In diesem herausgejubelten Ich bin ich! steckt aber nur eine fast

tolpatschige Kraft und Freude an dem strotzenden Leben, das er in sich

spürt; bei all seiner Unbedenklichkeit hat er nicht einen Funken von

Jagos ichsüchtiger Bosheit oder jenes andern Richards, Richards III.

aggressiver Menschenscheu und Isolierung. Ja, so sehr dieser seiner

Naturkraft Witz und behende Klugheit mitgegeben sind, so sehr er mit

Willen geladen ist, der junge Mann hat kein Ziel und keine Richtung und

will nichts für sich. Es macht ihm Spaß, wenn er einen Einfall hat,

den man als politisch deuten könnte; aber er ist eine Herrennatur ohne

Herrschtrieb, wie er ein Adelsmann ohne Grundbesitz ist; der echte

Ritter, der einen Herrn braucht, gar kein Prinz, gar keine Königsnatur.

Drum liegt ihm in all seiner leidenschaftlichen Ausschweifung auch die

Treue so gut; drum ist er bei aller schnell fassenden Gescheitheit doch

so kritiklos und unwählerisch, wenn er sich erst einmal einem ergeben

hat, drum hat Eleonore mit ihrer Liebe, die bei ihr nie ohne Eigennutz

ist, einen so guten Griff getan, als sie ihn zum Kämpen ihres Sohnes

Johann und damit zu ihrem eigenen erwählt hat.

In der ersten Fassung scheint der junge Dichter von der Vorstellung

noch nicht loszukommen, daß jedes Stück seine Clowneinlagen braucht und

daß der Bastard in all seiner Herrlichkeit doch auch der verwandelte

Spaßmacher des Stücks zu sein hat. Ein wenig von dieser ursprünglichen

Nebenbestimmung merkt man der Gestalt auch in der klassischen Fassung

noch an. Eine sehr ernste Untersuchung könnte das sein, den zu

lebendigen Menschen verwandelten Spaßmachern in Shakespeares Tragödien

nachzugehn, vom Narren im Lear, der dann so plötzlich aus dem Stück

zurücktritt, weil Edgar seine Rolle übernimmt, bis zu Hamlet, der

in den Szenen verstellten Wahnsinns am Hof sein eigener Clown ist!

Wundervoll aber hat es Shakespeare schon das erste Mal verstanden, die

lustige Einlage zu einem notwendigen Stück der Handlung zu machen.

Das ist die burleske antikatholische Szene, die Shakespeare dann

radikal getilgt hat: der Bastard im Kloster, wie er im Dienste König

Johanns den Mönchen ihr Geld abnimmt. Dies zugleich stark aufgetragen

Tendenziöse und roh Humoristische scheint Shakespeare später so

schlecht in das Stück gepaßt zu haben, daß er auf die Sichtbarkeit der

Gewalt, die den Mönchen angetan wird, ganz verzichtet hat. Wohl erhält

der Bastard den Auftrag zu diesen gewaltsamen Eintreibungen, und schon

vor Beginn des ersten Feldzugs hören wir jetzt von Johann:

Die Klöster und Abteien sollen zahlen

Die Kosten dieses Feldzugs,

aber, wenn am Schluß nun ebenfalls wiederum nur berichtet, fast nur

vermutet wird, der König sterbe an Gift, das ihm ein Mönch beigebracht

habe, während wir in der ersten Fassung auch die Vorbereitungen zu

dieser tückischen Ermordung und die Vergiftung selbst mit Augen

gesehen hatten, so ist kein Zweifel, daß Shakespeare Gründe der

innern Handlung und der künstlerischen Komposition hatte, warum

er diese Motive zwar im Stück ließ, aber aus der Sichtbarkeit und

Eindringlichkeit verbannte. Wie aus der Entfernung klingt es uns ins

Ohr, daß dieser König als Kirchenfeind, Erpresser und Tyrann von einem

Mönch getötet worden ist; das andre Motiv, das auch schon in der

ersten Fassung da ist, daß er auch ohnedies ein müder, siecher, vom

Tode gezeichneter Mann ist und daß er stirbt, weil kein Leben mehr

in ihm ist, ist uns so greifbar nah gebracht, daß die Vergiftung wie

eine nebensächliche Begleiterscheinung daneben fast verschallt. In der

ersten Fassung hat Shakespeare den größten Wert auf das Tatsächliche

der Geschichte gelegt, und fast nur nebenbei, wie ohne seine Absicht

und durch das Wunder seiner Persönlichkeit ist ihm noch nicht alles,

aber schon so vieles ins Menschliche geraten; jetzt ist er seiner

Kraft, seiner Mission und damit seines Ziels bewußt und zeigt im

Urindividuellen das Menschenschicksal, im geschichtlich Besonderen das

Allgemeingültige.

Man hat sich viel darüber aufgehalten, daß Shakespeare in dieser

Historie das, was uns an der Regierung König Johanns das wichtigste

ist, die Kämpfe im Innern, die zum Fundament der englischen Verfassung,

zur ~Magna Charta~ geführt haben, gar nicht beachtet. Man soll

uns erst den nennen, der sie in der Zeit sonst beachtet hat. Die

innern Kämpfe selbst zwischen dem König und den Herren bilden einen

wichtigen Teil der Handlung des Stückes; die Bedeutung, die das

Verfassungsinstrument für die Folgezeit hatte, hat Shakespeare so

wenig gekannt wie die andern Autoren der Zeit; er sah nur den Kampf

um die Macht, und als die Repräsentanten dieses Machtstreits hat er

die Staaten England und Frankreich, die Kirche und ihre Prälaten,

die großen weltlichen Herren und die auf ihre Selbstbestimmung

trotzenden Städte eingeführt und hat gezeigt, zu welch seltsamen hin

und her gehenden Bündnissen diese Machtverteilung führte. Ich will

keineswegs behaupten, Verfassungskämpfe seien kein Gegenstand für

ein Drama; der Dichter kann jeden Widerstreit in seiner menschlichen

und menschheitlichen Bedeutung aufzeigen; eher könnte man die Frage

aufwerfen, ob nicht, wenn noch ein paar Jahrhunderte verstrichen sind,

die Geschichte der vereinfachenden Darstellung Shakespeares am Ende

recht geben könnte: daß es in dem Streit, gleichviel, was für Worte

und abstrakte Formeln dazwischen geschoben und als Gewand angetan

wurden, um nichts andres ging als um die Macht. Wir heutigen Tags,

die wir in diesen Kämpfen drinstehen, glauben und wollen, daß es um

die Einschränkung der Macht ging, der Macht überhaupt und damit um

die Begründung einer freieren Bewegung in der Gesellschaft; sollte

sich aber herausstellen, daß es nur um die Einschränkung der Macht der

andern und um die Aufrichtung neuen unterdrückenden und beraubenden

Regiments ging, dann wäre Shakespeare, ohne Rücksicht darauf, daß seine

Nichtbeachtung auf Unkenntnis beruhte, mit seiner vereinfachenden

Darstellung vor den Jahrtausenden gerechtfertigt.

Ihm geht es um den großen, fast möchte man ganz bitter sagen: um den

ewigen Streit zwischen Politik und Menschlichkeit. Wir sehen, wie

der König von England je nach seinem Interesse und der Situation

gegen die Kirche geht und mit der Kirche geht; wie der König von

Frankreich um seiner Herrschaftsinteressen willen das Recht des

bei Seite geschobenen Prinzen Arthur verficht, und wie er ihn dann

schnöde fallen läßt, sowie er seine Interessen besser durch friedliche

Verständigung wahren kann, und wie er dieses neue Bündnis mit England

dann sofort wieder aufgibt, wenn er glaubt, in neuem Bündnis mit dem

Papst noch besser abzuschneiden oder im andern Fall vom Papst schwer

geschädigt zu werden; wir sehen, wie die englischen Großen abwechselnd

mit ihrem König für die Einheit des Reichs, gegen ihren König und

landesverräterisch mit dem Fremden verbunden für ihre Unabhängigkeit

und wider die Tyrannei, und dann wieder mit ihrem König gehen. Und

wir sehen, wie all dieser Machtstreit bei jeglicher Stellungnahme

ein Gewand großer Worte und scheinbar allgemein gültiger Grundsätze

findet, in das er sich einhüllt, und wie er immer mit menschlichen

Sympathien und Antipathien, mit menschlichen Regungen und Glaubens-

oder Aberglaubensvorstellungen, mit Überzeugungen und Leidenschaften

verquickt ist. Wie oft in seinen Geschichtsdramen hat es Shakespeare

auch hier wundervoll verstanden, das, was in der wirren Wirklichkeit

zeitlich auseinandergerissen ist -- die Regierungszeit König Johanns,

die er vorführt, umfaßt 17 Jahre --, als einen einzigen lückenlosen

Zusammenhang und rundes Gebilde darzustellen, wo man innen im Fluß der

Zeit zu stehen scheint und darum nicht ermessen kann, wie lange sie

dauert.

Dies Stück gehört, worüber man nicht zu staunen braucht, bei den

meisten unter unsern Shakespeare-Autoren zu den unbeliebten; es geht da

immer noch nach Sympathien zu, die man den Gestalten entgegenbringt,

und sie mögen das grelle Rot, das zarte Rosa, das pechdunkle Schwarz,

aber nicht das Grau dieses Königs Johann. Ja, er ist grau wie Asche

oder fahl wie Leder und Leber, dieser ungeniale unter den Usurpatoren;

gerade dieses Bild sollte uns diesmal gezeigt werden, und ich meine,

wir Menschen, um deren Seelenerschütterung und Lebensführung willen der

gewaltige Mann Shakespeare gelebt und an uns und unsern Einrichtungen

gelitten und geschaut und gedichtet hat, hätten Wertvolles eingebüßt,

wenn dieser kahle Herrscher in Shakespeares Skala der Könige gefehlt

hätte. Echt und temperamentvoll ist Johann nur in seinem Haß gegen die

mit allen Mitteln des Geistes und der Phantasie arbeitende gewaltige

Konkurrenzmacht der weltlichen Herrschaft, den Papst und die Kirche;

und der Halt, den er in seinem Innern hat, die Achse seines Wesens

zermürbt in dem Augenblick, wo er sich, um die Krone auf dem Kopf zu

behalten, diesem Todfeind seines Wesens und seines Reiches unterwerfen

muß. Der Mann, der zu Unrecht auf dem Thron sitzt, kennt, was ganz zu

seiner Rolle eines trockenen und seiner Natur nach unkriegerischen

Usurpators paßt, keinen angelegentlicher eingesetzten und der Verehrung

empfohlenen Götzen als das juridische Recht -- wie schändlich und wie

unabweislich, daß man eine solche Wortfolge braucht, um vom Recht

das Recht zu unterscheiden! --, und so wie klingendere und farbigere

Herrscher sich als den obersten Kriegsherrn oder den Hort der Künste

und Wissenschaften fühlen, so erfaßt er sich als den höchsten Richter

seines Landes. Gleich zu Beginn des Stücks bekamen wir eine Probe

seiner Rechtsprechung; und aus dem Herzen, soweit er nur so etwas hat,

kommen ihm die Worte, in denen er -- in der ersten Fassung -- gegen

den Anspruch der ultramontanen Macht die nationale Gerichtsbarkeit

aufrichtet:

Und wer es immer sei in meinem Lande,

Der um Gesetz und Recht nach Rom hingeht,

Wo er Gerechtigkeit im Lande findet,

Der sei sogleich erkannt als Hochverräter

Und hingerichtet als ein Feind von England.

Auch in der endgültigen Gestalt sind die Worte, die der König gegen

Roms Zehnten und Zinsen, gegen das schnöde Ablaßwesen und das

Feilhalten von Pfründen spricht, sehr stark; mit zäher Kraft und im

Ton völliger Unnachgiebigkeit verficht er die weltliche Oberhoheit des

nationalen Königtums, das sein Recht in sich selber trägt, so daß kein

Papst sich zwischen den König und den Himmel drängen darf; wie er dann

im Krieg mit dem Papst und dessen Schwert, dem allerchristlichsten

König, ins Gedränge kommt, ist es ihm lieber, sich die Krone von den

großen Herren Englands befestigen, noch einmal aufsetzen zu lassen,

als vom Statthalter Gottes auf Erden; und sein Abfall von sich selbst,

sein Ende von innen her ist besiegelt, wie er dann doch, da er um jeden

Preis, selbst um den der Würde, die Krone behalten will, diese Krone,

äußerlich demütig, innerlich knirschend, dem Papst zur Verfügung stellt

und sich zum dritten Mal von dessen Legaten krönen läßt. Und welch

tragische Ironie, daß in dem Augenblick, wo er sich mit der Kirche

ausgesöhnt hat, zu der Krankheit, die an dem Unterwühlten und Galligen

zehrt, noch aus einem Haß heraus, der schon nicht mehr zeitgemäß ist,

das Gift des Mönches kommt! Man erinnert mit Recht immer daran, daß

die begeistert nationale wie die antikatholische Richtung des Stückes

von dem Sieg der Engländer über die Spanier, vom Untergang der Armada

befeuert wurde; ruft doch -- in der ersten Fassung -- am Schluß der

Dichter mit seinem Kriegshelden, dem Bastard, ganz aus dem Stück

ausbrechend:

Wenn Englands Pairs und Bürger einig werden,

Kann Frankreich, Spanien, Papst sie nicht gefährden!

Aber man darf auch darauf hinweisen, daß ganz Europa voll dieser

revolutionär-ständischen Kämpfe war und daß ein Jahr nach dem großen

Sieg, 1589, der französische König Heinrich ~III.~, der auch

in schwierigstem Kampf um seine Krone abwechselnd päpstlich und

antipapistisch war, ganz so starb, wie einst König Johann gestorben

sein sollte: ermordet von einem Mönch. Sehr wahrscheinlich, daß diese

Tat geschah, ehe Shakespeare das Drama dichtete, das 1591 erschien.

Annähernd zwei Jahrzehnte später, noch zu Shakespeares Lebzeiten

also, fiel, auch das darf erwähnt werden, der nächste französische

König, Heinrich ~IV.~, unter Umständen, die der Ermordung Johanns

noch ähnlicher waren: wiederum unter dem Dolch eines Fanatikers aus

verspäteter Rache, nachdem sich der König mit den Katholiken und den

Ständen, mit denen er im Krieg gelegen war, schon versöhnt hatte.

Will man zusehen, wie der größte szenische Meister sich in seinem

Handwerk vervollkommnet hat, so studiere man, wie er in der klassischen

Fassung die größte politische Klugheit, die mit Menschlichem gar

keine Berührung mehr hat, und eine lodernde Leidenschaft, die vom

Politischen ausgehend ganz ins Menschliche versprüht, in eine Szene

zusammengebracht hat, wie die Politik des Kardinals Pandulpho und

die Racheschreie und Triumphrufe der Mutter Konstanze sich beide

zugleich gegen König Johann richten, der noch eben am Ziel all seiner

politischen Wünsche schien. Auch Konstanze ist, in ihrer Natur wie

ihren Erlebnissen, gleich allen andern Gestalten der Dichtung, von

vornherein so angelegt, wie wir sie kennen. Aber der Dichter hat

ihre Situationen geändert, und zwar bei den beiden hintereinander

folgenden Gelegenheiten jeweils im umgekehrten Sinne. Wo zuerst der

überraschende Vorschlag der Bürger von Angers kommt, dem Streit der

Könige auf Arthurs Kosten durch die politische Heirat ein Ende zu

machen, da ist in der ersten Fassung Konstanze und ihr junger Sohn

dabei, und beide, zumal Konstanze, haben durch Rufe der Entrüstung

und des leidenschaftlichen Zorns die Verhandlungen zu stören und auf

ihr klägliches Los aufmerksam zu machen. Jetzt sind sie entfernt, und

die Schamlosigkeit des Kompromisses drängt sich uns stärker auf, wenn

König Philipp erleichtert feststellt, daß die beiden, die er jetzt

eben verrät, nicht anwesend sind. Vor allem aber ist der Ausbruch der

Leidenschaft, der vorher mehr wie verzettelte Bosheit wirkte, jetzt

gesammelt in einen rasenden Erguß nachträglicher Ohnmacht, und innig

schön ist es, wenn das Kind, dem jetzt eben alles geraubt wurde, das

Kind, um dessentwillen die Mutter geschmäht und gepeinigt wird, sie

doch zu besänftigen sucht. Wie unvermutet, wie gewaltig aber steigert

sich diese Szene im Zelt des Königs von Frankreich noch ferner! Mitten

hinein in diesen Ausbruch des Mutterschmerzes und der zügellosen Wut

über den Verrat des Franzosenkönigs kommt der feierliche Hochzeitszug

aus der Stadt Angers zurück: die Neuvermählten, die beiden verbündeten

Könige und die verhaßte Königin-Mutter, deren Politik nun gesiegt

hat. König Philipp feiert in schwülstigsten Pompworten diesen hohen

Festtag, bis Konstanze mit Worten, die so vom Pathos des Leidens und

der Leidenschaft geschwellt sind, wie die des Königs von falschem

Lügenpathos geschwollen waren, mit ihrem stürmisch wehenden Fluch

dazwischenfährt, der als Wutgebet gen Himmel schreit:

Straf, Himmel, straf die eidvergeßnen Kön’ge!

Hör eine Witwe, sei mir Gatte, Himmel!

Laß nicht die Stunden dieses Sündentags

In Frieden hingehn; eh die Sonne sinkt,

Entzweie diese eidvergeßnen Könige!

Hör mich, o hör mich!

Shakespeare, der seine großen Szenen immer wie nach musikalischen

Prinzipien baut und die Gesetze der Symphonie vorwegzunehmen scheint,

trennt diesen Fluch von seiner Erfüllung, indem er unmittelbar neben

das Furioso ein kleines, leichtes Scherzo setzt: den humoristischen

Zusammenstoß zwischen dem Herzog von Österreich und dem Bastard, womit

überdies eine abschweifende Episodenszene der frühen Fassung genial

ersetzt ist. Und nun, wo unser flutendes Mitfühlen angenehm abgeebbt

ist, tritt mit einem Mal der Kardinal Pandulpho auf, und nach der

rasenden und der humoristisch gebändigten Wut -- denn wir wissen, was

für wilde Gründe zur Rache König Richards natürlicher Sohn gegen dessen

Mörder Österreich hat -- bringt der Legat des Papstes die diabolische

Ruhe einer fast genial zu nennenden politischen Klugheit und damit

für Frau Konstanze die Erfüllung ihres Fluchs, dazu noch im Namen

des Himmels: er verflucht den Ketzer Johann und tut ihn in den Bann,

erklärt ihn für vogelfrei und fordert Frankreich zum Zerreißen des

Bündnisses und zum Krieg gegen den Tyrannen auf. Da war Shakespeare

in der ersten Fassung wieder in den bureaukratisch-chronikalischen

Prosaton verfallen; dem jugendlichen Dichter war es noch nicht gegeben,

die dürre Gemeinheit der Politik in rhythmischer Sprache zum Ausdruck

zu bringen; er brachte nur eine trockene, karge Sachlichkeit zwischen

den beiden Königen und dem Kardinal zustande. Welcher Reichtum

jetzt; wie hat er schon vorher die Stimmen einzeln eingeführt, um

sie nun zu einer vielfältigen Ensembleszene zusammenzubringen! Wie

er bei ihrer großen Enttäuschung Konstanze nicht dabei sein ließ,

um ihren Zorn unmittelbar darauf gesammelt zu bringen, so hat er

sie jetzt auf der Bühne gelassen, auf daß sie unmittelbar nach dem

Ausbruch der Wut ihren Triumph ausströmen lasse, und so kommt es

zu dem Duett zwischen Pandulpho und Konstanze, wo sie den glatt

geordneten, pathetisch höflichen Fluch des Papstes durch ihren, der

einer natürlich menschlichen Empfindung entstammt, überbietet; und

die beiden feindlichen Weiber, Eleonore und Konstanze, geraten für

einen Augenblick noch an einander, und Österreich und der Bastard

fahren wieder rasch gegen einander los, und der Konflikt Blancas,

der Neuvermählten, zeigt sich mit huschender Tragik an: und all dies

Gewoge, das uns immer neu fesselt, hat der szenische Zauberer, so

sehr es in sich selbst mannigfache Bestimmung hat, dazu noch uns vor

Ohren und Sinn gebracht, damit wir durch es hindurch das Schweigen

und den Kampf des Königs von Frankreich mit sich selbst vernehmen

sollen. In der ersten Fassung war der Dichter an dieser Stelle noch

ganz unbeholfen und genügsam: kaum hatte der Kardinal sein Sprüchlein

gesagt, so fügte sich Frankreich dem Papst und trennte sich von Johann.

Jetzt ringt er mit sich, und wie er schließlich Worte findet, hält er

an den Legaten eine bewegliche Ansprache, der es an Menschlichkeit

nicht fehlt. Jetzt eben führt er dem Gesandten des Statthalters Gottes

vor Augen, haben sie, die beiden Könige, einander Treue, Frieden und

Freundschaft geschworen, nach blutigstem Gemetzel; soll denn im Namen

Gottes dies göttlich Schöne wieder entsetzlichem Morden weichen? Er

beschwört den Kardinal, einen milderen Ausweg zu finden. Der Kardinal

merkt, daß der schwankende König nicht eigentlich einen sanfteren Weg

begehrt, sondern eine mildere Benennung für den Treubruch, Watte aus

Worten, in die sich die Abtrünnigkeit einwickeln läßt, ein System von

Begriffen oder eine Gesellschaft von Vorgängen, so daß er sich nicht

wie ein ausgestoßener Verruchter, sondern wie ein Mann in bester

Gesellschaft fühlen darf. Das liefert ihm der Kirchenfürst mit einer

so blendenden Virtuosität, wie sie nur die Übung in spitzfindigster

Scholastik gewährt. Er setzt dem König auseinander, er habe Falsches,

Unrechtes beschworen, das seinem ersten, obersten Eid, der Kirche

gehorsam zu sein, zuwider sei. Nimmt man sich etwas Falsches vor, so

ist das beste Mittel dagegen, es nicht zu tun. Wer gegen die Religion

schwört, ist meineidig, wenn er den Eid hält; und überdies, er erachtet

es nun doch für nötig, dem Widerstrebenden außer der milden Salbe

den Reiz robuster Drohung zu verabreichen: wenn er nicht gehorsam

ist, kommt Bann und Fluch über ihn wie über Johann. Und das alles in

ruhigster, logischer Sachlichkeit und doch in dem hohen, getragenen,

rhythmischen Ton des Einlullens und Bezauberns. Und wieder kommen die

andern Stimmen dazwischen: der Dauphin, ein unbedenklicherer junger

Kriegsmann und Politiker, der den ganzen Vorteil ins Auge faßt, ruft

zum Krieg, die junge Frau klagt, Österreich und der Bastard reizen

einander, Konstanze bettelt, der Kardinal droht kurz mit dem Fluch,

da ist endlich -- so kunstvoll ist die Szene gebaut, daß wir endlich

sagen dürfen, wo es um plötzlichen Bruch der eben beschworenen Treue

geht -- der König entschlossen: der Krieg hebt wieder an. Von all

diesen Retardationen und Steigerungen, von all dieser Seelenkunde und

Kunst des Komponierens weiß die erste Fassung, die in diesen Teilen

nicht viel mehr als dramatisierte Chronik ist, nichts. Dann aber wendet

sie mehrere Szenen auf, um das wechselnde Hin und Her des sofort

einsetzenden Krieges zu schildern: der Bastard tötet Österreich im

Einzelkampf und hält einen Monolog an seiner Leiche; die Königin-Mutter

wird gefangen und von Konstanze verhöhnt; aber das Glück wendet sich,

Eleonore wird befreit und dafür Arthur von den Engländern gefangen.

In der Umarbeitung geht Shakespeare stracks aufs Ziel los; auf die

Gefangennahme Arthurs kommt alles an; die gibt der Handlung die neue

Wendung; er gibt von den Wechselfällen der Kämpfe nichts auf, tut aber

das alles jetzt zum Erstaunen in zehn Versen ab. Er hat keine Freude

an kriegerischen Vorgängen auf der Bühne; sie sind nicht darzustellen

und offenbaren keine Innerlichkeit; sie gehören bei diesen Stoffen

zum Fortgang der Handlung; aber, wo es geht, läßt er lieber von

ihnen berichten, als daß er sie darstellt. Mit einer fast lustigen

Sicherheit vollbringt der Geübte diese virtuose Verkürzung und hat

doch noch Zeit, die Naturen seiner Menschen dabei rasch zu beleuchten:

der unkriegerische König befürchtet, seine Mutter könnte, so wie der

Kampf jetzt steht, in Gefangenschaft geraten; derweile hat der tapfere

Draufgänger, der Bastard, sie schon wieder befreit.

So eng Shakespeare dieses Äußere zusammengedrängt hat, so breit

schafft er sich nun Raum für die beiden Szenen, die im englischen und

französischen Lager die politische wie menschliche Folge aus diesen

Vorgängen ziehen und die auf der Vorstufe nur karge Skizze geblieben

waren. König Johann kann nicht zweifeln, daß nun, wo der Prätendent

in seine Hand gefallen ist, der Krieg erst recht anhebt; er schickt

den Bastard voraus nach England, um die Klöster zu plündern: er

braucht Geld und holt es beim Feind im eigenen Land. Arthur -- der in

der ersten Fassung noch nicht annähernd in der Zartheit wie in der

klassischen als unschuldsvolles, ganz unpolitisches Kind erfaßt war,

der vielmehr dem Usurpator ins Gesicht zu sagen hatte, er, das Kind,

sei der echte König von England, und nur die Macht habe gesiegt, nicht

das Recht -- Arthur denkt jetzt nur an den Schmerz, der seine arme

Mutter foltern wird. Der König aber, der ihn, um dessentwillen er

keine Ruhe auf dem Thron findet, nun in der Gewalt hat, sinnt auf ganz

anderes. Plump, phantasielos, ohne Einblick in die verwirrt ineinander

geflochtenen Interessen und ohne Voraussicht des Kommenden empfindet

er nur, daß der Knabe Arthur an allem Unheil schuld ist und daß er ihn

in seiner Gewalt hat. Sterben soll er, und sein ergebener Dienstmann

und Kämmerer Hubert ist der rechte Mann, ihn so in Gewahrsam zu halten,

daß er nicht lebendig aus dem Kerker kommt. Das möchte er nun dem Mann

beibringen: Zeit verlieren will er nicht, gerade heraus sagen will

er es auch nicht, die gefällige Kunst andeutender, euphemistischer

Rede ist ihm nicht gegeben: so redet er ganz erbarmenswürdig, fast

schwitzend heilloses Kauderwelsch zusammen, bis Hubert ihm versichert,

er sei zu jeder Tat für seinen König bereit, und wenn’s um seinen

Tod ginge. Das war das rechte Wort: Tod; nun macht der König ihm mit

genügender Deutlichkeit verständlich, das Kind müsse sterben. Der

Getreue sagt’s mit einem gestammelten Wort zu; der König ist fürs erste

beruhigt; er weiß, auf den Mann kann er sich verlassen.

Und nun kommt, was mir die entscheidend wichtigste Szene des ganzen

Stücks ist; auch sie ist in der Anlage schon in der ersten Fassung

vorhanden; aber vergleicht man das mit dem, was daraus geworden ist, so

meint man, der Dichter hätte sich damals nur rasch die Punkte notiert,

die er später ausgestalten wollte; sieht man dann näher zu, so ist man

noch erstaunter, in dieser Kärglichkeit doch noch so viel überflüssige

Worte und abscheulich unwahrhafte gelehrte Gleichnisse zu finden.

Hier ist eines der Beispiele, die uns zeigen, wie Shakespeare auf

der Bühne sehr häufig nur zu seinem Recht kommt, wenn -- gleichviel

übrigens, ob zwei Akte oder sonst zwei Szenen an einander stoßen

-- die Szenen pausenlos auf einander folgen; oft nicht darum, weil

die Handlung fortgeführt wird, sondern weil das nämliche Geschehnis

von einer andern Seite gezeigt wird und so die Szenen in ihrer

Gegensätzlichkeit Licht auf einander werfen. Die dekorative Kunst ist

nur insoweit bei Shakespeare am Platz, als sie die geistige Bedeutung

nicht verrückt oder hemmt; sie darf uns nicht ablenken, weder durch ihr

Vorhandensein, noch durch ihr Fehlen, noch durch archaischen oder gar

parodistischen Aufputz.

Shakespeare (Volume 1 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 9 / 27 段