Nicht das also ist eine Frage, ob Shylock eine tragische oder eine

komische Gestalt -- zu nennen sei; das wird allezeit nicht von

Shakespeare, sondern von Takt und Herz des Namengebers oder Beurteilers

abhängen; Shylock ist Shylock, als Produkt der Verhältnisse ein

gieriger und unbarmherziger Wucherer, als Produktiver, der sein Eigenes

der Wucht der Umstände und Bewirkungen entgegensetzt, reaktiv,

rachebegierig, rachefroh, boshaft, witzig. Aber nach ganz anderm ist zu

fragen: Was hat Shylock in diesem Stück zu tun, oder was hat der Rahmen

um diese Gestalt für eine Bedeutung? Was ist der Zusammenhang und Sinn

des Ganzen? Was hat Porzias Reich und die seltsame Art, wie sie aus der

Zahl ihrer Bewerber den Würdigen herauszufinden hat, mit dem Konflikt

zwischen Antonio und Shylock zu tun? Denn mit der äußeren Begründung

der Überlieferung, daß eben Antonio sich für Bassanio verbürgt, der für

seinen Freierzug Geld braucht, werden wir uns bei Shakespeare nicht

so leicht zufrieden geben. Es ist zwar wahr, was Friedrich Theodor

Vischer sagt, daß Shakespeare es sich in den Lustspielen manchmal

leichter gemacht hat, aber bei einem Drama, in dem ein Shylock in

engste Beziehung zu allen anderen Hauptgestalten gesetzt ist, wollen

wir an eine bloß äußerlich-lockere Verbindung nicht glauben. Wir wollen

vielmehr zusehen, ob nicht eine innere Beziehung zwischen dem alten

Juden und dem jungen Venetianervolk da ist, ob nicht Gestalten im

christlichen Lager, Antonio, Bassanio und die andern, sowie Shylock

einen doppelten Sinn, ein doppeltes Gesicht haben.

Meiner Auffassung des Kaufmanns von Venedig, wie ich sie bisher

angebahnt habe und nun aussprechen will, am nächsten kommen von

den Beurteilern, die ich kenne, zwei Dichter, Heinrich Heine und

Otto Ludwig. Von Menschen dieser Art, die Dichter, aber nicht

bloß Dichter waren, die eine edle Vereinigung von Phantasie und

Denken in sich beherbergten, rührt bei weitem das Beste her, was

über Shakespeare geschrieben wurde, von Lessing, Herder und Goethe

angefangen über Schlegel zu Julius Leopold Klein und Friedrich

Theodor Vischer; und von Beurteilern unserer Tage haben mir Oscar

Wilde, Strindberg, Hofmannsthal und Gundolf in gelegentlichen

Bemerkungen oder zusammenhängenden Werken mehr gegeben als die meisten

Shakespeareforscher der Zunft.

Otto Ludwig in den „Studien“, die von Haus aus nur Auseinandersetzungen

des Dichters mit sich selbst zur Erlernung des Handwerks sind, deutet

auf eine entscheidend wichtige Seite in unserm Stück mit einer bloß

formalen Bemerkung über die Komposition: „Welche Idealität, Befreiung

von allem Bedürfnis, welche leichte Grazie ist im Stücke, seine

Wirkung eine wunderbar harmonische.“ Schon halten wir inne, denn

wenn das wahr ist, wie steht nun auf einmal Shylock für uns in einem

solchen Stück da, wie als Entgegensetzung, als Feind, als Unhold!

Denn „Idealität, Befreiung von allem Bedürfnis, leichte Grazie,

Harmonie“, all diese Ausdrücke bezeichnen gerade das Gegenteil seines

Wesens. Er ist der völlige Knecht des Bedürfnisses, er ist nichts

als Bedürfnis, ist das absolute Bedürfnis, gerade weil sein Bedürfen

keine Relation zu Gründen, Zwecken und Entbehrungen eingeht; er ist

nie in Not und führt für seine Person ein einfaches, frugales und

geiziges Leben; Lanzelot Gobbo klagt genug darüber. Genau so steht

es um seinen Realismus; er ist so sehr lediglich den Wirklichkeiten

und dem universalen Mittel zu ihrer Erlangung zugewandt, daß er der

absolute Realist ist; der Altkäufler, der Knochen, Lumpen, Papier,

Gebisse, Knöpfe, Metalle, Haar, Stühle, Tische und Betten kauft, ist

immer noch wählerisch; Shylock ist es nur um das zu tun, was alles

vertritt; er nimmt an nichts einzelnem Interesse. Ein Idealist wäre er

nur insofern zu nennen, als der Realismus, wenn er so absolut wird, mit

seiner Allesgier von hinten an den Verzicht auf jeden Genuß grenzt;

das Wort Geiz umschloß einmal die beiden Bedeutungen der Habgier

und der Knausrigkeit, obwohl der Habgierigste alles haben und der

Knausrigste andern und sich selbst nichts gönnen will. Wie Shylocks

Wuchersinn so sehr grandioser Wahn ist, daß er allerdings subjektiv

der Uneigennützigkeit ähnlich sieht, so überschreitet er mit seinem

Rachedurst die Schranken des duldenden und im Kleinen kriechenden

Judentums so weit, daß er mit seiner Mordgier, die das Mittel des

Betrugs und der Hinterlist in kaufmännisch-juridischer Einkleidung

nicht verschmäht, allerdings wiederum die Grenze des Heroischen

erreicht. Aber, davon haben wir noch mehr zu sagen, nichts fehlt ihm so

entscheidend wie die beiden andern Eigenschaften, die Otto Ludwig dem

Stück nachsagt, in das er wie ein schwarzer Block hineinragt: leichte

Grazie und Harmonie. Otto Ludwig aber fährt fort und sagt noch etwas,

was nur Technisches zu beleuchten scheint und doch sehr aufklärend

für den letzten Sinn und Zusammenhang des Stückes ist: „Was den Bau

betrifft, so ist auch darin keine Spur jenes mühsamen Ernstes, der die

Phantasie scheucht und lähmt. Es ist, als hätte die Phantasie die Folge

der Szenen bestimmt und alles geordnet.“

Heinrich Heines Bemerkungen zu Shakespeare, Gedachtes, Empfundenes,

Geschautes und oberflächlich oder zu Augenblickszwecken des Witzes

und der Bosheit Hingeworfenes, Gutes, Mäßiges und Schlechtes, finden

sich in der Sammlung „Shakespeares Mädchen und Frauen“, die er auf

Anregung eines Verlegers zu einem Buch mit Illustrationen schrieb. Bei

Gelegenheit des Kaufmanns von Venedig erzählt er uns zunächst von der

Britin, die in einer Aufführung des Stückes nach der Gerichtsszene

über Shylock in heftiges Weinen ausbrach und dann ausrief: „Dem

armen Mann geschieht Unrecht!“ Und dann fährt er, zur Zeit unter dem

Einfluß des Junghegelianismus und der Revolutionsstimmung stehend,

fort: „Shakespeare hegte vielleicht die Absicht, zur Ergötzung des

großen Haufens einen gedrillten Werwolf darzustellen, ein verhaßtes

Fabelwesen, das nach Blut lechzt und dabei seine Tochter und seine

Dukaten einbüßt und obendrein verspottet wird... Aber der Genius des

Dichters, der Weltgeist, der in ihm waltet, steht immer höher als sein

Privatwille.“ Das Stück sei also zur „Justifikation einer unglücklichen

Sekte“ geworden, sagt er, um auch das dann gleich noch zu erweitern:

„Von Religionsverschiedenheit ist in diesem Stücke nicht die geringste

Spur.“ „Sein Drama zeigt uns eigentlich weder Juden noch Christen,

sondern Unterdrücker und Unterdrückte, und das wahnsinnig schmerzliche

Aufjauchzen dieser letzteren, wenn sie ihren übermütigen Quälern die

zugefügten Kränkungen mit Zinsen zurückzahlen können.“

Was können wir damit anfangen? Die Unterscheidung zwischen dem

Privatwillen des Dichters und dem in ihm und gegen ihn waltenden

Weltgeist mache ich so nicht mit. Der Dramatiker ist dadurch viel mehr

als jeder andere Dichter ein Künstler und also auch ein Handwerker

und also auch ein denkend Entscheidender, daß er sein Werk planvoll

zu bauen, zu komponieren hat. Was die Phantasie an Gesichten schaut,

was ihm aus der Empfindung rhythmisch zuströmt, muß er organisieren

und verteilen; und Shakespeares Werke zeigen, daß er getan hat, was

seines Handwerks war. Einem derben, rohen, auch pöbelhaften Geschmack

hat er oft Genüge getan, ohne daß man deswegen sagen dürfte, sein

Publikum wäre der große Haufen gewesen. Das Publikum, das er im Sinne

hatte und an das er sich oft genug episodisch wie ein Erzieher wendete,

war die Jugend des Adels und des gehobenen, literarisch gebildeten

Bürgertums; in diesen Kreisen steckte freilich noch ungebrochene Kraft

und volkstümliche Derbheit genug.

Nicht so also dünkt es mich, daß Shakespeare der unbedenkliche

Theaterdichter „zur Ergötzung des großen Haufens“ ein blutgieriges

Ungeheuer schildern wollte, das überwunden und mit Schmach

fortgeschickt wurde, daß ihm aber unter der Hand der Weltgeist, sein

Genius, den Repräsentanten einer unterdrückten Schicht daraus machte;

und doch -- ich habe es, als ich an Rümelin erinnerte, schon gesagt

-- ist an dieser doppelten Bedeutung Shylocks etwas daran. Heine

versteht nicht recht, welche Rolle in Stimmung und Sinn des Ganzen die

Gestalten zu spielen haben und wie vielfache Lichter Shakespeare auf

die Gestalten wirft; er wäre zur Unterscheidung des Fabelungetüms für

den Pöbel und der real geschauten Judengestalt für eine tief bohrende

Geschichtsanschauung nicht gekommen, wenn er in diesen Zusammenhang

etwas hineingenommen hätte, was er selbst sehr deutlich sah, nur

leider bei Gelegenheit eines andern Stahlstichs. Wie er nämlich nicht

an Jessika, sondern an Porzia anknüpft, da bemerkt er sehr wohl, wie

der Dichter in diesem Stück zwei Sphären einander gegenüberstellt,

die Welt „des heitern Glücks im Gegensatz zum düstern Mißgeschick“:

Porzia ist ihm die Repräsentantin „jener Nachblüte des griechischen

Geistes“, der Renaissance, im Gegensatz zu Shylock, dem Repräsentanten

„des starren, ernsten, kunstfeindlichen Judäa“. Wer Heine kennt,

weiß, daß er hier, in diesem Gegensatz, nicht eigentlich das alte

Judäa meint, er spielt vielmehr Heidentum und Griechentum gegen

den nazarenischen, den unsinnlich-strengen Geist des Christentums

aus, von dem er sich selber eingeengt und gelästert fühlte, so

daß schließlich beinahe herauskäme, daß Porzia die Vertreterin

einer heidnisch-griechischen Renaissance, Shylock ein Repräsentant

christlichen Geistes wäre; und wer wollte leugnen, daß Shylock ein

Produkt und insofern allerdings ein repräsentatives Kennzeichen einer

gewissen kirchlich-christlich-abendländischen Richtung ist? Wichtiger

fast noch als diese, immer nur mit Einschränkungen giltige, in Rubriken

scheidende Geschichtsauffassung sind die Attribute, die Heine für

Sprache und seelische Haltung Porzias und wiederum Shylocks findet.

In Porzias Reich ist „lauter Licht und Musik“; sie und ihre Sprache

ist blühend, rosig, reinklingend, freudewarm, sie lebt in schönen

Bildern aus der Mythologie; Shylock ist trübe, keifend, häßlich,

krampfhaft, ätzend, seine Sprache ergeht sich in Gleichnissen aus dem

Alten Testament. Das ist ganz trefflich geschaut; und wenn Heine nun

zusammengenommen hätte, was er an verschiedenen Stellen aus dem Ärmel

schüttelt, so hätte er erkannt, daß das Wesentliche am Kaufmann von

Venedig gerade das ist: daß eine heitere, obere Welt der Freiheit,

der Leichtigkeit, des Adels dargestellt wird, in die eine finstere,

unheimliche, höllische Macht von unten auf einbricht; daß aber diese

furchtbare Störung und Bedrohung Gegendruck auf Druck, daß sie reaktiv

ist; daß der fabelhafte Werwolf, der da in den Gefilden der Seligen

seinen Rachen aufsperrt, der von Natur aus geistig und seelisch

bedeutende Repräsentant einer getretenen, unterdrückten Klasse ist;

daß also in das Reich der Schönheit das Häßliche als eigene Schuld der

Gehobenen einbricht und daß darum diese vom Schicksal Bevorzugten auch

keineswegs einheitlich auf einer Ebene stehen; es geht stufenweise

hinauf bis zur höchsten und reinsten Verkörperung des Lichtes, der

Farbe, der Wärme und Harmonie, bis zu der Frauengestalt Porzia.

Hier bei diesem Stück vor allem müssen wir, um den Zusammenhang des

Ganzen und den Sinn der Dichtung zu erfassen, vom Dichter ausgehen. Zum

Suchen und dann auch Finden des Sinns werden wir gezwungen, wenn wir

die Gestalten, die mit so seltsam verschiedenen Vorgängen in ein Drama,

in ein paar Abendstunden des Schauens und Hörens zusammengebracht

sind, nicht als Kinder der Natur nehmen, die voll und rund dastehen,

sondern als Kunstgeschöpfe, als Reliefgestalten, deren Hintergrund

nicht ein zufälliger Ausschnitt der Wirklichkeitswelt, sondern der Sinn

eines schöpferisch geplanten Kunstwerks bildet. Wir müssen uns den

Dichter vergegenwärtigen, wie ihm beim Betrachten eines Stoffes etwas

aufgeht, wie er ihn ausgestaltet, weitet, strafft, ausbaut, mit Motiven

unterlegt, mit Episoden erfüllt, mit Parallel- und Nebenhandlungen

ausstattet, wir müssen den Dichter gewahren, wie er sitzt und sich

ergeht, wie er in die Natur rennt und schlaflos träumt, wie er schaut,

ändert, verwirft, wählt, baut; und dann kehren wir zum Stück zurück

und fragen uns: Was ist da in dem bunten Vielerlei das eine, das

den Dichter erfaßt und nicht losgelassen hat, was hat er gewollt?

Was Unaussprechliches, Geschautes, Erfühltes hat er aus Vision und

Sehnsucht, aus Druck und Schwung in leidenschaftlich wühlender, dann

wieder innig beseligter, aber immer beherrschter Produktion zur Gestalt

erhoben? Was hat er, der ein Todfeind der großen Mode seiner Zeit, der

Allegorie, war, an tiefem Sinn in der Form von Vorgängen, die zwischen

lebendig geschauten Gestalten geschehen, dargestellt? Wir müssen den

Dichter gewahren, wie es ihm die Hände ballt, wie seine Arme sich wie

ins unendlich Zerrinnende ausbreiten und dehnen, wie sein Gesicht

aufleuchtet und sich in strenge Falten zusammenzieht; mit einem Wort,

wir dürfen uns keine Ruhe lassen, bis wir, was in unser Gefühl so

leicht und schön als Einheit eingeht, doch noch irgendwie in Worten der

Begriffssprache ausdrücken können.

Nehmen wir die Höhepunkte des Stückes zusammen: Shylocks tiefst

heraufgeholte Reden, Vorsätze, Taten der Reaktion auf zugefügtes

Unrecht -- Porzias himmlisch sich ergießende Rede von der Gnade

-- Lorenzos Worte von der Musik -- Bassanios ernste Rede bei der

Kästchenwahl -- Antonios Stellung als königlicher Kaufmann und

seine Haltung und seine Worte des Adels, der Ehre, der Humanität

und Liberalität -- die in diesem Stück, besonders zum Schluß

bedeutsam hervortretenden Sentenzen, vor allem aus Porzias Mund --

die Szenenfolge seltsam eindringlicher, beredter Art, der man den

künstlerischen Plan ansehen muß, wenn man nicht blind ist -- wirkt

nicht das Ganze wie ein mehrsätziges Musikstück, wo jeder Satz seine

eigenen Themen hat und wo doch die seelische, die geistige Einheit da

ist? Und gleich bemerken wir, das Besondere dieser Symphonie ist, daß

das Finale nach der gewaltigen Anspannung und befreienden Erlösung, die

der vierte Akt bringt, ein Scherzo ist, in dem sich das derb Burleske

und geistreich prickelnd Spielende und das ätherisch Geisterhafte

seltsam durchdringen.

Das ist, wir haben es schon berührt, nichts Seltenes bei Shakespeare,

daß verschiedene Handlungen in einander verschränkt sind. Das größte

Beispiel dafür ist der König Lear, wo die drei Handlungen: Lear

und seine Töchter -- Gloster und seine Söhne -- der Glosterbastard

Edmund und Lears Töchter aufs kunstvollste und zu tiefem Sinn

ineinandergeschoben sind. Und dieses Beispiel ist uns darum so wichtig,

weil es in diesem Falle feststeht, daß erst Shakespeare zwei ganz

getrennte Geschichten planvoll zusammengebracht hat. Nicht bloß zwei

verschiedene Handlungen, sondern zwei verschiedene Sphären sind in

Heinrich IV. und auch in andern Stücken neben und gegen einander

gestellt; drei Stücke aber gehören aufs engste zusammen, weil es ihnen

nicht bloß um verschiedene Schichten der Gesellschaft, sondern um

das Verhältnis des Geistigen zum Ungeistigen in den mannigfachsten

Abstufungen geht. Diese drei Stücke sind der Sommernachtstraum,

der Sturm und der Kaufmann von Venedig. Immer neu hat Shakespeare

angesetzt, um die Hölle zur Erde, das Irdische zur Reinigung, die

Menschen zum Himmlischen aufsteigen zu lassen: und den Namen Divina

Commedia würde jede einzelne dieser drei sehr ernsthaften, sehr

sinnvollen Komödien verdienen. Der Sommernachtstraum, der Kaufmann

und der Sturm sind drei Gestaltungen des Selben und Nämlichen, das

mit einem Worte heißt: ~Excelsior~! Aus den Niederungen und dem

abgründlich Dämonischen hinauf über die verschiedensten Grade ins freie

Reich des Spieles, des Geistes, der Geister; ins Reich der Seele und

der Musik.

Die Einheit, die der Kaufmann von Venedig für unser Gefühl ohne Zweifel

in sich birgt, liegt nicht in der Handlung, wiewohl sie so kunstvoll

verflochten ist, daß jede Person mit jeder schließlich in Berührung

tritt; liegt auch nicht in einem Charakter, der im Mittelpunkt stünde;

denn Shylock und Porzia halten einander die Wage, und wenn im fünften

Akt Shylock ganz ausgeschieden ist, zittert die Erinnerung an ihn

immer noch in uns nach; die Einheit liegt noch weniger in einem

moralischen oder rechtsphilosophischen oder rechtsgeschichtlichen Satz,

der illustriert werden sollte; sie liegt in der durch alle Reiche

schwebenden Stimmung, in der sich der Sinn birgt.

Porzia, die Herrin von Belmont, ist nicht bloß eine reiche Erbin,

zu der die Freier strömen, unter ihnen Bassanio, dessen Armut zu

Antonios Großmut und seinem Konflikt mit Shylock überleitet, was

Porzia wiederum zum rettenden Eingreifen für Bassanios gefährdeten

Freund bringt; das ist nur die äußere Verbindung der Fabelteile;

Porzia ist die Repräsentantin des erhöhten Reichs des Geistes, die

Königin dieses Reichs, die Aspasia der Renaissance, die Heitere, die

Seelenvolle, die Kluge und Weise und neckend Spielende; die Gestalt,

in der Menschenadel, männliche gelehrte Wissenschaft und Logik und

Entschiedenheit des Handelns in Einklang steht mit der innigen,

gnadevollen Beseeltheit der Frau: der harmonische, der ganze, der

klingende, strahlende, der holde Mensch.

Ihr gegenüber steht, ganz drunten im untersten Bezirk, der Unhold.

Er kann nie zu ihr hinaufkommen; die Leiter fehlt, die aus Streben

der Sehnsucht, aus Wohlgefallen an ihrer Erscheinung, an ihrem Reich

bestehen müßte. Nichts davon hat Shylock der Jude; er kreist um sich

selbst und sein Schicksal, er wird von nichts außer sich, über sich,

zur Anziehung, zum Schwunge, zur Gegenseitigkeit und Liebe gebracht;

er ist fürs Leben geprägt und verdorben, ist fertig und gestempelt.

Das Große aber an Shakespeares Erkenntnis ist, daß dieser Teufel nicht

einfach der Teufel ist, sondern daß er geworden ist, was er ist, durch

Schuld vor allem derer, die -- im Gegensatz zu ihm -- noch wandelbare

Menschen sind und also in Porzias Reich, ins Reich der Gnade kommen

dürfen.

Wandelbar sind sie alle noch und dürfen also bei ihren Lebzeiten, in

ihrer eigenen Individualität hinaufgebildet oder wenigstens, da ihr

Wesen zu Zeiten den Aufschwung zu Reinheit, Seligkeit, Freiheit und

Anmut gewährt, geduldet werden. Sie brauchen nicht wie der ein für

allemal fertige, der unsaubere Guß Shylock mit ihrer Verwandlung auf

den Löffel des Knopfgießers warten; für sie gibt es, und für Shylock

nicht, -- einen fünften Akt, eine mondbeglänzte Zaubernacht, ein Reich

der Romantik. Was unterscheidet sie, mögen sie sonst sein, wie sie

wollen, von Shylock?

Musik!

Drum spielt der Dichter,

Als lenke Orpheus Bäume, Felsen, Fluten,

Weil nichts so stöckisch, hart und voll von Wut,

Das nicht Musik auf eine Zeit verwandelt.

Der Mann, der nicht Musik hat in ihm selbst.

Den nicht die Eintracht süßer Töne rührt.

Taugt zu Verrat, zu Räuberei und Tücken.

Die Regung seines Sinns ist dumpf wie Nacht,

Sein Trachten düster wie der Erebus.

Trau keinem solchen!

Das sagt, das singt in dem Nachspiel, dem Finale, dem fünften

Akt, der nur aus einer einzigen Szene besteht, der Liebende, der

sie aus dem düstern Reich entführt, emporgehoben hat, zu Shylocks

Tochter. Shylock ist weg, sein Name wird nicht mehr genannt, auf

all das greuliche Erlebnis mit ihm wird nur von ferne, wie huschend

hingedeutet; alles, was ihn angeht, ist aufgelöst ins Allgemeine. In

dieser Form aber wird das wahre, wird das tiefste und letzte Gericht

über ihn gehalten. Nicht im Gerichtssaal des Dogen von Venedig, nicht

in Porzias Juristenverkleidung, nicht in der Welt der Masken, wo’s

Konventionen, Paragraphen, Judentaufen gibt, sondern in der Mondnacht,

in der Natur, im Reich der Geister und der Hoffnung, wo auch die

Gewöhnlichen sich über die Schranke ihres Alltags geschwungen haben,

wird dem Hoffnungslosen das endgiltige Urteil gesprochen. Shylock ist

der harte, der stöckische, der wütige Mann, auf keinen wie ihn passen

diese Ausdrücke dumpf, düster, er ist voller ~affections~ und darum

~treasons~, ~stratagems~, ~spoils~, er ist der Mann, „der nicht Musik

hat in ihm selbst“. Das Urteil, das wahre, jenseits aller vergänglich

geschichtlichen Einkleidungen, lautet, daß er ist, der er ist, und daß

er bleibt, was er so geworden ist, daß Wandlung nicht mehr möglich ist.

Er ist ein Mann nur von Verstand und Trieben und also, mit Spinozas

Unterscheidung gesagt, ein in sich gebundener, stöckischer Knecht,

kein mit seines Gleichen verbundener Freier; in sich gebunden und doch

zugleich in sich, mit sich zerfallen; denn die höhere Sphäre, die

erst zur Einheit ruft, die aus dem Verstand die Ratio, die Beschauung

und Weisheit, den universalen Geist, aus den Trieben die Emotion, das

Gefühl, die Empfindungsseligkeit zu machen vermag, die die Gier in die

Sehnsucht, die Wut ins Heroische wandelt, die fehlt völlig. Die andern

haben wohl zumeist das eine Element gemeinen Trieblebens, das Shylock

fehlt: gemeine Genußsucht, Beziehung aufs Glück in niedriger Gestalt;

sie aber sind wie im freien Feld des Werdegangs, sind Repräsentanten

der Jugend, und selbst von so unterer Stufe aus ist ihnen wie ihrem

Volke keine Entwicklung abgeschnitten; der alte Shylock aber ist in die

Ecke gesetzt, der große Bann ist über ihn ausgesprochen, es gibt keinen

Fortgang für ihn. Die andern alle, selbst der melancholische Antonio,

den die Einsamkeit auch gefährlich angeweht hat, können noch irgendwie

zur Heiterkeit kommen, zu der Lust, die Erlösung und Gemeinschaft ist;

Shylocks böses Lachen ist der Ausdruck seiner gänzlichen Absonderung

und Verstoßung, des gräßlichen Widerspruchs, in dem er zur Welt steht

und den er in der Welt gewahrt.

Wie ist nun dieser Sinn, diese innere Handlung, die zwischen den

Sphären und Personen waltet, in die äußere Handlung, die von einer

Verkoppelung zweier Novellen stammt, umgesetzt worden? Wie drückt sich

die zwischen Licht und Finsternis in allen Schatten und Farben sich

ergehende Stimmung in der Folge der Szenen aus? In welchen Vorgängen

tritt die Beziehung der vier Hauptgestalten -- Shylock, Antonio,

Bassanio und Porzia -- und der Nebengestalten zu einander und zum

Grundmotiv hervor?

Die erste Szene des Stücks führt uns in eine Straße Venedigs. Nehmen

wir die Szenen in Belmont -- in Porzias Haus und Garten -- für

sich, so spielen alle venezianischen Szenen mit Ausnahme der großen

Gerichtsszene und einer winzigen Szene zwischen Shylock und seiner

Tochter auf öffentlichen Straßen und freien Plätzen. Freie Luft und

Licht weht durch dieses Stück; aber auch die dunkle, scharfe Silhouette

Shylocks hebt sich von dieser Freiheit ab; in der Öffentlichkeit

geschieht sein Keifen, Wüten und tückisches Mordplanen. In dem ersten

Bild haben wir den alternden, männlichen Junggesellen Antonio mit

seinen jugendlichen Kameraden. Lust zu Heiterkeit und zu Festen

äußert sich; aus Antonio aber vor allem Schwermut, die so wenig

Einzelgründe für sich kennt, wie Shylocks allgemeiner Haß mehr braucht

als Auslösungen; Antonio sieht ja die Welt, er lebt ja in ihr; die

scherzhaft geäußerte, unglaubliche Vermutung, er sei verliebt und darum

gedrückt, wird mit einem Pfui zurückgewiesen; verliebt? nein, das

paßt nicht zu ihm. So wie er über alle Welt Handel treibt, so hat er

Sympathie zu aller Welt, und Trauer kommt zu ihm aus aller Welt; aber

an eines vermag er sich nicht zu schenken. Bassanio sein Freund vermag

es und muß es: er liebt Porzia, die Schöne, die Tugendreiche, die

Erbin, die Herrin von Belmont; von allen vier Himmelsrichtungen segeln

die Freier an ihre Küste; wie eine Mythosgestalt steht sie in dieser

ersten Beschreibung, ehe wir sie kennen lernen, da; um sie glücklich zu

werben, dürfte er hoffen, wenn er nur die Mittel hätte, den Zug zu ihr

würdig auszurüsten. Antonio ist fabelhaft reich, aber knapp an Geld;

was er hat, der Großhändler, schwimmt auf hoher See; der Kredit also

muß in Bewegung gesetzt werden; denn helfen will er. Schon also sind

für unsere Erwartung die drei Kreise beisammen: Antonio und Bassanio --

Porzia -- der Geldverleiher.

Die zweite Szene führt dann in das andere Reich, nach Belmont;

Heiterbucht dürften wir den Namen für Porzias Landschaft übersetzen.

Da ist gleich die Mischung, die für Shakespeares romantische Spiele

so bezeichnend ist wie für den Geist unsrer deutschen Frühromantiker:

heiter geistreich und märchenhaft innig. Mit Witz wird geplaudert; das

Fabelhafte, daß Freier aus aller Welt gekommen sind, ist Anlaß, daß

die beiden Mädchen, die so munter zu einander gesellt sind, Porzia und

ihre Gesellschafterin Nerissa, den Neapolitaner, den Pfalzgrafen, den

Franzosen, den Engländer, den Schotten, den immer betrunkenen Deutschen

aus Sachsenland überlegen ironisch mustern. Erst andeutend hören wir

von der Bestimmung des Vaters, von der Kästchenwahl; hören und teilen

Nerissas Hoffnung, daß diese Wahl Porzia den Gatten sichert, der sie

wahrhaft liebt und der sie verdient; und ebenso leise deutet sich ihre

Neigung zu Bassanio, die Erwartung, er möge zur Werbung kommen, an.

Shakespeare (Volume 1 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 5 / 27 段