»ich bin nicht wahnsinnig, Vater, und treibe auch meinen Spott nicht mit
Dir -- habe es nie gethan.«
»Und meinen Namen willst Du beschimpfen?«
»Ist es nicht auch der meine? Ich sehe keinen Schimpf darin, ein braves
Mädchen zum Altar zu führen.«
»Bruno,« rief der alte Baron außer sich, »Du weißt nicht, was Du thust!
Unser Geschlecht ist bis jetzt rein und unbefleckt erhalten -- der alte
Stamm wenigstens --, und Du hast keine Ahnung, welche Opfer Einzelnen
von uns auferlegt wurden, um das durchzuführen. Willst Du gerade der
Erste sein, der einen schwarzen Strich durch unser Wappen zieht. Es
kann, es darf nicht sein, und ich werde es nie und nimmer dulden!«
»Du kannst es nicht hindern, Vater,« sagte Bruno ernst und kalt; »Du
hast Dir das Recht vergeben, über mein Thun und Handeln zu bestimmen. Du
hast keine Liebe in meinem Herzen gesäet, Du kannst nicht erwarten, dort
Liebe zu ernten -- kannst mir aber auch nicht verdenken, daß ich sie
dort suchte, wo sie mir von ganzer Seele entgegengebracht wurde. Du
kennst auch Rebekka nicht,« fuhr er etwas weicher fort, als der alte
Mann wie gebrochen in einen Stuhl sank und sein Gesicht mit den Händen
deckte; »hättest Du nur ein einziges Mal in ihr liebes, engelschönes
Antlitz geschaut, hättest Du gesehen, wie lieb und gut sie mit mir ist,
Du würdest begreifen, daß ich das vergaß, was mir noch nie ein Segen,
nur ein Zwang gewesen.«
»Das kann, das darf nicht sein!« rief der alte Baron, wieder von seinem
Stuhl emporspringend; »die Erbschaft war von jenem alten Manne nur
deshalb unserem Hause zugewendet, um den Glanz des Namens aufrecht zu
erhalten, das Geschlecht nicht aussterben zu lassen.«
»Die Erbschaft lautet auf Deinen ältesten Sohn nach Zurücklegung von
dessen vierundzwanzigstem Lebensjahre; die Bedingung ist in wenigen
Wochen erfüllt,« erwiederte Bruno ruhig.
»O, daß ich so -- daß ich so hart gestraft werden sollte,« rief der
Baron die Hände ringend, indem er in dem großen Saal rasch auf und ab
schritt -- »so hart gestraft!«
»Wofür, Vater?«
Der alte Mann war zur Glasthür getreten, lehnte seine Stirn an eine
der Scheiben und starrte in den Garten hinaus; aber er beantwortete
die Frage nicht. Bruno fühlte sich beängstigt: er war auf Vorwürfe und
Zornesworte gefaßt und entschlossen gewesen, denen kalt und entschieden
zu begegnen -- so weich, so gebrochen hatte er den Vater nicht zu finden
geglaubt -- so hatte er ihn nie gesehen. Langsam ging er auf ihn zu, und
die Hand auf seine Schulter legend, sagte er, freundlicher, als er bis
jetzt gesprochen:
»Und was ist es denn weiter, Vater, daß Du es Dir so arg zu Herzen
nehmen solltest? Der alte Salomon ist ein braver, rechtlicher Mann und
hat den Ruf in der ganzen Stadt; und was mich betrifft, ich ziehe fort
von hier, auf Jahre vielleicht, und wenn ich zurückkehre, ist die Sache
längst vergessen und begraben. Hier bei Euch,« fuhr er fort, als der
alte Mann ihm nichts darauf erwiederte und regungslos in seiner Stellung
blieb, »könnte ich ja auch nicht einmal bleiben, denn ich möchte meine
Frau, und wenn sie einem der edelsten Geschlechter angehörte, nicht
unter ein Dach mit Tante Aurelia bringen -- Du weißt selber recht gut,
daß Haß und Unfrieden im Hause die nächsten Folgen davon wären.«
»Gottes Strafe -- Gottes Gericht!« flüsterte der Baron.
»Aber von was redest Du, Vater?« rief Bruno ordentlich erschreckt.
»Wofür Gottes Strafe, wenn Du das eine Strafe nennst, daß Dein Kind
endlich das Glück findet, das es so lange gesucht und -- leider nicht im
Vaterhause finden konnte?«
»Geh',« sagte der alte Mann, indem er ihn mit der Hand langsam von sich
schob, ohne ihm aber sein Auge zuzuwenden, »geh', Du bist mündig und
bald Dein eigener Herr. Was kümmert Dich auch der Name unseres Hauses,
auf das Du Schmach und Schande häufst? Ich will Dir nicht fluchen -- ich
darf es nicht; aber -- verlange nie meinen Segen zu einer Verbindung mit
der Judentochter -- er würde Dir auch nichts nützen,« setzte er heiser
hinzu -- »er würde selber nur zum Fluche werden!«
Die Worte des alten Mannes waren für den Sohn räthselhaft; er begriff
nicht, welche mögliche Deutung er ihnen geben konnte. Ehe er aber im
Stande war eine weitere Frage an ihn zu richten, öffnete sich die Thür,
und Tante Aurelia, deren scharfer Blick, selber staunend, die Gruppe
überflog, stand auf der Schwelle.
»Was ist da vorgegangen?« sagte sie finster. »Was hast Du wieder mit
dem Vater gehabt, Bruno? Das weiß doch der Himmel, daß Du das Haus nie
betrittst, ohne einen Verdruß zu bereiten!«
»In der That, Tante?« sagte Bruno, der ihr gegenüber ganz wieder den
alten Groll erwachen fühlte und sich auch wenig deshalb sorgte, die ihm
verhaßte Verwandte zu schonen.
»In der That,« lautete ihre Antwort, »ich erwarte es gar nicht anders.«
»Dann möchten heute Ihre Erwartungen vielleicht noch übertroffen werden
-- guten Morgen, Tante!«
Staunend sah sie ihm nach; aber Bruno kümmerte sich nicht weiter um
sie. Ohne selbst noch einmal zu dem Zimmer des Bruders hinauf zu gehen,
schritt er nach dem Stall hinüber, sattelte sich selber sein Pferd und
ritt dann in die Stadt zurück.
Ende des ersten Bandes.
Druck von _G. Pätz_ in Naumburg a. d. S.
Im Verlage von #Hermann Costenoble# in _Jena_ erschienen ferner folgende
neue Werke:
#Höcker, Gustav#, _Geld und Frauen_. Erzählungen. 3 Bde. 8. broch.
3½ Thlr.
#Kleinsteuber, Hermann#, _Schach dem König_. Historischer Roman. 2
Bde. 8. broch. circa 3 Thlr.
#Möllhausen, Balduin#, _Der Meerkönig_. Eine Erzählung. 6 Bde. 8.
broch. circa 6½, Thlr.
#Sacher-Masoch, Leopold von#, _Der letzte König der Magyaren_.
Historischer Roman. 3 Bde. 8. broch. 4 Thlr.
#Wickede, Julius von#, _Eine Deutsche Bürgerfamilie_. Nach einer
Familienchronik bearbeitet. 3 Bde. 8. broch. 4½ Thlr.
#Bibra, Ernst Freiherr von#, _Erlebtes und Geträumtes_. Novellen und
Erzählungen. 3 Bde. 8. broch. 3¾ Thlr.
#Ewald, Adolph#, _Nach fünfzehn Jahren_. Ein Strauß Geschichten. 2
Bände. 8. eleg. broch. 3 Thlr.
#Robiano, L. Gräfin von#, _Anna Boleyn_. Historischer Roman. 2
starke Bde. 8. eleg. broch. 3½ Thlr.
#Baker, Samuel White#, _Der Albert-Nyanza, das große Becken des Nil
und die Erforschung der Nilquellen_. Deutsch von _J. E. A. Martin_.
Autorisirte Ausgabe. Nebst 33 Illustrationen in Holzschnitt, 1
Chromolithographie und 2 Karten. Zwei starke Bände. Eleg. broch. 5½
Thlr.
#Deutsche Schützen, Turner und Liederbrüder# oder: _Was will das
Volk?_ Zeitgeschichtlicher Roman
[Hinweise zur Transkription
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
Der Halbtitel wurde entfernt.
Ein an den vorderen Buchdeckel angeklebter Zettel mit Verlagswerbung
wurde nicht in den Text aufgenommen.
Fehlende und falsch gesetzte Anführungszeichen wurden stillschweigend
korrigiert.
Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit
folgenden Ausnahmen:
Seite 12:
"das" geändert in "daß"
(und nachher verlangen sie, daß ein junges Geschöpf)
Seite 15:
"." eingefügt
(und thut dabei den Mund den ganzen Abend nicht zu.«)
Seite 15:
"," eingefügt
(rief die Mutter, »spotte auch noch)
Seite 40:
"gegründeteten" geändert in "gegründeten"
(zerfielen die auf jenes Gerücht gegründeten Suppositionen)
Seite 93:
"Frühauf" geändert in "Frühbach"
(sagte der unverbesserliche Rath Frühbach)
Seite 94:
"Frühauf" geändert in "Frühbach"
(sagte Frühbach, indem er nach seinem Hut und Stock ging)
Seite 119:
"Ihnen" geändert in "ihnen"
(bis ich ihnen wohl ein bischen in die Quere)
Seite 120:
"du" vereinheitlicht zu "Du"
(Aber Du lieber Gott, das zweierlei Tuch)
Seite 122:
"sagt" geändert in "sagte"
(»Gelobt sei Jesus Christus!« sagte in diesem Augenblicke)
Seite 149:
"," eingefügt
(sagte der Baron halb verlegen, »ich dächte)
Seite 153:
"," eingefügt
(rief der Lieutenant, »und ich konnte es mir nicht)
Seite 160:
"Salamon" geändert in "Salomon"
(»Und darf ich eintreten, liebe Frau Salomon?«)
Seite 171:
"wir" geändert in "mir"
(Sie dürfen es mir nicht abschlagen, nicht wahr?)
Seite 184:
"den" geändert in "denn"
(Dabei blieb es natürlich, denn der Staatsanwalt war eben nur)
Seite 211:
"Staasanwalt" geändert in "Staatsanwalt"
(drückte der Frau Staatsanwalt so »bedeutungsvoll« die Hand)
Seite 228:
"," entfernt
(mein gnädiges Fräulein)
Seite 235:
"Sie" geändert in "sie"
(sagte Ottilie, indem sie der ausgestreckten Hand begegnete)
Seite 285:
"sie" geändert in "Sie"
(hätten Sie einpacken und mit langer Nase abziehen können)
Seite 294:
"." eingefügt
(Sie biß eher.)
Seite 302:
"?" geändert in "!"
(wie sie bleich wird und zu Kreuze kriecht!)
Seite 311:
"gegestiegen" geändert in "gestiegen"
(der Zorn der gereizten Frau war auf's höchste gestiegen)
Seite 312:
"gegesagt" geändert in "gesagt"
(Maul hätte er am liebsten gesagt)
Seite 316:
"hätte" geändert in "hätten"
(»Ich wollte, wir hätten nichts davon getrunken,«)
Seite 317:
"fühlt" geändert in "fühlte"
(selbst der Rath fühlte sich bei diesem Anblick unbehaglich)
Seite 339:
"Ist" geändert in "Ich"
(»Ich verstehe Dich nicht!«)]
End of Project Gutenberg's Der Erbe. Erster Band., by Friedrich Gerstäcker