesicht und sein Ton wird,

sowie er mit sich allein ist, so kommt doch nie etwas Schwächliches

oder Wehleidiges aus ihm heraus. Es will uns beinahe natürlich dünken,

daß er in diesen Witzkämpfen ein immer älteres, reiferes, überlegneres

Gesicht bekommt. Nichts Krankhaftes, nichts von Verfall oder Entartung

ist in ihm; seine abnorme Stellung zur Welt ist völlig sozialer, gar

nicht organischer Art, kommt von der Beziehung seiner in Zartheit und

Feinheit sehr gesunden Natur zu einer in Niedrigkeit gesunkenen Umwelt,

keineswegs von einer aus dem Gleichgewicht geratenen Beziehung seiner

Organe und Funktionen zu einander. Wäre diese Gesundheit nicht, er

müßte wahnsinnig werden, wie es Horatio für ihn befürchtet hatte; so

kann er sich mit der Sicherheit in die Tollheit begeben, jederzeit

wieder freien Geistes aus ihr heraustreten zu können.

Was tut er nun in dieser Maske? Was gelingt ihm? Wie fördert er seine

Rache? Wenn der zweite Akt beginnt, wo wir von seiner Tollheit zuerst

in Opheliens Bericht hören und ihn dann selbst im Umgang mit Polonius

und Rosenkranz und Güldenstern sehen, geht er in dieser Verfassung

schon etliche Zeit herum, bis ihm die Schauspieler in den Weg laufen.

Er muß inzwischen viel mit Horatio verkehrt haben, denn er hat ganzes

Vertrauen zu ihm gefaßt und ihn in alles eingeweiht. Nun erwacht er wie

aus einem bleiernen Schlaf, und wieder geht es blitzschnell in ihm zu.

Sowie er den leidenschaftlichen Vortrag des Schauspielers vom Untergang

Trojas, von Priamus’ Tod und Hekubas Jammer gehört, sowie er gesehen

hat, daß dieses Gedicht, die Erregung, die Tränen des Sprachkünstlers

selbst den alten phantasielosen, dürren Klugschützen Polonius ergriffen

haben, kommt sein Plan vom Fleck, kommt zugleich aber auch die

furchtbare Selbstanklage, daß er noch nichts für seine Rache getan hat.

Im Stil des Gedichts, das er eben gehört, redet er nun mit sich selbst:

leidenschaftlich, bilderreich, in immer sich steigernden Ausrufen,

Beschwörungen, Beschimpfungen. Er will es bei sich durchsetzen, daß

er in Wut, in Aktion gerät; er stellt sich die ganze Scheußlichkeit

des Mörders vor Augen, um dann rasch seinen Grimm zu unterbrechen und

sich selbst zu verhöhnen: wieder macht er ja nichts als Worte; wieder

dichtet er einen Zusammenhang von Untat und Rache zusammen; wieder weiß

er nicht zu handeln. Und in der Tat: wir wissen ja, wie vorhin der

Plan fix und fertig vor ihm stand, gleich morgen abend vor dem König

ein Theaterstückchen aufzuführen, das er kennt, dem er noch etwas mit

besonders deutlichen Anspielungen hinzudichten will: jetzt, während er

sich in gestaltende Phantasie hineinheizt und wild mit sich und mit dem

Mörder zugleich in eine Kampfaktion tritt, ist es uns so, als sei etwas

in ihm schon dabei, die Verse zu dichten, die morgen abend gesprochen

werden sollen. Wir wissen von andern Gelegenheiten her, wie mühelos er

improvisieren kann.

Wie wir ihn am Tag darauf wiedersehen, ist die Einladung an den König,

der Vorstellung in den Gemächern des Prinzen Hamlet beizuwohnen, schon

ergangen. Hamlet selbst aber ist von der Erregung, die ihn in seine

Aufgabe gestachelt hat, schon wieder ganz ins Allgemeine vorgedrungen.

Tat und Tod, die Freiheitstat, die die Welt vom Usurpator, vom Frevler,

vom Tyrannen befreit, und der Freitod, der den an der Welt Leidenden

vom Leben befreit, fließen ihm in eins zusammen. Seine Betrachtung

„Sein oder Nichtsein“ ist so ganz ins Allgemeine gerückt, knüpft so

gar nicht an sein persönliches Schicksal und seine besondere Aufgabe

an, daß, wenn ein Forscher die Behauptung ausspräche, dies Stück sei

von anderswoher unter Shakespeares Papieren gelegen und er hätte

es hier eingefügt, weil es in der allgemeinen Grundstimmung paßte,

keine Widerlegung aus dem Wortlaut möglich wäre. Nichts von allem,

was Hamlet sich vorhält, um sich das schwere Leben und den schweren

Tod zu vergegenwärtigen, löst Assoziationen aus seinen besonderen

Verhältnissen aus, die jedem, der nicht so ins Allgemeine gebannt wäre,

überaus naheliegen müßten. Er spricht von dem Tyrannen, dem Unrecht,

dem Übermut, der Unterdrückung; er spricht nicht von König Claudius. Er

sinnt über die Pein verschmähter Liebe; kein Wort erinnert an Ophelia.

Er gedenkt mit Gram dessen, was des Menschen nach dem Tode harrt, der

Träume, die im Schlaf kommen: er illustriert sich das nicht mit dem

entsetzlichen Bericht des eignen Vaters aus der Unterwelt; ja, er kann

die Worte von dem unentdeckten Land sprechen, aus des Bezirk kein

Wandrer wiederkehrt, ohne daß es ihn schaudernd überläuft, da ihm vor

kurzem doch einer wiedergekehrt ist und ihm sein Schicksal gebracht

hat. Restlose Allgemeinheit herrscht in der Betrachtung; und wenn es

wirklich so wäre, daß es sich um eine Einlage handelte, so wäre dieser

Zug dennoch auf Hamlets Wesen zurückzuführen; Shakespeare hat gewußt,

was er tat.

Nicht dies einzige Mal treffen wir dieses echteste, dieses religiose

Zeichen des Adels bei einer seiner Gestalten, daß der Mensch da, wo

sein eigenes Leiden zum Höchsten steigt, gerade nicht mehr an sich,

sondern ans Ganze denkt und fürs Ganze, zumal für die Unterdrückten

und Beraubten leidet: Romeo zeigt sich so, nachdem mit der Nachricht

von Juliens Tod sein Schicksal besiegelt ist, in dem Gespräch mit dem

Apotheker; König Lear in Wettersturm, Verlassenheit und Verzweiflung

findet von sich selbst zur Menschengesellschaft.

Derselbe Hamlet, der mit der größten Kühnheit die Grenze des Irdischen

überschritten hat, der in der Impetuosität des Augenblicks immer sofort

bereit ist, jeden Gegner herauszufordern und das Leben dran zu wagen,

gesteht sich jetzt, was auch ihn feige zur Tat und zum Tod macht. Das

Denken ist es, das Bewußtsein; nicht bloß das Gewissen, wie Schlegel

ungenügend übersetzt hat.

So macht Bewußtsein Feige aus uns allen.

Mehr ein Nichtwissen freilich als ein Wissen macht uns träge und

tatlos: wir wissen nicht, was jenseits des Grabes an Schrecknissen, an

Fortsetzung unser wartet; drum dulden wir die Untaten der Menschen und

ihre Einrichtungen des Unrechts und der Vergewaltigung.

Wie wir’s aber immer bei Shakespeares Gestalten treffen, kann selbst

Hamlet -- kann oder will Shakespeare? -- die an besondre Stimmung und

Situation gebundene Reflexion nicht zu ihrer abstrakten Form ins ganz

Allgemeine erheben. Den letzten Sinn der Gestalten und Handlungen

spricht Shakespeare nie sentenziös in Sätzen aus; vermöchte er es,

sich mit dem zu begnügen, was die deduzierende, formulierende Sprache

hergibt, so hätte er keine Gestalten zu schaffen, keine Dramen zu

dichten gebraucht. Wir, durch Hamlets Gestalt und Gesamterlebnis,

wissen, daß Bewußtheit und Nicht-tun, Denken und Unvermögen zur

Gewalttat, Geist und Gewissen noch durch eine tiefre Verknüpftheit

miteinander verbunden sind als durch die heiligste Scheu vor dem

Ewigen; von diesem Verhältnis aber spricht Hamlet nicht; er lebt es und

stirbt es.

In seiner Stimmung der allgemeinen Trauer, des allgemeinen Abscheus ist

er auch noch in dem Gespräch mit Ophelia, das unmittelbar folgt. Mit

welcher Wollust redet er da zu dem Geschöpf im Wahnsinnston, das ihm

der Typus der Falschheit ist; wie schleudert er ihr seine Verachtung

alles Geschlechtlichen ins Gesicht! Wie springt aber auch mit

ungemeiner Federkraft plötzlich die Entschlossenheit heraus, sowie ein

rascher Einfall ihn an den König erinnert. Er ist ganz im Thema Mann

und Weib; ganz im allgemeinen, ganz in der Wahnsinnsrolle, hinter der

sich doch der Sinn seines Schicksals birgt; er gebärdet sich wie ein

Racheengel, der das Amt hat, keinem Menschen mehr die Ehe zu gestatten,

im übrigen gegen die schon Verehelichten milde Duldung zu üben; und wie

er nun grimmig ruft:

Ich sage, wir wollen nichts mehr vom Heiraten wissen;

wer schon verheiratet ist ... soll das Leben behalten; die

übrigen sollen bleiben, wie sie sind,

da fällt ihm mit einemmal bei diesen Worten: „Wer schon verheiratet

ist“, all sein Persönliches ein, seine Mutter und ihre entsetzliche Ehe

mit dem Mörder ihres Mannes, und wie im Raubtiersprung fahren ihm die

Worte dazwischen:

Alle, außer einem!

Einer lebt, der soll nicht mehr lange das Leben behalten; der ist

verurteilt. Und dieser eine hört diese Worte, ohne daß Hamlet von der

Anwesenheit des Lauschers etwas weiß.

Hamlet fühlt sich frei und leicht und froh, sowie diese schnellende

Raschheit in ihm ist, die wie unmittelbar Außen- und Innenwelt,

Sinnenanschauung und Willen zu einem, zum getanen Leben verbindet.

Da ist er auch zweifellos sicher, daß sein Oheim der Mörder ist und

nicht leben darf. Er ist aber in Gefahr, immer wieder einer Sklaverei

zu verfallen, die selten ist; er ist nicht Sklave der Leidenschaft,

sondern des Denkens; das Denken ist in ihm zur Leidenschaft geworden.

Dieses Denken macht ihn langsam, zögernd, träge, unentschlossen;

dieses Denken steigert seine Unlust am Leben und hält ihn dabei doch

gerade wieder mit Bedenklichkeiten im Leben fest. Drum gilt auch seine

Freude an Menschen ganz und gar den Unbekümmerten, Unbelasteten; so

hat er Horatio seine Freundschaft geschenkt, dem er in entscheidendem

Augenblick die strahlend schönen Worte sagt:

Shakespeare (Volume 1 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 18 / 27 段