So kommt denn gerade im rechten Augenblick einer der Verschworenen

zu Cäsar ins Haus, Decius Brutus, der sich schon darauf vorbereitet

hat, wie er im Notfall Cäsar auf die rechte Art aufs Kapitol bringen

wird: durch Schmeichelei nämlich. Cäsar bringt’s doch nicht über sich,

sich mit Krankheit zu entschuldigen; wie’s drauf ankommt, verwehrt

ihm der Stolz die Ausrede: ganz einfach, er wolle nicht kommen. Dann

rückt er aber doch, indem er vertraulich zu dem wichtigen Römer

spricht, mit Calpurnias Traum heraus. Den deutet ihm Decius nun aufs

schmeichelhafteste: Rom saugt belebendes Blut aus ihm; das ist die

Sprache, die Cäsar wohltut wie ein warmes Bad; und dazu fügt er noch

die Nachricht, gerade heute wolle der Senat Cäsar die Krone verleihen.

Man darf nun zwar annehmen, daß das für Cäsar keineswegs eine

Neuigkeit war; neu war nur der Umstand, daß die große Überraschung,

die auch wie eine Überraschung für Cäsar aussehen sollte, in den

Kreisen der Politiker schon bekannt war und, wie es aus Decius’ Worten

hervorzugehen schien, sehr freundlich aufgenommen wurde. Wenn er nun

nicht käme!

Wenn Cäsar sich versteckt, wird man nicht flüstern:

Schaut, Cäsar fürchtet sich?

Cäsar wird ganz heiter, und wie nun noch andre angesehene Römer ihn

abholen kommen -- die meisten sind in der Verschwörung --, wie er gar

den untadeligen Ehrenmann, den Unbestechlichen, den als Anhänger zu

haben so viel wert ist, Marcus Brutus, so früh morgens schon bei sich

sieht, um ihm das Ehrengeleite zu geben, da gelten keine Träume und

Weissagungen mehr, da gilt nur die Politik. So ziehen sie aufs Kapitol.

In der Szene, die den Einzug aufs Kapitol und sofort daran anschließend

die Senatssitzung bringt, ist die Bühne zweistöckig. Oben sitzt in

feierlicher Haltung der Senat; unten naht Cäsar mit seinem großen

Ehrengeleite; viel Volks ist auf dem Weg. In der Menge gewahrt

Cäsars scharfer Blick den Wahrsager von jüngst und ruft ihm, stolz

aufgerichtet, ohne sich auf seinem Gang aufhalten zu lassen, spöttisch

überlegen zu:

Des Märzen Iden sind nun da,

um die Antwort nachgerufen zu erhalten, die mehr unser Ohr trifft, die

wir alles wissen und für Cäsar fürchten, als seines:

Ja, Cäsar,

Doch nicht vorbei.

In diesem Augenblick will ihm der Sophist Artemidorus, dem die Sache

zugetragen worden ist, die ganze Verschwörung in einer Bittschrift

entdecken. Eine Bittschrift! Nun zittern wir für die Verschworenen,

wie wir sonst für Cäsar zittern; die Gefahr liegt so nahe, daß der

Mann mit den monarchischen Allüren die Bittschrift gnädig aufnimmt und

sofort überfliegt. Aber auch die Verschworenen haben ein Bittgesuch

bei der Hand, und in einer dunklen Ahnung faßt sich Decius Brutus, der

Gewandte, schnell und übergibt es Cäsar jetzt schon auf der Straße mit

den raffinierten Worten:

Trebonius bittet Euch, bei guter Weile

Dies untertänige Gesuch zu lesen.

Wohltuend devote Sprache und dazu der Wink: ein Monarch macht sich

nicht auf der Straße gemein, er läßt sich Zeit. Wie nun gar der Sophist

drängt, sein Gesuch gehe Cäsar persönlich an und sei überaus wichtig

und eilig, ist die Gefahr vorbei; in der großartigen Haltung des

Herrschers, der vor allem als Diener des Staats auftritt, entscheidet

Cäsar:

Was uns betrifft, sei auf zuletzt verspart.

Nun schreiten sie alle, Cäsar an der Spitze, feierlich hinauf. Der

Senat erhebt sich von den Sitzen. Es folgt die wohlvorbereitete Szene;

Cäsar bereitet keine Überraschung; die Verschworenen haben ihn richtig

beurteilt; ihr Programm wird durch nichts gestört. Sie überreichen ein

Bittgesuch um Rückberufung eines politisch Verbannten. Cäsar weist es

in der hochmütigsten, herrischsten Haltung ab. Sie werden dringender,

sie werden flehender, sie knien; er spricht verächtlich von hündischem

Bücken und Schmeicheln; aber wie er der Schmeichelei zugänglich sein

kann, haben wir noch wie zuckersüßen Geschmack in der Erinnerung.

Standhaft nennt er sich wie den Polarstern; aber wir haben seine Laune

und sein Hin- und Herschwanken erlebt. Jetzt aber klingt es: wer ihn

umstimmen will, könnte ebenso gut den Olymp, den ewigen Thron der

Götter versetzen wollen. Da kommt, im Schein und in der Wahrheit, die

Verzweiflung über die Verschworenen; sie drängen näher, sie knien alle,

selbst Brutus, selbst Cassius, -- sie brauchen die eigene Scham, sie

brauchen die Abweisung, um aus dem Augenblick heraus, wie in einer

Affekthandlung, tun zu können, was der Verstand beschlossen hat: sie

dringen auf ihn ein; der Mord geschieht. Alle stechen sie nach ihm mit

ihren Dolchen und Schwertern.

Brutus, auch du? - So falle, Cäsar!

In Shakespeares Original aber stehen die sprichwörtlichen Worte

lateinisch:

~Et tu, Brute!~

Ein kleiner, uns unerträglicher Rest der damals grassierenden Mode,

unaufhörlich lateinische Brocken in die Dramen zu bringen.

Hier sei gesagt: Keine Gestalt war den Gebildeten der Zeit, die

Shakespeare als sein Publikum voraussetzte, und sogar dem Volk,

diesem politischen Volk vertrauter als die Julius Cäsars. Er war als

der Kaiser, von dem alle andern den Namen genommen hatten, als der

Mann, der von unten auf zum höchsten Rang emporgestiegen war und

im Augenblick seiner letzten Erhöhung fallen mußte, wie von einem

Nimbus umgeben. So sah ihn, wenn er irgendwo das Beispiel der Größe

brauchte, auch Shakespeare. Um so wundervoller erweist sich seine

Individualisierungskunst und seine Unabhängigkeit, daß er, wo er

Cäsar in die Mitte eines Dramas stellte, ihn nicht als repräsentative

Gestalt betrachtete, sondern als lebendige Person in einem kritischen

Punkt ihrer Entwicklung. Der Mann und der Fürst, den Rom, dieses Rom,

wie es jetzt geworden war, brauchte, der repräsentativ, führend

und zusammenhaltend für dieses Reich war, über welchem der Geist

der Republik nicht mehr waltete, wird Julius Cäsar aber sofort mit

seinem Tode. Denn das ist das Thema dieses Stückes, das mit Fug

für seine Gesamtheit, für alle fünf Akte Julius Cäsar heißt: Der

geborene Herrscher eines Reichs, den dieses Staatswesen so, wie es

war, brauchte, wird ermordet; sein weiterlebender Geist wendet das

Schwert, bis seine Mörder es sich selbst in die Brust stoßen. Dies

ist Schicksal; so, unentrinnbar, ist sein Weg. Shakespeare aber

läßt das Schicksal wirken, indem -- nirgends tragischer als hier

-- die Charaktere aus ihrer Freiheit heraus handeln. Irgendwie,

auf verschiedenen Wegen, auf verschiedenen Stufen der Reinheit zum

Äußersten gebrachte römische Männer unternehmen es, die Republik wieder

herzustellen: es ist der letzte Versuch; die nach Geist und Charakter

die Führung haben, sind die letzten Römer. So waltet in diesem Drama

die tragische Ironie nicht so sehr im einzelnen, wie im ganzen.

II. Cassius

Indem die Verschwörer Brutus gewinnen, daß er die Tat und die

Verantwortung auf sich nimmt, hat ihr Unternehmen hohe Rechtfertigung

erlangt. Nicht bloß er, auch die andern alle, zumal Cassius, trotz

ihren mehrdeutigen Naturen und Motiven, stehen mit ihrer Tat ganz

anders da, als sonst die großen Mörder bei Shakespeare. Julius Cäsars

Wegräumung, obwohl sie äußerlich als Meuchelmord erscheint, den eine

überwältigende Schar gegen einen einzelnen Wehrlosen verübt, hat doch

bei Shakespeare mit dem revolutionären Staatsakt, der in England wenige

Jahrzehnte nach Shakespeares Tod zur Hinrichtung Karls I. führte, mehr

Ähnlichkeit, als mit den vielen dynastischen und feudalen Mordtaten,

wie sie uns in Shakespeares andern Tragödien begegnen. Brutus ist wie

Macbeth der Mörder, an dem sich die Tat rächt; auch ihn scheint zu

nächtlicher Stunde der Geist des Ermordeten aufzusuchen, wie Banquo zu

Macbeth kommt. Aber man scheut sich fast, dieses Wie auszusprechen; so

ganz anders sind nicht nur die Personen, sondern die seelischen und

politischen Verhältnisse, um die es dem Dichter geht. In den Stücken

der englischen und schottischen Sage und Geschichte, die Shakespeare

behandelt, wird von triebhaften, schlackenreichen Naturen nicht

eigentlich Politik gemacht; es geht alles in der privaten Sphäre vor

sich, auch wenn es um die Macht geht. Und Shakespeare zeigt, schon in

der zweiten Hälfte unsres Stückes, ganz besonders aber in Antonius und

Cleopatra, wie im Verfall des römischen Gemeinwesens, der Republik, die

privilegierten Personen gerade dadurch, daß die öffentliche Freiheit,

für die die letzten Römer eingetreten waren, und mit ihr die Ordnung

zugrunde ging, wieder ihre ursprüngliche, primitive, wilde Freiheit

inmitten raffinierter Zivilisation und öffentlicher Tyrannei erlangten

und wie dadurch das Ende der antiken Kultur und ihr Übergang zur

feudalen Welt vorbereitet wurde.

In diesem unserm Römerdrama also geht es um Politik auf einer hohen

Stufe, um erhabene, ideale Verhältnisse, und die Ruhe, Planmäßigkeit

und Überlegung, mit der der Mord vorbereitet wird, ist ein Kennzeichen

dafür, daß wir hier nicht in der Welt der Triebhaftigkeit und des

Personalismus, sondern der Ratio, der Staatsräson sind. Es wird

hier nicht egoistisch, nicht in verächtlicher Wut gemordet; die Tat

geschieht nicht ohne Liebe, nicht ohne Achtung zu ihrem Opfer. Die

Heimlichkeit, in der die Verschwörer sich nächtlich zusammenfinden, hat

weitaus mehr vom Charakter der Öffentlichkeit an sich als die lauten,

rückhaltlosen Streitrufe feudaler Helden; und das Wort Tagung ist für

diese Nachtversammlung fast nicht zu vermeiden. Die da zusammenkommen,

tun es in dem Glauben, Richtungen im Staat zu vertreten, berufene

Vertreter zu sein; ihre Tragik ist gerade, daß sie sich darin irren,

daß sie Vertreter eines nicht mehr vorhandenen Volkes, Führer ohne Heer

sind.

Hier also wird eine vollendete und nunmehr absteigende Welt geschildert

im Gegensatz zu jener andern, die Shakespeare in den englischen

Geschichts- und Sagendramen behandelte, in der die Lebenstriebe noch

oder wieder reicher, verworrener, wilder funktionieren. Brutus und

Cassius geht es um die öffentlichen Zustände; so politische Köpfe auch

König Johann und Heinrich IV. zum Beispiel sind, so sind sie doch vom

Dichter in eine Welt gestellt, in der sich Staat und Person des Herrn

gar nicht trennen lassen.

Mit alledem ist gesagt, daß über den Königs- und Sagendramen das

feudal-dynastische, über diesem Römerdrama aber in der Tat das

republikanische Prinzip steht. Goethe mag vorwiegend an die Volksszenen

gedacht haben, vor allem aber hatte er die prachtvolle Lebendigkeit

der Gestalten im Sinn, wenn er meint, Shakespeare schildere keine

Römer, sondern „lauter eingefleischte Engländer“. Richtig ist gewiß,

daß er in diesem Stück so wenig wie in einem andern die gelehrten

Absichten seiner akademisch-literarischen Zeitgenossen teilte. Er

ging nicht im entferntesten darauf aus, fremdartige oder interessante

Verhältnisse zu schildern oder seine Menschen irgendwie historisch

zu maskieren. Ganz und gar ging es ihm, wie immer, um das Grundwesen

der Menschen in seinen mannigfaltigen Abstufungen; nur daß er diesmal

in der allgemeinen Sphäre wie vor allem in seinen Hauptgestalten

Brutus, Portia und Cassius das öffentliche Pathos, die ideale,

innig-leidenschaftliche und rationale Teilnahme am Gemeinwesen als

wesentliche Elemente im geistigen Leben aufzeigte. Daran liegt

wenig, ob man diese Gestalten Römer oder Engländer nennt; wichtig

aber ist zu beachten, daß das Römertum, wie es in den Staats- und

Freiheitsbewegungen der Zeit, in den Schriften der Monarchomachen und

Montaignes und dann Miltons und so vieler anderer von entscheidender

Bedeutung war, in Shakespeares Julius Cäsar in der Tat seinen

lebendig-dramatischen Ausdruck fand.

Solche Fragen aber, wie die, ob Shakespeare in einem Stück Römer

oder Engländer dargestellt habe, sind darum immer schief, weil er

das äußere Kostüm, wohin ich -- ich weiß, was ich sage -- auch

zufällig-geschichtliche, zufällig-nationale Varietäten rechne, nur als

Mittel für seine höheren Zwecke brauchen konnte. Man könnte sagen,

daß noch nie einer das italienische Naturell, daß noch nie einer die

Vermählung des römisch-republikanischen Staatsgedankens mit erhabenen

Seelen so wundervoll getroffen habe, und es wäre doch von Shakespeares

Wesentlichem damit nichts gesagt. Kaum ein Stück Shakespeares aber

erinnert mich gerade so, wie Julius Cäsar, an seine Gemeinschaft weder

mit Römern noch Engländern, sondern mit Rembrandt und Beethoven. Das

rührt, ich glaube, an entscheidend Wesentliches, jedenfalls aber an

unsäglich schwer mit Worten zu Vermittelndes. Vergegenwärtigen wir uns

zunächst dieses Trio Shakespeare, Rembrandt, Beethoven durch drei ihrer

repräsentativen Werke, und sagen: Brutus -- der Mann mit dem Goldhelm

-- die Eroica oder noch besser die fünfte, die C-Moll-Symphonie.

Da haben wir eine menschliche Größe und Ausdrucksgewalt, die, so

persönlich sie ist, so rein und hoch Allgemeines wie endgültig formt.

Für alle drei sind zusammenfassende Beziehungen wie Renaissance oder

Barock oder gar Empire hergehörige und nicht unwichtige, aber ganz

ungenügende Abgrenzungen; alle drei gehören weit mehr unter einander

als mit ihren Stilgattungen zusammen. Was in diesen Werken sich äußert,

ist das Tiefste, Schwerste und Erhabenste, ist die inständigste Not und

die größte Herrlichkeit unsrer Zeit, unsrer eigenen und besonderen, in

der Shakespeare nicht minder ein Gipfel ist als Beethoven. Was sich da

äußert, ist Heldentum in Melancholie; klare, scharfumrissene, aktive

Naturen, die es nun aber doch nicht läßt, in die Welt und ihr Leid zu

verdämmern; ein leidenschaftlicher Aufwärts- und Vorwärtsdrang, dessen

Melodie aber umwogt ist von der Stimmung des Untergangs. Das ist mir im

Letzten und Höchsten Shakespeare, wie es mir Rembrandt und Beethoven

sind, und kaum irgendwo bemächtigt es sich meiner so wie in dieser

Tragödie der letzten Römer: Kraft, ungemeine Kraft ist da, Kraft des

Alten, Gewesenen und dazu schon Kraft der Erneuerung, -- darin verflößt

aber und nicht davon zu trennen das ganze Weh des Untergangs, der ein

Übergang ist, wie es so ähnlich ja wohl Nietzsche ausdrückt, das Leid

unsrer Zeiten.

Dessen eine Gestalt ist mir das Helldunkelgemälde dieser letzten Römer.

Wenn man gut zusieht und die Stimmung, die das Rom um die Wende der

neuen Zeitrechnung in Parallele setzt mit den Zuständen in der Seele

unsres öffentlichen Lebens, schon beinahe mitbringt, so können wir auch

bei Plutarch, dem Historiker der untergehenden, schon fast vergangenen

Antike, diese Verbindung von heroischen Naturen mit leidvoller

Philosophie finden. Aber das ist doch kaum anders, als daß in dem

Stoff, worin die Vision des Dichters ihre Entdeckungen macht, alles

schon der Möglichkeit nach gegeben sein muß, was der Vollender dann zur

Wirklichkeit macht.

Die Repräsentanten dieses unsres eignen, dieses Römergeistes, von denen

wir hier das Allgemeine gesagt haben, sind Brutus und Cassius; diese

beiden stehen von Anfang an bei einander im Vordergrund, und Cassius

verdient es durchaus, neben Brutus zu stehen. Shakespeares Kunst,

Menschen der gleichen Richtung und desselben Wollens nebeneinander

zu stellen und sie nicht durch grobe Gegensätzlichkeit, sondern

durch Nuancen zu unterstreichen, bewährt sich nirgends so wundervoll

wie in der Macbeth-Tragödie in dem Ehepaar Macbeth und hier in dem

Freundespaar Brutus und Cassius. Cassius hat mehr Schlacke, mehr

Affekt als Brutus, er hat nicht seine makellose Reinheit, seine

Unpersönlichkeit; dafür hat er aber auch ein schießenderes Temperament

und mehr politischen Verstand. Brutus macht seine Entscheidungen gern,

auf sich selbst harrend, sein selbst gewiß, im Unbewußten ab; er läßt

die Dinge reifen; er braucht die flackernde Zündung durch gesellige

Aussprache nicht. Cassius ist hitzig, was in ihm gärt und ihn treibt,

läßt er viel rascher hochschießen als Brutus. So ist er es denn auch,

der sich Brutus eröffnend, lockend nähert, ihm sein eigenes Innere,

seinen Kampf, seine Qual ohne Scheu zur Sprache bringt und erklärt.

Es ist aber nicht so, daß das, was aus Cassius so schnell hochkommt,

ebenso rasch wieder verpuffte oder daß er irgendwie unbeständig,

unzuverlässig wäre. So stark in ihm Leidenschaft, Wildheit, Zorn

arbeiten, so sind sie doch durchaus in den Zusammenhang einer

Geistesrichtung eingeordnet, die Gesinnung heißt. Und in der Gesinnung

ist er der Freund und Genosse des Brutus und seiner würdig. Nicht

von einem politischen Meinungssystem ist hier die Rede, wie man es

schließlich wechseln könnte, ohne in Schmach zu fallen, sondern von

einem Gefüge von Anschauungen und Willensrichtungen, die unveräußerlich

sind, weil sie aus einem Grundtrieb ihrer Natur hervorgehen, aus dem

Grundtrieb noch dazu, aus dem das römische Gemeinwesen erwuchs. Was

sie beide treibt, heißt mit einem Wort Freiheit. Sie wollen keinem

Menschen dienen, keinem untertan sein, keinen als höher verehren. Sie

fühlen sich dem Besten ebenbürtig und dulden keinen Gebieter über sich.

Sie haben nicht den Freiheitsdurst der Unterdrückten, mit dem Neid in

Verbindung stehn kann; sie haben die männliche Freiheitsliebe derer,

die nicht in Unterdrückung sind und auch nicht hineinkommen wollen,

die Freiheitsliebe, der die Eifersucht nicht immer fern bleibt. Zu

dieser Haltung gehört eigener Adel, Stolz, Selbstgefühl, und das ist

ihr Teil. Es ist ein durchaus aristokratischer Republikanismus, der

sich vom philosophischen Denken, vor allem vom Stoizismus genährt hat.

Cassius bringt, was ihrer beider Grundprinzip, Grundtrieb ist -- denn

bei diesen Männern der Gesinnung sind Seele und Geist untrennbar in

einander gewachsen -- in Kürze zum Ausdruck, wenn er zu Brutus in dem

Augenblick, wo er sich entschließt, frei heraus zu ihm zu sprechen,

sagt:

Ich weiß es nicht, wie Ihr und andre Menschen

Von diesem Leben denkt; mir, für mich selbst,

Wär’ es so lieb, nicht da sein, als zu leben

In Furcht vor einem Wesen wie ich selbst.

Der so spricht, ist ein Mann, der sich schon mannigfach um den Staat

verdient gemacht hat, ein bewährter Feldherr; der Zorn, der bei ihm

nah bei der Eifersucht wohnt, daß ihn einer überflügeln soll, ist auch

dabei; der Grundzug seines Wesens aber, nach dem er auch die andern

Menschen und die Erfordernisse des Gemeinwesens beurteilt, ist wilde,

entschlossene, den Himmel herausfordernde, tapfere Furchtlosigkeit.

Darum sehen wir ihn am größten, am herrlichsten in der Entsetzensnacht;

da wird er elementar wie der Wettersturm.

In dieser Nacht wandelt Brutus schlaflos, sinnend auf und ab; auf

den äußeren Sturm achtet er kaum und wendet sich, um den Sturm in

seiner Brust zu bezwingen, den Büchern zu; Cäsar liegt zu Bett, möchte

schlafen, wird aber durch die Traumreden und Schreie seiner Frau

gestört; Casca, ein Mann, in dem die arretierte Stimmung des Gedrückten

nach der Rebellion lechzt, die ihm das Feuer seiner Jugend wiedergeben

soll, ein Mann von Chamforts Art, ist entsetzt „in Furcht und Zittern“;

Cassius aber fühlt sich auflodernd in seinem Element:

Ich für mein Teil bin durch die Stadt gelaufen,

Mich unterwerfend dieser grausen Nacht,

Und so entgürtet, Casca, wie Ihr seht,

Hab ich die Brust dem Donnerkeil entblößt;

Und wenn des Blitzes schlängelnd Blau zu öffnen

Des Himmels Busen schien, bot ich mich selbst

Dem Strahl des Wetters recht zum Ziele dar.

Cassius ist eine von den leidenschaftlichen, nimmersatten Naturen, die

genau das, was sie schon überflüssig im Innern haben, fortwährend von

außen in sich hineinholen müssen. Er ist wie einer der Trinker, die

das äußere Rauschmittel nicht darum suchen, weil sie in sich still und

gedrückt wären, sondern weil der Rausch schon ohnedies in ihnen lebt.

Je nach Natur und Gesinnung sucht in den Erscheinungen dieser Nacht

jeder ein anderes Zeichen; nur Brutus kümmert sich darum gar nicht.

Cassius bezieht alles auf seine eigene Natur und auf das Objekt seines

großen Hasses; und diesen Feind, Julius Cäsar, sieht er im Bilde dieser

taumelwütigen Nacht ganz so, wie er selbst, Cassius, wäre, wenn er von

innen und außen dazu gekommen wäre, die Rolle des Alleinherrschers

zu spielen und das Maß zu verlieren; der Cäsar, den wir selbst vor

Augen sehen, und der noch genug von der Nüchternheit, Ruhe, Strenge,

Bestimmtheit beibehalten hat, die ihn so hoch gebracht haben, ist ein

ganz anderer, als der trunken hassende, vom Exzeß der Natur berauschte

Cassius ihn sich gestaltet:

Nun könnt’ ich, Casca, einen Mann dir nennen,

Der ganz wie diese schreckenvolle Nacht ist,

Der donnert, blitzt, die Gräber öffnet, brüllt,

So wie der Löwe dort im Kapitol.

Ein Mann, nicht mächtiger als ich und du

An Leibeskraft, doch drohend angewachsen

Und furchtbar, wie der Ausdruck dieser Gärung.

Niemand aber, nichts ist imstande, Männern wie Cassius die Freiheit zu

nehmen. Wer eines kennt, der ist frei und bleibt frei, einmal für alle.

Das ist das große Geheimnis dieser stoischen Römer, das sie in immer

neuen Wendungen einander aussprechen und versichern, und das nur darum

so fest und sicher zum Worte wird, weil es sich mit ihrem Denken und

ihrer Lebensführung verschmolzen hat: das ist der Tod, die Möglichkeit,

durch eignen Entschluß zu sterben. Herrlich bringt es Cassius zum

Ausdruck:

Darin, ihr Götter, macht ihr Schwache stark,

Darin, ihr Götter, höhnet ihr Tyrannen:

Nicht Felsenburg noch erzgetriebne Mauern,

Nicht dumpfe Kerker noch der Ketten Last

Sind Hindernisse für die Macht des Geistes.

Das Leben, ist’s die Erdenschranken satt,

Hat stets die Macht, sich selber zu entlassen.

Und weiß ich dies: so wiss’ auch alle Welt:

Den Teil der Tyrannei, der _mich_ bedrückt,

Werf ich ab, wann ich will.

Da, wie in dieser Nachtstunde der gewaltige Sturm aus Cassius so

zu ihm spricht, als wäre er zugleich ein wild wehendes Blasen und

eine unbewegliche Standfestigkeit, da wird auch der gepreßte Casca

fortgerissen und richtet sich auf und steht wieder auf sich; das Feuer

seiner Jugend erwacht; der Gedanke an den Tod bringt ihm die Liebe zu

dem Leben, das man selber bestimmt: Das kann auch ich! ruft er aus

und ist, er, der bisher nur ein hämischer Nörgler, ein aphoristischer

Satiriker war, zur Tat entschlossen, für die Verschwörung gewonnen.

Shakespeare (Volume 1 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 12 / 27 段