Zum Ohr König Johanns gelangt kein Trost irgend einer Art; die letzte

Nachricht, die der Hort des Reichs, der Bastard, bringt, meldet neues

Unheil und höchste Gefahr; dann stirbt dieser König. Und unmittelbar

darauf kommen die besseren Nachrichten: der zähe Kardinal hat

Frankreich zum Frieden vermocht, der ehrenvoll genug ist; die Heere

der Fremden rüsten zur Heimfahrt; die meerumgürtete Insel wird wieder

frei sein. Der Aufschwung, der nun zum Schluß kommt, ist nicht mehr

so jugendlich enthusiastisch wie in der frühen Fassung, wo auch der

Prinz von Frankreich, der als Eroberer übers Meer gekommen war, noch

auftritt, um England seinen Tribut der Verherrlichung darzubringen, und

zum englischen Helden, dem Bastard gewandt, die Worte spricht, die auch

Shakespeares mahnende Worte ans Volk und die Adelsherren Englands sind:

Wahrlich, dies sag ich, Philipp: nicht frommt’s mir

Und niemand, keiner Macht der Christenheit,

Der Albions Insel zu gewinnen sucht,

Wenn er im Reich nicht für sich hat Partei,

Die ihm verräterisch im Kriege hilft.

Diese Wendung zum Festspielabschluß war als Krönung eines Dramas,

dessen wesentlicher Sinn noch die Darstellung eines Stückes englischer

Geschichte war, ganz am Platz. Jetzt, wo es um die große Konfrontation

von Politik und Menschlichkeit ging, mußte das Grau, das von König

Johann, der grelle Schatten, der von dem so ruhigen und gefesteten, wie

morallosen Kardinal Pandulpho her über das Stück fiel, auch auf die

Erleichterung, Hoffnung und Begeisterung des Schlusses einwirken. So

ist eine Mischung aus Mattigkeit und Erhöhung entstanden, zu der noch

als drittes Element etwas kam, was bei vielen Abschlüssen Shakespeares

zu bemerken ist: eine konventionelle Übung, die zum Ende Pauken und

Trompeten, Reimpaare und eine Art Befriedigung, Versöhnung, poetische

Gerechtigkeit bringt, welche nicht immer zu der hohen Wahrheit und

scharfen Bitterkeit der Einsicht in Menschenlos und Menschenseelen

paßt, die das Stück uns gegeben hat. Shakespeare hat in dieser

Tyrannentragödie, wie so oft, seinen eigenen Rahmen gesprengt; er ist

zu einer Höhe der Kritik und Entlarvung gelangt, der seine Zeit nicht

nur, der auch er selbst, wenn er aus dem Reich des Geistes zu seiner

Gewöhnlichkeit zurückkehrte, nicht gewachsen war; und so ist der

allerletzte Schluß einer mehr als nationalen, einer Menschheitstragödie

ein patriotisches Festspiel, aus der tragischen Darstellung der

Machtpolitik schließlich der prachtvolle Aufruf zu einer Politik des

nationalen Gemeinwesens geworden. Damit aber ist der König Johann, wie

Shakespeare ihn aus einem jugendlich genialen, jugendlich unfertigen

Werk -- nehmt alles nur in allem! -- zu einem Meisterwerk umgeschaffen

hat, der rechte Prolog zu dem Zyklus seiner englischen Historien

geworden, in denen allen er von den wilden Kämpfen um Englands Macht

und Einheit ausgeht, allewege zu den Königen steht, die das Symbol und

die Vertretung dieser einigen Volksmacht sind, um immer wieder, wenn

der Genius wie ein Dämon ihn packt und über sich selbst hinaufreißt,

aus der Historie zum Ewigen, aus England zur Menschheit, aus der

Chronik zum Mythos und aus der Herrlichkeit des Helden zur Liebe zu

kommen.

Julius Cäsar

I. Cäsar

Von einer Buchveröffentlichung der Tragödie Julius Cäsar bei

Shakespeares Lebzeiten wissen wir nichts; der erste Druck, den wir

kennen, geschah in der Folioausgabe von 1623. Wir wissen aber, daß das

Stück 1601 bekannt war; aus diesem Jahr stammt ein Gedicht von Weever

(Märtyrerspiegel), in dem die hintereinander folgenden Ansprachen von

Brutus und Marc Anton ans römische Volk erwähnt werden, so wie sie

durchaus Shakespeares Erfindung sind. Vermutlich gehörte das Stück

damals zum Neuesten; wir haben keinen Grund, die Abfassung höher hinauf

zu rücken.

Shakespeares Quelle für dieses Stück ist in allem Wesentlichen

Plutarch, und zwar die drei Biographien Cäsars, Brutus’ und Marc

Antons. Plutarchs Lebensbeschreibungen waren 1579 englisch in der

recht guten Übersetzung von Thomas North erschienen. In Plutarch hatte

Shakespeare einen nicht unwürdigen Vorarbeiter. Ist es auch eine arge

Übertreibung, wenn Jean Paul ihn den biographischen Shakespeare der

Weltgeschichte nennt, so ist doch richtig, daß er nicht Ereignisse

mitteilt, sondern Gestalten darstellt; daß er die Geschehnisse um eine

tragende Gestalt aufbaut; daß es ihm nicht um diese äußeren Taten,

sondern um das Ethos und die Seelenverfassung seiner Helden geht. Er

wählt, wie Emerson, ~representative men~ und will sie in ihrem inneren

Wesen zeigen. Damit hat er in Zeiten der Vorbereitung und rebellischen

Gärung starken Einfluß geübt; man fand in den Männern der Antike,

so wie er sie darstellte, große Männer der Reinheit, Einfachheit,

Heldenhaftigkeit und Aufopferung; und mancher Jüngling empfand in der

Zeit, die der französischen Revolution voranging, wie Karl Moor, wenn

er ausruft: „Mir ekelt vor diesem tintenklecksenden Säculum, wenn ich

in meinem Plutarch lese von großen Menschen.“ Dabei ist aber nicht

zu leugnen, daß seine Gestaltungskraft gering und seine Psychologie

kindlich ist und daß er die Anekdoten, die er zusammenlas, recht

wahllos und unorganisch vor uns ausschüttet.

Die Situation, in die wir bei Beginn des Dramas hineinkommen und die

Shakespeares gebildetem Publikum, für das die Antike ein wichtiges

Element des gesellschaftlichen, politischen, wissenschaftlichen und

künstlerischen Lebens und überdies höchste Mode war, noch vertrauter

war als uns, ist folgende: Rom ist schon lange nicht mehr bloß Rom oder

Italien, ist nicht einmal mehr bloß das große Mittelmeerreich; es ist

ein Weltreich; Cäsar selbst ist nach Germanien und Britannien gegangen.

Ist es so nach außen auf Macht gestellt, so konnte sich auch der

bürgerliche Republikanismus in Einrichtungen, Sitten, Gesinnungen nicht

rein erhalten; das Reich stützt sich auf den Soldaten; einzelne Männer

rivalisieren um die Herrschaft; die Imperatoren, die militärischen

Befehlshaber, begehren auch den Staat in die Hand zu bekommen. So hat

es seit langem Bürgerkrieg gegeben. Julius Cäsar, der große General,

hat Pompejus, hat auch des Pompejus Söhne besiegt; deren Anhänger sind

teils willig, teils unwillig in sein Lager übergegangen. Die Formen

und der Apparat der Republik sind noch da; aber mit Benutzung eben

dieser Einrichtungen, auf die Legionen und die Volksgunst gestützt, ist

Cäsar Selbstherrscher. Die Gefahr aber ist, daß die Macht der Legionen

vorwiegend in den Provinzen und auf den Schlachtfeldern wirksam ist;

Cäsars Stellung und, es zeigt sich, sein Leben, ist von der Stimmung

und den Zuständen der Hauptstadt, ihren Parteien, Bürgern, Beamten und

der großen Volksmenge abhängig.

Wenn das Stück einsetzt, scheint Cäsar die Frucht gerade für reif, sein

Unternehmen für genügend vorbereitet, seine Stellung für ganz überlegen

zu halten; oder er ist immer noch so, wie er früher war, ein Mann, der

durch Verwegenheit einschüchtert und siegt: er ist im Begriff, sich

zum König ausrufen zu lassen und damit seiner tatsächlichen Macht die

äußere Form, der Republik den letzten Stoß zu geben und eine neue Ära

der römischen Geschichte zu beginnen.

Ein Teil des Volks, der den berufenen Volksvertretern, den beiden

Tribunen Flavius und Marullus anhängt, ist gegen diese grundstürzende

Änderung; wir gewahren, wie Casca, der dann einer der Verschworenen

ist, seine Hand mit im Spiele hat.

Erst soll so eine Art Generalprobe abgehalten werden, die nun

keineswegs nach Wunsch verläuft. Das Instrument soll gestimmt werden;

der Versuch fällt aber recht unglücklich aus. Beim Luperkalienfest

bietet Antonius Cäsar die Krone an; Cäsar weist sie zurück, und das

Volk bestürmt ihn nicht, sie doch zu nehmen, sondern jauchzt über

seine republikanische Haltung. „Bei jedem Zurückschieben jauchzten

meine ehrlichen alten Freunde“, sagt Casca bei seinem Bericht über

den Vorfall; und gerade daraus ist zu schließen, daß das Volk --

ein Teil des Volks, der bestimmend wirkte -- parteimäßig bearbeitet

war. Nun kompromittiert sich Cäsar bedenklich; er hatte ja selbst

die Krone zurückgewiesen; bei dem Jauchzen des Volks aber kam die

Wut über ihn und mit der Wut ein Anfall seines Leidens; er gerät in

die krankhafte Ekstase, reißt „das Wams auf“, um dem Volk Brust und

Hals anzubieten, wenn es etwa von seiner opferwilligen Großmut noch

nicht zufriedengestellt sein sollte, und fällt in Krämpfen nieder.

Daß das bei dieser Gelegenheit geschah, ist nicht überliefert; es ist

Shakespeares Erfindung.

Ein paar Tage nachher erst, in der Senatssitzung an den Iden des März,

am 15., soll die wirkliche Übertragung der Krone erfolgen. Da aber wird

er vorher getötet.

Ein gebietender Staatsmann also wird unmittelbar vor einer

entscheidenden Wendung seiner Laufbahn, die er selbst mit Hilfe seiner

Partei zustande bringen will, durch politischen Mord getötet. Da erhebt

sich die Frage: König werden ist eine große Sache; und das Wort allein

besagt schon viel; aber es sagt doch nicht alles; was war sein Ziel?

Hatte er eins oder war er nur vom Machtwillen besessen? Was wollte

er aus Rom machen? Wie hätte sein ferneres Wirken seine bisherige

Laufbahn, seine Vergangenheit und Gegenwart beleuchtet?

Der Dramatiker weiß immer genau so viel, als er will. Es ist sehr

wichtig und man muß gut darauf achten, in welche Ecke sich der

Dichter mit seiner Lampe stellt, wohin er das Licht fallen läßt, und

was er im Dunkeln läßt. Diesmal entschloß sich Shakespeare, nichts

zu wissen. Cäsar steht vor uns in dem Licht und Schimmer dieser

Unbestimmtheit. Wir sehen eine unsichere, reiche, fruchtbare oder

gefährliche Möglichkeit. Wir sehen nicht, was er plante; wohl aber, was

die Verschwörer argwöhnten. Das Bild, das dann, nach der Ermordung,

Antonius entwirft, ist nicht eigentlich dazu bestimmt, daß wir es für

treu nehmen, das Volk soll daran glauben; es geht aus einer wundersamen

Mischung von echtem Schmerz und wohlberechnender Demagogie hervor;

es stellt nicht den Cäsar vor, wie er zweckhaft bei seinem Leben und

Wirken war, sondern wie er jetzt als Mittel benutzt wird.

Solange er uns lebendig vor Augen steht, sehen wir ihn pomphaft,

gebieterisch, launisch, willkürlich. Sein Privatestes macht er zu einer

öffentlichen Angelegenheit; er will es so, will es wenigstens nicht

lassen; er bietet ganz das Bild eines Mannes, der mit ungemeiner Kraft

des Geistes und Willens von unten nach höchst oben gekommen ist und nun

dabei ist, das Maß zu verlieren.

Gleich sein erstes Auftreten -- es gehört zum Erstaunlichsten in der

ganzen dramatischen Literatur. So tritt Cäsar auf: ein festlicher Zug

kommt; Musik wird gespielt, Fanfaren ertönen; nun naht sich Cäsar mit

seinen Angehörigen und Freunden, darunter seine Frau Calpurnia, in

deren Gesellschaft sich unter andern -- ohne daß sie etwas zu reden

hat -- Portia, die Frau von Cäsars Freund Brutus, befindet. In diesem

Zug geben sie Marc Anton das Geleite, der halb nackt ist. Es ist

Luperkalienfest. Plutarch berichtet: „Viele junge Patrizier und selbst

hohe Würdenträger laufen dabei nackend durch die Stadt und schlagen

zum Scherz und Lachen nach denen, die ihnen in den Weg kommen, mit

rauhen Fellen. Die vornehmsten Frauen gehen ihnen dann absichtlich

entgegen und halten wie in einer Schule die Hände den Schlägen hin,

weil sie glauben, daß dadurch bei Schwangeren die Geburt erleichtert,

bei Unfruchtbaren aber die Fruchtbarkeit befördert werde.“ Das mit

den rauhen Fellen ist so eine eigene Sache; Plutarch hat entweder

den alten Brauch nicht mehr verstanden oder -- er hat auch sonst

Schulmeistereigenschaften -- er war zu zimperlich, um ihn in den

rechten Zusammenhang zu bringen. Hier geht uns das aber weiter nichts

an; es ist nur zu sagen, daß Shakespeare an diese allgemeine Aufklärung

Plutarchs seine besondere Erfindung anknüpft. Mitten in die Fanfaren

hinein ruft Cäsar laut: „Calpurnia!“ Casca, mit einem gewissen innern

Grimm über Cäsars asiatische Despotenmanieren, vielleicht auch um die

Anwesenden auf diese Manieren recht aufmerksam zu machen, heißt die

Musik schweigen: „Still da! Cäsar spricht!“ Und nun fordert Julius

Cäsar vor versammeltem Volk seine Frau auf, sich beim Wettlauf dem

dahinrennenden Antonius in den Weg zu stellen, damit etwa der Fluch

der Unfruchtbarkeit von ihr genommen werden könne; Calpurnia gebietet

er’s ganz kurz; gegen Antonius ist er höflicher, und zu ihm gewandt

fügt er auch diese Begründung bei. Von Antonius bekommen wir eine

völlig unterwürfige Antwort zu hören, aus der zugleich Verehrung und

unbedingte Gefolgschaft herausklingen soll:

Wenn Cäsar sagt: Tu das, so ist’s vollbracht.

Diesem Auftritt entnehmen wir nun zunächst, daß dem Cäsar überaus

viel an Nachkommenschaft liegt; gewiß an dem männlichen Erben; an

dem Tag, wo er seinen Staatsstreich inszenieren wollte, mußte ihm der

Gedanke an die Dynastie besonders im Kopfe herumgehen. Und hier kann

uns zum ersten, nicht zum letzten Mal auffallen, daß dieser Julius

Cäsar Shakespeares auch in charakteristischen Einzelzügen eine ganz

unleugbare Ähnlichkeit mit Napoleon hat; das kommt gewiß daher, daß

Napoleon eine cäsarische Natur hatte; kommt erst recht daher, daß

Julius Cäsar das Vorbild des Korsen war, dem dieser nacheiferte und das

er geradezu kopierte; mit Plutarch war er überaus vertraut und ebenso

mit Voltaires ~Mort de César~, auf welche Tragödie Shakespeares

Stück einigen Einfluß übte. Aber die Ähnlichkeit mit gewissen

Einzelzügen, die ganz und gar Shakespeares Eigentum sind, spricht doch

vor allem auch für Shakespeares Divination, mit der er den Typus des

cäsarischen Menschen hinstellte.

So gute Gründe nun also Cäsar zu seinem Wunsch hat, noch einen

Leibeserben zu bekommen -- einstweilen ist sein junger Neffe Octavius

von ihm adoptiert worden --, so wirkt doch der Auftritt, den er da

unmittelbar vor einer großen Entscheidung öffentlich in einer sehr

intimen Sache hervorruft, vor allem als Hybris, als Übermut; irgend

etwas in ihm nötigt ihn, die Grenzen des bürgerlich Üblichen im

Stil des unumschränkten Gebieters zu überschreiten. Diesen Eindruck

macht die Szene besonders im Zusammenhang mit der Parallelszene, die

nun folgt. Die Trompeten blasen wieder, und wiederum ist ein Ruf zu

hören; diesmal ist es aber nicht Cäsar, sondern im Gegenteil, aus der

Menge ruft jemand Cäsar mit Namen an. Cäsar gebietet nun persönlich

Schweigen. „Cäsar neigt sein Ohr.“ Und aus der Menge heraus kommt der

Ruf, den wir so kurz und scharf im Deutschen nicht nachbilden können:

~Beware the Ides of March!~

Auf Cäsars Frage, wer der Mann sei, gibt Brutus -- das ist das erste

Wort, das wir von ihm hören -- die Erklärung:

„Ein Wahrsager warnt dich: hüte dich vor dem 15. März.“

Cäsar läßt ihn vortreten, fragt ihn, was er gesagt habe, und von den

Lippen des Mannes kommt noch einmal, als wisse er nur diese Worte:

Hüte dich vor den Iden des März!

Cäsar fragt nicht weiter, will nichts mehr hören:

Er ist ein Träumer; laßt ihn stehen. Vorwärts!

Wir könnten sagen: der Mann, Julius Cäsar, ist zwar abergläubisch, der

erste Vorfall hat es gezeigt; aber er ist doch noch mehr stolz. Aber

wir brauchen gar nicht anzunehmen, daß er die Warnung lediglich für die

Worte eines Träumers, Traumdeuters oder Propheten der Art nimmt. Er

weiß ja, was er an den Iden des März vorhat. Er will rasch abbrechen

und die Warnung verächtlich nehmen, weil der Warner, gleichviel, was er

weiß, von Dingen spricht, von denen durchaus nicht die Rede sein darf,

zumal jetzt, unmittelbar vor der Generalprobe! Wohl möglich auch, daß

Cäsar in Brutus’ Worten eine besondere Betonung gehört hat.

So ziehen sie weiter, und im Hintergrund, so daß wir nur Volksrufe und

Musik hören können, während bei uns sich Brutus und Cassius zum ersten

Mal aussprechen, ereignet sich jetzt der Vorgang, daß Antonius Cäsar

die Krone anbietet. Was da indessen vorgeht, wissen wir noch nicht.

In dem Augenblick aber, wo zu Cäsars Zorn -- wie wir bald erfahren --

das Volk jubelt -- wir hören’s --, weil Cäsar die Krone zurückschiebt,

spricht Brutus die Befürchtung aus, das Volk wähle ihn zum König. Was

also für diesen Zeitpunkt auf der Tagesordnung steht, weiß Brutus

ganz wohl; aber die Volksstimmung, die Verteilung des Einflusses, ist

schwankend und ungewiß. Cassius, der Brutus mit bestimmten Absichten

zurückgehalten hat, geht, da er sich in dem Freund seit einiger Zeit

nicht mehr recht auskennt, da er überdies von Natur und als Politiker

zu Mißtrauen neigt, behutsam, allmählich, vorbereitend, im Reden

horchend und mit Blicken forschend auf sein Ziel los; von den kleinen

Menschlichkeiten Cäsars spricht er, von Zügen, die Brutus gewiß alle

gut kennt, die ihm aber in diesem Augenblick in die Überlegung rufen

sollen: Was für eine gesunkene Zeit! sollen wir mitsinken? sollen

wir sie sinken lassen? So ein Menschlein! Gibt’s keine Männer mehr?

Brauchen wir den zum König? Brauchen wir einen König?

Darüber kommt Cäsar zurück; noch voller Grimm; und wie er sich

musternd, herrisch, mißtrauisch in der Runde umsieht, fällt sein Blick

auf den hageren Cassius:

Laßt wohlbeleibte Männer um mich sein,

Mit glatten Haaren, und die nachts gut schlafen.

Der Cassius dort hat einen hohlen Blick.

Er denkt zu viel: die Leute sind gefährlich.

Wir sind für einen Moment in Shakespeares Werkstatt, wenn wir darauf

acht haben, daß Cäsar bei Plutarch eine so ähnliche Bemerkung über

Cassius und Brutus macht. Obwohl er in diesem Augenblick Cassius und

Brutus beisammen stehen läßt, hat der Dichter das klug geändert; denn

gerade zu Brutus hat Cäsar allergrößtes Vertrauen, hat ein liebevoll

freundschaftliches Verhältnis zu ihm; wir aber, auch wenn wir gar

nichts von Plutarch wüßten, dürfen dabei denken: Einiges, was Cäsar

hier und im weiteren sagt, trifft auch auf Brutus zu, auf den es

keineswegs gemünzt ist: bald sollen wir ihn kennen lernen als einen,

der kaum mehr Schlaf kennt, der viel liest. Andres aber wieder, was

Cäsar zur Kennzeichnung gefährlicher Unzufriedener sagt, trifft in

der Tat auf Brutus nicht zu, und daran kann Cäsars fortlebender Geist

dann seine Rache anschließen: Brutus ist kein „großer Prüfer“, er

„durchschaut das Tun der Menschen“ nicht; und ganz gewiß liebt er die

Musik und kann gut lächeln.

Nun sehen wir Cäsar lange nicht mehr; die fürchterliche Nacht vom 14.

auf den 15. verbringen wir mit den Verschwörern, zumal mit Cassius

und Brutus. Das ist ein ungeheuerlicher Märzsturm; ein Gewitter mit

furchtbaren Entladungen; es ist, als wolle eine Welt versinken; und

Casca, der trotzdem in dieser Entscheidungsnacht auf die Straße muß,

meint zu Cicero entsetzt und bedeutsam:

Entweder ist im Himmel inn’rer Krieg,

Wo nicht, so reizt die Welt durch Übermut

Die Götter, um Zerstörung herzusenden.

Es geschehen Zeichen; man muß Vorbedeutungen annehmen. Die Toten

stehen auf, solche Erscheinungen wenigstens haben die Menschen in

dieser Nacht; sie sehen die Toten mit feurigen Leibern in den Straßen

gehen und in den Wolken kämpfen. Dinge der Art sind bei Plutarch zu

finden; aber das Rechte hat erst Shakespeare aus seinem Farbentopf

dazu gegeben; bei Plutarch ist alles in kindlicher Verwunderung und

Kopfschütteln und pädagogischem Fingerdrohen stecken geblieben; erst

Shakespeare bringt in diese Wunderzeichen die Magie, das Grauen hinein:

es ist eine Weltwende; in dieser Nacht walten dämonische Mächte

zwischen Himmel und Erde, zwischen den Gedanken der Menschen auch und

ihren Entschlüssen zur Tat.

Das dürfen wir nie aus dem Sinn verlieren: Cäsar wie seine Gegner,

die sich in dieser Schreckensnacht erst fest zum Bund zusammenfinden,

sind in diesen Stunden, wo noch alles in ihren Willen gestellt ist,

in gleicher Lage: dem, der die Krone will, wie denen, die sein Leben

wollen, fließt jetzt eben die Entscheidung von innen nach außen, aus

Hirn und Herzen in die Unwiderruflichkeit dessen hinein, was die

Hände, was die Taten tun. Cäsar hat das Datum für seinen Staatsstreich

und damit für seinen Tod selbst festgesetzt; und jetzt zittern die

Verschworenen, die innen und außen gerüstet sind, er könne das Programm

noch ändern wollen.

Cäsar sehen wir am frühen Morgen nach dieser Nacht. Noch im Nachtgewand

tritt er auf. Calpurnia hat schwer geträumt und deutet den Traum auf

Cäsars Tod.

Unmittelbar vor diesem Gespräch Cäsars mit seiner Gattin hatten wir

zwischen Nacht und Tag die erhabene Szene des Römerehepaars Brutus und

Portia. Hier ist es ganz anders: Cäsar ist launisch, willkürlich. Sie

beschwört ihn, heut nicht auszugehn. Er antwortet hart, hochmütig, in

der Pose, die er in der Öffentlichkeit braucht und die er nun auch zu

Hause nicht abzulegen scheint:

Cäsar geht aus.

Wir hören es nicht bloß hier, er redet gern in der dritten Person von

sich. Das tun diese Römer wohl auch sonst; aber ist das nicht gerade

das Kennzeichen dieses Mannes, daß er die harte, rauhe, soldatische

Art römisch-republikanischen Wesens in eine andere Tonart gesetzt hat?

Hier darf man sagen, daß der Ton die Musik macht, und sein Ton ist

selbstherrlich. Das ist auch die echte Römersprache, wie wir sie von

den andern her kennen, wenn er sagt, er begreife gar nicht, wie man

sich fürchten könne:

Von allen Wundern, die ich je gehört,

Scheint mir das größte, daß sich Menschen fürchten,

Da sie doch sehn, der Tod, das Schicksal aller,

Kommt, wenn er kommen soll.

Das ist die Sprache der Vergangenheit; nicht nur der Vergangenheit

Roms, auch seiner eigenen. So furchtlos war der große General in seinen

Kriegszügen gewesen, trotz allen Anwandlungen des schwächlichen, zur

Krankheit geneigten Leibes, an die jetzt, wo er hassen will, Cassius

sich erinnert; so rauh ergeben in alles, was kommen kann, war der Mann,

den Brutus liebt.

Daß er jetzt nicht mehr derselbe, nicht mehr der Mann seiner Römerworte

ist, sehen wir gleich mit eigenen Augen. Es wird nun berichtet, die

Auguren hätten im Opfertier kein Herz gefunden. Ein ganz schlechtes

Zeichen. Innerlich schwankt er schon; aber er will’s nicht zeigen.

Cäsar wird doch ausgehn.

Es geht ja nicht bloß um eine Senatssitzung; es geht um seinen großen

Entschluß, zu dem alle Vorbereitungen getroffen sind. Soll er ihn

aufschieben? Oder gar noch einmal bedenken? Der Mann jüngst, der ihn

beim Luperkalienfest warnte -- diese entsetzliche Nacht -- Calpurnias

Träume -- das Ergebnis der Opferschlachtung -- -- Da verfällt die

verängstigte Frau auf den Ausweg, auf den auch die Schulkinder kommen,

wenn sie Angst vor der Schule haben: er soll sagen lassen, er sei heute

nicht wohl; der zuverlässige Marc Anton soll’s bestellen. Plötzlich,

unvermittelt gibt er nach; als festen Entschluß eines Mannes, der tun

kann, was er will, bestimmt er:

Ja, Marc Anton soll sagen, ich sei unpaß,

und fügt, betonend, daß seine Nachgiebigkeit sein eigener Wille sei,

daß er aber gar nicht selber an Furcht denke, daß er nur ihr und ihrer

ganz grundlosen Anwandlung zu Willen sei, hinzu:

Du hast die Laune und ich will nun bleiben.

So sagt er bei Shakespeare wirklich, und dieses beides ist in dem Satz

und muß in schwebendem Widerspruch betont werden: ihre Weiberlaune und

sein Cäsarenwillen, der ohne Rücksichten selbstherrlich entscheidet: Du

Weib hast die Laune; ich will, -- was du begehrst.

Die Verschworenen aber haben in ihrer nächtlichen Beratung den Fall

schon vorgesehen. Sie kennen ihn und wissen, wie der nüchterne

Mann sich nun verwandelt hat; und im voraus haben sie bedacht, die

ungeheuerlichen Erscheinungen der Nacht könnten ihn vom Kapitol

fernhalten:

Denn kürzlich ist er abergläubisch worden,

Ganz dem entgegen, wie er sonst gedacht

Von Träumen, Einbildung und heil’gen Bräuchen.

Und wirklich haben wir neulich beim Luperkalienfest gehört, wie er

ausdrücklich verordnete:

Laßt nichts von den Gebräuchen aus, --

und konnten dabei an Napoleon auf dem Gipfel seiner Macht denken

und an seine Stellung zum katholischen Kultus und zu allerlei

Privataberglauben.

Shakespeare (Volume 1 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 11 / 27 段