»Aber wie ist das möglich?«

»Ja, das sage nun ein Mensch -- bei dem Staatsanwalt -- und dabei haben

wir Polizei im Ort, und reitende Gensdarmen, und einen Stadtrath und

Stadtverordnete! Aber ich will keinen Kopf wieder ruhig auf ein Kissen

legen, bis ich die Räuberbande herausgefunden habe und die Kerle am

Galgen sehe, denn den haben sie im reichsten Maß verdient! Der Deckel

ärgert mich nur, und gleich vom ganzen Service weg; aber was macht sich

so ein schlechter Mensch daraus, wenn er Einem ein Service verdirbt --

die lachen noch darüber!«

»Ich will nur hoffen, daß Sie die Gegenstände wiederbekommen!«

»Ja, es wäre wirklich zu wünschen -- und das waren noch nicht einmal

die ersten; schon in voriger Woche sind uns einzelne Löffel abhanden

gekommen. Es muß auch ein Hausdieb sein, das lasse ich mir gar nicht

ausreden; denn ein anderer Mensch hätte die Frechheit nicht, blos hieher

zu kommen, um Löffel zu stehlen und Deckel von Zuckerdosen.«

Die Frau konnte das unselige Silberzeug nicht aus dem Kopf bekommen. So

oft auch Ottilie versuchte, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben,

es blieb vergebens, während der Lieutenant zu viel Tact besaß, um

nicht Alles über sich ergehen zu lassen. Es war eben ja Besuch, der

bekanntermaßen nicht unter die Vergnügungen gezählt werden darf.

Endlich kam ein Blitzableiter -- die Frau Appellationsgerichtsräthin

Nebeldamm, die denn allerdings die nämliche Sache noch einmal erfuhr,

nothgedrungen aber auch die Zuckerdose, auf welche der fehlende Deckel

gehörte, von Angesicht zu Angesicht sehen mußte.

Die Frau Staatsanwalt führte sie hinüber; sie hätte gern den Lieutenant

ebenfalls gebeten, mitzugehen -- er würde bei der Gelegenheit auch

gleich ihr Silberzeug beisammen gesehen haben. Aber der Schrank sah

leider noch ein wenig zu unordentlich aus; die Zeit heute Morgen war ja

nur so kurz und sie selber nicht im Stande gewesen, Alles wieder in der

gehörigen Ordnung wegzuräumen.

»Es war so wunderhübsch gestern Abend,« sagte Ottilie, wie sie nur

erst einmal Luft bekam, auch ein Wort zu reden, »und ich habe mich so

herrlich amüsirt!«

»In der That, mein gnädiges Fräulein,« erwiederte Bruno -- und wieder

fiel ihm die Aehnlichkeit zwischen ihr und Rebekka auf -- »ich muß Ihnen

auch gestehen, daß ich lange nicht so viel getanzt habe.«

»Aber zuletzt wurden Sie so still und nachdenkend; Sie müssen drei oder

vier Tänze versäumt haben. Sie wurden gewiß müde?«

»Nein, das nicht -- auf -- wirklich nicht, aber -- Sie wurden ja

engagirt.«

»Aber die anderen Damen würden sich ebenfalls sehr gefreut haben,

von einem so guten Tänzer engagirt zu werden,« lächelte Ottilie,

und Wendelsheim wurde so verlegen, daß er nicht gleich wußte, was er

erwiedern sollte.

»Ihr Herr Vater ist wohl nicht zugegen?« sagte er endlich.

»Vater wird sehr bedauern, Sie heute Morgen nicht zu sehen,« fuhr

Ottilie fort; »er mußte der unangenehmen Sache wegen in die Stadt und

ist noch nicht zurückgekehrt. Aber was sehen Sie mich immer so sonderbar

an?« lächelte sie plötzlich. »Trage ich irgend etwas Auffälliges an

mir?«

»Ich? -- Sie? Nein, gewiß nicht!« rief Wendelsheim. »Entschuldigen Sie,

aber -- Sie können es mir auch nicht verdenken,« setzte er rasch gefaßt

und galant hinzu; »es ist etwas Seltenes, nach einer durchtanzten Nacht

eine junge Dame wieder so morgenfrisch zu finden, und thut den Augen

ordentlich wohl.«

»Ah, Sie können auch schmeicheln! Die Eigenschaft hatte ich noch nicht

bei Ihnen entdeckt.«

»Schmeicheln? Nein, gewiß nicht, liebes Fräulein! Ich hasse die faden

Schmeicheleien und glaube, ich darf dabei, um mit der Tochter eines

Anwalts zu reden, »nicht schuldig« plaidiren. Ich begreife auch wirklich

manchmal nicht, wie junge Damen etwas Derartiges gern anhören mögen.«

»Wer weiß denn, ob sie es gern thun?« sagte das junge Mädchen. »Aber

was will man machen? Viele junge Herren kennen gar keine andere

Unterhaltung, und wenn man ihnen die abschneiden wollte, so ist es sehr

die Frage, ob sie nicht gänzlich stumm würden.«

»Und wäre das ein Verlust?«

»Für sie selber jedenfalls. Aber nehmen Sie auch meine Frage nicht zu

ernst; ich hatte Ihnen den Vorwurf gewiß nicht machen wollen. Doch

was ich gleich sagen wollte: ich habe Sie ja heute Morgen nicht hier

vorbeireiten sehen -- und gestern und vorgestern auch nicht, wie mir

jetzt einfällt.«

»Sie werden mich auslachen,« sagte Wendelsheim, »und mich inconsequent

nennen, aber ich besitze in diesem Augenblick nur noch mein altes Pferd,

das ich schonen muß, denn ich habe den Fuchs wieder verkauft.«

»Das wunderschöne Thier!«

»Ich bekam ein gutes Gebot und -- er gefiel mir auch nicht besonders --

er war sehr unartig und scheute gern.«

»Aber Sie reiten sonst immer die wildesten Pferde!«

»Vielleicht bin ich vorsichtiger geworden,« lächelte der Officier.

»Ach, das wäre recht zu wünschen,« sagte Ottilie mit ordentlich

komischem Ernst, indem sie die Hände dabei faltete.

»Sie haben sich doch nicht etwa meinetwegen schon gesorgt, mein

Fräulein?« sagte der junge Mann freundlich. »Es würde mich sehr

glücklich machen, wenn ich das wüßte!«

»Ich war einmal Zeuge, wie der Rappe damals mit Ihnen durchging.«

»Ah, an jenem Tage,« nickte der Baron, und es war, als ob eine Wolke

über seine Stirn flöge; »ja, das war ein böses Thier -- aber,« brach

er plötzlich ab, »wir unterhalten uns richtig wieder von Pferden, das

Ungeschickteste, was ein Herr in Gegenwart einer Dame thun kann.«

»Ich glaube, ich habe selber davon angefangen.«

»Dann werde ich mich Ihnen dankbar zeigen und das Gespräch auf die

gestrigen Toiletten bringen. Wissen Sie, daß ich lange nicht so

geschmackvolle Toiletten gesehen habe, wie gestern Abend?«

»Auch die der Frau Professor Nestewitz?« lächelte Ottilie.

»Die war allerdings nicht ganz geschickt gewählt,« sagte Wendelsheim

achselzuckend. »Damen, die über das jugendliche, ja nur über das

jugendfrische Alter hinaus sind, sollten sehr vorsichtig darin sein,

nicht zu modern und in zu auffallenden Farben zu gehen; aber wie oft

wird das doch versäumt, und die Trägerinnen sehen dann, anstatt pompös,

gewöhnlich nur komisch aus.«

»Für einen Lieutenant,« lächelte Ottilie, »entwickeln Sie ganz

achtungswerthe Kenntnisse in der Toilette.«

»Bitte, mein gnädiges Fräulein, von Kenntnissen kann da keine Rede sein;

das Ganze ist ja überhaupt nur Gefühlssache.«

»Vielleicht haben Sie sogar recht.«

»Möglich, aber dann ist es nur das Urtheil der Menge, das ich

ausspreche. Das gerade gefällt mir auch an Ihnen, daß Sie sich immer so

einfach kleiden, Fräulein; Sie glauben gar nicht, wie gut Ihnen so ein

hohes, dunkles, eng anschließendes Kleid steht!«

»Soll ich Sie wieder denunciren?« drohte Ottilie schelmisch mit dem

Finger.

»Nein, Fräulein Ottilie,« sagte Wendelsheim treuherzig, indem er ihr die

Hand hinreichte, »wahrhaftig nicht! Ich will Ihnen gern zugeben, daß ich

früher nicht besser wie mancher der Uebrigen gewesen bin und entsetzlich

fades Zeug geschwatzt haben mag; aber ich glaube, ich habe mir das

abgewöhnt, gebe mir wenigstens die größte Mühe, und Ihnen gegenüber am

allerwenigsten würde ich mich falsch zeigen.«

»Ich glaube Ihnen ja so gern, Herr von Wendelsheim,« sagte Ottilie,

indem sie der ausgestreckten Hand begegnete; »es war auch nur ein

Scherz, aber Sie wissen....«

Das Gespräch ward hier abgeschnitten, denn die beiden älteren Damen

traten wieder in das Zimmer, und die Frau Appellationsgerichtsräthin,

nachdem sie erst die identische deckellose Zuckerdose selbst gesehen,

war so entrüstet über den Diebstahl, daß sie kaum Worte genug dafür

finden konnte. Eine andere Unterhaltung wurde zur Unmöglichkeit, und

nachdem Wendelsheim noch ein paar freundliche Worte mit dem jungen

Mädchen gewechselt, empfahl er sich und ließ Ottilie mit einem ganzen

Herzen voll Seligkeit zurück.

10.

Neue Spuren.

Der alte Major von Halsen war ein wunderlicher Kauz und so obstinat

in seinem ganzen Wesen, wie unberechenbar in seinen eigenen Ansichten.

Jetzt, in diesem Augenblick, behauptete er etwas, und wenn irgend Jemand

dem widersprach, so konnte er in der Vertheidigung des Behaupteten fast

außer sich gerathen; kam aber nach einiger Zeit das Gespräch zufällig

auf denselben Gegenstand und irgend jemand Anderes stellte das als

Thatsache auf, was er früher selber Wort für Wort verfochten, dann war

er auch im Stande, ganz entschieden auf die andere Seite hinüber zu

springen und nun alle die Beweisgründe gegen den aufgestellten Satz

hervor zu suchen, die früher gegen ihn selber angewendet worden.

Genau so machte er es in seiner ganzen Lebensweise, und während er sich

heute einredete, daß er todsterbenskrank sei und vielleicht die nächste

Woche, den nächsten Tag nicht mehr erleben würde, vergaß er plötzlich

einmal das imaginäre Elend und hinkte so flott und rüstig in der Stadt

umher, als ob er ein paar Jahrzehnte von seinem Alter abgeschüttelt

hätte und nie in seinem Leben krank gewesen wäre.

Eine solche Haupttriebfeder erneuter Thätigkeit war die in Aussicht

gestellte Erbschaft jenes alten, längst verstorbenen Freiherrn von

Wendelsheim, die aber, nach allen menschlichen Begriffen, schon

lange für ihn verloren sein mußte, da sämmtliche an die letzte Linie

Wendelsheim gestellten Bedingungen am Vorabend ihrer Erfüllung standen.

War das Geld aber erst einmal, und wenn auch nur für eine einzige

Stunde, verfallen und ausgezahlt, dann hätten ihm alle Processe der Welt

nichts mehr genutzt, und da er das wußte, trieb es ihn ordentlich wie

mit einer feindlichen Macht vorwärts, um wenigstens jeden möglichen

Augenblick zu benutzen, sein Ziel zu erreichen und die Ansprüche des von

ihm gründlich gehaßten alten Freiherrn von Wendelsheim umzustoßen.

Er hatte es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, daß in der Erbfolge des

Hauses faules Spiel getrieben sei. Wie er dazu gekommen, wer konnte

es sagen! Jedenfalls kannte er den Charakter des alten Kammerherrn von

früheren Zeiten her genau, um ihm etwas Derartiges zuzutrauen, und das,

mit dem damals unter den Leuten verbreiteten Gerücht zusammengebracht,

mochte dann wohl bei ihm zur fixen Idee geworden sein, die ihn eben

nicht ruhen und nicht rasten ließ. -- Den Staatsanwalt Witte, einen

scharfen und klaren Kopf, hatte er dabei seinen Ansichten zu gewinnen

gesucht, und die Möglichkeit eines solchen Falles, mit manchen sogar

dafür sprechenden Einzelheiten, machten diesen anfangs selber stutzen

und Interesse an der Sache nehmen. Wie sich aber mehr und mehr

herausstellte, daß Alles, was der Major wußte oder zu wissen glaubte,

nur eben auf leeren, unhaltbaren Gerüchten, ohne irgend einen auch nur

annähernden Beweis, beruhte, zog er sich von dem Ganzen zurück und war

besonders unter keiner Bedingung dazu zu bringen, eine wirkliche Klage

zu erheben. Er wenigstens wollte sich nicht blamiren.

Der Major hing aber jetzt sogar für kurze Zeit seine oft von ihm

ausgesprochene lebensgefährliche Krankheit an den Nagel und beschloß,

selber der Sache auf den Grund zu gehen.

Einen neuen Sporn dazu fand er allerdings in der Frau Meier, die ihren

besondern Grund haben mußte, jene Familie oder wenigstens den alten

Freiherrn zu hassen, und diese gab ihm auch bereitwillig, so weit ihr

Gedächtniß ausreichte, eine Liste aller der Dienstboten, die zu jener

Zeit auf dem Gute in Dienst gestanden, während der Major nun seinerseits

alle Minen springen ließ und keine Kosten scheute, um die namhaft

gemachten Personen wieder aufzufinden.

Dreiundzwanzig, ja fast vierundzwanzig Jahre sind aber eine lange Zeit,

und es gelang ihm nur bei sehr Wenigen. Viele waren gestorben oder

verschollen, Manche fortgezogen, Niemand konnte sagen wohin, und den

Namen der Hauptperson, der Amme, die damals angenommen worden, kannte

sie gar nicht oder konnte sich nicht mehr darauf besinnen. Einer aber,

der vielleicht Auskunft geben konnte, war der damalige Gärtner, ein Mann

Namens Tettelberg, der sich schon vor längerer Zeit in der Nachbarschaft

von Alburg angekauft haben und später in die Stadt selber übergesiedelt

sein sollte. Diesen hatte auch der Major gemeint, da er erst kürzlich

seine Wohnung ausgekundschaftet, als er am Ballabend dem Rechtsanwalt

von einer »neuen Spur« gesprochen. Aber auch das schien auf diesen seine

Wirkung verfehlt zu haben, und der Major beschloß deshalb, ihn selber

aufzusuchen. Er wollte wenigstens nichts versäumen, was ihn zu dem

ersehnten Ziel führen konnte.

Eines Morgens um zehn Uhr war er deshalb auch schon unterwegs, denn er

kannte den Platz genau, da es das nämliche Grundstück zu sein schien,

auf dem sein alter Bekannter Rath Frühbach wohnte. Er hatte auch anfangs

nicht übel Lust, den Rath selber mit in das Geheimniß zu ziehen und

seine Meinung darüber zu hören; aber der Mann sprach zu viel. Er

traute ihm nicht, daß er es bewahren würde, und hielt es deshalb für

gerathener, lieber vorsichtig zu Werke zu gehen und nicht mehr als

unumgänglich nothwendig zu Mitwissern zu machen. Wer mochte denn

auch sagen, ob im andern Falle der alte Freiherr nicht Wind von den

Nachforschungen bekam und seine Maßregeln danach nehmen würde, während

er jetzt, in vollständige Sicherheit eingewiegt, keine Ahnung irgend

einer ihm etwa drohenden Gefahr haben konnte und deshalb also auch der

Sache ruhig ihren Lauf ließ?

Jene Wohnung lag allerdings eine ziemliche Strecke von seinem Hause

entfernt, und zu jeder andern Zeit würde der Major die Zumuthung,

einen solchen Weg bei seiner Körperschwäche zu Fuß zurückzulegen, mit

Entrüstung und einem entsetzlichen Stöhnen abgewiesen haben. Heute

dachte er aber weder an Rheumatismus noch fliegende Gicht, und setzte

die alte Frau von Bleßheim auf's äußerste in Erstaunen, ihn, statt

hülflos in seinem Lehnstuhl, stramm und entschieden vor seinem Spiegel

zu finden, wo er sich den langen Schnurrbart auskämmte und an der

Cravatte zupfte. Er ließ auch alle Einreden wegen noch zu früher

Tageszeit, Ostwind oder Regendrohen nicht gelten, nahm seinen Stock,

setzte seinen grauen Filzhut auf und hinkte rüstig, wenn auch ein wenig

knochensteif, auf seine Entdeckungstour aus. Freilich mußte er sich

dabei gestehen, daß ihm nur sehr geringe Aussichten blieben, wenn sich

auch dieser Zeuge nicht bewährte oder doch weiter nichts aufbringen

konnte, als ebenfalls Vermuthungen und Gerüchte; aber er verlor deshalb

den Muth nicht, denn er war, wie er sich selber vorerzählte, ein alter

Soldat, der vor Schwierigkeiten oder Hindernissen nicht zurückschrecken

dürfe. Nein, im Gegentheil, je mehr ihrer sich zeigten, desto

hartnäckiger hieß es ihnen zu Leibe rücken.

Der Weg war übrigens ziemlich weit, oder kam ihm wenigstens so vor, denn

der alte Gärtner wohnte draußen vor der Stadt, eigentlich im letzten

Hause, und an seiner Hecke begannen die Felder und Wiesen; aber durch

die Anlagen ging es sich auch vortrefflich, und er hatte bald das

kleine, in grünen Büschen fast versteckte Haus herausgefunden,

in welchem der alte Tettelberg eine, allerdings sehr beschränkte

Handelsgärtnerei angelegt und dort, ziemlich zurückgezogen von der Welt,

aber noch immer wacker arbeitend und selber schaffend, lebte.

Dicht neben ihm, auf dem nämlichen Grundstück in einer Parterrewohnung,

residirte Rath Frühbach, und der Major sah, als er den Garten betrat,

die ganze Familie, Mann, Frau und Kinder, »auf der Weide,« das heißt,

alles von Früchten absuchend, was noch irgendwo an Busch oder Baum

hing. Da er ihnen aber jetzt nicht gern begegnen wollte, drückte er

sich seitab um das Haus herum, wo er Tettelberg's Behausung ebenfalls

erreichen konnte, und fand den alten Mann, der überhaupt nie ausging,

auch daheim.

»Hören Sie einmal, Tettelberg,« fing hier der alte Herr ohne weitere

Umschweife an, »ich bin der Major von Halsen, möchte gern ein paar Worte

mit Ihnen über eine alte Geschichte reden. Haben Sie einen Augenblick

Zeit?«

»Zeit, Herr Major?« sagte der Mann. »Wenn man erst einmal so alt ist,

hat man eigentlich keine mehr; aber das bischen Graben kann wohl eine

Viertelstunde warten; der Buckel thut mir so weh.«

»Donnerwetter,« sagte der Major, »graben Sie denn noch selber in Ihrem

Garten? Wie alt sind Sie?«

»Wird wohl so um die Zweiundsiebenzig herum sein,« meinte der Alte;

»ganz genau kann ich's nicht sagen, denn ich bin gerade an einem

Schalttag geboren und dadurch in der Rechnung etwas confus geworden.

Kommt aber auf ein paar Jahre nicht an, so lange man nur noch gesund

ist. Aber was war es denn, was Sie mir sagen wollten?«

»Können wir nicht einen Augenblick in's Haus gehen?«

»Ja, gewiß. Bitte, treten Sie hier gleich ein; wir sind da ganz

ungestört.« Und dabei führte ihn der alte Gärtner in eine dicht an ein

Treibhaus stoßende Stube oder Kammer vielmehr, denn besonders wohnlich

sah es darin nicht aus. Nur ein hölzerner Tisch und ein paar eben

solche Stühle standen darin, und auf dem Tisch lagen Bindfaden,

Bast, Gartenerde, Blumentopfscherben und alles Mögliche ziemlich bunt

durcheinander. Der Alte fand aber eine Entschuldigung dafür nicht

nöthig, rückte dem Major den einen Stuhl hin und setzte sich dann

auf den andern, wo er, beide Arme auf seine Kniee gestützt, geduldig

erwartete, was der Herr von ihm wolle.

Der Major ließ ihn nicht lange in Zweifel. Er räusperte sich allerdings

erst ein paarmal, denn er wußte nicht gleich, wie er beginnen sollte.

Der harte Stuhl, auf dem er saß, genirte ihn ebenfalls; aber der Alte

sah ihm genau so aus, als ob er mit ihm von der Leber weg reden könne,

und da ihm das ebenfalls am besten paßte, so that er es. Er erzählte ihm

geradezu, welchen Verdacht er habe, daß nämlich der alte Freiherr, da

die Erbschaft nur auf einen Sohn überging, ein ihm geborenes Mädchen

gegen einen Knaben eingetauscht haben könne, und zählte ihm dann auch

die ihm wenigstens zu Ohren gekommenen Daten auf, die ihn darin nur

immer mehr bestärkten.

Der alte Gärtner hörte ihm ruhig und ohne auch nur ein einziges Wort

hinein zu reden zu; nur manchmal nickte er leise mit dem Kopf, als ob er

das eben Gesagte bestätigen könne. Als aber der alte Herr wärmer wurde

und auf die Möglichkeit hinwies, einen etwaigen Betrug zu entlarven,

da schüttelte er ihn langsam und zweifelnd, und als der Major endlich

schwieg, sagte er:

»Ja, lieber Herr, Vieles ist wohl so, wie Sie es da hergezählt haben:

die Frau Meier hat recht, ich habe in jener Nacht den Mann im Garten

gesehen, und daß er ein Kind getragen haben muß, glaube ich ebenfalls.

Jedenfalls schrie es genau so, und richtig ist mir und uns Allen die

Sache damals gleich nicht vorgekommen. Aber was hilft das? Die allein

darüber reden könnten, werden sich hüten, und was wir Anderen davon

wissen, ist nichts.«

»Sie meinen die alte Heßberger?«

Tettelberg schüttelte mit dem Kopf. »Nein, noch eine Andere -- aber es

ist auch ein häßlich Ding, solche alte Geschichten wieder aufzurühren

und sich dann vor Gericht damit umherzutreiben. Ich wenigstens möchte

nichts damit zu thun haben, auch nichts darin beschwören, denn es ist

damals so viel darüber unter dem Gesinde gesprochen worden, daß man

wirklich gar nicht mehr recht weiß, was man eigentlich selber gesehen

oder nur gehört hat.«

»Aber von welch einer andern Person reden Sie?«

»Von der damaligen Amme des ältesten Sohnes.«

»Die ist aber mit ihrem Kinde nach Amerika gegangen.«

Der Gärtner schüttelte wieder den Kopf. »Nein,« sagte er, »sie wollte

hinüber, ja, und die Köchin, die damals mit ihrer Zunge immer ein

wenig flink bei der Hand war, meinte, der alte Baron hätte sie selber

fortgeschickt. Aber das Schiff verunglückte an der englischen Küste, die

Passagiere wurden jedoch gerettet und an Land gebracht, und jene Person

trat in England in Dienst und blieb dort wohl sechzehn oder siebenzehn

Jahre. In der Zeit muß sie sich aber etwas erspart haben, denn noch

gar nicht so lange her ist sie mit ihrer Tochter in die hiesige Gegend

zurückgezogen, nach Vollmers, von wo sie zu Hause war, und die Tochter

soll dort verheirathet sein.«

»Und wie alt ist die Tochter?«

»Nun, genau so alt, wie der erste Sohn des Herrn Barons. Sie muß jetzt

in's vierundzwanzigste Jahr gehen, denn gerade nach der Geburt dieses

Kindes trat sie ja als Amme in den Dienst der Herrschaft.«

»Und wer hat sie dahin gebracht?«

»Ja, wer soll das wissen! Aber sie war mit der Heßbergerin dick

befreundet.«

»Und haben Sie das Kind einmal gesehen, Freund? Seien Sie mir nicht böse

über mein vieles Fragen, aber die Sache ist in der That von der höchsten

Wichtigkeit.«

»Als Kind, ja,« nickte der alte Mann. »Sie wohnte damals, oder ihre

Mutter vielmehr, dicht neben meinem Bruder in Vollmers, und so lange der

noch lebte, kam ich manchmal hin. Nun ist er aber schon die langen Jahre

todt.«

»Und wie sah es aus?«

»Das Kind? O, es war ein allerliebstes Ding,« erwiederte der alte Mann,

»zart wie Wachs, und die Glieder so fein und zierlich! Ich weiß auch,

daß sie damals vielerlei redeten; aber, wie das so immer geht, die Leute

wurden's endlich müde, und wie die Mutter mit der Kleinen zu Schiffe

ging, sprach kein Mensch mehr davon.«

»Und wie heißt das Kind?«

»Ja, wie sie jetzt heißt, weiß ich nicht einmal -- mit Vornamen Martha,

und ihre Mutter war eine verehelichte Müller. Jetzt hat die Tochter aber

einen Feldmesser geheirathet, und wenn ich den Namen auch schon gehört

habe, kann ich mich doch nicht mehr darauf besinnen. Uebrigens erfährt

man das leicht in Vollmers.«

»Und ist sie jetzt dort?«

»Kann ich auch nicht sagen; sie soll manchmal zum Besuch hinkommen. Sie

wohnt mit ihrem Mann eine Stunde weiter, in Rübhausen; aber die Mutter

treffen Sie jedenfalls.«

»Vollmers liegt etwa anderthalb Stunde entfernt....«

»Knapp; es giebt noch einen näheren Weg über den Wald.«

»Tettelberg, wenn ich etwas in der Sache ausrichte, soll es Ihr Schaden

nicht sein.«

Der Alte schüttelte den Kopf. »Wenn die Müllern noch ein solch'

resolutes Frauenzimmer ist wie früher,« sagte er, »so werden Sie wohl

unverrichteter Sache wieder zurückkommen. Ueberdies ist es auch ein bös

Ding, etwas Derartiges, was so lange geschlafen hat, wieder aufzurühren.

Wenn ich wie Sie wäre, ging ich verwünscht vorsichtig dran, oder --

ließe es am allerliebsten ganz zufrieden. Mit der Müllern ist nicht gut

spaßen.«

»Wenn die Sache einen Haken hat,« sagte der Major, »so fass' ich sie,

darauf können Sie sich verlassen.«

»Manchmal bleibt man auch an so 'nem Haken hangen,« meinte der Alte,

»und ich könnte Ihnen da, wie mein Nachbar, der Herr Rath Frühbach,

sagt, eine Geschichte erzählen. Mit dem Herrn Baron von Wendelsheim ist

ebenfalls nicht zu spaßen; ich kenne den Herrn, und wenn der etwas davon

erführe, hing er Ihnen den schönsten Proceß an den Hals.«

»Proceß?« rief der Major, denn Processe waren ja gerade sein

Steckenpferd. »Damit soll er nur kommen, weiter verlange ich gar nichts!

Dem wollen wir heimleuchten, dem alten Cujon und Schuldenmacher! Den

Henker auch -- kein Ziegel auf den Dächern von ganz Wendelsheim ist ja

noch sein eigen, und die ganzen langen Jahre borgt er nun schon auf

das Capital los, das sein Sohn einmal erben soll! Hab' ich recht oder

nicht?«

Der alte Gärtner zuckte die Achseln. »Das sind Dinge,« sagte er, »von

denen ich nichts weiß, und die mich nichts angehen, Herr Major, möchte

auch nichts damit zu thun haben. Außerdem muß ich Sie auch bitten, mich

nicht als Zeugen aufzurufen, wenn die Sache wirklich vor Gericht kommen

sollte.«

»Aber Sie können doch aussagen, was Sie gesehen haben?«

»Wenn ich etwas gesehen hätte, ja; aber so war's dunkel und Regenwetter

noch dazu, und das wissen Sie wohl, im Dunkeln sind alle Katzen grau.«

»Ihr habt Alle solch eine Heidenangst vor den Gerichten,« sagte der

Major, eben nicht besonders erfreut, daß ihm der alte Gärtner auch

wieder zwischen den Fingern durchschlüpfen wollte; »die beißen Einen

doch wahrhaftig nicht, und Recht muß am Ende doch Recht bleiben!

Was können sie Euch thun, wenn Ihr bei der Wahrheit bleibt, heh? Gar

nichts!«

Der Erbe: Roman. Erster Band. · 第 10 / 15 段