von denen wir hier Proben erhalten haben, Wendungen, wie: was mich
betrifft, ich für mein Teil und dergleichen. Wie hat es diesem
selbstherrlichen Individualismus, der durch das leidenschaftliche
Temperament, mit dem er verbunden ist, immer gefährlich nahe daran
ist, zu Ehrsucht und Tyrannei auszuarten, wie hat es ihm gut
getan, daß er sich mit der republikanischen Gesinnung und einer
männlichen Philosophie verbunden hat, die den Trieben den Zaum
der Besinnung anlegt und das Leben von seiner festen Begrenztheit
aus zugleich zur höchsten Leistung und zur Bescheidung bringt.
Mögen doch die Historiker, die in Wahrheit über diese Personen und
diese Zusammenhänge über gar kein besseres Material verfügen als
Shakespeare, mögen sie in einer Gewohnheit, die ihrer Methode und meist
auch ihren Naturen entspringt, nichts derart Großes im Innern solcher
Männer, denen der Verlauf der Geschichte, wie man so sagt, Unrecht gab,
anerkennen, dieser Cassius mit all seinen saftigen Menschlichkeiten
ist ein großer Kerl und ein ganz echter Römer. Wir können nicht einmal
sagen, das Furiose, das leidenschaftlich Ausbrechende, das Shakespeare
ihm leiht, habe erst die Renaissance und das Barock gebracht. So ein
Barock kennt auch das späte Rom; mit Vergil hebt es an; und gerade der
Mann, der diese stoische Lehre, die Cassius’ Leben ins innerste geadelt
hat, zur erhabensten Prägung gebracht hat, Seneca, von dem wir und
Shakespeare Worte der Art haben, wie: ~Qui potest mori, non potest
cogi~, was schiert mich Zwang, der ich sterben kann, gerade er gilt
-- und galt in Shakespeares Zeit unangezweifelt -- als der Verfasser so
mancher Tragödienszenen, die nach Aufbau, Steigerung und einer nicht
bloß gewalttätigen, sondern manchmal gewaltigen Sprache in der ganzen
Antike Shakespeare am nächsten kommen. Ich denke nicht daran, Seneca,
den Tragödiendichter, in die Nachbarschaft von Aischylos und Sophokles
zu bringen, die uns in diesem Zusammenhang nichts angehen, weil
Shakespeare sie nicht gekannt hat; aber ich bringe ihn auf eine sehr
ansehnliche Stufe auf dem Wege zwischen Euripides und Marlowe; ganz und
gar lebendige Menschen auf die Beine zu stellen, hat weder Seneca noch
Marlowe vermocht; aber durch die leidenschaftliche und innig bewegte,
gewaltig freie Sprache das innerste Gefühl von Menschen zu offenbaren,
ist auch Seneca, wenn’s zum Höchsten kam, gelungen; und wäre es die
Aufgabe dieser Vorträge -- sie ist es nicht --, Dichter und Stellen
ihrer Werke zum Beleg zusammenzusuchen, die auf Shakespeare Einfluß
geübt haben können, so wäre Seneca ein recht umfangreiches Kapitel zu
widmen.
III. Brutus
So wie der wütige und gefaßte, der ausbrechende und entschlossene,
der kühne Cassius zu Casca gesprochen hat, so -- dürfen wir denken
-- hat er einen nach dem andern gewonnen. Er ist kein Mann des Volks
und der Volksrede; er wirkt, indem er die einzelnen erst studiert
und dann bearbeitet und erschüttert. Dazu ist er, dessen Natur es so
leicht hat, ihr Inneres zur Äußerung zu bringen, und der von der edeln
Schamlosigkeit des Künstlers, die innersten Eingeweide bloßzulegen
und sich in Ekstase zu zeigen, genug hat, besonders geeignet. Er ist
durchaus die Seele der Verschwörung; er aber, wie all die andern,
fühlen sich der Aufgabe nicht gewachsen, fühlen ihr Unternehmen nicht
gerechtfertigt, wenn nicht die personifizierte Reinheit zu ihnen tritt,
ihr Herz und ihr Haupt wird. Das ist Brutus.
Ehe Cassius ihn weckt, ist Brutus zurückgezogen, in sich gekehrt,
brütend. Die Zustände, die Ereignisse, die Stimmung in Rom, das alles
hat zu ihm gesprochen; und etwas Bestimmtes bohrt und kämpft in ihm.
Aber er weiß nicht deutlich, was es ist; er will es nicht wissen. Auch
er, er ganz besonders, ist so einer von denen, die aus dem Grunde leben
(wir haben früher von ihnen vernommen); er ist einer, der sich nur
schwer, nur seufzend entschließt, planvoll aus sich herauszugehn und
sich ein Ziel zu stecken. Und auch er ist einer, dem die Zeit etwas
aufbürdet, dem er nicht gewachsen ist.
Immer wieder hat man bei Brutus an Hamlet erinnert; man hat recht
daran getan. Die Gestalten wie die Stücke sind einander benachbart;
Shakespeares ganze Liebe gilt Brutus, wie er offenbar an Hamlet hängt.
Brutus weiß, daß etwas in ihm zu einer großen Entscheidung drängt, daß
etwas von außen näher und näher rückt, was er wie einen Eingriff in
sein Eigenstes nicht dulden darf. Er weiß, daß das, was abzuwehren ist,
das Gemeinwesen angeht, in dem Punkt angeht, wo sein eigenes Herz Roms
Herz ist. Das ist der ungeheure Zwiespalt: er ist von Haus aus eine
private Natur, die aber ihrer adligen Anlage nach privat zu sein nur
ertrüge, wenn draußen die Menschen frei und glücklich wären. Er ist der
Politiker, der aus der Philosophie in die Politik kommt; aber aus einer
Philosophie, die mit seinem Leben verwachsen ist. Nicht so bloß, daß er
mit dem Herzen denkt; so vielmehr, daß sein Denken sich nicht zufrieden
gibt, ehe die äußere Wirklichkeit ihm entspricht. Aus einem stillen,
sanften, aber zähen Sinnen heraus kommt er zur Aktivität.
Cassius knirscht über den Zwang, über die Änderung auch seiner Stellung
im Vergleich zu früher, nicht durch etwas hauptsächlich, was ihm
geschieht, dadurch allein schon, daß einer über alle, über ihn auch
erhöht sein soll. Brutus kann vor allem den Gedanken, es bereite sich
die Tyrannis vor und man könne in Rom die Luft der Freiheit nicht mehr
atmen, nicht ertragen. Ihm geht es um die Wiederherstellung. Nicht
umsonst erinnert man ihn immer wieder an den, der als sein Ahnherr
gilt, an jenen andern Brutus, der den Tarquinius vertrieben hat.
Fortwährend fliegen ihm solche kleine Briefchen zu -- Brutus,
schläfst du? und dergleichen. Ehrgeiz wecken sie gar nicht in ihm;
er hat keinen; sie schmeicheln auch nicht seiner Eitelkeit; aber
sie treffen seine Verantwortung; sie sagen ihm, daß es in der Tat
um etwas geht, wo der einzelne aufgerufen wird; daß es ans Leben,
ans Element des Lebens geht; und vor allem: sie bestärken ihn in
seinem Glauben an einen Geist, der in ihm, aber nicht in den Massen
lebt, an ein republikanisches Rom, das in Wahrheit gar nicht mehr da
ist. Denn -- eine entscheidend schwere Verantwortung haben sie mit
diesem demagogischen Mittel auf sich genommen -- Cassius und seine
Mitverschworenen haben all diese Stimmen aus dem Volk arrangiert, um
lauter Stacheln ins Fleisch des schwer beweglichen Mannes zu setzen.
Wie dieses Volk in Wahrheit heruntergekommen ist, wie es knetbarer Ton
in den Händen der Demagogen ist, das sieht Brutus nicht, aber wir sehen
es und wissen, wie Brutus sich täuscht und wie er getäuscht wird.
Er täuscht sich oft und ist das geeignete Objekt dazu, betrogen zu
werden. Darin ist er ganz und gar keine Hamletnatur. Er wäre es, wenn
ihm so wie Hamlet die Augen über die Welt aufgingen. Nachdem Hamlet
erst über seine ursprünglichen Grenzen hinausgetrieben ist, nachdem er
auf die schaurigste Art genötigt wurde, sich auf die Welt einzulassen
und Menschen zu beobachten, über deren Elendigkeit er sonst am liebsten
weggeblickt hätte, entwickelt er Witz, Schärfe, Polemik, Weltkenntnis
intuitiver Art; er ist dann einer der Goetheschen Männer des Aperçu,
denen ein Fall für tausend gilt. Gerade darum aber, weil Brutus in
der Täuschung über die Umgebung lebt, ist er in der ursprünglichen
Vornehmheit geblieben, die es für unanständig hält, aus Erfahrungen zu
lernen. Ihn gehn die gerade lebenden Römer nichts an, er schaut das
Römertum im großen und allgemeinen, ihm ist solche Zusammenfassung
und Möglichkeit eine wahrere Wirklichkeit als zufällig vorhandene und
zufällig verderbte individuelle Exemplare der Gattung. So kann er tun,
was Hamlet nicht vermag: er führt ein hohes, glückliches Privatleben,
und er kann sich aus dem Allgemeinen seiner Anschauung und aus der
Befriedigung seiner privaten Sphäre heraus zur Tat wenden.
Er ist einer, der aktiv träumt, der seine Denkgebilde, guten Wünsche
für die Menschheit und Gesichte hinausprojiziert und draußen leibhaft
als Wirklichkeit oder wenigstens Bereitschaft gewahrt, und ist so
zugleich ein fühlender Grübler und eine handelnde Natur. Es gibt in der
Natur und also auch in Shakespeares Menschenwelt alle Kombinationen von
Eigenschaften, die unsre abstrakte Sprache als Gegensätze von einander
trennt; Brutus vereinigt Beschaulichkeit und Heroismus.
So vertraut er den Menschen und glaubt an das Gute in ihrer Natur,
das bei der Wiederherstellung des Gemeinwesens sich auch ganz wieder
aufrichten müsse. Im großen ganzen hat er recht: es ist dabei nur
vorauszusetzen, die Republik und republikanische Erziehung wären
ohne Zugeständnis schon erkämpft und durchgeführt. Das Absolute hat
immer recht, -- wenn es rein in sich bleibt und sich nicht auf die
Relativitäten einläßt. Sowie es das aber tut, fängt sein schweres
Unrecht, sein Irrtum an, und es wird der Doktrinarismus daraus. So
kommt es, daß Brutus immer wieder -- gegen Cassius’ Rat -- in der
Politik wie in der Kriegführung entscheidende Fehler macht. Cassius
aber und die andern fügen sich ihm, wo es nur irgend geht: aus
Ehrfurcht vor seiner Reinheit. Denn was wäre ihr Unternehmen von
vornherein und im Ablauf, wenn die republikanische Tugend nicht die
Führung hätte!
Von dem Augenblick an, wo Cassius eindringlich, schonungslos zu ihm
gesprochen hat, weiß Brutus mit einem Mal oben alles, was bisher in
ihm geschwärt und gesonnen hat. Nun muß also entschieden, nun muß die
Stimmung zum Wort und damit -- für ihn -- zum Beschluß und zur Tat
werden. Daß nur ja dieses Wort nicht von außen zu ihm kommt; das darf
nicht sein! Aus ihm selbst, aus ihm allein muß es hochsteigen. Er
bricht, ohne sich irgend entscheidend geäußert zu haben, das Gespräch
ab; vereinbart wird nur, sie sehen sich bald wieder, und er weiß: bis
dahin wird er mit sich im reinen sein.
Er macht nun alles in der Stille mit sich ab. Schlaf findet er keinen
mehr. Irgendwo in ihm ist der Entschluß schon gefaßt, und er erträgt
die Zwischenzeit nicht. Es bohrt, es wühlt; er starrt finster ins
Leere, wo etwas Furchtbares schon sein sollte; er wird von allem in
seiner Umgebung gestört; er verhält sich wie wohl ein Dichter, in dem
das Werk fertig wortlos ruht, und der sich scheut, an die Gestaltung
zu gehn. Bis dann, in der Schreckensnacht, wo es draußen tobt, für
ihn die Entscheidung und damit die Ruhe da ist. Was draußen vorgeht,
merkt er gar nicht. Aber er ist nun so weit und spricht es sich aus,
und damit, daß dieser Mann in nächtlichem Alleinsein in seinem Garten
dieses Wort spricht, ist es, als wäre die Tat schon vollbracht:
Es muß durch seinen Tod geschehn.
Im Jahre 1803 hat Goethe den Julius Cäsar in Weimar aufführen lassen,
unter anderm auch in der Erwägung, dieser Eindruck könnte für seinen
Freund Schiller, der am Tell arbeitete, von Bedeutung sein. Schiller
kam denn auch sofort „in die tätigste Stimmung“. Nicht zu leugnen, daß
die Hauptsituation im Tell, daß auf der einen Seite eine Verschwörung
sich bildet, auf der andern ein einzelner Mann steht, der für sich den
Tod des Tyrannen beschließt, von Julius Cäsar vorweggenommen ist. Der
Unterschied ist nur der, daß Tell -- „Ich lebte still und harmlos“
-- durch äußere Vergewaltigung zur Privatrache getrieben wird, daß
Brutus aber keinerlei Privatrechnung mit Cäsar zu bereinigen hat, daß
er im Gegenteil ihm bis zuletzt menschlich nahesteht und ihn lieb hat.
Wenn Schiller etwas der Art zu behandeln gehabt hätte, er hätte sich
die Szene zwischen den beiden Freunden nicht entgehen lassen und wir
hätten eine neue, noch furchtbarere Arie „Max, bleibe bei mir...“ in
die deutsche Literatur bekommen, wozu dann das Duett zwischen Cäsar
und Brutus, das der Räuber Moor zur Laute singt, eine Vorübung gewesen
wäre. Für den harten, keuschen Shakespeare gibt es nichts der Art. Ein
solches Gespräch könnte gar nichts ändern; mit dem Bilde Cäsars, wie
er nun geworden ist und mit Notwendigkeit sich weiter verwandeln wird,
hat Brutus sich auseinanderzusetzen; es geht ums Gemeinwesen, nichts
andres gilt. Erst wenn der Entschluß gefaßt ist, wie Brutus sich den
Verschworenen angeschlossen hat, kommt seine Liebe zu Cäsar zu einem
erschütternden Ausdruck; aber nicht im entferntesten in der Form des
Bedenkens; er liebt Cäsar, indem er ihn opfert. Aber die Tat und ihre
Ausführung muß denn auch von diesem Geist der Liebe gefärbt werden; die
Liebe zur Person muß sich verwandeln in die Reinheit der Sache:
O könnten wir doch Cäsars Geist erreichen
Und Cäsarn nicht zerstücken! Aber, ach!
Cäsar muß für ihn bluten! Edle Freunde,
Wir wollen kühn ihn töten, nicht in Wut ...
Und viel später, im Streit, sagt Cassius sehr wahr zu ihm:
Ich weiß, als du am ärgsten
Ihn haßtest, liebtest du ihn mehr, als je
Du Cassius geliebt.
Ja, so ist es: Haß aus Sachlichkeit und persönliche Liebe kann Brutus
in reicher Seele so in einem Punkt vereinigen, wie Antonius echten
Schmerz aus Liebe und Politik aus Berechnung.
Daß Brutus aus seiner unterirdischen Besinnung mit dem Beschluß
erwacht: Cäsar muß fallen, steht mit seiner ungemeinen Achtung vor
Cäsar in genauer Verbindung. In Cäsar, in ihm allein, ist ihm der
ganze Geist, den wir heute Cäsarismus nennen, verkörpert. Ein Opfer
muß fallen, damit Roms Freiheit wiederersteht; Cäsar muß dieses
Opfer sein, weil in ihm, dem überlegenen Staatsmann, der Geist der
Gewaltherrschaft konzentriert und nur mit seinem Leben auszurotten
ist; damit aber soll es genug sein. Ein einziger Mensch soll getötet
werden, damit die Freiheit wieder lebe; gerade das, diese Umkehrung
des monarchischen Gedankens, ist es, was Brutus fasziniert. Darin sind
Cäsar und Brutus einig: Cäsar ist für sie der König des Reiches; wozu
ich berufen bin, muß ich in Wirklichkeit werden, sagt sich Cäsar und
strebt nach der Krone; du also, du allein mußt fallen, erwidert Brutus.
Wäre es nicht so, wären noch andere gefährlich, könnte man von den
Römern erwarten, daß sie nicht sofort zur Freiheit zurückkehrten, wenn
ihnen der Untergang Cäsars verkündigt wird, wie wäre dann ihre Tat
gerechtfertigt? Wäre dann nicht die Zeit der Republik vorbei? Alle
andern, auch Antonius, dürfen am Leben bleiben; sie sind nichts, wenn
ihnen das Haupt genommen ist, in dem allein der Königsgedanke lebendige
Kraft hatte.
Das ist sein ungeheurer Irrtum. Für Shakespeares Kunst aber, uns mit
bis ins Feinste lebendigen Menschen umgehen zu lassen, weiß ich kein
leuchtenderes Zeichen als dieses: daß man den Drang verspürt, aus
innerster Teilnahme mit seinen Menschen zu rechten. In diesem Moment
der Entscheidung wollte ich zu Brutus zu reden versuchen, wollte ihm
Dinge sagen, wie ich sie dem großen Tolstoi, wie ich sie manchen
russischen Revolutionären gegenüber auf der Zunge hätte: daß man das
Absolute denken, aber nicht tun kann. Cassius wird sehr bedenklich bei
Brutus’ Worten der Geringschätzung, mit denen er Antonius das Leben
schenkt; er versucht auch, dagegen zu streiten; und in der Tat, wenn
Brutus von Antonius meint:
Liebt er den Cäsar, so vermag er nichts
Als gegen sich: sich härmen, für ihn sterben.
Und das wär’ viel von ihm, weil er der Lust,
Der Wüstheit, den Gelagen sich ergibt,
so sehen wir gleich nachher, daß er wesentliche Grundzüge des Mannes,
sein leicht erregtes Gefühl und seine Liederlichkeit, ganz richtig
beurteilt; andere Züge, die wir dann am Werk, am Werk der Vernichtung
gegen die Verschwörer sehen werden, gewahrt er aber nicht und sieht
vor allem nicht, daß Rom so heruntergekommen ist, daß eine Zeitlang
wenigstens Antonius in seiner ganz ändern und niedrigeren Art die Rolle
Cäsars spielen kann. Brutus ist kein Staatsmann, kein Rechner; er ist
zu gar nichts Schlechtem imstande und ahnt in seinem Studio nicht,
daß die Zeiten und die Mittel, sie zu beherrschen, sich arg verändert
haben. Er fürchtet Cäsar und nur Cäsar, weil er an ihm Größe und Adel
kennen gelernt hat, die nun vom Weg republikanischer Tugend abgeirrt
sind; er sieht nicht, daß in der Politik beweglichem Volk gegenüber
Größe, Adel, Tugend auch geschauspielert werden können, besonders von
so einer glänzenden Komödiantennatur wie Antonius, der die Wahrheit
in den Dienst der Lüge, den echten Schmerz in den Dienst der Politik
stellen kann.
Brutus kennt die Welt um so weniger, als alles, was ihn in seiner
Sphäre umgibt, rein und edel ist. Wir sehen es auch an den
Fernerstehenden: im Umgang mit ihm müssen sie sich von ihrer saubersten
Seite zeigen; er sieht immer nur die Sonntagsseite der Menschen,
nicht bloß, weil er so rein und ohne den Schmutz des Mißtrauens in
den Augen blickt, sondern weil sie im Umgang mit ihm besser sind als
sonst; jeglicher hat ja so viele Möglichkeiten! Und der Brutuscäsar,
dem er sich als Freund gab, war gewiß auch ein anderer als der Cäsar,
wie er sonst mit den Menschen umging; und Brutus mußte ihn von da ab
allmählich in anderm Lichte sehen, wo Cäsar so sehr ein öffentliches
Leben führte, daß der Unterschied von dem, der in vertrauten Stunden
mit ihm sprach, mehr und mehr sichtbar wurde. Brutus hat den
Magnetismus des Guten, das Gute anzuziehen; wie hätte er ein solcher
Mann zugleich der Betrachtung und der lebendigen Tat, der Schwermut
und der Aktion werden können, wenn er nicht das Glück gehabt hätte,
seinen Umgang zu finden. Er lebt in einer Atmosphäre der Reinheit: da
ist sein Oheim -- dann auch sein Schwiegervater -- Cato, dessen junger
trefflicher Sohn, Portia seine Frau, bis hinab zu seinen Dienern; es
ist alles Treue und Ehre, Poesie und Musik, was ihn umgibt.
Sein Weib steht so hoheitsvoll neben ihm, daß er der Schweigsame, der
alles mit sich allein abgemacht hat und sogar in diesen produktiven
Tagen der letzten Entscheidung hie und da unwirsch geworden ist, ihr
schließlich das furchtbare Geheimnis anvertrauen darf. Nur das ist
für sie beide wahre Ehe, wenn sie ohne Einschränkung auch geistige
Gemeinschaft haben. Was für ein anderes Paar -- nicht etwa als Macbeth
und seine Frau; nie vermöchte man, Brutus und Portia so wie diese ein
Mörderehepaar zu nennen, obwohl sie es dem Wortsinne nach sind --, aber
als Cäsar und seine Calpurnia, an deren Liebe wir gewiß eher glauben
als an ihre Würde im Verkehr mit einander und gegenseitige Achtung; wie
anders auch als Percy und sein Weibchen! Es wird kein Zufall sein, daß
Shakespeare jener andern hohen adligen Frau, die ebenbürtig an Geist
ihre Frauenseele in den Streit der Männer trägt, ohne Anhalt in den
Quellen den Namen Portia gegeben hatte:
Ihr Nam’ ist Porzia, minder nicht an Wert
Als Catos Tochter, Brutus’ Porzia.
Nur sehr ungern entschließt Brutus sich, sie zur Mitwisserin dessen
zu machen, was erst geschehen soll; ist es getan, so wird er der
erste sein, Rom die Tat zu verkündigen; auch möchte er ihr gegenüber
nur schweigen, weil er weiß, daß die Pein um ihrer Liebe zu ihm
willen fast über ihre Kraft geht. Denn nie ist innig überwältigender
gezeigt worden, wie die männlichste Kraft des Geistes, die so zu
Willen wird, daß sie den Körper verwunden und schließlich aus dem Weg
räumen kann, mit der weiblichsten Schwäche der Seele und der Physis
vereint leben kann; ja, wie sie schließlich in den Tod geht, weil
ihre Gemeinschaft mit dem geliebten Manne so groß ist, daß sie sein
Schicksal voraus erlebt und sich in Verzweiflung, in einer Stunde der
Wut tötet, ehe es sich erfüllt hat -- wer ist da ein solcher Virtuos
der Abstraktionsanalyse, daß er sich zu entscheiden getraut, ob ihre
zerbrechende Frauenseele oder ihr starker Geist über ihrem Ende
gewaltet hat?
Daß Brutus und Cassius Männer, ganze Männer sind, zeigen sie es am
kraftvollsten in ihrem Ende? Nein, ich gestehe, ihre Männlichkeit
leuchtet mir am trefflichsten aus ihrer Haltung nach ihrer Tat hervor.
Brutus, den wir immer gesetzt, in sich gekehrt, wie mit einem Druck auf
Kopf und Herzen gesehen haben, wird aufgeräumt. Heroische Lust kommt
über ihn; er hat die Ehrsucht ermordet; nun stellt er sich vor allem
andern selber dem Tode.
Schicksal! wir wollen sehn, was dir beliebt.
Wir wissen, daß wir sterben werden ...
Ja sogar, er ist adlig genug und sachlich genug und liebevoll genug,
um in dieser Welt, in der Worte nicht im geringsten die Haut ritzen,
in der nur Taten töten, unmittelbar nachdem er den Dolch in die Brust
seines Freundes gestoßen hat, einen Scherz auf Kosten dieses seines
Opfers zu wagen, einen solchen freilich, der ernste Bedeutung hat.
Cassius hat gerufen, mit dem Leben sei auch die Todesfurcht zu Ende;
Brutus schließt daran an:
Gesteht das ein, und Wohltat ist der Tod.
So sind wir Cäsars Freunde, die wir ihm
Die Todesfurcht verkürzten ...
So, so stolz, so selbstbewußt, so freudevoll haben sie nie gelebt wie
in dem Augenblick, diese Männer! Sie wissen, sie sind nicht Hinz und
Kunz, jetzt eben hat die Geschichte, hat der Geist der Menschheit durch
sie gewaltet. Bis in die spätesten Zeiten
Wird man auch unsern Bund, die Männer nennen,
Die Freiheit wiedergaben ihrem Land.
Die Leiche, die da unten zu Füßen der Pompejusstatue liegt, ist ihnen
nur noch die Brücke auf dem Weg zur Wiederherstellung. Trunken vor
Stolz und Lust -- wir hätten nie zuvor geahnt, daß der Stille je
berauscht sein könnte -- taucht Brutus die Hände, die Arme tief in
Cäsars Blut, färbt sein Schwert mit dem echten Farbstoff der Revolution
rot und bricht in den Jubelruf aus, den wir nicht übersetzen können:
~Peace, freedom, liberty!~
Friede, Freiheit und immerzu Freiheit!
Kein Bürgerkrieg mehr; mit der wiedergewonnenen Freiheit soll das weite
römische Reich, soll die zivilisierte Menschheit ein Reich des Friedens
bilden.
So bis an die äußersten Grenzen gehen konnte nur Shakespeare. Was ist
die fassungslose Todesfurcht des romantischen Helden, des Prinzen
von Homburg -- die überdies, in Liebe und Ehrfurcht vor Deutschlands
größtem Dramatiker sei’s gesagt, von Shakespeare stammt -- gegen
Brutus, der seine Arme bis zu den Ellbogen jauchzend ins Blut seines
Ermordeten taucht und doch Brutus bleibt? Und wenn man nun in feuriger
Sympathie bei diesen todbereiten Tyrannenmördern ist, die in dem einen
Augenblick der Rast, den sie sich gönnen, sich so bis aufs Letzte der
Stimmung ihres tatgewordenen Willens hingeben, dann kommt Antonius, von
demselben Dichter in dieses nämliche Stück gestellt, und dreht einem
das Herz dermaßen im Leibe um, daß man sich in überströmendem Mitgefühl
ganz zu ihm und zu Cäsar neigt, daß man Julius Cäsar nicht mehr sieht,
wie er sich vor unsern Augen bewegt hat und wie ihn die Verschwörer
sehen, sondern wie Marc Anton ihn schildert.
IV. Antonius
Wo war Antonius in der Zeit? Er hatte sich willig von einem der
Verschworenen beiseite nehmen und beschäftigen lassen und war dann in
höchster Eile nach Hause geflohen. Denn ganz sicher, ob es nicht auch
ihm das Leben kosten würde, konnte er keineswegs sein. Wer aber scharf
zusieht und weiß, daß bei Shakespeare nichts umsonst steht und nichts
ohne Grund weggeblieben ist, der gewahrt deutlich genug in überaus
feinen Zügen, was übrigens auch Plutarch andeutet und was geschichtlich
sehr wahrscheinlich ist, daß Marc Anton die Ermordung Cäsars geschehen
ließ, begünstigte und Cäsar in Sicherheit wiegte. Er machte es, wie
so manchmal Politiker, nach dem Rezept von Shakespeares Kardinal
Pandulpho: er ließ andere für sich morden und wartete seine Zeit ab, um
dann mit den Mördern fertig zu werden, die sein Werk getan, ohne es zu
ahnen.
Nach einiger Zeit traut er sich heraus, schickt aber vorsichtig erst
seinen Diener vor, um den Herren der Situation in seinem Namen zu
huldigen und sie zu fragen, ob er kommen dürfe und Näheres erfahren.
Brutus ist noch ganz in der Begeisterung, in der man die Welt umarmen
möchte, und läßt ihm sehr freundliche Dinge sagen. Cassius traut
ihm gar nicht; und wie nun Antonius da ist und sich in wundersamer
Mischung auf jeden Fall sehr lebendig zeigt, beeilt sich Cassius, ihm
zunächst eine hervorragende Stellung in der Provisorischen Regierung zu
versprechen. Wie nun aber gar Brutus unbedacht edelmütig dem Antonius
zusagt, er dürfe, wie’s alter Brauch, dem toten Freunde bei der
Schaustellung der Leiche die Rede halten, da nimmt ihn Cassius beiseite
und beschwört ihn dringend und wiederholt, ihre große Sache dieser
Gefahr nicht auszusetzen. Aber Brutus hat gar kein Bedenken; er verläßt
sich auf seine Römer und auf die guten Gründe der Tat, die er ihnen,
ehe Antonius zu Worte kommt, vorlegen wird.
Brutus redet in schlichter, wiewohl keineswegs formloser Rede. Es ist
Prosa, aber man sollte meinen, nichts könnte von tieferer Wirkung
sein als diese Sachlichkeit, diese gedrängte Inbrunst, dieser Aufbau
in Wiederholungen und Steigerungen, diese Einheit von Intimem und
Öffentlichem, und vor allem: diese zweifellose Wahrhaftigkeit. „Weil
Cäsar mich liebte, wein’ ich um ihn; weil er glücklich war, freue ich
mich; weil er tapfer war, ehr’ ich ihn; aber weil er herrschsüchtig
war, erschlug ich ihn... Wer ist hier so niedrig gesinnt, daß er
ein Knecht sein möchte? Ist es jemand, er rede, denn ihn habe ich
beleidigt...“
Feuer und Flamme sind denn auch die römischen Bürger, die ihn hören;
und am liebsten machten ihn die, die bestätigen, daß sie keineswegs
Knechte sein möchten, sofort zum neuen Cäsar! Dann aber -- während
Brutus geht, um an anderer Stelle zu sprechen -- kommt Antonius an die
Reihe.
Ganz falsch wäre es, seinen Schmerz, wie er ihn zunächst im Kreis der
Verschworenen und nun öffentlich an Cäsars Leiche zum Ausdruck bringt,
mit plumpem Wort erheuchelt zu nennen. Diese einfache Sprache dürfen
wir nicht reden, wenn wir bei Shakespeare und der Natur sind; so geht’s
in der tief verworrenen Seele eines vielfältig gespaltenen Menschen
nicht zu.