in die Entwürfe der Menschen eingreift und die Fäden ihrer Gespinste
in göttliches Netz verwebt, gerade bei diesem Zweikampf, bei diesem
Gottesgericht, in das Hamlet nun schreitet, bewährt. Einstmals, just
an dem Tag, an dem Hamlet zur Welt kam, gab es einen eindeutigen
Zweikampf, wo Tat mit Tat focht und der Stärkere siegte: da hatten
zwei Könige -- Hamlet und Fortinbras hießen sie -- um ein Stück Land
gestritten. Damals siegte ein Hamlet der Däne; und seitdem streift
Norwegen lauernd herum und wartet auf seine Zeit. In dem Kampf aber,
in dem dieser nachgeborene Hamlet jetzt steht, ist alles mehrdeutig
und verworren: eine Mensur ist es zur Entscheidung einer Wette; und
die Rache des Laërtes ist es; und das Bestreben Hamlets, dem Laërtes
ritterliche Genugtuung zu geben und mit dem Leben für seine Liebe zu
Ophelia einzustehn, die er in den Tod getrieben hat; und der Plan
des Königs ist es, Hamlet aus dem Weg zu räumen. Nichts scheint
in diesem Augenblick weniger im Spiel als Hamlets Rache; eher den
Korsaren scheint diese seine Rache irgendwie nützen zu können als dem
Machtbegehr des jungen Fortinbras; aber die Vorsehung wirft ihr Netz
und hat die planenden Menschen für sich arbeiten lassen: in diesem
Augenblick geht das ganze Haus Dänemark, der Usurpator, die unselige
Königin, Hamlet und mit ihnen Laërtes unter, der im Volk schon als
König ausersehen war; für Fortinbras, der eindeutig auf der Tat steht,
und der nicht in beweglicher Unruhe geplant, sondern in Stille gewartet
und seine Kraft geübt hat, ist die späte Rache und die Erfüllung da.
Hamlets Rache geschieht nicht durch ihn, sondern durch ihn hindurch,
über ihn, über seine Leiche hinweg; zu Tode getroffen wendet er
blitzschnell, ohne Zusammenhang mit all seinen früheren Plänen, die
vergiftete Waffe gegen den Giftmörder. So führt das Schicksal ihm die
Hand, und fast ist es so, als vollführte eine Leichenhand die Tat,
die der Lebende nicht getan hat. Nicht getan hat; Goethe sagt: nicht
tun konnte. Ist es so? Hat Goethe auch darin recht gesehen, daß er
sagt, in Hamlet sei „eine große Tat auf eine Seele gelegt, die der Tat
nicht gewachsen ist?“ Hamlet sei „ein schönes, reines, edles, höchst
moralisches Wesen, ohne die sinnliche Stärke, die den Helden macht?“
Diese Auffassung ist scharf bestritten worden, und man hat rundweg
geleugnet, daß irgendein Zwiespalt zwischen Denken und Tun in Hamlet
bestehe. J. L. Klein, schon 1846 in einem verschollenen Journalartikel
(den das Shakespeare-Jahrbuch 1895 wieder abdruckte) und unabhängig
von ihm, später sich entzückt auf ihn berufend, Karl Werder in seinen
Vorlesungen haben behauptet, Shakespeare stelle dar, wie Hamlet mit
überlegenem Geist eine Freveltat enthülle und zu guter Letzt auch
räche, die in tiefstem, schauerlichem Geheimnis verborgen sei; all
sein langsames Vorgehen, die ganze Art seiner Taktik habe die besten
äußern Gründe von der Welt. J. L. Klein geht dabei so weit, daß
er die Erscheinung des Geistes, den außer Hamlet und vor ihm noch
Horatio, Marcellus und Bernardo sehen, vollständig identifiziert mit
Hamlets Divinationsgabe. Damit aber ist seine ganze Darlegung, zu
wie geistvollen und tiefen Anmerkungen sie ihn auch führt, abgetan:
er hat aus Shakespeares Dichtung irgend etwas, vielleicht etwas sehr
Interessantes, vielleicht gar etwas trotz aller abstrakt-kritischen
Ausdrucksweise Gedichtetes gemacht, aber er ist nicht in ihr geblieben.
Trotzdem kommt es sehr in Betracht, daß Hamlet selbst auf die
Erscheinung und die Worte des Geistes allein hin den Usurpator nicht
verurteilen will, daß er es darauf anlegt, den Mörder auf normale Art
zu überführen; trotzdem muß wirklich gefragt werden, ob denn davon
die Rede sein dürfe, Hamlet sei seiner Tat nicht gewachsen, wenn das
Schicksal so eingreift, wie wir es geschildert haben.
Das aber ist gerade das Gesamtmotiv dieser Tragödie, das alles
zusammenhält, daß hier die Begegnung eines außerordentlichen Schicksals
und eines außerordentlichen Charakters gezeigt wird. Die ungemeine
Bedeutung, die die Gestalt Hamlets für die Geistesgeschichte unsrer
Völkergemeinschaft gewonnen hat, kommt daher, daß Shakespeare Hamlets
Ringen mit seiner Aufgabe, seinen Kampf gegen den Usurpator und seine
Gesellen, gegen die Wollustgier der Sinne und mörderisch lüsterne
Niedrigkeit ausgeweitet hat zum Kampf des Geistigen gegen die Welt,
die ihn erdrücken und ersticken will. Das hat Goethe ein für allemal
recht gesehen, daß Hamlet einer ist, der an der Welt leidet; wer sich
vorwiegend an die Kriminalgeschichte hält, wie der schlaue Detektiv
Hamlet einen Mord an den Tag bringt, von dem nur der Mörder und das
Grab etwas wissen, der tut letztgiltig, was ich vorhin als etwas
Vorläufiges und trotzdem in Scham getan habe: er hält sich nur an den
Verlauf der äußern Vorgänge und läßt außer acht, was für dieses Drama
bei weitem das Wesentlichste ist: die Gedanken, die Empfindungen,
das ungeheure Leiden, das im Sprachlichen, in Hamlets und nicht nur
Hamlets Worten zum Ausdruck kommt. Kein Zweifel, was Shakespeare
gereizt hat, diesen barbarischen, ungefügen Stoff zu behandeln, war der
verstellte Wahnsinn, von dem die Überlieferung berichtete und der in
jeder Hinsicht neu zu motivieren und neu zu behandeln war; und indem
er diesen angenommenen Wahnsinn in Verbindung brachte einmal mit den
dämonischen Abgründen der Unterwelt und des wild Untermenschlichen der
stinkenden Wollust, dann mit dem Weltschmerz so innig gewaltiger Art,
daß ihn der Dutzendmensch für echten Wahnsinn hält, hat er diesem
Stoff erst seinen ewigen Gehalt, dieser Gestalt erst ihre tragische
und zugleich scharf polemische Prägung gegeben. Wahr ist auch, was
Goethe gesehen hat, daß diese Passion Hamlets seltsame Übergänge hat
zur Passivität, wiewohl nicht zu leugnen ist, daß Goethe in diesem
Betracht nicht alles gewahrt hat und den mit stärksten Energien
geladenen Dänenprinzen zu sehr vergoethet, vermeistert, verwerthert
und veregmontet hat. Und überdies ist es am Ende gar zu einfach und
traditionell gedacht, die Hamlet auferlegte blutige Rache als große Tat
und seine Haltung zu ihr als Mangel an sinnlicher Stärke zu bezeichnen.
Wollen wir in diesem Punkt klar sehen, wollen wir mit Sicherheit
erkennen, wie Hamlet empfindet, wie er denkt, ob er, wenn schon nicht
der Rachetat, die der grimmige Vater als umgehendes Gespenst noch von
ihm fordert, so doch dem Schicksal gewachsen ist; wie er zur Tat steht,
was der Dichter mit ihm darstellt, was der Sinn dieser tragischen
Gestalt ist, so ist das Eigentümliche, daß wir, ehe wir ihm selbst,
seiner Haltung, seinen Unternehmungen, seinen Reden nähertreten,
Winke, die diese Gestalt beleuchten, innerhalb der Dichtung auch von
ganz andrer Seite erhalten. Es ist, ich habe schon darauf verwiesen,
ein besondrer Zug, den diese Tragödie mit einigen andern Dichtungen
Shakespeares gemein hat, daß auch von andern und in ganz andern
Situationen Worte gesprochen werden, die plötzlich, blitzartig ein
Licht auf den letzten Sinn der Dichtung und ihres Helden werfen.
Schon J. L. Klein und wiederum unabhängig von ihm Margarete Susman,
auch sie in einem Zeitschriftaufsatz, der nicht verdient, verschollen
zu gehn (Die Tat, 1915), der jedoch übrigens, wie Kleins Aufsatz,
nicht in Shakespeares Dichtung bleibt, sondern gleichfalls neben
seinem gewaltigen Werk, in seinem Licht und in seinem Schatten eine
kleine Abstraktionsdichtung aufbaut, beide haben als solche Kernworte
deutender Art ein paar Verse genannt, die in der Deklamation des
Schauspielers vom rauhen Pyrrhus stehen. Die Verse gehören in der Tat
zum Bedeutsamsten; nur haben sich Klein wie Susman, ohne aufs Original
zurückzugreifen, Schlegel anvertraut, und haben so, durch eine falsche
Übersetzung irregeführt, die ganze Bedeutung der Stelle nicht erkannt.
Pyrrhus in seiner Kriegs- und Zornwut will Priamus töten; der schwache
Greis aber fällt schon, wie bloß das Schwert durch die Luft saust,
zu Boden; in dem Augenblick stürzt krachend das brennende Ilium
zusammen; in einem Moment empfindet Pyrrhus die ungeheure Gewalt des
Schicksals, gegen die sein persönlicher Zornwille zu einer Winzigkeit
zusammenschrumpft, da --
seht, sein Schwert,
Das schon sich senkt auf des ehrwürd’gen Priam
Milchweißes Haupt, schien in der Luft gehemmt:
So stand er, ein _gemalter_ Wütrich, da
Und, wie entfremdet seinem Ziel und Willen,
Tat nichts.
~Like a neutral to his will and matter~ -- keineswegs heißt
das, wie Schlegel nur um des Versbaus willen sagt und Gundolf gleich
andern Verbesserern achtlos stehen gelassen hat: „Und wie parteilos
zwischen Kraft und Willen“. Wenden wir das Wort gleich auf Hamlet an,
so findet sich ein so simpler Zwiespalt, daß er zwar die Tat will,
aber unvermögend ist, sie auszuführen, wirklich nicht in ihm. Pyrrhus
steht in dem Augenblick vielmehr gegen seinen eignen Willen und gegen
seinen eigenen Gegenstand, gegen sein Objekt, seinen Zweck neutral; im
Schwung bleibt ihm das Schwert wie festgehalten in der Luft stecken,
und so ist er in diesem Augenblick nicht der Täter, nur das Bild, die
Phantasiegestalt, das wie in die Unbeweglichkeit gebannte Gleichnis
der Tat. In diesem sinnbildlichen Ausdruck haben wir das Verhältnis
Hamlets zu seiner Aufgabe. Sowie es auf die Ausführung ankommt, steht
er seiner eignen Sache wie ein Unbeteiligter gegenüber; er zerfällt in
sich, mit sich, in zwei: in den Täter und den Betrachter, oder besser
gesagt: in den, der eine auferlegte Tat zu vollbringen sich vorsetzt,
und in den, der sie nicht in Wirklichkeit, sondern in der Phantasie
vollendet.
Überaus erleuchtend für Hamlets innere Situation ist auch die ähnliche
Lage, in die die gewaltige Ironie des Dichters Laërtes gegen Hamlet
selbst versetzt. Hamlet hat den Tod seines Vaters an König Claudius zu
rächen; Laërtes hat, im Bunde mit eben diesem König, den Tod seines
Vaters an Hamlet zu rächen. Und zu ihm hat nun eben der König Claudius
Worte zu sprechen, die uns ins Ohr gehen, als werde Hamlet ermuntert,
seine Rache an diesem Sprecher selbst nicht durch Vorweggenießen,
sondern durch die Tat zu befriedigen:
Nichts auf der Welt beharrt in gleicher Güte;
Wächst sie, die Güte, bis zur Überfülle,
So stirbt sie hin im eignen Allzuviel.
Was du willst tun, das tu, solang du willst.
Denn dieses „Will“, es ändert sich, es leidet
So viel an Abbruch, Aufschub, als es Zungen
Und Hände, als es Zwischenfälle gibt.
Das „Soll“ ist dann Verschwendung nur von Atem
In Seufzern, die erleichtern und doch schaden.
Es hat dem Dichter gefallen, diese Worte ungemeinen Tiefblicks König
Claudius in den Mund zu geben -- auf die Gefahr hin, daß Tieck oder
sonst wer aus ihnen zu beweisen versuchte, ein solcher Denker könne
kein brutaler Lüstling sein --, vor allem um der Ironie willen, die
Shakespeares Weltleiden und Menschenhaß in diesem Stadium über alles
wichtig war: beim Entwurf des Racheplans gegen Hamlet soll aus dem
Munde des Unbedenklichen die Theorie der Tat ausgesprochen werden,
gegen die der Phantasiemensch Hamlet in seinen Entwürfen eben gegen
diesen Unbedenklichen immerzu verstößt. Und wirklich ist es Hamlet,
der die Qualität seines Willens so lange immerzu verbessert, bis der
vollendete Wille daraus geworden ist, der Wille, der sich schwelgerisch
in sich befriedigt und die Vorstellung der vollzogenen Tat schon in
sich trägt.
Prinz Hamlet ist ein gefühlvoller, sinnender Jüngling, der für sich
und die Welt Liebe braucht; seine Neigungen gehen auf Gelehrsamkeit
und Philosophie; er war auf der Universität und will wieder hin; an
Staatsangelegenheiten nimmt er nicht teil. So ist er von Haus aus in
Gefahr, sich in der Welt einsam und elend zu fühlen; nun aber gar,
wo der Vater, den er geliebt und verehrt hat, in fürchterlicher,
abscheulicher Art plötzlich weggerafft wurde, in einer Art, daß ihn
schlimme Ahnungen beschleichen; wo der Oheim, der Bruder des Vaters,
aber in allem, auch in der leiblichen Erscheinung sein Widerspiel, die
Krone aufsetzt und, das Unerträglichste von allem, seine geliebte,
angebetete Mutter fast von der Leiche des Vaters weg zur Frau gewinnt!
Daß Hamlet das als Blutschande in dreierlei Sinn empfindet, ist sicher;
einmal, weil die Vorstellungen der Zeit eine solche Ehe der Witwe mit
dem Schwager als lästerlich verpönen; dann, weil es ihn Verrat an der
Liebe dünkt, so schnell aus dem Gedächtnis des Toten und dem Leid um
ihn zur neuen Ehe, zur Hochzeit, zum Genuß zu schreiten; schließlich,
weil ihm die Mutter beschmutzt und geschändet vorkommt, da sie das
Lager dieses widerwärtigen Völlers und Lüstlings teilt. Sehr stark
hat diese Situation Hamlets Strindberg zum Ausdruck gebracht; gewiß
nimmt aus diesem unergründlichen Stück jeder das heraus, was seiner
Natur gemäß ist; aber es ist nur in der Nuance unshakespearisch, wenn
Strindberg sehr strindbergisch schreibt: „Er hat einen Stiefvater
bekommen, und was ein Kind niemals in dem ehelichen Verhältnis bemerkt,
das sieht selbst schon ein kleines Kind, wenn eine ‚Bastardehe‘
eingegangen wird: Hamlet empfindet die Erniedrigung seiner Mutter
als Blutschande oder Unzucht...“ Sein ganzes Wesen, so schildert
Strindberg in starkem Einleben Hamlets Zustand, sei in Empörung
gebracht; seine Abstammung von den Ahnen sei unterbrochen, wie „von
etwas Widernatürlichem, Mißgeburtartigem, Unreinem, das des Vaters Bild
und die Majestät der Mutter besudelt“.
Was Hamlet das Leben an diesem Hof zur gräßlichen Pein macht, sind aber
nicht bloß Gefühle, Vergleichungen dieser Art, sondern die wirklichen
Äußerungen des Lebens, wie es nun an diesem Hof eingesetzt hat. Es
ist, wie es der witzige König in seiner Mischung aus angenommener
sentimentaler Süßlichkeit und Zynismus ausdrückt, „Leichenjubel und
Hochzeitsklage“, ist überdies Wüstheit und Schlemmerei; ekelhaft in
einen Sumpf zusammengepantscht sieht und hört der Jüngling, der nach
reiner und stiller Umgebung lechzt, Trinkgelage, Schmäuse, rohes
Lärmen, Feste der Üppigkeit und Bauchdienst jeder Art mit Kanonendonner
und Kriegsrüstungen. Er, dessen Natur sich nach innen wendet, der mit
auserlesenen Freunden oder in sanfter Liebe leben möchte, steht nun an
diesem Hof, im Vaterhaus, in dem neuen Leben, das seine Mutter erwählt
hat, als der einzige, der noch in Trauer geht, wie in einem Lager
von Feinden. Seine Natur ist aber nicht so, daß er ein Wehrloser in
Depression stünde; da er mit dieser Feindeswelt umgehen muß, braucht
er die Waffe, die sein ist: den Geist, der sehr aktiv, aggressiv,
polemisch wird, sowie man ihn mit Eingriffen der Gewöhnlichkeit oder
Niedertracht aus seiner Versunkenheit reißen will, welche nur wie
eine Schicht ist, unter der die Qual, das Bohren, das Fragen und
Suchen in wilder Arbeit steht. So ist er nach außen abwechselnd milde,
sanft, nachgiebig, abwesend und dann wieder heftig, scharf, böse. Was
wirklich in ihm lebt, sein wahrhaftes Wesen und seine Situation, kann
er, solange er nicht zu Horatio als einem echten Menschen und Freunde
Vertrauen gefaßt hat, fast nur in der Auseinandersetzung mit sich
selbst, die uns als Monolog gegeben wird, äußern. So ist es, noch ehe
sein Vater wiederkehrt; noch ehe den Empfindsamen, Verletzlichen die
fürchterlichste Botschaft aus der Unterwelt erreicht, die Nachricht
von der Ermordung des Vaters, die der Tote ihm selbst bringt, die
Nachricht, daß der Vater in der Unterwelt in aller Eindringlichkeit
des Leibhaften die Höllenqual erleidet, die unterirdisch auch in der
Seele des Sohnes tobt. Noch ehe all das zu ihm gesprochen hat, ist
schier unerträglicher Weltschmerz in Hamlet; was er erlebt, ist ihm
ein Beispiel des Zustands dieser Welt; leidenschaftlich äußert sich,
sowie er mit sich allein ist, sein Abscheu vor dieser Welt, wie sie
ist; er sehnt sich, ein geisterhaftes Wesen in ätherischer Sphäre, nur
kein Mensch unter Menschen zu sein; er sinnt zum Selbstmord hin. Wie
muß diesen Menschen in dieser Verfassung und Situation die Nachricht
treffen, die Kunde vom Mord, die ihm auch eine entsetzliche Kunde von
seiner Mutter ist; die Kunde, wie die Schmach, der Schmutz, die Qual
dieser Welt mit dem Leben nicht zu Ende ist; wie die Seele, die hier
nicht Stille und Frieden fand, drüben im Wirbel des Entsetzens weiter
gedreht und geschleudert wird.
Dies Weiterleben des Ermordeten im höllischen Fegefeuer, die für
Auserwählte sichtbare Wiederkehr des Gespenstes und seine Unterredung
mit dem Sohn hat man als entsetzenvolle Wirklichkeit zu nehmen; und
den möchte ich sehen, der so kühl und überzeugt Leben und Bewußtheit
nur als eine Funktion einer bestimmten Formation von Stoffteilchen
nimmt, daß er nicht mehr imstande ist, das Grauen vor dem Leben im Tod
zugleich mit dem vor dem Tod im Leben, wie sie alle beide in diesem
Stück ineinander verschlungen sind, zu empfinden. Mit diesem ihrem
unlöslichen Bestandteil ist die Hamlet-Tragödie zur Dichtung einer
Weltstimmung geworden, die mit dem Christentum in die Welt gekommen
ist; und gerade daß Hamlet und Horatio wie ihr Dichter dazu noch im
Rationalismus stehen, daß sie wie von etwas Ungeglaubtem, Unerhörtem
durch die unmittelbare Gewalt der Sinnenwahrnehmung überwältigt werden,
das hebt diese Szenen über alles Dogmatische und Abergläubische und
weckt uns zu einer zugleich erhabenen und intim vertrauten Bangigkeit
vor dem Ewigen, die wir so nicht bei Sophokles und nicht bei
Michelangelo und nicht bei Rembrandt, und in dieser Art auch nicht bei
den Dämonen der gotischen Plastik und bei Grünewald empfinden. Diese
Stimmung Shakespeares, wie sie auch Claudio in Maß für Maß zum Ausdruck
bringt,
... der Geist, noch lebensfroh,
Getaucht in Feuerwogen, hingebannt
In schaudernde Gefilde ew’gen Eises;
Im Kerker unsichtbarer Sturmgewalt
Rastlos gejagt rund um die schwebende
Weltkugel ...
diese Stimmung inmitten einer starken, gefaßten, vor keiner Ergründung
zurückschreckenden, tapfer suchenden Vernunft ist ein Vermächtnis
leidenschaftlicher und leidender Weltinnigkeit, das durch Shakespeare
hindurch von der christlichen Ära mit lebendiger Gewalt zum Zeitalter
der Wissenschaften gegangen ist.
Immer ist es bewundert und von Lessing in edel schmerzlichem Neid
aufgezeigt worden, mit welcher Kunst diese Szenen gebaut sind, mit
einer Kunst, wie sie nur dem innigsten und mächtigsten Gefühl für die
unsägliche Tragik des ewigkeitsbewußten Tieres, das Mensch heißt,
gegeben ist. Ein freier Raum, Nacht unter dem unendlichen Himmel,
damit beginnt das Stück. Schildwachen lösen sich ab; genau zur Stunde,
eben schlägt es zwölf Uhr. Aus den Worten, die erst gewechselt werden,
dringt die Kälte dieser Nacht auf uns ein; es fröstelt uns; und das
fortwährende Halt!- und Wer da?-Rufen versetzt uns in die unheimliche
Stille, die ohne das walten würde. Und dann beginnt das Gespräch von
dem Ding, das erschienen ist; wir hören das Pah des ungläubigen
Rationalisten; einer, der dabei gewesen, fängt an zu erzählen, wie er’s
gesehen hat, da kommt das Gespenst, sichtbar für die drei Menschen
auf der Bühne, und wir sehen, wie es sich still, würdig, menschlich
dahinbewegt, und wie der Rationalist den verehrten König erkennt. Und
dann, wie es wieder kommt, der gewalttätige Versuch der Soldaten, die
sich zur Tapferkeit gewohnt kriegerischer Art zwingen, die Erscheinung
festzuhalten, und Horatios feierliche Beschwörung: das Gespenst geht
schweigend weiter; und nun kräht der Hahn und es ist weg. Dieses
Allerseltsamste erfährt Hamlet, nachdem wir ihn in seiner Haltung am
Hof, zur Mutter, zum Oheim-Stiefvater gesehen, nachdem wir den Ausbruch
seiner Qual, seine Sehnsucht, ein Geist, kein Mensch zu sein oder die
Pforten des Todes frei öffnen zu dürfen, mitangehört haben. Welche
Exposition ist das! Wie erlaubt sich da die Innigkeit den kühnen Griff
und stellt souveräne Kunst in ihren Dienst! Und von vornherein bekommen
wir das Gefühl, aus Hamlets Worten wie aus dieser Situation, daß hier
die Enge einer barbarischen äußeren Handlung zum Kampfplatz des Geistes
mit der triebhaft gemeinen Welt, der Seelenreinheit mit Gierschmutz und
Klugheitsberechnung erweitert wird; und daß dieses Ringen des Geistes
nicht nur mit allem Fratzenhaften der Tiermenschheit, sondern in
rastloser Jagd „rund um die schwebende Weltkugel“, in der Unendlichkeit
kosmischer Qual vor uns gestellt werden soll.
Ehe Hamlet sich nun in der folgenden Nacht dem Geist in den Weg stellt,
wird in Anwendung der Technik, die Shakespeare bei reichverzweigter
Handlung regelmäßig anwendet, erst noch ein neues Motiv angeschlagen.
Wir erfahren in dem Gespräch Opheliens erst mit ihrem Bruder, dann mit
ihrem Vater, von der aufkeimenden Liebe zwischen ihr und Hamlet. In
dieser Zeit, wo er so maßlos einsam und elend war, hat er dem lieben,
sanften, weichen Mädchen von seiner Neigung gesprochen und hat auch
glauben dürfen, daß sie seine Liebe erwidere. Uns wird bange, wenn
wir miterleben, wie das folgsame Kind dem Vater verspricht, seinem
Befehl zu gehorchen und jeden Verkehr mit dem Prinzen abzubrechen.
Die beiden Kinder, Laërtes wie Ophelia, sehen zu dem alten Polonius,
ihrem Vater, mit einer Art kleinbürgerlicher Ehrerbietung auf. Er
zeigt Welterfahrung, Klugheit, hat die allgemeinen Maximen rechter
Lebensführung am Schnürchen und dazu eine humoristische, zwischen Güte
und Heftigkeit polternde patriarchalisch befehlende Überlegenheit;
es wundert uns nicht, daß die junge Brut in Kindesliebe fügsam ist.
Und es wundert uns nicht, daß so eine stille, bald etwas gedrückte,
bald herzhaft heitere Natur wie Ophelia den Prinzen in dieser Zeit,
wo ihm der Vater durch schaurigen Tod, die Mutter in schaurigem Leben
genommen wurde, anziehen mußte wie eine liebliche Gewähr, daß die Welt
nicht ohne Seele ist. Auch das also soll, ohne daß er’s noch ahnt, dem
Gequälten genommen werden, der sich nach einer duftigen, rein geistigen
Welt sehnt und der, das Herz voll dumpfer Ahnung, nun in die kalte
Winternacht schreitet, um dem Boten aus der Geisterwelt zu begegnen,
der das Gespenst seines eignen Vaters sein soll.
Schon in der ersten Szene war im Anschluß an die Erscheinung eines
heldischen und höchstverehrten Mannes, des Königs, als Dämon aus der
Unterwelt von den Zuständen in Dänemark und der schlimmen Vorbedeutung
für eine große Gärung und Schicksalswendung gesprochen worden. Jetzt,
wo Hamlet in der nächsten Nacht auf das Gespenst wartet, knüpft das
Gespräch an die Kanonenschüsse und Trompetenstöße an, die bei dem
wüsten nächtlichen Gelage des jetzigen Königs seine Trinksprüche
begleiten und die man von der Terrasse aus hört. Hamlet wird lebhaft,
gebraucht starke Worte gegen dieses wilde, unvernünftige Treiben;
kommt von da in eine Betrachtung allgemeiner Art; verwickelt sich in
einen langen Satz, dem seine und unsre ganze Aufmerksamkeit gilt, --
und in diesem Augenblick erscheint der Geist. Bei dieser Begegnung,
wo er in der gepanzerten Gestalt, hinter dem offenen Visier Zug
um Zug seinen edlen Vater erkennt, zeigt sich Hamlets Geistigkeit
von einer neuen Seite: er ist tapfer. In der besondern Art tapfer,
die mit kriegerischem, soldatischem Wesen, mit Bravour und harter
Gewöhnung nichts zu tun hat. Wenn von jenseits der Grenzen der Natur
ein dämonisches Wesen, das eine Teufelsmacht sein kann, uns winkt,
darf auch den Mutigen Furcht ankommen, und so warnt Horatio den
Prinzen geradezu vor dem Wahnsinn, in den dieses Gespenst, wenn er
ihm folgt, ihn hineintreiben kann. Hamlet aber fühlt, daß hier ein
Außerordentliches in sein Leben getreten ist, das sein Schicksal sein
soll: dem will er sich stellen. Am Leben in dieser Sterblichkeit liegt
ihm nichts; es ruft ihn aus der Ewigkeit; nun, das Ewige, das da von
außen zu ihm getreten ist, weiß er auch in sich. Von der gestaltenden
Phantasie her --
Er kommt ganz außer sich vor Phantasie
ruft Horatio aus -- steigt freudige Kraft und Entschlossenheit in ihm
auf.