Hamlet ist Shakespeare noch einmal. Womit zunächst gemeint ist: was

dieses Stück an Rätselhaftem birgt, kommt nicht vom Innern, sondern

vom Äußern. So wahrhaft unendlich viel auch darüber geschrieben und

gestritten worden ist, ich stehe nicht an, von vornherein zu sagen, daß

für unser intuitives Erfassen nichts klarer, unmittelbarer einleuchtend

ist als der Sinn dieses Stückes und damit das Wesen Hamlets. Abstrakt

ausdrücken läßt sich die Art dieses Individuums schwerer, weil es eben

ein Individuum ist; und es kommt noch dazu, daß Hamlet ein unbequemes

und aufreizendes Individuum für den Typus Mensch ist, der zumeist sich

mit ihm publizistisch beschäftigt hat, so daß seine Vieldeutigkeit

insofern nicht in ihm, sondern in der Enge seiner Beurteiler liegt;

wer zwar literarhistorisch mit der größten konventionellen Verachtung

von Rosenkranz und Güldenstern spricht, in seiner übrigen Stellung zu

öffentlichen, zu menschlichen Angelegenheiten gleich denen, mit denen

Prinz Hamlet sich beschäftigt, aber durchaus ins Lager dieser würdigen

Mitglieder der nationalliberalen Partei gehört, wird diesen Zwiespalt

auch irgendwie in seine Beurteilung Hamlets hineintragen.

Ein ungeheures Rätsel, mit dem die Menschheit niemals fertig werden

wird, ist Shakespeare. Mir scheint aber, und ich hoffe zu zeigen,

daß ein und derselbe Mensch im Reiferwerden und im Auf und Ab der

Stimmungen durch sein ganzes Werk hindurchgeht; mir scheint also,

daß das Innere dieses Mannes so gut zu erfassen ist wie sein Werk.

Eine abgeschlossene Dichtung, ein Werk der Literatur und des Druckes

kann keine unklar verschwimmenden, in Nachbarbezirke hinüberlaufenden

Grenzen haben, muß klar und bestimmt sich in seiner Eigenart gegen

alles andere abheben; es ist gar nicht möglich, daß ein solches

Erzeugnis jahrhundertelang unklar und zweideutig bleibt, es sei denn,

es liege diese Unklarheit und Zweideutigkeit entweder im Inhalt

der Dichtung, wo dann klar und unzweideutig diese Eigenschaft der

Unklarheit und Zweideutigkeit zu erkennen sein müßte, oder in den

Beurteilern. Das äußere Leben des Genies aber, alles, was nicht in

seinen Werken steht, bleibt uns, selbst wenn wir es so in Tag um Tag

und oft Stunde um Stunde verfolgen können wie das Goethes, immer nur

abgerissen bekannt; wie nun gar bei Shakespeare, wo die kümmerlichen

und zweifelhaften Nachrichten und Dokumente uns mehr verwirren als

erhellen!

So also wie mit Shakespeare selbst, meine ich, steht es noch einmal

mit seiner Tragödie Hamlet. Ihr Sinn und Wesen ist klar; sofern aber

trotzdem, wie ich auch finde, gewisse Rätsel und Dunkelheiten da sind,

stecken sie nicht in dem Innern, das dargestellt wird, sondern in der

Beziehung dieses Seelenvorgangs und geistigen Gehalts zu den äußern

Geschehnissen der Handlung. Und ich sage es getrost noch anders: wir

haben es nicht mit einem Stück Leben zu tun, das sich in Dunkelheit

verbirgt, nicht mit der Natur, die sich ihr Rätsel mit Kommentaren so

wenig wie mit Hebeln und Schrauben abzwingen läßt, sondern mit einem

gedruckten Text, der auf Seite 1 beginnt und mit dem Schlußpunkt endet.

Bleibt da hie und da in der Verbindung zwischen Sinn und Aktion etwas

unsicher und wacklig, so dürfen wir nicht bloß an die Unergründlichkeit

dieses Dichters denken, dem unser Begriffsverstand nicht beikommt,

sondern noch an andre Möglichkeiten, an die Mangelhaftigkeit der

Drucküberlieferung des Werks sowohl wie an seine Entstehungsgeschichte

und Unvollkommenheit. Kein Mensch in der Welt kann geneigter sein

als ich, Shakespeare zu nehmen wie eine Naturkraft; wenn’s aber ans

haarscharfe Unterscheiden geht, wird man doch zugeben müssen, daß er

keine ist, sondern eine Kreatur wie wir alle. Womit auch gesagt ist,

daß der Prinz Hamlet keine Kreatur ist wie wir alle; daß wir nicht,

wie es so oft geschieht, von den Zügen, mit denen der Dichter seine

Gestalten ausstattet, auf Grund einer natürlichen Psychologie auf

andere kommen dürfen, die sich daraus nach unsrer Menschenkenntnis

ergeben müssen; die Grenze der Kunstgestalt ist nicht, wie bei

lebendigen Menschen, die Natur, sondern der Geist, das Wollen und

Können des Dichters. Ich gebe ein plumpes Beispiel, ich ersinne es, bin

aber überzeugt, daß man sich auf diesem Gebiet nichts ausdenken kann,

was nicht schon irgendwo Wirklichkeit ist. Wenn also zum Beispiel die

Frage aufgeworfen würde, was Hamlet in Wittenberg getrieben hat, welche

philosophischen und gelehrten Einflüsse da auf ihn gewirkt haben, so

müßte zu allernächst mit der Frage geantwortet werden, ob Shakespeare

darüber Verfügungen getroffen, ob er etwas davon gewußt, ob ihn die

Frage interessiert hat.

Wir müssen also diesmal auf die Entstehungsgeschichte des Stückes

und auf das Verhältnis des Dramas zum überlieferten Stoff besonders

aufmerken; stoßen wir dabei auf Rätsel, die unlösbar sind, so sind

auf sie vielleicht gerade manche Rätsel, die das Stück zu raten gibt,

zurückzuführen.

Der Stoff entstammt einer altnordischen Sage, deren Charakter ganz

anders ist als der des Stückes: es geht wild, heidnisch, urkräftig,

bäurisch-kriegerisch darin zu wie in den isländischen Sagas. Zuerst

finden wir die Sage von Saxo Grammaticus aufgezeichnet, der am Ende des

zwölften Jahrhunderts seine Dänische Geschichte geschrieben hat, die

im lateinischen Text im 16. Jahrhundert öfter gedruckt wurde. Gekürzt,

aber sonst treu, findet sich die Geschichte in den ~Histoires

tragiques~ von Belleforest (1530-1583), die Shakespeare für andre

Stücke benutzt hat. Übrigens ist daraus, wahrscheinlich schon um 1580

herum, die Sage auch als Einzeltext, als Volksbuch in englischer

Sprache erschienen.

Was darin nun berichtet wird, ist in Kürze folgendes: König Horwendill

ist von seinem Bruder Fengo auf einem Gelage öffentlich niedergehauen

worden. Amleth, der Sohn des Ermordeten, rächt den Tod seines Vaters

mit schlauer List: er stellt sich wahnsinnig; äußert aber manchmal

sehr scharfe Worte, die den Verdacht erregen. Damit er sich in der

Sinnenlust verraten soll, bringt man ihn mit einer Schönheit zusammen.

Er wird aber rechtzeitig gewarnt und genießt die Schöne, ohne sich

zu verraten. Nun versucht man es auf andre Art und veranstaltet ein

Gespräch mit seiner Mutter, um es zu belauschen. In verstellter

Tollheit tötet er den Lauscher durch eine Decke durch, schneidet den

Leichnam in kleine Stücke, kocht sie und wirft sie den Schweinen vor.

Seiner Mutter gegenüber gebraucht er starke Worte, die sie erschüttern;

sie kehrt zur Tugend zurück. Darauf versucht es der Oheim-König, Amleth

mit Hilfe des Königs von Britannien umbringen zu lassen. Zwei Höflinge

überbringen diesem Britenkönig die nötigen brieflichen Mitteilungen auf

einer Runentafel. Amleth ändert aber den Text, so daß die Begleiter

getötet werden. Er heiratet die Tochter des Britenkönigs, kehrt nach

Dänemark zurück und vollführt unverzüglich aufs wildeste seine Rache.

Das Volk wählt ihn zum König; und seine weiteren Abenteuer gehen uns

hier nichts mehr an. Er fällt schließlich in einem seiner Kriege.

Die Ermordung von Hamlets Vater durch den eigenen Bruder und die Rolle

der eignen Mutter bei dieser Untat und nachher finden sich also in

der Überlieferung. Aber nichts von raffiniert heimlichem Mord; nichts

also auch von einer Erscheinung als Geist. Der verstellte Wahnsinn

des Rächers ist eine besondere Schlauheit für die Vorbereitung

der Rachetat, so wie sich dieser Zug auch in der Sage vom älteren

Brutus findet. Mich dünkt dieser Zug, den Shakespeare übernahm und

umgestaltete, in der Sagenüberlieferung nicht recht verständlich; ich

vermute, daß ein noch älteres Sagengut verschüttet und verstümmelt ist:

der Wahnsinnige ist bei allen Völkern einmal sakrosankt gewesen; er

durfte tun, was er wollte; so hätte es großen Sinn, sowohl für Amleth,

sich geistesgestört zu stellen, wie für seine Verfolger, vor allem

herausbringen zu wollen, ob er wirklich wahnsinnig sei. Die Schöne,

die Hamlet aushorchen soll, ist zu Ophelia geworden; der Lauscher ist

Polonius; von der gräßlichen Art, wie sein Leichnam weggebracht wird,

ist in Shakespeares Stück immer noch das unwürdige, heimliche Begräbnis

übrig. Die Reise nach England mit der Bestimmung, die sie hatte,

Amleths schlaue Rettung, der Untergang der beiden Höflinge, die zu

Rosenkranz und Güldenstern wurden, durch die Brieffälschung, das alles

findet sich bei Shakespeare wie in der ursprünglichen Sage.

Nun ist es aber diesmal sicher, daß ein dramatisches Zwischenglied da

ist. Wir wissen von der Existenz eines älteren Hamlet-Dramas, das nicht

erhalten ist; und wir wissen auch, daß in ihm solche Teile der äußern

und innern Handlung waren, die in der Sagenüberlieferung fehlen. Von

den schlüssigen Beweisen für die Existenz dieses Stückes führe ich

nur folgendes an. Thomas Nash schreibt um 1587 oder 89: die englische

Übersetzung des Seneca liefere auch ungelehrten Leuten treffliche

Sentenzen, „und wenn ihr so einen an einem frostigen Morgen darum

angeht, so wird er euch mit ganzen Hamlets oder besser gesagt Handvolls

von tragischen Reden versehen“. Um 1596 läßt Thomas Lodge drucken: der

neidische Kritiker wandle meistens in Schwarz daher und sehe so bleich

aus „wie die Maske des Geistes, die so erbärmlich wie ein Austernweib

‚Hamlet räche‘ auf dem Theater schreit“.

Daß das noch nicht unser Hamlet, wie wir ihn haben, sein kann, steht

nach innern und äußern Daten fest. Aber man merkt aus den Anspielungen,

daß in diesem Stück der überlieferte Stoff schon in wesentlichem so

geändert war wie in unserm: besonders gehäufte „tragische Reden“ fielen

auf, und der Ermordete erschien als Geist, mußte also auch Grund zu

dieser Wiederkehr haben; die heimliche Art der Ermordung wird diesem

Stücke schon angehören. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, aber

auch nicht für beweisbar, daß der Verfasser dieses Rachedramas, das

an Seneca erinnerte, der sehr junge Shakespeare war; um die Zeit von

Titus Andronicus oder gar noch früher müßte er es geschrieben haben.

Häufig wird in unsrer Zeit Thomas Kyd als Verfasser bezeichnet; wie mir

scheint, ganz ohne Grund. Richtig ist, daß manche Züge in Shakespeares

Hamlet, die Geistererscheinung zu Beginn des Stücks, das Schauspiel

im Schauspiel an die „Spanische Tragödie“ erinnern, die man diesem

Kyd zuschreibt; aber es ist wahrscheinlicher, daß ein Anfänger sich

davon beeinflussen ließ, als daß Kyd seine Motive wiederholte. Ich

glaube also, daß es ein Stück von einem Unbekannten, der Shakespeare

selbst sein kann, gab, das eine Vorstufe zu unserm Hamlet vorstellt,

in sehr wesentlichen Punkten aber noch davon abwich; vor allem glaube

ich, daß in diesem Stück Hamlet seine Rache noch, wie es überliefert

ist, mit großer Frische und wilder Kraft, nach Art seines Verhaltens

auf der Reise nach England, ausgeführt hat. In dieser Annahme bestärkt

mich eine Eintragung ins Register der Londoner Buchhändlergilde, die

der Verleger Jakob Roberts im Sommer 1602 vornehmen ließ: „Ein Buch

Die Rache Hamlets, Prinzen von Dänemark, wie jüngst aufgeführt von

den Schauspielern des Lord Kammerherrn.“ Das war die Gesellschaft,

zu der Shakespeare gehörte; die also hatte um 1602 herum ein Stück

aufgeführt, das noch den Namen Die Rache Hamlets verdiente. Ein

Exemplar eines solchen Buches ist uns nicht erhalten; ich vermute,

daß es gar nicht erschienen ist, daß vielmehr um diese Zeit herum

Shakespeare die entscheidende Umarbeitung vornahm. 1603 jedenfalls

erschien bei einem andern Verleger zwar, gedruckt aber von einem J.

R. „Die tragische Geschichte von Hamlet, Prinzen von Dänemark. Von

William Shakespeare. Wie sie zu wiederholten Malen gespielt wurde von

Seiner Hoheit Schauspielern in der Stadt London wie auch an den beiden

Universitäten Cambridge und Oxford und an andern Orten.“ Von dieser

Ausgabe sind zum Glück zwei Exemplare auf uns gekommen. Nun ist es also

nicht mehr die Rache, sondern die Tragische Geschichte, und ist in der

Hauptsache unser Hamlet. Aber Abweichungen wichtiger Art sind noch da,

die man keineswegs, wie es manchmal geschieht, auf Liederlichkeit der

Herausgeber, Raubdruck und dergleichen zurückführen kann. Der Text

ist merklich verschieden; Wichtiges fehlt; manche Szenen sind anders

gestellt; es findet sich eine ausdrückliche Beteuerung von Hamlets

Mutter, sie sei an der Ermordung ihres Gemahls unschuldig, während

das in der endgültigen Fassung ganz dahingestellt bleibt; Polonius

führt noch den Namen Corambis, der Diener Reynaldo heißt Montano und

mehr dergleichen. Ich möchte annehmen, daß das Stück Shakespeare

nicht so leicht losließ, daß es nach der entscheidenden Umgestaltung

zwar aufgeführt und auch gedruckt wurde, daß Shakespeare aber weiter

daran arbeitete, bis dann 1604 das Resultat erschien, nämlich in

allem wesentlichen unser Hamlet; der Text, den die Herausgeber der

Nachlaßausgabe 1623 aufnahmen, weicht zwar auch wieder von der Quarto

von 1604 ab; diese geringfügigen Unterschiede deuten aber auf keine

entscheidende Umarbeitung hin, sondern nur auf bessere und schlechtere

Druckvorlagen; vielfach hat die Quarto den besseren Text.

Ich nehme also drei Stufen an, wenn es nicht gar vier sind: die erste

kannten Nash und Lodge aus Aufführungen; wir kennen sie nicht und

wissen nicht, ob sie der junge Shakespeare oder ein andrer Dramatiker

verfaßt hat. Leicht möglich, daß, was 1602 gedruckt werden sollte,

schon eine Umarbeitung war; aber es hieß noch Hamlets Rache. 1603

erschien dann die Tragische Geschichte als Tragödie Shakespeares und

1604 eine Umarbeitung, die unsern Text bringt.

Nun ist zu fragen, ob man dem Stück diese Entstehungsgeschichte

anmerkt. Ja, sage ich, das möchte ich allerdings behaupten. In den

zwei letzten Akten ist die Führung der äußern Handlung nicht immer auf

der Höhe der Charakterentwicklung. Hamlets Fahrt nach England, die

Episode mit den Seeräubern, sein Verrat an Rosenkranz und Güldenstern

und seine wilde Freude über diesen grausamen Streich: all das ist

teils eine mühsame und doch lässige Art, die Sache äußerlich vom Fleck

zu bringen, teils paßt es nicht zu der tiefen Erfassung von Hamlets

innerm Leben und wird auch im weitern für die innere Entwicklung gar

nicht benutzt. Hier ist Rohstoff, der treu nach der Überlieferung

dramatisierte Geschichte ist, aber in Shakespeares eigentliche Arbeit,

in die Deutung des Innern, nicht einging. Ebenso stimmt in den Szenen,

die den Zweikampf zwischen Laërtes und Hamlet vorbereiten, nicht alles.

Da sind zwei verschiedene Fassungen lose genug mit einander verbunden

worden, und ich meine, man sieht die Nähte noch. Einmal geht es um

die Wette, die der König als Intrige vorbereitet hat, und dann um den

Wettstreit ganz andrer Art, den Hamlet herbeigeführt hat, wer Ophelien

am meisten liebe und betrauere, Hamlet oder Laërtes. Von dem, was

zwischen den beiden an Opheliens Grab vorgegangen ist, weiß die ganze

lange Prosaszene, die folgt, nichts, weder die Botschaft des Königs,

deren Überbringer Osrick ist, noch das nachfolgende Gespräch zwischen

Hamlet und seinem Freund Horatio; in dem Augenblick erst, wo die Verse

einsetzen, sind wir wieder in der eigentlichen Fortsetzung unsres

Stückes. Noch wichtiger dünkt mich ein Punkt, der die Vorgeschichte

angeht, aber tief in die Handlung eingreift: die Ermordung des alten

Königs Hamlet steht mit dogmatisch-christlichen Motiven einer Art

und Anwendung in Verbindung, die nicht shakespearisch ist. Wo bei

Shakespeare ist es denn sonst, ist es denn sogar am heroischen Schluß

dieser Hamlet-Tragödie selbst von der geringsten Bedeutung, daß man in

seinen Sünden dahinfährt? „Ohne Nachtmahl, ungebeichtet, ohne Ölung“?

Man kann sich aber schon denken, wie dieses Motiv in die erste Fassung

des Stückes kam. Es war in der Überlieferung nicht recht klar, warum

die Rache für eine aller Welt bekannte Mordtat besser gelingen sollte,

wenn der Rächer sich wahnsinnig stellte. Dabei aber war gerade dieser

verstellte Wahnsinn das Grundmotiv der Sage und mußte einen Mann wie

Shakespeare -- wenn er, wie ich am liebsten annehme, ohne es freilich

irgend beweisen zu können, schon das ursprüngliche Drama verfaßt hat --

am meisten anziehen. Die Verstellung war jedenfalls neu zu motivieren;

und so kam, nehme ich an, die Art der Ermordung in das Stück, die

so heimlich und raffiniert war, daß der Mord als Todesursache allen

verborgen blieb, und daß der Tote wiederkommen mußte, um die erste

Nachricht davon zu bringen; die Aussage eines Gespenstes aber ist, gar

noch unter Menschen, die rationalistische Neigungen haben, kein rechter

Beweis; in der Maske des Wahnsinns konnte nun Hamlet, der seinen

Charakter sowieso gründlich zu verändern hatte, Anstalten treffen, den

Täter zu überführen. Hatte aber ein Ermordeter als Gespenst umzugehn,

so mußte auch das motiviert werden; nicht alle Ermordeten sprengen den

Bann des Grabes: er war also im Fegefeuer und hatte keine Ruhe, weil

er in seinen Sünden dahingefahren war. Daß so ähnliche Motive aber im

Stück weiter spuken, daß Hamlet dann den Mörder nicht aus seinem Gebet

heraus in den Himmel spedieren will, ist zwar auch eine befremdlich

äußerliche Anwendung des nämlichen dogmatischen Motivs; sie aber

brauchen wir doch nicht ausschließlich der Jugendlichkeit Shakespeares

oder dem Gedankenkreis eines andern Verfassers zur Last zu legen, da

sie in das Gebiet der Bedenklichkeiten und Zögerungen Hamlets gehört.

Noch etwas in der äußern Handlung dünkt mich auf die allmähliche

Entstehung und Umwandlung des Stücks hinzuweisen. Prinz Hamlet scheint

mit dem Dichter älter geworden zu sein. Mit seinem Alter stimmt etwas

nicht in dem Stück, wie wir es haben; da steht es wacklig. Nach dem

Eindruck, den wir am Anfang von Hamlet bekommen, nach der Art, wie er

als verwaister Sohn am Hof steht, wie gar niemand daran denkt, ihn

zum König zu machen, wie zwischen Ophelia und Laërtes, Ophelia und

ihrem Vater von dem jungen Prinzen gesprochen wird, sollten wir ihn

für ganz jung, für einen beginnenden Jüngling, für eher etwas jünger

als Laërtes halten dürfen, der auch noch recht jung ist; und in der

Tat wird Hamlet an einer Stelle der Quarto von 1603 als neunzehnjährig

bezeichnet. Das ist getilgt worden; aber die Gründe, warum er als

Neunzehnjähriger gilt, sind noch ganz unverändert da. In den Szenen

aber, wo der verstellte Wahnsinn zur gewaltigsten Kritik und Polemik

wird, und in den andern, wo Hamlet ein urgesunder Einsamer ist, der nur

dermaßen an der Welt leidet, daß ihn der Philister auch jenseits der

Bühne, auch heutigen Tags für verrückt hält, bekommt er ältere, reifere

Züge, und in diesem Zusammenhang dürfte die erste Szene des fünften

Akts, die Kirchhofszene, entstanden sein, wo uns in drei miteinander

korrespondierenden Stellen gesagt wird, daß Hamlet dreißig Jahre alt

ist. Im Jahre 1589, aus dem „Hamlets Rache“ spätestens stammt, war

Shakespeare 25, 1604, dem Jahr der letzten Fassung, war er 40 Jahre alt.

Sollen wir nun etwa die fast unendlichen Deutungsmöglichkeiten vor

allem der Charaktere, aber sogar auch mancher Vorgänge ebenfalls

dieser Entstehungsgeschichte zur Last legen? Von Hamlet selbst erst

gar nicht zu reden; man würde wirklich kaum fertig, wenn man aufzählen

wollte, was er alles vorstellen soll! Aber Polonius zum Beispiel

erscheint in den Beschreibungen der Ausleger in allen Spielarten, vom

ungewöhnlich weisen Staatsmann bis zum vollendeten Trottel, und es wäre

nicht so sinnlos wie vieles, was sonst zu dem Stück gesagt worden

ist, wenn einer fände, die Ermahnung an Laërtes müsse einer andern

Stufe der Arbeit angehören als die Haltung oder Haltungslosigkeit

dieses Ministers Hamlet gegenüber in den Szenen, wo der sich verrückt

stellt. Der König Claudius wird uns einmal als ein recht schöner Mann

und würdiger König angepriesen; das andere Extrem sagt, er sei ein

abscheuerregender Faun und verbrecherischer Lüstling. Ja, sogar Ophelia

schillert, wenn wir auf ihre Kritiker hören, in allen Farben: es geht

auf der schiefen Ebene vom keuschen Mädchen bis zur völlig verderbten

Dirne herunter. Nicht einmal der Sinn der berühmtesten Stelle im ganzen

Werk Shakespeares, des Monologs „Sein oder Nichtsein“, scheint danach

festzustehen. Der romantische Immeranders Tieck wenigstens hat Zeile

für Zeile bewiesen, was er so beweisen nennt, daß dieses Selbstgespräch

mit keinem Gefühl und Gedanken vom Freitod, vom Selbstmord, sondern

lediglich von der Tat und der Rache handle!

Hier antworte ich: Nein, diese Vieldeutigkeit ist nicht Shakespeare,

nicht der Entstehung des Stückes zur Last zu legen; und verweise dabei

auf das, was ich gleich zu Beginn gesagt habe. Daß man diese Gestalten

in ihrer Eindeutigkeit und Bestimmtheit nicht hat erkennen können,

liegt nicht an der Dichtung; es liegt vor allem an der Lebendigkeit,

der unabweisbaren Individualität dieser Gestalten; restlos lassen

sich bloß Typen in Worte verwandeln; durchaus nur als Werkzeug eines

Dichters kommt die Sprache über das Formelhafte und Schablonenmäßige

hinaus.

Nun könnte es aber doch noch scheinen, als ob einige Gestalten dieses

Stückes einen Zug aufwiesen, der nicht zu ihrem Charakter stimmt;

und ich selbst habe eine Zeitlang geglaubt, diesen Zug mit einem

Unvermögen des jungen und einem Verzicht des reifen Dichters auf

Charakterisierungskunst erklären zu sollen; ich hatte den Eindruck,

manchmal wäre die Fülle von Weisheit und Polemik des reifen

Shakespeare aufgepfropft auf eine gewisse Redseligkeit des jungen.

Nie aber muß man mißtrauischer gegen sich selbst sein, als wenn man

Shakespeare kritisiert; fast immer hat er seine Sache besser verstanden

und hat besser aufgemerkt als wir; und so wird es auch diesmal sein.

Was hier gemeint ist, will ich sagen, indem ich zunächst Worte Tiecks

anführe; was dieser Kritiker sagt, verdient immer, gehört zu werden:

„Die beiden Brüder,“ sagt er, der ermordete König nämlich und sein

Bruder, der Mörder, „haben unter sich und wieder mit Hamlet eine

auffallende Familienähnlichkeit: alle drei hören sich gern sprechen,

und sie haben die Gabe der Rede; Sentenzen, Beobachtungen und Maximen

lassen sie, aber auch alle übrigen Personen des Stücks, gern hören, und

diese Halbheit, die in Hamlet keinen Charakter, trotz allen Talentes,

aufkommen läßt, lähmt auch mehr oder minder jede Erscheinung in dieser

Tragödie.“

Tieck will, indem er von Hamlet sagt, er sei -- ein Romantiker seines

Stils, ein Talent nämlich, aber kein Charakter, und indem er Hamlets

und seines Vaters Familienähnlichkeit mit König Claudius behauptet,

zeigen, dieser letztgenannte habe sehr achtbare und ehrenhafte

Qualitäten; er will ihn in seiner Art retten, wie er die Lady Macbeth

gerettet hat. Der bewegliche Mann, der so viele und oft so feine

Einfälle hat, merkt aber gar nicht, wie er hier einen Einfall mit einem

neuen, der ihm in den Satz fährt, totschlägt: denn wie will er die

Familienähnlichkeit der drei Verwandten mit dem Zug der klugen Reden

beweisen, wenn er nebenbei bemerkt, auch alle übrigen Personen des

Stücks hätten diesen Zug?

Shakespeare (Volume 1 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 15 / 27 段