Johann zu Sicherheit gekommen ist und wie er sich anschickt, mit seinem
jungen Gefangenen nach England heimzukehren, sind wir bei der schweren
Gedrücktheit im Lager der Franzosen, wo nur einer den Kopf hoch trägt:
der Kardinal Pandulpho. Und gleich kommt, einer Rasenden, einer Irren
gleich, die Haare in wilder Auflösung, Konstanze herbei. Welche
Verzweiflung! Welch ein Ausdruck der Verzweiflung! Und wie wissen
wir schaudernd, welchen Rechtes diese Todesnot ist! Jetzt eben haben
wir den Stich ins Herz empfunden, daß der holde Knabe um ruchloser
Politik willen sein Leben lassen soll, und jetzt eben ruft die Mutter
als einzigen Tröster den Tod herbei. In was für Tönen! Keines der
gräßlichen, keines der wilden, keines der verzückten Bilder ist zu
viel, wie sie den Tod als Geliebten ruft, wie sie sein Knochengerippe
küssen will, wie sie sich all das Ekle des Untergangs schauerlich
ausmalt und wünscht; man muß an die Sprechkunst größter Darsteller und
Darstellerinnen denken, um zu wissen: in der Ekstase des Schmerzes
bedarf die Schauspielkunst des überhitzten und verstiegenen Barocks
der Worte, weil die Leidenschaftsrede Stoff im Mund haben muß, um das
Unsägliche, das Unartikulierte zu formen. Und was sie nur immer sagt
und seufzt und heult, alles ist aus ihrer äußern und innern Situation,
alles aus ihrer Lebenserfahrung einer leidenschaftlich getriebenen Frau
und Mutter. Inniglich schämt man sich bei dieser reinsten Wahrheit,
bei dieser Fülle des Geistes, die in der Nacktheit des Menschlichen
steht, des jungen, unreifen Shakespeare, der Konstanze in diesem
Momente auch, um ihre äußerste Seelennot auszudrücken, noch von Dido
und Trojas Untergang hatte fabeln lassen. Ihr Leben ist aus, und wir
werden sie nicht wiedersehen; wie Kassandra in Troilus und Cressida
die erschütternde Klage um Hektors Tod noch bei seinem Leben und vor
seinen Ohren anstimmt, so zeigt der Dichter uns Konstanze nicht mehr
nach Arthurs Tod: jetzt sieht sie ihn wie einen von Kerkerluft gräßlich
Entstellten und Sterbenden und Auferstehenden; auch wenn sie nun aus
all ihrer Qual heraus in den Himmel eingehen darf, wird sie ihr zartes,
in Pein gestorbenes Kind drüben nicht einmal mehr finden, nicht mehr
erkennen. Die Ekstatikerin, deren Fluch vor kurzem so ganz anders, als
ihre Leidenschaft geschaut hatte, in Erfüllung gegangen war -- denn
nie hätte sich die Heiße träumen lassen, daß ein Bote des Himmels wie
dieser Kardinal aussehen könnte! --, sieht auch jetzt das düstere Los
ihres Knaben wie im zweiten Gesicht und sieht es in keinem Zug so, wie
es in der Wirklichkeit bevorsteht, sondern in traumhaft-fiebrischer
Verwandlung; sie weiß in ahnender Gewißheit: ihr Sohn muß sterben; von
den Umständen weiß sie nichts.
Die Menschen, denen sie ihr Leid zuruft, weil andre nicht da sind,
haben keinerlei Trost für sie. Sie empfindet durchaus, daß die ihre
eigenen Sorgen ganz andrer Herkunft haben und daß sie von ihnen mehr
zur Ruhe gewiesen als getröstet wird. Zumal dieser Kirchenfürst mit
seiner unerschütterlichen, unergründlichen Ruhe, dieser Pfaffe, der
nie Vater gewesen und für sie darum kein Mensch unter Menschen ist,
kann sie nur aufreizen und erbittern. Und wie sie dann in Verzweiflung
von diesen kalten Rechnern in die Einsamkeit ihres Grams geflohen
ist, erfahren wir, und zugleich wird die Seele von Entsetzen und
der Geist von Bewunderung ergriffen, wie recht sie empfunden hat.
Nie hat die Bühne einen größeren, einen unmenschlicheren Politiker
getragen als den Kardinal Pandulpho; gegen ihn werden so respektable
Rechner wie Mephisto, Oranien, Octavio Piccolomini gefühlvolle Seelen
und pfuschende Anfänger. Was der Überschwang des Mutterschmerzes
ahnungsvoll geschaut hat, das erkennt der genieverwandte, diabolische
Verstand dieses trockenen Italieners mit zweifelloser Sicherheit
und stellt es in seine Rechnung: König Johann wird Arthur ermorden.
Schön. Dann ist also der Dauphin Louis durch seine Heirat mit Blanca
von Kastilien der Thronberechtigte; Johann wird umsonst gemordet
haben. Und dieser ungeheure Frevel wird das Volk und die Großen seines
Landes gegen diesen Ketzer, den die Kirche in Bann getan hat und der
nun als niedrigster Mörder dasteht, in Aufruhr bringen. Noch nicht
sicher, daß Johann den Mord vollbringt? Frankreichs Armee lande nur
erst in England; dann tut er ihn sicher. Jetzt plündert der wild
ruchlose Bastard drüben in England Kirchen und Klöster aus und lacht
und höhnt noch dazu; ganz England wird aufstehn und sich Frankreich
verbünden, wenn nur erst das kleinste Heer drüben landet. Viel starke,
schlagkräftige Worte, die der jugendliche Shakespeare gegen den
Papismus hatte sprechen lassen, sind nun gestrichen; sie wiegen wie
Luft gegen diese unerhörte Darstellung der päpstlichen, der zu ihrer
höchsten Höhe und raffiniertesten Reinheit gediehenen Politik. Die
ausgedehnte Burleske, in der wir unter zynischsten Scherzen den Bastard
in den Klöstern hausen sahen, ist fort; welch allergenialster Griff,
sie durch diese Voraussage des politischen Rechenmeisters zu ersetzen!
Alles, was das Stück noch weiter bringt, wird vorausgesagt und unsere
Spannung dadurch nicht vermindert, sondern gesteigert, alles, nur eines
nicht, was wir dann bald merken: der Kardinal, der so seine Karten
auf den Tisch gelegt hat, die Ermordung des echten Königs durch den
angemaßten Träger der Krone in die Rechnung stellt und so Frankreichs
Thronerben für ein Recht, das erst aus diesem Mord erstehen soll,
in den Krieg nach England hinüber lockt, hat sein letztes Geheimnis
und seinen eigentlichen Plan für sich behalten: mit Hilfe dieses
Franzosenkrieges und des Schlimmsten, was es für England gibt, der
Landung einer Armee auf der Insel, soll Johann mürbe gemacht und als
anerkannter König von England der ergebene Knecht der Kirche werden,
der seine Krone aus den Händen des Papstes empfängt.
Und der Vorhang fällt und geht wieder auf; Hubert ruft seinem Knecht zu:
Glüh mir die Eisen heiß!
Prinz Arthurs Schicksal soll sich erfüllen; und wiederum kommt es ganz
so, wie vorausgesagt wurde, und ganz anders. Was indessen zwischen
dem König und Hubert vorgegangen ist, erfahren wir nicht genau; die
Phantasie hat Spielraum. Daß der harte und botmäßige Diener bei dem
gräßlichen Auftrag erschrocken war, hatten wir an seiner kleinlauten
Antwort bemerkt. Er will dem König den Dienst tun, von dem der meint,
das Reich brauche ihn; aber er sieht sich vor. Er läßt sich den
Auftrag schriftlich geben und sorgt dafür, daß Mitwisser da sind,
die bestätigen können, er habe auf Befehl des Königs gehandelt; auch
lautet der Befehl nicht mehr unbedingt auf Arthurs Tod; er darf bei der
furchtbaren Prozedur sterben: die beiden Augen sollen ihm mit glühendem
Eisen ausgebrannt werden; überlebt der zarte Knabe das auch, so ist’s
mit dem Königtum jedenfalls aus.
Bisher hatten wir den Prinzen, der von Anfang an im Mittelpunkt der
Handlung stand, fast nur aus der Liebe seiner Mutter und aus der
gütigen Art, wie man sonst mit ihm umging, kennen gelernt; der Haß
König Johanns gilt nur seiner Stellung, ganz und gar nicht seinem
Wesen, für das der Finstere keinen Blick und keinen Sinn hat. Worte
haben wir in diesen drei Akten nur ganz wenige von Arthur gehört; hie
und da in einer Szene ein, zwei Verse, im ganzen sind es ihrer zehn,
nicht mehr. Aber immer waren es Worte holder Zartheit, kindlicher
Fürsorge; immer nur Menschliches, nie ein politisches Wort; die
Unbedachtheit der ersten Fassung, die ihn manchmal als jungen Fürsten
und Prätendenten hat sprechen lassen, ist ganz getilgt worden. Ein
kindlicher Mensch ist dieser Prinz Arthur, um den zwei Staaten sich
auf Tod und Leben bekriegen und in England die Revolution ausbricht;
von seinem Rang, seiner Bestimmung, seinem Recht weiß er; aber in Gemüt
und Willen lebt ihm nichts von dem allem. Jetzt, in der Zeit seiner
Gefangenschaft und des täglichen Umgangs mit seinem Wärter Hubert hat
er Liebe zu ihm gefaßt, wie ihm Umgang und Liebe fast eins sind; er
plaudert harmlos mit dem finstern Mann, während wir schon wissen, was
der ihm nun antun soll: er wünscht sich gar nichts als Freiheit; wenn
er dann kein Prinz wäre, sondern ein Schafhirt, wollte er ganz vergnügt
sein. Daß er der Sohn seines Vaters ist, daher kommt all das Unheil und
die Verfolgung seines Oheims; selbst hier im Kerker wollte er lustig
sein, wenn er nicht fürchten müßte, daß sein Oheim dann noch böser auf
ihn würde. Ja, wäre er nur Huberts Sohn; dann könnte er in Gottes Namen
bleiben, wo er ist, und hätte nichts Übles mehr zu befürchten und wäre
froh, wenn Hubert ihm ein wenig gut sein wollte.
Einem Kinde, das so zu einem spricht, die Augen auszubrennen, fällt
auch dem Treuesten der Treuen, dem dumpfsten der Knechte schwer. Hubert
erschrickt in tiefster Seele; er sagt nichts, aber der Knabe fragt ihn
mit einem Male, ob er krank sei, warum er so bleich sei. Ein bißchen
krank, das möchte er ihm fast wünschen; dann könnte er die Nacht bei
ihm wachen und ihn pflegen. Kaum wüßte ich etwas Grausigeres als
Zeichen für die Doppelmöglichkeit des gespaltenen Menschen, für das
Ineinander von Bös und Gut, von politischer Botmäßigkeit und freiem,
natürlichem Menschengefühl, als was nun folgt: Hubert stürzen die
Tränen aus den Augen, und zugleich reicht er Arthur ein Papier: in der
Brutalität der Verlegenheit eröffnet er dem Kind durch einen amtlichen
Wisch auf einen Schlag das grauenhafteste Schicksal.
Konstanze und Arthur! Das weiblichste Weib und das kindlichste
Kind! die wildeste Fassungslosigkeit und die mildeste Fassung, die
ausschweifendste Leidenschaft und die flehentlichste Innigkeit. Die
Mutter schlug sich die Brüste, raufte die Haare, schrie ihre Not
gen Himmel, weil der Sohn gefangen und damit in Gefahr für Leib und
Leben war. Jetzt ist es so weit; hat sie ihr Kind nicht gekannt? hat
sie nicht gewußt, daß ein Engel in ihm wohnt und daß, wer ein Mensch
ist, ihm kein Leides tun kann? Doch, sie hat es wohl gewußt, aber sie
wußte auch, daß, wer vom Teufel der Politik besessen ist, kein Mensch
mehr ist. Jetzt soll es sich zeigen, ob Hubert, der, einer der Großen
Englands wird es bald aussprechen, nur Kot, nur der letzte Knecht der
herrschenden Gewalt ist, noch Menschliches genug in sich trägt. Arthur
hebt zu sprechen an; Arthur bittet um sein Leben. Seine Innigkeit
ist so beredt wie die Leidenschaft der Mutter; auch er kennt die
Hemmung und Scham der Konvention nicht. Fast klingt es, als wollte er
ebensosehr den alten Mann vor dem Entsetzlichen, das er sich selbst
antun will, wie sich vor der Blendung bewahren. In der ursprünglichen
Fassung spricht er das in ungeschickten, dogmatischen Worten
ausdrücklich aus. Schnell entschlossen hätte Hubert es tun können;
aber nun, wo das Kind aus Herzensgrund heraus zu ihm redet und immer
nur redet, wo es ihn an seine unbedeutenden Kopfschmerzen erinnert
und wie Arthur ihn gepflegt hat, wo immer wieder die zitternde, zarte
Stimme des Knaben von den Augen, den Augen spricht, wo selbst die Dinge
im Bund mit der Menschlichkeit zu stehen scheinen und das Eisen zu
erkalten beginnt, wo der Knecht des Knechtes erleichtert, weil er bei
der Tat nicht helfen mußte, fortgegangen ist, nun ist’s zu spät, nun
kann’s Hubert nicht mehr tun. An keinerlei Mythologie, keine antike,
keine christliche hat Shakespeare in dieser Szene reiner Menschlichkeit
erinnert; nichts von den Geboten Gottes oder von Sünde hat Arthur in
seinen Bitten vorgebracht, und das einzige, was er aus dem Bereich
der Vorstellungen, die man religiös nennt, sagte, waren die Worte der
Ergebung:
Gefällt es
Dem Himmel, daß Ihr mich mißhandeln müßt,
So müßt Ihr.
In einem freien Sinn aber, im Sinn dessen, was Goethe Weltfrömmigkeit
genannt hat, gibt es keine frömmere, keine religiösere Szene als diese,
und während Arthur das Fürstenkind Menschliches, nur Menschliches
redet, liegen uns die menschlichen, nur menschlichen, die göttlichen
Worte im Ohr: Es sei denn, daß ihr werdet wie die Kinder --. Hubert ist
mit dem Kind wieder zum Kind geworden; er hat den Mut, dieser Knecht,
ein Mensch zu sein. Großer Mut gehört dazu; er wird nun den Prinzen
verborgen halten; er wird ungehorsam sein und den König belügen; er
wird sagen, die Untat sei getan und das Kind darin gestorben.
Nicht oft genug kann ich es wiederholen, weil selbst die, die
es wissen, kaum davon reden: alles, auch diese Szene ist in der
anfänglichen Konzeption schon da. Aber wie arg, wie kläglich, wie elend
war dieser Anfänger, der seine Gesamtgestalt, den Aufbau des Werks, das
Verhältnis der Personen zu einander so groß und sicher umrissen hat, in
allem Sprachlichen noch gebunden, gelähmt, gefälscht und nicht zu sich
und zur Freiheit gekommen! Ein Beispiel, wie in dieser ersten Fassung
die beiden in epigrammatisch zugespitzten, gereimten Wechselreden
puppenhaft mit einander rechten:
_Hubert_
Mein Prinz, es darf der Untertan nicht zagen,
Zu tun, was ihm sein König aufgetragen.
_Arthur_
Doch das Gebot, das höhre, Gottes Wort,
Sagt, kein Befehl darf auferlegen Mord.
_Hubert_
Dieselbe Macht hat ein Gesetz gestellt:
Den Tod für Schuld, zu zügeln diese Welt.
_Arthur_
Doch ich bin schuldlos, vom Verrate fern.
_Hubert_
Doch spiel’ ich hier den Richter nicht und Herrn usw.
König Johann hat sich, feige und dummschlau, wie er ist, von den
Ständen des Reichs die Krone gerade jetzt noch einmal aufs Haupt setzen
lassen, damit, wenn nun die Nachricht von Arthurs Tod einträfe, keine
Rede mehr von der Notwendigkeit einer Thronfolge sein könnte. Das
macht aber bei den Herren sehr böses Blut, sie dringen gewaltig mit
Einwänden und Vorwürfen auf ihn ein, geben deutlich zu verstehen, daß
sie an seine Anerkennung Bedingungen knüpfen -- in der ersten Fassung
ist ausdrücklich von den Wünschen der Gemeinen die Rede --, und als
obersten Wunsch nennen sie nun in dringenden Worten die Freilassung
Arthurs. Im selben Augenblick tritt Hubert herein, in größter
Verlegenheit, weil Arthur lebt und er sagen will, der Prinz sei tot;
und gerade diese Beklemmung deuten die Herren, die schon von seinem
Auftrag erfahren haben, als das böse Gewissen des Mordknechtes. Aus dem
Mund des Königs, dem Hubert seine Nachricht zugeflüstert hat, erfahren
sie das Arge, das sie erwarteten: Prinz Arthur ist plötzlich gestorben.
Nun bricht der Unmut ohne Rückhalt und grob aus; eine Verschwörung ist
schon im Gange, die Landung der Franzosen wird erwartet; sie trennen
sich von dem König, den sie jetzt eben widerwillig, unter seinem
Druck, wieder gekrönt hatten. Und nun kommt Schlag auf Schlag, der
Usurpator und Mörder wird vom Glück verlassen: die Nachricht vom Tod
seiner Mutter, deren Geschöpf er war, trifft ein; der Bote kommt, der
richtig die Landung einer französischen Armee meldet; im Volke gärt
es, unheimliche Gerüchte und Prophezeiungen laufen um; die Frevel
gegen Kirche und Klöster scheinen Himmel und Erde in Aufruhr gebracht
zu haben. Das ist das Schlimmste, was zu fürchten ist: Aufruhr im
Innern in Verbindung mit dem auswärtigen Krieg. König Johann möchte
vor allem die Großen Englands besänftigen; ohne sie, wenn sie gar
gegen ihn gehen, fühlt er sich verloren: er will Hubert als Mörder
ihrem Zorn zum Opfer bringen. Wie er gegen ihn losfährt und nun, wo
Arthurs Tod ihn in solche Not bringt, ernsthaft beklagt -- so aber
ist der Mensch! --, daß ein flüchtiger Wunsch, wie er meint, an die
ausdrückliche Vollmacht denkt er nicht, so schnell einen niederträchtig
verbrecherischen, mordbereiten Diener gefunden habe, da atmet Hubert
tief und beglückt auf: er gesteht, daß der Knabe noch lebt. Darüber ist
Johann in der neuen Situation wahrhaft glücklich, das kann ihn fürs
erste noch retten; fürs weitere muß der Armselige, der nur pfuschen und
flicken kann, dann die Zukunft sorgen lassen. Eiligst wird Hubert mit
der erwünschten Nachricht den Herren nachgeschickt; nun aber kommt der
schrecklichste Schlag: Hubert lügt, lügt offenbar aufs frechste und
höhnischste, und ohne Frage im Auftrag des elenden Tyrannen: er bringt
seine Botschaft in dem Augenblick an die Herren, wo der klägliche
Leichnam des armen Kindes vor ihren Füßen liegt. Nur wir Zuschauer
wissen, wie alles zusammenhängt, wie das Schicksal zu Werke gegangen
ist: der zarte Knabe hat sich, in der Furcht vor der Wiederholung des
verbrecherischen Anschlags, als Schiffsjunge verkleidet, flüchten
wollen, ist beim Sprung von der hohen Mauer auf einen Stein gefallen
und liegt nun da als ein Ermordeter, den die ungeheure trotzige
Verwegenheit des Tyrannen wie ein Aas auf die Straße geworfen hat. Was
die Politik des Königs gewollt, beschlossen, befohlen hat, hat kein
Mensch vollbringen können; das Schicksal hat es ausrichten müssen,
welches in seiner abgründlichen Zweideutigkeit der Menschenpläne
spottet und den Schlag zugleich gegen das Opfer und den Opferer
richtet. Wohl möglich übrigens, daß diese Erzählung, der Prinz sei auf
die Art gestorben, eine Ausrede vorstellt, um einen englischen König
in der Geschichte von der schlimmsten Anklage zu reinigen; denn in der
politischen Geschichte gilt nicht der Vorsatz, sondern die vollzogene
Tat; wohl möglich auch, daß Shakespeare von dieser Überlieferung nicht
anders gedacht hat; wie wunderbar, wenn die Szene der Innigkeit,
in der Arthurs holde Kindlichkeit in Hubert dem Mordknecht die
Menschlichkeit wachruft, dieses Ursprungs wäre!
Kardinal Pandulpho ist eilig von Frankreich herübergekommen, und der
König in seiner Not macht schnell seinen Frieden mit dem Papst, legt
noch einmal die Krone nieder und läßt sie sich von dem Legaten wieder
aufsetzen, der dafür verspricht, den Sturm, den er beschworen hat,
wieder zu besänftigen und Frankreichs Heere zum Rückzug zu bewegen.
Shakespeare hat in diesem Schlußakt den Stoff aufs äußerste, mehr als
gut war, zusammengedrängt; über einige Zusammenhänge bekommen wir
rechte Klarheit nur, wenn wir die erste Fassung zu Hilfe nehmen. Es
geht jetzt wieder um kriegerische Aktion, denn weder die englischen
Stände noch der Dauphin Louis geben so schnell nach, wie Johann und der
Kardinal gehofft hatten; der energische Louis ist ein anderer Mann als
der König Philipp; sein Zorn flammt auf, wie er merkt, daß Pandulpho
ihn nur wie eine holzgeschnitzte Figur in seinem Spiel hatte benutzen
wollen; er hat Ansprüche geltend gemacht, hat den Kriegszug gerüstet,
die englischen Herren haben sich ihm angeschlossen, das Volk, wo er
einzog, hat ihm zugejubelt, der Krieg soll weitergehn. Mit dieser
Haltung eines Fürsten, der seine Politik auf Ehre und Waffentat stellt,
verdient er sich die Achtung des Bastards, der, einer der wenigen, die
beim König ausgehalten haben, nun ganz die Führung des Unternehmens in
seiner Hand hat.
Vom natürlichen Sohn König Richards und dann von der größten aller
irdischen Majestäten, vom Tod, aus fällt zum Schluß ein Schimmer von
einem fast verklärenden Licht auf diesen König Johann. Der Bastard hält
treu zu ihm, nicht bloß um der persönlichen Anhänglichkeit willen;
könnte er treulos sein, er hätte Gründe genug: er durchschaut des
Königs unkriegerisch feige Art; er hat den tiefsten Abscheu vor dem
Anschlag, der seinen Vetter Arthur in den Tod getrieben hat; die
Unterwerfung gar unter den Papst empfindet er als Schmach für England.
Aber um Englands, um der Einheit des Reiches willen muß er sich, wenn
so ein Bedenklicher wie Johann den Thron einnimmt, den idealen König
erfinden, der das Reich zusammenhält und dem er dient. Jetzt ist das
Schlimmste da,
Nun treffen fremde Macht und heim’scher Unmut
Auf einen Punkt,
nun gilt es das Ganze, das Höchste, die Volksgemeinschaft. Mit
ungeheurer Kraft rafft er zusammen, was sich nur sammeln läßt, und
stützt sich vor allem auf die rebellischen, der Kirche aufsässigen
Elemente im Volk. Und die kleine Minderzahl, die mit ihm zum König
hält, reißt er zu Taten der Entschiedenheit und zu begeistertem Streit
hin, so daß der Kampf unentschieden hin und her geht.
Shakespeare aber, so sehr sein Herz bei denen ist, die für die
Einigkeit der Gemeinschaft, für das Reich eintreten, und so sehr sein
Sprecher der Bastard ist, wird doch auch den Rebellen, die in dieser
furchtbaren Lage um des Reiches und der Ehre willen Englands Schicksal
von dem eines gesunkenen Königs in freier Entschließung zu trennen sich
unterstehen, durchaus gerecht. Als Sprecher der Rebellen tritt der
Graf von Salisbury hervor, dessen Patriotismus sich, obwohl er auf der
Gegenseite steht und das Bündnis mit dem Landesfeind eingegangen ist,
nicht minder glühend äußert als der des Bastards. Was er freilich, der
als Revolutionär den Krieg gegen das eigene Land führen muß, vertritt,
ist nicht so strahlend und unentwegt kriegerisch wie die Gesinnung
des Bastards; es ist eine Ritterlichkeit, die schon mit Zügen des
Bürgerlichen und Humanen verbunden ist:
O! es quält mein Herz,
Daß ich den Stahl muß von der Seite ziehen
Und Witwen machen!
-- -- --
Allein, so groß ist der Verderb der Zeit,
Daß wir zur Pfleg’ und Heilung unsres Rechts
Zu Werk nicht können gehn, als mit der Hand
Des harten Unrechts und verwirrten Übels.
Und ist’s nicht Jammer, o bedrängte Freunde!
Daß wir, die Söhn’ und Kinder dieses Eilands,
Solch eine trübe Stund’ erleben mußten,
Wo wir auf ihren milden Busen treten
Nach fremdem Marsch und ihrer Feinde Reihn
Ausfüllen ...
Die Kriegstaten des Bastards und seiner Schar, Naturkatastrophen, die
Politik des Kardinals, der Zweifel im Herzen der Rebellen, alles wirkt
zusammen, um das Kriegsglück unsicher ins Schwanken zu bringen; und
in dem Augenblick, wo der müde, verbrauchte König das Gift des Mönchs
getrunken hat und im Sterben liegt, will die Wage zu seinen Gunsten
ausschlagen: die Rebellen, die erfahren haben, daß der Dauphin Louis
im Fall seines Siegs mit so gefährlichen Großen, die selbständig gegen
den König aufstehen, gründlich aufräumen will, kehren zur Treue gegen
Johann zurück. Auch diese Wendung hat Shakespeare in der Umgestaltung
derart verkürzt, daß wir keinen inneren Anteil an ihr nehmen, ja, kaum
mit dem Erfassen des Sachverhalts folgen können. Die ursprüngliche
Fassung hat da manches, worauf wir ungern verzichten, zumal die
große Rede des sterbenden Grafen Melun, der, selbst von englischer
Abstammung, den englischen Herren die Pläne seines Fürsten verrät und
sie eindringlich zur Umkehr mahnt:
Kehrt, kehrt, ihr Krieger, um, zerfleischt das Land nicht,
Das nährende, wo ihr zuerst geatmet,
Das euch gebar, erhielt, ewig in Liebe,
O nicht mit Undank grabt der Mutter Grab!
Die Lämmer rettet, schlagt den Wolf zurück!
Hier hat Shakespeare in einer fatalen Eile nur die nackten Tatsachen
gelassen, die ohne die Gefühlswerte in seinem Drama nie eine Bedeutung
haben können. Er eilt der Schlußszene zu: König Johanns Tod und der
Apotheose Englands.
Der Usurpator stirbt einen grauenhaften Tod. Er, dem vor allem die
Sphäre der Phantasie, die Liebenswürdigkeit und, wie er von sich selbst
sagte, die Lust fehlte, ist jetzt, wo ihn der Brand des Gifts verzehrt,
wie von einem Fieber ergriffen, das unter Qualen ein Scheinleben in ihm
hervorruft, wie er es nie gekannt hat: er wälzt sich auf seinem Lager
und rast und singt in seltsamen Tönen. König Johann singt! Dann kommt
er, wo’s ganz zu Ende geht, wieder zu klarer Besinnung und sieht das
Reich zerstört und unmittelbar vor dem Untergang durch seine Schuld.
Die großen Herren, die wieder da sind, setzen all ihre Hoffnung auf
seinen Sohn, der ihm als Heinrich III. folgen soll und nun zum ersten
Mal, als einer, der mit den Greueln nichts zu tun hatte, auf der Bühne
steht:
Seid guten Mutes, Prinz, Ihr seid geboren,
Um Bildung dem verworrnen Stoff zu geben,
Den er so roh und so gestaltlos ließ.