günstigsten Falle nur Lauferei und Aerger davon. Ich wollte überhaupt,
die Meier hätte das Maul gehalten; da sie es aber in ihren jungen Jahren
nicht gethan, so war kaum zu erwarten, daß sie in ihren alten damit
anfangen würde.«
»Und wie kann ich am besten nach Vollmers hinaus?« fragte der Major.
»Eine Post geht wohl gar nicht hin?«
»Post? nein,« sagte Tettelberg; »aber ich glaube, der Herr Rath Frühbach
könnte Ihnen da die beste Auskunft geben; der fährt manchmal hinüber und
bezieht auch seinen Aepfelwein daher. In Vollmers pressen sie eine Menge
Aepfel, und der Wein schmeckt auch gar nicht so schlecht -- wer ihn eben
vertragen kann. Ich bekomme immer Leibschneiden danach.«
»Hm, so?« sagte der Major, noch nicht recht mit sich einig, ob er den
Rath Frühbach zum Vertrauten gebrauchen könne. Der Mann hatte jedenfalls
viel in seinem Leben gesehen und durchgemacht und war auch vielleicht
praktischer Art -- er wußte es nicht; aber er fürchtete sich vor seinen
endlosen Geschichten, die wie die Bilder eines Kaleidoskops, immer und
ewig aus demselben gehackten Material bestehend, einen langweiligen
Stern darstellten. Da er übrigens so unmittelbar neben seinem Hause war,
beschloß er, einmal hinüber zu gehen. Die Familie traf er ja auch wohl
im Garten, und konnte dann, was er zu fragen hatte, im Vorbeigehen
abmachen.
»Also, Tettelberg,« sagte der Major, indem er dem Gärtner die Hand
reichte, »ich danke Ihnen vorläufig für die ertheilte Auskunft, und wenn
ich von Vollmers zurückkehre und etwas ausgerichtet habe, komme ich noch
einmal heraus, und wir verabreden das Weitere.«
»Wird wohl weiter nichts zu verabreden sein, Herr Major,« sagte der Mann
in der hartnäckigen Weise alter Leute; »wenn Sie sich denn absolut die
Finger verbrennen wollen, ich kann's nicht hindern. Durch Schaden wird
der Mensch klug, sagen die Leute; manchmal dauert's aber lange.«
»So wollen wir denn sehen, Tettelberg, daß wir den alten Baron
klug machen können,« nickte der Major, viel zu verbissen auf sein
Steckenpferd, um auch nur eines Haares Breite davon abzuweichen. »Guten
Morgen!« Und sich an seinem Stock emporrichtend, denn er war auf dem
harten Stuhl ganz steif geworden, humpelte er zur Thür hinaus wieder
in's Freie.
Draußen hinkte der Major zuerst einmal um das Haus herum, wo der Rath
wohnte, weil er ihn vorher da bei der Fruchtlese getroffen; aber der Weg
wurde ihm nicht so leicht gemacht, denn quer vor dem schmalen Gang, der
dorthin führte, hingen ein paar alte wollene Decken, die so schmutzig
aussahen, daß sich der Major ekelte, nur daran zu streifen. Er wollte
auch schon umkehren, aber sein Bein that ihm weh. Er scheute den Umweg,
und vorsichtig mit dem Stock die eine Decke emporhebend, bückte er sich
mit einem leise gemurmelten Fluch darunter durch und fand sich jetzt
in dem Garten selber, aus dem aber die Familie verschwunden schien. Er
konnte wenigstens Niemanden mehr darin entdecken, als einen Jungen, der
eben an einem Birnbaum schüttelte, um die letzten Birnen davon herunter
zu bekommen. Den rief er an; der Junge mochte aber wohl unter dem
»falschen Baume« gewesen sein und hatte kein gutes Gewissen, denn er sah
sich gar nicht einmal um, _wer_ ihn gerufen haben könne, sondern fuhr
gleich zwischen die nächsten Büsche hinein, hinter denen er verschwand
und nicht wieder zum Vorschein kam.
Dem Major blieb jetzt nichts weiter übrig, als in das Haus selber zu
gehen und dort den Rath aufzusuchen, und er entschloß sich gerade nicht
gern dazu, blieb auch wirklich noch einmal stehen und überlegte sich
die Sache, als plötzlich ein Fenster geöffnet wurde und die wohlbekannte
Stimme des Raths herausrief:
»Ah, bester Major, wie haben _Sie_ sich einmal in diesen entlegenen
Winkel verloren? Wollen Sie denn nicht näher treten? Ich ziehe mich
gerade an und begleite Sie dann ein Stück.«
»Ei guten Morgen, mein lieber Rath!« sagte der Major, dem jetzt
wenigstens die Wahl erspart worden. »Werde so frei sein« -- und den Weg
dahin einschlagend, betrat er gleich darauf das Haus.
Der Rath wohnte parterre und hatte ein ganz bescheidenes Schild an
seiner Thür, auf dem nur der Name Frühbach stand. Die Thür war auch
nicht verschlossen, und der Major gerieth in einen langen schmalen
Gang mit einer Unzahl Thüren, aus welchen er nicht gleich die rechte
herausfinden konnte. An der rechten Seite war aber eine geöffnet -- wie
er gleich darauf bemerkte, die Küche, und dort handirte ein weibliches
Wesen in einem sehr schmutzigen Ueberrock von verschossener Barège,
aber ohne Schürze, das er natürlich für die Köchin oder das Hausmädchen
hielt.
»Können Sie mir wohl sagen, liebes Kind,« fragte er dieses, »in welchem
Zimmer ich den Herrn Rath finde.«
»Gehen Sie nur gerade aus,« lautete die Antwort, »mein Mann ist in der
letzten Stube links.«
»Bitte,« sagte der Major erschreckt, einen solchen Verstoß gegen
die Höflichkeit und die Frau vom Hause zugleich begangen zu haben.
»Entschuldigen Sie, es ist hier so dunkel im Vorsaal....« Und damit
wandte er sich, immer still mit dem Kopf schüttelnd, der bezeichneten
Thür zu. Er hatte aber die letzten Worte der Frau gar nicht mehr gehört,
ging geradeaus und öffnete die dort befindliche Thür, schloß sie aber
eben so rasch wieder, denn er war in das Heiligthum eines Schlafzimmers
im Urzustand gerathen.
»Hier herein, bester Freund! Hier herein!« rief der Rath und stieß seine
eigene Thür auf. »Sie wären beinah' in das falsche Zimmer gefahren, heh?
Treten Sie nur näher, ich bin den Augenblick fertig -- na, wie geht's?
Das ist gescheidt, daß Sie sich auch einmal bei mir sehen lassen!«
»Es thut mir leid, daß ich Sie störe, bester Freund,« sagte der Major,
der den Rath noch in schon seit einiger Zeit getragenen Unterhosen fand,
während seine übrigen Kleidungsstücke im Zimmer umhergestreut lagen.
»Mich stören? Nein, sicher nicht!« lachte der freundliche alte Herr.
»Sie sehen ja, daß ich mich gar nicht stören lasse -- aber bitte, wollen
Sie nicht Platz nehmen?«
»Danke Ihnen, habe die ganze Zeit gesessen,« sagte der Major, der in
der Stickluft des Zimmers, die so unangenehm nach Schweiß roch, kaum zu
athmen vermochte. »Wenn Sie erlauben, gehe ich einen Augenblick an das
Fenster, indessen ziehen Sie sich fertig an. Famoser Garten, das!«
»Ja, recht hübsch,« sagte der Rath, während der Major das Fenster
öffnete.
»Aber wer wohnt hier über Ihnen?«
»Ueber mir? Ist augenblicklich gar nicht vermiethet -- zwei Treppen hoch
wohnt ein Beamter.«
»Hören Sie, lieber Rath,« sagte der Major -- denn gerade vor dem Fenster
hingen die beiden wollenen Decken -- »dem würde ich dann aber nicht
erlauben, mir die beiden Schmierlappen da gerade vor die Nase zu hängen
-- Alles, was recht ist, aber....«
»Die beiden Decken?« sagte Frühbach, zum Fenster hinaussehend. »Das sind
ja meine eigenen -- in denen schlafe ich jede Nacht.«
»In _den_ Decken?« sagte der Major, wirklich starr vor Schrecken.
»Ja, sehen Sie, lieber Freund,« fuhr der Rath fort, »ich muß jede Nacht
tüchtig schwitzen -- wenn ich nicht schwitze, leidet meine Verdauung,
und da ich genöthigt bin, mit meiner Gesundheit sehr vorsichtig zu
sein....«
»Ob Sie noch frühstücken wollen, ehe Sie ausgehen, Herr Rath?« sagte in
diesem Augenblick ein ziemlich sauber gekleidetes Dienstmädchen, das,
trotz der etwas derangirten Toilette des Hausherrn den Kopf in's Zimmer
steckte.
»Frühstücken? Gewiß!« lautete die Antwort. »Aber bringen Sie gleich
zwei Gläser mit herein, Henriette, und zwei Teller und Messer und Gabeln
dazu!«
»Ich danke Ihnen wirklich, lieber Rath,« sagte der Major, dem der ganze
Appetit vergangen war -- »ist mir noch zu früh.«
»Noch zu früh?« lachte der Rath. »So? -- Da waren wir einmal in Schwerin
»Im Mohren«, fuhr er fort, während er sich die Unaussprechlichen anzog,
was mit einiger Schwierigkeit verbunden war, da ihm die Brille immer
dabei herunterrutschte, »und der Geheime Regierungsrath Hesse -- er
wurde nachher Minister und hat eine bedeutende Rolle gespielt -- war
auch hereingekommen -- um nach einem Fremden zu fragen. Wir saßen und
frühstückten -- frische Austern und alten Rheinwein dazu -- es
schmeckt eigentlich Morgens nichts besser als frische Austern und alter
Rheinwein --, und wie er hereinkam, riefen wir ihm zu und sagten, er
solle sich doch mit hersetzen; aber er meinte auch, es wäre ihm zu früh.
Und glauben Sie, daß er gefrühstückt hätte? Gott bewahre!«
»Sagen Sie einmal, lieber Rath,« fragte jetzt der Major, der nicht mit
Unrecht eine zweite, der ersten rasch folgende Erzählung fürchtete,
denn wenn der Mann im Zuge war, ging es Schlag auf Schlag, »weshalb ich
eigentlich herkam: können Sie mir nicht sagen, wie ich am besten nach
Vollmers hinaus komme?«
»Nach Vollmers?« rief Rath Frühbach erstaunt aus, indem er seinen
Besuch über die Brille ansah. »Ja, alle Wetter, Major, das wäre ja ein
merkwürdiges Zusammentreffen! Aber was haben _Sie_ in Vollmers zu thun?
Aha, kommen Sie endlich auch auf meine Sprünge? Ja, Sie können mir's
glauben, es geht nichts in der Welt über eine Aepfelwein-Diät, und wenn
ich den nicht die langen Jahre hindurch gebraucht hätte, wäre ich gar
nicht der Mann, der ich bin. Denken Sie sich, da kam vor etwa drei
Monaten, gerade als ich von Schwerin fortziehen wollte...«
»Aber Sie wollten mir wegen Vollmers sagen -- wie so ist das ein
merkwürdiges Zusammentreffen?«
Rath Frühbach hatte _eine_ gute Eigenschaft: er war unerschöpflich in
nichtssagenden Geschichten; sowie er aber unterbrochen wurde, vergaß er
augenblicklich, was er eben erzählen wollte, und wenn er nicht gerade in
eine andere hineingerieth, blieb er bei der Sache.
»Ja so, Vollmers,« nickte er; »das ist allerdings merkwürdig, denn ich
ziehe mich gerade an, um meine gewöhnliche Fuhre dahin zu machen. Um
elf Uhr wollte ich fort, und wenn Sie mich begleiten, nehmen wir den
Einspänner zusammen.«
»Um elf Uhr -- das muß es aber gleich sein.«
»Es ist auch dicht hierbei. Jetzt frühstücken wir erst, und dann kann
die Henriette gleich hinüber springen und den Wagen besorgen. Das wäre
ja wundervoll, Major! So eine Stunde lang im Wagen allein zu sitzen und
den Mund nicht aufzuthun, ist für mich immer eine Qual, denn mit dem
Kutscher läßt sich leider gar nicht reden; er hört so furchtbar schwer,
daß man immer laut schreien muß, und das verdirbt jede Unterhaltung.
Also fahren wir?«
Der Major war in allen seinen Bewegungen, sobald er nur erst einmal den
einen Punkt: seine Krankheit, überwunden hatte, ziemlich resolut. Jetzt
fand er das Eisen heiß, jetzt mußte es also auch geschmiedet werden.
»Na, meinetwegen, Rath,« sagte er dann, »fahren wir zusammen; allein
getraue ich mir die Tour ohnedies nicht gern zu machen, des verdammten
Beines wegen, und meinen Gärtner kann ich nicht gut mitnehmen -- das
ist ein ebenso alter, elender Krüppel, als ich selber bin. Also basta --
bestellen Sie die Karre. Bis wann können wir wieder zurück sein?«
»Wann wir wollen, bester Freund. Wir essen draußen zu Mittag -- ich sage
Ihnen, ganz delicat. Heute giebt es dort Wildpretsbraten -- ich habe
mich schon danach erkundigt -- und einen ganz magnifiquen Selleriesalat,
und nach dem Essen, wenn wir unser Geschäft beendet haben, setzen wir
uns wieder ein und kommen in aller Behaglichkeit zurück.«
»Also abgemacht.«
»Und da bringt die Henriette gerade das Frühstück -- so, mein Kind,
setzen Sie nur hieher,« sagte der Rath, indem er auf dem Tisch, auf
welchem es wild genug aussah, ein wenig Platz machte und einen dort
liegenden Kamm, sein Rasirzeug mit der Seifenbüchse und ein Paket frisch
angebrochenen Schnupftabaks ein wenig bei Seite schob. »Da, so, das soll
nicht lange dauern. Aber wo haben Sie denn die Flasche?«
»Ich bringe sie gleich, Herr Rath.«
»Und dann springen Sie einmal zum Kutscher Behrens hinüber, er sollte
nur gleich anspannen -- er weiß schon -- und ein bischen Heu in den
Sitzkasten legen; wenn wir zurückkommen, packen wir ihn voll. Und nun,
lieber Major, seien Sie so gut, setzen Sie sich und langen Sie zu; wir
werden sonst flau, ehe wir hinauskommen.«
Das Frühstück roch allerdings delicat und bestand aus einem sehr schön
braun gebratenen Fleischgericht und Brot.
»Alle Wetter,« sagte der Major, der jetzt selber Appetit bekam, »was
haben sie denn da, Rath? Das riecht ja vortrefflich.«
»Ja, und schmeckt noch besser,« nickte Frühbach, dessen Augen schon
in dem Vorgenusse funkelten; »das ist auch mein Leibgericht: gebratene
Kuh-Euter.«
»Kuh-Euter?« rief der Major entsetzt, indem ihm die schon aufgenommene
Gabel wieder aus der Hand fiel. »Das ist ja ein schrecklicher Gedanke,
Rath! Sie essen Kuh-Euter?«
»Alles,« rief der Mann, indem er sich ein tüchtiges Stück auf den Teller
nahm und mit wahrer Wonne hineinbiß -- »Alles von der Kuh, bis auf die
Klauen und Hörner, aber das Euter und Gehirn am liebsten! Aber schenken
Sie sich ein, lieber Freund, schenken Sie sich ein, daß Sie zu Kräften
kommen.«
Dem Major war der ganze Appetit vergangen, und er sehnte sich nach
einem Glase Wein. Aber auch der zog ihm die Backen zusammen; er war von
schnöden Aepfeln gepreßt und herb und bitter.
»Nun, wie schmeckt Ihnen der?«
»Na, wissen Sie, Rath,« sagte der Major, dessen Höflichkeit doch nicht
so weit ging, einen Wein zu loben, der ihm in dem nämlichen Augenblicke
die Eingeweide zusammenzog, »ich habe in meinem Leben schon besseren
getrunken.«
»Besseren?« rief der unverwüstliche Rath. »Das gebe ich zu, wenigstens
solchen, der besser schmeckte, aber keinen gesunderen, darauf können Sie
sich verlassen, Major, keinen gesunderen! Der arbeitet Ihnen das Innere
heraus und macht Sie zu einem vollständig neuen Menschen! Aber nun
trinken Sie auch und langen Sie zu.«
Der Major aß ein Stückchen Brot, um den Wein, und trank dann wieder
einen Schluck, um das Brot herunter zu bekommen. Er wäre nicht im Stande
gewesen, ein Stück von dem Kuh-Euter auch nur an die Lippen zu bringen,
ja bei dem bloßen Gedanken wurde ihm übel. Endlich waren sie fertig, und
der Wagen hielt auch schon vor der Thür.
Wie sie hinausgingen, klopfte der Rath an die Thür des Schlafzimmers.
»Herzchen,« sagte er zärtlich, »können wir Dir Adieu sagen?«
»Ich bin noch nicht angezogen, Männi,« antwortete die Stimme der Frau
Räthin.
»Na, denn leb' wohl, mein Schätzchen,« erwiederte Rath Frühbach. »Ich
komme bald wieder und bringe Dir auch etwas mit.«
»Aepfelwein,« dachte der Major und fühlte, wie ihm die Zähne schon
wieder stumpf wurden. Dann gingen sie hinaus vor den Garten, wo der
Wagen hielt, und fort rollte das leichte Fuhrwerk die Straße entlang,
die nach Vollmers zu führte.
11.
Die beiden Verbündeten.
Der alte Major von Halsen war, als er an dem Morgen zum Rath Frühbach
kam, wie schon gesagt, gar nicht etwa gewillt gewesen, ihn zum
Vertrauten in der Erbschafts-Angelegenheit zu machen; aber Umstände
verändern manchmal die Sache, und der Wagen schüttelte ihn nach und nach
in eine andere Ansicht hinein.
»Der verdammte Kasten hat, glaub' ich, gar keine Federn,« sagte er, als
sie eine Weile auf einem Feldweg hingerasselt waren; »er stößt Einem ja
die Seele aus dem Leib.«
»Aber Sie glauben gar nicht,« erwiederte der Rath, »wie wohlthätig
das Schütteln auf die Verdauung wirkt, und ich spüre den segensreichen
Einfluß jedesmal. Sie wissen, ich leide daran. Da fuhr ich einmal
in Schwerin, wo ich etwas auf dem Lande zu besorgen hatte, mit einem
Leiterwagen, weil kein anderes Fuhrwerk zu bekommen war, und zu Fuß war
mir der Weg zu weit, obgleich ich täglich meinen Spaziergang mache
und mich dann jedesmal in Schweiß laufe -- ich muß das schon meiner
Gesundheit wegen thun -- etwa dritthalb Stunde über einen Weg -- einen
Weg, sage ich Ihnen, Major, man kriegte Hühneraugen, wenn man nur den
Weg ansah. Wissen Sie, es war weicher Boden, wo sie an den sumpfigen
Stellen hatten Knüppel hineinwerfen müssen, um bei nasser Witterung
die Wagen vom Versinken abzuhalten. Nun aber war es sehr lange trocken
gewesen und die alte Wagenspur so hart und fest wie Stein geworden. Da
ging es denn hinauf und herunter, daß man die Zunge im Munde festhalten
mußte, und wenn man einmal auf so eine Stelle mit Knüppeln kam --
nein, ich versichere Ihnen, es stieß einem geradezu den Hut vom Kopf
herunter!«
»Hören Sie einmal, Rath,« sagte der Major, der nicht mit Unrecht
fürchtete, auf dem ganzen Wege derartige Erzählungen dulden zu müssen,
»ich will Ihnen etwas sagen. Wissen Sie, weshalb ich heute nach Vollmers
fahre?«
»Sie? Nun, um den Aepfelwein einmal an der Quelle zu trinken. Ich habe
Sie ja lange genug darum gebeten, mich einmal zu begleiten.«
»Der Teufel soll Ihren Aepfelwein holen,« knurrte der alte Soldat, »er
liegt mir noch wie blanker Essig im Magen! Nein, ich habe einen andern
Zweck, und da Sie doch einmal ein Rath sind, so sollen Sie mir nun auch
einen Rath in einer Sache geben. Aber ich muß ein bischen vorsichtig
sprechen, sonst beißt man sich, weiß es Gott, auf dem verfluchten
Marterfuhrwerk einmal aus Versehen die Zunge ab.«
»Da fällt mir eine Geschichte ein,« sagte der Rath.
»Jetzt will ich Ihnen erst einmal eine erzählen,« sagte aber der Major,
fest entschlossen, den Rath nicht so schnell wieder zum Wort kommen zu
lassen. »Sie haben mir versichert, der Kutscher hört schwer.«
»Er ist halb taub. Sie müssen schreien, wenn Sie mit ihm reden wollen,
und das greift Einem die Lunge an.«
»Desto besser, denn er braucht auch gar nicht zu hören, um was es sich
hier handelt. Sie können doch verstehen, was ich sage?«
»Jedes Wort. Ich habe ein Ohr wie ein Luchs. Da kam einmal in
Schwerin....«
»Bitte, lassen Sie mich erst aussprechen,« fiel ihm der Major in die
Rede, »und Sie zu gleicher Zeit ersuchen, das, was ich Ihnen jetzt unter
vier Augen sage, »vor der Hand« noch als Geheimniß zu behandeln.«
»Ein Geheimniß, he?« sagte der Rath und zog die Augenbrauen in die Höhe.
»Es wird hoffentlich nicht mehr lange ein Geheimniß bleiben,« fuhr
der Major fort; »aber vor der Hand und so lange wir nicht fest und
entschieden auftreten können, muß es jedenfalls als ein solches
betrachtet werden. Sie geben mir auch gewiß recht, wenn Sie erfahren, um
was es sich hier handelt -- aber jetzt hören Sie.«
Und nun erzählte er dem allerdings genau aufhorchenden Rath zuerst
mit kurzen Umrissen den Stand der Familien-Angelegenheit des
Wendelsheim'schen Hauses, den Frühbach aber auch schon so ziemlich
kannte, und dann den Verdacht, den er selber gefaßt habe und jetzt, ja
in diesem Augenblick, bis zur Quelle verfolgte.
Frühbach unterbrach ihn dabei mit keinem Wort, so erstaunt war er über
eine Erzählung, die wirklich eine Pointe bot und zu dem Interessantesten
gehörte, was er in seinem ganzen Leben erlebt hatte. Nur »Hm!« und »Es
ist die Möglichkeit!« oder andere kurze Ausrufe ließ er manchmal hören
und schüttelte dabei, wie über etwas Unglaubliches, den Kopf. Endlich,
wie der Major geendet hatte, warf er selber einige Fragen ein, die sich
aber merkwürdiger Weise auf den Gegenstand bezogen, und schien jetzt so
von der Wahrheit des Gehörten durchdrungen, daß er darüber ordentlich in
Ekstase gerieth.
»Major,« rief er und drückte das Knie des neben ihm Sitzenden, »einen
besseren Gehülfen, als mich, hätten Sie sich zu Ihrer Expedition nicht
aussuchen können -- das ist gerade mein Fach, und jetzt sollen Sie
einmal sehen, wie geschwind wir der Geschichte auf den Grund kommen; der
Madame wollen wir auf die Hacken treten!«
»Lieber Rath, wir werden ungemein vorsichtig zu Werk gehen müssen,
da wir eigentlich noch gar keine wirklichen Beweise in Händen haben,
sondern nur einen, wenn auch sehr stark begründeten Verdacht.«
»Eigentlich hätten wir uns gleich einen Polizeidiener mitnehmen sollen,«
sagte der Rath, der indessen nur seinen eigenen Gedanken gefolgt war.
»Daß der Alles gleich von vornherein verdorben hätte, nicht wahr?« rief
der Major. »Wir können doch die Frau nicht arretiren!«
»Gott bewahre!« schüttelte Frühbach mit dem Kopf; »denken nicht daran.
Aber Sie glauben gar nicht, welchen Eindruck eine Uniform macht. Ich
bin mir doch wahrhaftig nichts Böses bewußt, aber wenn selbst zu mir
ein Polizeidiener in's Zimmer tritt, fährt's mir immer gleich in die
Kniekehlen. Denken Sie sich, da sitz' ich einmal in Schwerin...«
»Sind Sie denn in Vollmers bekannt und wissen Sie, wo jene Frau Müller
wohnt?«
»Ja, lieber Major,« sagte der Rath, »ich kenne zwei verschiedene Müller
in Vollmers. Erstlich heißt unser Wirth so, von dem ich den Aepfelwein
beziehe, und dann giebt's auch noch einen Butter- und Käsehändler Müller
im Ort, von dem sich meine Frau immer Handkäse bringen läßt.«
»Aber der Müller ist lange todt.«
»Der Käsehändler? Nein, er war noch vorige Woche bei uns.«
»Nein, ich meine den Mann von dieser Müller; sie ist ja Wittwe.«
»Ja so, von der -- nun, die wird auch aufzutreiben sein; Vollmers
ist nicht so groß. Wenn Sie nur wenigstens wüßten, wie der Mann ihrer
Tochter heißt; an einem solchen Namen hängt manchmal viel. Da lebte bei
uns in Schwerin...«
Rath Frühbach hatte heute mit seinen Erzählungen Unglück. In dem
nämlichen Augenblick, wo er wieder begann, that das Pferd einen Ruck,
wurde scheu und fing an zu galoppiren.
»Na, das fehlte uns auch noch,« rief Frühbach, sich erschreckt
festhaltend, »daß der alte, halbblinde Gaul mit uns durchgeht! Auf der
einen Seite sieht er nicht einmal die Gräben.«
Der Kutscher, der wohl ein wenig eingenickt war, griff aber die Zügel
auf, zog dem alten Gaul ein Paar mit der Peitsche über und brachte ihn
bald wieder zu einem Verständniß seiner Lage, das er auch wohl kaum aus
den Augen verloren. Er hatte sich nur einmal in Bewegung setzen wollen,
oder auch vielleicht die schon ganz nahen Häuser von Vollmers entdeckt,
wo er den Stall und dessen Futter kannte.
An eine weitere Unterhaltung war aber schon deshalb für die beiden
Passagiere nicht mehr zu denken, weil hier das Pflaster begann und
selbst der gegen Derartiges sonst ziemlich unempfindliche Rath beide
Hände auf den Sitz stemmte, um sich gegen allzu hartes Stoßen zu
sichern. Der Major aber memorirte laut seine sämmtlichen Flüche, die er
auswendig konnte -- und es waren deren nicht gerade wenig --, bis sie
endlich vor dem niederen, mit rothen Ziegeln gedeckten Wirthshause
hielten und ein riesiges blaues Schild über sich sahen, auf dem ein
feuerrother Engel abgemalt war, der eine rothe Trompete in der rechten
und ein rothes Bierkrügel in der linken Hand hielt. Welcher Götterlehre
er angehörte, ließ sich nicht bestimmen.
Rath Frühbach schien hier übrigens ein alter Stammgast zu sein,
wenigstens wurde er so von dem Wirth empfangen, der mit dem
freundlichsten Gesicht von der Welt, sein Käppchen in der Hand, unter
der Thür stand und Hausknecht, Kellner und Stubenmädchen augenblicklich
herbeirief, um den Herren beim Aussteigen zu helfen und Mäntel oder
sonstiges Reisegepäck in das Haus zu tragen.
»Nun, Herr Müller, wie gehen die Zeiten?« sagte Rath Frühbach, als er
glücklich ausgestiegen war und dem Major, der mit seinem Bein nicht so
recht fort konnte, ebenfalls vom Wagen herunter geholfen hatte. »Haben
doch 'was Ordentliches zu essen heute?« -- Er schien auf eine besondere
Beantwortung der ersten Frage zu verzichten.
»Nun, danke bestens, Herr Rath,« sagte der gewissenhafte Gastgeber, »es
geht ja immer so lala; meine Alte will nicht so recht fort -- hat immer
mit ihrem Magen zu thun.«
»Daran ist der verdammte Aepfelwein schuld!« sagte der Major, eben nicht
in bester Laune.
»Ein guter Freund von mir,« stellte ihn der Rath vor, »Herr Major von
Halsen.«
»Sehr angenehm, Herr Major -- sollen bestens bedient werden. Wann
befehlen die Herren zu speisen?«
»Was haben Sie denn? Das versprochene Wildpret fehlt doch nicht etwa?«
»Nein, gewiß nicht, Herr Rath; habe es Ihnen ja besonders hineinsagen
lassen. Werde Ihnen doch keine Unwahrheit berichten. Aber die
Speisekarte liegt drinnen auf dem Tisch.«
Der Rath nickte nur, denn eine weitere Unterhaltung war für den
Augenblick, wo Wichtigeres ihnen bevorstand, unnöthig geworden, und die
beiden Herren begaben sich in das untere Local, wo in einer der Ecken
ein Tisch schon gedeckt stand; denn wenn auch Vollmers an keiner
Poststraße lag, kamen doch eine Menge von Fuhrleuten vorüber und kehrten
da ein, und Niemand lebt besser unterwegs, als ein Frachtfuhrmann.