Ich habe es unternehmen müssen, an dieser entscheidenden Stelle, die

zum Gipfel der Dichtung führt, die überlieferte Übersetzung, die falsch

ist, zu ändern, und habe für den Zweck dieser Darstellung keine Scheu

getragen, zu tun, was ich in einer Übersetzung des zusammenhängenden

Dichtwerks vermiede: ich habe an einer Stelle den Kommentar

verdeutlichend in die Übersetzung gelegt und habe mir nichts daraus

gemacht, daß dieser Vers dabei einen Fuß zuviel bekommen hat[1].

Wir Menschen, so also tönt es uns aus diesem Hymnus entgegen, wir

Menschen in unserm unsterblichen Teil haben Teil an der Harmonie der

Sphären, an der Himmelsmusik, in der Weltgeist und Natur eins sind;

unser Leib aber, der die Seele ins Gefängnis des kotigen Lebens und

irdischen Todes einsperrt, läßt uns die Harmonie draußen und in uns

drinnen nicht hören.

Aber: Komm, Jessika! Dieser Zuruf des Liebenden an Shylocks Tochter in

diesem Ewigkeitszusammenhang, dieser Ruf zum gemeinsamen Aufstieg

-- Komm, hebe dich zu höhern Sphären --

ist mir die ergreifend schönste Stelle der ganzen Dichtung. Das

ist Jessikas wahre Taufe im Geist; das ist der Aufstieg der

Tochter Shylocks aus der Entwürdigung des Ghetto, im Flug über

alle geschichtlich relativen Stufen hinweg, zur Höhe der vom Geist

beflügelten, im Geist einigen Menschheit. Wie sie noch auf den

Straßen Venedigs war und nur im Maskenfest die glühende Fackel

der Liebe schwang, da war noch Schlacke genug in ihr wie in ihrem

fröhlich-leichtsinnigen Liebsten; aber jetzt sind sie in Belmont,

sind drüben, sind droben: da ist keine Rede mehr von Assimilation und

solchen Nebengedanken aus der Relativität und Anpassung; sie ist von

Shylock weg zu Porzia gebracht worden: mit Lorenzo zusammen ist sie in

das Reich der Freiheit und des Geistes aufgenommen worden.

Und nun folgt eben die Stelle von dem Manne, der, solange er in seinen

Kotleib eingesperrt ist, drunten und draußen bleiben muß, von dem

Manne, der nicht Musik hat in ihm selbst, der also, wir haben es jetzt

eben vernommen, nicht am Himmel, am Ewigen, an der Unsterblichkeit im

Leben schon teil hat.

Wie man diese Worte, die durch ihren Anschluß an die Stelle von der

Sphärenmusik der Himmelsgestirne und unsterblichen Seelen so klar sein

sollten, nicht hat verstehen können, wie sie nicht zur Erkenntnis des

wahren Sinns und Zusammenhangs der Dichtung geleitet haben, ist schwer

zu fassen. Aber selbst Friedrich Theodor Vischer, gewiß nicht der erste

beste, aber freilich eine tragikomische Mischung aus Dichter, freiem

Denker und Philister, nimmt die Worte als gelegentlich eingeflochtene

Sentenz zum Lob der Musik, so nach Art von „Wer nicht liebt Wein, Weib

und Gesang...“ und fügt, zu seinen Hörern gewandt, schnurrig-knurrig

hinzu: „Ist wohl etwas stark, und Sie könnten vielleicht auch sagen

ungerecht, aber desto unzweifelhafter ist damit seine große Liebe zur

Musik dargetan.“ Ach ja --!

Während die Musik immer weiterspielt, treten im Hintergrund Porzia und

Nerissa auf. Porzia sieht zwischen den Bäumen das Licht vom Hause her

schimmern und spricht als erstes Wort, das wir bei ihrer Rückkehr von

der Rettungsreise von ihr hören, einen der sinnend seelenvollen Sätze,

die den Kern der Dichtung treffen; denn so wortgewaltig in dem Teil

der Dichtung, der um Shylock herum die Triebe zur Handlung bringt, die

Leidenschaften auftreten, so handlungsmächtig und handlungdeutend sind

in Porzias Teil die Worte; sie sagt:

Das Licht, das wir da sehen, brennt im Saal:

Wie weit die kleine Kerze Schimmer wirft!

So scheint die gute Tat in arger Welt.

Sie waren, so wähnte man bisher im Haus, auf einer Wallfahrt, um für

ihre Männer, die nach Venedig zur fast unmöglichen Rettung des Freundes

gefahren waren, zu beten. Wir aber wissen: nicht die Männer haben

helfen können, und nicht aufs Gebet hin hat der Himmel geholfen,

sondern durch die Geistestat dieser jungen Frau.

Wir beten all um Gnade,

Und dies Gebet muß uns der Gnade Taten

Auch üben lehren.

Die Art aber, wie das nun bekannt wird, was sie Großes getan hat, führt

zu keiner Ruhmesverherrlichung und zu einer Beschämung der Männer nur

in neckischem Spiel. Wir sind in dem Geisterreich der Freiheit, wo

Seele und anmutiger, nur durch die Grazie in Schranken gehaltener Witz

beisammen sind, und wir brauchen die lässig frohe Abspannung nach der

hohen Spannung so nötig. Die bekommen wir in dem Nachspiel mit den

Ringen; hier ist der fortwährende Doppelsinn der Reden nicht tragische

Ironie, sondern Lust: wir Zuschauer sind ja eingeweiht und lassen

die Männer da droben vergnüglich eine Weile zappeln. So wird denn

keck genug -- die Gatten mußten sich ja um Antonios willen vor ihrer

Liebesvereinigung trennen -- mit dem Liebesakt Scherz getrieben: nie

kommst du in mein Bett, bis ich den Ring habe (ich hab’ ihn ja schon);

oder gar: ich nehme den Richter in mein Bett (freilich, ich bin’s ja

selber).

Noch ein tieferer Sinn aber scheint mir in der Heiterkeit und der Art,

wie hoher Geist sich hier auf den Wegen fröhlichen Spieles dem Alltag

nähert, zu liegen: wie könnten die andern alle, die noch gar kein Recht

auf dieses Reich haben, die alle noch fehlbare oder oberflächliche

und übermütig-verwegene Menschen sind, die nichts zur Rettung gewußt

haben, wie könnten sie gedemütigt sein von der Hoheit dieser Frau,

in der Natur und Geist sich zur Schönheit verbunden haben! Aber des

Höllengrauses wird nun höchstens noch mit leisen Hindeutungen gedacht:

es wird alles in Freude und Liebe und Spiel, in ~fancy~ verwandelt.

Sofern wir reif sind für die Landung in Belmont, wo bohrend

tiefgreifende Losungen und Spaltungen aus unsrer wie Shakespeares

Zeit keine Geltung haben, reif für seine feste Härte und hochfliegende

Liebe, so bringt uns kaum ein andres Stück Shakespeares zu so

persönlicher Dankbarkeit gegen den Dichter, der recht von Herzen

nachsichtig und gütig gegen uns allesamt gewesen ist, gleichviel,

wer wir sind. Wir empfinden dann: hat er Bassanio, Antonio, Lorenzo,

Jessika, Graziano und Menschen noch minderen Grades eingelassen, so

hat er auch uns die Pforte nicht zugesperrt. Wir sind es, wir, denen

Shylocks Wut und Marterschrei nachtönt, wir sind es, die weiter

leben, gedeihen und wachsen müssen wie dürfen, obwohl der Alte an uns

verdorben ist und an uns, wie ein verwundetes Tier, das sich verkrochen

hat, dahinstirbt, wir sind all diese Gut-Schlechten, Lustigen,

Schwermütigen, Wankenden, Wandelbaren; wir -- ob Männer ob Frauen, ob

Juden ob Christen, zumal aber das junge Volk -- wir dürfen in Arbeit

und Spiel unser selbst harren und auf das Reich hoffen, das Reich der

gebundenen und losgelassenen Seelen, der Schönheit und Freiheit, der

Gnade und Harmonie.

Komm, Jessika!

Fußnote:

[1] Nachträglich sehe ich mit Vergnügen, daß auch der zuverlässige

Shakespearephilolog Conrad Hense (dem es übrigens offenbar umgekehrt

geht wie nach Lessings Epigramm Klopstock: er wird mehr gelesen als --

zitiert, von den Fachgenossen nämlich) die Stelle richtig übersetzt und

auch sonst meiner Auffassung recht nahe kommt.

König Johann

König Johann ist ein wehvoll schönes, grimmig starkes Stück

Shakespeares und überdies der Zugang zu einem der wichtigsten Probleme

der Shakespeareforschung. Immer wieder, bei dem und jenem Stück,

stößt man auf die Behauptung, Shakespeare habe da ein früheres Drama

bearbeitet. Das ist manchmal sicher und manchmal wahrscheinlich;

jedesmal aber bin ich bei näherer Betrachtung, ohne daß ich den Wunsch

hatte, es möchte so sein, darauf gekommen, das Wahrscheinlichste

sei, daß Shakespeare selbst der Verfasser auch der früheren Fassung,

die nicht mehr vorhanden ist, sei. Erhalten sind aber die früheren

Fassungen für zwei Stücke, für die Zähmung der Widerspenstigen und für

König Johann. Was die erstgenannte Posse angeht, so unterlasse ich es,

ausführlich die Gründe anzugeben, warum ich beide Fassungen für ein und

dasselbe Stück desselben Autors, Shakespeares nämlich, halte; es ist

ein unbedeutendes Nebenprodukt, das ein szenischer Meister und großer

Sprachkünstler dem rohen Geschmack eines Theaterpublikums, das einen

starken Happen vertrug, hingeworfen hat, und rangiert in Shakespeares

des Schauspielers Werk nicht allzuviel höher als der Bürgergeneral in

dem des Theaterdirektors Goethe. Bei König Johann aber das Verhältnis

des alten Stückes zu Shakespeares Bearbeitung zu untersuchen, ist

von hohem Interesse nicht nur für diese Historie, sondern für unsere

Kenntnis Shakespeares. Es verlangt eine Entscheidung von uns, von der

unser Verständnis für den Entwicklungsgang Shakespeares wesentlich

abhängt.

Das ältere Stück, ~The Troublesome Raigne of Iohn King of

England~, Die wirrenreiche Regierung Johanns Königs von England,

erschien zuerst 1591 ohne Nennung eines Verfassers. Das ist für diese

Ausgaben von Theaterstücken nichts Ungewöhnliches, und zumal von

Shakespeare trug vor 1598 kein Druck eines Stückes seinen Namen; die

Verlorene Liebesmüh in der Ausgabe von 1598 ist das dritte Buch, das

mit Nennung des Verfassers William Shakespeare erschien; die beiden

andern aber waren seine beiden Gedichte Venus und Adonis und die

Lucretia, zu denen nun also ein Spiel kam, von dem man sagen darf, daß

es besonders literarisch war, besondere Ansprüche an die Bildung, die

modische Bildung seines Publikums stellte. Just in demselben Jahre 1598

aber nannte Francis Meres Shakespeare, indem er ihn als einen Plautus

und Seneca zugleich bezeichnete, als den Verfasser von einem ganzen

Dutzend Stücke, sechs Komödien und sechs Tragödien, und dieses Dutzend

wurde ausdrücklich nur als Beispiel für des Dichters ausgezeichnete und

umfassende Kunst angeführt. Ob diese Stücke, auf die sich Meres berief,

bis dahin schon alle im Druck erschienen waren, so wie wir von einigen

Quartausgaben ohne Nennung des Verfassers haben, können wir nicht

sagen; jedenfalls kennen wir keineswegs von allen so frühe Drucke,

und eines, die Gewonnene Liebesmüh, kennen wir überhaupt nicht. König

Johann ist in der Zahl der sechs Tragödien genannt; von welchem Stück

aber spricht Meres da?

Im Jahre 1611 wird der König Johann von einem andern Buchhändler zum

zweiten Mal herausgegeben; aber es ist keineswegs unser König Johann,

den wir in Shakespeares Werken finden, sondern immer noch das alte

zweiteilige Stück vom Jahre 1591. Diesmal aber stand auf dem Titel:

Geschrieben von W. Sh. Einige Jahre nach Shakespeares Tod, 1622,

gab ein dritter Verleger die dritte uns bekannte Auflage heraus und

ließ auf den Titel drucken: Von William Shakespeare. Ein Jahr darauf

erschien die große Gesamtausgabe von Shakespeares dramatischen Werken,

und in ihr erschien zum ersten Mal das uns bekannte Stück Shakespeares

mit dem Titel Leben und Tod König Johanns, und will man dieses Stück in

größter Kürze kennzeichnen, so hat man zu sagen: Es ist ganz und gar

das alte Stück in völlig neuer Bearbeitung.

Wie irgend jemand bei diesem Sachverhalt behaupten kann, Shakespeare

habe dieses frühe Stück, wie es uns vorliegt, als das Werk eines andern

bearbeitet, geht über meinen Begriff.

Zu den Leichtgläubigen und denen, die in zweifelhafte, apokryphe

Werke verliebt sind, gehöre ich nicht. Weder für den Lokrin, noch für

den Thomas Lord Cromwell kann ich anerkennen, daß diese Stücke von

Shakespeare sein müssen; sie können von ihm sein. Lokrin ist 1595

erschienen, und als Verfasser wird W. S. angegeben. Alfred Neubner

in seinem Buch Mißachtete Shakespearedramen (1907) hat das große

Verdienst, sich gegen das landläufige Gerede von der Lügenhaftigkeit

der Quartausgaben gewendet zu haben und uns ein Bild von dem hohen

Stand des Verlagswesens und Verlagsrechts im damaligen England gegeben

zu haben. Auch ich bin überzeugt, daß sich auf dieser Stufe sozialer

und juridischer Einrichtungen nur in seltenen Ausnahmefällen jemand

erlaubte, auf dem Titelblatt eines Buches zu lügen; im Verlagsregister

gar -- das gar nicht fürs Publikum bestimmt war -- war weder ein Grund

noch eine Möglichkeit dazu da; das hat Neubner trefflich gezeigt.

Im Falle des Lokrin nun ist ins Verlagsregister kein Verfassername

eingetragen, wie es ja sehr häufig unterblieb, und von W. S. mit Tieck

und Neubner zu behaupten, diese beiden Buchstaben können nur entweder

William Shakespeare oder Wentworth Smith bedeuten, bringe ich nicht

übers Herz. Was wissen wir, wer alles in dieser üppigen Zeit des

Dramenwachstums Stücke schrieb, ohne daß sein Name uns bekannt wurde!

Wo wir doch ein so Shakespeare ebenbürtiges Stück haben, wie den Eduard

III., von dem kein Mensch sagen kann, es müsse von Shakespeare sein!

Mir wäre es überaus wichtig zu wissen, ob der Lokrin Shakespeare zum

Verfasser hat; es könnte sehr wohl sein, und gewiß hätte ich nichts

dagegen. Es wäre dann vielleicht -- denn das späte Erscheinen der

Ausgabe, die wir haben, beweist nichts -- das früheste Werk, das wir

von Shakespeare kennten. Die Sprache ist schwülstig und bildüberladen

ohne gleichen, durch fernhergeholte, mythologische Gleichnisse und

Anspielungen müssen wir uns durchschlagen wie durch Urwaldgestrüpp, bei

alledem aber ist die Sprache edel, geistig bedeutend, leidenschaftlich,

manchmal innig und des Verfassers des Titus Andronikus ganz würdig.

Und das nämliche gilt für Handlung, Komposition und Motivierung. Die

Werbung Lokrins um Estrild kann etwas an Richard III., die strophische

Sprache der gereimten Stellen an Venus und Adonis erinnern. Es ist ein

Ungetüm, das bei aller außerordentlichen dichterischen Begabung seines

Verfassers keine eigene Bedeutung hat; eine Probe, ja eine Verheißung

könnte es sein. Wie interessant, wenn es von Shakespeare wäre, wenn man

sagen müßte: aus dieser Häufung mythologischer Gelehrsamkeit hat er

sich zur Selbstbeschränkung und Sachlichkeit derart hinaufgearbeitet,

daß er manche seiner Erforscher instand setzte, zu behaupten, er wäre

ein ganz ungebildeter Kerl gewesen! Aber das muß alles dahingestellt

bleiben, da seine Verfasserschaft nicht erwiesen ist; und der

Shakespearekunde erlaubt dieses Stück nicht den kleinsten Schluß.

Und wie interessant gestaltete sich unsere Kenntnis von Shakespeares

Entwicklungsgang weiter, wenn nun auch die Tragödie Thomas Lord

Cromwell von ihm wäre, die in allem das reine Gegenteil von Lokrin

ist! Ich habe mich vorhin sehr schroff von Der Widerspenstigen Zähmung

abgewandt; aber genialisch ist dieses schlechte Stück im ganzen und in

wie vielen Einzelzügen; ich werde von Shakespeares Perikles, Fürst von

Tyrus, das in der Anlage dem Cromwell verwandt ist, nicht allzuviel

Gutes zu sagen wissen, aber in der Sprache, in den Szenen der niedrigen

Sphäre, in manchem charakteristischen Zug ist es Shakespeares würdig.

Im Thomas Cromwell aber kann ich nicht gerade Genie entdecken. Es ist

eine biedere, sehr kindliche Chronikaktion und erinnert weder in den

tragischen noch in den komischen Partien an irgend etwas, was wir

sonst von Shakespeare kennen. Das aber wende ich keineswegs gegen

seine Verfasserschaft ein; was wissen wir von seinen Möglichkeiten,

Versuchen, Abwegen, Anfängen! Wäre das Stück von ihm, so könnte er

diesen kindlich volksmäßigen Stil sich zur Übung im Einfachen, zum

Abgewöhnen des Metaphern- und Mythologieschwulstes verschrieben haben.

Aber es ist wieder kein genügender Beweis da. Wir kennen keine frühere

Ausgabe als die von 1602, und die ist anonym; dann folgt 1613 eine

andre, die W. S. als Verfasser nennt. Achtlos Vorbeigehen kann man an

solcher Angabe nicht; aber durchschlagend ist sie wahrlich auch nicht.

Wie anders aber liegt der Fall bei dem frühen König Johann! Da ist

vor allem zu sagen: es spricht gar nichts dagegen. Bei den andern

zweifelhaften oder wenigstens angezweifelten Stücken, auch bei denen,

die zu Shakespeares Lebzeiten mit seinem vollen Namen erschienen

sind, dem Perikles, dem Londoner Verlorenen Sohn und dem Trauerspiel

in Yorkshire, muß in der Tat gefragt werden, warum sie 1623 in die

große Gesamtausgabe nicht aufgenommen wurden. Diese Frage ist freilich

keineswegs eine Abweisung; es wäre sehr wohl möglich, daß Shakespeare

selbst verfügt hat, diese Stücke als zu schlecht wegzulassen, oder daß

Shakespeares Freunde sie von sich aus um deswillen nicht aufgenommen

haben; oder es kann noch andere Gründe geben; aber beim frühen König

Johann kann nicht einmal die Frage zugelassen werden: solche Philologen

waren Heminge und Condell gewiß nicht, daß sie außer dem vollendeten

Stück auch noch eine verworfene Fassung, die genial genug, aber doch

eben im Vergleich mit dem meisterlichen Drama minderen Wertes war,

aufgenommen hätten. Ich weiß im Augenblick nicht, ob auf der Abschrift

von Wilhelm Meisters Theatralischer Sendung, die man in Zürich fand,

der Verfassername stand; aber wenn darauf gestanden hätte: von J.

W. G. -- so wäre das genau der Fall des frühen Dramas König Johann

von W. Sh., nur daß dieses öffentlich im Druck erschienen, die

Sendung von einer fremden Hand geschrieben ist. Man könnte das als

eine Übertreibung zurückweisen wollen; der Wilhelm Meister sei von

Goethe erfunden; König Johann aber ein historischer Stoff, den jeder

behandeln könne. Allerdings: den jeder behandeln kann und den der

Bischof John Bale ums Jahr 1550 in einer Art behandelt hatte, die in

keinem Zug an die beiden Fassungen eines Stückes erinnert, die uns hier

vorliegen. Der Gang der Handlung, der szenische Aufbau, die Anlage der

Charaktere, das Gegeneinanderwirken der Personen, die Motivierung,

die Einteilung des Dialogs, wie eine Rede ihre Replik ruft, das

alles ist in dem frühen Stück die Erfindung, das schöpferische Werk

eines großen Dichters, und niemand leugnet, daß das Stück, das als

das Shakespeares in den Werken steht, der Vorlage in alledem folgt,

entweder beibehaltend oder umgestaltend; das wird allerseits zugegeben,

daß Shakespeare diesem früheren bedeutenden Stück Szene für Szene

gefolgt ist. Ich kann mir also nicht helfen: entweder hat Goethe mit

seinem Wilhelm Meister ein Werk der Bäbe Schultheß frei bearbeitet,

oder Shakespeares König Johann ist in beiden Fassungen von ihm. Denn

so ist es: wir haben ein Stück in zwei Fassungen, die beide bedeutend

sind, und so, wie es Leute gibt, die die Theatralische Sendung dem

vollendeten Meister und Gottfried Kellers Gedichte in der ersten

Fassung ihrer letzten Feilung und Rundung vorziehen, so haben sich

auch welche gefunden, denen der erste König Johann lieber ist; ich

aber gehöre zu ihnen in diesem Fall so wenig wie in den andern; es

ist nicht meine Sache, den Meister mit seiner Schulzeit meistern zu

wollen. Aber wir haben jedenfalls die erste Fassung und die Mitteilung

aus dem Jahre 1611, sie sei von W. Sh., und aus dem Jahre 1622, sie

sei von William Shakespeare. Als dann das Jahr darauf dasselbe Stück

durchgeackert und umgekrempelt in der Folioausgabe erstmals erschien,

konnte wahrhaftig niemand auf den närrischen Einfall kommen, unter uns

Späteren könnte es gelehrte Leute geben, die Shakespeare die geniale

Neubearbeitung allein ließen, die geniale Konzeption aber absprächen!

Selbst wenn uns nicht erst W. Sh., dann William Shakespeare als

Verfasser genannt wäre, müßten wir sagen: das ist von Anfang bis zu

Ende ein Stück in zwei Fassungen; und die erste muß so von Shakespeare

sein wie die Geschichte Gottfrieds von Berlichingen von Goethe. Und

ich sage ehrlich und möchte das zugunsten mancher Shakespeareforscher

aussprechen, daß ich überzeugt bin, im neunzehnten Jahrhundert hätte

keiner, der den Sachverhalt prüfte, das frühere Stück mehr Shakespeare

absprechen können, wenn nicht Tiecks Eintreten für diese Urheberschaft

gewesen wäre! Denn das mußte in der Tat bedenklich und vorurteilsvoll

machen, da Tieck besinnungslos so ziemlich alles, was kindlich,

unfertig und schlecht war, begeistert Shakespeare zuschrieb, sowie es

aus der Zeit stammte und keinen Verfassernamen aufwies! Aber man hätte

Tieck so wenig blind zur Autorität für noch gegen Tiecks Meinungen

machen dürfen; hätte vielmehr erkennen müssen, daß es z. B. für seine

Behauptung, das Drama von König Leir und seinen drei Töchtern sei von

Shakespeare verfaßt, äußere Gründe so wenig wie innere gibt, daß aber

der erste König Johann aus äußern wie innern Gründen von ihm verfaßt

sein muß.

Zugegeben, es gibt auf diesem Gebiet keinen absoluten Beweis; das

lehren die falschen Wanderjahre und ähnliche Mystifikationen.

Selbst zur allergrößten Wahrscheinlichkeit muß noch ein Entschluß

kommen, damit sie Gewißheit werde. Wir haben hier einen solchen Fall

allergrößter Wahrscheinlichkeit; ich entschließe mich zu der Erklärung:

Es ist gewiß, daß der erste König Johann Shakespeares erste Fassung

dieses Stückes ist, und brauche zu diesem Entschluß nicht mehr Kraft

aufzuwenden als zu der Überzeugung, daß die in Fräulein von Göchhausens

Handschrift überlieferten Faustszenen eine frühe Fassung von Goethes

Faust sind.

Haben wir uns aber zu dieser Gewißheit entschlossen, so ergeben sich

daraus die wichtigsten Schlüsse. Eben das steht nun fest, womit als

einer angeblichen Unmöglichkeit Shakespeares Autorschaft bestritten

werden sollte: daß der Dichter auf einer frühen Stufe seiner Produktion

in einer Art, die wir sonst nirgends an ihm kennen, eine ausgeprägt

aktuell politische, nationale, antipapistische Tendenz in sein Werk

eingelassen hat. Aber es geht wahrhaftig nicht an, unumstößliche

Tatsachen entscheidender Art für unerheblich zu erklären oder zu

ignorieren, weil man an seinem fertigen Bild Shakespeares keine

Änderung leiden mag. Ich muß umgekehrt vorgehen: ich bekomme zu dem

Bild des immer Wachsenden neue, wertvollste Züge, weil ich um Tatsachen

nicht herumkomme. Auch ich bin von diesen Zügen ungemein überrascht;

aber weder meine Überraschung noch mein Widerstreben dünkt mich ein

Gegenargument objektiver Art.

Zunächst ist zu sagen, daß Shakespeare bei der Neugestaltung seines

Stückes -- wann er sie vornahm, ist nicht auszumachen -- nichts

eigentlich von den Motiven fallen ließ; er hat nur vieles, was im

sichtbaren Vordergrund stand, in den Hintergrund des Berichts oder

Auftrags oder der Erwähnung gedrängt, hat Licht und Schatten neu

verteilt, hat ganze Szenen durch eine kurze Dialogstelle ersetzt

und hat so in einer unvergleichlich ursprünglichen und kräftigen

Nachschöpfung des schon einmal Geschaffenen seinem Stück einen neuen

Sinn gegeben. Das Antipäpstliche ist noch da, weitaus stärker auch in

der klassischen Fassung des König Johann als in irgend einem andern

Stück Shakespeares; auch auf das Nationale hat der Dichter keineswegs

verzichtet; hat er auch die gewaltig trompetende Schlußszene der frühen

Fassung nicht mehr brauchen können und sich um seines neuen Sinns

willen mit einer verhalten und sogar matt verrinnenden begnügt, so ist

doch der allerletzte Schluß noch da, aus dem der Bastard wie aus dem

Rahmen des Stücks heraus an die Rampe tritt und wie der Sprecher eines

Epilogs dem Publikum, dem englischen Volk zuruft:

Dies England lag noch nie und wird auch nie

Zu eines Siegers stolzen Füßen liegen,

Als wenn es erst sich selbst verwunden half.

Shakespeare (Volume 1 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 7 / 27 段