lebendige Leiche in dumpfer Grabeshöhle.

Romeo also, der Verbannte, hat inzwischen schon in Mantua die Nachricht

erhalten: Julia ist tot. Zum Wundervollsten gehört, wie die Kürze

dieser Szene aus Romeos heroischer Mannesart sich ergibt. Bei Capulets

hatten wir, als Julia wie tot auf ihrem Bett gefunden wurde, die

wortreichen, tränenreichen Klagen der unglücklichen Eltern, die Julias

rechte Eltern nicht waren, des trauernden Bräutigams, der Julias

Erkorener nicht war, mitangehört, ohne einen Augenblick zu vergessen,

daß Julia noch lebt; und in dieser Stimmung hatte die Verstellung, mit

der Bruder Lorenzo sie wortreich mehr zur Ruhe wies als tröstete, für

uns einen tieferen Sinn, eine Rechtfertigung:

Sie erhöhn war euer Ziel, -- --

der Konvention habt ihr sie geopfert, sagt er für uns Mitwisser, seht

ihr, da ist sie erhöht, wohin ihr ihr nicht folgen könnt; bereitet ihr

eine schöne, prunkvolle Leichenfeier, dann bleibt ihr in eurer Rolle;

Der Himmel zürnt mit euch um sünd’ge Tat,

auch das verstehen Lorenzo und wir anders und bestimmter als die, an

die es sich wendet.

Hier aber, wo wir bei Romeos kurzer, tragischer Entschlossenheit sind,

vergessen wir ganz den Zusammenhang und nehmen alles voraus: ja, Julia

ist tot; Romeo kann nicht leben.

Er erfährt von dem treuen Diener Balthasar, der in größter Eile

hergeritten ist, um die traurige Botschaft zu überbringen: Julia ist

tot. Kein Wort der Klage kommt über seine Lippen, nicht ein Ausruf des

Schmerzes, keine Sekunde Wühlen und Verweilen in dem, was ist. Sonst

wohl ist er der Dichter, der in Schmerz oder Wonne sich Bilder malt und

das Wirkliche festhält und ausgestaltet; jetzt ist er ganz, sofort,

im Nu zum Willen hin umgeschaltet, zum Sollen: hart, entschlossen,

sachlich, nüchtern, trocken wie zur gegebenen Pflicht wendet er sich

dem Tode zu.

Ist es denn so? Ich biet’ euch Trotz, ihr Sterne!

Du willst uns trennen, unfaßbares Schicksal? Nein. Du sollst es nicht

vermögen. Du tust deinen Willen, fragst nicht, ob wir dich verstehn;

ich tu meinen Willen auch, frage dich nicht, ob du’s erlaubst. Das

alles und mehr liegt in seinem kurz gefaßten Sätzchen. Der Welt und dem

Leben wird gekündigt, und nun das Praktische. Was ist zu tun? Daß er

an ihr Grab muß, um im Tode mit ihr vereint zu sein, versteht sich ihm

von selbst. Pferde mieten; ein Brief ist zu schreiben -- gewiß an die

Mutter --; und wie soll man sterben? Gift --

Mir fällt ein Apotheker ein --

Und nun ruft er den Dichter in sich, den er so gewaltsam zurückgedrängt

hat, im Gegenteil gegen sich selbst zu Hilfe: um nur ja nicht, was

unwürdig, unmännlich, liebearm wäre, seinem Schmerz sich hinzugeben

-- jedes Wort, jede Vorstellung, jede Träne wäre eine Erleichterung,

eine Erweichung --, klammert sich seine Phantasie an das fürchterliche

Genrebild dieses zerlumpten, heruntergekommenen Apothekers an und malt

es liebevoll, welthaßerfüllt ins einzelne aus.

Hier haben wir ein ganz prachtvolles Beispiel dafür, wie Shakespeares

Komposition und Motivierungskunst äußere Handlung, Charakteristik,

letzten Sinn und Stimmung in der Ausnützung eines einzigen Moments

verflicht: der Apotheker muß allerärmst und elendest sein, damit wir

sofort verstehen, daß so einer ohne weiteres dem verzweifelten Manne

das Gift verkaufen wird; damit wir in dieser verzweifelten Ausmalung,

durch das überzeugendste Kunstmittel also -- indirekt -- Romeos

Verzweiflung erleben; damit wir schließlich in einer wunderschönen

letzten Gipfelung hinter dem Gipfel die ganze Vornehmheit Romeos

erfahren.

Ja, er ist so einer, der aus tiefem Grunde ohne Julia, ohne die Liebe

nicht leben kann: weil die Welt ist, wie sie ist; jetzt ist es nicht,

wie wir ihn wohl zu Beginn des Stückes noch sahen, der weibische

Weltschmerz des unfertigen Jünglings, der die Welt gar nicht kennt;

in dieser Woche ist er ein Mann geworden, der entschlossen Nein zur

Welt sagt und ihr den Rücken kehrt; in Julia hatte er, gefördert vom

weltliebenden Bruder Lorenzo, das Symbol und die repräsentierende

Bürgschaft umschließen wollen, daß die Liebe eine Stätte in der Welt

habe; indem er den Apotheker ansieht, schaut er den Repräsentanten und

das Opfer der lieblosen Welt und ihrer Geschöpfe:

Bist du so nackt und bloß,

Von Plagen so bedrückt, und scheust den Tod?

Der Hunger sitzt in deinen hohlen Backen,

Not und Bedrängnis darbt in deinem Blick,

Auf deinem Rücken hängt zerlumptes Elend,

Die Welt ist nicht dein Freund, noch ihr Gesetz ...

Und wie er ihm das Geld für das Gift reicht, erweitert sich seine

Objektivität, seine Verallgemeinerung des eignen Leids noch mehr,

dringt sein Blick noch tiefer in die Verkettung der Erbärmlichkeit der

Menschen und ihrer Einrichtungen ein:

Da ist dein Gold, ein schlimm’res Gift den Seelen,

Das in der eklen Welt mehr Mord verübt

Als solch arm Zeug, das du nicht geben darfst.

Ich geb’ dir Gift: du hast mir keins gegeben.

Ihm persönlich hat ja das Geld nichts getan: er aber denkt jetzt, wo

er nicht mehr leben kann, ans Ganze. Und da, mit diesem letzten, alles

einzelne zu Einem verschweißenden Blick des wie schon Sterbenden,

erkennt er: hängt nicht aller Krieg und Streit der Menschen, jede

Fehde, auch die Fehde der Montecchi und Capuletti mit hohlem Schein

und umgehängtem Gepränge, mit Konventionen, mit Gier und Besitz,

mit Egoismus zusammen? Rollt nicht die Lüge gleißend über die Welt

hin, wie das Geld, das ein Mittel zum Leben sein sollte und zu jeder

Niedertracht verführt? Nein wahrlich, ohne die Liebe läßt sich’s nicht

leben!

Wir wissen, wie er stirbt; von Blitzen, die aus dem Nächtigen leuchten,

von tragischer Ironie umwittert; wir erleben mit, wie schwer ihm das

Sterben gemacht wird, wie er bis zum Letzten vom boshaften Schicksal

genarrt, wie er gezwungen wird, als Mann die Gewalttat zu üben, wo

er als Mann der Liebe leben und sterben will: Graf Paris droht ihm

auf dem Friedhof, vor Julias Totengewölbe, den Tod an, ihm, der

nichts will als sterben; er, der an der Leiche der Geliebten das Gift

trinken will, soll ein Leichenschänder sein; er, der den Haß versöhnen

wollte, soll aus Familienfeindschaft selbst eine tote Jungfrau --

sein ehelich Gemahl -- mit Gemeinheit beschmutzen wollen; und bei all

der unbegreiflichen Verkennung haben wir jetzt, an dieser Stätte,

unverrückbar wieder in Gedächtnis und Erwartung und möchten es ihm ins

Ohr flüstern: Julia lebt, bald wird sie erwachen! Aber wir und das

Mitleid haben keine Stimme; es waltet die Unerbittlichkeit, die die

Liebenden in dem Augenblick, als sie allererst ihre Liebe erkannten,

vor Augen sahen. Wie lang ist’s her? Eine Ewigkeit; ein paar Tage!

So wie Romeo, in dem die Liebe Männlichkeit und Friedfertigkeit

zugleich erweckt hat, Tybalt gebeten und beschworen hatte, ihn zu

lassen, so redet er jetzt dem Gegner, den er nicht kennt -- und wenn

er ihn kennte, wüßte er nicht um seine Beziehungen zu Julia --, redet

Julias Gemahl ihrem Bräutigam gut zu, ihm den Weg nicht zu versperren;

vergebens, auch das bleibt ihm nicht erspart; er muß sich seines

Lebens wehren, um so sterben zu dürfen, wie’s seine liebende Phantasie

verlangt; und Paris fällt.

Julia lebt, bald wird sie erwachen! Das ist vielleicht die tragischste

Ironie: er hat sich den Weg zu ihrer Leiche erkämpft, er blickt auf die

tote Geliebte, die wie noch lebend aussieht:

Noch bist du nicht besiegt: der Schönheit Fahne

Weht purpurn noch auf Lipp’ und Wange dir --

... Liebe Julia,

Warum bist du so schön noch?...

Warum? O, wir wissen, warum. Die Zeit ihres Erwachens ist nun gekommen,

schon steigt ihr Blut wieder zum Antlitz empor, schon mögen leichte

Träume sie umschweben, und wie er nun, an ihrer Brust, im Kusse, auf

ihren Lippen stirbt -- da dürfen wir denken, daß dieser Kuß des um

ihres Todes willen sterbenden Freundes sie vollends zum Leben, zum Tode

erweckt!

Hat in der Welt dieser Verstrickungen, dieser tragischen Ironie, hat

in dieser Dichtung des jungen Shakespeare, in der sich schon all

die pessimistische Bitterkeit seiner reifen Zeit gegen Menschen und

Weltordnung aufrichtet, der Zufall, dessen Bosheit der optimistische

Rationalist Lorenzo nicht mit in seine Rechnung zog, nicht seinen

guten, bitterbösen Platz?

Julia erwacht und ist sofort ganz hell, ganz wach. Durch den langen

Todesschlaf hindurch hat nur das Gedächtnis ihrer Liebe gelebt:

Trostreicher Vater! Wo ist mein Gemahl?

Ich weiß recht gut noch, wo ich sollte sein;

Da bin ich auch. Und wo ist Romeo?

So redet sie den guten Helfer an, der das Ganze so klug, so ganz

richtig berechnend eingerichtet; sie ist, wo sie nach seinem Plan sein

sollte, von wo Romeo und Vater Lorenzo sie wegbringen sollten.

Der ist jetzt eben gekommen; in verzweifelter Eile ist er über die

Gräber gestolpert und kann ihr nun in einem Schmerze, in dem auch die

Klage über den Gott, der solches tut, nicht fehlt, nur sagen: Auch

Romeo ist da; aber nicht mehr als Lebender.

... Eine Macht, zu hoch dem Widerspruch,

Hat unsern Rat vereitelt.

Wir wissen, wie sie stirbt; wie dann Lorenzo, dem Chor einer antiken

Tragödie vergleichbar, als ein Mann, der mit dem Schicksal der Welt

wie mit seinen, des immer wieder gläubig Vertrauenden, eignen immer

wiederkehrenden Enttäuschungen vertraut ist, groß und gefaßt vor Fürst

und versammeltem Volk alles, was wir wissen -- wie schmerzlich wohl wie

in einem Adagio tut uns diese Wiederholung --, noch einmal zusammenfaßt

und so den Vorgang einprägsam zur Höhe des Sinnbilds, zum Mythus

erhebt: Dies ist das Schicksal Romeos und Julias; wir wissen, wie

dieses Sinnbild: die Liebe Romeos und Julias in dieser Welt des Haders,

wie dieses Heiligenbild des liebenden Paares gleich ein Liebeswunder

vollbringt: an den Leichen versöhnen sich die Feinde, die Erben des

Hasses der Geschlechter: die Liebe hat sich opfern müssen, um die

Menschen vom Haß zu erlösen.

Von seiner Zeit und, sie darin als ihr Größter repräsentierend und

fortführend, mit ihr gemein hat Shakespeare die wilde, frisch anhebende

Stärke und Gewalt; alles, was einmal hieratisch, starr, gebunden war,

ist nun entfesselt, erweicht und rund und voll, plastisch und lebendig

bewegt geworden; der Individualismus, die große, persönliche Gebärde

der Renaissance und des Barock ist da, die ganze Ausdrucksgewalt; aber

vereint damit, mit all dieser Freiheit und Unmittelbarkeit, ist, was

die Zeit der Gebundenheit und Verbundenheit, der christlichen Seele,

der innigen Gotik gebracht hat: ganz inniglich hold Seelenvolles, jetzt

aber in frei unschuldsvoller, lebendiger Sinnlichkeit.

Prometheus, Luzifer -- der Feuer- und Lichtbringer -- und Maria, die

naturdurchdringende, hingegebene, liebende, kreatürlich-göttliche

Weltseele: das süße Meisterstück aus Shakespeares Jugendzeit kündet uns

an, daß das beides in Einheit beisammen, zur Einheit sich suchend von

nun an in der Welt sein soll.

Der Kaufmann von Venedig

Es ist etwas Eigentümliches mit Titeln und Namen: sie nähren sich so

sehr von dem eigentlichen Inhalt, den sie bezeichnen, und von den

Stimmungen, die diesen Inhalt umschweben, daß die wörtliche Bedeutung

manchmal fast bis zum Letzten verloren geht. Bei der Friedrichstraße

in Berlin denkt man an das Leben, das dort durchzieht, aber an keinen

Friedrich. Ich habe einmal beim Eingang zu einem Konzertsaal an einem

Abend, an dem Schuberts Unvollendete auf dem Programm stand, einen

Engländer die Worte ~The unfinished symphony~ mit so verzückter Betonung

und so einem Auskosten jeder Silbe sprechen hören, daß ich den Klang

nie wieder vergessen kann: mit keinem Gedanken dachte der Musikfreund

daran, daß das Werk seinen Namen von der beklagenswerten Tatsache

herleitete, daß der Meister die Symphonie liegen ließ und nicht fertig

machte, sondern Die Unvollendete bezeichnet ihm schlechtweg einen

Gipfel der Vollendung.

So ähnlich steht es, wenn wir den Namen hören oder sprechen: Der

Kaufmann von Venedig. Wir denken deswegen doch nicht ausschließlich

oder in erster Linie an Antonio, den königlichen Kaufmann; manchem wird

er zunächst gar nicht in den Sinn kommen. Wären wir aber einig darüber,

welche Vorstellungen und Stimmungen, welche Personen und welche

Vorgänge, welcher wie zum Traum gewordene Gesamtgehalt und Sinn uns mit

diesem Titel zu Bewußtsein kommt, so brauchte ich kaum mehr etwas zu

sagen.

Wir sind aber keineswegs einig, wiewohl sicher ist, daß die Gestalt

Shylocks und die Gerichtsszene, damit auch Porzia als Richter und

ihre Entscheidung aus dem Gewoge der Erinnerungen am stärksten

hervorstechen. Über das Stück als Ganzes aber, seinen Zusammenhang

und seinen Sinn ist nach Hamlet vielleicht mehr als über irgend ein

anderes Shakespeares geschrieben und gestritten worden.

Zum ersten Mal erwähnt finden wir Shakespeares Kaufmann von Venedig im

Jahre 1598; die erste Quartausgabe, die wir kennen, stammt vom Jahre

1600.

Bei der Umschau nach Shakespeares Quellen kommen wir sofort an das

Grundproblem heran, das das Stück aufgibt. Es sind nämlich in dem Stück

verschiedene Motive in eines verwoben, und wir wissen nichts davon,

daß Shakespeare sie alle schon irgendwo beisammen gefunden hätte. Die

Behauptung, Shakespeare habe hier ein älteres Stück bearbeitet, hängt

ganz in der Luft; keine Überlieferung sagt etwas über das Vorhandensein

eines solchen Stückes.

Die wesentlichen Motive sind folgende:

1. Jemand, der Geld aufnimmt, verpflichtet sich zur Hergabe eines

bestimmten Quantums seines Fleisches, falls er das Geld nicht zur

rechten Zeit heimzahlt.

2. Eine Erbin wählt ihren Gatten mit Hilfe verschlossener Kästchen,

deren Inhalt die Freier zu erraten haben.

3. Diese Frau entscheidet als Rechtsgelehrter verkleidet den Streit

um das Pfund Fleisch durch ihre überraschende Auslegung.

Das zu 2. genannte Motiv der Kästchenwahl ist in keiner der

Überlieferungen mit dem Stoff verbunden; es hat vielmehr seine eigene

Geschichte im Zusammenhang ganz anderer Fabeln. So findet es sich z. B.

in der mittelalterlichen Geschichtensammlung ~Gesta Romanorum~,

deren englische Fassung als gedrucktes Buch vorhanden und Shakespeare

ganz sicher bekannt war; auch Boccaccio hat eine ähnliche Geschichte.

Dieses Motiv ist von Shakespeare in die Geschichte des Rechtshandels

aufgenommen worden, weil ein entsprechendes Motiv, das an seiner Stelle

war, dramatisch unbrauchbar und auch sonst zu unedel war. Auch auf der

Vorstufe nämlich, von der gleich zu reden ist, bewarben sich viele

Freier um eine Dame mit einer schwierigen Leistung: die Leistung aber

war nicht die Wahl eines Kästchens, sondern der durch einen Schlaftrunk

erschwerte Beischlaf. Das mußte weg, und so kam die Kästchenwahl in die

Handlung.

Schon in einer andern Geschichte der ~Gesta Romanorum~ sind die

zu 1. und 3. genannten Motive beisammen. Aber der Geldgeber ist da

noch kein Jude. Wir brauchen darauf nicht weiter einzugehen, weil

die Erzählung, die in enger Verbindung mit Shakespeares Stück steht,

bekannt ist. Das ist eine um 1378 verfaßte, 1554 italienisch gedruckte

Erzählung, die einer Sammlung mit dem Titel ~Il Pecorone~ (Der

Dummkopf) von Giovanni Fiorentino angehört. In dieser salzlosen,

lediglich stofflich wirkenden Geschichte läßt sich die Dame von

Belmont, eine ungeheuer reiche, über ein Land gebietende Erbin unter

der Bedingung umwerben, die oben erwähnt wurde. Ein junger Venetianer

läßt sich von seinem Pflegevater dreimal Schiffe ausrüsten, um den

Sieg davonzutragen. Erst das dritte Mal gelingt es ihm; inzwischen ist

aber der Pflegevater durch den Vertrag um das Stück Fleisch in die

Gewalt des Juden von Mestri gekommen, bei dem er seinem Pflegesohn

zu Liebe Geld unter so seltsamer Bedingung aufgenommen hatte. Die

Dame von Belmont befreit ihn verkleidet mit ihrem Rechtsgutachten;

der Jude bekommt kein Geld und kein Fleisch, wird aber weiter nicht

behelligt. Das Nebenmotiv, daß der junge Mann nun den Gelehrten mit

einem Ring seiner Gattin bezahlt, und die lustige Verwicklung, die

daraus entsteht, ist auch schon da. Die Namen, die genannt werden, sind

andere; die Dame heißt nur die Dame von Belmont; der Jude wird gar

nicht mit Namen genannt.

Die Steigerung, daß die Tochter des Juden ins Lager seiner Feinde

übergeht, das Jessikamotiv, ist nirgends überliefert.

So ist also bei Shakespeare eine Fabel, die schon vorher im Äußern

uneinheitlich und nur etwa durch das Motiv der überlegenen Klugheit

der Frau zusammengehalten war, durch neue Zutaten noch verwickelter

geworden. Und es erhebt sich die Frage: Warum hat er diese ineinander

verstrickten Handlungen gewählt? Was hat er damit gewollt? So leicht

wie A. W. Schlegel, der nonchalant meinte, die Shylock-Handlung sei so

schmerzlich ängstlich, daß „für Aufheiterung und Zerstreuung“ gesorgt

werden mußte, wollen wir es uns nicht machen, zumal wir mit Schlegel

finden, daß das Stück zu Shakespeares vollendetsten Werken gehört. Zu

solcher beruhigenden Erklärung würden wir uns erst entschließen, wenn

uns gar kein Sinn und Zusammenhang dieses Vielfachen aufgehen könnte.

Da wir aber wissen, daß ganz besonders die Stücke des Dichters, deren

Handlung polymythisch, aus mehreren Handlungsteilen zusammengesetzt

ist, mit diesem ihrem Parallelismus Sinnspiele sind, dürfen wir mit

guter Hoffnung an die Untersuchung gehen.

Von den vielen Versuchen, das Stück auf eine Formel zu bringen, nenne

ich einige. Horn findet, das Stück verkünde die rein christliche Idee

von der versöhnenden Liebe und der vermittelnden Gnade im Gegensatz

zum Gesetz und zum sogenannten Recht. -- Ulrici erinnert an den Satz:

~Summum jus, summa injuria~. -- Der Hegelianer Rötscher findet die

Dialektik, den Entwicklungsprozeß des abstrakten Rechts dargestellt:

das Buchstabenrecht bringt sich selbst zur Aufhebung. -- Gervinus

will geistvoll und kräftig zeigen, daß das Stück in all seinen Teilen

darauf ausgehe, das Verhältnis des Menschen zum Besitz darzustellen. --

Kreyßig findet im Zusammenhang der verschiedenen Elemente der Handlung

eine ganz andere Lehre als alle bisher genannten: dauerndes Gedeihen

nämlich sei nur durch Maßhalten zu erlangen; der starre Idealismus, den

er in Antonio verkörpert findet, sei kaum minder gefährlich als die

verhärtete Selbstsucht.

Ins Gebiet der Auslegung gehört auch die Auseinandersetzung zwischen

Juristen, zu der Rudolf von Jhering Veranlassung gab. In seiner

Schrift „Der Kampf ums Recht“ trat er von 1877 an nebenbei dafür ein,

daß der Prozeß gegen Shylock zu revidieren sei: dem Mann sei Unrecht

getan worden, Porzias Entscheidung beruhe auf einem elenden und

nichtigen Kniff. Das führte zu einer Polemik mit dem Rechtsphilosophen

Kohler, der im Gegenteil, ähnlich wie Rötscher und auch Simrock,

fand, Porzias Entscheidung bedeute einen Sieg in der Entwicklung der

Rechtsgeschichte; „die Sonne des Fortschritts“ leuchtete ihm aus diesem

Ausgang des Prozesses hervor.

Ich meine, man muß hier durchaus das alte Motiv, das man bei den

verschiedensten Völkern in Märchen und Novellen findet, und die

Anwendung unterscheiden, die Shakespeare davon gemacht hat. Die

überraschende, erlösende Entscheidung, die das Motiv überall bringt:

Gut, Gläubiger, du sollst das Pfund Fleisch haben, das das Gesetz

oder der Vertrag dir zuspricht, aber kein Tropfen Blut soll um einer

Schuldforderung willen vergossen werden, birgt wohl in der Tat den

Sinn, wie ihn Simrock und Kohler darin gefunden haben: der Kampf

einer milderen Rechtsauffassung gegen eine alte, die nun als grausam

empfunden wird, spricht sich darin aus. Das Volksdenken und so auch das

Volksrecht arbeitet nicht gleich mit der absoluten Negation; man sagt

nicht, eine unbezahlte Schuld darf unter keinen Umständen zum Tode des

Schuldners führen, das alte Gesetz ist abgeschafft; sondern man macht

zunächst durch Interpretation die Anwendung unmöglich. Der Vorgänger

des neuen Gesetzgebers ist der kluge Richter.

Schuldenmachen und Diebstahl war in alten Rechten überall nicht

gesondert. Schwerer Diebstahl kann in England noch heute mit dem Tode

bestraft werden. Motive, auf die man bei Dickens und Balzac noch häufig

stößt, kommen uns heute beinahe schon so barbarisch vor wie das Motiv

Shakespeares: daß man Schulden halber auf Kosten des Gläubigers bis zur

Bezahlung ins Gefängnis gesetzt werden konnte.

In der alten Zeit aber, in der das Motiv entstand, handelte

es sich nicht, wie bei Shakespeare, um einen besonderen unter

Ausnahmebedingungen entstandenen Vertrag, sondern um eine der üblichen

Rechtsordnung ganz gemäße Vereinbarung. Das römische Zwölftafelgesetz

bestimmt: Wenn ein Schuldner dem Gläubiger zugeschrieben ist und nach

sechzig Tagen und dreimaligem Ausruf keine Zahlung erfolgt, darf der

Schuldner getötet oder als Sklave verkauft werden. Das entspricht so

sehr dem Rechtsgefühl, daß die absonderlichsten Spezialfälle vorgesehen

werden: mehrere Gläubiger dürfen den Körper zerhacken (~in partes

secare~), und es wird ausdrücklich bestimmt, daß, wenn einer der

Gläubiger sich ein größeres Stück herausschneidet, als ihm zukäme,

das nicht als Betrug angesehen werden solle. Im deutschen Recht darf

der Gläubiger den Schuldner verstümmeln; so z. B. gestattet ein

altnorwegisches Gesetz dem Gläubiger, daß er dem Schuldner, der nicht

für ihn arbeiten will, so viel Fleisch abhauen darf, als er Lust hat,

oben oder unten.

Shakespeare (Volume 1 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 3 / 27 段