Und in freier Kühnheit, mit dem Wagemut der Nachtwandler tun

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Anmerkungen zur Transkription:

Der vorliegende Text wurde anhand der 1922 erschienenen Buchausgabe

so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung

und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend

korrigiert bzw. ergänzt. Einige altertümliche Wortformen wurden vom

Autor offenbar in illustrativer Absicht eingefügt; diese Begriffe

wurden nicht verändert. Unterschiedliche Schreibweisen wurden nicht

vereinheitlicht.

Im Originaltext beginnen neue Absätze ohne Kennzeichnung durch

Einrückungen oder vergrößerte Zeilenabstände. In einzelnen

Fällen mussten daher vom Bearbeiter willkürliche, aber möglichst

sinngemäße, Entscheidungen bezüglich des Beginns eines neuen

Absatzes getroffen werden.

Wie bei den meisten Frakturschriften üblich, kann auch im Original

zwischen den Großbuchstaben ‚I‘ und ‚J‘ nicht unterschieden werden.

Die Zuordnung erfolgte in einigen Fällen gezwungenermaßen rein

willkürlich; obwohl beispielsweise die Schreibweisen ‚Iago‘ sowie

‚Jago‘ gleichermaßen bekannt sind, wurde in diesem Text die Form

‚Jago‘ verwendet.

Die Originalausgabe enthält lediglich am Ende des zweiten Bandes

ein Inhaltsverzeichnis für beide Bände, welches in der vorliegenden

elektronischen Fassung der Übersichtlichkeit halber vom Bearbeiter

zusätzlich an den Beginn dieses ersten Teiles gestellt wurde.

Gesperrt gedruckte Passagen wurden mit _Unterstrichen_

gekennzeichnet; Stellen in Antiquaschrift sind von ~Tilden~ umgeben.

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Gustav Landauer

Shakespeare

Dargestellt in Vorträgen

Erster Band

1922

Literarische Anstalt Rütten & Loening

Frankfurt am Main

Alle Rechte, besonders die der Übersetzung, vorbehalten

~Copyright 1920 Literarische Anstalt

Rütten & Loening, Frankfurt a. M.~

Im letztwilligen Auftrag des Verfassers

herausgegeben von

_Martin Buber_

_6. bis 10. Tausend_

Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig

Inhaltsverzeichnis

_Erster Band_

Seite

Vorwort V

Romeo und Julia 1

Der Kaufmann von Venedig 42

König Johann 91

Julius Cäsar 139

Hamlet 189

Troilus und Cressida 256

Othello 303

_Zweiter Band_

Maß für Maß 1

Macbeth 48

König Lear 80

Antonius und Cleopatra 130

Timon 160

Coriolan 189

König Zymbelin und Das Wintermärchen 238

Der Sturm 269

Die Sonette 318

Shakespeares Persönlichkeit 371

Vorwort zur ersten Auflage

Gustav Landauer hat an diesem Werk etwa vom Frühjahr 1917 bis zum

November 1918 gearbeitet. Es entstand aus einer Reihe von zwanzig

Vorträgen, die er in Berlin gehalten hatte.

Als das entscheidend Neue in diesen Vorträgen und in dem Werk, das

sie zusammenfaßt, hat Landauer selbst das Prinzip der _Freiheit_

bezeichnet. „Freilich in keinerlei politischem, auf Zustände

abzielendem Sinn“, sagt er davon in einem Brief vom Juni 1917; „nichts

liegt Shakespeare ferner; Freiheit vielmehr im Menschlichen, Privaten,

zumal in dem Verhältnis, das Shakespeares immerwährendes Problem ist,

dem zwischen Trieb und Geist. Freiheit von Formeln, Konventionen

theoretischer wie moralischer Art.“

Über das Wesen seiner Betrachtungsart spricht sich Landauer in Briefen

an den Verlag so aus:

„Ich gehe an Shakespeare nicht irgend literarhistorisch heran, sondern

gerade so wie an philosophische, politische, soziale Probleme unserer

Zeit: um der Lebendigkeit und des innersten Kerns unseres menschlichen

Lebens willen.

In allen diesen Vorträgen, in denen ich mich so tief, wie es mir

möglich ist, in den Dichter und seine jeweilige Welt hinein begebe,

ruht im Grunde die Frage nach dem Sinn und der Aufgabe des Lebens...

Man muß das Rätsel der Welt und ihrer Prozesse im tiefsten Innern der

Menschen zu suchen gewohnt sein, im Verhältnis des Ichs zu sich selbst.

Ich bringe Shakespeare und seine Art, die Menschen nicht bloß in ihrer

Beziehung zu den anderen, sondern in ihrem verräterischen Verhältnis zu

sich selbst zu erkennen, in allernächste Beziehung zu Spinozas Ethik

und -- da er sich nicht in Abstraktionen bewegte, sondern in Anschauung

-- zu Rembrandts Kunst...

Vor allem aber hoffe ich, bei allem, was Jugend und Wachstum in sich

hat, das Zentrum des Lebens zu treffen und nicht oberflächlich zu

berühren, wo Denken, Fühlen und Wollen so zusammentreffen, daß die

ernste ringende Sehnsucht nach der Einheit dieser Lebenskreise aus

innerem Gewissen fließt... Denn Wissen und Denken allein tun’s nicht;

all unser Leben ist viel zu sehr in Fakultäten und Bezirke geteilt, und

auch das öffentliche Leben kann nur im Intimsten Heilung und Erneuerung

finden.“

Welche Bedeutung das Shakespeare-Werk in Landauers Leben hatte, geht

aus zwei anderen Briefstellen hervor. Am 26. Dezember 1918 schreibt er

an den Verlag: „Bleibe ich bei Kräften, so soll trotz allem Aktuellen

der Shakespeare bald fertig sein. Denn keiner wie der stärkt mich

in dieser Zeit.“ Und am 11. Januar 1919: „Es steht so, daß mir die

Revolution wieder die Frische und Arbeitskraft gegeben hat, die ich zu

dieser Hauptarbeit brauche; daß mir aber in den letzten zwei Monaten

und auch noch für die nächste Zeit die Revolution die Zeit genommen

hat, daran zu arbeiten.“

Die Zeit zur Vollendung des Werkes war ihm jedoch nicht gegönnt -- er

fiel in der Revolution, in München, am 2. Mai 1919.

Von den zwanzig Vorträgen hat er den ersten, der einleitend „Die Zeit“

darstellte, den vierten („Die Lustspiele“), den fünften und sechsten

(„Die Königsdramen“) -- bis auf „König Johann“ -- und den Schlußvortrag

(„Shakespeares Persönlichkeit“) nicht mehr ausgearbeitet. In den

Gedankengang des letzteren aber gewähren die Notizen, nach denen er

gesprochen wurde und die am Schlusse des Buches mitgeteilt werden,

einen Einblick.

Einige Vorträge hat Landauer noch selbst zum Druck vorbereitet. Bei der

Korrektur der übrigen mußten mehrere Schreibfehler und Ungenauigkeiten

richtiggestellt werden; doch ist keine Änderung erfolgt, von der nicht

aus guten Gründen angenommen werden durfte, daß sie der Absicht des

Verfassers entsprach.

_Herausgeber_ und _Verlag_

Romeo und Julia

Romeo und Julia ist Shakespeares populärstes Stück; das Grundthema

ist sprichwörtlich geworden und hat andere Fälle ähnlicher Art, wie

Hero und Leander, Pyramus und Thisbe, Tristan und Isolde, die zwei

Königskinder, von denen das deutsche Volkslied in allen Mundarten

singt, zurückgedrängt; kommt im Leben oder in der Dichtung tragische

Liebe zwischen Kindern feindlicher Häuser vor, so ist es ein neuer

Fall des typischen Erlebnisses von Romeo und Julia. Dabei sind die

vielfachen Behandlungen, die der Stoff vor Shakespeare fand, ganz

ohne Mitwirkung; sie sind verschollen und interessieren nur noch

literarhistorisch in bezug auf Shakespeares Stück; und was nach

Shakespeare kam, Werke der Musik vor allem, bezog alle Süßigkeit und

Leidenschaftsgewalt von dem Dichter.

Was diese Liebestragödie so jung und lebendig macht und alle Zeiten

und Völker, alle Altersstufen und Stände, Mädchen und Knaben, Männer

und Frauen, schlichte Handwerker und Weise rühren und erschüttern

läßt, hat Lessing mit endgültigen Worten in der Hamburger Dramaturgie

ausgesprochen in einer der Bemerkungen, die Shakespeares entscheidenden

Einfluß auf die Revolution des Gefühls in Deutschland begründet haben:

„Ich kenne nur eine Tragödie, an der die Liebe selbst hat arbeiten

helfen; und das ist Romeo und Julie von Shakespeare.“

Die älteste Geschichte, die uns von Romeo und Julia in Verona

berichtet, hat den Italiener Luigi da Porta zum Verfasser und ist 1524

erschienen. Weite Verbreitung fand die Erzählung durch die Fassung,

die ihr 1554 Bandello in seiner Novellensammlung gab. Wahrscheinlich

auf dem Umweg über eine französische Vorlage kam die Geschichte nach

England und wurde 1562 in einem epischen Gedicht von Arthur Brooke,

1567 in Paynters Novellensammlung „Palast des Vergnügens“ behandelt.

Diese beiden Fassungen sind Shakespeares Quellen, und, wie gewöhnlich,

hält er sich, was die äußere Handlung angeht, treu an die Vorlage;

was, vom reichen Episodenwerk abgesehen, an der Haupthandlung neu

dazu gekommen ist, dreht sich um die eine Gestalt, die so gut wie

ganz Shakespeares Erfindung zu sein scheint: Mercutio. Aber von

irgend welcher Charakteristik, irgend welchem Versuch, ins Innere der

Menschenseele hineinzuleuchten, ist in den Novellen nichts zu finden,

und ebensowenig etwas von der Gegenüberstellung gesellschaftlicher

Sphären oder gar von Liebesstimmung und romantischem Zauber; es ist,

wie es die Art dieser Erzählungen ist, welche Fülle mitteilen, alles

Abenteuer, Anekdote, traurige Geschichte, arger Zufall.

Ob an der Geschichte irgend etwas Wahres ist, wissen wir nicht; da aber

Masuccio schon 1476 einen sehr ähnlichen Vorfall aus Siena berichtet,

und da Dante zwar die Capelleti und Montecchi kennt, beide aber als

Ghibellinen nennt und von ihrer Feindschaft so wenig etwas weiß wie von

dem Liebespaar, ist es nicht eben wahrscheinlich. Daß im Jahre 1595

der Historiker oder Geschichtenerzähler Girolamo della Corte die Sache

als wirklichen Vorfall berichtet, beweist so wenig etwas wie Julias

Steinsarg, der heute noch in Verona gezeigt wird.

Shakespeares Stück ist zuerst 1597 in einer jener Quartausgaben

erschienen, die häufig nicht vom Dichter selbst herrühren werden; sie

mögen auf Regiebücher, Rollen der Schauspieler, manchmal etwa auch auf

eine Art stenographischen Raub während der Aufführungen zurückgehen.

Wie die Verhältnisse des Theaterdichters damals waren, mußte er oft

mehr an der Geheimhaltung als am Druck seiner Stücke interessiert

sein. So ist dieser erste Druck von Romeo und Julia verstümmelt, der

zweite, der ähnlich entstand und 1599 erschien, berichtigt einiges,

manchmal kann man nur sagen, er bringt eine andere Fassung, die bald

besser, bald schlechter ist. In der von Shakespeares Freunden 1623

veranstalteten Gesamtausgabe, der Folio, findet sich dann der Text im

großen ganzen so, wie er uns vertraut ist.

Will man nun, wie mit einem Sprung, in die Seelen des Menschenpaares,

das Shakespeare hier darstellt, hinein kommen, will man sie in ihrem

eigenen Kern überraschen, so bereite man sich zu dieser schnellen

Reise, indem man etwa an eine so ganz andere Julie, an Strindbergs

Adelsfräulein, und in dieser modernen Sphäre an Gestalten Dostojewskijs

oder auch an die Mädchen und Frauen und Männer in Jean Pauls Titan

denkt. Wie zweifelhaft und gespalten, wie innen von den Verhältnissen

gefärbt, wie hin und her gerissen und zusammengesetzt sind diese

Menschen! Das erste Kennzeichen, eine wesentliche Voraussetzung

dieses Gedichts ist die Einfachheit, die Eindeutigkeit, die

Seelenfestigkeit des Menschenpaares, dessen Schicksal berichtet wird.

Wie die olympischen Götter bei Homer zwar in die mannigfachsten und

verworrensten Geschehnisse verstrickt sein können, jeder und jede

aber in unverrückbarer Sicherheit, wie ein Sternbild am Himmel, in

ihrer repräsentativen Individualität stehen, so lebt der Gotteszwang

des Menschlichen, den wir Freiheit nennen, in Romeo und Julia von

dem Augenblick an, wo der Zug der Liebe zwischen ihnen waltet. Die

Handlung ist kompliziert, die Charaktere sind einfach. Das gilt

keineswegs durchweg so für Shakespeare; wer wird einen Hamlet oder

Macbeth oder auch Lear, ganz abgesehen von den Parolles, Edmund,

Jago, einfache Seelen nennen wollen? So viel wird man zwar sagen

dürfen, daß die feste Geradheit und Sicherheit, mit der sich in jedem

Moment Art und Richtung des Menschen ausspricht, bei allen Gestalten

Shakespeares größer ist als bei den Menschen, die unsre Dichter heute

zu schildern haben; Geist, Sprache, Mimik, Gestikulation, der Ausdruck

mit einem Wort ist bei seinen Menschen wie ein gewachsenes Stück

Natur; triebhaft, leidenschaftlich, wie mit einem Löwensatz deckt sich

jedesmal der Ausdruck mit dem Willen; jedesmal, aber die Momente, die

Verfassungen und Stimmungen der einzelnen können mannigfach verschieden

und untereinander in Mißklang sein. Auch von Gestalten dieses unsres

Stückes gilt, daß sie keineswegs ganz selbstsicher und eindeutig sind;

Mercutio ist es sein ganzes Leben lang nicht, er hadert mit sich wie

mit der Welt; am alten Capulet nagt irgendwo ein Wurm, der ihn nicht

zur Ruhe und zur Einheit kommen läßt; wollte man sich den nun zur

sanften Stille und Beschaulichkeit gediehenen alten Franziskaner, den

Bruder Lorenzo näher ausgestalten, so stieße man gewiß auf mancherlei

Zwiespältigkeit; und Romeo selbst, solange er noch als Liebesüchtiger

in der Welt irrt, ist das Urbild des Schwankens und der Zerfahrenheit.

Sowie aber, beim ersten Blick, die Liebe ihn erfaßt, ist er zu sich

gekommen und ganz bei sich und so eins mit sich, wie die Liebe ihn eins

mit Julia macht. Und in der Tat: wer sich nicht liebt, wie sollte der

lieben können? Und umgekehrt: da Liebe Lust ist, die im geliebten Wesen

die Welt freudig umarmt, was sollte sie eher hervorbringen, als die

stolze Art, in der der Mensch sich zu sich bekennt und auf sich selber

steht?

Ein Schicksal wird dargestellt: das Erlebnis der Liebe in der Welt des

Streits.

Die Jugend, die zum Leben erwacht, Mann und Weib, die zusammenfliegen

wie getrennte Teile in Sehnsucht zur Erfüllung und Ganzheit, werden

getrennt von der widrigen Umgebung.

So wie es hier gesagt ist, liegt Notwendigkeit in diesem Schicksal:

„sie konnten zusammen nicht kommen, das Wasser war viel zu breit“ --

und die breiten Gewässer, die sie trennen, sind eben das, was sich

der Liebe in der Welt entgegensetzt: der Haß und der Streit. Aber

ist es denn so in diesem Stück? in dieser Handlung, die der Dichter

von der Überlieferung übernommen hat? Ist, was die letzte tragische

Wendung herbeiführt, nicht vielmehr ein Zufall? Und ist das Stück also

in diesem Sinne ein Schicksalsdrama, daß grausame Verkettungen, für

die keinerlei menschliche Leidenschaften und Einrichtungen haftbar

gemacht werden können, die Entscheidung bringen? Ja, noch mehr könnte

man sagen wollen: weder die Art von Romeos und Julias Liebe trägt die

Schuld an dem unglücklichen Ausgang, noch die Umgebung des Hasses, in

die diese Liebe gestellt ist; und nicht einmal dürfte man behaupten,

daß ein boshaft-teuflisches oder unbegreiflich-göttliches Regiment die

Welt so eingerichtet habe, daß es der Liebe im allgemeinen so ergehe;

sondern es wäre nur ein abenteuerlicher Unglücksfall von keinerlei

typischer Bedeutung. Hätte Lorenzos Bote Romeo rechtzeitig erreicht --

-- oder hätte Julia ein weniger gewagtes Mittel zur Flucht gewählt --

--, so wäre ja in der Tat alles anders gekommen und hätte am Ende --

vielleicht -- doch glücklicher ausgehn können.

Darauf ist zunächst zu erwidern: der Dichter ist nicht der Erfinder;

und Shakespeare ist ganz gewiß kein Erfinder von Fabeln. Im allgemeinen

wird man bei Betrachtung der Literatur aller Völker sagen können, daß

das die größten Dichtungen sind, bei denen der letzte Former einen

fertigen, im Hauptsächlichen unantastbar und heilig gewordenen Stoff

vorfindet; der große Dichter erfindet Motive und findet so den Sinn

einer überlieferten Fabel; er erfindet nicht das Geschehnis. Dumas

Vater wäre, wenn es aufs Erfinden ankäme, einer unsrer gewaltigsten,

Dostojewskij einer unsrer kleinsten Dichter; ihm wie Tolstoj genügte

ein dürrer Tatsachenbericht in der Gerichtszeitung oder ein Ereignis,

das Bekannte berichteten. Ist schließlich Faust eine höhere, weniger

aufs Nationale und Zeitliche beschränkte Dichtung als Wilhelm Meister,

der im Entscheidenden denselben Sinn birgt, so darum, weil Faust

durch Überlieferung zum Mythosstoff geworden, der Roman eine um des

Sinns willen individuell erfundene Geschichte ist; und in denselben

Zusammenhang gehört, daß die Teile in Goethes Roman die besten sind,

die aus dem eigenen Leben des Dichters geflossen sind.

In Romeo und Julia liegt eine bekannte Geschichte vor, die gegeben

ist; die sogar als historisch wahr geglaubt wurde. Der Dichter hat

das Amt zu deuten; nicht nach dem Was fragen wir ihn; das ist uns wie

ihm überliefert und bekannt; er soll uns das Wie sagen. Wie war es

eigentlich? Was ging bei diesem wunderbaren Erlebnis in den lebendigen

Seelen der Menschenkinder vor, denen es zum Los fiel? Und wie war das

Verhältnis dessen, was Zufall, besondere Verkettung und Mißgeschick,

was feindliche Umwelt, was Art und Wesen dieser Seelen selbst zu

diesem Schicksal beitrugen? War es am Ende so, daß ein Blitzstrahl

vom Himmel dieses Paar erschlug und daß doch unser tiefstes Mitwissen

sagt: sie mußten in jedem Fall sterben; das Leben in dieser schnöden

Welt war ihnen nicht möglich, der Tod, der plötzlich und wie von außen

herniederfuhr, war für sie und für unser Mitgefühl wie eine Erlösung?

Das jedenfalls ist das Merkmal dieser Art Dichtung, daß nicht das

Gewöhnliche und Übliche, nicht das, was abstrakt logisch aus gegebenen

Voraussetzungen zu schließen ist, sondern das Außerordentliche, das

Wunderbare die Fabel bildet. Man kann dieses Element in Shakespeares

Drama je nach dem Gesichtspunkt das epische, das romantische oder

das irrationale nennen; immer geht es darum, daß das Schicksal

nicht aus dem Charakter fliegt wie eine Kugel aus dem Lauf oder das

Resultat aus der Rechnung; daß die Katastrophe auch nicht aus der

Intrige folgt wie der Knall auf die Zündung, sondern daß noch etwas

Unvorhergesehenes dazu kommt, daß ein unauflösbarer Rest bleibt, daß

es zugeht wie im Leben und in der Natur. Mit ästhetischen Gesetzen

abstrakt-mechanischer Art, wie zum Beispiel dem der tragischen Schuld,

oder empirisch-gewohnheitsmäßiger Art, daß im letzten Akt etwa kein

neues Ereignis mehr plötzlich entscheidend dazu treten darf, kommt man

Shakespeare nicht bei. Die Natur ist nicht mechanisch.

Vielleicht aber gibt es ein Naturgesetz, das uns zu der

Shakespearischen Tragödie, zur Art dieses Dichters, Charakter,

Schicksal und Ungefähr mit einander zu verflechten, eine Analogie

bietet. Ist man im Gebirge über eine gewisse Grenze hinaufgestiegen, so

trifft man auf Bäume, denen das Leben immer schwerer und schließlich

unmöglich gemacht ist. Ihre Wurzeln suchen, da kein Humus mehr haftet,

in den Ritzen der Felsen vergebens nach genügender Nahrung; sie sind

den tobenden Stürmen ausgesetzt; die Gesamtmenge Wärme, die ihnen im

Lauf des Jahres zukommt, ist für ihre Bedürfnisse zu niedrig; sie

müssen zugrunde gehn. Sterben sie nun an diesem Verhältnis des Innen

zum Außen, ihrer Bedürfnisse zu den Bedingungen, die sich versagen?

Sterben sie an dieser Negation, daß ihnen die Lebensbedingungen fehlen?

An dem Verdikt, das eine Intelligenz ausspricht: so kann man nicht

leben? Ja und nein; denn es kommt in jedem Fall noch etwas dazu. Sie

würden sterben müssen; sie sind dem Tod geweiht von der Logik der

Tatsachen; aber ehe sie am Ende angelangt sind, machen sich aussaugende

Schmarotzer, deren sie sich, wenn sie bei genügenden Kräften wären,

erwehren würden, ihre Schwäche zunutze, zehren an ihrem Leben, und

nicht am Mangel der rechten Lebensbedingungen, sondern ermordet von

der Schar dieser kleinen Feinde gehen sie zugrunde. Man kennt das

Moos und die Flechten, die an Stamm und Zweigen dieser letzten Bäume

hängen wie greise Bärte; man weiß auch von den kleinen Schädlingen, die

das Werk der Vernichtung vollenden. So ist es überall in der Natur;

keine Pflanze, kein Tier und kein Mensch stirbt an Alter oder Hunger

oder Entkräftung oder gebrochenem Herzen; es kommt immer noch etwas

dazu. Wenn sie aber schon an Blinddarm- oder Lungenentzündung oder

sonst einer Krankheit, am massenhaft überhand nehmenden Leben kleiner

Feinde, kleiner Zufälle zugrunde, zum Ende gingen, so sind sie doch an

Alter oder Hunger oder Entkräftung oder gebrochenem Herzen gestorben.

Hamlet ist im Zweikampf mit Laërtes zugrunde gegangen, den er in einer

Aufwallung tragischer Laune provozierte, es ist wahr; dieser Zweikampf

war vom König in einer Intrige angezettelt, es ist auch wahr; und

Hamlet mußte im Konflikt zwischen seiner Natur und seiner Umgebung

irgendwie zugrunde gehen, das ist gewiß wahr. Irgendwie -- aber die

Natur und die Geschichte und Shakespeare sind nicht so arm, wie das

abstrakt mit ein paar dürftigen Motiven haushaltende und kalkulierende

Theatertalent, das den Punkt zur geraden Linie und seine gerade Linie

mit dem logischen Schlußpunkt zur Strecke bringt. Das Einfache ist, wie

das Sprüchlein sagt, das Siegel der Wahrheit; aber nur insofern, als

Wahrheit eben eine vereinfachende Tätigkeit des Menschengeistes, aber

nicht Wirklichkeit ist. Und das Gesetz des kleinsten Kraftmaßes gilt

allenfalls nur in einer Welt, der man vorher Üppigkeit, Verschwendung

und Überfluß, immer neue Einfälle, Auswege und Überraschungen bewilligt

hat.

So wird allerdings in dem Drama, das uns zuinnerst ergreifen soll,

das besondere Erlebnis, das vorgeführt wird, irgendwie in Einklang

stehen mit den besonderen Naturen, an denen es sich vollzieht. Aber

es wird keine mechanische, keine logische, keine restlos auf eine

Formel zu bringende Übereinstimmung sein. Und es wird in vielen Dramen

-- nicht in allen --, wird in einer bestimmten Gattung in der Tat so

sein, daß eine geheimnisvolle Stimme in uns spricht wie unser eignes

Gewissen: das Schicksal dieser Menschen und ihr Charakter stehen

in einer sicheren Beziehung. Ja, es ist so; aber nicht so, daß sie

beide auf eine Schnur zu reihen sind; daß wir diesen Zusammenhang mit

Händen greifen oder verstandesmäßig fassen können. Es bleibt alles

in der Ahnung, im Gefühl; und zu alle den Klarheiten, Nüchternheiten

und ästhetischen Geboten verhält sich die Dichtung nicht anders, als

die thematische Verschlingung und Auflösung in der Musik sich zur

Mathematik verhält. In der Musik ist alles und nichts mit Zahlen

auszudrücken; und in der Dichtung wie im Leben ist alles und nichts

begrifflich zu verstehen.

Romeo und Julia gehört durchaus zu der tragischen Gattung, die wir

eben nannten; Schicksal und Charakter dieses Menschenpaares stehen in

einem innigen Zusammenhang. Und wenn gesagt wird, alles wäre anders

gekommen, wenn Julia ein weniger gewagtes Mittel gewählt hätte, so

ist zu erwidern: dann wäre sie eine andere gewesen. Denn mit diesem

Wort: Gewagt! haben wir aus der Seele ihrer Menschen heraus das Thema

dieser Dichtung: ein schwermütiger, weltschmerzlicher Jüngling, ein

spröd knospendes Mädchenkind, beide werden kühn durch die Übergewalt

plötzlicher Liebe.

Eine selige Blindheit überfällt sie sofort: in der Welt gibt es nunmehr

nur noch sie beide; vorher irrten sie tastend in der Welt; jetzt ist

die Welt aufgegangen in ihnen. Sie sehen einander und sind verwandelt

in die glühende, blühende Gewalt der Innigkeit; ihre Begrüßung wird

zum Gedicht; wie die Strophen und Reime des Sonetts, das sich aus

ihrer holden Paarigkeit zusammenfügt, sich mehr als jede andre Form in

einander verschlingen, so flechten sich ihre Hände, ihre Blicke, ihre

Lippen zusammen. Das Leben wird ihnen sofort zum Spiel des Suchens und

Findens, und so kühn wie der Jüngling in der Werbung ist, so kühn ist

das Mädchen in der Gewährung. ~Detorquet ad oscula cervicem~, wie

Horaz so lieblich graziös dichtet: sie wendet, wie er küssen will, den

Hals weg, den Küssen entgegen.

Nur einmal wieder hat die frei sich hingebende, reine, jungfräuliche,

kühne Liebe diese Sprache der Unschuld gefunden, in Faust und Gretchen;

einmal freilich schon vorher, wenn auch nur aus dem Munde des Mädchens:

im Hohen Liede der Hebräer.

Und in freier Kühnheit, mit dem Wagemut der Nachtwandler tun die

jungen Liebenden in Verona weiter, was sie vom allmächtigen Zwang der

Liebe unterjocht erleiden: Romeo springt nachts über die Mauer in den

Garten des Feinds seines Hauses. Julia, die das volle Bewußtsein der

furchtbaren Not dieser Liebe hat -- ihr erstes Wort ist: Weh mir! --,

vertraut in lautem Hinausreden der Sternennacht ihre Liebe, und diese

Sprache der Liebe ist uns so notwendig zu dieser Saat der Gestirne

gehörig wie das nimmermüde Sprudeln des Quells oder das Aufrauschen der

Bäume.

Und nun, wo sie erfahren haben, wer sie sind, in welche tödliche

Feindschaft hinein diese unentrinnbare Liebe sich ihren Platz gesucht

hat, wo sie alles wissen und alles ahnen, was kommen muß, wiederholen

sie als die, die sie sind, die Werbung und die Hingabe: sehend und doch

blind akzeptieren sie, vollstrecken sie ihr Los. Sie haben es einander

angetan, sie tun sich ihr Schicksal gemeinsam an; sie wollen ihr

Gefühl, sie tun ihr Leiden. Sie sind, als Liebende in einer Welt, die

Feindschaft oder Fremdheit zur Bedingung macht, in einer Ausnahmelage,

wie Flüchtige, die wissen, den Häschern können sie nicht entrinnen; und

darum kann sich ihre Liebe der Zucht der Langsamkeit, dem schmerzlichen

Sehnen und gezwungen-freiwilligen Warten, in das sie sich sonst wohl

gefunden hätte, nicht bequemen. Julia spricht:

Gern hielt’ ich streng auf Sitte, möchte gern

Verleugnen, was ich sprach: doch weg mit Förmlichkeit!

Sag, liebst du mich?

In all dieser die Verwegenheit nicht scheuenden Freiheit ihrer Liebe

aber bleibt Julia immer ganz natürlich, ganz holdes Weib; ihre Liebe

kennt keine von anderswoher als von der Liebe selbst geholte Freiheit;

sie hat nichts irgend Emanzipiertes an sich. Sie weiß ja, wie sich’s

gehört:

Dächtest du, ich sei

Zu schnell besiegt, so will ich finster blicken,

Will widerspenstig sein und nein dir sagen,

So du dann werben willst: sonst nicht um alles.

In allem strengen Ernst, der das Schicksal und die Zukunft weiß, hat

sie ganz die leichte frohe Heiterkeit, die zur Liebe gehört. Und das

ist der einzige Zauber dieser Szene: das Wissen um die Tragik ist in

ihnen, zumal in Julia, und doch dabei die beseligte Freudestimmung;

ihre Seelen sind stark genug, daß sie ganz der Liebe und ganz auch

zugleich dem sichern Gefühl hingegeben sind,

wie liebe mit leide ze jungest lônen kan.

Gleich nach dieser schäkernden Erinnerung an die Sitte und den Brauch

jung keimender Liebe kommt der tiefe Ernst wieder über sie:

Doch glaube, Mann, ich werde treuer sein

Als sie, die fremd zu tun geschickter sind.

Julia Capulet hat in dieser Szene durchaus die Führung, sie umfaßt das

Schicksal dieser Liebe ganz in Geist und Gemüt; sie spricht ihr das

Motto:

Obwohl ich dein mich freue,

Freu’ ich mich nicht des Bundes dieser Nacht.

Den stärksten Eindruck von der unausrottbar festgewurzelten

Feindschaft, die zwischen den beiden Familien herrscht, bekommt man

dadurch, daß es den Liebenden gar nicht in den Sinn kommen kann, an

die Möglichkeit einer gütlichen Verständigung, einer Versöhnung ihrer

Häuser zu denken. Sofort kommt es ihnen, und Julia spricht es zuerst

aus, daß nur ein Weg offen steht: heimliche Vermählung.

Romeo eilt zu seinem väterlichen geistlichen Freund, dem Bruder

Lorenzo, und überwindet bei ihm alle Hindernisse; der, weil er Romeo

lieb hat, weil ihm der neue Geist, das Feuer, die Echtheit, die nun

endlich in dem Jüngling von der Liebe geweckt worden sind, gar wohl

gefallen, und noch aus einem Grund, gibt gern nach: er, dem es gelungen

ist, Natur und Vernunft mit den äußeren Formen des gläubig-frommen

Lebens zu versöhnen, er, der mild gewordene Südländer, dem die

leidenschaftliche Geschlechtsliebe, die innige Gattenliebe und die

allgemeine gütige Menschenliebe in ein Reich gehören, er hofft, woran

das Liebespaar selbst nicht zu glauben und zu denken vermag: auf die

Versöhnung der Feinde durch die Liebenden; dazu ist aber nötig, daß die

Feinde gar nicht erst in die Lage kommen, Einspruch zu erheben; sie

müssen vor die vollendete Tatsache, daß das unzerreißbare Band, das

Sakrament der Ehe das junge Paar umschließt, gestellt werden.

Hier zuckt etwas auf, was nun das Schicksal der beiden, vor allem

Julias, in allem Ferneren begleitet: tragische Ironie. Es kommt ja in

der Tat so, wie der gute, weltkluge und weltfromme Bruder hofft: die

feindlichen Familien werden sich um der Liebe Romeos und Julias willen

die Hand zur Versöhnung reichen; aber wie anders wird es aussehn, wenn

wir am Ende sind, als Lorenzo jetzt wähnt! Das begegnet uns nun das

ganze Stück hindurch: ein Doppelsinn der Worte wie der Vorgänge; die

Gestalten auf der Bühne meinen recht zu verstehen; wir aber blicken

hinter die Geheimnisse und vernehmen verborgenen Sinn.

Julias Gestalt steht darum mehr im Mittelpunkt der Handlung, weil

der Dichter in seiner Darstellung der Liebe, die aus Haß und Streit

erwächst, alles an die Familie des liebenden Mädchens und die Absichten

dieser Familie mit ihr anschließt. Was bei den Montagues vorgeht,

bleibt alles unsrer Ahnung überlassen, bis ganz zuletzt am Schluß:

da ist es ein genialer Zug des Dichters, wie er uns jetzt, wo alles

Licht auf Romeo den Mann gesammelt ist, mit einem raschen Blick seine

gramvolle Häuslichkeit erschließt: Romeos Mutter ist vor Kummer über

die Verbannung des guten Sohnes, der -- so fühlen wir im Augenblick --

ihr ein und alles war, gestorben.

Aber die Liebe des Geschlechts ist so ausschließlich wie die Liebe

des gotterfüllten Heiligen zu dem Geist, der ihn ganz und ungeteilt

fordert; und auch dieser gute Sohn hat von dem Augenblick an, wo

in der Welt des Hasses die Liebe zu ihm kam, jeden Gedanken an das

Elternhaus von sich gestoßen und irgendwie bei sich zu seiner Mutter

gesagt: Weib, was habe ich mit dir zu schaffen! Auch von ihm hören

wir, unmittelbar vor der Trauung, Worte, die besagen, wie er dies

Liebesglück aufs Äußerste setzt und bereit ist, mit der Weihe der Liebe

die Weihe des Todes zu empfangen:

Dann tue

Sein Äußerstes der Liebeswürger Tod!

Die Trauung geht so heimlich vor sich, daß auch wir sie nicht

mitmachen. Es ist bei der Aufführung Sache der Regie, den Schluß des

zweiten Aktes, wie Romeo und Julia sich bereiten, zusammen zum Altar

zu gehn, so zu gestalten, daß es sich uns sinnfällig einprägt: von nun

an, bei allem, was nun kommt, sind sie vor Gott und ihrem Gewissen Mann

und Frau. Shakespeare vermeidet nicht nur kirchliche Szenen, sondern

legt auch sonst gern, was dem innerlich schon ganz Vollendeten nur noch

den äußeren Abschluß gibt, hinter die Szene; und so viel er sich in

den genrehaften Nebenszenen für Milieuschilderung und Späße Zeit läßt,

so gerade, knapp und ohne Aufenthalt geht er auf die Hauptszenen los,

um denen alle Breite der Entladung zu lassen: zu Dekorativem bleibt

keine Zeit, und wir sehen später das feierliche Leichenbegängnis der

vermeintlich gestorbenen Julia so wenig wie jetzt ihre Trauung.

Was die Dienerszenen angeht, auf die wir eben geführt wurden, so ist

zu sagen: daß das Stück breit und roh mit einem Streit unter diesem

Gefolge anhebt, ist vorzüglich, und eine jammervolle Kläglichkeit

ist es dagegen, wenn Goethe in seiner Theaterbearbeitung mit der

Vorbereitung des Festes beginnen läßt, und in dem dekorativ-opernhaften

Stil der Maskenaufzüge, die er für sein Hof- und Offiziantenpublikum

mit der linken Hand nur so hinschrieb, singen läßt:

Zündet die Lampen an,

Windet auch Kränze dran,

Hell sei das Haus! usw.

Eine Art Entschuldigung für Goethe ist, daß er nur eine

Theaterbearbeitung für sofortige Zwecke machte und dabei wie sonst

gegen sein Weimarer Publikum herzliche Verachtung mit einigem Recht

bezeigen mochte; daß überdies seine ängstliche und enge Auffassung

von dem, was theatermöglich und theaternotwendig sei, auch aus seiner

Verhunzung der eignen Stücke, vor allem des Götz hervorgeht. Eine

solche Entschuldigung gibt es dagegen, hier sei’s angefügt, für

Schillers Bearbeitung des Macbeth nicht. Das ist eine eigne, mit

großer Liebe verfertigte Übersetzung nicht nur ins Deutsche, sondern

ins Schillerische, und Schiller hatte ohne Frage die Absicht, was

Shakespeare schlecht gemacht hatte, zu verbessern und auf die ideale

Höhe zu heben. Goethe, der sich selbst solche Greulichkeiten erlaubte,

wie die, von der wir hier ausgehen, und der in seiner klassizistischen

Zeit über komische Elemente in der Tragödie Gedanken hatte, die sein

Egmont und sein Faust uns sofort widerlegen, hat später selbst diese

Macbethbehandlung Schillers abscheulich genannt. Und das ist sie auch.

Im Vergleich zu solchen gänzlich überflüssigen, undramatischen,

aufgeklebten Zutaten, wie sie Goethe anbrachte, bekommen die

Rüpelszenen, die Wortwitze, die diesmal besonders zahlreichen

Zoten, allersaftigste darunter, einen tiefen Sinn. Geben wir von

vornherein für dieses bei aller Meisterschaft im wesentlichen doch

noch jugendliche Stück ruhig zu: hier sind für die Zwischenszenen der

Erholung Zugeständnisse an Mode und Publikumsgeschmack, und sie wuchern

etliche Male geil ins Abgeschmackte. Aber wir täten sehr unrecht, dabei

stehenzubleiben. Noch mehr als einmal werden wir Gelegenheit haben zu

sehen, wie Shakespeare mit ganz einziger Kunst die überlieferte Mode

der Ausdrucksmittel für die Ziele seines Dramas verwendet, wie er den

Zwischenaktspaß der Clowne mit dem Zentrum und Sinn des Dichtwerks in

enge Verbindung setzt. Hier bilden die Dienerszenen das Gegenstück zur

Romantik, zur hohen heroischen Liebesgesinnung. Die Liebe erwächst

im Milieu nicht nur des Zorns, sondern auch der niedrigen Albernheit.

Und wie könnte es denn der Liebe, die das natürlichste Weltprinzip,

die der Magnetismus und der Kitt der Welt ist, so übel in dieser Welt

ergehen, wenn nicht der Streit der Großen ausgefochten würde von der

behaglich und roh mitgehenden Niedrigkeit des Volks! Solche Bedeutung

seiner Gegenüberstellungen sagt uns Shakespeare freilich nie mit

ausdrücklichen Worten; es ist wunderbar, wie er, der wortgewaltigste

und in leidenschaftlicher Entladung so wortreiche Dichter, wortkarg

und zugeschlossen in allem ist, was eine schlau hinzugefügte Erklärung

zu dem wäre, was er uns sinnfällig zeigt; darum aber hat er auch diese

schlafwandlerische Sicherheit, dieses dramatische Tempo, das sich durch

nichts aufhalten läßt, diese unzerstörbare Frische, die alles Geistige

zu einem Stück Natur macht, zu einem Trieb unsrer Seele, darum wirkt

er, wenn er mit dem Allerhöchsten des Geistes zu uns spricht, so fest

und rauschend, als ob er ungebildet und unliterarisch, ein Mann aus dem

Volk und ein wunderbar tönendes Gottestier aus der Natur wäre.

Im Gegensatz zu der unnatürlichen und ungeistigen Wut, Wildheit und

Niedrigkeit, die sie umringt, ist Romeos und Julias Liebe ganz Natur

und gar nichts in ihr, was sich gegen die Natur verginge. Es ist eine

Atmosphäre um sie, die das Wort aus uns hervorruft, das man schon

immer fand, wenn man von Shakespeares romantischer Seite sprach:

~sweet~, süß und hold. Bei diesem jungen Paar und seiner Liebe muß

uns die Stimmung umschmiegen, wie sie auch August Wilhelm Schlegel, der

als Liebender dies Liebesdrama wonnig übersetzt und kritisch aufbauend

erfaßt hat, beschrieben hat: wir sind in einer Stimmung der Blüte und

des Dufts; in balsamische Nacht gehüllt und von Vogelsang umgeben;

herzhafte Sinnlichkeit und herzinnige Empfindung trägt uns als eine

warme Woge dahin; diese Liebe ist Wollust, aber voll inniger, alle

Grenzen sprengender Sehnsucht. Die Dichtung ist Rosenduft, der Musik

geworden ist, ist Knospe, die zum Lied erblüht, ist Himmelsbläue, die

von der ganz Hellen, heiteren Verfärbung des Lichts sich tragisch

anspannt bis zum dunkelsten Nachtblau. Italien lebt in diesem Gedicht.

Welches Problem hätte ein moderner Dichter in dem Grundmotiv gefunden:

die Kinder feindlicher Familien sind von Jugend auf im Haß gegen

einander aufgewachsen; über zwei Feinde kommt nun die Liebe, die

sexuelle Begier wie der Dieb in der Nacht; in ihren Seelen ist

Kampf und Schwanken zwischen Haß und Liebe; in der Liebe hassen, im

Haß lieben sie; der Liebeshaß wird daraus. Nichts von alledem hier

bei Shakespeare. Daß der Liebe der Tod benachbart ist, das zittert

freilich durch dieses Stück; daß es aber auch eine Sorte Liebe gibt,

der die Mordlust verwandt ist, solche Mordlust auch, die sich gegen

den begehrten Gegenstand wendet, auch das wird Shakespeare wissen und

gestalten; aber die Seelen Romeos und Julias in ihrer Liebe wissen von

solchem Greuel nichts. Ihre Liebe ist frei in Spinozas allerhöchstem

Sinn; was sonst Besitztrieb ist, ist hier Hingabe; ihre Liebe ist

Harmonie und schweift darum in der Nähe der Freiwilligkeit und Einung,

die Tod, freier Tod heißt. Aufgehen im Höchsten, Wegfließenlassen alles

eignen Wesens; aber von Haß und Mordgier weiß sie nichts, und wenn die

Kinder je von Gedanken und Regungen der Feindschaft angesteckt gewesen

sein sollten, so haben sie’s jetzt beim ersten Blick auf einander, der

Liebe war, abgrundtief vergessen.

Und diese Empfindung stößt nun, wo sie in aller Welt nichts will als

da sein, leben, fühlen, einander beglücken, Gemeinschaft und all

das Unnennbare, wohin das Geschlecht und das Kindbegehren sich als

Seelenfülle und Geistestriumph wandelt und reckt, diese Liebe stößt mit

der widrigen Welt zusammen und ihrem Streit, ihren Interessen, Zwecken,

Wüten und Strafen.

Ehe Romeo freilich Julien gesehen hat, wie er fast untergetaucht war

in dieser Welt und mühsam nach Atem rang, der lechzende, noch nicht

zu sich erwachte, traumbefangene Jüngling, jetzt eben noch hat er in

Schwermut und wahrem Weltschmerz gemeint: gerade das wäre die Liebe, so

ein wild törichtes Ding, das dem Haß, dem Krieg aufs nächste verwandt

sei. Er gerät auf den Schauplatz, wo eben wieder einmal der Streit der

beiden Parteien gewütet hat, und meint als einer, dem das, was er für

Liebe hält, mehr zu schaffen macht als der dumme Mordzank, der ihn von

außen zur Teilnahme aufruft:

Ach, welch ein Streit war hier?

Doch sagt mir’s nicht, ich hört’ es alles schon:

Haß gibt hier viel zu schaffen, Liebe -- mehr.

Nun denn: liebreicher Haß! streitsücht’ge Liebe!...

Entstelltes Chaos glänzender Gestalten!

Bleischwinge! lichter Rauch und kalte Glut!

Stets wacher Schlaf! dein eignes Widerspiel!

So fühl’ ich Lieb’ und hasse mein Gefühl?!

Und weiter:

... Verständ’ge Raserei,

Würgende Galle, süße Spezerei!

So kann er sich nicht genug tun in solcher Zusammenstellung von

Gegensätzlichkeiten, die in der Welt nicht beisammen sein sollten, aber

tatsächlich beisammen sind; auf dieser Vorstufe kennt er die Haßliebe

von seinem Gefühl her und von der Art, wie Rosalinde diesem Gefühl

begegnet. Aber was in ihm ist, ist gar nicht die Liebe, sondern das

Suchen nach der Liebe, jene allgemeine Liebe des Adoleszenten, die sich

an die erste Begegnende anheftet, weil sie Sehnsucht nach einer Liebe,

Sehnsucht nach Glück und Befriedigung ist. Liebe ist nur erwiderte,

beglückte Liebe; Liebe ist Paar, ist der gegenseitige Zug zwischen Mann

und Weib, dessen letztes Geheimnis ist, daß nicht der eine den andern,

sondern daß ein nach Dasein begehrendes Drittes sie beide erfassen

will. So ist er im Zustand der Unbefriedigung, der Einseitigkeit,

zerstreut und bitter, zu ausfallenden und satirischen Betrachtungen,

zur Philosophie geneigt. Bei den Freunden steht er im Ruf, kein rechter

Mann zu sein, und er ist es auch noch nicht. Mercutio, der Bittere, der

nie das Glück gefunden, aber Überlegenheit und Lachen gelernt hat, ein

Mann, der im geheimen, von Haus aus ein Träumer und Dichter, vor der

Welt aber ein Zyniker ist, hält ihn für einen der modernen Französlinge.

Und nun ist die echte, die erwiderte Liebe gekommen, und er wird

süß und reif. Und stand er vorher, in einer Umgebung, der der

Schwerterkampf alles ist, im Ruf der feigherzigen, girrenden Wort-

und Modespielerei, so ist jetzt erst recht und in Wahrheit der Geist

des Friedens über ihn gekommen. Indem er ein Mann geworden ist, der,

wenn’s sein muß, bis zum Letzten für sich einsteht, der an sich halten

kann und der Leidenschaft des Augenblicks die Zügel schießen lassen

darf, ist mit dem Geist der Liebe auch die Vernunft und überlegene

Ruhe über ihn gekommen. Feinde? Er hat keine; hat gegen die, die vor

der Konvention des Hasses dafür gelten, so wenig wie gegen alle Welt,

zu der er sich jetzt in freundwillig-liebenswürdiger Stimmung neigt;

im Gegenteil, ein besonderes Band soll ihn jetzt zu den angeblichen

Feinden hinziehen: sie sind ja Juliens nächste Verwandte, seine neue

Familie!

Da entwickelt sich denn diese prachtvoll aufgebaute Szene, wo alles so

bis zum Feinsten und Letzten motiviert ist, daß keine Frage aufkommen

kann.

Tybalt, der Neffe des Grafen Capulet, der Ruhm der Familie, ein

starker, rauher Mann, „kein papierner Held“, wie Mercutio ihn im

Gegensatz zu Romeos verzärteltem Wesen gepriesen hat, kommt des Wegs,

schon vorher aufs äußerste gereizt -- es gehört nicht viel dazu, etwas

in ihm will sich reizen lassen --, weil er auf dem Ball seines Oheims

den Feind Romeo an der Stimme erkannt hat.

Und da ist Mercutio, einer, wie er sich selber beschreibt, „den der

Teufel plagt, um andre zu plagen“, dazu noch durch Romeos seltsam

unbegreifliches Wesen -- er weiß ja nicht, welch wundersames Erlebnis

den jungen Freund zauberhaft verwandelt hat -- und durch die Hitze

besonders gereizt, nah am Gipfel der Streitlust. Und nun muß er hören,

wie Romeo auf die groben, frechen Herausforderungen Tybalts nichts als

gute, liebevolle Worte zurückgibt, er, der Parteigänger der Montagues,

soll so jämmerliche Feigheit, denn dafür muß er’s nehmen, von dem

Sohn des Hauses mitanhören? Und so rasseln Tybalt der Kriegsmann

und Mercutio der Weltwütige aneinander, und durch Romeos, des

Friedfertigen, zur Liebe Erwachten, Dazwischentreten fällt Mercutio,

sein Freund, der für ihn und seine Ehre den Kampf aufgenommen hatte.

Er muß sterben und eilt sich, ehe er dahingeht, mit seinem letzten

Atemzug den Fluch über die Sinnlosigkeit dieses Lebens und Sterbens

hinauszubrüllen: „Hol’ der Henker eure beiden Häuser!“ Was? Ist denn

das eine Wirklichkeit? euer Streit? euer Wüten und Morden? Und dafür

soll ein lebendiger Mensch sein Leben lassen?!

Nun aber, wo Tybalt ihm den Freund, der um seinetwillen sich zum

Kampf reizen ließ, umgebracht hat, ist der Augenblick gekommen, wo

Romeo der Mann sich die Erlaubnis gibt, alle Überlegung zu lassen und

momentweise der Leidenschaft, dem Erbe der Geschlechter, der Rache Raum

zu geben. Er muß, er will Mercutios Tod rächen, will im Alten stehen

und diesmal Besinnung und Beherrschung nicht aufkommen lassen; wenn’s

ans Letzte geht, gilt das wilde Bluterbe mehr als alle Vernunft; er

muß es in dieser Sekunde tun, obwohl er mit einem Blick, rund und nett

zusammengefaßt, alles, alles, was nun anhebt, voraus schaut:

Nichts kann den Unstern dieses Tages wenden:

Er hebt das Weh an, andre werden’s enden.

Es folgen hintereinander vier Szenen, deren Zusammenhang, Komposition,

Ausdrucksgewalt, Stimmung und Steigerung zum ganz Meisterhaften des

Meisters gehört; drei große, und zwischen der zweiten und dritten

noch eine ganz kurze: Julia erfährt Romeos Verbannung; Romeo -- bei

Lorenzo -- erfährt seine Verbannung, -- und dann das erste und letzte,

das einzige Liebesbeisammensein der beiden, die nun Vermählte sind;

vorher aber für uns schnell die Ankündigung des neuen Konflikts,

eine ungeheure Steigerung; wir bedurften nichts mehr zur Tragik und

erwarteten nichts mehr, obwohl auch das sorgsam vorbereitet war: der

Vater will die Tochter sofort verheiraten.

Welch ein Crescendo der Handlung! Ihm aber entspricht das Crescendo der

Gefühle, wie nun alles, was herausführt aus dieser Welt der Wut und

der bedrückenden Willkür, sei’s auch am Rande des Todes vorbei, zum

Selbstverständlichen wird.

Die erste dieser Szenen führt uns in Julias Zimmer. Es ist erst

später Nachmittag, dieselbe Sonne brennt noch herab, unter der der

arme Mercutio, der eben erst so unter dem Leben litt und nun tot

ist, gestöhnt hat. Julia hat nur eines im Sinn: sie lechzt nach der

Nacht. Da soll ihr Mann zum ersten Mal zu ihr kommen, heimlich auf

der Strickleiter zu ihr steigen. In dem, was sie spricht, hat der

Dichter, noch stark unter dem Einfluß der euphuistischen Modesprache

stehend, wilde, kühne und gesuchte Gleichnisse aufeinander getürmt;

aber es kommen so gewaltig innige Naturtöne daraus hervor, daß es

ist, als ob seelenvollste, sehnsüchtigste Wollust und Brunst wie

ein quellend emporspritzender Strahl den Schuttberg der Konvention

durchbräche. Und wie dient diese reiche, üppige Sprache dazu, dem

darstellenden Künstler das Material in den Mund zu geben, mit dem er

verteilen, schattieren, abtönen kann; wie nötigen ihn diese fernher

geholten Bilder, da bei Shakespeare nichts verstandesmäßig geziert,

alles leidenschaftlich triebhaft gebracht wird, die erstaunliche Rede

nicht aufzusagen, sondern aus dem Schweigen, dem Ringen, dem Zittern

und Versuchen zu gebären! Und wie wahr, wie schön ist das, was diese

Sprache zum Ausdruck bringt! Julia kann gar nicht anders, sie muß das

Wirkliche in Bilder verwandeln. Sie tut, was der brünstige Hirsch,

was die leidenschaftlich singende Nachtigall tut, in Menschenart.

Diesem Mädchen brennen Sinne und Leib nach dem Beischlaf; aber sie

hat ihr Naturverlangen in der Phantasieform der Seelenekstase. Da es

brennender Tag in ihr und um sie ist, ruft ihre verlangende Schwärmerei

die erlösende Nacht herauf; schon sieht sie sich wohlig von ihr

eingehüllt; ihr wildes Begehren wandelt sich in anbetende Vision und

Ahnung: schon sieht sie den Lauf ihres Liebeslebens vollendet, Romeo

tot: in der unsäglichen Saat der Gestirne am Nachthimmel schaut sie

sein Unsterbliches leuchtend zerteilt. Und immer neue Bilder der Nacht

will sie schauen und festhalten und in ihnen die Innigkeit befriedigten

Verlangens, auf das sie wartet. Es ist, wie wenn Kinder vor der Tür

stehen, hinter der ihnen eine strahlende Bescherung bereitet wird; um

das Warten zu ertragen, malen sie sich den Glanz und den Jubel aus, der

kommen soll.

Und nun öffnet sich die Tür, und die Amme stürzt herein. Die

Strickleiter trägt sie in der Hand; man brauchte sie zwar noch gar

nicht, aber es war ihr wohl ein schmatzendes Vergnügen gewesen, dieses

Werkzeug der Liebe durch ihre fetten Hände zu ziehen und es lüstern

zu beäugeln. Und da hat die schauderhafte Nachricht sie überrascht;

mit den Stricken in den Händen bricht sie plötzlich in Julias

Sehnsuchtsträume ein mit dem Schreckensruf: Er ist tot! er ist tot, er

ist tot!

Welch ein Typus, diese Amme! Welch ein Gegenstück zu Julia! Wir

kennen sie schon lange gut, so daß wir jetzt im Augenblick ihres

Auftretens zu all dem Scharfen, Schweren, das die Handlung nun bringt,

dieses Gegenüber zweier Formen der Verbindung von Wollust und

Menschenseele ins Gefühl bekommen. Saftig, zum Greifen echt steht sie

vor uns da. Dumm, gutmütig, schwatzhaft, charakterlos, kupplerisch,

schmeichlerisch, feig und also vor allem: komisch! Ein Weib, das ganz

gemein am Leben hängt; immerzu schweifen ihr die Gedanken um das

Fleischliche der Liebe; aber nichts ist ihr irgend erreichbar von der

Seele, der Tapferkeit oder gar der Todesnähe der Liebe.

Die also bringt jetzt die Botschaft. Und bringt sie so dumm, daß Julia

zuerst glauben muß, Romeo sei tot. Dann kommt’s endlich heraus: er lebt

schon, aber er hat den Repräsentanten von Julias Familie, hat Tybalt

erschlagen.

Gestehen wir’s nur: Julia erlebt einen Augenblick des Zweifels. Das hat

er tun können? jetzt? heute? schnell zwischen Vermählung und Brautnacht?

Das ist Shakespeares Größtes, und damit vor allem ist er der Einzige,

daß er in die Menschen, die er gestaltet, mit einer Liebe ohnegleichen

eingeht, daß er ihr heilig Innigstes, ihr süßestes Geheimnis erfaßt

und daß auch noch seine verehrende Liebe zu diesen Kostbarkeiten der

verborgensten Seele mitschwingt; daß aber all dieses Erkennen des

unbefleckbar Guten im Menschen ihn nicht abhält, zugleich mit einer

unerbittlichen Grausamkeit ohnegleichen die bösesten Geheimnisse in der

Menschenbrust aufzudecken, wobei auch noch seine ganze Verzweiflung,

seine tiefe Melancholie mitschwingt.

Shakespeare (Volume 1 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 1 / 27 段