»Na, dann weiß ich nicht, was die Alte wollte,« sagte der Wirth. »Aber

sie fragte mich erst um die Namen der beiden Herren und schrieb sie

sich auf einen Zettel (der Major sah den Rath von der Seite an, seine

schlimmsten Befürchtungen bestätigten sich), und dann hat sie geschimpft

und raisonnirt, daß mir die Leute ordentlich zusammenliefen.«

»Aber über was denn?« fragte Frühbach.

»Ja, Gott weiß es! Von ihrer Tochter, und dem Baron Wendelsheim, und den

Gerichten, und eine Menge anderes Zeug, ich bin gar nicht daraus klug

geworden, und Ihnen gab sie erst Ehrentitel! Ja, die hat ein böses

Mundwerk, wenn sie einmal losgelassen wird, und wer nicht muß, soll sich

mit der ja nicht im Bösen einlassen. Sonst ist sie gut genug und legt

keinem Menschen 'was in den Weg, aber wenn sie erst einmal anfängt und

warm wird, dann hört sie auch gar nicht wieder auf.«

»Wir möchten gern bezahlen, lieber Freund,« sagte der Major, dem die

Sache peinlich wurde; »dürfte ich Sie bitten, uns zu sagen, was wir

schuldig sind?«

Das half. Der Wirth schob mit einer Verbeugung ab, und während ihm der

alte Herr folgte und die Zeche berichtigte (inclusive zwölf Flaschen

Aepfelwein, die im Sitzkasten waren, und der Rath ging indessen, seinen

linken Arm auf den Rücken gelegt, draußen auf und ab), kam der Kutscher

mit den Pferden heraus und schirrte ein. Er sah elend aus, aber Frühbach

fühlte sich nicht in der Stimmung, Notiz von ihm zu nehmen, und wenige

Minuten später rasselte das kleine Fuhrwerk wieder durch den Ort auf der

Straße nach Alburg hinaus.

13.

Vater und Sohn.

Die Bewohner von Schloß Wendelsheim hatten indessen eine ziemlich

traurige Zeit verlebt und verlebten sie eigentlich noch, denn des jungen

Baron Benno Zustand war in den letzten Wochen nicht allein nicht besser,

sondern eher bedenklicher geworden. Der Blutsturz wiederholte sich

allerdings nicht, aber ein solcher Grad von Schwäche trat ein, daß er

selten und dann nur auf kurze Zeit das Bett verlassen konnte.

Bruno kam jetzt häufiger heraus als früher, und saß manche Stunde bei

seinem Bruder, um ihm die Zeit zu vertreiben -- aber über was konnte

er mit ihm reden? Musik trieb Benno nicht, seine Nerven hatten es von

Kindheit an nicht vertragen, und sonst wußte Bruno eigentlich -- Pferde

und Dienstsachen ausgenommen -- über nichts mit ihm zu sprechen.

Benno's liebste Unterhaltung oder vielmehr Gesellschaft blieb deshalb

auch jenes junge Mädchen, Kathinka, die, wo es nur immer ihre Zeit

erlaubte, bei ihm sitzen und ihm kleine Geschichten und Märchen erzählen

mußte. Sie behandelte ihn dabei wie ein krankes Kind, strich ihm die

Haare aus dem Gesicht oder glättete ihm das Kopfkissen, zankte ihn aus,

wenn er nicht ruhig liegen oder die Medicin nicht nehmen wolle, brachte

ihm Blumen aus dem Garten und flocht ihm kleine Sträuße oder Kränze

daraus, die sie am Tage über sein Bett hing, und pflegte ihn mit

einer Sorge und Liebe, daß sie selbst das Herz der »steinernen Tante«

erweichte und diese etwas freundlicher oder doch weniger hart gegen sie

gestimmt machte.

Am glücklichsten aber war Benno, wenn ihn Fritz Baumann einmal besuchen

konnte; denn mit diesem lebte und webte er in seinen Arbeiten und Plänen

-- und was für Pläne hatte er sich nicht schon wieder ausgedacht, seit

er so still und ruhig liegen mußte, und wie sehnte er die Zeit herbei,

wo er selber wieder mit Hand anlegen konnte, um sie thätig in's Werk zu

setzen!

Kathinka seufzte freilich wohl heimlich auf, wenn sie ihn so reden

hörte, denn ob auch selber noch jung, fühlte und sah sie doch recht gut,

daß sein Leiden viel schwerer und ernster sei, als er selbst es glaubte;

aber sie sagte nie ein Wort dagegen, und wenn sie manchmal allein

mitsammen waren und er ihr wieder von all' den Maschinen erzählte,

die er bauen wollte, und nächstens ein Wasserrad in Angriff zu nehmen

versprach, das ihnen aus dem großen Teiche das Wasser über alle

Blumenbeete führen sollte, dann freute sie sich selber mit ihm und gab

ihm die Plätze an, wo sie es vorzugsweise hinleiten wollten, und rief

oft ein Lächeln auf seine bleichen Wangen hervor und machte seine Augen

leuchten und blitzen.

Der alte Baron kam jetzt oft herüber, setzte sich still in eine Ecke und

hörte den Beiden zu; aber die letzte Zeit hatte auch ihn sehr verändert,

denn je näher der Termin der Erbschaft rückte, der sich jetzt schon nach

Tagen zählen ließ, desto düsterer und in sich gekehrter wurde er, und

doch hätte man gerade glauben sollen, daß er die Zeit herbeisehnte, wo

er wenigstens von allen Geldsorgen befreit wurde und dann einmal wieder

nach langer schwerer Zeit frei aufathmen konnte. War es die Sorge um

den zweiten Sohn? Er hätte Ursache dazu gehabt, denn ihm konnte dessen

hoffnungsloser Zustand kein Geheimniß sein -- war es ein anderer Kummer,

der ihm am Herzen nagte? Aber er sprach mit Niemandem darüber, am

wenigsten mit seiner Schwester, ja mied diese, wo er nur irgend konnte,

und hatte es denn auch geschehen lassen, daß sie jetzt das ganze

Hauswesen dermaßen in Händen hielt, um als unumschränkte Herrin darin

zu herrschen. Er selber war nichts weiter mehr im Schlosse wie ein

gewöhnlicher Kostgänger, und fragte ihn ein Diener um die einfachsten,

ja ihn selber betreffenden Anordnungen, so wies er ihn jedesmal an

Fräulein von Wendelsheim, die schon das Nöthige darüber bestimmen würde.

Im Zimmer des kranken Kindes schien es ihm noch am wohlsten; aber

selbst das verließ er manchmal, wenn sein armer Knabe zu freundliche

Luftschlösser baute und von dem sprach, was er in kommenden Jahren

schaffen wolle. Dann stand er still und schweigend auf, und die großen

hellen Thränen liefen dem alten Mann in den Schnurrbart hinein -- aber

er ging hinaus, daß sie der Sohn nicht sehen sollte.

Bruno war nach der Zeit, wo er das Geld von dem Vater erbat und

unverrichteter Sache wieder heimreiten mußte, in Wendelsheim gewesen,

hatte aber nie mehr, und zwar sehr zum Erstaunen des Vaters, ein Wort

von Geld oder neuem Bedarf erwähnt, und der alte Baron hütete sich wohl,

selber davon anzufangen.

Heute kam er wieder -- er ritt seinen alten Schimmel -- und ging, wie

immer, zuerst in Benno's Zimmer hinauf, um zu sehen, wie es ihm gehe.

Er fand ihn kränker aussehend, als das letzte Mal, aber ein freundliches

Lächeln glitt über die Züge des Leidenden, als er dem Bruder die Hand

reichte.

»Wie geht es Dir, Benno?« fragte dieser herzlich. »Du siehst recht blaß

aus.«

»O, gut heute, recht gut,« sagte der Knabe. »Kathinka hat mir eine so

wunderschöne Geschichte von einem kranken Königssohn erzählt, den eine

gütige Fee geheilt und vollkommen gesund gemacht hat, und der ist dann

nachher so glücklich geworden und hat sein Volk noch viele Jahre regiert

-- ach, wenn es doch auch bei uns noch solche gute Feen gäbe! Aber,

Bruno, Du thust mir ja weh, sieh' einmal, Du hast mir die Hand ganz roth

gedrückt.«

»Und kannst Du nicht ein wenig aufstehen und in den Garten oder nur an's

offene Fenster treten, Benno? Die Luft ist so wundervoll und mild; es

würde Dir gewiß gut thun.«

»Es will doch nicht recht gehen, Bruno,« sagte der Knabe; »wenn ich

aufstehe, sticht es mich immer so hier, und der Doctor hat es mir heute

Morgen streng verboten. Hast Du nichts von dem jungen Baumann gesehen,

Bruno? Er wollte mich heute besuchen -- er hat es mir fest versprochen

-- und mir etwas Neues mitbringen.«

»Nein, Benno, ich bin nicht den Fußweg geritten; er ist vielleicht schon

unterwegs. Aber regt Dich das nicht zu sehr auf, wenn Du über solche

Sachen nachgrübelst und Dir den Kopf über Räder, Hebel und Schrauben

zerbrichst?«

»Ach nein, Bruno,« lächelte der kranke Knabe. »In der Zeit, wo ich mich

damit beschäftigen kann, fühle ich gar nicht, daß mir etwas fehlt, und

mir wird dann so wohl und leicht zu Muthe. Baumann leidet auch nicht,

daß ich selber mit anfasse. Er zeigt mir nur Alles, und wir besprechen

dann, wie wir es machen wollen. Er ist so geschickt und so freundlich

immer. Ich wollte, er wohnte nicht so weit entfernt von uns.«

»Wo ist der Vater, Kathinka?«

»Ich glaube, unten im Garten, Herr Baron. Er war vorhin hier oben, und

ich sah ihn später dort drüben unter den Linden auf und ab gehen.«

»Ich werde ihn aufsuchen; ich komme dann noch einmal zu Dir herauf,

Benno, ehe ich wieder fortreite.«

»Ja, Bruno und wenn Du Baumann sehen solltest, sage ihm doch, daß ich so

auf ihn warte.«

»Ich schicke ihn Dir gewiß gleich, verlaß Dich drauf.«

Als Bruno mit schwerem Herzen den Bruder verließ und hinunter und durch

den Gartensaal ging, fand er dort seine Tante, die, ihre mageren Arme

fest zusammengelegt, auf und ab ging.

Fräulein von Wendelsheim war nie, selbst nicht in ihren jungen Jahren,

hübsch gewesen; denn eine scharfe Nase, sehr dünne Lippen und schlechte

Zähne gaben ihren Zügen etwas Schroffes, Abstoßendes. Im reiferen Alter

verschönerte sie sich natürlich nicht, und da sie sich auch nur sonst

ausnahmsweise liebenswürdig zeigte und besonders mit ihrem Bruder in

stetem Hader lebte, wunderte man sich allgemein, daß sie trotzdem bei

einander aushielten. Auch die verstorbene Baronin hatte sich nie mit

ihr befreunden können und sogar manchen heftigen Auftritt mit ihr,

vorzüglich nach der Geburt des ersten Sohnes gehabt, auch damals ihren

Gatten oft gebeten, ein Verhältniß zu lösen, das nach keiner Seite hin

genügte. Die Dame besaß außerdem durch die Erbschaft einer Tante ein

kleines Privatvermögen, mit dem sie recht gut hätte unabhängig leben

können, aber zugleich eine solche Gewalt über ihren darin schwachen

Bruder, daß sie ihren Platz hartnäckig behauptete und sogar schon nach

dem Tod der Baronin als unumschränkte Herrscherin im Schlosse galt.

Sie befahl und ordnete an, und wenn sich Dienstboten ihrem Willen nicht

fügen wollten, gleichviel wie zufrieden ihr Bruder selber mit ihnen sein

mochte, so mußten sie den Platz räumen -- und thaten's auch gewöhnlich

gern, denn lange hielt es doch keiner von allen unter ihr aus.

Mit Bruno, dem ältesten Sohn, stand sie, wie schon erwähnt, auf keinem

guten Fuß, obgleich der alte Pommer, der Kutscher, der Einzige, der noch

aus jener Zeit seine Stellung behalten hatte, behauptete, als kleines

Kind habe sie den Knaben sehr gern gehabt und ihn besonders verzogen.

Nach der Geburt des zweiten Sohnes änderte sich das aber, und Bruno

selber erinnerte sich nicht, so lange er wenigstens denken konnte, ein

freundliches Wort von ihr gehört oder eine Liebkosung von ihr empfangen

zu haben. Als Kind fühlte er das natürlich nicht so schwer; als er aber

nach dem Tode der Mutter heranwuchs und sich vom Vater vernachlässigt,

von der Tante zurückgesetzt, ja oft ungerecht mißhandelt sah, da ging

er oft still hinunter in den Park, setzte sich dort auf eine Bank in

dichtes Gebüsch hinein und weinte sich recht herzlich aus. Aber er

gedieh trotzdem und vielleicht gerade dadurch so viel besser, daß sich

Niemand viel um ihn bekümmerte, und als er an Jahren reifte und zu

begreifen begann, daß er gerade, der Erbe des ganzen Besitzthums, des

ganzen Vermögens der Wendelsheim, eigentlich wie ein Ausgestoßener oder

doch nur Geduldeter im Hause behandelt würde, fing er an, rauhe Worte

mit gleichen zu vergelten. Er und die Tante hatten da manchen Strauß,

bis sich zuletzt ein recht gesunder Haß zwischen Beiden entwickelte, den

Keiner vor dem Andern zu verbergen sich große Mühe gab.

Sonderbarer Weise hatte dabei der herangewachsene Mann unter all' den

unfreundlichen Worten, die er als Kind und Knabe ertragen mußte, eins

im Herzen bewahrt und nicht wieder vergessen können -- eins, das er als

Knabe von etwa elf Jahren gehört, und das ihm wahrscheinlich nur deshalb

unter all' den tausend anderen in der Erinnerung blieb, weil er es nicht

begriff und damals schon oft und bitter darüber nachgrübelte. Es war

gewesen, als er es zum ersten Male wagte, der Tante offen entgegen

zu treten. Er hatte irgend eins der zahllosen ihm gestellten Verbote

übertreten oder einem Befehl nicht gehorcht -- die Ursache war seinem

Gedächtniß entschwunden, aber die Folgen blieben um so deutlicher darin,

wie es ja oft geschieht, daß uns einzelne, oft unbedeutende Scenen

der Kinderzeit, manchmal bis in die ersten Jahre zurück, unvergessen

bleiben, während andere, viel wichtigere, gänzlich sich verwischen.

Er sah noch den Blick voll Haß und Zorn vor sich, mit welchem ihn die

Tante ansah, als er ihr sagte, daß sie von den Leuten im Hause Beißzahn

genannt würde, er sich aber nicht mehr von ihr beißen lassen wolle.

»Und wer bist Du denn?« hatte sie damals zu ihm gesagt. »Was wärest

Du denn, wenn ich Dich nicht dazu gemacht hätte?« -- Er erinnerte sich

auch, sie damals um die Erklärung der Worte gefragt zu haben, ohne aber

eine Antwort darauf zu erhalten; sie schlug nur nach ihm, und als er ein

auf dem Tische liegendes Messer ergriff, schrie sie um Hülfe, und der

Vater gab ihm nachher drei Tage strengen Arrest bei Wasser und Brot auf

seiner Stube mit so viel lateinischen Strafarbeiten, daß er sie kaum in

der Zeit bewältigen konnte.

Von da ab war der Bruch mit der Tante vollständig ausgesprochen, hatte

aber doch ein Gutes gehabt, denn sie wagte von dem Tag an nie wieder die

Hand gegen ihn zu erheben, und nur in dem Hirn des Knaben arbeitete der

Gedanke fort: »Weshalb hat mich die Tante zu dem gemacht, was ich bin?

Was soll das heißen?« Er hatte aber Niemanden, gegen den er sich darüber

aussprechen konnte -- seinen Vater wagte er nicht zu fragen, sein Bruder

war noch zu klein, sein Hofmeister ein strenger, finsterer Pedant, der,

wie leider nur zu viele Pädagogen, nichts auf der Gotteswelt in seinem

ganzen Leben gelernt hatte als Griechisch und Lateinisch, und für

welchen deshalb auch weiter nichts existirte. Und die Tante selber? Es

lag ihm oft in ihrer Gegenwart auf der Zunge, aber er war viel zu

stolz und trotzig, um sie ahnen zu lassen, daß er sich etwas zu Herzen

genommen, was über ihre Lippen gekommen. Er haßte sie, wie nur ein

mißhandeltes Kind ein Wesen hassen kann, dem es keine Rechte über sich

zugesteht und von dem es sich ungerecht und schlecht behandelt weiß. Und

was hatte er ihr je gethan, das zu verdienen? Nichts, das er sich denken

konnte. So blieb denn die Erinnerung an jenen Morgen fest in seinem

jungen Herzen verschlossen, und wie viele Jahre auch mit ihren

frischeren Eindrücken darüber hingingen, aus allen hervor wuchsen immer

wieder die da gehörten Worte: »Wer bist Du denn? Was wärest Du, wenn ich

Dich nicht dazu gemacht hätte?«

Jetzt war er ein Mann geworden, und man hätte denken sollen, die Tante

würde sich, mit der Gewißheit, daß er bald als Herr eines bedeutenden

Vermögens dastehen mußte, freundlicher gegen ihn gezeigt und gesucht

haben, die alten Erinnerungen aus der Jugendzeit zu verwischen. Es

schien auch wirklich, als ob sie sich Mühe dazu gäbe; aber es gelang ihr

trotzdem nicht. Selbst manchmal zwischen gleichgültigen Worten traf ihn

ein Blick aus ihren kleinen, blitzenden Augen so giftig, so voll Haß und

Zorn, daß er sie dann oft staunend ansah. Er wußte sich aber die Sache

nicht zu erklären denn lange schon war kein böses Wort mehr zwischen

ihnen gewechselt worden. Sie gingen nur einander aus dem Wege, wo sie

konnten -- und weshalb dann noch dieser unauslöschliche Haß?

Als Bruno unten im Gartensaal die Tante traf und an ihrem ganzen Wesen

bemerkte, daß sie nicht in besonderer Laune schien -- überdies ein sehr

seltener Fall --, wollte er auch mit einem kurzen Gruß vorübergehen.

»Guten Morgen, Tante!« sagte er nur und schritt der Gartenthür zu.

»Und wen suchst Du?« fragte Fräulein von Wendelsheim, ohne selbst den

Gruß zu erwiedern.

»Den Vater. Weshalb?«

»Du warst bei Benno oben?«

»Ja, Tante; er sieht heute recht krank und elend aus.«

»Und Du regst ihn nur immer noch mehr auf.«

»Ich rege ihn auf, Tante? Aber womit? Ich habe ihm nur »guten Tag«

gesagt und bin dann gleich wieder fortgegangen. Er verlangt nach dem

jungen Baumann.«

»Wenn der oben ist, kann er reden und erzählen, und wenn ich zu ihm

komme, legt er sich hin und dreht das Gesicht der Wand zu.«

»Er bekommt manchmal plötzliche Schmerzen. Ich fürchte, seine Krankheit

ist gefährlicher, als wir ahnen.«

»_Du_ fürchtest das?« sagte die Tante, und wieder traf ihn solch ein

böser Blick aus ihren Augen.

»Und weshalb sollte _ich_ es weniger fürchten, weniger fühlen, Tante,

als Ihr?« sagte Bruno erstaunt. »Glaubst Du, daß ich Benno weniger lieb

habe als Ihr -- wenn Ihr ihn auch mehr geliebt habt als mich?«

»Ich sagte das nicht,« erwiederte finster die Tante und wandte sich von

ihm ab; »Du drehst Einem die Worte im Munde herum. Ich glaube gar nicht,

daß er so krank ist, sondern nur schwach und angegriffen, das meinte ich

-- aber da kommt der Vater.«

Und damit ließ sie ihn stehen, verließ den Saal und warf die Thür hinter

sich in's Schloß.

Bruno war stehen geblieben und sah ihr nach, und wieder tauchten jene

geheimnißvollen Worte in ihm auf, die sie damals gesprochen; aber ein

anderer Gegenstand beschäftigte seinen Geist -- was kümmerte ihn auch

die Tante!

Draußen durch die Glasthür sah er seinen Vater kommen, und etwa zwei

Schritt hinter ihm folgte der junge Baumann, der eine kleine, wunderlich

geformte Maschine in der Hand trug. Der alte Herr hatte sich aber

auf keine Unterhaltung mit dem »Handwerker« eingelassen; er wußte

allerdings, daß Benno mit großer Liebe an dem jungen Mann hing, und

Benno's wegen duldete er den Besuch, aber er sah ihn nicht gern und

machte auch nicht viel Umstände mit ihm.

»Gehen Sie hinauf,« sagte er, als sie die Thür des Gartensaales

erreichten; »Sie wissen den Weg. Benno ist oben und hat mich schon heute

Morgen nach Ihnen gefragt; aber bleiben Sie nicht zu lange. Sein

Kopf glüht jedesmal, wenn Sie ihn verlassen haben; der Arzt hat jede

Aufregung streng untersagt.«

»Sehr wohl, Herr Baron,« sagte der junge Mann ruhig; »ich wäre auch gar

nicht herausgekommen, wenn ich nicht geglaubt hätte dem Kranken eine

Freude zu machen. Er hat mich gestern selber darum bitten lassen, und

ich sagte es deshalb zu.«

»Es ist gut,« nickte ihm der Baron vornehm zu, und Baumann wollte mit

einem kurzen Gruß an Benno vorüber der Verbindungsthür zuschreiten, als

Bruno die Hand gegen ihn ausstreckte.

»Herr Baumann,« sagte er dabei, »ich habe Sie noch um Entschuldigung

zu bitten, daß ich Sie neulich mit dem Pferd anritt; aber ich konnte

wirklich nichts dafür. Der Weg war so eng und der Fuchs so ungezogen,

daß ich nicht einmal im Stand war, ihn nachher einzuzügeln; er ging

förmlich mit mir durch.«

»Herr Lieutenant,« sagte Baumann freundlich, »ich sah, daß das Pferd

wild war, und habe später erfahren, wie gegründete Ursache Sie hatten,

sich unterwegs nicht aufzuhalten. Ich erschrak allerdings im ersten

Augenblick; das aber war auch das ganze Unglück, das Sie angerichtet

haben. Reden wir nicht weiter davon.« -- Und ihn grüßend, schritt er

den wohlbekannten Weg durch den Gartensaal dem Gange zu und die Treppe

hinauf zu Benno's Zimmer.

»Guten Tag, Vater!« sagte der Officier, als der junge Handwerker das

Zimmer verlassen hatte. »Ich wollte Dich eben aufsuchen, um ein paar

Worte mit Dir zu reden.«

»Und was steht zu Diensten, wenn ich fragen darf?«

»Hast Du kein freundlicheres Wort für mich, Vater?«

»Du wirst wieder Geld haben wollen,« sagte der Baron mürrisch, »und Du

weißt, daß ich nicht mehr im Stande bin, es Dir zu geben. Die Tausende

und Tausende, die ich die langen Jahre für Dich ausgelegt, haben meine

Mittel erschöpft, und es wird Zeit, daß Du zurückzahlst, was Du mich

gekostet, aber nicht mehr verlangst.«

»Ich bin nicht um Geld gekommen, Vater,« sagte der junge Officier ruhig,

»ich brauche keins, und hoffe mich bis zu dem Tage, wo die Erbschaft

ausgezahlt wird, selber durchzubringen. Nachher magst Du von mir Ersatz

für das »Ausgelegte« verlangen.«

»Und wie hast Du Dein Ehrenwort damals eingelöst? Wo hast Du das Geld

aufgetrieben? -- wahrscheinlich die doppelte Summe dafür gezeichnet?«

»Ich habe es zu fünf Procent bekommen.«

»Zu fünf Procent?« rief der alte Mann, ihn mit einem ungläubigen

Kopfschütteln von der Seite ansehend.

Bruno aber, darauf nicht achtend, fuhr langsam fort: »Allerdings bin

ich dafür, wenn auch vollkommen freiwillig, eine Verbindlichkeit

eingegangen, und um darüber mit Dir zu sprechen, heute hier

herausgekommen.«

»Thu' mir den Gefallen und rede nicht in Räthseln und Bildern,« sagte

der alte Herr mürrisch; »ich habe den Kopf schon ohnedies zu voll, um

ihn mir noch damit zu zerbrechen.«

»Ich werde sehr deutlich sein, Vater,« erwiederte Bruno, indem er sich

in einen Stuhl warf und den Kopf auf dessen Lehne in die Hand stützte;

»es bedarf auch dabei nicht der Umschweife, denn es betrifft nur eine

einfache Mittheilung, keine Frage oder Bitte.«

»Und die wäre?«

»Ich werde heirathen.«

»In der That?« sagte der Vater, doch etwas erstaunt, »so bist Du endlich

vernünftig geworden. Aber wen, wenn ich fragen darf, da es, wie Du

sagst, doch blos eine Mittheilung sein soll?«

»Und trage ich die Schuld, Vater, daß es so weit zwischen uns gekommen?

Was habe ich gethan, was verschuldet, daß ich, so lange ich denken kann,

nur wie ein Fremder, Ueberlästiger zwischen Euch herumgehe?«

»Ich verstehe Dich nicht!«

»Du hast mich nie verstanden,« sagte Bruno bitter, »mich nie verstehen

wollen!«

Der alte Baron warf einen scheuen Blick auf seinen Sohn; denn so wenig

er daran gedacht haben würde, etwas Aehnliches gegen ihn einzugestehen,

im Herzen fühlte er die Wahrheit des Vorwurfs, und war auch deshalb

nicht im Stande, ihn gleich und entschieden von sich abzuwälzen.

»Du machst eine lange Vorrede,« sagte er endlich; »ich hoffe doch

nicht, daß Du eine Wahl getroffen, deren Du -- deren ich mich zu schämen

brauchte. Aber ich glaube fast, der Verdacht ist unberechtigt,« setzte

er rasch hinzu, »denn Du kannst und mußt wissen, was ich Alles mein

langes Leben hindurch gethan habe, um die Ehre unseres Hauses aufrecht

zu erhalten.«

»Die _Ehre_ unseres Hauses,« wiederholte Bruno düster -- »das heißt den

äußeren matten Glanz, den Anstrich -- wie aber war es indeß im Innern?

Die Ehre des Hauses -- und wie stand es indessen mit dem Glück, dem

Frieden des Hauses, Vater? Ich höre und lese draußen manchmal von dem

Segen der eigenen Familie, dem Glück der Heimath. Was habe ich gethan,

daß mir das Alles gestohlen wurde?«

»Was hast Du nur heute?« sagte der Vater, unruhig werdend, indem er

den Sohn groß ansah. »Wie bist Du so sonderbar, und was sollen diese

vollkommen unbegründeten Anklagen? Wenn Du Dich nicht wohl in unserem

Hause fühltest, wer trug denn die Schuld, wir oder Du, der seine Zeit

draußen in wüsten Gelagen verbrachte und sich und mich dadurch in

Schulden stürzte?«

»Das ist recht, Vater,« lachte Bruno bitter, »mach' Du mir noch

Vorwürfe, daß ich die Gesellschaft fremder Menschen suchen mußte, weil

ich im eigenen Hause kein freundliches Gesicht zu sehen bekam und sogar

auf ewigem Kriegsfuß mit der Tante lebte. Doch genug -- übergenug davon!

Die Zeit liegt Gott sei Dank hinter mir, und von dem Augenblick an, wo

ich die Erbschaft habe, denke ich mir meinen eigenen Herd zu gründen --

aber nicht hier in Wendelsheim, denn keine freundliche Erinnerung zieht

mich hieher zurück.«

»Nicht hier in Wendelsheim?« rief der Vater rasch und erstaunt, ja fast

erschreckt. »Und wohin sonst willst Du ziehen?«

»Fort von hier, Vater; ich habe meinen Abschied schon eingereicht und

die Versicherung erhalten, daß er mir bewilligt wird.«

»Und wer ist die Dame, die Du Dir zur künftigen Gattin ausersehen?«

sagte der Vater mit fast tonloser Stimme; denn zum ersten Mal fühlte

er, daß der Sohn die ihm bisher auferlegten Fesseln wirklich abgestreift

habe und entschlossen sei, seine vollständige Unabhängigkeit zu wahren.

»Ich bin so fremd in Deinen Bekanntschaften, daß ich nicht einmal auf

irgend Jemanden rathen kann.«

»Und doch hast Du gerade mir den Weg in die Familie gebahnt, Vater,«

sagte Bruno, während ein eigenes trotziges, aber doch düsteres Lächeln

über seine Züge flog. »Ich liebe die Tochter des alten Salomon.«

»Bruno,« schrie der Baron emporfahrend, indem er wirklich bleich vor

Schreck wurde, »bist Du wahnsinnig geworden oder treibst Du Deinen Spott

mit mir? Die Tochter des alten Juden?«

Der Erbe: Roman. Erster Band. · 第 14 / 15 段