Der Schauplatz verwandelt sich: wir sind wieder in Venedig. Da haben

wir die andre Werbung, die Werbung um Shylock. Mit dem Wucherer, mit

dem Geldjuden lassen sich die Vornehmen ein, Bassanio und Antonio. Der

ganze furchtbare Gegensatz tut sich auf und wird dann von Shylock mit

einer schnellen Leichtigkeit überbrückt, die zeigt, welches Talent

auch er zu Spiel und Ironie hätte, wenn er nicht in die Finsternis

gebannt wäre, wo er schmiedet, unheimliche Pläne schmiedet; seine

infernalische Phantasie und Schlauheit, die ohne jede eigne Heiterkeit

an einen Scherz, ja an eine Anwandlung von Großmut glauben läßt, bringt

es zustande, daß der Vertrag unterschrieben, daß der Schein ausgestellt

wird.

Und nun wieder nach Belmont! Jetzt sehen wir, was es mit den Kästchen

auf sich hat: der Mann, der für Porzia, dies edle Frauenbild, bestimmt

ist, soll sich auf das, was dem Manne zukommt, aufs rechte Wählen,

auf die rechte Entscheidung verstehen; und wer sich da nicht bewährt,

soll nie wieder um eine Frau werben dürfen. Der erste Bewerber zeigt

sich uns, der Prinz von Marokko: sein kriegerisch renommistisch

bombastisches Wesen und Porzias überlegen höfliche Ironie und

Gelassenheit, die getrost darauf baut, daß ihr Schicksal _ihr_

Schicksal sein werde, begegnen einander.

Sofort aber wird das wieder abgebrochen, und in Venedig, in den

nächsten vier Szenen, beginnt eine neue Handlungsreihe, in der es

um Shylocks Schicksal geht. Keine Spur menschlichen Verhältnisses

ist durch das Geldgeschäft zwischen Shylock und Antonios Kreis

angesponnen worden; niemand hat menschliche Beziehungen zu Shylock.

Nicht Lanzelot Gobbo, sein Diener, der junge Kerl aus dem Volk mit

dem derben Mutterwitz; er verläßt den knausrigen Herrn, geht ins

Lager Bassanios über und hilft bei der Entführung der Tochter. Nicht

Jessika, diese Tochter: die Schlauheit, die Verstellungskunst hat

sie vom Vater geerbt; die Lieblosigkeit, die er gegen sie und ihre

Mutter gewiß nicht, wohl aber gegen die ganze Christenwelt übt, hat

sie auch überkommen: aber sie wendet sie gegen ihn und liebt, jung,

leichtfertig und sehnsüchtig, niedrig und schwärmerisch zugleich,

einen Jüngling aus dem andern Reich. Ein Fest bereiten sie wieder

vor, diese Übermütigen; Shylocks ganze Abneigung gegen die Heiterkeit

dieser Renaissancemenschen, dieser Christen, gegen ihre Maskeraden und

Tollheiten und den Lärm, den sie Musik nennen, drückt sich aus; und

gerade zu diesem heiteren Fest trägt Jessika die Fackel und flieht von

der Stätte des Hasses und der Gier zu zweckloser, spielerisch-farbiger,

berauschter, gliederlösender Freude und Liebeslust. Und in derselben

Nacht bricht Bassanio zur Fahrt übers Meer, zur Werbung auf.

Nun wieder Belmont. Der Marokkaner trifft seine Wahl. Gold, Silber

und Blei, so geht’s abwärts, wenn man auf die Fassung, das Material

der Kästchen sieht; aber er achtet nicht darauf, daß die Steigerung

umgekehrt ist, wenn man auf den Inhalt der Sprüche hört. Wir

vernehmen’s: Gold -- „Wer mich erwählt, gewinnt, was mancher Mann

begehrt“, es trifft die Wirklichkeit, besagt aber nichts über die

Würdigkeit des begehrend Wählenden. Das aber wählt er und bekommt zur

Antwort, der prunkende, protzige Fürst: Es ist nicht alles Gold, was

glänzt.

Verwandlung: Venedig. Shylocks Verzweiflung über Tochter und Geld und

Juwelen lernen wir im Bericht kennen. Was für eine Wirklichkeit, grell,

häßlich, mit aller Gewaltsamkeit der Realität gestopft, gegen die

heiter flüchtige, wie immaterielle Phantasiewelt in Belmont. Dort wie

hier hat einer das Gold erwählt; dort wie hier ein geschlagener Mann;

aber welche Unvergleichlichkeit! Schon bangt uns um Antonio, aus dessen

Kreis der Räuber kam, der Jessika samt Shylocks Schätzen gestohlen hat:

Daß nur Antonio nicht den Tag versäumt,

Sonst wird er hiefür zahlen.

Eine Wolke kommt näher; es laufen Gerüchte um, dem Antonio sei ein

Schiff untergegangen. Und zugleich steigert sich die seelische

Bedeutung des schwermütigen Mannes für uns; wir erfahren, daß er sein

ganzes Herz an Bassanio gehängt hat; daß ihm das Liebesglück des

Freundes repräsentativ ist, wie sonst nur dem Liebenden sein eigenes

Glück; in einer strahlenden und doch dunkeln Abendbeleuchtung steht er

da.

Und hier, die Augen voller Tränen, wandt’ er

Sich abwärts, reichte seine Hand zurück,

Und als ergriff’ ihn wunderbare Rührung,

Drückt’ er Bassanios Hand; so schieden sie.

Wir sind gespannt; aber der Dichter bricht ab. Wir müssen mit ihm rasch

übers Meer, nach Belmont, zur Kästchenwahl. Der Prinz von Arragonien

trifft seine Wahl. Silber: „Wer mich erwählt, bekommt so viel, als

er verdient.“ Wir sind schon höher oben; schon ist eine Beziehung da

zwischen Entscheidung und innerem Wesen des Wählenden; bedächte der

Prinz nur, daß wer seines eigenen Verdienstes selber sicher sein will,

es ermessen muß an seiner eigenen Hingabe und Opferfähigkeit! Denn

freilich, was das Urteil über den Wert der andern angeht, was haben wir

eher zu fragen, als ob sie ihr Amt verdienen? Da sagt er in einer der

sentenziösen Reden, die in Porzias Reich an ihrer Stelle sind, schon

prachtvolle Dinge; im Objektiven, im Kritischen paßt er hierher:

O würden Güter, Rang und Ämter nicht

Verderbter Weis’ erlangt, und würde Ehre

Durch das Verdienst des Eigners rein erkauft:

Wie mancher deckte dann sein bloßes Haupt!

Wie manchem, der befiehlt, würde befohlen!

Wie viel des Pöbels würde ausgesondert

Aus reiner Ehre Saat! Und wie viel Ehre

Gelesen aus der Spreu, dem Raub der Zeit,

Um neu zu glänzen!...

Ich halt’ es mit Verdienst!

Und so wählt er als Selbstgerechter, wie mancher Mann, der sich nur

darum für würdig hält und nur so zur Entscheidung schreitet, daß er

sich besser weiß als die meisten andern. So aber kann Porzia nie die

Seine werden; so darf er nie um ein Weib freien. Er geht; und nun wird

Bassanio gemeldet; und wir sind begierig, Antonios Freund von uns aus

nah kennen zu lernen; noch haben wir ihn kaum im Ernste gesehen. Ist

er der, dem Porzia zuteil werden darf? Ist er der, um dessentwillen die

Gefahr Antonio näher und näher rücken darf?

So kehren wir nach Venedig zurück; wir kennen nun schon den Aufbau

des Stücks: der Kreis, in dessen Mitte Shylock sich bäumt, soll erst

durch Bassanio zu Porzias Reich in Beziehung gesetzt werden, bis diese

zur Rettung verkleidet aufbrechen muß, um den Unhold zu überwinden.

Einstweilen werden die einen und die andern Dinge getrennt von einander

fortgeführt und jeweils wieder abgebrochen. Heiter ernst, sinnig

bedeutsam geht es in Belmont zu; mit Wirklichkeiten so nah gequält, wie

dort mit Märchenhaftem ins Ferne und Allgemeine entrückt, sind wir auf

den Straßen Venedigs. Jetzt hören wir -- zu Beginn des dritten Aktes --

Schreckhaftes von Antonios Verlusten; zugleich aber, nun wir ahnen, was

kommen kann, reckt sich Shylock gewaltig in die Höhe: hier, an dieser

Stelle, spricht der Jude, der Nichts-als-Jude, der Repräsentant seines

Volkes, der Erbe, der alle Unterdrückung, Mißhandlung, Beschimpfung

und Schmach in seinem vergifteten Blute kochen fühlt. Und dazu der

neue Grund: seine Tochter, seine Dukaten; und die neue, o, gewiß, seit

der Jugendzeit die erste Hoffnung für diesen Mann, die nichts mit

Besitzgier zu tun hat: die Rache, mit der er phantastisch gespielt hat,

könnte zu wirklichem Ernst werden! Und in einander verfilzt empfindet

der Unselige den fast körperlichen Schmerz bei Tubals Nachrichten von

der Tochter und das Jauchzen seines Herzens bei den Mitteilungen über

Antonios gefährdete Lage; und schon empfinden wir voraus, wie er das

Messer, das ihm jetzt durchs Herz fährt -- Antonio aber hat es gewetzt,

Antonio ist ihm der Führer des Kreises, aus dem Lorenzo kam --, wie

er es wollüstig grausam gegen Antonio wenden wird. Das Traurigste an

diesem aus der Welt, aus Licht und Sonne der Gemeinschaft und der

Achtung verstoßenen Mann ist doch vielleicht, daß er auch aus seinem

eigenen Herzen gestoßen ist, daß er in seinen eigenen Motiven nicht

eindeutig, nicht sicher ist. Sein Verstand kennt sich in seinen Trieben

nicht aus, sie mißleiten einander gegenseitig, er steht keineswegs

immer rein in der Rache; er hegt den gewinnsüchtigen Nebengedanken:

Wenn Antonio -- durch juridischen Mord -- aus dem Wege geräumt ist, „so

kann ich Handel treiben, wie ich will“.

Und wieder die Verwandlung, wieder hin nach Belmont, und diesmal ganz

besonders von Nacht zu Licht. Das ist die große Bassanioszene. Beide,

Porzia und Bassanio, erleben jetzt ihre Steigerung ins Hohe. Sie

haben wir bisher fast nur von der anmutig klaren, neckisch heiteren

Seite kennen gelernt; und in der Art, wie ihre Liebe sich jetzt von

vornherein verrät, fehlt das dunkle, trübende Element der Leidenschaft:

die herzliche Innigkeit äußert sich in der Form des hellen Geistes;

das Wunderseltene geschieht, daß Wärme und Licht beisammen sind. So

drückt sich denn in all diesen Belmontszenen die Handlung in der Form

der schönen, zur Wohlredenheit gewandelten Sprache aus; immer, wenn

Shakespeare die höchste Sphäre gestaltet, werden wir nicht mehr durch

ausbrechende Natur bis ins Mark hinein erschüttert, der Trieb geht in

Geist, die Aktion in Sprache, die Sprache in Musik über. So tritt denn

auch hier diese letzte Steigerung hinzu; während Bassanio in inniger

Versenkung, kaum hoffend, daß er der Berufene sei, im vollen Gefühl

der repräsentativen Bedeutung des Augenblicks, mit sich zu Rate geht,

wohin er seine Entscheidung schlagen soll, ertönt auf Porzias Geheiß im

Hintergrund Musik, und eine Frauenstimme, vom Chor begleitet, singt ein

Lied.

Sagt, woher stammt Liebeslust?

Aus dem Haupte, aus der Brust?

Eben die Frage, die Porzia aufgibt. Wir müssen sie aber noch in

Shakespeares Original vernehmen; Schlegel hat hier nicht alles zum

Ausdruck bringen können:

~Tell me, where is fancy bred,

Or in the heart or in the head?~

~Fancy~: die Einheit von Liebe, Lust, Laune und Phantasie -- das

ist das Reich, in dem wir bei Porzia sind.

Man macht, da es so überaus schön wäre, diese entscheidende Stelle in

deutscher Schönheit ohne Minderung des Sinns zu vernehmen, den Versuch,

den Beginn dieses Lieds von der Wiege der Liebe sich von dem modernen

Verbesserer Schlegels, von Gundolf singen zu lassen, der mit feierlich

abweisender Gebärde so anspruchsvoll auftritt, -- und fällt in den

Abgrund:

Sagt, woher die Liebelei,

Aus dem Hirn oder Herzen sei?

Ich würde diese kümmerlich-kecke Verballhornung, die gleich kläglich

am Inhalt wie an der Stimmung wie sogar am Rhythmus scheitert, nicht

anführen, wäre es mir so ähnlich nicht beinahe jedesmal gegangen, wenn

ich Grund hatte, mich nach einer Verbesserung Schlegels umzusehen:

oft hatte Gundolf dann, was Schlegel schlecht oder ungenügend gemacht

hatte, zufrieden stehen lassen; hatte er auch Anstoß genommen, so war

seine Fassung eine Verschlechterung.

Von Tönen gewiegt, von Liebesphantasiegeist umklungen geht Bassanio

an seine Entscheidung. Er spricht seine große Rede von der Echtheit

und dem Schein. Der Schein herrscht in der Welt: im Recht wie im

Gottesdienst; das Laster tritt als Tugend auf, die Falschheit putzt

sich als Schönheit aus. So verwirft er das lockend schimmernde Gold;

das Silber ebenfalls, das ihm -- den Münzverhältnissen der Zeit

entsprechend -- vor allem der Vertreter des feilen Geldes, „gemeiner

bleicher Botenläufer von Mann zu Mann“ ist. Er wählt das Blei, dessen

Inschrift wir kennen: „Wer mich erwählt, der gibt und wagt sein Alles

dran.“ Goldnes und silbernes Kästchen verheißen Gewinnen und Erlangen;

das bleierne fordert Hingabe und wagemutiges Opfer. Die Liebe wird dem

gewonnen, der gebend wagt, der sich tapfer verliert.

Und nun das holde Liebesglück, und das Gegenspiel auf einer, wenn schon

niedrigeren, doch immer anmutigen Stufe: Graziano und Nerissa werden

ein Paar; Bassanio empfängt Porzias Ring mit dem Gebot, ihn nie von der

Hand zu geben. Dann kommen die andern Freunde aus Venedig; Lorenzo gibt

Shylocks Tochter, Jessika das schöne Heidenkind, Porzia in Obhut; und

es ragt nun die Sphäre der gräßlichen Wutwirklichkeit in Fancys Reich:

die Nachrichten aus Venedig sind da; Antonio ist ruiniert, alle Schiffe

auf allen Meeren gescheitert; der Schein ist verfallen; Shylock will

sein Recht, will kein Geld mehr, selbst wenn man es hätte; Bassanio

eilt -- in argem Schuldgefühl -- mit Porzias reichen Mitteln zu Hilfe.

Vorher haben sie sich -- wir Zuschauer sind nicht dabei, es ist keine

Zeit mehr zu Festen -- in Eile vermählt.

Der Schauplatz verwandelt sich: Antonio, der schon von Shylock ins

Gefängnis geworfen ist, hat sich vom Schließer zu ihm führen lassen,

um ihn um Aufschub, Geduld, um Gnade zu bitten. Nichts da; er will den

Schein.

Du nanntest Hund mich, eh’ du Grund gehabt;

Bin ich ein Hund, so meide meine Zähne.

Antonio faßt sich dann; er weiß, das Recht muß seinen Lauf haben; was

sollte aus der großen Handelsstadt Venedig werden, wenn die Fremden

nicht die Gewähr hätten: hier wird streng nach dem geschriebenen Recht,

nach dem Wortlaut der Verträge gerichtet? Und überdies: lebenssatt war

er schon immer; sei’s drum! Ihm liegt nur noch daran, daß der Freund

sieht: er tritt bis zum letzten, mit seinem Leben, für ihn ein. Nun, wo

die Not da ist, kann auch er der ziellos melancholische, passive Mann,

sich einem einzigen, dem Freunde, hingeben.

Wir sind -- ich wage es zu sagen -- in einer wohligen Spannung. Selbst

wenn wir nicht jeden Teil des Stückes aus dem Ganzen heraus empfingen,

zum Beginn und zur Mitte schon das Ende dazu nähmen, selbst wenn wir

wären, wie wir uns immer wieder spielend anstellen: solche, die den

Verlauf allererst kennen lernen, -- selbst dann wüßten wir aus der

immer, regelmäßig dazwischen tretenden Einkehr in Porzias Reich: das

Äußerste darf, kann nicht geschehen; Traum, Geist und Spiel müssen zur

rechten Zeit kommen und die Wirklichkeit der Affekte verscheuchen; das

Wort muß kommen, die menschliche Rede, die Redelichkeit -- wie man im

Mittelalter die Ratio nannte --, und muß sieghaft über dem Trieb, dem

Schein, dem Buchstaben stehen. Und schon sind wir wieder in Belmont und

von sanfter, heiterer Hoffnung erfüllt: Porzia mit Nerissa bricht in

Männerkleidung auf nach Venedig. Und auch nachher noch bleiben wir eine

Szene weiter in Belmont; wir kommen in Porzias Garten; wir hören aus

dem Mund der erwachenden und wachsenden Jessika, die aus dem nächtigen

Haus ins Reich des Lichts verpflanzt worden ist, Porzias höchstes Lob:

Die arme rohe Welt

Hat ihres Gleichen nicht.

Und zugleich -- wohl zu beachten -- wird die Gelegenheit benutzt,

um von Lanzelot Gobbo in derbem Spaß die äußerliche Bekehrung zum

Christentum verspotten zu lassen.

Und nun nach Venedig in den Gerichtssaal, zu der einen großen Szene,

die den vierten Akt füllt; denn das ganz kurze Nachspiel, das zum

Finale überleitet, schließt, ohne daß Zeit dazwischen liegt, an die

Gerichtsszene an.

Eine gewaltiger aufgebaute Szene kennt die dramatische Literatur nicht;

sie wäre nur mit einem vollendeten Satz Beethovens, etwa aus einem der

letzten Quartette, zu vergleichen. Die Dissonanz wird zu einem fast

unerträglichen Gipfel geführt, und in all diese scharfen, gehackten,

schneidenden Rufe einer trotz allem fast gerechtfertigten Häßlichkeit

kommt die Engelsstimme in Porzias Kavatine von der Gnade.

Kaum ist der junge berühmte Rechtsgelehrte aufgetreten, hören wir aus

seinem Mund die in ihrem Widerspruch seltsam starken Worte:

Dann muß Gnad’ der Jud’ ergehen lassen.

Shylock kennt kein solches Muß, und mit der Verstandeslogik der

Herzensdummheit fragt er, was oder wer ihn zwingen solle, vom Recht zu

lassen.

So aber war’s nicht gemeint; o nein, da hast du schon recht; äußerlich

kann dich nichts zur Gnade zwingen. Gnade ist eine Gabe; man ist

begnadet, wenn man Gnade üben kann.

Die Art der Gnade weiß von keinem Zwang,

Sie träufelt wie des Himmels milder Regen

Zur Erde unter ihr, zwiefach gesegnet:

Sie segnet den, der gibt, und den, der nimmt...

Das Mystische in der augustinischen Gnadenwahl erklingt in wonnig

freier Anwendung aus dieser Rede (ganz verkehrt von Horn, Shakespeare

darum zum Verfechter einer theologischen Lehre zu machen!):

Darum, Jude,

Suchst du um Recht schon an, erwäge dies,

Daß nach dem Lauf des Rechtes unser keiner

Zum Heile käm’: wir beten all um Gnade,

Und dies Gebet muß uns der Gnade _Taten_

Auch _üben_ lehren.

Porzia selbst mit ihrem Geist anmutiger Natur ist solch eine Begnadete,

wie Shylock ein Enterbter ist; und Bassanio hat sie erringen dürfen,

weil er die Entscheidung getroffen hat, zu geben, von Herzen zu geben,

und sein Alles dran zu wagen.

Aber gleich hebt wieder die Hölle an, die Pein ist kaum mehr zu

ertragen; das scharfgewetzte Messer bohrt sich gegen uns wie gegen

Antonio; und er, um dessen Leben es geht, spricht aus, was wir

empfinden:

Von ganzem Herzen bitt’ ich das Gericht,

Den Spruch zu tun.

Das Arge gipfelt sich zum Ärgsten, wie in einem der falschen Schlüsse

bei Beethoven oder Bruckner, bis endlich bei den Worten Porzias

Ist eine Wage da, das Fleisch zu wägen?

die Melodie der Teufelei mitten in sich selbst umbiegt und sich, obwohl

sie ihre Tonfolge beibehält, rhythmisch verwandelt; denn hier, bei

diesem von Porzia auf die Spitze getriebenen Recht, spüren wir: da

spielt überlegener Geist mit dem, der im wütigen Ernst und doch dabei

im kalten Formalismus des Rechts über die Grenzen des Menschenmöglichen

zu gehen vermag: der Teufel der Buchstabengrausamkeit soll an sich

selbst scheitern, soll durch sich besiegt werden: dem Rechtsanspruch

soll sein Recht werden; der Frauengeist, der hier mit der männischen

Wut ringt, die die Maske männlicher Logik angenommen hat, trägt diese

nämliche Maske virtuos; aber so wie hinter Shylocks Logik der Haß

steckt, so birgt sich in des Rechtsgelehrten Logik Porzias frauenhafte

Liebesentscheidung. Und schon hier, vor der letzten glücklichen

Wendung, taucht leise, von fern, durchs Gewittergrollen hindurch, die

Stimme des Scherzes, der neckischen Lustigkeit auf.

Antonio nimmt mit herzergreifenden Worten seinen Abschied von Bassanio,

für dessen Glück er jetzt geopfert werden soll: Empfehlt mich Eurem

edlen Weib...

Da wird in einem kurzen Quintett ein aus Ernst und Spiel wunderbar

gemischtes Zwischensätzchen eingelegt: Bassanio und Graziano beteuern

in leidenschaftlichem Ausdruck der Freundschaft, vor der, wo der Freund

in Gefahr ist, alles, alles andre versinken muß, sie würden Leben, Weib

und alle Welt opfern, um Antonio zu retten; Porzia und Nerissa -- der

Richter und der Schreiber -- machen heiter böse Bemerkungen dazu, wie

nur sie selbst und wir sie verstehen, und Shylock, dessen Ghettoseele

nichts über die Familie geht, fügt seine Stimme ein mit Haß und

Verachtung gegen solche Christenmänner und Christenehen und mit seinem

Jammer um die Tochter, die in jenes Lager gelaufen ist.

Und dann kommt die große Wendung, durch Heiterkeit vorbereitet, und sie

ist Heiterkeit, wie sie der Liebe entstammt: ein Pfund Fleisch, nicht

mehr, kein Tröpfchen Blut.

Wundervoll, wie der überlegene Intellekt Shylocks gleich versteht,

was er in der Sprache des Gemüts so gar nicht begriffen hatte: der

Interpretation seines eignen Gesetzes fügt er sich sofort; mit seinem

Schein und dessen Wortlaut hatte er Antonio in die Schlinge gelockt;

jetzt hat ein Geist, der noch heller ist als seiner, das Opfer aus

der Schlinge befreit. Sein Geld möchte er noch haben; er begehrt es

kleinlaut; wie er’s nicht bekommen kann, will er nichts als nach Hause

gehn. Er hat morden wollen und darf am Leben bleiben; bleibt auch

vor Entblößung bewahrt; daß er zur Taufe gezwungen wird, ist eine

Konzession dieser Gestalten Shakespeares oder auch des Dichters selbst

an die Zeit, seinen Spaßmacher aber hat er schon im voraus darüber

spotten lassen; und von der ganz andern Taufe mit heilig seligem

Geist, auf die es dem Dichter ankommt, vernehmen wir erst im Finale.

In der Art aber, wie Shylock abgeht und aus dem Stück verschwindet,

liegt Größe: nichts hier von äußerlicher Tragik, nichts von Mord und

Totschlag oder Selbstmord oder auch nur einer jammervoll pathetischen

Rede: er ist vernichtet, ist völlig zu nichts geworden und geht still

nach Hause. Er ist nicht wohl; wir glauben es ihm; er wird dahinsterben.

Wenn der Erlöser in die Hölle herniederstiege, oder wenn bei einem

Erwachen der Menschen die Uhren alle den Tag ankündigten, die Sonne

aber wollte nicht kommen und Nacht lagerte lange Stunden lang, man

vermeint, für immer über der Erde, und nun dränge überwältigend

der erste Lichtstrahl hervor: von der Art ist das Gefühl der

Erleichterung, das uns und die Venezianer bei Porzias Richterspruch

überkommt. Da brauchen wir wahrlich nicht als erheiterndes Nachspiel

den ernsthaften Streit der juristischen Doktoren über das Recht,

das diese Frau gesprochen hat; die Heiterkeit, Amor, ~amor dei

intellectualis~ hat hier zu Recht erkannt. Die Heiterkeit ist

damit, daß zwei Frauen aus fernem Land kamen und den Graus verjagten,

daß die Männer, gar noch die eigenen Männer, nichts merkten, auf die

Bühne getreten; was soll der Streit, ob tragisch oder komisch? Hier

wird dargestellt, auf welchen Geistes Wegen unter Menschen die Tragik

zu Lust wird. Wie haben sich alle Elemente der zuvor so getrennten

Handlung an dieser Gerichtsstätte aufs schönste, aufs ungezwungenste

vereinigt! In ~fancy~, in Lust und Liebe und Laune hat sich

nun alles Düstere und Lastende aufgelöst; und Laune, Leichtsinn und

Neckerei, im Verein mit Verklärung und Liebe, bilden darum den Schluß.

Noch im Gerichtssaal und dann sofort nachher auf der Straße leiten

Porzia und Nerissa die lustige Art ein, wie sie sich ihren Männern

zu erkennen geben wollen: ein bißchen müssen die doch im Ernst dafür

gestraft werden, daß sie in leidenschaftlicher Inbrunst bereit waren,

ihr Alles, diesmal aber nicht bloß ihr Eigen, auch ihre Frauen daran

zu wagen, um den Freund zu erretten. So müssen sie den Rettern, die

kein anderes Zeichen der Dankbarkeit annehmen, die Ringe, die sie von

ihren Frauen haben und nie von der Hand lassen sollen, schenken. Der

letzte Satz der Symphonie wird so vorbereitet, der ein wundersames

Scherzo ist, ~ein Scherzo molto cantabile e serafico~. ~Sweet

Shakespeare~, der süße, der holde Dichter hat ihn gedichtet. Nach

dieser befreienden Erlösung war nur eine Steigerung noch möglich:

mit dem letzten Sinn des Stückes in den verschwimmenden Duft des

Allgemeinen, in die Einheit von Seele und Geist, von Herz und Kopf,

von Geist und Natur. Von diesem Naturgeistgefühl sind wir nun in

der Gartenlandschaft von Belmont sofort umfangen; wir sind in der

höchsten, reinsten Geistersphäre. Nacht; Mondschein; Musik ertönt.

Lorenzo und Jessika walten als Gäste der noch abwesenden Gebieterin

im Haus. Von beider Sinn ist in dieser Landschaft des Geistes wie

ein einengender Reifen gesprungen; sie waren leichtfertig bis zur

Frivolität; die Leichtigkeit haben sie bewahrt und das Spielerische,

aber nun sind sie der erniedrigenden Umgebung der Zwecke und Mittelchen

ledig, sie brauchen nicht mehr gegen die Gemeinheit reagieren; sie sind

schwärmerisch und begeistert geworden. In der Art der Wechselgesänge

des Volks, mit Erinnerungen an die heitere Fabelwelt der antiken

Mythologie sprechen sie einander im Duett jugendlich frei und leicht

ihre Liebe und Freude zu, und dann kommt von Lorenzos Lippen der

wundervolle Hymnus auf die Musik; Herder hat nichts Schöneres und

Tieferes seinen „Stimmen der Völker in Liedern“ als Motto mitgeben

können:

Wie süß das Mondlicht auf dem Hügel schläft!

Hier sitzen wir und lassen die Musik

Zum Ohre schlüpfen; Nacht und sanfte Stille,

Sie werden Tasten süßer Harmonie.

Komm, Jessika! Sieh, wie die Himmelsflur

Ist eingelegt mit Scheiben lichten Goldes!

Auch nicht der kleinste Kreis, den du da siehst;

Der nicht im Schwunge wie ein Engel singt

Und einstimmt in den Chor der Cherubim.

So voller Harmonie unsterblich unsre Seelen,

Nur wir, dieweil dies Kotkleid Sterblichkeit

Sie grob umschließt, wir können sie nicht hören.

Shakespeare (Volume 1 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 6 / 27 段