Dort in dem Stübchen fanden sie aber eine Heidenverwirrung vor, denn die

Frau Staatsanwalt hatte befohlen, sobald die Herren den Raum verlassen

würden, sämmtliche Fenster ebenso wie die Thür zu öffnen, damit der

Qualm einen Abzug finde und die Luft gereinigt würde. Das war auch

in der That gründlich geschehen; aber der heftige Zug, der dadurch

entstand, hatte sämmtliche Karten von den Tischen hinabgefegt und unter

einander geworfen, so daß es einige Mühe kostete, um sie wieder in

Ordnung und spielfähig zu bekommen.

Als Witte noch einmal zur Küche zurückging, um von dort einen der

dienstbaren Geister einzufangen, der unter die Tische kriechen und die

Karten auflesen konnte, hörte er von da her ein schallendes Gelächter

und fand, als er, neugierig gemacht, hineinsah, den Schuhmacher

Heßberger mitten in der Küche, wie er dort, mit einem Glas Wein in der

rechten erhobenen Hand, aufrecht stand und eine Rede hielt.

»Bitte tausendmal um Escüse, Herr Geheimer Staatsanwalt,« sagte der

Schuhmacher, wie er nur seiner ansichtig wurde, und machte eine

tiefe, ehrfurchtsvolle Verbeugung, »daß Sie uns hier in einer kleinen

Conservation treffen! Da ich aber gerade ein Paar Schuh' für das

unterthänigste Fräulein Tochter gebracht habe, so sagte die Frau Geheime

Staatsanwalt, ich möchte so frei sein und ein Glas Wein auf ihr Wohl

leeren, und das wollten mit Dank begründen....«

»Schon gut, Heßberger,« sagte der Staatsanwalt; »haltet mir nur hier die

Leute jetzt nicht von der Arbeit ab, denn sie haben gerade viel zu thun.

Franz, springen Sie einmal hinüber in's Spielzimmer und suchen Sie die

heruntergewehten Karten mit auf!« Damit drehte er sich ab und schritt

dem kleinen Zimmer wieder zu.

Im Saale wurde indessen flott getanzt, und Wendelsheim hatte natürlich

zu dem ersten Galopp wieder seine Tischnachbarin aufgefordert. Ottilie

war dann von ein paar anderen Herren zu den nächsten Tänzen engagirt

worden, und der junge Officier benutzte die Gelegenheit, sich auf

einen der Stühle zurückzuziehen und dem Vergnügen eine Weile ausruhend

zuzusehen. Er war nicht in der Stimmung, selber große Freude daran zu

finden.

Jetzt schwebte Ottilie an ihm vorüber, und ein freundliches Lächeln

glitt über ihre Wangen, als ihr Blick den seinen traf. Er tanzte

nicht, weil sie nicht mit ihm tanzen konnte -- er war wirklich zu

liebenswürdig! Und doch, welch andere Gedanken zuckten ihm durch den

Sinn! »Merkwürdig,« dachte er, als sie, noch immer lächelnd, im Tanze

ihr Gesicht so drehte, daß er das Profil zu sehen bekam, ob sie nicht

Aehnlichkeit mit Rebekka hat? Ganz die leise gebogene Nase und die

schwellenden Lippen; nur der seelenvolle Ausdruck der Augen, nur das

reizende Grübchen im Kinn fehlen ihr; auch ihr Teint ist lange nicht so

zart und weiß, das Haar nicht so üppig und natürlich gelockt. Er konnte

sich nicht helfen: sein Blick mußte sie immer und immer wieder suchen,

und so vertieft war er in den Gedanken, daß er nicht einmal bemerkte,

wie er dabei sowohl von Ottilien als ihrer Mutter beobachtet wurde.

Er vergaß sich selber, und die Gedanken flogen hinüber zu dem kleinen

sonnigen Stübchen in der Judengasse, zu dem Instrument dort und seiner

Sängerin, und die Gestalten vor ihm bewegten sich im Tacte der Musik

wohl sichtbar, aber ungesehen vor seinen Augen.

Wie aus einem wachen Traum fuhr er auch empor, als er plötzlich seinen

Namen genannt hörte und Ottilie vor sich sah, die ihm lächelnd und

erröthend eine Verbeugung machte. Es war zum Cotillon angetreten, und

die Damen forderten ihre Tänzer selber auf. Was er sprach -- er wußte

es selber nicht; er fühlte wohl, daß er blutroth dabei wurde, aber ein

verlegener Lieutenant ist schon an und für sich interessant, und Ottilie

führte ihre Beute im Triumph den Reihen zu.

Es war spät geworden, und der Cotillon, der mit seinen mannigfachen

Variationen über eine Stunde dauerte, näherte sich seinem Ende. Aeltere

Damen, die als Ehrengarde mit ihren Töchtern oder Nichten hergekommen

und in irgend einer Ecke, »des langen Harrens müde,« sanft entschlummert

waren, wurden von ihren Nachbarinnen geweckt und rafften sich, wie sie

nur erst einmal wieder begriffen, wo sie waren und was man von ihnen

wollte, mit einem »Gott sei Dank -- beinah' wär' ich eingeschlafen!«

zusammen. Einzelne Paare und Gruppen hatten sich schon entfernt; auch

die Spielpartie war bei so vorgerückter Zeit aufgebrochen, obgleich sie

keine Störung von der Frau Staatsanwalt mehr zu fürchten brauchte.

Draußen in der Garderobe suchten junge, decolletirte Damen nach ihren

Mantillen, und junge Herren drückten mit Lichtern umherwartenden

Dienstmädchen warm getanzte Zehngroschenstücke in die Hände. Jetzt

verstummte aber die Musik, und Wendelsheim, bis zuletzt beschäftigt,

empfahl sich der freundlichen Wirthin und ihrer Tochter, und war

dabei so herzlich und unbefangen, und drückte der Frau Staatsanwalt so

»bedeutungsvoll« die Hand, und schüttelte die des Staatsanwalts

selber so ausnehmend dankbar, und küßte die Ottiliens so zart und

ehrfurchtsvoll -- es war ordentlich, als ob er auf zeitlebens Abschied

genommen hätte. Wie er aber das Haus verließ, huschte Ottilie, ihrer

fast unbewußt, in ihr jetzt dunkles Schlafzimmer, um zu sehen, ob sie

nicht noch einmal seinen Schatten unten auf der Straße erkennen könne.

Dort kam er -- er ging quer über den Weg -- ob er wohl noch einmal

stehen blieb und heraufsah? Wahrhaftig, dort hielt er mitten im Fahrwege

-- er schaute sich gewiß nach den erleuchteten Fenstern um und suchte

_sie_. Jetzt blitzte etwas -- es war ein Funken, der stärker zu glimmen

anfing. Ottilie ließ enttäuscht die Gardine fallen -- er zündete sich

eine Cigarre an. -- Das abscheuliche Rauchen!

9.

Am andern Morgen.

Am nächsten Morgen fand sich der Staatsanwalt zu seinem Leidwesen viel

früher geweckt, als ihm lieb war; denn die Nachwehen des gestern Abend

erduldeten Festes mußten jetzt erst in allen Stadien durchgekostet

werden -- und es wurde ihm nichts geschenkt oder erspart.

Hauptursache des so frühen Alarmirens war natürlich die Nothwendigkeit,

das Logis wieder in Ordnung zu bringen, ehe der übliche Besuch an dem

Morgen kam, und wenn der müde Hausvater auch meinte: »Der Besuch solle

zum Teufel gehen,« so wußte seine Frau doch besser, was sich schicke,

und handelte danach. Dienstleute waren deshalb auch schon auf sieben Uhr

früh bestellt worden, um die verschiedenen ausgestreuten Möbel wieder an

ihre alten Plätze zu schaffen; zu gleicher Zeit mußten die sämmtlichen

Stuben natürlich -- ohne Ausnahme -- naß aufgewischt und wo nöthig

gescheuert werden, zu welchem Zwecke eine Anzahl von alten Weibern schon

seit sechs Uhr früh, mit aufgestreiften Aermeln und sackleinene,

nasse Schürzen vor, auf den Knieen herumrutschten und dabei die

Familienverhältnisse ihrer Bekanntschaft besprachen.

Das aber verstand sich, als unausbleibliche Folge eines solchen

Genusses, von selbst, und der Staatsanwalt hatte es voraus gewußt, ja es

sogar als Schreckbild -- freilich vergeblich -- seiner Ehehälfte schon

früher vorgehalten und gewissermaßen prophezeit. Was er aber nicht

gewußt hatte, das waren die »unvorhergesehenen Fälle,« die bei

derartigen Gelegenheiten nie ausbleiben und dann im Stande sind, den

sonst ruhigsten Menschen zur Verzweiflung zu treiben.

Vier silberne Löffel fehlten und der schwere Deckel der silbernen

Zuckerdose mit einem massiven Engel darauf, der ein flammendes Herz

in der Hand hielt. Außerdem war ein Stück aus einer der guten

Porzellanschüsseln, mit blau und goldenen Streifen, ausgebrochen,

drei englische Gläser lagen ohne Fuß auf dem Küchentische, und die

Fruchtschale von Krystall -- ein Leibstück der Frau Staatsanwalt,

denn sie hatte es erst zur Feier ihres Hochzeitstages im vorigen Jahr

bekommen -- war rettungslos geborsten und konnte jeden Augenblick

auseinandergehen.

Außerdem fehlten sechs Flaschen Wein; sie hatte sie selber

herausgegeben, gezählt und aufgeschrieben, und wenn sie getrunken worden

wären, wie das freche Geschöpf, die Köchin, behauptete, so hätten

doch wenigstens die leeren Flaschen oder selbst deren Scherben da sein

müssen. Aber Gott bewahre -- keine Spur davon, und sie wußte wohl,

wer sie fortgetragen, denn umsonst war sie nicht schon ein paarmal im

Dunkeln unten im Hausflur an einen langen Soldaten angestoßen, den sein

Hauptmann doch sicher nicht dahin auf Posten gestellt hatte.

Und was nun außerdem von eßbaren Dingen fortgeschleppt worden, wollte

sie gar nicht einmal rathen, denn das heilige Abendmahl konnte sie

darauf nehmen, daß die Nußtorte zum Beispiel zur großen Hälfte noch vom

Tisch abgetragen sei, und jetzt lagen nur noch zwei dünne Stücke auf dem

Porzellanteller -- und selbst auf denen fehlte das Eingemachte oben.

Aber das Alles verschwand trotzdem in dem einen Gefühl der Entrüstung

über den Silberdieb und der gänzlichen Rathlosigkeit, wie man desselben

habhaft werden sollte -- denn wer unter all' den fremden Dienstleuten

war es gewesen?

Mit dieser Nachricht wurde der Staatsanwalt auch geweckt. Er lag noch

und schlummerte sanft, trotzdem daß die Nebenstube schon unter Wasser

gesetzt war und die Thür eben abgescheuert wurde. Sein Morgengruß

lautete:

»Weißt Du's schon, Dietrich? -- vier silberne Eßlöffel und den Deckel

zu der Zuckerdose, mit dem Amor, haben sie uns gestohlen, und die große

gute Schüssel ist zerbrochen und die Krystallvase -- vier englische

Gläser und die Teller habe ich noch nicht einmal gezählt; die

Maiweinbowle klingt mir ebenfalls verdächtig, wenn die nur nicht auch

'was gekriegt hat!«

»Gott sei mir gnädig,« sagte der Staatsanwalt, indem er sich, noch

schlaftrunken, im Bett emporrichtete, »der Tag fängt gut an! Aber --

scheuern sie denn hier die Schlafstube?«

»Nein, das ist nebenan -- denke Dir nur...«

»Ich will Dir etwas sagen, Therese,« unterbrach sie der Staatsanwalt,

indem er nach der neben seinem Bett liegenden Uhr sah und dazu mit dem

Kopf schüttelte, »wenn Du mir nicht den ganzen Morgen verderben willst,

so sei so gut und laß mich vorher aufstehen und besorge mir eine Tasse

Kaffee; nachher wollen wir dann in Ruhe...«

»Ja, Kaffee,« sagte die Frau, »wir haben noch gar kein Feuer in der

Küche -- das sieht ja Alles aus wie Sodom und Gomorrha, und muß doch

erst gereinigt und aufgewaschen werden; aber vier silberne Eßlöffel

fehlen, noch dazu von den schwersten, und der Deckel von der Zuckerdose

ist ebenfalls fort. Wenn da die Polizei nicht einschreitet, wozu ist sie

denn da?«

Der Staatsanwalt erwiederte kein Wort; er seufzte nur aus tiefster Brust

und streckte das eine Bein aus dem Bett, wonach seine Frau ihm denn

wenigstens gestattete, sich unbelästigt ankleiden zu können. Durch die

Thür rief sie ihm aber noch zu:

»Zieh' Dir nur auch gleich die Stiefel an, Dietrich; Du mußt unverweilt

auf die Polizei und die Anzeige machen -- so 'was ist ja noch gar nicht

erlebt worden!«

»Das ist recht,« murmelte der Staatsanwalt vor sich hin, indem er seine

verschiedenen Leiden, aber mit einer gewissen Resignation, aufsummirte:

»Morgens vor Tag aufstehen, Stuben scheuern, keinen Kaffee,

Silber gestohlen, Geschirr zerbrochen, Waschtisch mit Nähtischen

verbarrikadirt, Stiefel anziehen und auf die Polizei laufen -- na, an

das Vergnügen will ich denken!«

Der Ausgang auf die Polizei diente übrigens doch als Rettung aus diesem

Heidenwirrwarr der eigenen Wirthschaft. Vor allen Dingen ging er,

nachdem er sich angezogen, in das nächste Hotel und trank dort im

Speisesaale, bei offenen Thüren und Fenstern, wobei alle Stühle auf

den Tischen standen und zwei Stubenmädchen einen furchtbaren Staub

mit Auskehren machten, seinen Kaffee. Dann machte er die Anzeige der

gestohlenen Sachen in der festen Ueberzeugung, daß die Polizei eben

so wenig über den Diebstahl herausbekommen würde, wie er selber, und

nachher lief er hinaus auf die Promenade und rauchte seine Cigarre --

was sollte er jetzt in seiner Wohnung thun? Dort fing ihn Rath Frühbach

ab und erzählte ihm sehr interessante Geschichten: eine von einem

Gummischuh, den er einmal nicht anbekommen hatte, aber nachher doch noch

-- von seinem Zusammentreffen mit dem früheren Handelsminister, der

so geheimnißvoll gethan hatte, daß er gleich merkte, es müsse etwas

vorgefallen sein -- von einer berühmten Sängerin, mit welcher er

einmal zufällig in einer Droschke vom Bahnhofe gefahren -- von seinem

Schneider, den er abgeschafft und wieder angenommen hätte, und noch

mehrere andere Erlebnisse, bis der Staatsanwalt endlich aus blanker

Verzweiflung eine Droschke anrief und irgend ein Haus in einer

entfernten Straße nannte, nur um Ruhe für seine Gehörwerkzeuge zu

bekommen.

In seiner Wohnung herrschte indessen die Thätigkeit eines

Bienenschwarmes, und die Frau Staatsanwalt, darin besonders tüchtig und

erfahren, setzte es auch durch, sie bis elf Uhr Morgens wieder wie ein

Puppenstübchen hergestellt zu haben. Es roch allerdings noch ein wenig

darin nach Seife, und ein feuchter Dunst lag auf dem Ganzen; aber es war

doch Alles wieder rein und stand auf seiner Stelle -- die Studirstube

ihres Mannes ausgenommen. Aber die hatte noch Zeit, da ja dort Niemand

hineinkam, als er selber. Die Schreiber nebenan saßen indessen

schon wieder auf ihren Drehstühlen und copirten und excerpirten nach

Herzenslust.

So war es zwölf Uhr geworden und richtig schon hier und da ein Besuch

gekommen, der sich erkundigte, wie man geschlafen hatte und ob der

gestrige Ball gut bekommen wäre. Bei den Meisten war dies auch nur eine

leere Höflichkeitsform, aber es füllte doch die Zeit aus, und das ist

bei vielen Menschen schon von großem Werth. Die Unterhaltung der Frau

Staatsanwalt drehte sich jedoch an diesem Morgen so ausschließlich um

das Thema der Schlechtigkeit der jetzigen Menschen im Allgemeinen und

silberne Löffel und Zuckerbüchsendeckel insbesondere, daß Ottilie,

der die ewige Wiederholung langweilig zu werden anfing, die jüngeren

Damenbesuche in ihr eigenes Zimmer nahm -- nur die Herren wurden bei

Mama empfangen.

Gegen ein Uhr trat eine kleine Pause ein; die Frau Professor Nestewitz

war allein noch da und zeigte, da sie selber in der vorigen Woche den

Verlust dreier Theelöffel zu beklagen gehabt, ein so warmes Interesse

an der Sache und so tiefe Entrüstung, daß sie die Frau Staatsanwalt,

als sie Abschied nahm, bis an die Treppe begleitete und dort die

Angelegenheit noch einmal von vorn und gründlich durchnahm.

Ottilie war allein im Zimmer, als sie hörte, wie das Mädchen einen neuen

Besuch brachte. Es war ein männlicher Schritt, und ihr Herz klopfte ein

wenig -- Lieutenant von Wendelsheim hatte auch gar so lange auf sich

warten lassen; als sie sich aber der Thür zuwandte, erschien nicht der

Erwartete, sondern Fritz Baumann auf der Schwelle, und zwar hielt er

den Thermometer in der Hand, den er schon vor einiger Zeit zur Reparatur

erhalten. Uebrigens konnte es ihr nicht entgehen, daß er heute anders

aussah als gewöhnlich, denn er war nicht in seinen Arbeitskleidern,

sondern in einem dunkeln, saubern Anzug, der ihm vortrefflich stand.

Fritz Baumann war überhaupt ein ganz hübscher Bursche -- oder Bursche

konnte man eigentlich kaum mehr sagen, denn er mußte die Zwanzig schon

lange überschritten haben. Sein gutmüthiges, offenes Gesicht mit den

klugen dunkeln Augen nahm auf den ersten Blick für ihn ein, und der

kleine Schnurrbart, den er trug, gab ihm dabei etwas Männliches. Auch

seine Gestalt war schlank und edel, und er bewegte sich damit frei und

ungezwungen -- wenigstens wenn er draußen und unter seines Gleichen war.

Jetzt dagegen schien er etwas befangen, und es war fast, als ob er ganz

vergessen habe, daß er eine gefertigte Arbeit trug und abgeben wolle,

denn er fand nicht gleich ein Wort zur Einführung. Ottilie half ihm

darüber hin.

»Ah, Herr Baumann,« sagte sie freundlich, »Sie bringen mir den

Thermometer wieder; das ist mir sehr lieb, denn -- Vater hat schon ein

paarmal danach gefragt.«

»Ja, mein Fräulein,« sagte der junge Mann, der dadurch wieder Luft

bekam, indem er ihr den Gegenstand reichte; »er war gestern schon

fertig, da ich aber hörte, daß Sie Gesellschaft hätten, wollte ich nicht

stören.«

»Und Sie bemühen sich dabei immer selber.«

»Und soll ich das nicht?« sagte Fritz herzlich. »Wie selten wird mir

überhaupt Gelegenheit geboten, Sie zu sehen, und ich möchte doch so

gern, daß Sie nicht vergäßen, wie wir als Kinder mit einander gespielt

und immer ungeduldig wurden, wenn Einer auf dem Platze fehlte!«

Ottilie war blutroth geworden und stand verlegen, den Thermometer noch

immer in der Hand haltend -- er zeigte schon auf 30 Grad Réaumur --, vor

dem jungen Manne. Wohl erinnerte auch sie sich der Zeit -- lieber Gott,

sie lag ja noch nicht einmal so übermäßig fern -- und sie wußte auch

recht gut, daß gerade Fritz immer ihr liebster Spielgefährte gewesen und

sich ihrer am treuesten und mannhaftesten angenommen hatte, wenn irgend

Jemand ihr zu nahe treten wollte. Aber ihr Vater hatte damals -- sich

erst aus ziemlich ärmlichen Verhältnissen wacker emporarbeitend -- noch

kein so großes Haus gemacht. Die Nachbarskinder standen ihr näher; jetzt

war sie in andere Kreise eingeführt und schon seit Jahren nicht mehr

mit ihnen, außer einem flüchtigen Gruß, zusammengetroffen. Eigentlich

gehörte es sich auch gar nicht, daß sie der junge Handwerker jetzt daran

erinnerte, denn er mußte dies ja ebenfalls wissen, und die Spielzeit

ihrer Kinderjahre lag doch längst hinter Beiden.

Auch Baumann fand nicht gleich ein Wort wieder, und zwar weniger

aus Verlegenheit, als weil ihn die Erinnerung zu jenen fröhlichen,

glücklichen Stunden zurückführte, und er im Geist noch das kleine

hübsche Mädchen mit dem flatternden Lockenkopf und den vor Lust

gerötheten Wangen jetzt in der aufgeblühten Jungfrau wiedersah.

»Damals war es doch eine herrliche Zeit,« fuhr er endlich leise fort,

»und das einzige Böse nur bei der Sache, daß Kinder eigentlich nie

wissen, wie glücklich, wie namenlos glücklich sie sind; sie könnten es

freilich sonst auch gar nicht ertragen.«

»Ja, das ist allerdings schon eine lange Zeit her,« sagte Ottilie, die

doch wohl fühlte, daß sie etwas darauf erwiedern müsse; »ich glaube, ich

war damals ein recht wildes Mädchen.«

»Ich sehe Sie noch vor mir,« nickte Baumann, »als Sie an jenem Morgen,

wie der Strom die ganzen Wiesen und Felder überschwemmt hatte, in den

Kahn gestiegen waren und, als dieser sich losriß, draußen auf dem Wasser

mit der Strömung forttrieben.«

»Und Sie sprangen damals hinein, um mich an Land zu bringen.«

»Gefahr war nicht dabei,« schüttelte Fritz Baumann mit dem Kopf, »denn

Sie hätten doch an den Damm antreiben müssen; aber ich freue mich noch

darüber, daß Sie damals gar nicht weinten oder um Hülfe riefen, sondern

nur ruhig und trotzig im Boot standen.«

»Es war so ungezogen...«

»Wir sind Beide älter geworden,« setzte der junge Mann nach einer Weile

hinzu -- »unsere Wege liefen auseinander, und wir verbrachten unsere

Zeit getrennt. Sie zogen in ein großes, schönes Haus und wuchsen zur

Freude Ihrer Eltern heran; ich selber mußte etwas Tüchtiges lernen, um

mir einmal mein Brot zu verdienen und einen Hausstand zu gründen.

Ich weiß nicht, Fräulein Ottilie, ob es Sie vielleicht interessirt zu

erfahren, daß ich jetzt meinen Zweck erreicht. Mein Meisterstück habe

ich schon vor einem halben Jahre gemacht und eingeliefert. Es ist nicht

allein sehr günstig aufgenommen worden, sondern ich schickte es auch auf

die Londoner Ausstellung und bekam dafür die goldene Medaille. Ich bin

jetzt im Begriff Meister zu werden, und will mich in der Stadt hier, da

ein einziger Mechanikus wirklich nicht mehr all' die einkommende Arbeit

bewältigen kann, in nächster Zeit etabliren.«

Ottilie schwieg und horchte nach der Thür; es war ihr, als ob sie

draußen wieder fremde Stimmen gehört hätte -- Lieutenant von Wendelsheim

war viel zu aufmerksam, als daß er den schuldigen Morgenbesuch hätte

versäumen sollen -- wenn ihn wirklich sonst nichts hieher trieb, als

eben nur die kalte Artigkeit.

»Das freut mich in der That,« sagte sie und erglühte dabei wie eine

Rose, denn draußen unterschied sie jetzt deutlich die Stimme des

Erwarteten, der sich noch mit ihrer Mutter auf dem Vorsaal unterhielt.

»Wie gut Sie sind, Fräulein,« sagte Fritz, der das augenscheinliche

Erröthen einer ganz andern Ursache zuschrieb, »noch immer wie früher.

Ich bin auch nicht mittellos; meine Mutter hat von einer Erbschaft, die

sie früher gemacht...«

Die Stimmen draußen waren dicht vor der Thür.

»Sie entschuldigen mich gewiß heute,« sagte Ottilie, »wir werden so mit

Besuchen gedrängt...«

»Ja, ich glaube, es kommt sogar in diesem Augenblick Besuch,« sagte

Fritz, jetzt selber aufhorchend -- in seiner Erregung hatte er gar nicht

darauf gehört -- »ich darf Sie dem nicht entziehen. Vielleicht findet

sich später einmal eine passendere Zeit...«

»Gewiß, gewiß -- es wird mich immer freuen...«

Die Thür wurde aufgemacht, aber es kam noch Niemand herein, denn die

Mutter wollte den Herrn Lieutenant in's Zimmer nöthigen, während er

darauf bestand, der Dame den Vortritt zu lassen.

Fritz Baumann sah, daß eine weitere Unterhaltung jetzt zu den

Unmöglichkeiten gehöre, und machte Ottilien nur eine stumme Verbeugung;

aber er traf ihr Auge nicht mehr, das an der Thür haftete, und verließ,

Frau Staatsanwalt Witte ebenfalls achtungsvoll grüßend, das Zimmer,

um nach Hause zurückzukehren. Er sah auch noch, daß der Besuch der

Lieutenant von Wendelsheim war; aber Du lieber Gott, das gehörte einmal

zu den Lasten des höheren Lebens, daß man es sich erst mit großen

Gesellschaften schwer machte und dann auch noch die Bürde langweiliger

Höflichkeitsbesuche trug. -- Wenn er nur hätte ahnen können, wie lästig

gerade Ottilie diesen Besuch ansah!

Wendelsheim hatte indessen, ohne den Fremden weiter zu beachten, während

ihm jedoch die Frau Staatsanwalt erstaunt nachsah, das Zimmer betreten;

er ging ohne Weiteres auf Ottilie zu, nahm ihre Hand, führte sie an

seine Lippen und sagte -- er war in diesem Augenblick wieder ganz

Lieutenant: »Mein gnädiges Fräulein, ich schätze mich glücklich, Sie

heute Morgen so frisch und blühend begrüßen zu können -- brauche also

gar nicht zu fragen, wie Ihnen die gestrige Anstrengung bekommen ist --

wie ich zu meiner Freude sehe, vortrefflich!«

»Sie sind sehr gütig, Herr Baron,« sagte die Mutter, während das junge

Mädchen wie mit Purpur übergossen vor ihm stand. »Aber wer war denn der

junge Herr eben, Ottilie? Den kannte ich ja gar nicht.«

»Der junge Baumann,« sagte die Tochter, »der den Thermometer hier

gebracht hat« -- er zeigte jetzt fast Siedehitze --, »er wollte ihn

selber abgeben, damit er nicht wieder zerbrochen würde.«

»_Das_ war der Fritz Baumann?« rief die Mutter aus. »Herr Du meine Güte,

und er sah so anständig aus, ich habe ihm eine ordentliche Verbeugung

gemacht -- ich kannte ihn gar nicht!«

»Er ist selbstständig geworden -- aber Ihnen ist der Ball ebenfalls gut

bekommen, Herr Baron?«

»Ausgezeichnet, mein gnädiges Fräulein; ich habe vortrefflich

geschlafen, aber die ganze Nacht von weiter nichts geträumt, als

mißglückten Touren und allen möglichen Fatalitäten.«

»Ob Einem das aber nicht immer so geht,« sagte die Mutter; »ich habe

geträumt -- aber wollen der Herr Baron sich denn nicht niederlassen, Sie

nehmen uns ja sonst die Ruhe mit -- ich habe geträumt, das Mädchen hätte

den Rehrücken in die Kohlen fallen lassen und die Eistorten wären ganz

aus einander geschmolzen gewesen. Aber wissen Sie schon, daß uns gestern

so viel Silberzeug gestohlen worden ist?«

»In der That, gnädige Frau? Das bedauere ich ja unendlich!«

»Ja, denken Sie nur, wie ich die Löffel heute Morgen nachzähle --

gestern Abend war ich so müde, daß ich die Augen nicht mehr aufhalten

konnte...«

»Aber, liebe Mutter, das interessirt ja doch den Herrn Lieutenant

nicht!«

»Bitte, mein gnädiges Fräulein, gewiß...«

»Siehst Du wohl, Kind -- das wußte ich auch vorher. Wie ich also die

Löffel heute Morgen nachzähle, fehlen richtig gerade vier von den

allerschwersten und der Deckel von der silbernen Zuckerdose, mit einem

Engel, einem Amor, massiv in Silber, oben drauf.«

Der Erbe: Roman. Erster Band. · 第 9 / 15 段