von alten Zeiten sprachen, fiel mir die Person wieder ein, weil sie
ja damals just so viel im Hause ein und aus ging und die stolze Frau
Baronin sie trotzdem nicht leiden konnte; das hab' ich wenigstens oft
und oft gehört.«
»Das ist auch wahr,« nickte die Frau, »weil sie mit dem gnädigen
Fräulein immer durchsteckte, und der alte Baron mußte wohl thun, was die
Beiden wollten. An mich durfte sie sich freilich nicht wagen, weil ich
das Kind hatte, und mit dem verstand der alte Baron keinen Spaß; aber
die Anderen hat sie in der kurzen Zeit genug geschuhriegelt, und sie
haben's ihr auch gedacht. Aber was macht die sich daraus!«
»Die Heßberger hat sich damals ein schön Stück Geld verdient,« sagte der
Major.
»Was geht's uns an,« brach jedoch die Frau, jedenfalls mißtrauisch
werdend, kurz ab; »ich rede nicht gern über die Zeiten, und mit fremden
Leuten gar nicht. Sie suchten ja aber vorhin ein Papier in Ihrer
Brieftasche, Herr -- ich weiß noch nicht einmal Ihren Namen....«
»Frühbach, verehrte Frau -- Rath Frühbach,« sagte der also Angeredete,
der seine Tasche schon lange wieder zurückgeschoben hatte, indem er
jetzt rasch und doch etwas verlegen danach griff. »Aber das hat Zeit,
bis ich den Herrn Melker einmal selbst sprechen kann. Wir haben uns
hier angenehm unterhalten -- ich sage Ihnen, die Zeit ist mir nur so
dahingeflogen, und Sie wohnen auch hier wie in einem kleinen Paradies.«
»Ja, die Wohnung ist allerdings recht hübsch,« nickte die Frau, »nur
eigentlich fast ein bischen zu groß für eine alleinstehende Wittwe;
aber, lieber Gott, es ist doch ein eigenes Haus, und man kann es sich
darin bequem machen.«
»Merkwürdig, daß es mir noch nicht aufgefallen ist,« meinte Frühbach,
»und ich komme doch so oft nach Vollmers heraus -- ich trinke den
Aepfelwein so gern, er ist auch für meinen Körper zum Bedürfniß
geworden, ich könnte ihn gar nicht mehr entbehren. Leider scheint dieser
Jahrgang nicht so ausgefallen zu sein wie der vorige; der Wein säuert
ein wenig, ist aber auch dafür, glaube ich, um so viel gesunder als der
vorjährige. Das war aber in der That etwas Wunderbares, und ich denke
jetzt noch mit Schmerzen daran, daß er vorüber ist.«
»Nun,« lächelte die Frau, freundlicher als bisher, »wenn Sie denn so
für unsern vorjährigen Aepfelwein schwärmen, dann kann ich Ihnen die
Erinnerung daran vielleicht wieder auffrischen. Gästen sollte man doch
eigentlich etwas vorsetzen, und das ist gerade das Einzige, was ich im
Hause habe. Entschuldigen Sie mich einen Augenblick.«
Damit war sie aufgestanden und verließ das Zimmer, während ihr der Major
kopfschüttelnd nachsah. »Mein lieber Rath,« sagte er, als sie hinaus
war, aber mit etwas unterdrückter Stimme, »ich fürchte, ich fürchte,
ich habe heute meine letzte Hoffnung zu Grabe getragen. Aus der Frau
bekommen wir auf die Weise heilig nichts heraus.«
»Lieber, bester Freund,« rief Frühbach, der nur einen Augenblick
gewartet hatte, bis sie von der Thür weg sein konnte, indem er den
Arm des Majors ergriff und heftig drückte, »kriegen wir nichts heraus,
meinen Sie? Wir _haben_ sie!«
»Haben -- wen?«
»Die Frau! Ist Ihnen denn entgangen, wie sie zusammenfuhr, als wir
den Namen der Heßberger nannten? Sie erschrak sichtlich -- und jetzt
_klopfen_ wir nicht mehr auf den Busch, jetzt _schlagen_ wir drauf!«
»Begehen Sie um Gottes willen keine Unvorsichtigkeit! Ich möchte hier
nicht in Unannehmlichkeiten gerathen, die, wenn sie nachher bekannt
würden, ohne daß wir etwas erreicht hätten...«
»Sehen Sie das Bild dort?« fragte der Rath, mit dem Arm auf ein nicht
ganz schlechtes Oelgemälde deutend, das gegenüber an der Wand hing und
ein junges, sehr hübsches Mädchen darstellte. »Wollen Sie _noch_
einen Beweis?« fuhr der Rath ganz in Eifer fort. »Ist das nicht ein
entschieden vornehm adeliges Gesicht, und hat es auch nur die Spur
von der Frau Müller? Nein -- aber dem Baron von Wendelsheim sieht es
ähnlich, wie aus den Augen geschnitten!«
»Aber das Bild ist vielleicht aus der Wendelsheim'schen Familie,« sagte
der Major, es jetzt ebenfalls aufmerksam betrachtend. »Aehnlichkeit
liegt allerdings darin, aber wir wissen ja gar nicht, ob sie das Bild
nicht einmal von der seligen Frau geschenkt bekommen oder auf irgend
einer Auction erstanden hat.«
»Das wollen wir bald herausbekommen,« sagte Frühbach entschlossen;
»jetzt aber lassen Sie mich nur machen. Ich habe Ihnen meine Hülfe
zugesagt, und Sie sollen sich mir nicht umsonst anvertraut haben. Die
Frau hat kein gutes Gewissen, darauf möchte ich meine Schnupftabaksdose
verwetten, und daß sie jetzt den Aepfelwein holt, geschieht nur, um uns
mit guter Manier los zu werden. Aber ich will nicht Frühbach heißen,
wenn ich sie nicht fasse, und zwar, ehe sie eine Ahnung davon hat, ganz
unvorbereitet, und Sie sollen erleben, wie sie bleich wird und zu Kreuze
kriecht!«
»Aber wir können ihr ein Verbrechen, für das wir noch gar keine directen
Beweise haben, doch nicht auf den Kopf zusagen.«
»Auf den Kopf!« erwiederte Rath Frühbach mit der Miene eines Mannes, der
zum Aeußersten entschlossen ist. Aber es blieb dem Major keine Zeit zu
weiteren Bemerkungen oder irgend einer Widerrede oder Abmahnung, denn
in demselben Augenblick wurde die Thürklinke wieder aufgedrückt, und
während sie schon das Klirren der Gläser hörten, erschien Frau
Müller wieder mit einem irdenen Krug in der Hand und einem kleinen
Präsentirteller, auf dem drei Gläser standen.
»So, meine Herren,« sagte sie freundlich, indem sie die Sachen auf den
Tisch stellte und dann zu einem kleinen Eckschrank trat, aus dem sie
Brot und frische Butter nahm. »Langen Sie zu; es ist Alles, was das
Haus bietet, aber ein Gericht Gerngesehen, und daran darf man eben keine
großen Ansprüche machen. Und nun kosten Sie einmal den Aepfelwein, Herr
Rath, und sagen Sie mir, ob Sie schon irgendwo in Ihrem Leben besseren
getrunken haben.«
Während Frau Müller sprach, schenkte sie die Gläser voll; Frühbach,
der sie indessen über die Brille betrachtet hatte, schmunzelte
unwillkürlich, als ihm der wohlbekannte und geliebte Duft in die Nase
stieg. Er konnte es sich auch nicht versagen, das Glas an die Lippen zu
heben und zu kosten; aber »famos!« sagte er, »unübertroffen!« und leerte
es schon im nächsten Augenblick auf Einen Zug.
Der Major nahm das Glas nur ungern; es war ihm ein eben nicht angenehmes
Gefühl, von der Frau, hinter deren Rücken sie eben noch ihren Plan
geschmiedet, gastlich behandelt zu werden. Sie durften auch jetzt nicht
weiter in sie dringen, und da er die Einladung, doch auch ein Glas zu
kosten, nicht gut ablehnen konnte, hob er es an die Lippen und nippte
daran. Der Aepfelwein war allerdings süßer als der bei Frühbach
getrunkene, immer doch aber nur ein sehr zweifelhaftes Gebräu, dem indeß
der Rath mit voller Hingebung zusprach, ja sich sogar, trotzdem daß sie
eben vom Mittagessen kamen, noch ein tüchtiges Stück Brot abschnitt und
es mit Butter bestrich, um es dazu zu verzehren.
Beim Kauen überlegte er sich seinen Feldzugsplan, dessen Ziel in nichts
Geringerem bestand, als die Festung, die nicht durch List bezwungen
werden konnte, zu überrumpeln und mit Sturm zu nehmen.
»Werthe Frau Müller,« sagte er deshalb, wie er nur den letzten Bissen
verschluckt und ein Glas Aepfelwein hintennach geschickt hatte, indem er
sich den Mund mit dem sehr oft gebrauchten Taschentuch wischte, dieses
dann immer kleiner zusammendrückte und zuletzt zurück in die Tasche
schob (dabei nahm er wieder die Dose heraus), »allen Respect vor Ihrem
Aepfelwein, er ist wirklich vortrefflich, und ich habe in meinem Leben
keinen besseren getrunken. Unser voriges Gespräch schien Ihnen vorhin
nicht angenehm zu sein, was ich bedauere, aber ich muß doch noch einmal
darauf zurückkommen. Sie wissen nämlich nicht, daß, wenn die Erbschaft
-- durch irgend eine gebrauchte List -- in falsche Hände geräth... --
Vielleicht noch eine Prise gefällig?«
»Ich danke,« sagte die Frau, ärgerlich mit dem Kopf schüttelnd. »Was
geht mich die Erbschaft an? Ich kriege doch nichts davon! Ueberhaupt
will ich von der ganzen Wendelsheim'schen Geschichte gar nichts wissen!«
»Bitte, lassen Sie mich ausreden,« sagte der Rath, »denn als Frau
können Sie keine Kenntniß von den in dieser Hinsicht furchtbar strengen
Gesetzen haben -- daß also dann die, welche mit dazu beigetragen haben,
einen Betrug zu unterstützen, den schwersten, jedenfalls Leibes- und
vielleicht gar Lebensstrafen ausgesetzt sind.«
»Lieber Rath,« sagte der Major, dem nicht ganz wohl bei der Einleitung
wurde, »das Gesetz wird ja...«
»Bitte, lieber Major,« entgegnete Frühbach, »erlauben Sie mir, daß
ich der Dame, die uns so freundlich aufgenommen hat, den Standpunkt
vollkommen klar mache; wir werden dann mit der größten Leichtigkeit zu
einem Verständniß kommen.«
Die Frau Müller hatte ihn staunend angesehen, denn sie schien entweder
gar nicht zu begreifen, worauf hinaus der Rath arbeitete, oder wollte
es nicht; der Major, welcher sie mißtrauisch von der Seite beobachtete,
wurde wenigstens nicht klug daraus. Frühbach aber, die linke Hand, in
der er die Dose hielt, auf den Rücken legend, mit der Rechten, zwischen
deren Fingern er noch eine Prise hielt, gesticulirend, fuhr, immer über
die Brille weg, fort:
»Daß Sie vollkommen gut verstehen, worauf ich hindeute, verehrte Frau,
davon bin ich überzeugt. Die Welt hat sich eben nicht täuschen lassen,
denn zu Viele wußten um das Geheimniß. Bis jetzt aber, wo es eben nicht
darauf ankam, ließ man die Sache gehen; nun jedoch, da der Termin der
Erbschaft abgelaufen ist, wird es unmöglich, die damalige Täuschung
länger durchzuführen. Seien Sie also vernünftig, und gestehen Sie, was
Sie wissen -- Sie sind unter Freunden...«
»_Ich_ soll gestehen?« sagte die Frau, die sich von ihrem Erstaunen noch
immer nicht erholen konnte, denn Frühbach brachte das Alles mit solcher
Salbung an. »Aber was denn um Gottes willen?«
»Gut,« rief jetzt der Rath, wie erbittert über so viel Störrigkeit,
»wessen Bild ist das, was da an jener Wand hängt? Das dort mein' ich!«
»Das dort? das Bild meiner Tochter -- und was haben _Sie_ denn?«
»Nein,« rief der Rath mit erhobener Stimme, »das ist nicht wahr! Wissen
Sie, wessen Bild das ist? Wissen Sie, was die Frau Heßberger in der
Stadt schon gestanden und gebeichtet hat?«
Die Frau war todtenbleich geworden und trat einen Schritt zurück, und
der Major selber erschrak über die plötzliche Veränderung in ihren Zügen
-- die Augen starrten den Redenden stier und entsetzt an, der Mund war
halb geöffnet, die eine Hand vorgestreckt. Rath Frühbach aber, dem das
ebenfalls nicht entging, fuhr, seinen Sieg verfolgend, triumphirend
fort:
»Das ist das Bild der Tochter des Barons von Wendelsheim, dem Sie dafür
den Sohn untergeschoben haben, und wenn Sie jetzt, wo Sie noch unter
Freunden sind, Alles gestehen, so kann ich Ihnen die Versicherung...«
Weiter kam er nicht. Alles Blut, das zuerst das Antlitz der Frau
verlassen hatte, schoß dahin zurück, daß es jetzt eine fast kupferrothe
Färbung annahm, und die Arme in die Seite stemmend, rief sie mit vor
Wuth fast erstickter Stimme:
»Sie -- Sie alter grauhaariger Esel, Sie wollen ein Rath sein?!«
»Frau Müller!« rief Rath Frühbach entsetzt.
»Und deshalb ist das Lumpengesindel in mein Haus gekommen?« schrie die
Frau, die jetzt erst ihre Zunge wiederzufinden schien. »Nach meinem
Schwiegersohn erkundigen sie sich, weil sie wissen, daß er nicht da
ist, und heimlich hinten herum kommen sie und fragen und bohren und thun
schön und unschuldig, um eine arme Frau in's Unglück zu stürzen!«
»Aber, beste Frau Müller!« fiel auch jetzt der Major ein, der aus all'
seinen Himmeln herausstürzte und nur allein den aufkochenden Zorn der
Gereizten zu besänftigen wünschte.
»Pfui Teufel!« rief aber die Frau Müller, die jetzt das Wort hatte und
es sich nicht so leicht wieder nehmen ließ. »Indianer und Türken und
Heiden, wenn sie mit einem andern Menschen gegessen und getrunken haben,
üben weder Hinterlist noch offene Feindschaft gegen ihn aus, sondern
behandeln sich als Brüder -- aber das nennt sich Christen, und ist ärger
als Türken und Heiden!«
»Aber, Frau Müller, ich versichere Ihnen...« sagte der Major.
»Sie brauchen mir nichts zu versichern!« schrie die Frau, immer mehr in
Zorn gerathend. »Was haben Sie überhaupt hier zu thun? Glauben Sie, daß
ich mich in meinen eigenen vier Wänden ungestraft beleidigen lasse? Und
die Frau Heßberger -- was geht das mich an, was die gestanden hat, oder
möchten Sie mir vielleicht damit drohen? Aber das wollen wir doch
einmal sehen, ob noch Recht und Gesetz im Lande ist und hülflose,
alleinstehende Frauen in ihrem eigenen Hause überfallen werden dürfen,
das wollen wir doch einmal sehen! Den Augenblick gehe ich auf's Gericht,
und dann will ich wissen, ob das da das Bild meiner Tochter, meines
eigenen Kindes ist oder nicht, und ob jeder hergelaufene Lump, der sich
Rath nennt, herkommen und mich beschimpfen darf!«
»Aber, Frau Müller,« sagte Rath Frühbach, allerdings etwas bestürzt über
die Wendung, die sein fein angelegter Plan, bei dem er sich schon einen
Moment am glücklich erreichten Ziel geglaubt, plötzlich genommen, »Sie
werden uns doch erlauben...«
»Gar nichts erlaube ich Ihnen,« rief die Frau, »gar nichts auf der Welt!
Je eher Sie sich aus meinem Hause scheren, desto besser, und wenn Sie
nicht gleich gutwillig gehen, dann rufe ich die Nachbarn zu Hülfe, daß
die Ihnen Beine machen!«
Der Major hatte sich schon, auf's äußerste verlegen, während des letzten
Gespräches der Thür zu gedrückt und eigentlich nur auf einen günstigen
Moment gewartet, um hinauszufahren, denn die ganze Sache war ihm
fürchterlich fatal; er mochte nur auch nicht geradezu fortlaufen. Jetzt
aber fand er keine Veranlassung mehr, länger zu zögern; die Thür war
ihnen deutlich genug und ohne ein Mißverständniß möglich zu machen,
gewiesen worden.
»Kommen Sie, Rath, das geht nicht länger,« sagte er, jetzt selber
ärgerlich werdend, denn der Mann war nicht von der Stelle zu bringen. Er
stand, aber jetzt ebenfalls mit einem dicken rothen Kopf, immer noch die
Prise zwischen den Fingern, vor der Wüthenden und schien nur auf einen
Moment zu passen, wo er wieder einfallen konnte. -- »Nun gut denn,
wenn Sie allein dableiben wollen, meinetwegen -- ich gehe aber -- guten
Morgen, Madame!«
»Einen schönen guten Morgen, das weiß Gott!« rief die Frau. »An den
Morgen werde ich denken, aber ich will Sie begutenmorgen mit Ihrer
Höflichkeit, oder mein Name ist nicht Barbara Müller! Vor Gericht sehen
wir uns wieder, und dort soll sich dann einmal herausstellen, ob ich
mich brauche in meinen vier Wänden überfallen und beschimpfen zu lassen,
und dort sollen Sie beweisen, was Sie gesagt haben, Sie -- Rath Sie,
oder wir wollen einmal aufpassen, was geschieht!«
Frühbach hatte einen Blick nach dem Major zurückgeworfen, bemerkte aber
kaum, daß dieser wirklich Ernst machte und schon halb aus der Thür war,
als er es auch für gerathen fand, seinem Beispiele zu folgen. Etwas
mußte er aber noch sagen, denn lautlos konnte er nicht abziehen.
»Schön, verehrte Dame,« nickte er, indem er sich die Brille festschob,
wobei er die vergessene Prise fallen ließ und zugleich nach Stock und
Hut griff, »wenn Sie es denn nicht anders wollen, mir kann's recht sein
-- empfehle mich Ihnen!« setzte er aber rasch hinzu, denn der Zorn der
gereizten Frau war auf's höchste gestiegen, und sie fing an gegen ihn
vorzurücken; er wollte es nicht zum Aeußersten kommen lassen.
»Ihnen kann's recht sein, so? Sie alter Schafskopf Sie!« schrie die
Frau.
Frühbach wartete jedoch keine weiteren naturhistorischen Eigennamen ab,
er war viel schneller, als er sich sonst gewöhnlich bewegte, aus der
Thür hinaus, und gerade noch zur rechten Zeit, denn dieselbe wurde im
nächsten Augenblick hinter ihm zugeschleudert, daß die Fenster im ganzen
Hause zitterten. Die Stimme der gereizten Frau übertäubte dabei noch den
Lärm. Der Major hielt sich auch gar nicht weiter auf, um seinen Freund
und Leidensgefährten zu erwarten, sondern humpelte, so rasch es ihm
sein obstinates Bein erlaubte, die Straße hinab, so daß der Rath tüchtig
ausschreiten mußte, um ihn wieder einzuholen. Aber er that das mit
Vergnügen, denn er verlängerte mit jedem Schritt die Entfernung zwischen
sich und der schrecklichen Frauensperson, und hatte auch gar nichts
dagegen, daß der Major rechts ab in eine Seitenstraße bog und nicht eher
einhielt, bis er die dort daranstoßenden Kartoffelfelder erreichte. Da
blieb er stehen und sagte, sich zum ersten Mal nach dem Rath umsehend:
»So, mein Herr Rath, da haben Sie uns mit Ihrem« -- Maul hätte er am
liebsten gesagt, aber das litt seine Höflichkeit nicht, darum ersetzte
er es mit -- »Hitzkopf in eine schöne Sackgasse hineingefahren.«
»_Ich_ habe Sie hineingefahren, mein bester Major?« sagte der Mann,
indem er stehen blieb und sich den Schweiß über der Brille wegtrocknete.
»Das nehmen Sie mir nicht übel; was habe _ich_ denn überhaupt von der
ganzen Geschichte, ehe Sie mich hieherbrachten, gewußt? Gar nichts --
und wenn ich nur eine Ahnung gehabt hätte, daß sie auf so schwachen
Füßen steht, ich würde den Teufel gethan haben, meine Nase hinein zu
stecken!«
»Aber wer um Gottes willen hieß Sie auch so mit der Thür in's Haus
fallen und die ganze Sache der Frau auf den Kopf zusagen? Ich bat Sie
doch, es nicht zu thun, und da konnten wir uns noch mit guter Manier aus
der Schlinge ziehen und einen ehrenvollen Rückzug sichern -- jetzt
sind wir mit Schimpf und Schande abgezogen und haben uns auf das
lächerlichste blamirt.«
»Das weiß Gott,« stöhnte Frühbach, »an die Situation werde ich mein
Leben lang denken! Wissen Sie aber, daß es mir früher schon beinah'
einmal ähnlich gegangen ist. In Schwerin damals....«
»Und damit ist die Geschichte noch nicht aus,« unterbrach ihn der Major,
dem die letzte Drohung der Frau nicht aus dem Kopf ging. »Passen Sie
auf, das rabiate Weib geht am Ende noch vor Gericht, und wir können ihr
nicht allein öffentlich Abbitte thun, sondern der ganze fatale Handel
kommt auch in's Publikum und, das Allerschlimmste, dem alten Wendelsheim
zu Ohren, der überhaupt keine Gelegenheit vorbeiläßt, um mir etwas
anzuhängen. Heiliges Donnerwetter, wenn ich nicht mit meinem elenden
Körper so an die Scholle gebannt wäre, ich setzte mich heute Abend noch
auf die Bahn und führe nach Neapel oder Griechenland!«
»Hm,« sagte der Rath, der seinen Stock unter den Arm genommen hatte und
an dem seidenen Taschentuche eine reine Stelle suchte, an der er seine
Brille hätte abwischen können (er fand aber keine und rieb sie dann
auf dem Aermel), »sie wäre es allerdings im Stande, aber sie wird sich
hüten, Major; denn die Sache ist doch nicht ganz rein, sie hat einen
faulen Fleck. Bemerkten Sie, wie blaß sie wurde, als ich sie nach dem
Bilde fragte?«
»Ja gewiß, und ich dachte im ersten Augenblick ebenfalls, wir hätten
sie; aber ich glaube jetzt, es war vor Wuth.«
»Mein lieber Major, lehren Sie mich die Menschen kennen, das war mehr
als Wuth, das war ein schlechtes Gewissen, und der nachher ausbrechende
Grimm nur ein Mantel, um es zu verdecken. Wir hätten uns nicht
davon sollen einschüchtern lassen, es war Maske; ich gebe Ihnen mein
Ehrenwort, nichts als Maske, und noch dazu plump durchgeführt. Ich wäre
auch nicht sogleich abgegangen, das versichere ich Ihnen, aber Sie waren
auf einmal zur Thür hinaus, und allein konnte ich da drinnen auch nichts
ausrichten.«
»Ich hatte genug,« meinte der Major, »und es fiel mir gar nicht ein,
mich länger als unumgänglich nöthig mit jenem alten Weib herum zu
zanken.«
»Wenn ich nur meiner ersten Eingebung gefolgt wäre und mich ihr
als Polizeirath vorgestellt hätte! Ich sage Ihnen, eines Tages in
Schwerin....«
»Weiter hätte nichts gefehlt,« rief der Major, »daß wir dann Beide in
Teufels Küche gekommen und am Ende gar noch eingesteckt wären! Hören
Sie, Rath, Sie haben gar keine Idee davon, welcher Gefahr Sie dadurch
entgangen sind, daß Sie es nicht gethan.«
»Sie haben keine Courage, Major.«
»Allerdings nicht zu so faulem Kram, wo man sich den Rücken nicht
gedeckt weiß. Ehrlich drauf, ja.«
»Na, ich dächte, weiß es Gott, ich wäre ehrlich draufgegangen,« sagte
Rath Frühbach mit Selbstgefühl. »Und was wird nun? Denn hier auf dem
Kartoffelacker können wir doch nicht gut stehen bleiben.«
»Haben Sie noch etwas im Ort zu besorgen?«
»Nichts als einige Flaschen Aepfelwein einzupacken. Hören Sie, Major,
der Aepfelwein bei der Alten war wirklich famos! Schade, daß er von
einem solchen Cerberus bewacht wird.«
»Ich wollte, wir hätten nichts davon getrunken,« sagte der Major
mürrisch; »darin hatte die Alte recht, es sah häßlich aus, ich nippte
auch nur daran. Aber nun thun Sie mir den Gefallen und lassen Sie uns
machen, daß wir fortkommen. Ich habe genug von Vollmers, und hoffe das
Nest in meinem ganzen Leben nicht wieder zu sehen.«
»Für heute muß ich auch sagen,« bestätigte der Rath, »daß ich kein
großes Verlangen trage, länger da zu bleiben, und ich möchte besonders
der aufgeregten Dame nicht noch einmal begegnen. Aber kommen Sie, Major,
wir brauchen ja nicht wieder an dem Haus vorbei zu gehen, sondern können
hier geradeaus die Straße halten. Mit einem ganz unbedeutenden Umweg
kommen wir dann zum Wirthshaus zurück.«
Der Major ließ sich nicht lange nöthigen, und die beiden Herren kreuzten
bald darauf, mit einem scheuen Seitenblick nach links, ohne aber ein
Wort weiter darüber zu erwähnen, die Straße, in welcher das Haus der
Frau Müller so still und friedlich lag, als ob da nie ein Sturm gewüthet
hätte.
Aber sie hatten damit, wie sie vielleicht wähnten, noch nicht Alles
überstanden; denn wie sie in die breite Chaussee einbogen, die nach dem
Wirthshaus hinaufführte, stand vor demselben und unter dem Schild mit
dem hellrothen Engel ein anderer, dunkelrother, in einer weißen Haube --
der obere trug Locken -- und gesticulirte eifrig mit dem achselzuckend
vor ihr stehenden Wirth.
Beide Freunde blieben unwillkürlich mitten in der Straße stehen, als sie
gleichzeitig die Dame erkannten. Das hatte keiner von ihnen erwartet,
und selbst der Rath fühlte sich bei diesem Anblick unbehaglich. Aber ob
die Dame sie selber bemerkte und nicht wieder mit ihnen zusammentreffen
wollte, oder ob sie beendet hatte, was sie hieher geführt, sie machte
noch ein paar entschiedene Bewegungen mit dem rechten Arm -- in der
Entfernung konnten sie natürlich nicht hören, was sie sagte --
und wandte sich dann die Straße hinab, wo sie bald darauf in eine
Seitengasse einbog.
»Das Frauenzimmer ist zu Allem fähig,« stöhnte der Major, als sie
wieder, Beide zugleich, ihren Weg verfolgten, denn das Hinderniß war
beseitigt; »jetzt hat sie sich dort nach unseren Namen erkundigt.«
»Und der Esel von Wirth wird ihr auch die genaue Adresse gegeben haben,«
ergänzte der Rath. »Es sieht ihm ähnlich.«
»Nun, versteht sich von selbst, und in den nächsten Tagen steht die
Geschichte in der Zeitung. Mein lieber Rath, ich wollte, ich hätte das
verdammte Vollmers in meinem ganzen Leben nicht gesehen.«
»Jetzt kann's nichts mehr helfen,« bemerkte Frühbach ganz richtig; »der
Stein rollt, und wir können ihn nicht mehr halten.«
»Ja, und Sie haben ihn in's Rollen gebracht.«
»Bitte,« sagte der Rath, »Sie haben mich darauf gestoßen, oder es wäre
mir nicht eingefallen, diese Madame Müller aufzusuchen. Aber da ist der
Hausknecht. Hören Sie, lieber Freund, sagen Sie doch dem Kutscher.... Wo
ist der Kutscher denn eigentlich?«
»Er sitzt drin in der Stube,« erwiederte der Angeredete. »Es ist ihm
nicht recht wohl; er hat Leibschneiden.«
»Der verfluchte Aepfelwein!« bemerkte der Major.
»Sagen Sie ihm, daß er einspannen soll,« befahl der Rath, der sich über
das Leibschneiden völlig hinwegsetzte, »wir wollen augenblicklich nach
Alburg zurückfahren. Ah, lieber Herr Wirth, unsere Rechnung, wenn ich
bitten darf!«
»Zu Befehl, Herr Rath,« erwiederte der höfliche Mann, sein Käppchen
ziehend. »Aber sagen Sie mir nur,« setzte er dann mit unterdrückter
Stimme hinzu, »was haben Sie denn um Gottes willen mit der Frau Müller
gehabt? Die war eben da....«
»Wir? Gar nichts. Was sollen wir mit ihr gehabt haben?« fragte Frühbach
mit der unschuldigsten Miene von der Welt.