In unserm Stück nun liegt der Fall völlig anders. Es handelt sich nicht

um so ein grausames Gesetz; das sind längst vergangene Zeiten. Nur in

der Erinnerung des Volkes leben noch Traditionen, Geschichten, daß es

so etwas einmal gegeben hat. Und so macht Shylock in seiner Tücke,

für einen Fall, mit dem die ausschweifende Phantasie seines Hasses

zunächst nur spielt, lachend, indem er sich erbietet, Bassanio unter

Bürgschaft des reichen Antonio ohne Zinsen ein Darlehen zu gewähren,

diesen Vorschlag: einen Vertrag zu schließen, auf Grund dessen Shylock,

wenn er sein Geld nicht zum Termin zurückerhält, Anspruch auf ein

Pfund Fleisch aus Antonios Leib erhält. Die beiden stehen einander so

gegenüber, daß er, mit wildestem und vorerst ganz ohnmächtigem Haß

geladen, in dem Augenblick, wo der mächtige Feind sich zum ersten Mal

mit ihm einläßt, in seiner Phantasie das Bild der unwahrscheinlichsten

Möglichkeit auftauchen sieht und mit ihr zugleich das Bild der

Grausamkeit, wie sie einmal Rechtens war und seinem Haß einen Ausdruck

bietet: Ha, wenn du mir verfallen wärest wie ein kriegsgefangener

Sklave aus fremdem Stamm! Antonio aber denkt nur an eine der kuriosen

juridischen Formen, für die es, zumal in England, Beispiele gibt. Für

ihn noch viel weniger als für Shylock kommt der Gedanke, er werde den

Betrag, so hoch er auch ist, nicht zahlen können, in Betracht; aber

schön, der ekle Jude hat eine Laune, er, der Wucherer, will keine

Zinsen nehmen, aber er will das streng bindende Versprechen, sein Geld

wieder zu erhalten, will es in uralter Form, an die die Erinnerung noch

spukt; das kann man machen. Antonio ist reich und hat viele Freunde; er

besinnt sich gar nicht; die Hauptsache ist, nicht länger als nötig mit

dem Juden zu tun zu haben und Bassanio dem Freund in schöner, wichtiger

Sache schnell helfen zu können. So wie das Volksdenken und Volksrecht

ein altes Gesetz nicht leicht negiert, sondern es erst im Sinne des

neuen Rechtsgefühls interpretiert, so muß das, was eigentlich Nichts

sein soll, eine Form annehmen: etwas ganz Kleines. Wenn Meister Eckhart

in seinem schöpferisch ringenden Denken vom unendlich Kleinen sprechen

will, sagt er etwa: eine Mücke. Der Maler Whistler verklagt den

Kunstkritiker Ruskin wegen einer herabwürdigenden, schädigenden Kritik

auf Schadenersatz; der Richter stellt sich ganz auf Ruskins Seite, will

Whistler abweisen, wie er ihn nur abweisen kann, und verurteilt Ruskin,

einen Penny als Schadenersatz zu zahlen. Er sagt nicht: Nichts sollst

du haben; er sagt: Ganz, ganz klein bemesse ich deinen Schaden; aber

dein Recht sollst du haben. So ähnlich hier, für Antonios Auffassung:

da wir den Fall, daß das Geld nicht zur Zeit bezahlt wird, gar nicht

erwarten, soll in den Vertrag, damit’s nur ein richtiger Vertrag wird,

etwas eingesetzt werden, was es ja wirklich vor Urzeiten einmal

gegeben hat, etwas heute ganz Unmögliches.

Wenn es denn aber wirklich, fast wider aller, fast auch wider

Shylocks Erwarten, Ernst wird, da handelt es sich nicht um ein altes,

längst überwundenes Gesetz, sondern um ein unverbrüchliches, um

das oberste aller Gesetze: Verträge müssen erfüllt werden. Wenn’s

vertraglich stipuliert ist, kann auch das urälteste Recht wieder

lebendig werden. Nur daß dann auch erwidert werden darf: Nimmst du’s

mit dem Vertrag so ernst, so buchstäblich, so wundere dich nicht und

beklage dich nicht, daß auch der Richter es macht wie du: Blut ist

kein Fleisch; auf Fleisch hast du vertraglichen Anspruch, auf Blut

nicht. In dem Volksdenken, wie wir alle es noch im Gefühl haben, wie

es also entscheidend ist für unsre Teilnahme, haben wir nicht die

analysierende, sprachkritische Methode moderner Wissenschaft, sondern

da gelten die Worte in voller Kraft: Blut ist Blut, Fleisch ist

Fleisch; das ist eindeutig, einfach, nicht zusammengesetzt. Shylock

sträubt sich auch gar nicht; er fügt sich sofort; ihm ist mit seiner

Münze gedient worden.

So viel von den juristischen Voraussetzungen, die nebensächlich sind

und darum von vornherein zu erledigen waren. Sie sind nur insofern

nicht ganz unwichtig, als sie unsre, der Zuschauer, Psychologie

berühren. Wir müssen wissen, warum es sich so verhält, wie es

tatsächlich ist: daß wir jedesmal diesen Vorgang, den unser Verstand

gern absurd nennen möchte, atemlos mit gespanntester Teilnahme gläubig,

glauben wollend miterleben. Das kommt von Shakespeares Gestaltungskraft

in erster Linie, kommt von dem Anteil, den wir an Shylock nehmen, und

zu dieser Gestalt haben wir uns darum jetzt sofort zu wenden; vorher

aber war noch dieses andre zu erledigen, darzutun, daß es sich um

einen Vertrag handelt und daß die Ehrfurcht vor dem Vereinbarten und

Geschriebenen in uns noch genugsam lebendig ist, uns mit ganzer Seele

dabei sein zu lassen, wenn der dämonische Kampf der getretenen und

sich aufbäumenden Niedrigkeit die Form der Rechtstücke annimmt. Denn,

wir sehen es noch, zwischen Antonio und Shylock steht es nicht anders

als zwischen Proserpina und dem Reich der Toten: hätte sie nicht in die

Frucht der Unterwelt gebissen, wie hätte sie, die Lebendige, je Pluto

verfallen können? Und so: was hat Antonio mit dem niedrigen Unhold zu

tun? Er will ihn um irgend eines Dings seiner edeln Oberwelt willen als

Mittel benutzen? Er rührt ihn an? Er reicht ihm den Finger? Er schließt

einen Vertrag mit ihm? So ist er auch auf Shylocks Boden, auf den Boden

dieses Vertrags getreten; er hat dem Dämon Macht, Macht in dieser

besondern juridischen Form über sich gegeben, denn er hat nicht mit

einem Mittel zu tun, das sich brauchen und dann wieder wegwerfen läßt,

sondern mit einem lebendigen Wesen, das er gerufen, zu dem er sich

hinabbegeben hat und das ihn nun umklammert, wie’s die äußerste, fast

unmögliche, fast nur toll spielende Phantasie sich’s im Hasse geträumt

hat.

Nun also zu diesem Unhold von ganz drunten, zu diesem Juden aus

dem Ghetto von Venedig, und zu allererst zu seinem Namen, über den

dürfte man sich mehr wundern, als es gemeiniglich geschieht. Dieser

Jude in Venedig trägt einen Namen, der ohne Zweifel ein englischer

ist. Aber wir sind in Italien; die Männer heißen Antonio, Bassanio,

Lorenzo, Gobbo und immer weiter mit o; die Frauennamen enden auf a:

Porzia, Nerissa, auch des Juden Tochter, die dann ins Reich der andern

aufgenommen wird, Jessika. Ein anderer Jude im Stück heißt Tubal, das

ist für einen italienischen Juden ganz in Ordnung. Aber Shylock? Man

hat zwar an einen Namen erinnern wollen, der sich im ersten Buch Mose

findet: Salah oder Selach; aber was wäre damit geholfen, selbst wenn

man überflüssiger Weise annähme, Shakespeare hätte daran gedacht?

Er hätte ja trotzdem den Namen nicht ins Italienische, sondern ins

Englische verwandelt genommen. Und dazu hat der Name, der sich dem

holden Klang der andern Namen des Stücks so ungefüg entgegensetzt,

für den Engländer Bedeutungserinnerungen in sich: ~shy~ heißt

scheu, argwöhnisch, schlau, scharf, lauter moralische Eigenschaften

des Gedrückten; ~lock~ ist ein Verschluß, ein verschlossener

Raum, eine Spelunke, eine Diebshöhle; und wenn wir dem Juden für einen

Augenblick den Namen Scheuloch geben, so haben wir so eine ähnliche

Empfindung wie der Engländer, der erstmals, ohne den Inhalt der

Person Shylock schon zu kennen, den Namen mitten unter gesittet und

schön klingenden Italienernamen im Personenverzeichnis fände. In der

Gerichtsszene, gleich nach Porzias Auftreten, wird der Name auch mit

so einer besonderen Betonung von Porzia in den Mund genommen. Der Doge

ruft die Prozeßparteien auf: Antonio, alter Shylock, tretet vor. Der

fremde Rechtsgelehrte -- Porzia -- hat keinen Zweifel, wer von den

beiden, die sich nun präsentieren, Antonio und wer der Jude ist; aber

sie fragt noch einmal ausdrücklich: Ist Euer Name Shylock? und er hat’s

mit starkem Klang zu bestätigen: Shylock ist mein Name.

Man könnte vielleicht zur Erklärung vermuten wollen, Shylock sei ein

Name gewesen, der unter englischen Juden üblich war. Aber da hätte

man etwas übersehen, was auch sonst für unsere Betrachtung des Stücks

wichtig ist: es gab in England keine Juden, seit Jahrhunderten schon

nicht mehr; 1290 unter Eduard I. wurden sie vertrieben und erst 1652

unter Cromwell wieder zugelassen. Unser Stück mit seiner genauen

Kenntnis nicht nur des jüdischen Charakters, sondern auch italienischer

Lebensgewohnheiten ist eines der stärksten Argumente der Forscher, die

beweisen wollen, Shakespeare müsse in Italien gewesen sein. Beweisen

läßt es sich bei alledem nicht; es ist möglich. Sicher ist, daß er

im Rom Julius Cäsars nicht war und auch nicht auf Prosperos Insel;

ein paar armselige Bücher und dazu noch die vielfachen Gespräche,

von denen wir so wenig wissen wie von seinen Reisen, die wir aber

mit größerer Sicherheit vermuten dürfen, mußten ihm dafür genügen.

Was die Juden angeht, so verweist man überdies auf Marlowes Juden

von Malta, einmal, um zu zeigen, daß da noch ein englischer Dichter

aus Shakespeares Zeit wäre, der den jüdischen Charakter getroffen

hätte; dann auch, um zu sagen, Shakespeare hätte davon das und

jenes herübergenommen, wäre davon beeinflußt. J. L. Klein aber hat

unübertrefflich gezeigt, daß Marlowe es gar nicht verstanden hat,

einen Juden hinzustellen; sein „Jude“ ist noch nicht einmal ein

Mensch, sondern ein gräßlicher Theaterwüterich mit einigen allerdings

großartigen Zügen ausschweifender Phantasie und dichterischer Sprache;

und was die Beeinflussung angeht, so steht es damit etwa wie mit dem

Verhältnis von Marlowes Eduard II. zu Shakespeares Richard II., welche

beiden Stücke mit einander zu vergleichen und Marlowes Königsdrama

gar höher zu stellen man neuerdings in England wie in Deutschland die

Verwegenheit unsicherer Neuerungssüchtiger gehabt hat: die Vergleichung

ergibt nur, wie sich das tief Menschliche zum interessant Puppenhaften,

die Aufdeckung der innersten Seele zur schönen Rhetorik, die höchste

Tragik zur pathetischen Sprache verhält.

Shylock ist ein Mensch; Shylock ist ein Jude!

Lichtenberg in seinen prächtigen Briefen aus London berichtet von einem

Schauspieler, der gleich bei den ersten Worten, die Shylock zu sprechen

hat: ~Three thousand ducats~, die Zischlaute dieser paar Silben so

„leckerhaft gelispelt“ habe, daß man sofort den Eindruck des Geizes,

der Geldgier, der schmutzigen Gesinnung, erhalten habe. Es könnte

jedoch in diese Worte noch mehr gelegt werden: bei dieser Erwägung

steigt ihm schon das ganze Bedenken, die ganze schwindelnde Möglichkeit

auf, die sich an dieses Geldgeschäft mit dem Verhaßten anknüpfen kann.

Die Hexen, die erwarten, daß Macbeth sich mit ihnen einlassen wird,

können nicht teuflischer jubeln als etwas drunten in Shylock bei der

Wahrnehmung: Antonio der Hochmütige sucht ihn auf und braucht ihn.

Man ist nur fähig, ihn zu verstehen, wenn man von vornherein beachtet,

wie der alte Mann, in dem so vieles unterdrückt und aus der Richtung

gerückt ist, dieses beides beisammen hat: Wirklichkeitssinn, so daß

ihm nichts gilt als Tatsachen und die Mittel, sie sich zu beschaffen,

und aber Phantasie ganz ausschweifender Art. Ist indessen dieses

beides nicht vereint in dem Mittel, um das Shylocks Gedanken immerzu

schweifen? Gibt es etwas Wirklicheres und Phantastischeres als das

Geld? So ist auch die Art, wie er spricht, seltsam eindringlich

zusammengeschweißt aus kurzer, harter, trockener Sachlichkeit und

lebendig gestaltender Bildkraft. Er erwägt immer noch, ob er das Geld

hergeben soll, und während er über die Sicherheit spricht, die Antonios

Schiffe gewähren, wenn sie auf hoher See schwimmen, tauchen allerlei

unglaubliche Möglichkeiten schon vor seinen Blicken auf:

„Schiffe sind nur Bretter, Matrosen sind nur Menschen: es gibt

Landratten und Wasserratten, Wasserdiebe und Landdiebe, ich meine

Korsaren; und dann haben wir die Gefahr von Wind, Wellen und

Klippen.“

Er sieht die Schiffe vor Augen, auf dem weiten Ozean, da und dort,

und erwägt gleich an einer dunklen Stelle seines Wesens, zu der er

doch seinen hellen Verstand zuläßt, alles, was kommen kann. Er ist ein

Phantasiemensch; noch einen anderen wesentlichen Zug des Künstlers

werden wir an ihm kennen lernen; und Intellekt hat er einen wunderbar

starken, geradlinigen; was aber, was in aller Welt ist aus diesen

gewaltigen Gaben geworden? Wie steht er vor uns, wie steht er vor

diesen Christen?

Es ist oft genug behauptet worden, ursprünglich und nach Shakespeares

Meinung und nach der Art jener Aufführungen hätte man über diese

Gestalt des Juden gelacht. Aber es ist nicht wahr, und es gehört eine

absonderliche Roheit dazu, es zu meinen. Wer lesen kann, was da steht,

wer hören kann, was zu ihm spricht -- und bei aller Entwicklung haben

sich doch die gedruckten Worte von Shakespeares Text nicht verändert

-- der weiß: da sollte nicht gelacht werden und konnte kein Lachen

aufkommen. Nein, er macht es uns nicht möglich, und wir haben keinen

Grund, über ihn zu lachen; er macht es uns freilich auch unmöglich,

mit ihm zu lachen. Ihm aber nämlich klingt oft ein Lachen bösester Art

als Unterton mit, wenn er mit seiner alten, hohen, scharfen Stimme,

mit der Schärfe und Galle in seiner Art, sich auszudrücken, mit

menschenfeindlichem, verächtlichem Humor und mit vernichtender Logik

seinen erhabenen Verächtern vorhält, wie sie selber sind. Er lacht; uns

vergeht das Lachen, mit ihm wie über ihn.

Antonio, der einmal jünger und heftiger war als er jetzt ist --

sie leben ja ihrer Lebtag schon immer in Venedig, auf dem Rialto,

zusammen, aber wer weiß, gegen den Juden wird der innerlich Vornehme

sich auch heute noch gehen lassen -- hat ihn Bluthund genannt, hat ihn

angespieen, hat ihm Fußtritte versetzt: und jetzt? jetzt kommt er?

jetzt --

Hat ein Hund Geld? Ist’s möglich, daß ein Spitz

Dreitausend Dukaten leihen kann?

Und wie spürt Shylock, daß all dieser Schimpf nicht ihm allein gilt,

weil er ist, wie er ist, sondern seinem Stamm! Sind wir Juden aber

nicht dieselben Menschen, mit denselben Organen wie die Christen? Und

er stellt die furchtbaren, die endgültigen Fragen, die zu hören es alle

Zeit alle empfindenden Menschen mit Schauder durchrieselt haben muß,

und uns nur darum mehr als Shakespeares Zeitgenossen, weil wir die

Begleitempfindung haben: sie holen heute, nach dreihundert Jahren, noch

ihre lebendige Kraft nicht bloß aus der Sprachgewalt des Dichters,

sondern aus den Zuständen, die im wesentlichen heute noch sind wie

damals, -- die Fragen:

„Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt,

lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und

wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen?“

Und hier lernen wir ihn zum zweiten Mal als eine künstlerische Natur

kennen; in der Rache ist er ein Künstler. Seine Rache ist, obwohl er’s

selber nur in erhöhter Stimmung weiß, ganz und gar Selbstzweck; sie

befriedigt sich schwelgerisch in sich. Was er für einen Grund hat,

Antonios Fleisch zu wollen? Er braucht keinen besonderen Grund; er will

keinen!

Wer haßt ein Ding und brächt’ es nicht gern um!

Weiter begreift er nichts; will’s nicht begreifen; aber -- so sagt doch

einmal, ihr dort droben, die ihr mit Verachtung auf mich herunterschaut

-- seid ihr denn anders?

Viel habt ihr unter euch gekaufte Sklaven,

Die ihr wie eure Esel, Hund und Maultier

In sklavischem, verworfnem Dienst gebraucht,

Weil ihr sie _kauftet_. Sag’ ich nun zu euch:

Laßt sie doch frei! Vermählt sie euren Erben!

Was plagt ihr sie mit Lasten! Laßt ihr Bett

So weich als eures sein, labt ihren Gaum

Mit eben solchen Speisen, -- ihr antwortet:

‚Es sind ja unsre Sklaven‘; und so geb ich

Zur Antwort: das Pfund Fleisch, das ich verlange,

Ist gut bezahlt, ’s ist mein, und ich will’s haben!

Jetzt sind wir in der Lage, ganz zu verstehen, warum dieses bis an die

Grenzen des Menschenmöglichen gehende Motiv uns so fraglos hinnimmt, so

in allen Tiefen erschüttert. Weil wir selbst, weil die Zustände unserer

Gesellschaft es sind, an die Shylock sich mit seinen Worten ebenso

wendet wie an die edeln Venetianer, die zugleich ein adliges Leben im

Geiste, Spiel und schönen Luxus, ein Leben der Kaufmannschaft und ein

Leben der Sklavenhalterei führen. Auch hier ist des Dichters Amt vor

allem wieder die Deutung; die Fabel, daß der Jude auf sein Recht pocht

und das Pfund Fleisch des Schuldners haben will, ist da, wie Agamemnon

da ist, der seine Tochter geopfert hat; Shakespeare aber zeigt uns, wie

es in dem Juden aussieht, wie er sich gegen seine Umgebung stellt, wie

diese Stunde, wo er den Repräsentanten seiner Feinde vor Gericht zieht,

um das Recht zu haben, er, der Rechtlose, ihn zollweise zu morden, die

in tollen, ungeglaubten Träumen ersehnte Stunde seines fürchterlichen

Triumphes ist.

Diese Dinge, Shylocks Haß gegen die Christen, sein Versuch, diesen Haß

zu befriedigen, der ihm keineswegs ganz mißlingt, denn er, der Jude,

darf seinen Haß vor dem Dogen von Venedig in Wahrung seines Rechts

hinausschreien, und die Gründe zu diesem Haß, sie sind der Intensität

nach stärker als alles andre im Stück; sowie wir das Buch weglegen oder

das Theater verlassen, verflüchtigt sich das andre alles wie Spiel

und Traum, dies aber bleibt wie böse, arge, harte, undurchdringliche

Wirklichkeit. Und so soll es sein; so hat es dieser Dichter in seinem

Traumspiel komponiert, und daß wir auf dieses Intensitätsverhältnis

achten, ist schon ein wesentlicher Gewinn zum Erfassen des Sinnes, um

dessentwillen diese Vorgänge ineinander geflochten sind.

Der Schauspieler Schildkraut, dessen Judentum offenbar aufs stärkste

menschlich erzittert, wenn er diese Rolle spielt, macht durchweg

den Versuch, Grelles zu mildern und sympathische Züge an Shylock

hervorzukehren. So unternimmt er es mit einer Kunst, der das Unmögliche

beinahe gelingt, Shylocks Klage um die von der Tochter mitgenommenen

Diamanten und Juwelen so zu bringen, als ob der Vater von den Schätzen

zwar unermüdlich plappernd und jammernd spräche, dabei aber nur die

entflohene Tochter schmerzlich im Sinne hätte. Etwas ist schon daran;

aber zu je größerer Härte wir uns schmieden, um so näher kommen wir

solchen Gestalten Shakespeares. Für diesen seelisch Getretenen und

Gefallenen ist das alles ganz ein und dasselbe: Geld -- Juwelen --

die Erinnerung an seine Jugend und Lea, die gestorbene Frau, die

Tochter, das alles ist sein Leben, und weiter kennt er kein Leben als

sein Haus und sein Geschäft. So weiß er nach der Flucht der Tochter

nicht, worüber er zuerst klagen soll. Solanio, der darüber berichtet,

charakterisiert sein Benehmen als „verwirrte Leidenschaft“ und erzählt,

wie es „seltsam wild und durcheinander“ aus seinem Munde gehe:

Mein Tochter -- mein Dukaten -- o mein Tochter!

Fort mit ’nem Christen -- o mein christliche Dukaten!

Hier kommt mitten aus Kummer und Wut der Hohn auf die Feinde und vor

allem die grimmige und doch humoristische Selbstverhöhnung heraus, die

man an dem Juden, wie er durch den Druck geworden ist, so gut kennt.

Die Dukaten, die er den Christen mit seinen Geschäften so durchtrieben

abgenommen hat, in Jahren und Jahren, die sind nun in einem Augenblick

mitsamt der Tochter zu den Christen zurückgekehrt! Diese Verschmelzung

seiner Liebe zu Dingen von Geldwert und seiner Liebe zum Kind, die

dem alten Mann ganz selbstverständlich ist, kommt für die Zuhörer des

Jammers so grotesk heraus, daß die Gassenbuben hinter ihm herschreien:

„Die Stein, die Tochter, die Dukaten!“

Das wird berichtet, und dann sehen wir Shylock nur nachträglich im

Gespräch über den Fall mit Freunden des Entführers aus Antonios Kreis

und mit dem Stammesgenossen Tubal. In meiner Erinnerung aus früher

Zeit aber steht sehr lebhaft eine Szene, wie Shylock unmittelbar nach

Jessikas Flucht zurückkehrt und mit einem Licht in der Hand rufend,

jammernd, brüllend das ganze Haus treppauf, treppab durchsucht.

Virtuosen haben sie eingelegt, die Szene ist von Shakespeare nicht

verfaßt. Hätte er sie gedichtet, so stünde uns außer dem inneren Grund

noch die äußere Veranlassung lebhaft vor Augen, warum Shylock die

geraubten Schätze und die Flucht des einzigen Kindes immer verwirrt

beisammen hat: daß die Tochter nicht bloß gelegentlich, sondern als

Flüchtige das Haus verlassen hat, merkt er an der wüsten Sichtbarkeit,

daß die Kästen leer und ausgeraubt sind. Wir treffen das übrigens

öfter bei Shakespeare, wie ein Höhepunkt des Vorgangs nur in den

Bedingungen und Folgen gezeigt wird. Hier mag noch mitsprechen, daß

Shylock nicht gar zu sehr in die Mitte gerückt werden darf und daß

die Schauplätze und das Weiterführen der verschiedenen Elemente der

Handlung fast symmetrisch abwechseln, wie wir bald näher zu betrachten

haben. Aber vielleicht gehört diese Weglassung noch in einen tieferen

Zusammenhang, von dem J. L. Klein gelegentlich spricht; gelegentlich

-- sein eigentliches Werk über Shakespeare hat der genialste aller

Shakespearekundigen ja nicht mehr schreiben können. Klein weist

darauf hin, daß Shylock im Gegensatz zu den anderen Bösewichten,

die Shakespeare darstellt und die sich alle mit sich selbst

auseinanderzusetzen haben -- Jago, Edmund, Richard III., der König im

Hamlet, Macbeth -- nie einen Monolog hält. Wir sehen ihn nur als einen,

der reagiert; als den Juden im Verkehr mit der Welt, die ihn zu dem

gemacht hat, was er ist. Er ist nichts mehr als Verkehr; er kann nicht

mit sich allein umgehen. Vermöchte er es, täte er es, er mit seinen

reichen verschütteten Gaben wäre ein anderer als der er erscheint, er

wäre er selbst, er käme zu sich. Ein bloßes Mittel -- Geld -- ist ihm

Zweck geworden, weil ihm die Welt nicht erlaubt, er selbst zu sein und

sich von sich aus in die Welt hinein Aufgaben zu setzen. Und was für

seine Psychologie gilt, trifft auch seine Rolle in der Ökonomie des

Stücks; er ist nur das grobe Mittel, um das Zarte, Feine, Duftige, um

das es im übrigen geht, in Bewegung zu setzen; er ist das negative

Element im Stück wie Mephisto im Faust, nur daß es Shakespeare vermocht

hat, uns am Innern dieses seines Unholds qualvoll ernsten Anteil nehmen

zu lassen.

Der Streit, weniger ob das Stück ein Lustspiel ist oder nicht, als

vielmehr, ob Shylock ein tragischer oder ein komischer Charakter

ist, wirft eine der Fragen auf, die für Shakespeares Dimensionen zu

schubfachmäßig eng sind. Daher kommt es, daß die Vertreter beider

Auffassungen Richtiges und Falsches durcheinander vorbringen. So

hat Rümelin, der sich ganz für die Komik entscheidet, ein trockener,

kritischer, höchst verständiger Kopf, bei alledem etwas sehr Richtiges

bemerkt, dem er freilich keineswegs gewachsen sein konnte. Das Stück,

sagt er, grenzt an die Gattung der Feenmärchen. „Der Dichter führt

hier in die sonnenhelle Handlung ein auf den ersten Anschein grausiges

Element herein“, so eine Art Knecht Rupprecht. Wie nah sich das mit der

Wahrheit berührt, will ich noch zeigen. Wenn aber Rümelin fortfährt:

„Der Dichter hat ihm aus seinem reichen Schatz nur gleichsam ~en

passant~ einige tiefere Motive zugeworfen“, so muß man bei diesem ~en

passant~ doch sagen, daß so ein Mann wie Rümelin nicht Ehrfurcht genug

vor dem hat, was über den Verstand des bloß Verständigen hinausgeht.

Er hat keine Ahnung davon, mit welcher bewußten, geistig-denkerischen,

planvollen Lenkung und Komposition der mehr als Verständige, der

Dichter, sein Werk aufbaut. Es gilt schlechtweg beides: in dieser

Dichtung haben wir zugleich ein Spiel der Lust und höchste Tragik,

haben wir tiefste Entlarvung nicht nur Shylocks, sondern auch derer auf

der andern Seite, bei denen wir Zuschauer stehen, aus Shylocks, hie

und da auch aus Lanzelot Gobbos Munde. Wer nicht um eigener Absichten

willen gewisse Teile der Dichtung unterschlägt, dem kann hier keine

Frage kommen: Shylock steht ganz klar, in schärfster Helle im Stück,

und wir dürfen wohl, weniger bei der Helligkeit der verständigen

Kritiker als bei der Helle, in der Shylock steht, daran denken, daß

Helle und Hölle das nämliche Wort ist; denn das Helle, grelle Licht,

das rembrandtisch auf diesen Dunklen fällt, entspricht dem Zustand

seines Innern: indem ihm die Eingeweide, die Herz, Seele, Gemüt

heißen, zu schwarzer, gallig gebeizter Kohle verbrennen, schlägt ihm

die helle Flamme in den Kopf empor. Hell und scharf umrissen steht er

da: unser Abscheu ist ihm ebenso sicher wie unser tiefstes Mitgefühl;

unser Unrechtgeben ebenso wie unser Rechtgeben; und das ist das

einzig Große an Shakespeares Menschendarstellung, die hier nicht bloß

einen einzelnen Menschen, sondern in dieser einmalig repräsentativen

Ausprägung den Zustand eines gedrückten Volkes darstellt.

Dieser Zustand, wir erleben es schaudernd und mit einem innigen

Mitgefühl, das noch mehr als diesem Geprägten, Preisgegebenen,

Fertigen, Verlorenen den verschütteten Möglichkeiten seines Gleichen

gilt, macht schlecht, gemein, wild, gierig, reaktiv; wir fühlen von

diesem Beispiel aus weiter und erleben: daß der Druck so wirkt, das

gilt für alle Getretenen, nicht bloß für Juden, auch für den Pöbel,

wie er in Krawallen und Revolutionen auf die Straße steigt, auch für

das moderne Proletariat; empfinden wir aber darum das Unrecht, das

geschehen ist und noch geschieht, weniger, weil es wirksam war? Ja,

Shylock löst mit ewig gültigen Worten, die er selbst spricht, sein

eigenes Rätsel: er ist das Produkt niederträchtiger Behandlung; er ist

niederträchtig.

Shakespeare (Volume 1 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 4 / 27 段