erkundigt; aber bei ihm, als vollkommen Fremden, würde das gleich von
vorn herein zu sehr aufgefallen sein, und er bat deshalb den Rath, das
für ihn zu besorgen, und dazu war Frühbach auch der rechte Mann. Er
fragte überhaupt ununterbrochen, und in seiner cordialen Weise (es hätte
eigentlich auch einen andern Namen dafür gegeben, denn er behandelte die
Leute gewöhnlich anscheinend freundlich, aber immer von oben herunter)
fand er mit leichter Mühe einen Anknüpfungspunkt.
»Hören Sie einmal, Herr Müller,« sagte Frühbach, als der Wirth mit
der Serviette unter dem Arm hinter ihnen am Tisch stand, »ist denn
der Müller, der hier in Vollmers Butter und Käse verkauft, mit Ihnen
verwandt? Er schreibt sich wenigstens ebenso.«
»Bitte um Verzeihung, Herr Rath,« sagte der Wirth mit Würde,
»jener Müller stammt gar nicht aus unserer Gegend; er ist aus dem
Mecklenburgischen hieher eingewandert.«
»Ih, sehen Sie einmal an,« rief Frühbach, »da sind wir ja Landsleute.
Waren Sie schon einmal in Mecklenburg, Herr Müller?«
»Nein, bedaure sehr,« sagte der Wirth.
»Na, da haben Sie gar nichts zu bedauern,« meinte trocken der Major,
»wenn Ihnen weiter kein Unglück begegnet ist.«
»Hm!« sagte der Rath aber, der, ganz aus seiner sonstigen Sphäre, wo er
nur im Allgemeinen wie ein Fisch im Ocean herumschwamm, heute einmal auf
ein besonderes Ziel lossteuerte. »Ich dächte aber doch, Sie hätten mir
einmal von Verwandten von Ihnen erzählt, die hier noch im Orte leben.«
»Wüßte wirklich nicht, wer das sein sollte,« sagte Herr Müller
achselzuckend. »Es sind allerdings noch Zwei meines Namens hier im Ort:
der Bäcker heißt Müller und dann lebt hier eine verwittwete Müller, die
lange in England war; sie wollte einmal nach Amerika, aber das Schiff
wollte nicht, wie sie hier sagen -- doch ich bin mit allen Beiden nicht
im entferntesten verwandt. Lieber Gott, der Name kommt ja so häufig
vor!«
»Ja, da haben Sie recht,« nickte der Rath. »Hören Sie, Herr Müller,
der Hirschbraten ist wirklich delicat; ich habe lange nichts Zarteres
gegessen.«
»Freut mich, wenn er Ihnen schmeckt, Herr Rath.«
»Und noch eine Flasche Aepfelwein, bitte. Aber Sie trinken ja gar nicht,
Major.«
»Danke, habe mir ein Glas Bier bestellt und verzichte auf den Aepfelwein
-- kann das Zeug nicht vertragen.«
»Es ist die reine Muttermilch,« sagte der Rath; »aber was ich gleich
fragen wollte: also die Frau war so lange in England?«
»Die Müller? Ja wohl -- sie spricht auch das Engländische, und wenn
sie sich mit ihrer Tochter manchmal unterhält, kann sie kein Mensch
verstehen. Das ist eine verflixte Sprache, und so geschwind geht's --
aber man muß es auch können.«
»Ach ja, ich dächte, davon hätte ich gehört,« fuhr der Rath, heftig
dabei kauend, fort. »Ist die Tochter nicht an einen gewissen Becker,
einen Telegraphen-Beamten, verheirathet?«
»Nein, Herr Rath, doch nicht; an einen sogenannten Geodäten, einen
Herrn Melker, der jetzt in Rübhausen stationirt ist, um dort die
Zusammenlegung der Felder zu bewerkstelligen.«
»Ach ja, das ist recht, Melker hieß er -- wie komm' ich denn nur auf
Becker? Aber es klingt ähnlich. Da war einmal in Schwerin ein Mann, der
hieß Beyer, aber mit einem e und y geschrieben; Gott, ich habe ihn noch
so genau gekannt -- ich brachte ihn später als Schreiber beim damaligen
Regierungspräsidenten Utrecht, einem intimen Freund von mir, unter. Aber
da wohnte noch ein anderer Mann, ein Schuhmacher, Namens Bayer, mit a
und y, in der Stadt, und die Beiden wurden doch fortwährend mit einander
verwechselt. So schickte ich einmal mein Mädchen zu dem Bayer mit einem
a, der gerade für uns arbeitete, um ihn zu mir zu bestellen, weil er mir
das Maß zu einem Paar neuer Stiefel nehmen sollte; ich litt damals sehr
an Hühneraugen, und die alten Stiefel drückten mich. Aber das Mädchen
ging wahrhaftig zum Regierungspräsidenten hinauf und bestellte mir den
Schreiber, weil der schon ein paarmal bei mir im Hause gewesen war, und
nachher mußte sie denn richtig noch einmal zu dem wirklichen Bayer mit
einem a gehen. Ueberhaupt, man glaubt gar nicht, was so ein einziger
Buchstabe im Namen für einen Unterschied macht. Da war in Schwerin ein
Schneider...«
»Ich dächte, einen Geodät Melker hätte ich auch einmal gekannt,« fiel
hier der Major ein, denn der Rath ging wieder durch. »Kommt er manchmal
hier herüber?«
»Ach, habe ihn erst heute Morgen gesehen,« sagte der Wirth; »ich glaube,
er kam herüber, um seine Frau abzuholen, die hier ein paar Tage bei
ihrer Mutter zum Besuch war.«
»In der That?« sagte der Rath, dadurch wieder zur Gegenwart
zurückgerufen, da er sonst nur eigentlich in der Vergangenheit lebte.
»Da könnten wir ja einmal nach dem Essen hinübergehen, Major, denn einen
Verdauungs-Spaziergang müssen wir doch machen. Wohnt sie weit von hier?«
»Nein, gleich dort hinter dem Garten, Herr Rath. Wenn Sie um die Ecke
vom Zaun herumbiegen, sehen Sie das kleine hübsche Häuschen gleich vor
sich. Die Müller hat eigentlich das hübscheste Häuschen im ganzen Ort.«
»So? Na, dann wollen wir nachher einmal da vorbeischlendern und es uns
ansehen -- also so ein hübsches Häuschen. Sie ist da wohl reich?«
Der Wirth zuckte mit den Achseln. »Wer kann's wissen?« sagte er. »Sie
zeigt's wenigstens Niemandem und lebt einfach und zurückgezogen genug
-- hat aber auch, das muß wahr sein, keinen Pfennig Schulden im Ort.
Man bekommt sie jedoch wenig zu sehen. Sie sitzt fast immer im Hause und
näht, oder liest auch wohl in einem Buche; aber wahrhaftig,« unterbrach
er sich rasch, als ein Wagen draußen vorbeirollte, »da kommt gerade
die Tochter mit ihrem Manne an. Die fahren jetzt wieder nach Rübhausen
zurück. Nun haben Sie ihn verpaßt. Na, ein andermal trifft sich's
vielleicht besser.«
Der Major war aufgesprungen und an's Fenster getreten. Ein leichter,
hübscher Korbwagen, vortrefflich in Federn hangend, rasselte vorüber.
Ein sehr anständig gekleideter Herr von vielleicht zweiunddreißig
Jahren fuhr, und neben ihm saß, ebenfalls städtisch, aber sehr einfach
gekleidet, ein junges, allerliebstes Frauchen und lachte und plauderte
mit ihm.
»Also das ist die Tochter?« nickte der Major, sich wieder abwendend,
denn der Wagen bog in dem Augenblick um die Ecke. »Sie sieht ja beinahe
aus wie eine Dame.«
»Ja,« nickte der Wirth, »ein sehr hübsches Weibsen ist es und eine gute,
tüchtige Frau dabei. Die Mutter hat sich's aber auch 'was kosten lassen,
um sie zu erziehen, das muß wahr sein, und der Herr Melker das große
Loos dabei gezogen.«
Der Rath stieß den Major heimlich an, blinzelte ihm über die Brille zu,
flüsterte: »'s ist Alles in Richtigkeit!« und setzte sich dann wieder zu
seinem Wildbraten nieder, um noch einmal von vorn zu beginnen. Er rühmte
sich nicht mit Unrecht, daß er für drei Mann essen und trinken könne.
Dem Major brannte aber jetzt der Boden unter den Füßen, und wenn ihn
auch ein eigenes, unbehagliches Gefühl beschlich, sobald er daran
dachte, daß die Entscheidung seines lange gehegten Zieles -- denn dies
war seine letzte Hoffnung -- so nahe sei und er zu dem Zweck einer
vollkommen fremden Person in das Haus rücken solle, so war er doch nicht
der Mann, von der einmal begonnenen Sache nun zurückzuschrecken. Je eher
sie abgemacht wurde, desto besser. Es dauerte freilich noch eine
Weile, bis er den Rath hinter dem Tisch vorbrachte, aber es gelang doch
endlich, und die Beiden schritten jetzt langsam erst eine Strecke durch
den Ort hinauf, um ihr Ziel nicht gleich zu verrathen, und dann der
bezeichneten Richtung zu, wo sie das kleine Haus auch bald in Sicht
bekamen.
Es war in der That ein freundliches Plätzchen, klein und beschränkt
freilich -- wenigstens dem äußeren Anschein nach --, aber
außerordentlich sauber gehalten, ordentlich beworfen und licht bemalt,
sowie mit grünen Jalousien versehen; auch schien das daranstoßende
Gärtchen sorgsam gepflegt, und selbst über die Hecke herüber schauten
blühende Rosenbüsche. Das Ganze war in der That wie ein kleines Idyll,
und man dachte sich unwillkürlich ein reizendes, zartes Wesen, das
jetzt dort hinter den Blumen am Fenster an einer Stickerei arbeiten und
vielleicht einmal mit dem Lockenkopf hinausschauen müsse.
Hinter den Blumen am Fenster war aber nichts als eine große weiße Haube
zu erkennen, die sich auch gar nicht regte, als die beiden Fremden
vorübergingen.
»Hören Sie, Major,« sagte der Rath, indem er von der Seite über die
Brille hinüberschielte, »das erinnert mich an ein Abenteuer in Schwerin,
wo ich....«
»Thun Sie mir den einzigen Gefallen,« unterbrach ihn der Major, »und
erzählen Sie mir jetzt nichts; ich fange außerdem schon an ganz nervös
zu werden. Wollen wir hinein?«
»Nun, versteht sich von selbst,« sagte der Rath; »wir sind einmal da
und müssen nun auch durch. Wie wollen Sie aber anfangen? Wir müssen doch
gewissermaßen eine Introduction haben, nachher macht sich dann Alles
von selber. Könnten wir zum Beispiel nicht nach Herrn Melker fragen? Wir
wissen jetzt genau, daß er nicht da ist.«
»Daran habe ich auch schon gedacht,« sagte der Major; »aber nachher?«
»Dann lassen Sie mich nur das Uebrige besorgen; ich knüpfe mit allen
Menschen ein Gespräch an, wenn ich sie nur erst einmal fest habe, und
eine Einleitung zu unseren Fragen ist ja auch dadurch gegeben, daß
Sie mit der Familie Wendelsheim, in der sie selber früher gedient hat,
verwandt sind. Fangen Sie zum Beispiel nachher einmal von der in der
nächsten Zeit fälligen Erbschaft an, und wir sehen dann gleich, was
sie dazu für ein Gesicht macht; ich werde sie indessen beobachten.
Donnerwetter, Major, zwei alte Knaben, wie wir sind, und mit allen
Hunden gehetzt, sollen es doch wohl in der Intelligenz mit einer alten
Frau aufnehmen können!«
»Und wenn sie nichts gesteht?«
»Sie braucht nicht direct zu gestehen, lieber, bester Freund,«
versicherte ihm der Rath, »und wird das auch auf keinen Fall, davon bin
ich schon jetzt vollkommen überzeugt, ohne sie nur einmal gesehen
zu haben. Ich verlange auch weiter nichts, als daß sie sich nur ein
einziges Mal verschnappt, nur mit Einer Silbe, daß sie sich nur einmal
widerspricht; dann haben wir sie fest, und daß dann die Gerichte das
Andere aus ihr herausbekommen, darauf können Sie sich fest verlassen.
Sagen Sie mir nur um Gottes willen, weshalb Sie mit dem Allen erst jetzt
herausrücken, und nicht schon vor zwanzig Jahren, als die Sache noch
warm war, ihr zu Leibe gegangen sind?«
»Lieber, bester Freund,« sagte der Major, »das wäre allerdings besser
gewesen; aber gerade in der Zeit, in der das Kind geboren wurde, befand
ich mich in Rußland, und als ich nachher zurückkehrte, waren die Leute,
die damals in Wendelsheim gedient, so in alle Welt zerstreut, daß meine
Bemühungen vergeblich blieben. Erst jetzt, nachdem über dem Ganzen
scheinbar Gras gewachsen, haben sie sich wieder eingefunden, und jetzt,
ja, ich kann wohl sagen, eigentlich in den letzten Tagen und so recht
vor Thorschluß, bin ich erst auf die richtige Fährte gekommen. Aber es
ist selbst jetzt noch nichts versäumt.«
»Gott bewahre, Gott bewahre,« nickte der Rath; »ein Heidenglück nur,
daß Sie wenigstens jetzt noch auf die Spur kamen, denn ein paar Wochen
später hätten Sie einpacken und mit langer Nase abziehen können!
Doch wir wollen umkehren -- jetzt hilft's nichts. Also die Zähne
zusammengebissen, Major, und fest vorwärts. Umbringen kann sie uns
nicht, und im schlimmsten Fall sind wir immer unserer Zwei!«
Die beiden Verbündeten, die indessen eine Strecke auf der Straße
hinausgegangen waren, so daß sie schon die Felder wieder vor sich sahen,
drehten jetzt um und schritten direct auf das Haus der Wittwe Müller zu,
dessen Pforte, da der Eingang durch den Garten führte, sie bald darauf
erreichten. Draußen war auch eine Klingel angebracht; die Glocke hing
inwendig am Pfosten, und der Rath streckte schon den Arm nach dem Griff
aus, als er plötzlich sagte:
»Hören Sie, Major, wenn wir jetzt hier läuten, steckt sie am Ende den
Kopf zum Fenster heraus und fertigt uns gleich auf der Straße ab. Das
wäre Pech!«
»Vielleicht ist die Thür offen; fassen Sie einmal auf die Klinke.«
»Wahrhaftig,« sagte der Rath, indem er die Klinke probirte, »das war
ein guter Gedanke. Die Zugbrücke ist nieder, nun laufen wir Sturm, he,
Major? Also vorwärts marsch, ich sehe schon, ich muß die Leitung doch
wohl übernehmen!«
12.
Frau Müller.
Die beiden Verbündeten traten in den Garten, den sie auf das fleißigste
gehalten und gepflegt fanden, und Keiner von ihnen dachte wohl daran,
daß sie in diesem Augenblick gerade im Begriff standen, ihr Möglichstes
zu thun, diesen Frieden zu stören und die glückliche Besitzerin
desselben in das Zuchthaus zu liefern. Dem Rath war die Sache auch noch
viel zu neu, und er hatte sie sich, mit dem Reiz des Abenteuerlichen,
der sie umgab, noch gar nicht ordentlich zurechtlegen können, und der
Major, nur das Ziel vor Augen, dem er entgegenarbeitete, schien
Alles, was sich ihm in den Weg stellen wollte, gerade wie ein wilder
=steeple-chaser=, als gar kein Hinderniß zu betrachten. Hier galt, wie
er sich die langen Jahre hindurch fest eingeredet, nur das Recht, und
einzig und allein das Recht, und der alte Baron, den er von Grund seiner
Seele aus haßte, mußte für verübtes Unrecht bestraft werden. Daß er
damit dann nachher Alle, die ihm dabei geholfen, mit hineinzog, daran
dachte der Major gar nicht, oder wenn er daran dachte, war es ihm
vollkommen gleichgültig. Vorwärts! Der Rath hatte ganz recht; das war
das einzige Wort, das jetzt für sie galt, und mit festen, entschlossenen
Schritten ging er auf die grün gemalte Thür zu, die ihn noch von seiner
Beute trennte.
Diese fanden die beiden Herren aber nicht offen, doch war ebenfalls
ein Klingelzug dort angebracht, und ohne auch nur noch einen Augenblick
durch unnützes Zögern zu verlieren, zog der Rath daran.
Drinnen im Hause ging gleich darauf eine Thür, und es dauerte nicht
lange, so wurde innen ein Riegel zurückgeschoben und die Pforte
geöffnet, wobei sie sich einer ziemlich robusten Dame »in den besten
Jahren« gegenüber sahen.
Die Dame trug ein dunkelrothes Kattunkleid mit engen Aermeln, dazu eine
schneeweiße Haube und eben solchen Halskragen, und sah überhaupt recht
sauber und adrett aus. Aber ihr Gesicht gefiel dem Major nicht; um
den Mund, auf dessen Oberlippe ein kleiner Anlauf zu einem Schnurrbart
sichtbar wurde, lag ein Zug, der etwa ausdrückte: »Ich habe etwas
durchgesetzt in meinem Leben und kümmere mich den Henker um die Welt!«
Die ziemlich starken Augenbrauen waren ihr dabei über der Nasenwurzel
zusammengewachsen, und ein Paar große blaue Augen sahen mehr forschend
als freundlich darunter vor. Aber nicht gerade unfreundlich sagte sie,
als sie die Fremden in ihrem Garten sah: »Und mit was kann ich den
Herren dienen?«
»Sie entschuldigen, verehrte Frau,« nahm hier der Rath das Wort, »wie
ich gehört habe, befindet sich gerade ein alter Bekannter von mir, Herr
Melker, bei Ihnen?«
»Das thut mir leid,« sagte die Frau, »mein Schwiegersohn ist eben
fortgefahren; meine Tochter war auf Besuch bei mir, und die hat er
wieder abgeholt.«
»O, das bedauere ich doch wirklich sehr,« sagte Rath Frühbach, indem er
sich die Stirn mit einem riesigen seidenen Taschentuch abwischte, »ich
hätte ihn so gern gesprochen! Können Sie uns nicht vielleicht sagen,
wann er zurückkehren wird?«
»Thut mir leid, weiß ich aber nicht,« entgegnete ruhig die Frau.
»Sie sind auch vielleicht nicht im Stande, uns zu sagen, wann er seine
Arbeiten dort beendet haben wird?« fuhr Frühbach unverdrossen fort. »Ich
habe selber ein Gut -- warten Sie, wo ist denn gleich die Liste...« --
Und er nahm dabei sein Taschenbuch heraus.
»Wollen denn aber die Herren nicht näher treten?« sagte Frau Müller,
die jetzt nicht anders vermuthen konnte, als daß es sich um einen neuen
Auftrag und Verdienst für ihren Schwiegersohn handle. »Sie stehen hier
so draußen auf dem Flur...«
»Wenn wir Sie nicht stören, verehrte Frau...«
»Bitte, ganz und gar nicht. Seien Sie so gut und kommen einen Augenblick
mit hier herein; ich bin ganz allein, und wenn ich Ihnen irgend eine
Auskunft geben kann...«
Die Herren ließen sich natürlich nicht lange nöthigen. Rath Frühbach
ging mit seinem gewinnendsten Lächeln voran, und der Major folgte ihm
dicht auf dem Fuße.
Das Zimmer sah außerordentlich sauber aus; es war allerdings sehr
einfach möblirt, aber doch mit Geschmack, und die vielen Blumen
besonders, der frisch gestreute Sand und die Sonne, welche auf dem
Ganzen lag, gaben ihm etwas unendlich Freundliches. Die Frau selber
benahm sich dabei mit vielem Anstand; man sah es ihr an, daß sie sich
häufig in gebildeten Kreisen bewegt haben mußte, und die Art, wie sie
sich selber wieder auf ihren Stuhl niederließ und den beiden Herren
winkte, auf zwei anderen Sesseln Platz zu nehmen, hatte wirklich etwas
Vornehmes.
An Frühbach, während es dem Major imponirte, ging das aber vollständig
verloren; er nahm mit seinem wohlwollendsten Lächeln Platz und begann
dann auch eine längere Erzählung (während er noch immer in seiner
Brieftasche herumsuchte), die sich einzig und allein um sein Rittergut
und die dort vorhandene Nothwendigkeit drehte, die Zusammenlegung der
Felder so rasch als irgend möglich in Angriff zu nehmen. Dadurch aber
gewann der Major Zeit, um seinen Schlachtplan zu entwerfen, und wenn
Frühbach einmal, was aber nicht so bald geschah, eine Pause machte, nahm
er selber das Gespräch auf und sagte:
»Nicht wahr, Madame, Sie waren früher auch einmal -- es sind jetzt
freilich schon lange Jahre her -- in dem Hause meines Vetters, des
Freiherrn von Wendelsheim?«
»Ei gewiß,« erwiederte Frau Müller, die, wie sich bald herausstellte,
trotz ihres etwas absprechenden Wesens eine Unterhaltung liebte; sie
mußte nur erst einmal warm werden. »Also das ist ein Herr Vetter von
Ihnen? Ein lieber, braver Herr! -- Jawohl, ich war Amme dort im Hause,
gleich nachdem mir mein Töchterchen, die Martha, geboren war, und mein
Mann wollte es damals eigentlich nicht zugeben, aber lieber Gott, was
konnten wir machen -- die Frau Baronin war so leidend, auch immer so gut
mit uns gewesen, da mußten wir ja zuletzt nachgeben, und meine kleine
Martha wurde unterdessen zu Hause mit Milch großgezogen. Das Kind ist
auch wohl dadurch ein bischen schwächlich und zart geblieben, aber
doch, Gott sei Dank, gesund und kräftig, und ich habe mir später keine
Vorwürfe zu machen gebraucht.«
»Die beiden Kinder sind also wohl so ziemlich in Einem Alter?« fragte
der Major.
»Ja, gewiß,« sagte Frau Müller, »kaum achtundvierzig Stunden auseinander
-- ja, und es kam mir damals schwer genug an, den armen kleinen Wurm
allein zu lassen, aber der Herr Baron schickte seinen eigenen Wagen,
eine große Glaskutsche, und es half nichts, ich mußte hinein.«
»Mein Vetter,« sagte der Major, der jetzt glaubte von einer andern Seite
angreifen zu müssen, »war eigentlich bei seinen Leuten nicht besonders
beliebt. Seine Frau soll ein Engel gewesen sein, und sie hat auch, wie
ich Ursache habe zu vermuthen, viel ertragen; aber er selber hatte
immer etwas entsetzlich Stolzes und Hartes, und seine Familie kann davon
besonders erzählen.«
»Wie es mit der Familie gewesen ist, weiß ich nicht,« sagte die Frau;
»gegen mich und die Leute war er immer sehr gut, besonders gegen
mich und den kleinen Baron -- Du lieber Gott, er wußte gar nicht vor
Seligkeit, was er mit dem Kind Alles anfangen sollte! Ordentlich mit
Gewalt haben wir's ihm manchmal wegnehmen müssen, so sprang und tanzte
er damit herum, und wollte sich gar nicht zufrieden geben, daß die
gnädige Frau Tante oft mit ihm zankte und böse wurde.«
»Die gnädige Frau Tante?«
»Nun, dem gnädigen Herrn seine Schwester, ein Fräulein von Wendelsheim,
die auch, glaub' ich, jetzt noch immer im Hause ist. Das war aber ein
bitterböses Frauenzimmer, wir nannten sie nur immer den Beißzahn, und
wenn sie damals schon wie ein Beißzahn auftrat, so gnade Gott jetzt die
armen Dienstboten, die unter ihr stehen müssen!«
»Das gnädige Fräulein führte wohl den Oberbefehl im Hause?« warf der
Rath eine Frage ein.
»Ja, und führt ihn wahrscheinlich noch,« nickte Frau Müller; »denn sie
sah mir nicht danach aus, als ob sie sich irgend 'was aus den Händen
winden ließe. Sie biß eher.«
»Aber mit dem Kinde war sie gut?«
»Ich weiß es nicht,« sagte achselzuckend die Frau; »manchmal, ja. Dann
aber betrachtete sie es auch wieder mit ganz finsteren Blicken und
konnte oft stundenlang kein freundliches Wort -- was überdies selten
genug aus ihrem Munde kam -- mit irgend einer Seele reden.«
Der Rath warf dem Major einen bedeutungsvollen Blick zu; dieser aber,
ohne ihm zu begegnen, wenn er ihn auch gemerkt hatte, fuhr langsam fort:
»Es ist sonderbar, aber es wurde damals viel über das Kind gesprochen;
die Leute hörten nicht auf, sich die verschiedensten Sachen zu
erzählen....«
»Natürlich,« nickte die Frau, »weil mit dessen Geburt eine große
Erbschaft in Aussicht stand. Lieber Himmel, über was reden die Leute
nicht, und ich bin damals auch oft gefragt und drangsalirt worden, habe
ihnen aber heimgeleuchtet, bis sie mich zufrieden ließen -- das Pack
das!«
Die Erinnerung oder vielmehr Erwähnung jener mißglückten Versuche schien
gerade nicht ermuthigend auf den Major zu wirken. »Der zweite Sohn ist
jetzt recht leidend,« sagte er nach einer kleinen Pause, »man glaubt
kaum, daß er noch lange leben wird.«
»Na, dem Beißfräulein gönne ich das,« meinte Frau Müller, »denn sie soll
den zweiten Sohn fast vor Liebe aufgefressen haben, während sie sich um
den ersten wenig oder gar nicht bekümmerte -- und was für ein draller,
derber Junge war das! Aber um den Vater sollte mir's leid thun. Lieber
Gott, die Mutter liegt ja schon so lange in ihrem kalten Grabe!«
»Und haben Sie den Aeltesten kürzlich einmal gesehen? Er ist, wie Sie
wissen, Officier.«
Die Frau schwieg, und wieder sah der Rath den Major an, diesmal aber zog
er die Augenbrauen hoch in die Höhe. Endlich erwiederte die Frau, die
indessen still vor sich niedergesehen:
»Lange nicht, seit langer, langer Zeit. Du lieber Himmel, aus Kindern
werden Herren, und wenn die vornehm sind, was kümmert sie nachher eine
arme alte Frau, die sie früher mit ihren eigenen Säften genährt! Sie
denken nicht mehr daran. Wenn der Herr Baron gewollt hätte, wäre er
schon lange einmal zu mir herausgekommen, denn daß ich wieder hier
wohne, muß er doch wohl wissen; aber er kümmert sich nicht mehr um seine
alte Amme, die Mutterstelle an ihm vertrat, und wenn _er's_ aushalten
kann -- na, ich kann's auch.«
»Da scheint Ihr eigenes Kind mehr an Ihnen zu hangen,« sagte der Rath,
der auch nach dieser Seite hin anzuklopfen wünschte.
»Nun,« fragte die Frau und sah ihn verwundert an, »soll sie denn das
auch nicht? Hatte sie denn, bis sie sich vor Kurzem verheirathete,
irgend Jemanden sonst in der weiten Welt, der für sie sorgte und mühte,
als mich? Alle Ursache für sie, daß sie an mir hängt, und es wäre
unnatürlich, wenn sie anders sein wollte.«
»Ach, wenn Sie in jener Zeit in Schloß Wendelsheim waren,« bemerkte der
Major, »dann kennen Sie ja auch wohl eine Frau Heßberger, die damals
dort aus und ein ging?«
Die Frau Müller sah den alten Herrn etwas erstaunt an. Es mochte ihr
jetzt vielleicht zum ersten Mal auffallen, daß überhaupt so viele Fragen
an sie gerichtet wurden, während Rath Frühbach, der diese Antwort mit
der gespanntesten Aufmerksamkeit erwartete, um sich mit keinem Blick
zu verrathen, seine Dose hervornahm und der alten Dame eine Prise
offerirte.
Wenn diese gewußt hätte, daß Rath Frühbach immer Morgens, ehe sein
Zimmer gereinigt wurde, den über Tag beim Schnupfen auf die Matte
gefallenen Schnupftabak wieder sorgfältig zusammenschob und zurück in
die Dose that, so würde sie die Prise wohl verweigert haben. Der Major
wußte es wenigstens und schnupfte deshalb nie mit ihm. So aber nahm sie
dankend eine Prise an und sagte nach kleiner Weile:
»Die Heßberger? Gewiß kenne ich die -- die schlechte Person! Aber
weshalb fragen Sie mich das? Wie kommen Sie überhaupt jetzt auf die
Heßberger?«