an. Es war allerdings nicht zu vermeiden gewesen, einige bürgerliche
Appellations-, Gerichts- und Justizräthe wie mehrere Collegen Witte's
mit ihren Familien zu laden; aber adelige Namen, mit dem »von« jedesmal
deutlich ausgeschrieben, glänzten hauptsächlich auf ihrer Liste, zu der
sie sich denn auch vielleicht nur aus diesem Grunde bewogen gefunden,
den alten Major von Halsen und Frau von Bleßheim hinzuzufügen.
Sie brauchte Tänzer, also nicht den Major; aber der Major spielte
vortrefflich l'Hombre, und dazu hatte ihn sich Witte für den Abend
ausersehen.
Daß Lieutenant von Wendelsheim geladen war, verstand sich von selbst.
Witte hatte allerdings gegen ihn protestirt; denn wenn er auch den
Verdacht des Majors für zu vage erklärte, um ihm besonders viel Glauben
zu schenken, war er doch in etwas mißtrauisch geworden und wollte eine
nähere gesellschaftliche Bekanntschaft nicht provociren. Aber, lieber
Gott, er hätte eben so gut von seiner Frau verlangen können, an dem
Abend des Balls in einem Kattunkleide zu erscheinen! Er wurde mit
Entrüstung abgewiesen, ja der Lieutenant erhielt eine der ersten Karten,
und das Einzige, was der Rechtsanwalt erlangen konnte, war, noch einen
Referendar von seiner Seite einzuschmuggeln.
In der Ausschmückung und Arrangirung des Gesellschaftsraumes war
wirklich das Aeußerste geleistet, und die Zimmer sahen in der That gar
nicht mehr so aus, als ob sie zu einer stets benutzten Familienwohnung
gehörten. Da stand aber auch kein Sopha und kein Stuhl mehr auf
seiner alten Stelle, und der Secretär mit der Commode friedlich in der
Waschküche, während wieder Chiffonièren und Schränke einen Platz auf dem
Trockenboden einnahmen und dort allerdings wunderlich genug aussahen.
Selbst das Heiligthum der Schlafzimmer war nicht unangetastet geblieben,
und als der Staatsanwalt Abends noch einmal hineinging, um seine etwas
derangirte Frisur ein wenig in Ordnung zu bringen, fand er statt des
sonst gewohnten Lagers an der nämlichen Stelle einen wahren Berg von
Matratzen und Kopfkissen, die fast zu Manneshöhe aufgeschichtet
lagen. Aber er sagte kein Wort; nur einen tiefen Seufzer stieß er aus,
arbeitete sich dann zwischen den beiden Nähtischen seiner Frau
und Tochter, die hier, wie in eifriger Unterhaltung begriffen,
zusammenstanden, durch, kam zu seinem Waschtisch, beendete die
gewünschte Operation und gelangte nach einiger Mühe wieder in's Freie
und hinaus, wo er wenigstens Raum hatte sich zu bewegen.
Aber jetzt bekam er auch keine Zeit mehr, um ein finsteres Gesicht zu
ziehen, ja, er mußte im Gegentheil lächeln und sehr liebenswürdig sein,
denn die ersten Gäste langten eben an, und seine Frau war mit ihrer
Toilette, die sie in der Tochter Zimmer beendete, richtig noch nicht
fertig geworden -- Damen werden das überhaupt selten. Sie hatte aber
freilich auch noch bis zum letzten Augenblick so entsetzlich viel zu
thun und anzuordnen gehabt, daß ihr nicht ein Moment für sich selber
blieb. Sie wollte auch, wie sie meinte, an das Fest und die Unordnung
im Hause denken, und so 'was passirte ihr nicht wieder, so lange sie ein
Wort da hinein zu reden hätte.
Aber das war freilich in dem Moment Alles vergessen, wo sie den
hellerleuchteten, ja, von Lichtern ordentlich strahlenden Saal betrat
und nun nichts mehr hörte, als das Rauschen schwerer Kleiderstoffe
und süß gelispelte Begrüßungsformeln, zwischen welche sich melodisch
manchmal das Klirren von einem Paar Sporen oder einer Säbelscheide
mischte.
Im Anfang ging das auch vortrefflich. Die ziemlich geräumigen Gemächer,
von geputzten, fröhlichen Menschen belebt, sahen vortrefflich aus, und
Alles schien sich außerordentlich behaglich zu befinden; aber mehr und
mehr trafen ein -- es waren doch, wie das ja oft geschieht, etwas
mehr geladen, als man anfangs beabsichtigt hatte, und die Zimmer dabei
ebenfalls nicht so groß, wie man gedacht. Aber es half jetzt nichts, es
mußte gehen, und ging, und nur die Gruppen standen ein wenig dicht, und
es hatte später einige Schwierigkeit, um einen Raum zum Tanzen frei zu
bekommen. Dazu herrschte gleich von Anfang an, und durch die zahlreichen
Lichter noch vermehrt, eine drückende Schwüle in den Räumen, so daß die
Rouleaux beseitigt und die oberen Fenster geöffnet werden mußten, wonach
sich wieder einige alte Herren und Damen über Zug beklagten. Allen
Menschen kann man es aber doch nicht recht machen, und da sich das junge
Volk bedeutend in der Majorität befand, setzte es seinen Willen durch.
Der Staatsanwalt hatte aber auch für sich etwas durchgesetzt, und
zwar auf sehr schlaue Weise, nämlich ein Spielzimmer, das zugleich zum
»Rauch-Coupé« dienen sollte. Dagegen -- gegen das Rauchen nämlich
-- hatte die Frau Staatsanwalt sich mit Händen und Füßen gesträubt,
obgleich sich ein vollkommen passendes Stübchen am Ende der Wohnung
befand, das aber zu entfernt vom Speisezimmer lag, um zu anderen Zwecken
zu dienen und von ihr in Anspruch genommen werden konnte. Das Stübchen
war dabei nur einfach gemalt, und Ottiliens Mutter hatte ihren Mann
lange deshalb gequält, es einmal tapezieren zu lassen, damit man es zu
einem, wie sie sagte, »anständigen« Fremdenstübchen herrichten
konnte. Der Staatsanwalt war aber aus verschiedenen Gründen nie darauf
eingegangen, jetzt wurde er weich. Er versprach der Gattin Wunsch zu
erfüllen, wenn es ihm an dem Abend zur Disposition gestellt würde, und
wie er die Einwilligung erhielt, wurde augenblicklich der Tapezierer
beordert, der in unglaublich kurzer Zeit die gemalte Wand mit einer
Tapete überklebte; dann kamen drei Spieltische hinein mit den nöthigen
Karten und Marken, und -- Aschenbecher und Feuerzeuge mit zwei Kisten
ausgesuchter Havannah-Cigarren. Jetzt sah er dem Kommenden ruhig
entgegen; er wußte einen Platz, wo er untertreten konnte.
In der Gesellschaft bewegte sich indessen noch Alles ziemlich wirr und
ungeordnet durcheinander, denn die Leute waren noch nicht recht mit
einander bekannt geworden. Thee wurde herumgereicht mit Backwerk, aber
man stand zu gedrängt, und wenn Jemand der einen Dame eine Verbeugung
machen wollte, so gerieth er dabei einer andern auf die Robe und mußte
sich wieder entschuldigen. Doch das regulirt sich zuletzt Alles von
selber.
Wenn ein Schiff, zum Ueberlaufen mit Passagieren besetzt, in See geht,
so glaubt man anfangs gar nicht, daß alle die Leute mit ihren zahllosen
Koffern und Kisten ein Unterkommen darauf finden können; aber
kaum einmal eine kurze Zeit in See, und sie werden so in einander
geschüttelt, daß noch viel mehr darauf Platz gefunden hätten. Genau so
ist es in Gesellschaft. Anfangs stehen sich die Leute alle im Wege und
getrauen sich gar nicht, da oder dort hinüber zu rücken. Aber das dauert
nicht lange, da gewinnen auch die Blödesten ihre freie Bewegung wieder,
und nur erst einmal in Bewegung, und die Masse vertheilt sich aus
eigenem Antrieb bald so zweckmäßig, daß sie sogar noch Raum für die hin
und her gehenden Diener läßt.
Das Militär war besonders zahlreich vertreten, vorzüglich der Stand
der Lieutenants, denn schon Hauptleute sind meist verheirathet und
außerordentlich schwer zum Tanzen zu bringen, während ein Major nur
in Ausnahmefällen springt. Lieutenant von Wendelsheim hatte sich denn
ebenfalls pflichtschuldigst eingefunden, denn wenn er sich auch nicht
gerade in der Stimmung fühlte, eben jetzt einer solchen Gesellschaft
beizuwohnen, mochte er auch nicht unhöflich gegen eine Familie
erscheinen, die sich ihm immer so freundlich und aufmerksam gezeigt. So
leichtherzig, ja man könnte sagen, leichtfertig er sich aber auch sonst
bei solchen Gelegenheiten benommen, so still und zurückgezogen hielt
er sich heute, mischte sich fast gar nicht unter das rege Getümmel
des jungen Volkes, sondern hielt sich fast einzig und allein zu der
freundlichen Wirthin selber, die auch über diese Aufmerksamkeit entzückt
schien und ihn mit ihrer Liebenswürdigkeit überschüttete.
Aber das junge Volk ließ nicht lange Ruhe. Ein kleines Gerüst war für
die Musici aufgebaut worden, und einige von diesen hatten sich dort
sehen lassen, um ihre Instrumente einzustellen. Ein paar Geigenstriche,
der Stimmung wegen, wurden dabei unvermeidlich, und der scharfe Ton
derselben wirkte wie ein Zauber auf die Tanznerven der Gesellschaft.
Zuerst wurden die jungen Damen unruhig und fingen an zu flüstern und
zu zischeln, dann wagte einer oder der andere der jungen Herren den
allerdings lauten, aber doch aus sicherem Versteck hervorgestoßenen Ruf:
»Musik!« so daß man nicht genau bestimmen konnte, von welcher Ecke
er eigentlich zuerst erschallte. Da aber Ottilie selber bei der Sache
interessirt war und gewissermaßen als Vice-Hausfrau fungirte, so wußte
sie die Musici bald auf die Tribüne zu bringen, und erst einmal dort,
verstand es sich von selbst, daß sie ihre Instrumente in Thätigkeit
setzten.
Eigentlich hatte die Frau Staatsanwalt bestimmt gehabt, daß der Tanz
erst nach dem Essen beginnen sollte; aber was half ihre kalte Berechnung
an einem so heißen Abend. Die Leidenschaft siegte, und während
der Staatsanwalt selber sich seine Mannschaft für das Rauch-Coupé
zusammensuchte und dadurch ebenfalls dafür sorgte, daß ein wenig mehr
Raum wurde, fing das junge Volk schon an, sich im Kreise zu drehen.
Wendelsheim hatte dabei schon aus schuldiger Artigkeit die Tochter des
Hauses zum ersten Tanze engagirt und keinen Korb bekommen, und Paar an
Paar schloß sich dem lustigen Reigen an, während es der Staatsanwalt
dagegen lange nicht so leicht fand, die Spieltische zu besetzen. So
gern nämlich viele Leute spielen, haben sie auch nur zu häufig den
Aberglauben dabei, daß sie sich müssen dazu nöthigen lassen, um nachher
zu gewinnen. Aber es gelang trotzdem, und er brachte, während er sich
selber für das l'Hombre mit dem Major und dem Justizrath Bertling
engagirte, noch eine Whist- und eine Skat-Partie zusammen, wobei sich
dann noch etwa zehn oder zwölf ältere Herren der Hitze und dem Gewirr
der anderen Zimmer entzogen, um hier in aller Gemüthlichkeit dem
Spiel zuzusehen und dabei ihr Glas Wein zu trinken und eine Cigarre zu
rauchen. Sie hätten es sich nicht besser wünschen können.
Der alte Major war ein ungemein eifriger l'Hombrespieler und vergaß
merkwürdiger Weise von dem Moment an, wo er am Kartentische saß, seine
ganze Krankheit und sein sonstiges Elend. Zu anderen Zeiten stöhnte und
jammerte er den ganzen Tag bald über dies, bald über das, was ihn im
Körper quälte und peinigte. Jetzt stöhnte er allerdings auch -- denn
das war ihm nun einmal zur andern Natur geworden, und er konnte es
eben nicht mehr lassen --, aber keineswegs über irgend ein
Krankheits-Symptom, sondern nur einzig und allein über schlechte Karten,
die er, wie er äußerte, immer unter der Würde bekam. Außerdem aber
verläugnete er auch beim Kartenspiel seine sonstige Unausstehlichkeit
nicht und hatte bald da, bald dort etwas auszusetzen; aber er spielte
sehr gut, und man ließ es sich deshalb gefallen.
So hatten die Herren, während im Saale schon flott getanzt wurde, ein
paar Stunden etwa gesessen, als die Frau Staatsanwalt selber einmal
hinüberging, um ihrem Gatten anzuzeigen, daß gegessen werden könne und
die Herren ihr Spiel auf kurze Zeit unterbrechen möchten. Sie öffnete
auch vollkommen athemlos die Thür, blieb aber wirklich vor Entsetzen wie
festgebannt auf der Schwelle stehen, als ihr eine fast undurchsichtige
blaue Dampfwolke entgegenquoll, in der sie nur in höchst unbestimmten
Umrissen einzelne sitzende und stehende Gestalten erkennen konnte.
»Herr Du meine Güte!« rief sie ordentlich erschreckt aus. »Dietrich, wo
bist Du denn?«
»Hier, mein Kind,« sagte der Verlangte, indem er sich wie ein graues
Nebelbild aus dem Qualm emporhob, oder vielmehr damit in die Höhe zu
steigen schien.
»Aber weshalb, um Gottes willen, öffnen Sie denn kein Fenster? -- ich
begreife gar nicht, daß Sie noch im Stand sind, die Karten zu sehen!«
»Das hätten wir allerdings thun können,« lächelte der Staatsanwalt
verlegen, »aber wir waren so in unser Spiel vertieft....«
»Und dürft' ich die Herren bitten, hinüber zum Essen zu kommen -- es ist
Alles bereit.«
»Sehr wohl, gnädige Frau! -- Den Augenblick! -- Letztes Spiel!« und
mehrere andere derartige Ausrufe antworteten ihr, während die Frau
Staatsanwalt scheu wieder zurückwich und die Thür hinter sich schloß,
denn in der Atmosphäre konnte sie nicht existiren, der Tabaksgeruch
hätte sich ihr ja in Kleidern und Locken festgesetzt.
Begonnene Partien wurden jetzt beendet und, da der Tabaksqualm auch
einmal erwähnt worden und die Herren darauf aufmerksam gemacht waren,
auch die Fenster geöffnet. Dann bereitete man sich vor, um hinüber in
den Speisesaal zu gehen. Die l'Hombre-Partie war am ersten aus und das
Dreiblatt aufgestanden. Der Justizrath trat noch zu einem andern Tisch,
als der Major den Staatsanwalt unter den Arm faßte und etwas mit sich
bei Seite führte.
»Wissen Sie, Staatsanwalt, daß ich wieder auf einer neuen Spur bin?«
sagte er dabei leise.
»Spur? Wohin?« sagte Witte, der noch das letzte Spiel im Kopfe hatte,
das er mit den brillantesten Karten verloren.
»Nun, in der Wendelsheim'schen Sache.«
»Mein lieber Herr Major,« erwiederte der Jurist, »ich fürchte, Sie geben
sich, mit anerkennenswerther Thätigkeit, da ganz vergebene Mühe; denn
Sie werden zuletzt finden, daß Sie auf Ihrer neuen Spur, genau wie auf
der alten, nur auf einem Holzweg sind. Die Sache ist eben ungreifbar,
sie bietet nirgends einen Halt, denn Alles, was wir bis jetzt davon
erfahren haben, sind eben weiter nichts als Verdachtgründe und vage
Vermuthungen, und damit dürfen wir nicht arbeiten. Bringen Sie mir
_einen_ haltbaren Beweis, nur einen einzigen, dann überlassen Sie das
Andere mir; denn wenn man erst das eine Ende von einem Faden hat, findet
man auch das andere. Aber sonst will ich mit der Geschichte nichts
weiter zu thun haben, schon des jungen Mannes selber wegen, der sogar in
diesem Augenblick mein Gast ist.«
»Hol' ihn der Teufel!« knurrte der Major. »Er ist so wenig ein Baron von
Wendelsheim, wie Sie und ich....«
»Wollen wir nicht zum Essen gehen? Die Herren scheinen ihr Spiel beendet
zu haben.«
»Und ich setz' es doch durch,« sagte der Major, der, störrisch wie viele
alte Leute, sich einmal auf den Gedanken verbissen hatte und nun mit
menschlichen Mitteln nicht wieder davon abzubringen war. »Ich bin kein
Advocat, aber ich wollte, ich wäre einer geworden; denn wenn irgend ein
Haken an der Sache zu finden ist, _ich_ finde ihn, Staatsanwalt, _ich_
finde ihn -- soll mich der Teufel holen!«
Der Staatsanwalt war froh, daß er Gelegenheit bekam, sich von der ihm
lästig werdenden Unterredung zu befreien, und jetzt verschlang auch der
Zug der in die Eßzimmer strömenden Menschen jedes weitere Gespräch,
denn das wogte nur so herüber und hinüber und erforderte die ganze
Aufmerksamkeit und Umsicht der Hausfrau, Allen nicht allein ihren Platz,
sondern sogar ihren bestimmten Platz anzuweisen. Frau Staatsanwalt
Witte war ihrer Aufgabe aber auch vollkommen gewachsen; sie hatte viel
unternommen, aber nicht zu viel, und nach kaum einer Viertelstunde,
wobei sich das junge Volk besonders gut amüsirte, wenn es ein wenig
herüber und hinüber gestoßen wurde, fand sich die Gesellschaft wirklich
untergebracht, und die Lohndiener konnten jetzt ungehindert in den
Gängen hin und wieder schießen, um die verschiedenen Speisen herum zu
reichen.
Ottilie war glücklich heute Abend -- Lieutenant von Wendelsheim, den sie
aber ausnahmsweise still und schweigsam fand, während er sonst gar nicht
genug erzählen und plaudern konnte, hatte sich fast ausschließlich den
ganzen Abend durch mit ihr beschäftigt und sie dann natürlich auch zu
Tisch geführt. Sie saß jetzt neben ihm und mußte sich gestehen, daß ihm
der Ernst viel besser stand, als das frühere, etwas fahrige Wesen. Ein
wenig galanter freilich hätte er schon sein können, und sie erinnerte
sich nicht, daß er ihr an dem ganzen Abend auch nur ein paar aufmerksame
Worte über ihre gewiß brillante Toilette gesagt, und beim Tanze selber
-- das fiel ihr eigentlich jetzt erst auf -- schien er ganz vergessen
zu haben, ihr seine Bemerkungen über den Putz anderer Damen, worüber
sie sich sonst so amüsirt, mitzutheilen. Er war wirklich heute wie
ausgewechselt. Nicht einmal von seinem Fuchs hatte er gesprochen;
Ottilie mußte ihn erst daran erinnern, und dann wußte er so gut als gar
nichts über ihn zu sagen. Wenn sie nur im Stande gewesen wäre, heraus zu
bekommen, was eine solche Veränderung bei ihm hervorgebracht -- es wäre
so interessant gewesen!
Ottilie war aber wirklich an dem Abend vollkommen zwischen das Militär
gerathen, denn an ihrer andern Seite hatte sie noch einen Lieutenant,
und dieser wußte in der That, über was er sich unterhalten sollte, denn
er ließ das Gespräch mit seinen beiden Nachbarinnen auch nicht einen
Augenblick stocken.
»Sage Ihnen, mein gnädiges Fräulein,« schnarrte er, »pompös heut' Abend,
auf Ehre -- wüßte nicht, wann mich so trefflich amüsirt hätte -- =à
propos=, haben himmelblauen Aufsatz von Frau Professor Nestewitz schon
entdeckt? Himmlisch, im wahren Sinne des Worts -- genau so, wie Kolibri
auf Klatschrose!« und in dieser Art weiter. Ottilie gerieth auch dadurch
ein paarmal ziemlich in Verlegenheit, denn eine Verwandte gerade jener
etwas auffällig gekleideten Professorin saß gar nicht so weit von
ihnen entfernt und hätte eigentlich das Ganze hören können, und ihr
=vis-à-vis= war mit der Dame ebenfalls bekannt. Der Sohn des Mars schien
aber einmal im Gang und nicht aufzuhalten, und überfluthete seine
beiden schönen Nachbarinnen unaufhörlich bald mit solchen ziemlich
rücksichtslosen Beobachtungen, bald mit den überschwänglichsten
Schmeicheleien.
»Sagen Sie, Herr Lieutenant,« wandte sich endlich Ottilie, als sie nur
einen Augenblick Luft bekam, an ihren Nachbar zur Linken, denn sie war
entschlossen, in der Sache etwas klarer zu sehen, »weshalb sind Sie
eigentlich heute so einsilbig? Fehlt Ihnen etwas, oder -- noch schlimmer
-- langweilen Sie sich?«
»Aber, mein gnädiges Fräulein, das ist ungerecht von Ihnen,« sagte
Wendelsheim freundlich, »mir auch nur fragweise einen solchen Vorwurf
zu machen, denn es wäre schlimmer als undankbar, wenn das an Ihrer Seite
der Fall sein könnte.«
»Also fehlt Ihnen etwas?« sagte Ottilie leicht erröthend, denn das Wort
»Ihrer« war mit besonderer Betonung gesprochen worden.
»Auch das nicht,« lächelte Wendelsheim ausweichend. »Wie wäre das auch
möglich? Wir schwelgen ja hier im Ueberfluß.«
»So meinte ich es nicht,« sagte Ottilie, die fest entschlossen schien,
ihren Nachbar nicht so leichten Kaufs davon zu lassen. »Fühlen Sie sich
vielleicht nicht wohl, oder drückt Sie ein geheimer Kummer?«
»Habe ich mich wirklich so ungeschickt benommen, daß ich in den Verdacht
kommen konnte?« fragte der Lieutenant.
»Ungeschickt? O, gewiß nicht, Herr von Wendelsheim!« sagte Ottilie
rasch. »Aber ich weiß nicht, der Ausdruck in Ihren Zügen kam mir so
-- wie soll ich nur sagen -- so gedrückt, so wehmüthig vor, und ein
paarmal, wenn Sie sich unbemerkt glaubten, starrten Sie so düster vor
sich nieder. Sie haben doch sicher und gewiß keine Ursache, traurig zu
sein?«
»Und woher wissen Sie das, mein gnädiges Fräulein?« sagte Wendelsheim,
indem er ihr so voll in die Augen sah, daß sie die ihrigen verwirrt
abwandte. »Wie mancher Mensch hat wirklich einen geheimen Kummer, in
dem ihm entweder kein Anderer beistehen kann, oder wo er es wenigstens
glaubt, die ganze Sorge auch vielleicht nur eingebildet ist, und er
trägt sie nur eine Zeit lang mit sich herum und hegt und pflegt sie, bis
er einsieht, daß Alles, was er bis dahin für ein Unglück gehalten, der
Vorbote seines Glückes gewesen...«
Ottilie erröthete tief. »Ich will gewiß wünschen,« sagte sie endlich,
»daß das auch bei Ihnen der Fall ist; mein anderer Nachbar scheint aber
keinen solchen Kummer zu haben, denn er plaudert frisch von der Leber
weg.«
»Glückliche Menschen,« sagte Wendelsheim, »weil sie ihre eigene
Unbedeutendheit nicht fühlen; denn wenn sie einmal zur Selbsterkenntniß
kämen, wäre es vorbei -- gerade wie bei mir.«
»Also das wäre Ihr Kummer?« lächelte Ottilie. »Da ist es doch ein wahres
Sprichwort, wenn man sagt: »Wer keine Sorgen hat, macht sich welche,
oder er ist nicht zufrieden.«
»Ah, reden Sie von Sorgen?« fiel hier der unverwüstliche Nachbar ein,
der das Wort aufgefangen haben mußte. »Famoser Gedanke das, hier bei
diesem lucullischen Mahl und bei dem Wein von Sorgen zu reden! Halten
wohl meinem Kameraden da drüben eine kleine moralische Vorlesung?
Sehr liebenswürdig, meine Gnädige, denn ich fürchte fast, er kann sie
nothwendig gebrauchen.«
»Ich dürfte sie dann vielleicht zwischen den beiden Herren vertheilen?«
lächelte Ottilie, die ihn gern bei dem Gedanken lassen wollte.
»Bitte unterthänigst, meine Gnädige,« sagte abwehrend der junge Officier
-- »kriegen Nasen genug auch ohne das -- auf Ehre! Wäre auch rein
weggeworfene Müh' -- gründlich verloren gegangene Zerknirschung
verduftet, vollständig verduftet, und nichts übrig geblieben, als
namenlose Seligkeit und Verzückung -- auf Ehre! Schwimme in einem wahren
Taumel von Wonne, und wäre grausam, daraus zu wecken!«
Mit dem jungen Mann war kein ernstes Wort zu reden, noch weniger ein
vernünftiges, das fühlte Ottilie recht gut, und da dessen Nachbarin
sich, vielleicht ebenfalls des Geschwätzes müde, zur andern Seite
gewandt hatte, so blieb ihr, als Tochter vom Hause, nichts weiter übrig,
als ihn artig anzuhören.
So verging die kurze, einer leiblichen Stärkung gewidmete Zeit, denn die
jungen Damen, die überhaupt bei solchen Gelegenheiten, sehr zum Aerger
älterer Herren und Damen, nur sehr wenig essen und fast gar nichts
trinken, fingen schon wieder an unruhig zu werden und winkten Ottilien
zu -- wo das irgend unbemerkt geschehen konnte --, doch so bald als
möglich nur die Tafel aufzuheben.
Ottilie zögerte noch, denn sie wußte nicht, ob es ihrem Vater recht
wäre, der solche Gelegenheiten selten und nur höchst ungern zu kurz
abbrach. Die jungen Dämchen, überhaupt erfinderisch in solchen Dingen,
wußten aber ein anderes Mittel, das sich auch als vollkommen probat
bewährte. Eine von ihnen flüsterte nämlich dem nächsten Lohndiener, bei
dem sie ein Glas Wasser bestellt hatte, zu, die Musici aufzufordern,
einen Galopp zu spielen, und kaum erklangen die verführerischen Töne,
als auch kein Halten mehr in der Gesellschaft war. Der ältere Theil
derselben sträubte sich allerdings noch und wollte Stand halten, aber
unter dem Tisch trippelten schon die kleinen Füße den Tact zu der
so lange ersehnten Melodie, und von da und dort her ertönte das
verrätherische und zündende Geräusch eines heimlich gerückten Stuhles.
Da glaubte der Staatsanwalt durch ein verzweifeltes Mittel die Tafel
noch etwas zu verlängern -- er wollte einen Toast ausbringen, räusperte
sich und stand auf. Wie er aber nur den Stuhl zurückschob, war es, als
ob ein Funke in ein Pulverfaß geflogen. Im Nu folgten zwei Drittheile
der Gesellschaft seinem Beispiel; er wollte an ein Glas anschlagen, sah
sich aber schon in den Strudel hineingerissen. Noch hielt er das Messer
in der Hand, aber von allen Seiten preßten die jungen Damen auf ihn ein
und wünschten ihm gesegnete Mahlzeit, und die Herren drückten ihm die
Hand. Es war eben nichts zu machen, er mußte es aufgeben und trat mit
dem demüthigenden Gefühl zurück, sich an seinem eigenen Tisch nicht
einmal satt gegessen zu haben.
Jetzt war aber kein Halten mehr. Die jungen Herren, Militär wie Civil,
griffen selber mit zu, um die Tische und Stühle bei Seite zu schaffen,
das Dienstpersonal konnte kaum schnell genug das Geschirr retten, daß
es nicht mit in die Verwirrung hineingerieth, und in unglaublich
kurzer Zeit war, wenigstens im Saale selber, die Ordnung wieder so weit
hergestellt, daß die Paare zum neuen Tanze antreten konnten.
Das war aber auch das Signal für die älteren Herren gewesen, sich
wieder zu einer Tasse Kaffee und Cigarre in das kleine Hinterstübchen
zurückzuziehen und ihr Spiel fortzusetzen, denn daß das junge Volk davon
nicht so bald müde werden würde, ließ sich voraussehen.