Der Unterschied ist nur der, daß all dieses Elisabethische,

Nationale, Antikatholische in der ersten Fassung, die noch durchaus

chronikalischen Charakter hat, den wesentlichen Sinn des Stückes

bildet und überall Erinnerungen an den glorreichen Sieg über die

Spanier, den Untergang der Armada mit sich trägt; daß es dagegen in

der klassischen Gestaltung einem höheren Sinn untergeordnet ist. Ich

will es nicht behaupten, aber es wäre möglich, daß Shakespeare, als er

diesem Stück die Vollendung schuf, im Sinne trug, daß es zu dem großen

Zyklus der englischen Historien, der ihm zusammengewachsen war, den

Prolog bildete. Jedenfalls ist dieser König Johann nunmehr auch von

innen her eine Art Auftakt oder Vorspiel zu dem großen Zyklus: sein

Thema ist dasselbe: was erst eine kraftvolle nationale Chronik mit

schon erstaunlichen Einblicken ins Innere handelnder Menschen war, ist

jetzt bis zur Schlußwendung ganz auf den einen Gegensatz gestellt:

Politik und Menschlichkeit. Mit Ausnahme der allerletzten Schlußrede

hat der Dichter nunmehr, selbst wenn er große Schönheiten opfern

mußte, alles direkte Aussprechen streng verpönt; der Charakter ist den

Menschen angegossen, und keiner kann heraustreten aus seiner Rolle; die

päpstliche Politik und ihre Verworfenheit ist mit einer vorher nicht

erreichten Schärfe gezeichnet, aber nicht minder scharf König Johann,

König Philipp von Frankreich, der Dauphin Louis, die Königin-Mutter

Eleonore als Träger der Politik. Und ihnen stehen gegenüber Konstanze

und Arthur, in denen auch Politik wäre, wenn nicht das Unglück in

ihnen säße; und so tritt in ihr das zügellos leidenschaftliche und

leidende Weib, in ihm das unschuldige Kind als Menschlichkeit der

Politik gegenüber. Hubert ist der loyal knechtische Dienstmann, der

von der Menschlichkeit überwunden wird; und der herrliche Bastard

der Naturmensch und Naturritter, dessen Bestimmung es ist, mit

Gesellschaft, Mode, Politik in Beziehung zu treten, in der er doch

in seiner Kraftnatur, so viel äußere Änderungen, Erhöhungen er auch

mitmacht, so sehr er auch Feldherr und Ratgeber der Krone wird, immer

er selbst bleibt.

Mit einem Wort zu sagen: in der frühen Fassung ist Shakespeare in

einem Stadium, das wir nur von diesem Stück her an ihm als eine

Durchgangsstufe kennen, im Stadium Schiller nämlich; in der klassischen

erst ist er zu sich, zu Shakespeare gekommen.

Ich gehe gleich mitten hinein und gebe ein Beispiel, das mich überaus

bezeichnend dünkt. In ihrem Feldzug um die englische Krone und ihre

Länder ist es für jeden der streitenden Könige überaus wichtig, die

Stadt Angers zu besetzen. Die Bürger erklären -- in beiden Fassungen

--, sie bewahrten die Stadt für ihren rechtmäßigen König; wer aber

recht habe, das müsse sich erst erweisen. So kommt es zur Schlacht, die

jeder der Könige gewonnen zu haben behauptet und die gerade darum nach

dem Bedünken der Bürger von Angers, unter deren Mauern sie gewütet hat,

unentschieden geblieben ist. Sie weigern sich erneut, einem von beiden

die Tore zu öffnen, und diese steife Hartnäckigkeit der Bürgersleute

bringt den ritterlichen Bastard zu dem köstlichen Vorschlag, die

feindlichen Könige sollten zunächst ihre Macht vereinigen, um die

eigensinnige Stadt gemeinsam zu berennen und einzunehmen. Diese

Gelegenheit, wo überhaupt von einer Einigung der streitenden Parteien

erstmals die Rede ist, ergreift nun -- immer in beiden Fassungen -- der

Sprecher der Bürger, um einen überraschenden Vorschlag zur friedlichen

Verständigung anzubringen, der dem ganzen Handel die entscheidende

Wendung gibt: Der Dauphin Louis und König Johanns Nichte, die junge

Prinzessin Blanca von Kastilien, sollen sich heiraten. Das wird dann

akzeptiert, und es kommt -- in beiden Fassungen -- zunächst zu einem

Bunde zwischen England und Frankreich auf Kosten des jungen Arthur,

um dessen Thronansprüche willen Frankreich angeblich den Krieg führt.

In der ersten Fassung nun werden dem Bürger, der den Vorschlag macht,

innig schöne Worte für den Frieden gegen den Krieg in den Mund gegeben,

Worte der Bürgerlichkeit gegen das Kriegsmorden:

Wie aber, Herrn, sollt ihr die Macht verknüpfen?

Zum Schaden nicht der Freund’ und Untertanen,

Mit Streit und Meuterei die Welt zu füllen;

Zum Frieden sollt ihr eure Macht verknüpfen,

Im Fürstenbündnis freundschaftlich zu leben...

Zum ewigen Liebesband den Frieden machen

Gibt’s nur ein einzig ehrenvolles Mittel usw.

Diese schönen menschlichen Erwägungen im Zusammenhang einer ganz

schnöden Aktion politischer Berechnung konnte der schärfer in die Welt

blickende reife Shakespeare nicht mehr brauchen. Für das menschlich

Empfundene dieser Betrachtung hat er gewiß noch so viel Sinn gehabt

wie früher; aber gerade wegen dieses Charakters taugte sie ihm nicht

an die Stelle. Statt dessen spricht der kluge politische Bürger in

Worten eines feierlichen, klingenden, bilderreichen, wunderschön

färbenden, aber inhaltlich leeren Pathos, wie sie für die Vorbereitung

eines prunkvollen höfischen Zeremoniells am Platze sind, und der von

dieser politischen Klugheitsniedertracht angewiderte Bastard bekommt

Gelegenheit, in seinem humoristisch sich äußernden Zorn über die

bombastischen Tiraden zu spotten, ohne daß unsre menschliche Empfindung

getroffen wird.

Damit ist schon etwas über das Verhältnis des Sprachausdrucks in den

beiden Fassungen gesagt. Darum steht es sehr merkwürdig. Die Sprache

im frühen König Johann ist im allgemeinen überaus schlicht, plan,

ungeziert, sachlich, dem ruhigen, ungehobenen Prosaton angenähert.

Dazwischen aber drängen sich allenthalben Stellen ganz andrer Art,

mythologisch, schwülstig, ohne daß sie irgendwie von der Situation

oder dem Charakter des Redenden erfordert werden, so daß man merkt:

der Dichter will sich in diesem Chronikdrama einen früheren ins

Bombastische gesteigerten Stil abgewöhnen, ein paar Verse lang kommt

ihm aber immer wieder die reich geschmückte Rede dazwischen. So redet

der König von Frankreich mit einem Mal von Titan und den Mähnen seines

Gespanns, dem Bastard flüstert Alekto etwas ins Ohr, Morpheus und Mars

geben eine Gastrolle, Konstanze beschwört den Mythus von Briareus, und

dies alles ohne die geringste innere Notwendigkeit oder Möglichkeit.

Im klassischen König Johann gebietet Shakespeare kraftvoll und

überlegen über alle reichen Möglichkeiten seiner Sprache. Wir sehen

es gleich in der ersten Szene; wo beim frühen Versuch alles ganz gut

von statten ging und eine angemessene Sprache wie von selber lief,

da ist diesmal bei der Umgestaltung ein wahrhafter Souverän am Werk.

Zuerst waren zum Eingang ein paar Reden von König Johann und seiner

Mutter da, die sich so anhören, als beginne jetzt gerade das Regiment

Johanns. Das bleibt nun ganz dahingestellt; die Reden fallen weg. Dann

wird in der ersten Fassung die französische Gesandtschaft vorbereitet

und eingeführt, worauf König Johann mit der üblichen Redensart den

Gesandten begrüßt:

Willkommen hier in England, Herr Chatillon,

Ist unser Bruder wohl, Philipp von Frankreich?

Weg damit, sagt der neu schaffende Dichter. Wir kennen seine

unnachahmliche zugreifende Art, sofort ins Thema zu führen, aus andern

Stücken; so nun auch hier. Der Gesandte Frankreichs steht vor dem

Thron, und der König fragt ohne weiteres in einem einzigen Vers:

Nun sag, Chatillon, was will Frankreich uns?

Und dann hebt der Gesandte, der das Ultimatum überbringt, mit

gemessenen Worten an, und im dritten Vers fällt schneidend das Wort

von der erborgten Majestät des Manns, der da auf dem Thron sitzt. Statt

dessen fiel die erste Fassung hier aus der rhythmischen Sprache in eine

bureaukratische Prosa zur Aufzählung der Forderungen; breit und fast

behaglich wird gesagt, der allerchristlichste König habe Arthur, den

Sohn und Erben von Johanns älterem Bruder, in Schutz und Vormundschaft

genommen; das kommt jetzt straff, wie ein fester Hieb heraus:

Philipp von Frankreich, kraft und laut des Namens

Von deines weiland Bruders Gottfried Sohn ...

und wo er früher ganz England und was dazu gehört, „zum Besten besagten

Arthurs“ verlangte, ruft er jetzt schwungvoll:

Daß Arthur es aus deiner Hand empfange,

Dein Neff’ und königlicher Oberherr.

Dann fängt im ersten Text Johann mit seiner Antwort zu rechten und die

Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen an; da würde er selber ja gar

nichts übrig behalten und dergleichen. Jetzt weiß Shakespeare, wie ein

König spricht, der, mag er sonst sein, wie er will, als Machthaber, als

Herr, als Stolzer sich bei solcher Gelegenheit zeigt:

Und wenn wir solches weigern, was erfolgt?

Diese knappe Frage ist seine Antwort.

Nichts ist bewundrungswürdiger, als Shakespeare hier bei der Arbeit

zu sehn; nichts widerlegt auch besser das Gerede von dem unbewußten

Schaffen des Genies im allgemeinen und dieses „Wilden“ im besonderen.

Wahr ist freilich, daß der besonnene, überlegende, ordnende

Kunstverstand, der da die Poesie kommandierte, nicht selber tüftelnd

und berechnend ans Werk ging, sondern den Enthusiasmus und die Liebe,

die sich phantasiestark in die Gestalten hineinversetzte, erst in

die Tiefen des eigenen Herzens sandte. Verwandelt der Dichter das zu

Gedehnte und Gemächliche in Spannkraft und Knappheit, so gönnt er ein

anderes Mal der Leidenschaft die volle Wucht und Breite zur Entladung.

Wie der Bastard vor den Mauern Angers’ den Königen den Rat gibt, ihre

Macht gegen die frechen Krämerseelen da drinnen zu vereinigen, da tut

er es in der ersten Fassung, obwohl sein Charakter in der Skizze auch

da schon angelegt ist, wie ein rascher Mann, der einen famosen Einfall

hat, übrigens aber mit der schuldigen Zurückhaltung:

Wenn Philipp raten darf so mächt’gen Fürsten,

Den Königen von England und von Frankreich,

So spricht er, Euer Gnaden sollten ein’gen,

Die Macht verknüpfen gegen diese Bürger,

Ums Ohr ihnen schmeißen die zerstörten Mauern.

Da ist einmal der Mann und dann als ein gemäßes, passendes Gewand die

Sprache, in der er sich ausdrückt; das geschieht geziemend, und es ist

nichts dagegen zu sagen. Wie aber ist Mann und Sprache, Situation,

Herz und Ausdruck zusammengeschmolzen in dem herrlichen Katarakt, der

sich in der endgültigen Form an dieser Stelle ergießt! Wie haben wir

da in dieser einen einzigen Rede den ganzen Kraftkerl, seine Natur,

seinen Geist und die Neuheit seiner Rolle, in der er sich trotz aller

Zwiespältigkeit zwischen Natur und Politik, die er sehr wohl empfindet,

so treuherzig behagt! Wie sind wir nun jetzt erst aus der gewöhnlichen

Welt einer chronikalischen Dürre emporgehoben in die Wunderwelt, wo die

Romantik aus dem tiefsten Innern, aus der geistgetriebenen Leidenschaft

quillt! Wollten wir bei der Vergleichung dieser beiden Fassungen etwa

an das Wunder denken, das Goethe vollbrachte, als er die rhythmische

Prosa seiner Iphigenie in die ewigen Verse verwandelte, so hätten

wir noch viel zu wenig getan; diese Iphigenie in all ihrer genialen,

wunderschön menschlichen Konzeption müßte erst im kümmerlichen Stil

eines Mannes aus der Aufklärungsgegend, so zwischen Bodmer und

Gottsched, verfaßt gewesen sein, damit die Vergleichung ein rechtes

Bild gäbe; eher dürfen wir der Verwandlung gedenken, die Kleist, wenn’s

zum Tiefsten kam, Molières Amphitryon angedeihen ließ; nur daß hier

das Überwältigende ist, daß Shakespeare nicht das Werk eines andern,

sondern sich selbst so übergewaltig in die Höhe riß. Jetzt ruft der

Bastard:

Bei Gott, dies Pack von Angers höhnt euch, Fürsten,

Sie stehn auf ihren Zinnen sorglos da,

Wie im Theater gaffen sie, wie ihr

In eifervollem Drang den Tod umwerbt.

Nehm’ Eure Majestät von mir den Rat:

-- -- -- --

Von Ost und West laßt Frankreich so wie England

Die platzend voll geladnen Stücke feuern,

Bis ihre Donnerstimme niederbrüllt

Die Kieselrippen dieser frechen Stadt.

Ich wollt’ auf dies Gesindel rastlos hämmern,

Bis wehrlos liegende Verheerung sie

So nackend ließ wie die gemeine Luft.

Wenn das geschehn, teilt die vereinte Macht,

Trennt die vermischten Fahnen noch einmal:

Kehrt Stirn an Stirn, und Spitze gegen Spitze.

Dann wird Fortuna sich im Augenblick

Auf _einer_ Seite ihren Liebling wählen,

Dem sie den Ruhmeskranz des Tages reicht

Und auf die Lippen drückt den Siegerkuß.

Behagt der wilde Rat euch, mächt’ge Staaten?

Schmeckt er nicht etwas nach der Politik?

In dieser hitzigen, aber urgesunden Ekstase, der der Humor und der

Spott gegen die andern wie gegen sich selbst nicht fehlt, kommt

der Natursohn, dem ritterliche und gelehrte und moderne Bildung

nicht fehlt, ohne das geringste aus fernen Zonen oder gar der

Mythologie entnommene Gleichnis aus (denn die leidige Fortuna ist nur

Übersetzernot; die englische fortune gehört der Volkssprache an). Hier

an Ort und Stelle, in der Sinnenkraft der Situation, holt er sich die

Gleichnisse, die seine Leidenschaft braucht: die Bürger auf den Mauern,

die zusehen, wie die Heere um den Tod werben, sind Publikum in einer

Tragödie; und wenn er ein Bild braucht für Öde und Vernichtung, so

fällt ihm in der Wut und dem Ringen um den Ausdruck nichts Besseres ein

als die leere Luft. Im übrigen, was liegt in diesem Moment seinem Zorn

über die Kälte dieser verstockten Stadt näher als eben die steinernen

Mauern und die donnernden Geschütze, die sie umstürzen sollen?

Wie dann die Bürgerpolitik über die Ritterlichkeit siegt, da ist in

beiden Fassungen der Bastard zornig: das erste Mal aus persönlichem

Interesse, weil er selbst sich mit der Hoffnung geschmeichelt hatte,

Blanca zur Gemahlin zu bekommen; jetzt aber, weil zwei Arten, das

gesamte Leben, das private wie das öffentliche, zu führen, gegen

einander prallen. Shakespeare hat aus dem König Johann ein ganz

männliches Stück gemacht, in dem die Geschlechtsliebe nur in der

Vergangenheit, bei der Erzeugung des Bastards, eine auch nicht eben

empfindsame Rolle spielen darf. Ursprünglich, in der jugendlichen

Fassung, war’s anders: da hatte Blanca in einer überaus zarten,

mädchenhaften Wendung anzudeuten, daß ihr Herz nur allzu gern dem

Vorschlag zustimmte, aber um der Sittsamkeit willen um Schonung

und Frist bat. Jetzt ist sie kein Bürgermädchen mehr, sondern eine

Prinzessin, die sich frei und politisch, mit den in solchen Fällen

üblichen festlichen Worten in die Situation findet. Wie aber dann die

Ehe vollzogen ist und nun durch das Eingreifen des Kardinals mit einem

Mal die Parteien sich wieder feindlich trennen, da wird die furchtbare

menschliche wie politische Situation, wo Blanca mit Gesinnung und

Herzen als Fürstin und Gattin in beide Lager gehört, zur Gestaltung

gebracht. Wie Shakespeare jetzt alles episodische Geranke wegschneidet

und den Sinn nie vom Geschehnis überwuchern läßt, so schafft er sich

den Raum, um sein großes Thema in alle Verzweigungen wachsen zu lassen.

Die Fügung der Handlung, die Szenenfolge, die Situationen, die

Charaktere, das alles stammt aus der Konzeption des jungen Shakespeare,

wobei es unentschieden bleiben muß, aus welchen Quellen außer

Holinsheds Chronik er etwa schöpfte. Wollte man bis in die kleinen

Einzelvorgänge hinein die Handlung, die Aufeinanderfolge der

Ereignisse, die Beziehungen der Personen zu einander erzählen, so wäre

es fast gleich, ob man sich an die frühe oder die klassische Fassung

hielte. Dabei aber ist kein Stein an seiner Stelle geblieben, ist keine

Replik und kein Satz geblieben, wie sie erst waren. Ob man die große

Episode des Bastards im ersten Akt oder die Verzweiflungsausbrüche

Konstanzens oder das Auftreten des Kardinals oder das Schicksal des

jungen Arthur oder König Johanns Ende nimmt, immer ist es im äußern

Verlauf dasselbe, ist auch dieselbe Innerlichkeit schon angelegt,

ist es im alten schon schön und interessant und stark, so daß man

kaum etwas vermißt und befriedigt ist, und kann sich vor Staunen und

Beglücktheit dann nicht lassen, wenn man die Steigerung, Verstärkung,

Verfeinerung in der neuen Gestalt erlebt.

Im ersten Akt kommen gleich nach der Abfertigung des französischen

Gesandten die beiden Brüder Faulconbridge an den Hof. Sie streiten

ums Vatererbe, weil der jüngere den älteren für einen Bastard des

verstorbenen Königs Richard Löwenherz erklärt. In der ersten Fassung

kommt die Mutter gleich mit, ist dabei, wie der Streit vor den König

gebracht wird, wird um das befragt, was sie am besten wissen muß,

und leugnet. Diese Peinlichkeit vermeidet Shakespeare in der neuen

Gestalt; nur die Brüder treten am Hof auf. Darum verzichtet er aber auf

die Mutter doch nicht; wann hätte er je ein Motiv fallen lassen? Nun

aber reitet sie atemlos auf ihrem Klepper hinterher, wie sie erfährt,

daß die Brüder ihre Ehre an den Königshof getragen haben, und kommt

an, nachdem alles entschieden ist; und der Bastard, der sich frei

seinen Vater, den großen König, erwählt hat, ist in so strahlendem,

zeugungskräftigem Glück, daß er seine Mutter nicht minder zwingend zum

Bekenntnis der Wahrheit verführt, als einst König Richard das junge

Weib zur Liebe verführt hatte, um dann in die himmlisch menschlichen,

kindlich naiven und verwegenen Worte der Lust an sich, seinem Wesen,

seiner Herkunft und seinem Zeugungsakt auszubrechen:

Ach Mutter!

Von Herzen dank’ ich dir für meinen Vater!

In der ersten Fassung kam es nachträglich auch zu diesem Geständnis

der Mutter; aber durch wieviel gedehnte Reden wurde die Schlagkraft

der Szene abgeschwächt! Auch zuerst schon hatte Shakespeare die Idee,

der Königssohn solle durch eigenen Entschluß, man möchte sagen: in

posthumer Selbstzeugung von sich aus seinen Vater bestimmen; und es war

nicht übel, wie Konvention und die große Naturehre in ihm stritten,

bis er in einer Art von hingerissener Eingebung mit Zungen redete: er

möchte um Hab und Gut und Sitte willen sagen, er sei ein Faulconbridge,

und wird wie von einem Dämon zu dem jubelnden Bekenntnis gezwungen, er

sei der Bastard König Richards. Jetzt ist alles viel knapper, fester,

sicherer; er steckt mit so saftiger Realität in seiner Adelsnatur,

dieser flämische Kraftkerl, der aus einem Bilde von Rubens ausgebrochen

zu sein scheint, daß so eine Art zitternde Mystik nicht mehr am Platze

ist. Und überdies, ging es dem jungen Shakespeare nur um den Fortgang

der jeweiligen Handlung, so ist der reife bei der Kunst angelangt, die

die besondere Shakespearische ist und die nach ihm nie wieder einer so

erreicht hat: die Gestalten sich gegenseitig beleuchten zu lassen, die

Handlung aus den Charakteren zu spinnen und zugleich die Charaktere

durch die Handlung zu modellieren. Hier treten drei Hauptspieler

hervor: König Johann, seine Mutter Eleonore, der Bastard. Schon mit ein

paar Worten, die zwischen den Empfang Chatillons und den Bruderstreit

eingeschoben sind, haben der König und seine Mutter sich gegenseitig

aufgehellt; da sieht man sie nicht in einer Staatsszene, sondern in

rasch geflüsterten politischen Intimitäten; die Mutter zugleich eine

Natur und ein Kopf; sie will das Regiment führen und hat darum den

einzig noch überlebenden Sohn zum König gemacht, damit nicht die ihr

widerwärtige Schwiegertochter Konstanze in Ausübung der Vormundschaft

für Arthur, das Kind ihres ältesten Sohnes, statt ihrer ans Ruder

kommt; sie steht in ihrem Willen und in der Macht, hat aber Frische

genug, um zu wissen und gelegentlich zu sagen, daß es faul um das Recht

steht. Das irgend einem oder auch nur sich selber zuzugeben, ist der

König viel zu dürr und phantasielos; er kann nicht die Standpunkte

wechseln, hat nicht die Umfänglichkeit, mit dem Munde zu lügen und doch

innerlich in der Wahrheit zu sein; er hat die Lüge ein für allemal

angezogen wie einen ledernen Panzer, den er nicht ablegt und der mit

seiner Haut verwachsen ist. So bewährt er sich denn auch -- wovon allem

die erste Fassung nichts weiß -- in der Faulconbridge-Szene, die er

zur feierlichen Gerichtsszene gestalten will, als ein ausgezeichnet

dürrer Jurist; das ist so ein Fall in seiner Kniffligkeit, der ihm, der

Lust nicht kennt, Vergnügen macht: ein in der Ehe geborener Bankert

ist ein eheliches Kind; das setzt er, der König, wo es um einen Sohn

seines großen Bruders gehen soll, den baß erstaunten Landjunkern

haarklein auseinander. Von alledem faßt der Bastard nichts weiter, als

daß sein sogenannter Vater nicht die Kraft hatte, ihn zu enterben; das

leuchtet ihm sehr ein; hatte der Schwächling doch auch nicht die Kraft,

ihn zu zeugen und seine Frau bei der Treue zu halten. Die resolute

Königin-Mutter, der der prächtige Kerl gefällt und die in jedem Zug

ihren geliebten Sohn erkennt, muß eingreifen, um das trockene Gestrüpp

der Juristerei wegzuhauen; sie erkennt in dem jungen Menschen die

echte Natur, den Adel, das kriegerische Feuer: den will sie als Enkel

haben, wo jetzt der Streit gegen das andre zarte Enkelkind, den Sohn

Konstanzes, anheben soll, der soll der Kämpe ihrer Puppe, des Königs

Johann, werden; und nun, wo sie entschieden und Philipp dazu gebracht

hat, sich jubelnd als Bastard ihres Sohns zu erklären, ist der König

wieder ganz in seiner Rolle, die er würdig ausfüllt: er schlägt den

wilden Sprößling seines Hauses feierlich als Sir Richard Plantagenet

zum Ritter.

In der Skizze ist diese Prachtgestalt auch schon in der ersten

Fassung angelegt. Aber wie bekommt sie nun erst das strotzende

Renaissancegeblüt, wie wird sie nun zu einer der strahlendsten,

eigensten Gestalten Shakespeares. Ganz und gar das Gegenstück zu

seinem königlichen Oheim ist der Bastard; auch er, nach der eigenen

Erklärung des Juristenkönigs, ein Erbe mit zweifelhaftem Recht, auch

er ein Erbe ohne Land; aber er ist alles, was Johann nicht ist:

frei, kindlich, lustig, ehrenhaft, wahr; er wird freveln können und

in der Zivilisationssphäre, in die er nun hineinkommt, nah genug

mit Verdorbenheit in Berührung kommen und wird sich, zumal in der

dienstbaren Treue zu dem Mann, der ihn zum Ritter geschlagen und zum

Königssproß gemacht hat, von Verschuldung nicht frei halten; aber er

bleibt, wozu es der König nie bringen wird, eine Natur. Das war so

recht eine Frage für ihn, die Frage seiner Großmutter, die ihm wahrhaft

verwandt ist, nur daß ihr Teil frauenhaft starke List ist, wo er als

tapferer Haudegen dreinschlägt, die Frage:

Was willst du lieber sein, ein Faulconbridge,

Und Land besitzen wie dein Bruder oder

Der anerkannte Sohn des Löwenherz,

Herr deines Adels und kein Land dazu?

Das brachte die rechte Saite in Schwung: ein Königssproß und dazu auf

nichts gestellt als auf sich selber:

Bruder, nehmt Ihr mein Land, ich nehm’ mein Los!

Er ist so eine von den elementaren Naturen, die in jeglichem Element,

selbst im Verbrechen und im Schmutz, unschuldig und rein sind; seine

Stärke und Freiheit ist seine Reinheit, weil er von der Welt nichts

braucht, was außen anhängt, kein Gut, keinen Schmuck, keinen Schein;

er braucht nur Platz zur Entfaltung seiner Kraft. Darum freut er sich

so kindlich seiner Abkunft, weil die ihm sein Ich bestätigt und ihm

versichert, seine herrliche Gestalt, in der er mit Stolz drinsteht,

sei kein Kleid, kein außen an ihm baumelnder Zufall, sondern er selber

in seinem ererbten Adelswesen. Daß er in der Gesellschaft nie ganz

anerkannt sein wird, daß immer etwas Wildwüchsiges, Frevelhaftes

an ihm sein wird, das tut ihm keinen Abbruch; das ist ihm grade

recht, daß seine Ritterlichkeit nicht Sitte, sondern Natur ist. Der

Konvention spottet er, und sein Ursprung soll ihm Lebensmaxime sein,

als ob er ihn sich selbst aus freier Selbstbestimmung als sein eigener

Erzeuger erwählt hätte; er ist der echte Mann der schamlosen Lust, die

Frohgefühl und freier draufgehender Wille zugleich ist:

Geht’s nicht gradaus, so sieht man, wie man’s macht:

Herein zum Fenster oder übern Graben.

Wer nicht bei Tage gehn darf, schleicht bei Nacht,

Und _wie_ man drankommt, Haben ist doch Haben:

Weit oder nah, wer’s kriegt, hat gut geschossen,

Und ich bin ich, woher ich auch entsprossen.

Shakespeare (Volume 1 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 8 / 27 段