Julia _liebt_ ja Romeo nur -- _kennt_ sie ihn denn? Kennen

einander denn die Menschen? weiß einer vom andern? hat denn die Liebe,

zugleich die beste und die gefährlichste Art der Erkenntnis, feste

Zuversicht in sich? die Ruhe der Unerschütterlichkeit? Werden wir

nicht einem adligen Naturkind, einem gereiften Manne begegnen, der von

seiner innig Geliebten das Schlimmste zu glauben imstande ist: Othello?

Aber Julias erkennender Liebe hat Schreck, Angst, der Schlag, der

unmittelbar auf den höchsten Aufschwung ihrer Einsamkeit gefolgt war,

nur einen Augenblick lang das Gleichgewicht geraubt. Sowie die Amme

einstimmen will -- welch ein Thema für ihre alte Sklavinnenseele: die

Männer sind alle gemein! -- hat sie wieder gläubige Gewißheit: Nein, er

ist ein Mann von Ehre. Und der Magdranküne der Alten stellt sich die

hingegebene Unterwerfung der liebenden Frau und das stolze Gefühl des

Mädchens entgegen, das fast vergessen hatte, daß es schon eine Ehefrau

ist: er ist ja mein Gemahl. Und wie denn, mehr und mehr kommt die

Erleichterung der Tränen über sie: um Tybalts Tod soll sie weinen, wenn

Romeo lebt?

Das aber währt nur einen Augenblick. Jetzt erst werden ihr die Worte

zur Vorstellung, jetzt erblickt sie ihr wahres Elend: Romeo, ihr

angetrauter Gemahl, auf den ihre Seele wartet, ist verbannt.

Man gewahre die Situation. Der Haß der beiden Familien ist so

überliefert, so feststehende Einrichtung, daß sie nichts andres vor

sich hat sehen können als heimliche Ehe, heimliche, gestohlene Stunden

der Liebe. Sie ist in der väterlichen Gewalt, und sie kennt ihren

Vater, und nun Verbannung des Gemahls durch den Machtspruch des Fürsten

um einer Schreckenstat willen, die den Haß aufs äußerste verschärfte.

Sie sieht nichts vor sich als ein Leben, getrennt von ihm. Auf eine

freie, öffentliche Ehe wäre ja höchstens, und dann kaum, zu hoffen,

wenn der Vater, wenn die Eltern nicht mehr lebten. Ihr Weh, ihre

Empörung, ihre durchgreifende, kühne Liebe gewahrt das sofort und macht

vor solchen Gedanken nicht Halt:

Tybalts Tod

War Weh genug, o hätt’ es da geendet!

Und liebt das Leid Gefährten, reiht durchaus

An andre Leiden sich, warum denn folgte

Auf ihre Botschaft: tot ist Tybalt, nicht:

Dein Vater, deine Mutter, oder beide?!

Das hätte sanftre Klage wohl erregt.

Die Sonne neigt sich nun hinab; was soll sie noch aufbleiben? was soll

sie noch am Leben? Sie will zu Bett, -- was hatte ihrer da gewartet, --

und nun? Die Leere, die verzweifelte Öde, den Tod wird sie umarmen. Da

weiß die Amme -- ihre Finger spielen ja immer noch mit den Stricken --

aber bessern Rat. Zum Abschied wenigstens soll Romeo noch kommen. Sie

weiß ihn schon zu finden; gewiß ist er bei Bruder Lorenzo geborgen. Und

dahin trottet sie jetzt, um den Gebannten ins Brautbett zu rufen.

Während sie auf dem Weg ist, wir werden immer noch vor ihr bei Romeo

sein -- aus einer früheren köstlichen Szene kennen wir ja ihren

gespreizt watschelnden Gang, sie wird sich nicht überstürzen, und

soweit ihre eifrige Teilnahme, die aus Gutmütigkeit und Lüsternheit

stammt, sie antreibt, wird sie, die ohne fortwährende äußere sinnliche

Anregung leer wäre wie ein Sack, von allerlei interessanten Begegnungen

aufgehalten werden -- indessen mögen uns Gedanken und Fragen im Kopf

herumgehen, die nie hochkommen können, solange die Gewalt des Vorgangs

uns umfängt. So zu lieben, so mit Leib und Seele, wahrhaft mit dem

Leben an einem andern zu hängen, der Mann am Weibe, das Weib am Manne,

einzelner Mensch an einzelnem Menschen, ist es denn so wichtig? ist es

denn nicht etwas schaurig Verstiegenes, was da die Ära der christlichen

Seele gebracht, das Mittelalter ausgebildet, die Renaissance mit

der Freiheit ihres Individualismus noch gesteigert hat und was von

Shakespeare aus noch mehr die Seelen umklammern wird, zu Rousseau, zu

Werther, zu Jean Paul und Kleist hin? Daß diese romantische, heroische,

mystische Liebe wirklich ist, wissen wir alle, und insofern hat

auch der kühl ernüchterte Teil unsres Geistes mit Shakespeare nicht

zu rechten, wie wir freilich auch wissen dürfen, daß es zu dieser

Wirklichkeit nie gekommen wäre ohne die Phantasiekraft des Triebs,

welche die Dichter so erzeugt hat, wie die Dichter wiederum diese

Naturkraft der Verklärung heben, ausbilden, steigern. Aber wenn es

auch wirklich ist, soll es uns so ergreifen, daß es in uns übergeht,

in uns immerzu wächst? Es ist die Frage nach dem Recht des Dunklen,

Unbewußten, Unvernünftigen, sprachlos Unsäglichen; nach dem Recht des

Triebs nicht nur, sondern auch seiner Vermählung mit dem Allerhöchsten

des Geistes. Immer werden die Stunden der Klarheit und Zweckhaftigkeit

kommen, wo der Gott in uns, der aus Trieb und Geschlecht geboren ist,

sich gegen seinen Vater empört und nichts sein will als schlacken-

und flammenloser, abgeklärter, lichter Geist. Und vielleicht kommt

einst -- mir scheint sie aus allerlei Zeichen der Zeit zu drohen --

die Stunde der Menschheit, wo die Besinnung die Sinnlichkeit, wo der

Geist den Trieb, wo der Gott das Tier, wo der Mensch sich selbst ums

Leben bringt. Hier ist diese Frage hochgelassen worden, nicht um sie im

Vorübergehen, zwischen zwei Szenen Shakespeares zu lösen, sondern um

zu sagen: dies ist eine Frage, die auch Shakespeare nicht fremd ist,

die an den Kern seines Wesens rührt, die ihm nie Ruhe lassen wird,

und wir werden noch genug hören von seinen mannigfaltigen Fassungen

dieser Frage, von seiner Qual und seinem Spiel, seinem Zorn und seiner

Freiheit um diese Frage herum. Einstweilen mag noch einmal Julias

Monolog zu uns sprechen, mag dem stechenden Bohren unsres Intellekts

das Dunkel bringen, das uns not und wohl tut, und mag uns erinnern,

warum wohl, was sich gar nicht klar von selbst versteht, der Liebesakt

Bei_schlaf_, die Nacht die göttliche Freundin der Liebe ist.

Wenn Liebe blind ist,

Stimmt sie zur Nacht gar wohl.

Und nun zu Romeo! Er hat sich in der Tat, wie die Amme gewittert hat,

bei Lorenzo in der Zelle verborgen und soll nun in dem Augenblick, wo

die Szene einsetzt, erfahren, was wir schon wissen, wessen Wirkung

auf ihn wir nun miterleben sollen: der Spruch des Fürsten lautet

Verbannung.

Verbannung? Sei barmherzig. Sage: Tod!

So fahrig er vordem war, jetzt fällt an ihm vor allem die eindeutige

Bestimmtheit der Leidenschaft auf. Jeden Einwand schneidet er ab:

Die Welt ist nirgends außer diesen Mauern ...

Von hier verbannt ist aus der Welt verbannt.

Und drum wäre es besser tot sein als ohne Julia, in der Fremde, leben.

Denn mit ihm lebt seine Phantasie, er ist ein Dichter, jedes Kleinste

stellt sich ihm vor, um den Schmerz zu erhöhen: jeder Hund, jede Katze,

jede Maus, jede Fliege darf sie sehen, sie berühren -- -- nur Romeo

nicht!

Dazu kommt die Amme. Und wie sie nun in männlicher Gestalt dasselbe

Elend trifft, das sie zu Hause verlassen, ist sie doch wie aufs Herz

und auf den Mund geschlagen; sie wird ganz menschlich, ganz knapp und

beinahe vernünftig. Wenn’s die Darstellerin recht macht, ist das ein

köstlicher Zug, um uns aus tiefster Seele die Teilnahme heraufzuholen;

denn der Abglanz, den etwas wirft, wirft einen ganz besonders tiefen

Glanz darauf zurück. Vernünftig ist sie freilich nur beinahe, ganz kann

sie ja nicht. Juliens Zustand schildert sie so verkehrt, daß Romeo

meinen muß, wie es nur einen verschwindenden Augenblick lang war, was

die Phantasie seines Gewissens aber für das Recht der Gattin erklärt:

sie zürne ihm als Tybalts Mörder.

Er war schon ohnedies in verzweifelter Raserei; das tut das Letzte. Das

alles nur, weil er ein Montague ist! Um eines Namens willen soll das

höchste, lieblichste Glück, das einzige seines Lebens schwinden, jetzt

eben, wo die Erfüllung gewinkt hat. Den Namen will er mit dem Degen

aus seinen Eingeweiden wühlen; in Liebesverzweiflung und Tollheit der

Phantasie ist er daran, sich zu töten.

Da hält ihn Bruder Lorenzo, der das Wort nimmt und es nicht so schnell

wieder hergibt und stark in Herz und Vernunft hinein zu ihm redet,

zurück. Er begegnet ihm mit dem herrlichen Appell an die Männlichkeit.

Dieser Franziskaner der Hochrenaissance ist eine von Shakespeares

schönsten, bezeichnendsten Gestalten. Er ist ein Weltweiser und

Weltpriester, der einen starken und süßen Erquickungs- und Heiltrank

gegen jede, ja gegen jede Trübsal kennt: Philosophie. Er ist ganz

weltlich; Erde und Himmel, Sinnenliebe und Vernunft und Höheres

als Vernunft, alles gehört ihm zusammen und trifft sich im Innern

des rechten, des beherrschten und maßvollen Menschen. Er ist ein

seelenvoller Rationalist, voller Humanität; wie er ein Kenner der Natur

und ihrer Heilkräfte ist, so ist er ein Seelenkenner und Seelenbändiger.

Wie schön und wie selten ist’s, wenn ein Mensch auf den andern, wenn

Besonnenheit des Freundes auf den leidenschaftlich Rasenden wahrhaft

wirken kann! Hier erleben wir’s: Lorenzo hat in weise aufgebauter Rede,

wie’s die Wärme der Teilnahme ihm eingab, alles zusammengetragen,

was Romeo an Glück und an Aufgabe im Leben noch hat; der Jüngling

besänftigt sich. Er darf noch einmal, gleich jetzt, zu Julien; er darf

auf die Zeit hoffen.

Wir begleiten ihn mit unsrer Hoffnung und Furcht; denn wär’s nicht

auch so genug der Gefahr? Aber da fällt, für uns, noch nicht für die

Liebenden, in der kurzen Zwischenszene, der neue, der schwere Schlag.

Wie wir eben Lorenzos Zelle verließen, war die Sonne gerade gegangen;

jetzt ist es tiefe Nacht, die Kerzen brennen im Gemach des Grafen

Capulet; heute ist einmal nur ein einziger Gast da, Graf Paris, der

Verwandte des Fürsten. Wir wissen schon von früher, daß er sich um

Julia bewirbt; früher hat Capulet ihn vertröstet, das Kind ist noch so

jung, noch nicht vierzehn Jahre; jetzt aber auf einmal hat er’s selber

eilig. Ja, sie soll ihn nehmen; sie soll heiraten, jetzt gleich, sofort.

Diese Nebengestalt des alten Capulet ist mit ein paar Meisterstrichen,

die auf vier Szenen verteilt sind, völlig rund gezeichnet; nehmen wir

die Stellen so zusammen, wie sie in jeder Miene und jedem Ton des

rechten Darstellers immerzu beisammen sind, so gewahren wir nicht bloß

die Person, sondern auch ihre wichtige Stelle in der innern wie äußern

Handlung des Stücks. In seiner Jugend war er ein flotter Bursch; jetzt

ist er ein Philister, dem nichts Unangenehmes in den Weg kommen soll,

der irgend etwas Nagendes mit Festen und Schmäusen zur Ruhe bringen und

nicht spüren will und der sich um alles kümmert und in alle Töpfchen

guckt. Aus dem Schlaf macht er sich so wenig wie aus dem Alleinsein; er

braucht Übertäubung, Geschäftigkeit, Gesellschaft; bei alledem ist er

ein Hauspascha, der keinerlei Widerspruch verträgt. Daß die Tochter --

wie er meint -- so leidenschaftlich um Tybalt trauert, ist ihm lästig;

solchen Schmerz begreift er nicht:

... nun, einmal stirbt man eben.

Weg mit der traurigen Geschichte; frohe Mienen will er um sich haben,

keine Leichenbittergesichter; zur guten Stunde meldet sich der

treffliche Freiersmann wieder, heiraten soll sie, schnell, gleich,

sofort.

Und sofort soll sie’s erfahren. Es ist zwar schon tief in der Nacht,

so spät,

Daß wir es bald schon frühe nennen könnten,

aber die Gräfin, ehe sie nach all den Erregungen dieses wilden Tages

endlich zu Bett gehen darf, soll der Tochter doch schnell noch ihr

bevorstehendes Glück melden, und wenn sie sie aus dem Schlafe stören

müßte.

Aber, wir wissen’s im voraus, Julia braucht nicht geweckt zu werden.

Wir empfinden in diesen beiden Szenen, wie der tyrannische Vater die

Tochter zur raschen Heirat verspricht, und wie Julia mit ihrem Gemahl,

Tybalts Mörder, in selig schmerzlicher Liebe ruht, die tragische Ironie

der Gleichzeitigkeit. Ist ja doch auch sonst in diesem Stück alles

ein einziger zeitlicher Zusammenhang stürmischen Tempos: der Streit;

das Dazwischentreten des Fürsten und sein Gespräch mit Capulet am

Vormittag des ersten Tages; der Entschluß zum Fest, die Vorbereitungen

und Einladungen am Nachmittag; das Fest selbst, Romeo erblickt Julia

zur Nacht; späte Nacht nach dem Fest, Romeo im Garten, Julia auf dem

Balkon; am frühen Morgen des zweiten Tages ist Romeo bei Lorenzo;

im Anschluß daran die Verabredung mit der Amme; am Nachmittag geht

Julia angeblich zur Beichte, in Wahrheit zur Trauung; noch am selben

Nachmittag erfolgt der Zusammenstoß mit Tybalt; gegen Abend sind wir

bei den verzweifelten Ausbrüchen erst Julias, dann Romeos, und nun ist

wieder tiefe Nacht: erst vierundzwanzig Stunden sind vergangen, seit

Romeo und Julia einander ihre Liebe gestanden haben, und was hat die

Liebe inzwischen erlebt! Wir kennen sogar die Wochentage, an denen

diese Handlung vor sich geht, da der Wichtigtuer Capulet sie aufzählt:

Am Sonntag war der Streit, die Bedrohung jedes neuen Streites mit

Todesstrafe und die Begegnung der Liebenden; am Montag die Trauung und

Tybalts Tod; am Donnerstag soll Juliens Hochzeit mit Graf Paris sein,

da findet man sie am frühesten Morgen tot und trägt sie alsbald in

die Gruft; Freitag zur Nacht ist die Tragödie zu Ende: Lorenzo, der

vorausgesagt hat, daß Julia nach zweiundvierzig Stunden aufwachen wird,

täuscht sich nicht.

So kommen wir denn also, während die Gräfin als unterwürfige Frau sich

auf den Weg zur Tochter macht, in das Ende der Liebesnacht hinein, zum

allerschwersten Abschied der Liebenden für lange, unbestimmte Zeit.

Liebe und Weh wird ihnen zum Wechselgesang; ihr Abschied zum Tagelied.

In dieser Nacht haben die Liebenden, was die Welt ihnen angetan, was

die Liebe ihnen bereitet, in Harmonie gebracht und wie in Poesie

verwandelt; schon aber ahnen wir draußen die Schritte neuer, heftigster

Wirklichkeit der Eingriffe der Gewalt und des Streites.

Sie will ihn noch nicht lassen --

Es war die Nachtigall und nicht die Lerche --;

er drängt, Eile tut grimmig not,

Verzug ist Tod:

Die Lerche war’s, die Tagverkünderin.

Und dann kann-will er nicht gehn, obwohl er klar sieht und sich über

nichts täuscht; der Wahnsinn des Liebesheroismus kommt über ihn:

Laß sie mich greifen, ja, laß sie mich töten!

Und nun drängt sie, fort, nur fort:

Es tagt, es tagt --

Welch ein Liebesduett! Für sie ist alles Unheil, alles Trennende mit

dem Licht des Tages, alle Seligkeit mit der Nacht verbunden; heller und

heller wird’s, das bedeutet ihnen und sie sprechen es aus: Dunkler und

dunkler!

Und nun -- in diesen Abschied hinein -- meldet die Amme, daß die Gräfin

zu solcher Stunde, zwischen Nacht und Morgengrauen, zur Tochter kommt.

Was bevorsteht, welche Gestalt das Schicksal annimmt, ahnen sie nicht;

aber sie ahnen das Schicksal.

O Gott! ich hab’ ein Unglück ahnend Herz.

Mir deucht, ich säh’ dich, da du unten bist,

Als lägst du tot in eines Grabes Tiefe.

Mein Auge trügt mich, oder du bist bleich.

Und Romeo erwidert:

So, Liebe, scheinst du meinem Auge auch.

Der Schmerz trinkt unser Blut.

Und sofort, nachdem Romeo gegangen, atemlos, ohne Pause kommt die

Wendung: Julia, die jetzt eben von dem Mann ihrer Liebe, der sie

eilends verlassen mußte, zur Frau Geschaffene, erfährt, daß die

Konvention und die väterliche Gewalt sie zur Ehe bestimmt.

Indem sie sich nun im Gespräch mit der Mutter verstellen muß, folgen

für uns hintereinander die Wendungen des Doppelsinns, der tragischen

Ironie. Die Gräfin redet von Juliens Schmerz um den Freund und meint

Tybalt damit; wie glücklich ist Julia, die nun von Liebe und Leid

aufgeschlossen ist und ganz Äußerung, ganz Lied und Schrei sein

möchte, vom Schmerz um den Freund, um Romeo mit der, die sie geboren

hat, reden zu dürfen, ohne daß die es versteht; die Gräfin ruft um

Rache; Julia wünscht, für die Mutter in höchster Rachbegier, für sich

in Angst um den Geliebten:

O rächte niemand doch als ich den Vetter!

und etwas in uns, das mitschwingt, singt leise eine noch höhere Melodie

mit:

O rächte nichts in der Welt eine Tat als die Liebe!

Dann folgt die Eröffnung des elterlichen Beschlusses; Juliens kalte,

fremde, grundlose Ablehnung; der Vater kommt dazu, er vernimmt das

Erstaunliche: sein Kind, seine einzige Tochter soll ihm entgegentreten,

wenn er ihr Glück beschlossen hat! Es kommt zum furchtbaren

Zornausbruch, zum Zerreißen aller Bande, zum väterlichen Fluch. Sie

soll gehorchen -- und wir wissen ja, sie kann nicht gehorchen, wissen

ja, sie hat weit Schlimmeres verbrochen, als der Vater mit schlimmster

Strafe bedroht -- gehorchen oder verstoßen sein:

Geh, bettle, hungre, stirb am Wege!

Und auch die seit langem verschüchterte, sklavische Mutter, die nichts

von Julias Weigerung begreift, ist ganz hart und erbarmungslos.

Kann es für Julia in dieser Lage noch Rat geben? Die Amme weiß

hundsgemeinen; und wenn wir für einen Augenblick aus der hohen Sphäre

Juliens in unsre niedere Wirklichkeit blicken, dürfen wir sagen: so,

die Liebe zu verraten, den Eltern zu gehorchen, die gute Partie zu

wählen, machen’s die Mädchen in so ähnlicher Lage oft genug. Julia

weiß nur einen, der helfen kann: Romeos Freund, den Heiligen, den

Weltweisen, den Vater Lorenzo:

Schlägt alles fehl, hab’ ich zum Sterben Kraft.

Und nun stehen wir wieder vor der Frage, von der wir ausgegangen sind:

hätte es nicht glimpflichere Mittel gegeben, als den Trunk, der so

gefährlich mit dem Tode spielt? O ja, gewiß. Aber der verständigen

Frage gebührt zunächst verständige Antwort. Der Trunk ist, gerade wenn

man’s nur so verständig überlegt und alle tatsächlichen Verhältnisse

in Betracht zieht, gar kein übles Mittel, Julia noch rechtzeitig aus

dem Hause zu führen. Und daß selbst ganz kühler Verstand kleine,

nichtige und dann doch entscheidende, unvorhergesehene Störungen und

Zwischenfälle übersieht, daß es in der Welt so zugeht, daß die Rechnung

der Klügsten vom Zufall wie von einer an Geist höheren Gewalt vereitelt

wird, das wissen wir. Der Trunk schadet ja in Wahrheit gar nicht; was

ihn angeht, gelingt alles, wie es Lorenzo sich ausgedacht hat. Auch

darf Julia ihm und seiner Arznei durchaus vertrauen; er ist ein guter,

zuverlässiger Kenner der Natur. Gleich bei seinem ersten Auftreten war

er am frühen Morgen vom Kräutersuchen gekommen:

Giftpflanzen teils, teils dienlich zum Genesen.

Die Erde ist das Grab für ihre Kinder

Und doch ihr ewger Mutterschoß nicht minder.

... O mächtig ist die Gnad’ in jeder Art,

Die sich in Pflanzen, Steinen offenbart.

Nichts ist so schlecht, es lebet auf der Erden,

Das ihr nicht heilsam irgendwie kann werden ...

Diese Worte, in denen Lorenzo seine

liebenswürdig-optimistisch-pantheistische Naturanschauung ausdrückt,

können uns aber schon zu einer ernsthafteren Antwort auf die Frage

rüsten. Mütterliche Liebe und tödliche Kräfte findet er gleichermaßen

in der Natur; und aus dem tödlich Gefährlichen bereitet er seine

heilsamen Tränklein, wie er mit einem Trotzdem alles Vernichtende

der Natur zu guter Letzt zum Heilsamen umdeutet. Jetzt vermißt er

sich, mit dem Tode zu spielen, um der Liebe das Leben zu retten,

einer Liebe, die von den Lebendigen so furchtbar mißhandelt wird, die

so gewaltig Meisterin aller andern Lebenstriebe geworden ist, daß

Julia in die Schar der heroisch Liebenden eingegangen ist, die diese

verwandte Nähe von Gut und Böse, von Hölle und Himmel, von Liebe und

Tod ganz anders sehen als der zu sanftem Frohsinn Resignierte, der

rationalistisch-optimistische Mönch. Wie nah liegt ihnen, liegt Julia

in ihrer Situation, in ihrer Verfassung dies nämliche Spielen mit dem

Tod, das der Berater nur wählt, um sie in äußerm Sinn zu retten. Was

sie aber daran wie magisch anziehen muß, ist die symbolische Kraft

dieses Mittels: dies Ergehen der Liebe am Rande des Grabes, dies

verzweifelte Spiel mit der Gefahr, dieses Eintauchen im Tod, um ein

neues Leben zu beginnen. O ja, das will sie, dahin lockt es sie, weil

das ihr von innen her Bedürfnis ist: diesem Leben entsterben; ganz

Neues beginnen; kein Kind dieser Eltern mehr sein, für sie für immer

tot; wie er’s ihr angedroht, soll der Vater sie als tot beklagen

müssen; durch die Todespforte eingehen, wie in den Himmel, in ein

andres Land, ein neues Reich, das ihr das Reich der Liebe sein soll.

Was ihr für zwei volle Tage und Nächte bevorsteht, wenn sie nun

Lorenzos Rat folgt, das ist ja der Tod. Sie will ihn sich antun, will

bei den Toten im Gewölbe liegen, den Ahnen ihres Geschlechts, dann ist

sie aus der Familie der lebenden Capulet freigelassen, und niemand auf

der Welt hat mehr Anspruch auf sie als ihr Geliebter. Und wie stellt

sich ihre, stellt sich des Dichters Phantasie dieses Schauerliche

leibhaft vor: die Totengebeine, die Grabesschrecken, das Gespenstische!

Das Große, das die antiken Dichter von Homer bis auf Euripides haben,

daß sie schon mit ihrem Olymp spielen können und doch noch nah genug an

den Stimmungen des Glaubens stehen, diesen Vorzug hat auch Shakespeare,

was die christlich-mittelalterlichen Vorstellungen angeht: kraftvoll

steht er im Alten und Neuen zugleich.

Mit der Kühnheit, zu der die liebende Julia gekommen ist, mit der

Todnachbarschaft dieser Liebe steht der von Grauen umschwebte Weg,

den sie zur Rettung wählt, völlig in Einklang. Daß aber dann Lorenzos

Botschaft an Romeo nicht abgeht, und daß diese Bestellung aus Gründen

unterbleibt, die nicht in die Handlung verwebt, nicht durch kleine

Motivzüge vorbereitet sind, das trifft uns noch ganz zuletzt wie

ein furchtbar neuer und ganz unvorbereiteter Schlag. Es ist das so,

wie es in der Chronik, der Novelle, dem Abenteuerroman durchaus in

Ordnung ist, wo es etwa heißt: „Nun traf es sich aber zum Unglück --

--.“ Im Drama jedoch sind wir gewohnt, sei’s auch nur für die Ahnung,

die Menschenseele und ihre Motive und wiederum das Schicksal und die

Glieder seiner Kette einander irgendwie angenähert zu finden. Darf

man also sagen, es sei, so sehr die innere Handlung, der Sinn ganz in

uns eingehe, an dieser Stelle der äußern Handlung doch ein Rest des

chronikalischen Rohstoffs unverarbeitet geblieben, so trifft das nur

den Bau, nicht den Inhalt dieser Szenen. Es ist früher vorausgesagt

worden, inwiefern dieses irrationale oder romantische Element des

plötzlichen Eingreifens von Mächten, die wir, weil sie nicht in den

Kram unsrer Begriffe und Rechenmethoden passen, Zufall nennen, für

die Tragödie so gut am Platze ist wie für die epische Dichtung. Der

rohe Ausweg der meisten Bühnen, die Szene des Bruders Johannes, wie

er Lorenzo mitteilt, der Brief an Romeo habe nicht befördert werden

können, einfach als etwas Unangenehmes wegzulassen, ist um so dümmer,

als er gar nichts nützt: die Sache bleibt doch so, wie die Szene

berichtet. Diese Szene in der finstern Zelle des Mönchs, wo seiner

optimistisch menschenfreundlichen Vernunft vom dunkeln unsinnigen

Schicksal der alles entscheidende Streich versetzt wird, muß vielmehr

geheimnisvoll, raunend, gespenstisch gebracht werden. Dieser Bruder

Johannes, den wir für diese zwei Minuten zum ersten und einzigen

Mal erblicken, muß zugleich als der bieder beflissene, beschränkte

Handlanger des Weisen und als der gepreßte, ahnungslos dienende Gesell

des unbegreiflich vernichtenden, dämonischen Zufalls wirken. Das so

zu verstehen, als eine kleine, huschende Unterstreichung und grotesk

unsinnige äußere Erscheinungsform der tief innen im Menschlichen

verankerten Tragik, wird uns um so leichter, als ja die gewaltige

Szene Romeos in Mantua vorausgegangen ist; was wir jetzt nachträglich

erfahren, der Grund, warum Romeo nur Julias Tod, aber nicht, daß sie

lebt und von ihm gerettet und geflüchtet werden soll, mitgeteilt

erhielt, verstärkt unser Nachgefühl für das, was wir eben miterlebten,

versichert uns, daß Romeos Entschluß unwiderruflich ist, und macht

es uns wahrscheinlich, daß Romeo, den wir auf der eiligen Reise nach

Verona wissen, die letzte Lösung schneller bringen wird als Lorenzo,

der nun in höchster Gefahr, wir ahnen es, zu spät zu Julias und damit

zu Romeos Rettung aufbricht. Er, der Kluge, ahnt noch nichts von

der höchsten Gefahr, von dem Tod, in dem sich die Liebe bergen muß;

er, der sich so sicher ist, daß sein und seiner guten Mutter Natur

Todestränklein der Liebe das Leben rettet, fürchtet noch immer nur

Unannehmlichkeiten, zumal für die arme Julia, die

Shakespeare (Volume 1 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 2 / 27 段