Wir haben schon von Brutus gehört, daß Marc Anton ein sentimentaler

Mensch ist. Wie wird er denn nicht echten Schmerz empfinden und

echte Tränen weinen, wenn der väterliche Freund und Wohltäter aus

vielen Wunden blutend tot vor ihm liegt? Vorher hatte er wohl

geahnt, was kommen werde, hatte mit dem Gedanken gespielt und ihn

in seine Rechnung gezogen; als unverwüstlich gesunder Mann kann er

sich leidenschaftliches Gefühl und äußerste Kälte so wie liederliche

Ausschweifung und entbehrungsreiches Feld- und Lagerleben erlauben:

jetzt ist’s letzter Ernst, da gibt er sich schrankenlos und doch noch

sich selbst und sein Publikum belauernd dem Gefühl hin. Anschaulich hat

er nun den großen Mann kläglich tot, gemeuchelt vor Augen, und kommt

auch unser Wort Schauder oder Schauer keineswegs von schauen, sondern

von dem schüttelnden, bebenden Zucken unsres Leibes, so erleben wir

doch in Wahrheit das Schaudern, das der Menschheit bestes Teil ist,

wenn wir die Wirklichkeit nackt schauen, so daß zwischen unserm Gefühl

und dem Grund zu diesem Gefühl gar keine Spanne mehr ist: wir sehen das

Leid und Erbarmen mit Augen.

Aber er ist ein Mann, der sich in der Hand hat; der sich erstaunlich,

bis zur Exzessivität loslassen kann und sich doch nicht verliert.

Brutus hat ihn weit unterschätzt; auf die Größe der Lasterhaftigkeit

versteht sich der Mann der Bürgertugend nicht.

Das ganze Gespräch mit den Verschwörern, eingeschlossen seine

erschütterte Klage vor dem Toten, ist für Antonius, der sich immer noch

ein Stockwerk aufsetzen kann, zugleich eine Zeit der Besinnung und der

Einübung. Bei seiner ersten Annäherung hatte Cassius sehr gradezu den

unschuldsvollen Brutus gefragt, ob er sein eignes Gesicht sehen könne,

und Brutus hatte erwidert:

Nein, Cassius, denn das Auge sieht sich nicht,

Als nur im Widerschein, durch andre Dinge.

Das weiß Antonius aber ganz anders. Tränen vergießen in wahrhaftem

Schauer und doch zugleich sich selber beobachten und sich für die

Wiederholung merken, wie jeder Muskel in Bewegung gesetzt wird, das

kann er und muß es können, da er ein geborener und geübter Schauspieler

ist. So hat er, als er erstmals an der Leiche Julius Cäsars stand,

mit den Mördern zusammen, und dann auch, als er ein paar Augenblicke

mit ihr allein war und ekstatisch der Zorn und der Schmerz und der

Rachedurst hervorbrach, dabei doch schon seine große Leichenrede

einstudiert.

Sie ist ganz Shakespeares Eigentum; nichts davon ist überliefert.

Daß Shakespeare die „Bürgerkriege“ des Appian gekannt hat, die 1578

englisch erschienen, ist recht wahrscheinlich; aber er hat weder die

dort berichtete lange langweilige Rede des Brutus noch die Leichenrede

des Antonius ihrem Inhalt nach irgend benutzt. Marc Antons Leichenrede

bei Shakespeare ist das bewunderungswürdigste Meisterstück dieser

einzigen Gattung: der untrennbaren Verbindung von Schmerzenspathos

und Demagogie größter Art. Es waltet darin eine Steigerung, eine

langsame Umwandlung des Standpunkts, ein Schwung und eine Klugheit

ohnegleichen. Er knüpft da an, wo Brutus aufgehört hat, und eine

Zeitlang klingt es fast, als rede einer der Mitverschworenen weiter.

So hören sie ihn gespannt an; in den Worten vom edeln Brutus, und daß

er gesagt habe, Cäsar sei voll Herrschsucht gewesen, liegt noch nicht

die leiseste Ironie; auch noch nicht bei der zweiten, der dritten

Wiederholung; diese Zusammenstellung, daß der Wert der Aussage des

Brutus von dem Glauben an seine Ehrenhaftigkeit abhänge, soll sich

nur einprägen. Im ferneren tut er, was seine besondere Aufgabe ist,

was ihm ausdrücklich bewilligt worden ist: er ist der Klageredner.

Und trauern -- zu trauern werdet ihr euch doch wohl getrauen, die ihr

Cäsar geliebt habt! Da wird er lebhaft, ausfallend, die Tränen steigen

ihm auf; er macht die erste Kunstpause, während deren die Bürger ihre

Erregung gegenseitig steigern. Nun hebt er wieder an, mit neuer, ganz

weich gewordener Stimme. Der große Appell ans Mitleid kommt nun, die

Möglichkeit, die Bürger zur Empörung zu entflammen, darf in scharfen

Worten laut werden, da sie abgewiesen wird, und nun schließt sich

sofort an den Preis der tapfern, majestätischen, weltgebietenden Größe,

die nun Staub ist, die Anstachelung des betrogenen Egoismus: er hebt

Cäsars Testament in die Höhe. Aber er will es nicht vorlesen, er macht

sie leidenschaftlich begierig, es zu hören, und jetzt darf er es wagen

-- beim siebenten Mal -- von den ehrenwerten Männern keck und scharf

in einem deutlich aggressiven Ton zu reden, den „ehrenwerten Männern,

von deren Dolchen Cäsar fiel“. Das Volk ist wild geworden; er macht

die zweite Pause, er ruft in den Tumult hinein, daß Cäsar sie, sie

selber zu Erben eingesetzt habe, und bereitet sich, vom Testament --

lange kein Wörtchen mehr zu sagen. Er steigt hinab, um ihnen Cäsars

Leiche und seine Wunden zu zeigen, seine Mörder einzeln zu nennen,

seine Taten bei hochberühmten Namen genannt ins Gedächtnis zu rufen.

Er braucht Aufruhr der wildesten Gefühle, sofortigen Aufruhr, Mord und

Brand! Und wie sie schon alle in Tränen aufgelöst und von Gram und Wut

fast erstickt sind, da hat er ihnen ja nur erst Löcher in einem Mantel

gezeigt; jetzt enthüllt er ihnen den nackten, kläglichen, mit Blut

besudelten Leib. Das haben die Verräter getan! Nun ist die Rachewut da,

und die Begeisterung so groß, daß er den Inhalt des Testaments noch

schließlich dreingeben kann: zu allererst hätte der karge Teil, der

auf jeden Bürger fällt, kaum einen Eindruck gemacht, und ebensowenig

die Gärten jenseits des Tiber, die nun der Stadt Rom gehören sollen

-- nun aber hat er alles getan, was er zugesagt, die Rede ist rund

und geschlossen, kein Zweifel bleibt; es beginnt Morden, Brennen,

Plündern, der Pöbel steigt auf die Straßen, und Antonius hat ihn,

hat die ganze Bevölkerung Roms fast in der Hand. Die Revolution, die

mit dem innigen Ruf: Friede! begonnen hatte, verwandelt sich in den

Bürgerkrieg. Wie’s in Rom zugeht, was für ein Ding eine Revolution ist,

die nicht vom Geiste geführt, sondern von der Demagogie losgelassen

ist, erleben wir in einem einzigen kleinen Beispiel: die taumelnde,

mordsüchtige Menge kennt einen Cinna als einen der Verschworenen und

bekommt einen harmlosen Dichter desselben Namens unter die Hände; der

Irrtum wird aufgeklärt; aber sie wollen einen Cinna, sie wollen ein

Opfer haben: reißt ihn in Stücke! Was kann die Geschichte noch neues

bringen? Shakespeare hat Napoleon, er hat auch die humoristisch wild

niedermetzelnden Volkshaufen der Septembermorde gekannt.

V. Das Ende

Brutus und Cassius müssen aus Rom fliehen. Antonius, der viel zu

klug ist, um sich für einen Cäsar zu halten, und der sich überdies

die gewaltige Anspannung nach Cäsars Tod nicht bloß gegen die

Verschworenen, sondern vor allem auch gegen den jungen Octavius

zugemutet hat, tut sich, nunmehr im Besitz der größten Popularität

und der Macht des Augenblicks, sofort mit diesem Adoptivsohn Julius

Cäsars und mit dem einflußreichen -- weil reichen -- Bürger Lepidus

zum Triumvirat zusammen. Manchmal möchte man einen Augenblick

innehalten, um sich zu besinnen, daß das ja nicht bloß Geschehnisse

sind, wie sie sich aufs reichste und sicherste aus den vom Dichter

gestalteten Charakteren ergeben, sondern daß es umgekehrt ist:

alle äußern Tatsachen sind die überlieferte Geschichte, zu der

Shakespeare den psychologischen Schlüssel gegeben hat. Vorläufig hat

Antonius in dem Dreimännerregiment die Führung. Er ist ein besserer,

unmenschlicherer Politiker als Brutus: das große Morden setzt ein,

die Proskriptionslisten werden aufgesetzt. Sie spielen gegen einander

die Gerechten, bestimmen ihre nächsten Verwandten gegenseitig mit zum

Tod; es ist in ihrem Verkehr eine Mischung aus Verstellung und offener

Schamlosigkeit: Cäsars Testament nehmen sie eilig vor und verkürzen, wo

es geht, die Legate. Aber Antonius und Octavius fangen schon an, mit

einander zu ringen, ihr Gegensatz kündigt sich an. In der militärischen

Szene zu Beginn des fünften Akts wird es schon so weit sein, daß sich

die Überlegenheit des jungen Octavius zeigt. Das Weitere erfahren wir

dann in dem Stück, das anschließt: Antonius und Cleopatra.

Brutus und Cassius müssen weit in die Ferne ziehen, um Völker

auszuheben und den Krieg für die Freiheit zu führen. Wieviel Zeit

vergeht, bis wir wieder zu ihnen stoßen, was alles der Dichter wegließ,

was er im Plutarch sehr wohl fand, darnach fragen wir nicht. Wir sind

in Shakespeares idealer Zeit, die sich nach dem inneren Ablauf richtet.

Es geht nur noch ums Ende; das römische Volk, das Brutus träumte, ist

nicht da; ihre Sache ist verloren. Aber sie sind Römer und kämpfen, als

ob sie siegen könnten.

Wie es aber in ihnen aussieht, das erfahren wir sofort, wenn wir

sie wieder vor uns haben; im Lager von Sardes in Kleinasien ist

es. Die Kraft ihrer Nerven ist nahe am Ende; sie haben sich lange

nicht gesehen, haben in verschiedenen Teilen des Landes operiert,

Botschaften, die hin und her gingen, haben sie in ihrer verzweifelten

Lage gegen einander erbittert, und nun, wo sie zusammenkommen, bricht

leidenschaftlicher Streit aus. Der Gegensatz der beiden Naturen und

ihrer Beziehung zu ihrer Lage offenbart sich; Brutus hat Cassius

mannigfache Praktiken zweifelhafter und unsauberer Art vorzuwerfen;

Cassius beklagt sich bitter, daß Brutus seinen politischen und

militärischen Maßnahmen fortwährend hindernd in den Weg tritt. Es

ist nun zu sagen, daß Brutus ein ideales Ganze geschaut hat und es

im wahren Sinne des Wortes mit einem Schlag, mit dem Schlag, der

Cäsar traf, herstellen wollte. Es ging aber nicht so, Cassius hatte

es vorausgesehen, hatte allerdings auch -- zu dem guten Zweck -- das

unheilige Mittel angewandt, Brutus über die Lage zu täuschen. Wie auch

immer, sie waren nun auf den Weg der Politik und des Krieges gedrängt

worden, hatten ihn beschritten, und wer darin nur reine und edle

Mittel anwendet, ist ein Edler, ist Brutus; wer aber auch andre nicht

verschmäht, ist ein Politiker wie Cassius. Ohne Unreinheit vielfacher

Art ist weder Politik noch Krieg irgend möglich; und wenn es Cassius’

Schuld ist, daß er ein Politiker ist, so ist es Brutus’ Verhängnis

oder Schuld, daß er, ohne es zu sein, sich in die Politik begeben hat.

Darum, weil Cassius hie und da völlig Schmutziges tut oder duldet, ist

er noch durchaus kein Unedler. Wie denn könnten wir -- wir heute gar!

-- nur einen Augenblick das Leben ertragen, wenn wir die Menschen, das

geheime Sein, das Wesen, die wahre Art, die Möglichkeiten der Menschen

nach dem beurteilen müßten, was sie in ihrer Rolle tun! Das zumal

lernen wir in tiefster Seele von Shakespeare: so gar, so unsäglich, so

unendlich viel birgt die Wahrheit unsres schlechtweg unergründlichen

Innern, und so gar, so unsäglich, so unendlich viel geben wir den

äußern Anforderungen der Verhältnisse in unserm Verhalten nach, daß

keiner uns kennt, keiner uns gerecht wird, der uns nach unserm Tun

beurteilt. Wonach aber, wonach in aller Welt soll man die Menschen

beurteilen, wenn nicht nach dem Tun? Die Antwort ist längst gegeben,

und es gibt keine andre: Richtet nicht! Nach unsrer Liebe, die ihre

Phantasiekraft ins Innere der andern hineinschickt und sie sieht, als

wären wir sie, wir in unsrer schwächsten oder in unsrer schönsten

Stunde, danach mit den Menschen umzugehn wäre das Beste.

Zu liebevoller Nachsicht oder nur zu liebenswürdigen Formen sind die

beiden großen Römer in dieser Stunde nicht gleich imstande. Sie

leiden unter der noch nicht recht klar bewußten Stimmung, daß alles

verloren ist, sie selber und mit ihnen ihre hohe Sache. Aber nachdem

sie sich böse Dinge gesagt und sich durch den Zorn erleichtert haben,

ebbt es ab, sie schämen sich, sie kommen einander entgegen, sie klären

Mißverständnisse, an denen die Entfernung schuld war, auf und versöhnen

sich schließlich von ganzem Herzen. Und dann läßt Brutus Wein bringen,

und sie sitzen noch für einen Augenblick beisammen. Und nun erst, wo

sie einander wieder ganz gut sind, erfahren wir, die wir vorher doch

über den so veränderten, so dem Affekt nachgebenden Brutus gestutzt

hatten, was Entsetzliches in ihm bohrt. Hier wird Shakespeare ganz

anbetungswürdig, und wer seine innig schöne Seele nicht zu lieben

verstünde, hier müßte er’s lernen und könnte knien vor diesem Menschen.

Ihre Seelen haben sich nun entspannt; es kommt Erleichterung, kommt so

etwas wie Heiterkeit in Schwermut, kommt das Gespräch.

_Cassius_

Könnt Ihr so zornig sein? Das dacht’ ich nicht.

_Brutus_

O Cassius, ich bin krank an manchem Gram.

_Cassius_

Ihr wendet die Philosophie nicht an,

Die Ihr bekennt, wenn Ihr der Stimmung nachgebt.

_Brutus_ (ganz still)

Kein Mensch trägt Leiden besser. -- Portia ist tot.

_Cassius_ (schreit)

Ha! Portia!

_Brutus_

Sie ist tot.

_Cassius_

Lag das im Sinn Euch, wie entkam ich lebend?

So, in diesem Zusammenhang, erfahren wir Portias Tod; wir hatten

nichts mehr von ihr gehört, seit sie in fieberhafter Erregung und

Angst an den Iden des März auf der Straße stand und auf Nachricht

wartete. Plutarch, der alles in gehöriger oder ungehöriger Folge der

Geschehnisse oder der moralischen Lehren aneinander reiht, erzählt ihr

Ende, wie er eben dran kommt; bei Shakespeare erleben wir’s so.

Und wie erhellen die beiden einander in diesem Augenblick! Brutus, der

alles nach innen, tief hinunter ins Schweigen drängt, sich immer noch

mehr und noch mehr komprimiert und endlich, ein einziges Mal, da er

allzu viel geladen hat, platzt; und Cassius, der, wie er’s erfährt, wie

vor einem Wunder steht: er ist ja gerade der Künstler der Äußerung,

wie Brutus des Schweigens; Portia ist tot, ich hab’ ihn aufs äußerste

gereizt, und ich lebe noch! er hat mich nicht erwürgt?

Man meint, dies wäre ein letzter Höhepunkt; aber bei Shakespeare geht’s

immer noch höher hinauf und wir halten’s aus. Kaum eine andre Szene bei

Shakespeare ist so geheimnisvoll, so ahndevoll, so schwermütig, aber

auch so kunstvoll aufgebaut wie diese: der Zwist der beiden Freunde,

die bis an die Grenze der Menschheit zusammen gegangen sind -- Portias

Tod überwältigend mitgeteilt als Erklärung für den Zustand, in dem

wir Brutus’ Gemüt gesehen haben -- dann, um uns durch Einfacheres zu

beruhigen, der Kriegsrat, der uns in einer nicht so geweihten Zone

berührt, aber äußerst interessiert; denn wie liebenswürdig zuvorkommend

sind nun Cassius und Brutus gegen einander, und wie geschieht gerade

dadurch von neuem ein großer Fehler, der entscheidende, der das Ende

herbeiführt: Cassius gibt dem Brutus in einer strategischen Sache von

entscheidender Wichtigkeit, die er viel richtiger beurteilt, nach,

und so wird der Beschluß gefaßt, nicht in Erwartung des Feindes zu

verharren und sich zu verstärken, sondern ihm mit der Kühnheit, die

Brutus, wenn er handelt, immer und jetzt, in seiner Seelenverfassung,

erst recht braucht, bis Philippi entgegenzuziehen und dort die

Entscheidung zu suchen. Darüber ist es spät geworden; Cassius und

die andern Heerführer verlassen Brutus’ Zelt; noch klingt uns sein

„Gute Nacht, mein guter Bruder“ im Ohr, mit dem er sich von Cassius

verabschiedet; nun ist Brutus allein mit den treuen Seelen, die ihn

bedienen; wie gut ist er zu ihnen, wie entschuldigt er sich bei dem

Knaben Lucius, daß auch der einmal unter seinen Nerven ein bißchen hat

leiden müssen; er läßt sich von ihm ein Lied zur Laute singen, der

Knabe schläft darüber ein; Schlaf liegt über dem ganzen Heerlager;

Brutus wacht.

Da tritt eine erschreckende Erscheinung, ein gewaltiger Dämon ins Zelt.

Er ist als nichts Bestimmtes zu erkennen, nicht einmal der Art nach.

Die Zwischenbemerkung, die von der ersten, der Nachlaßausgabe an durch,

soviel ich weiß, alle Ausgaben und Übersetzungen geht: „Es tritt auf

der Geist Cäsars“, stammt, wie so ziemlich alle diese Bemerkungen,

die meist richtig sind, nicht von Shakespeare. Diesmal ist sie sehr

irreführend. Shakespeare folgt an dieser Stelle Plutarch ganz getreu.

Da heißt es: „Brutus sah nach dem Eingang hin und erblickte eine

seltsame, fürchterliche Gestalt von ungeheurer Größe, die schweigend

neben ihm stand.“ Doch hatte er das Herz zu fragen: „Wer bist du?

ein Mensch oder ein Gott? zu welchem Ende kommst du zu uns?“ Die

Erscheinung antwortete: „Ich bin, Brutus, dein böser Genius, bei

Philippi wirst du mich wiedersehen.“ Ohne sich zu entsetzen, erwiderte

Brutus: „Gut, ich _werde_ dich sehen.“

Genau dem entspricht das Gesicht, die Anrede und Antwort bei

Shakespeare:

Ich glaub’, es ist die Schwäche meiner Augen

[Wir dürfen denken: von den vielen durchwachten Nächten],

Die diese schreckliche Erscheinung schafft.

Sie kommt mir näher -- Bist du irgend was?

Bist du ein Gott

[eigentlich: einer der Götter, ~some god~, und so auch im

weitern],

ein Engel oder Teufel,

Der starren macht mein Blut, das Haar mir sträubt?

Gib Rede, was du bist!

Die Antwort der Erscheinung übersetzt Schlegel:

Dein böser Engel, Brutus;

Engel, weil er ein zweisilbiges Wort braucht; es heißt ~spirit~:

Dein böser Geist; Engel darf hier nicht gesagt werden, weil ja eben

die Frage war: bist du aus dem Bezirk der Götter, der Engel oder der

Teufel? Und die Erscheinung erwidert, als sagte sie: Ich bin keins von

den dreien; ich bin dein böser Genius, Brutus.

Und nun weckt Brutus den Knaben im Zelt -- „Die Saiten sind verstimmt“,

mit diesen ahndevoll schweren Worten erwacht er -- und die andern

Diener und stellt fest, daß niemand außer ihm die Erscheinung

bemerkt hat. Er ist sofort entschlossen, an dem Plan, nach Philippi

hinüberzuziehen, nichts zu ändern; am Morgen soll aufgebrochen werden.

Nicht die sichtbare Anschauung, sondern allein des Brutus eigne düstere

Auslegung im Gemüt sagt ihm -- bei Shakespeare --, was er dann bei

Philippi, nachdem die Erscheinung tatsächlich wiedergekehrt ist,

ausspricht. Da sieht er: alles ist vorbei; die Freiheit war ein schöner

Traum, sie ist nicht wieder herzustellen; hier liegt Cassius vor ihm,

von eigener Hand getötet, und so wie Cassius im Augenblick seines

Freitods aus heller Einsicht in den Zusammenhang heraus gerufen hatte:

Cäsar, du bist gerächt

Und mit demselben Schwert, das dich getötet!

so erkennt Brutus jetzt in Worten der Klarheit:

O Julius Cäsar! du bist mächtig _noch_!

_Dein_ Geist geht um und kehret unsre Schwerter

In unser eignes Eingeweide.

Und erst daraufhin, ein paar Szenen weiter, trotz allem hat er kühn

weiter gekämpft, jetzt aber, wo alles verloren ist, sucht er reihum

einen Freund und Diener, der bereit ist, ihm beim Freitod zu helfen

-- jetzt deutet sich ihm sein nächtliches Erlebnis, das sich -- wir

sahen’s nicht -- wieder zur Nachtzeit im Lager vor Philippi wiederholt

hat; jetzt versteht seine Erkenntnis, was sich da als Verkündung vor

sein Gemüt gestellt hat.

Er deutet, er begreift, er sagt die überwältigend schwere

Geschichtswahrheit im Bilde: dieser mein böser Genius, der da vor mich

trat, das war der Geist, das war der gespenstisch in der Welt, in der

Menschheit, wer weiß, für wie lange nunmehr noch weiterlebende Geist

Cäsars, den ich, Brutus, umbringen zu können vermeinte und der nun mich

und die Freiheit der Welt vernichtet; diesmal heißt es zum erstenmal:

~the ghost of Cæsar~, Cäsars Gespenst:

Der Geist des Cäsar ist zu zweien Malen

Mir in der Nacht erschienen -- --

Ich weiß, daß meine Stunde kommen ist.

Klassisch ist diese Römertragödie: kurz und fest, lakonisch, römisch

in der Sprache; es ist selten Zeit zu lyrischem Verweilen; ein in

die Breite und Tiefe ungeheuer wallender Stoff ist meisterhaft

geballt, verteilt und gebändigt, und hier gelang aufs reichste und

eindringlichste die Verwandlung der Geschehnisse ins Drama. Es ist

bekannt, wie Goethe einmal in einem Wort, das sehr ernst genommen

werden soll, behauptet hat, die Bedeutung der Stücke Shakespeares liege

nicht in der dramatischen Handlung, sondern in der Sprache. Wahr ist,

daß Shakespeare darauf ausging, das Innerste der Menschen, vor allem

das geheime Triebleben so lange anzubohren, bis es spritzend sich als

Sprache ergoß; wahr ist, daß oft die Handlung nur als Mittel dient,

die Gestalten sich gegenseitig aufschließen und beleuchten zu lassen;

wahr ist auch, daß überall da, wo der Geist den Trieb überwindet und

leuchtend über ihm steht, dieser Geist das Wort ist, das Wort, das

beflügelt, licht, verklärt, still über dem wilden Chaos der Affekte

sich in Schwebe hält. Wahr ist aber auch, daß Shakespeare dazu noch

ein Meister der dramatischen Situation ist. In diesem Drama nun findet

sich all das, was Shakespeares Bedeutung ausmacht, beisammen und hält

sich gegenseitig in Ausgeglichenheit die Wage. Sechs Hauptpersonen,

Cäsar, Brutus, Cassius, Portia, Antonius und das römische Volk

beleuchten und erschließen einander in unser innerstes, fühlendes

Verstehen hinein; wir erfassen die öffentlichen Zustände und Handlungen

und das große Leben der Geschichte in der intimsten Verborgenheit der

Einzelseelen; und wir verkehren hier in Brutus, Portia und Cassius

in verschiedenen Abstufungen mit erhabenen Seelen, deren Triebkraft

Ideen sind, deren Tapferkeit und Aktivität aus dem Wort, das ihnen

Gesetz geworden ist, aus der Gesinnung, aus der Erkenntnis, daß das

Leben des einzelnen keinen Pfifferling wert ist, wenn es nicht im

Dienst der Sache, der Menschheit steht, aus dem Geiste immerzu ihre

Nahrung zieht. Und all diese ergreifende, beglückende, erhöhende

Schau ins Innere der Menschen und der Geschichte ist umgesetzt in

dramatische Situation, in eine ungeheure Lebendigkeit für unsre

Sinne; es ist uns bei alledem, als lebten wir nur in der Außenwelt,

in Zusammenstößen, Gegensätzen, Eruptionen und Katastrophen: gleich

zu Beginn die Revolutionsstimmung und leidenschaftlich demagogische

Gebärde im Auftreten der Volkstribunen -- das Luperkalienfest mit

seinen mannigfachen Zusammenstößen und den Vorgängen auf und hinter

der Bühne -- die Nacht des Entsetzens mit Cassius’ leidenschaftlichem

Ausbruch -- in derselben Nacht die Verschworenen vermummt in Brutus

Garten, und dann, die Turmuhr hat eben drei geschlagen, Brutus’ innig

leidenschaftliches Gespräch mit Portia -- Cäsars Ermordung auf dem

Kapitol in Anwesenheit des im ersten Aufruhr unbewegt würdevoll oben

sitzenden und dann in Panik grotesk auseinanderstiebenden Senats -- der

Diener des Octavius, der dem Antonius eine Botschaft bringt und mitten

in der Rede erschüttert, herzerschütternd abbricht, weil er bei einem

verlorenen Seitenblick Cäsar tot daliegen sieht:

Oh! Cäsar!

-- unmittelbar anschließend die gewaltigen Volksszenen auf dem Forum,

die Rede des Brutus, die des Antonius an Cäsars Bahre, wo die Rede

ganz und gar zur sinnlich greifbaren Aktion wird -- die große Szene

im Zelt des Brutus, wo die Tonleiter des Menscheninnern so vollkommen

durchgespielt wird und doch alles bewegteste, völlig leibliche Aktion

ist -- die wechselnden Situationen der Schlacht von Philippi, der

verhängnisvolle Zufall, der über Cassius die letzte Verzweiflung

bringt, unerwartet die Handlung, die schon auf dem Gipfel scheint, noch

höher hinauftreibt -- wie ein Meteor aufsteigend und verlöschend als

Mitstreiter der republikanischen Helden der junge Cato, ein Zeichen,

daß der Geist, der Brutus und Cassius erfüllt, mit ihnen und ihren

Getreuen denn doch nicht sterben soll -- der Freitod des Cassius, des

Titinius, des Brutus -- und schließlich die Apotheose des Brutus aus

dem Mund des Antonius:

Dies war der beste Römer unter allen -- -- --

Sanft war sein Leben, und die Elemente

In solcher Mischung in ihm, daß Natur

Aufstehen durfte und der Welt verkünden:

Dies war ein Mann!

Sanft war sein Leben! -- Lassen wir’s in diesem Punkt nur bei der

schönen Übersetzung Schlegels; aber fügen wir hinzu, daß es im Original

heißt:

~His life was gentle~,

und daß das sanft und adlig in einem bedeutet -- derselbe Ausdruck, den

Ben Jonson in dem Widmungsgedicht der Gesamtausgabe von Shakespeare

gebraucht, den er persönlich gut gekannt hat: ~Gentle Shakespeare~!

Adlig sanft war Brutus und doch eine Naturkraft, ein Mann und ein Held.

Auch in Antonius, wir haben es gesehen, sind die Elemente gemischt

-- wie vielfältig und seltsam, als Bild einer untergehenden Welt des

Adels, das werden wir später noch sehen. Denn der Antonius, den in

wesentlich anderm Stil, im Stil seiner letzten Periode, Shakespeare

in Antonius und Cleopatra behandelt hat, ist genau derselbe Mensch,

und wir werden dabei sein, wie der Sieger über Brutus weiterlebt und

untergeht.

Hamlet

Shakespeare (Volume 1 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 14 / 27 段