Einen ganz besondern Verstand, eine Neigung zu weiser Rede und

allgemeinen Maximen finden wir nun außer bei Hamlet selbst in der Tat

besonders an König Claudius und an Polonius. Im allgemeinen ist man

in den Meisterwerken Shakespeares ganz sicher, daß, was die Personen

äußern, nebst dem, daß es um der Situation willen und aus allgemeinen

Gründen gesagt sein soll, zu ihrer Charakteristik dient oder wenigstens

ihrem Charakter entspricht. In den Lustspielen nimmt es Shakespeare

damit nicht so genau, vor allem aber gibt es eine Reihe Dramen einer

späten Übergangszeit, wo der Dichter um der Polemik und der Lehre

willen die Charakteristik fast geflissentlich hintangesetzt hat; und

das ist ein Zug, der die Chronologie dieser Stücke so sehr erschwert,

weil man fälschlich glaubt, ihn der Jugend ausschließlich zuweisen zu

müssen. Diesen Stempel tragen der Timon, der Perikles und der Zymbelin

besonders; auch das Wintermärchen ist nicht ganz frei davon. Leugnen

läßt sich nun nicht, ist vielmehr wichtig zu beachten, daß der Dichter

im Hamlet so ziemlich jede Situation benutzt, um Dinge aussprechen zu

lassen, die für die innere Handlung, für den letzten Sinn der Tragödie,

für die Beleuchtung Hamlets bedeutend sind. Einmal wird auf diesen

Doppelsinn der Maximen ausdrücklich hingewiesen; da, wo Polonius der

Ophelia empfiehlt, bei ihrer absichtlich herbeigeführten, zufällig

aussehenden Begegnung mit Hamlet ein Buch in der Hand zu halten; er

knüpft daran eine Bemerkung über fromme Heuchelei im allgemeinen, die

sich auch noch auf andre Geschehnisse des Stücks beziehen soll und die

der König in einem zerknirschten Murmeln mit sich selbst denn auch

sofort auf sich anwendet.

Sind nun diese Äußerungen hoher Intelligenz, besonders aus dem Mund

des Königs und Polonius’, lediglich um ihrer Beziehung zum Sinn willen

da, widersprechen sie dem sonstigen Wesen der Sprecher? Keineswegs;

Polonius ist ein kluger, erfahrener Mann und -- was seine Anrede an

den Sohn angeht -- ein besorgter, vorsichtiger Hausvater; daneben

ist er freilich nach oben willfährig ergeben, keineswegs „sich

selber treu“, wie er so schön empfiehlt, und überdies vertrottelt

und senil. Wir bemerken aber oft, daß ein älterer Schriftsteller zum

Beispiel in seinen Arbeiten noch Lebendigkeit und Kraft der Gedanken

und Wendungen zeigt, während er im Privatleben nicht mehr bei der

Stange bleiben kann; und so scheint uns zwar ein großer Widerspruch

zwischen der schönen Anrede des Ministers an den Sohn und seiner

sonstigen, oft kläglichen Haltung da zu sein; aber ein Widerspruch,

der für ihn, seine Stellung, seine Anbequemung an die Umstände und

seine Jahre kennzeichnend ist. Was aber gar König Claudius angeht,

so werde ich noch zu zeigen haben, daß sein ganz außerordentlicher

Verstand, auf Grund dessen er in der Tat Worte zu sprechen hat, die

ins Herz der Tragödie treffen, einen entscheidend wichtigen Zug seines

Wesens bildet und daß Tieck, unbeschadet seiner recht verfehlten

Absicht und Begründung, keineswegs unrecht hatte, wenn er von einer

Familienähnlichkeit zwischen Hamlet und seinem Oheim sprach.

Die Worte also, die in diesem Drama den Personen aus dem Munde gehen,

sind nicht immer um des Wesens dieser Gestalten und der Situation

willen gesagt, sondern bergen, ohne dem Charakter der Redenden zu

widersprechen, manchmal einen Hinweis auf die Bedeutung des Ganzen

oder die Natur einer Hauptgestalt. Diese Verwendung der dramatischen

Rede und Situation bringt die Hamlet-Tragödie in den Zusammenhang

der späten Dramenreihe, die ich oben nannte und für die Zymbelin ein

hervorragendes Beispiel ist, ist aber nicht auf die Entstehung des

Dramas und ganz gewiß nicht auf die erste Fassung zurückzuführen.

Vor allem andern ist es jetzt, wie wir uns die alte Sage

vergegenwärtigt haben, durchaus nötig, uns an den tatsächlichen Verlauf

der Handlung des Dramas zu erinnern; dann erst können wir untersuchen,

was dieses Drama uns soll, wie Prinz Hamlet in ihm steht; ob die

Handlung nur dazu dient, das Innere dieses Menschen zum Vorschein zu

bringen; oder ob sie selbst einen innern Sinn birgt.

Bei Beginn des Stückes ist es etwa zwei Monate her, daß König Hamlet

plötzlich, man sagt, an einem Schlangenbiß, gestorben ist. Sein

Bruder ist als Nachfolger gekrönt worden. Wenn wir dem jungen Hamlet,

der aber vielleicht ein wenig übertreibt, glauben wollen, ist nur

ein Monat vergangen, bis der neue König Claudius die Witwe, seine

Schwägerin, geheiratet hat. Jedenfalls sind sie jetzt ein Paar, und

die aus weiter Entfernung zur Leichenfeier und Krönung gekommen sind,

wie Laërtes aus Frankreich, Horatio aus Wittenberg, kamen nicht viel

vor der Hochzeit an. Auch Hamlet war in Wittenberg gewesen; seit wann

er zurück ist, bleibt unklar; aus dem Gespräch mit Horatio scheint

hervorzugehn, daß es schon etwas länger her ist, und daß er all die

schweren Ereignisse im Lande mitgemacht hat. Jetzt möchte er wieder

nach Wittenberg zurück, läßt es sich aber von der Mutter zu des Königs

freudiger Überraschung leicht ausreden. In schwerer Stimmung, in der

Gram, Empörung und Ekel sich mischen, erfährt der junge Prinz das

Unglaubliche, daß der Geist seines Vaters sich zeigt. Er sucht den

Ort auf, und um Mitternacht kommt das Gespenst und spricht mit ihm;

es eröffnet ihm, was er jetzt geahnt zu haben glaubt: nicht von einer

Schlange gestochen starb sein Vater; er ist von seinem eignen Bruder

ermordet worden. Der hatte ein ehebrecherisches Verhältnis mit Gertrud,

König Hamlets Frau; im Schlaf ermordete er den Bruder durch Gift, das

er ihm ins Ohr träufelte. Dann wurde er König und nahm die Witwe des

Bruders zur Frau, was schon an sich als Blutschande gälte. Der Geist

des Vaters fordert Hamlet den Sohn zur Rache auf; die Mutter sei dem

Himmel überlassen, gegen sie soll er nichts tun; aber an dem Mörder

und Blutschänder soll er den Vater rächen. Wie das geschehen soll,

bleibt ganz dem Prinzen anheimgestellt. Der gelobt die Rache, schon ehe

er gehört hat, um was es sich im einzelnen handelt. Sofort, nachdem

der Geist ausgeredet hat und gegangen ist, scheint ein Plan in Hamlet

zu erwachen; er läßt die beiden, die den Geist in dieser Nacht noch

gesehen haben, unverbrüchliche Geheimhaltung schwören; er nimmt sich

vor, „ein wunderliches Wesen anzulegen“, sich wahnsinnig zu stellen.

Er tut es; in dieser gräßlichen Verfassung sieht ihn auch Ophelia, der

er in letzter Zeit von Liebe geredet hat, die aber auf strenges Geheiß

ihres Vaters Polonius gerade jetzt mit ihm gebrochen hat. Polonius,

der Oberhofmeister, denkt an Verrücktheit aus unglücklicher Liebe und

meldet diese Deutung und die zugehörigen Tatsachen dem König. Der hat

inzwischen schon andre Maßregeln ergriffen, um den Grund von Hamlets

bedenklichem Wesen herauszubringen: zwei Schulfreunde des Prinzen,

Rosenkranz und Güldenstern, sind nach Helsingör an den Hof berufen

worden, um sich in sein Vertrauen zu schleichen. Hamlet bringt das aus

ihnen im Gespräch heraus und sieht sich vor. Der König belauscht ein

Gespräch Hamlets mit Ophelien: all das Wüste, Wirre, was er mitanhören

muß, überzeugt sein böses Gewissen nicht, daß es sich um Krankheit

handle; er ist überzeugt, Hamlet brüte über gefährlichen Plänen, und

trifft Anstalten, ihnen zuvorzukommen.

Hamlet ist noch in Zögern und Unsicherheit, auf der Suche nach

Gewißheit und Überführung. Könnte nicht, was ihm als Geist des Vaters

erschien, ein Teufel gewesen sein? Da führt ihm der Zufall eine

Schauspielertruppe in den Weg, die ihm von früher ergeben ist; von

dieser läßt er ein kurzes Stück aufführen, das von Ehebruch und Mord,

Mord durch ins Ohr eines im Garten Schlafenden geträufeltes Gift

handelt; bei dieser furchtbaren Anspielung auf eine Tat, die nach des

Königs Meinung niemand kennen kann, wollen Hamlet und sein Freund

Horatio, zu dem er Vertrauen gefaßt und den er in alles eingeweiht hat,

den König scharf ins Auge fassen. Es geschieht so, der König gerät in

furchtbare Unruhe und bricht auf; Hamlet frohlockt; er ist nunmehr

überzeugt, daß der Geist die Wahrheit gesprochen hat. Während der

König in entsetzlicher Verfassung seinen Plan, Hamlet nach England zu

schicken, weiter ausgestaltet und vielleicht jetzt den Entschluß faßt,

ihn in England ermorden zu lassen, geht Hamlets Mutter ihre eigenen

Wege: noch in dieser Nacht will sie mit dem Sohn sprechen und läßt

ihn rufen. Auf dem Weg zur Königin sieht Hamlet den König im Gebet

knien, so scheint es ihm; der wild verzweifelte, von Unruhe gepeinigte

Mann bemüht sich freilich vergebens, Reue und Gebet aufzubringen.

Hamlet will den Mörder nicht in dieser Situation umbringen; seine

Rache muß schrecklicher sein. Wie er dann aber bei der Mutter ist,

entschlossen, ihr unerhört ins Gewissen zu reden und für dieses

Gespräch die Tür verschließt, wie die angstvolle Frau Schlimmstes

befürchtet, um Hilfe ruft und der als Lauscher bestellte Polonius sich

hinter dem Wandteppich regt, da glaubt Hamlet in Augenblicksdenken,

es sei der König, und sticht blindlings drauflos. Er hat Polonius,

Opheliens Vater, erstochen; und angesichts der Leiche hebt er nun an,

in furchtbarer Eindringlichkeit der Mutter ihre Situation vorzuhalten.

Mitten in seine leidenschaftliche Rede hinein kommt der Geist. Hamlet

glaubt, es geschehe, um ihn zu schelten, weil er träge sei und die

Rachetat noch nicht vollführt habe; der Geist mahnt ihn, nicht zu

vergessen; mit der Mutter soll er reden, in deren Seele es nun kämpft.

Hamlet tut es mit inniger Gewalt. Nun, nachdem es aussieht, als wäre

Polonius dem Irrsinn des Prinzen zum Opfer gefallen, ist ein triftiger

Grund da, ihn fortzuschaffen; er muß sofort an Bord, Rosenkranz und

Güldenstern sind seine Geleiter; und jetzt erfahren wir, daß sie einen

Brief bei sich haben, der den König von England, welcher dem Dänenkönig

verpflichtet ist, auffordert, Hamlet umbringen zu lassen. Davon,

daß das Höflingspaar von dem Inhalt dieser Botschaft etwas wüßte,

erfahren wir nichts. Während Hamlets Seereise wirkt seine rasche Tat,

die Polonius das Leben nahm, weiter: Ophelia, der von der Hand des

Geliebten der Vater umgebracht worden ist, kommt von Sinnen und geht

ins Wasser; ihr Bruder Laërtes, der heimkehrt, findet sie wahnsinnig

und bald tot. Er ist stürmisch aus Frankreich herbeigeeilt, um den Tod

des Vaters an dem König, den er für den Schuldigen hält, zu rächen. Er

hat Anhang im Volk gefunden; er soll ihr König werden. König Claudius

überzeugt ihn leicht, daß nicht er, sondern Hamlet die Tat begangen

hat und auch an Wahnsinn und Tod der Schwester die Schuld trägt.

Darüber kommt gerade von Hamlet die zunächst unbegreifliche Nachricht,

daß er zurückgekehrt und schon wieder gelandet ist. Da schmieden der

König und Laërtes ihren Plan gegen ihn: Laërtes ist in Frankreich ein

berühmter Fechtkünstler geworden; Hamlet, der diese Kunst auch liebt,

hat früher öfter den Wunsch geäußert, sich mit ihm zu messen. So wird

es leicht sein, ein Kampfspiel zwischen den beiden zustande zu bringen;

dabei soll Laërtes gegen den Ahnungslosen, Vertrauenden nicht mit

stumpfer, sondern scharfer Klinge fechten, rät der König; Laërtes’

Rachedurst geht noch weiter: er will die Degenspitze vergiften. --

Hamlet, in berechtigtem Mißtrauen, hatte auf dem Schiff den Brief

an den englischen König erbrochen und erfahren, daß ihm sofort nach

Ankunft der Kopf vom Rumpf getrennt werden sollte; nun fälschte

er einen andern Brief, in dem der König aufgefordert wurde, die

Überbringer umzubringen; bei Gelegenheit eines Kampfes mit Seeräubern

richtete er es klüglich so ein, daß er gefangen wurde, Rosenkranz und

Güldenstern weiter fuhren, ihrem Schicksal entgegen. Die Korsaren

setzten ihn an der dänischen Küste an Land; dazu hat er sie durch die

Aussicht vermocht, daß er „einen guten Streich für sie tun“ wird, womit

offenbar seine Rache am König gemeint ist. Zu der ist er jetzt fest

entschlossen: der Brief an den König von England hat ihm genug gesagt.

Auf dem Friedhof, wo er sich mit seinem Freund Horatio bespricht, gerät

er in Ophelias Beerdigung hinein; nun sie tot ist, kommt seine Liebe

zu leidenschaftlichem Ausbruch, und er gerät im Grab wild und toll

mit Laërtes zusammen. Sie werden auseinandergerissen; ihm ist zumute,

als müsse er es mit Laërtes ausfechten, wer die Tote inniger geliebt.

Das kommt dem König zupaß; nun wird rasch der Zweikampf vorbereitet,

der Hamlet ausdrücklich als Kampfspiel zum Ausfechten einer Wette

dargestellt wird. Um ganz sicher zu gehen, hält der König einen Becher

mit einem Gifttrunk für Hamlet in Bereitschaft. Nun geht alles schnell:

Laërtes und Hamlet verwunden sich gegenseitig mit der nämlichen

vergifteten Degenspitze; die Königin trinkt aus dem Giftbecher, den

der König für Hamlet zurechtgestellt hatte; erst sie, aus Ahnung, dann

Laërtes aus Mitschuld fangen an zu enthüllen; nun wendet der vom Tod

gezeichnete Hamlet rasch den Giftdegen, der ihm in der Hand geblieben

ist, gegen den König und bringt ihn um. Der junge Fortinbras, der Prinz

von Norwegen, der von seinem Kriegszug gegen Polen zurückkehrt und

durch Dänemark kommt, und die englischen Gesandten, die zugleich mit

ihm kommen und melden, Rosenkranz und Güldenstern seien dem Gebot des

Dänenkönigs gemäß umgebracht worden, finden das Königspaar, Hamlet und

Laërtes tot; vor ihnen als den Vertretern der Welt da draußen enthüllt

Horatio, in welchem Zusammenhang das alles geschehen ist. Vom alten

Gegensatz zwischen Norwegen und Dänemark hatten wir schon immer gehört

und von Fortinbras’ Ansprüchen auf dieses Reich; jetzt soll der tapfere

junge Kriegsmann König werden; sterbend hat Hamlet ihm seine Stimme

gegeben.

Ich gestehe: ich habe diesen Bericht über den Verlauf der äußern

Handlung nicht ohne Scham geliefert. Durch nichts kann man doch

deutlicher zeigen als durch solche Zusammenstellung, daß es Shakespeare

nicht auf die Erfindung, die Abenteuer, die seltsamen Ereignisse

ankam, sondern auf die Ausdeutung der gegebenen Geschichte, an der

er nur durch Weglassungen, Zusätze und Umbiegungen änderte, was

die Motivierung notwendig machte. Sicher ist, daß ihm auch hier

daran gelegen war, jedes Moment der Geschichte zu pressen, bis es

Menschliches, Innerliches, Verborgenes leuchtend hervortreten ließ.

Je mehr man aber den Gang der Handlung, wie ich ihn eben im Rohen

skizziert habe, in die Einzelheiten und Übergänge verfolgt, je mehr man

zu dieser Entwicklung der Ereignisse ausdeutende Worte dazu nimmt, die

von den Trägern der Handlung, sei es in entscheidenden Augenblicken,

sei es gelegentlich, gesprochen werden, um so sicherer erkennt man,

vielleicht zu eigener Überraschung, daß diese Tragödie Hamlet in einem

höchst ironischen Sinn des Wortes nebst allem, was sie sonst noch in

sich birgt, eine Schicksalstragödie ist, daß also doch auch die äußere

Handlung des Dramas, ganz unabhängig zunächst von Natur und Geist des

Prinzen Hamlet, einen wesentlichen Teil des Sinnes ausgestaltet, um

dessentwillen diese Dichtung geschrieben ist.

Ich bin davon ausgegangen, daß ich sagte, es sei für unser intuitives

Erfassen nichts klarer als der innere Sinn dieses Dramas. Wenn dem

so ist, wäre es ja wunderbar, wenn dieser Sinn nicht von einem Mann

wenigstens schon ausgesprochen sein sollte, der sich so energisch

und innig mit der Tragödie beschäftigte und der die Gabe, die man

Intuition nennt, und den sprachlichen Ausdruck für das anschaulich

Erfaßte so wunderbar besessen hat, von Goethe. Ganz recht; ich finde

in der Tat, daß Goethe über das Stück das Wesentliche gesagt hat,

vor allem auch darin, daß er diese Zweiseitigkeit hervorgehoben und

Hamlet einmal als Charaktertragödie und dann als Schicksalstragödie

erkannt hat. Auch über Hamlets Wesen und seine Stellung zur Welt

sagt er schlechtweg Entscheidendes, wie es vom Dichter des Werther

und des Tasso nicht anders zu erwarten war; und die Nachfahren, die

Goethes Deutung variiert, ergänzt, verstärkt haben, hätten manchmal

etwas dankbarer von ihrer aller Ahnherrn reden können; aber auch ich

bin der Meinung, daß der Mann, der es nicht zu einem Hamlet, sondern

bloß zu einem Werther und Tasso gebracht hat, das Problematische,

Inkomplette, Passive, in jedem Sinn Leidende in Hamlets Stellung zur

Welt zu stark betont, seine Aktivität und Energie zu wenig erkannt

hat. Hier aber rede ich noch gar nicht von dieser allbekannten Deutung

Goethes: „Eine große Tat, auf eine Seele gelegt, die der Tat nicht

gewachsen ist“, rede gar noch nicht von Hamlets Natur und seiner

Stellung zur Welt und zu seiner Aufgabe; ich rede von der Handlung

des Stücks, von den seltsamen Wegen, die das Schicksal in ihm nimmt,

und von Goethes Deutung nicht der Person Hamlet, sondern der Tragödie

Hamlet als Totalität. Diese Äußerung Goethes, obwohl sie im Wilhelm

Meister im selben Zusammenhang steht wie die immer zitierte, wird viel

weniger beachtet; die eine sollte aber von der andern nicht getrennt

werden; beide zusammen ergeben Goethes Auffassung, wie Hamlets Natur

und der Verlauf der Ereignisse, an denen diese Natur zum Vorschein

kommt, zusammen die Tragödie von Hamlet bilden. Goethe sagt: „... Es

geschieht eine ungeheure Tat, sie wälzt sich in ihren Folgen fort,

reißt Unschuldige mit; der Verbrecher scheint dem Abgrunde, der ihm

bestimmt ist, ausweichen zu wollen, und stürzt hinein, eben da, wo er

seinen Weg glücklich auszulaufen denkt. Denn das ist die Eigenschaft

der Greueltat, daß sie auch Böses über den Unschuldigen, wie der guten

Handlung, daß sie viele Vorteile auch über den Unverdienten ausbreitet,

ohne daß der Urheber von beiden oft weder bestraft noch belohnt wird.

Hier in unserm Stücke wie wunderbar! Das Fegefeuer sendet seinen Geist

und fordert Rache, aber vergebens. Alle Umstände kommen zusammen und

treiben die Rache, vergebens! Weder Irdischem noch Unterirdischem kann

gelingen, was dem Schicksal allein Vorbehalten ist. Die Gerichtsstunde

kommt. Der Böse fällt mit dem Guten. Ein Geschlecht wird weggemäht, und

das andre sproßt auf.“

Daß das sich nun in der Tat so verhält, ist klar, sowie man den nackten

äußern Verlauf betrachtet. Die Tat, die alles ins Rollen bringt, ist

geschehen: König Hamlet ermordet, der Usurpator im Besitz der Witwe

und des Throns. Hamlet Vater und Sohn wollen die furchtbarste Rache

über den Mörder verhängen, die Königin aber schonen: das Paar geht

zusammen zugrunde. Prinz Hamlet will den König erstechen und tötet

Polonius. Von seinem geheimnisvollen Verhalten zu Ophelia soll in

diesem Zusammenhang bloß äußerlichen Planens lieber nicht die Rede

sein, irgendwie aber scheint Hamlet sie in diese Pläne hineinzuziehen,

sie als Mittel zu benutzen: das Ergebnis, ihr Wahnsinn und Selbstmord,

kommt ihm als furchtbare schmerzliche Überraschung. König Claudius will

Hamlet in England umbringen lassen und liefert seine Boten dem Henker.

Laërtes will seine Rache mit verräterischem Anschlag befriedigen; der

König will sich seiner bedienen; alle beide gehen darin zugrunde.

Und in dem Augenblick, wo alles gegen Hamlet geht und der nur den

Zweikampf im Sinne hat, der ihm ein symbolischer Ausdruck für seine

aus dem Grab aufgestiegene Liebe zu Ophelia ist, wo er gerade seiner

Rachepflicht gar nicht gedenkt, vollführt er die Rache, die ihn selbst

mit verschlingt.

Keineswegs ist diese Deutung, wonach das ironisch waltende, der

Menschenpläne spottende Schicksal vom Dichter mit diesem Drama

dargestellt wird, bloß hineingelegt oder aufgepfropft. Was wir hier mit

Goethe sichtbar in dem Stück gefunden haben, läßt der Dichter am Schluß

seinen Horatio, der sich anschickt, als Vermächtnis Hamlets den wahren

Zusammenhang des Ganzen zu enthüllen, Fortinbras gegenüber deutlich

aussprechen:

... so sollt ihr hören

Von Taten, fleischlich, blutig, unnatürlich,

Zufälligen Gerichten, blindem Mord;

Von Toden, durch Gewalt und List bewirkt.

Und Planen, die verfehlt zurückgefallen

Auf der Erfinder Haupt.

Von hier aus aber eröffnet sich uns ein Weg, von dem ironischen

Schicksal, das die Tragödie darstellt, zu Hamlets zwiespältigem

innern Wesen. Das Schicksal bringt nicht alles, was Menschen tun, zum

Scheitern; das eine gelingt, das andre mißrät; geht es in der Welt

dieses Stückes ganz wie von ungefähr, blind, willkürlich, launisch

zu? Oder wird uns gerade hier ein Merkmal gezeigt, durch das wir die

Unterscheidung, die Wahl des Schicksals anfangen können zu verstehen?

Es wird uns gezeigt, in einer Erkenntnis, zu der Hamlet schließlich

kommt und die mit dem Geheimnis seiner reichen Natur innig

zusammenhängt. Er hat sich als einen Tollen, der Thron und Reich

in Gefahr bringt, nach England wegschaffen lassen; und wie er nun

zurückgekehrt ist und dem Freunde berichtet, durch welche Verkettung

von Zufall und eignem raschen, unüberlegten Entschluß er der größten

Gefahr, der Ermordung entging, da ruft er aus:

Laßt uns einsehn,

Daß Unbesonnenheit uns manchmal dient,

Wenn tiefe Plane scheitern; und das lehr’ uns,

Daß eine Gottheit unsre Zwecke formt,

Wie wir sie auch entwerfen.

Diese Gottheit also, die Hamlet schließlich anerkennen lernt, so daß er

kopfschüttelnd gestehen muß:

~There’s a divinity, that shapes our ends~,

scheint es besonders auf die tiefen Pläne, auf den vorbereiteten

Anschlag, auf die Unternehmungen abgesehen zu haben, die vernünftiger

Überlegung entstammen; diese ~deep plots~ werden vereitelt. Hingegen

~praised be rashness~! Unser zweckbewußtes Handeln lenkt die

Gottheit und wandelt es um; weit eher ist sie im Bunde mit unsrer

raschen Unbewußtheit als mit unserm vernünftigen Überlegen.

Nun ist das aber ein sehr ernster Gedanke, für uns alle; und zumal

für Hamlet. Denn dieses beides hat er in sich, solange er lebt,

dieses beides streitet in ihm und wirkt manchmal zusammen: Umsicht,

Überlegung, Geistigkeit, Bedenken bis zur Bedenklichkeit, und aber

Energie, Aktivität, blitzschneller Entschluß, stählerne Elastizität und

rasche Tat. Jetzt, wo’s zum Ende geht, ruft er aus, ruft dieser Hamlet

aus, den wir beobachtet haben, dessen Selbstgespräche, Erwägungen,

umständliche Anstalten, Selbstvorwürfe der Untätigkeit und Feigheit wir

mitgemacht haben:

~Praised be rashness~!

Die Raschheit, die Unbesonnenheit lobt er sich nun; er tut es in einer

Stimmung, in der schmerzlichste Erkenntnis, Lust, daß er rasch sein

Inneres in Tat verwandelt und also gelebt hat, und Resignation seltsam

vereinigt in ihm sind. Seine aufgeräumte Lust kommt ihm nicht bloß

von der raschen Befreiungstat, über die er dem Freund berichtet; noch

zittert in ihm Wonne und Weh über seinen kühnen Sprung in Opheliens

Grab und sein spätes, allzu spätes Bekenntnis zu seiner Liebe; wie

hatte er die in Zweifel, in Erwägung, in Mißtrauen zurückgedrängt

und seine Haltung gegen die Geliebte sogar in seine Rachepläne

gegen den König einbezogen; jetzt, wo er alles, was ihn umschnürte,

zersprengt, Überlegung und Melancholie unter sich gebracht hat, wie

wohl wäre ihm, wenn es nicht zu spät wäre! Wie würde er sich in seiner

tatfrohen Kraft eins mit dem Göttlichen fühlen, wenn nicht so viel

schon geschehen wäre, das ihn empfinden läßt, daß er nicht mehr in

der Lust des Anfangs, sondern in der Entsagung steht. So weiß er denn

wohl: die Gottheit vollendet’s in ihrer eignen, unvorhergesehenen

Art; die Momente, in denen er in ihr zu stehen spürt, zucken auf und

verschwinden; da es für die tapfere, lustvolle Tat zu spät schon

geworden ist, bleibt nur die Tapferkeit der Bescheidung übrig:

sein Schicksal auf sich zu nehmen. Wie er im Begriff steht, zu dem

Zweikampf zu gehn, der alles entscheiden wird, da hat er das Vorgefühl

des Schicksals; es ist ihm gar übel ums Herz, er hat „eine Art von

schlimmer Ahnung“; aber er sagt:

„Wir trotzen dem Augurentum; besondere Vorsehung waltet im Fall

eines Sperlings. Ist’s jetzt, so ist’s nicht künftig; ist’s nicht

künftig, so wird’s jetzt sein; ist’s nicht jetzt, so wird’s doch

kommen: Bereitschaft ist alles; da keiner was hat von dem, was er

läßt, was liegt daran, es früh zu lassen? Sei’s drum.“

Shakespeare (Volume 1 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 16 / 27 段