Wendelsheim, aber wie scheu und halb abgewandt.
»Ein Abschiedsbesuch?« rief Rebekka erschreckt. »Sie wollen fort?«
»Ich -- muß vielleicht -- doch diese kurze Stunde wollen wir uns nicht
verbittern; kommen Sie zum Instrument -- wo haben Sie Ihre Lieder, daß
ich noch einmal Ihre liebe Stimme höre?«
»Ich werde nicht singen können, Herr Baron.«
»Es wird schon gehen; wenn Sie Musik hören, können Sie doch nicht
widerstehen.«
»Ich will es versuchen,« hauchte das schöne Mädchen leise und schritt
zum Flügel, den sie öffnete und einen Band mit Liedern vornahm, der
obenauf in ihrem Pult lag. Sie hatte sie ja täglich durchgespielt.
Bruno war ganz tüchtig auf dem Instrument und begleitete besonders
vortrefflich, und das Mädchen sang dazu mit einer so vollen und so
glockenreinen Stimme und dabei einem so weichen, schmelzenden Ausdruck
in den Tönen, daß es dem jungen Mann wirklich bis in alle Herzensfasern
drang und er genau aufpassen mußte, um nicht selber aus dem Tact zu
kommen.
Die Mutter stand dabei, die Hände gefaltet, und war glücklich. Plötzlich
sprang Wendelsheim in die Höhe.
»Rebekka,« sagte er, »Ihre Töne dringen durch Mark und Bein, und es
ist manchmal, als ob sie Einem das Herz aus der Brust reißen könnten.
Mädchen, wo haben Sie die wunderbare Stimme her?«
»Ach, ich mußte mich heute so zusammennehmen,« sagte Rebekka schüchtern,
»ich hatte solche Angst!«
»Angst -- und wozu Angst?« sagte die Mutter. »Der Herr Baron weiß, wie
Du singst, und Du brauchst Dich vor ihm nicht zu geniren -- und vor
keinem Menschen. Aber glauben Sie, Herr Baron, daß Sie der Einzige
sind, vor dem sie überhaupt den Mund aufthut, ihren Vater und mich
ausgenommen? Wenn Besuch da ist und wir bitten sie noch so schön, da
macht sie bald die, bald jene Ausrede, und wenn wir sie lange quälen,
geht sie ganz weg und kommt nicht wieder.«
»Weil ich mich nicht selbst begleiten kann, Mutter,« sagte das junge
Mädchen tief erröthend.
»Ob Du nicht kannst,« rief aber die Mutter, mit dem Kopf nickend, »ob
Du nicht kannst, wenn Du willst! Sie sollten sie nur hören, Herr Baron,
wenn sie ganz allein ist, wie sie da spielt und dazu singt, daß mir
alten Frau manchmal die Thränen aus den Augen laufen.«
»Du lieber Himmel,« sagte Rebekka seufzend, »wir leben hier gar so
einsam in unserer kleinen, abgeschlossenen Welt. Die Musik ist da ja das
Einzige, das uns Ersatz bieten kann, und wie der Vogel draußen auf den
Zweigen sein Lied unbekümmert zwitschert, gut oder schlecht, wie es
gerade herauskommt, so singe auch ich -- aber nicht besser, Mütterchen,
gewiß nicht besser.«
Bruno hatte sich in seinem ganzen Leben noch nicht so befangen gefühlt.
Er war sich bewußt, was ihn heute eigentlich hieher geführt -- in welche
gedrückte, peinliche Lage ihn sein Leichtsinn gebracht; aber er wäre
nicht im Stand gewesen, zu dem Mädchen heute von Geld zu sprechen und
ihr Fürwort bei dem Vater zu erbitten. Alles, was gut und edel in ihm
war und vielleicht lange da geschlummert hatte, oder auch durch das
schale Garnisonleben, seine Umgebung und tägliche Gesellschaft
betäubt und unterdrückt gehalten worden, erwachte heute mit voller und
vielleicht nie geahnter Stärke, und gute, ernstgemeinte Vorsätze für
sein künftiges Leben keimten in seinem Herzen frisch und gewaltig empor.
Er nahm Rebekka's Hand und sagte leise: »Dann muß ich Ihnen um so viel
dankbarer sein, Rebekka, daß Sie gerade in meiner Gegenwart die
Scheu ablegen. Sie haben mich recht glücklich damit gemacht, und die
Erinnerung an diese Zeit wird immer -- so lange ich noch lebe -- mir die
schönste und liebste sein.«
»So lange Sie noch leben -- Gott der Gerechte!« lächelte die Frau.
»Sollte man nicht glauben, wenn man Sie hörte, Sie wären ein Mann von
achtundachtzig Jahren, mit grauen Haaren und mit einem Stocke? So lange
Sie noch leben -- Sie fangen ja erst an, und der liebe Gott wird Ihnen
schon ein langes und freudiges Leben schenken. Wir werden uns wieder
sprechen.«
Die beiden jungen Leute schwiegen, Jedes mit seinen eigenen Gedanken
beschäftigt, und die Mutter sah Eines nach dem Andern verwundert an.
»Nun, wie haißt?« lächelte sie endlich. »Keine Musik? Keine
Unterhaltung? Wo bleibt da die Gesellschaft? Was hast Du nur, Bekkchen?
Hab' ich doch geglaubt, das Kind wäre nur so still und schweigsam, wenn
sie allein wär'; jetzt macht sie's in der Gesellschaft gerade so.«
»Ich dachte eben -- Mutter -- der Herr Baron hat vorhin angedeutet, daß
er nur hergekommen wäre, um Abschied von uns zu nehmen.«
»Abschied? Gott soll's verhüten, und wozu? Wollen Sie verreisen?«
»Wahrscheinlich -- auf einige Zeit wenigstens,« sagte der Lieutenant
verlegen; »es sind Geschäfte, die mich dazu zwingen.«
»Aber Sie kommen hieher zurück?« fragte Rebekka, und ihr Auge hing
forschend an den Zügen des jungen Mannes.
»Was für a Frag!« sagte die Mutter. »Hat der Herr Baron sein großes,
schönes Gut hier, und die Familie; wird er nicht zurückkommen!«
Rebekka sah ihn angstvoll an, als ob sie die Bestätigung dieses
Ausspruches in seinen Blicken lesen wolle; aber er wandte sich ab,
schritt zum Fenster und sah hinaus.
Es war eine wunderliche Scenerie, die sich hier dem Blicke zeigte, und
so pittoresk wie bunt gemischt. Unten vor dem Fenster lag der kleine
freundliche Garten, gegen die Umgebung von der Mauer scharf abgegrenzt
und selbst unnahbar; denn daß man der Nachbarschaft nicht besonders
traute, bewiesen die auf dem oberen Rand des Steinwalles eingekitteten,
spitz und gefährlich hervorragenden Glassplitter, die ein
Hinüberklettern ganz unmöglich machten. Unter dem Schutz derselben
blühte und grünte aber auch da unten eine kleine, vollkommen für sich
abgeschlossene Welt, ein Rosenflor zum Beispiel, wie er nicht weiter
in der Stadt vorkam, und die Beete dabei so sorgfältig gepflegt, die
schmalen Wege so rein und sauber gehalten, der kleine Springbrunnen in
der Mitte, sein Wasser so rein und frisch und lustig emporplätschernd.
Und was für ein lauschiges Plätzchen hatte der alte Salomon da unten
seinem Kinde gebaut! Dicht hinter dem Springbrunnen, kühl und zugleich
geschützt und versteckt, lag eine kleine Laube, deren Dach ein einziger
ausrankender Rosenbusch zu bilden schien; aber blühende Granat- und
Orangenbäume, gemischt mit Vanille und hochstämmigen Fuchsien, bildeten
die Wände, und mildes Dämmerlicht lag in dem kleinen, zauberisch schönen
Raum. Hob sich aber der Blick, dann traf er gleich darüber hin auf einen
so schroffen, trostlosen Gegensatz, daß er ordentlich staunend wieder
zurück zu jenem kleinen Paradiese flog, um sich zu überzeugen, daß er
recht gesehen, und wirklich zwei Bilder so unmittelbar neben einander
stehen könnten, die das eine dem Himmel, das andere der Hölle glichen.
Dort, gleich rechts über der Mauer nämlich, und nur durch wenige Gärten
oder offene Hofplätze davon getrennt, erhoben sich die Hintergebäude der
eigentlichen Judengasse, spitz und phantastisch genug, es ist wahr, mit
hohen Giebeln und rauchgeschwärzten Dächern; aber ordentlich Gespenstern
glichen die schmalen, fest in einander gedrängten Häuser mit den leeren,
düsteren Augen, die überall hinausstarrten. Da war kein einziges fast
mit ganzem Rahmen oder Glas, keine weiße Gardine zeigte auch nur an
einem Punkt, daß dort gesittete Menschen hausten -- schmutzige Lappen
und Tücher, alte, wüst aussehende Kleidungsstücke hingen überall heraus,
der Luft, als einziger Reinigung, ausgesetzt, und an jeder Wand zeigten
die Spuren niedergegossenen Wassers und Unraths den Zustand, der im
Innern herrschen mußte.
Der junge Baron von Wendelsheim hatte auch früher wohl oft staunend und
kopfschüttelnd zu jenen Höhlen hinübergeschaut, die ja doch ebenfalls
das umschlossen, was der Mensch seine Heimath nennt und wo er sich wohl
und glücklich fühlen soll, und dann immer nicht begriffen, wie Menschen
gerade dort freiwillig existiren konnten. Heute schweifte sein Blick
glanzlos, ohne das Paradies, ohne die Hölle dahinter auch nur zu sehen,
über die Blumen, über die rauchverbrannten Häuser wie über eine Leere
hin.
Sein Ehrenwort! -- er hatte es leichtsinnig, gedankenlos gegeben --
es war den Leuten gegenüber, die ihn bei dem Kauf umstanden, mehr eine
Prahlerei gewesen, und die Folgen der Nichterfüllung konnte er noch
nicht übersehen. Aber selbst das lag ihm jetzt weniger auf dem Herzen,
als die Trennung von dem Mädchen, das heute, erregt wie er war, einen
nie geahnten Einfluß auf ihn ausgeübt. Und was durfte sie ihm je sein?
Sie, die Tochter des alten Salomon, eine Jüdin -- er, der Sohn eines
der adelstolzesten Häuser im ganzen Reiche! Und konnte ihm das eine
Rücksicht auferlegen? Hatte ihn nicht gerade dieser Vater, so lange er
denken konnte, rauh und abstoßend behandelt? -- Er faßte die fieberheiße
Stirn mit den Händen. Die Gedanken, die ihm wild und toll durch das Hirn
zuckten, machten ihn fast schwindeln.
»Fehlt Ihnen etwas, Herr Baron?« sagte eine weiche Stimme an seiner
Seite. »Soll ich Ihnen vielleicht ein Glas Wasser holen?«
»Ja, Kind, mit ein paar Tropfen Rum hinein, von dem guten, den der Vater
neulich auf der Auction gekauft hat.«
»Ich danke Ihnen, Rebekka,« sagte der junge Mann freundlich; »es war
nur -- ein heftiger Schmerz, der mir durch die Schläfe zuckte -- es ist
schon vorüber.«
»Aber ich hole es doch, damit es nicht wiederkehrt,« lächelte das junge
Mädchen -- »Sie dürfen es mir nicht abschlagen, nicht wahr? Und dann
spielen Sie mir noch einige von den Mendelssohn'schen Liedern; es giebt
für mich nichts Schöneres auf der Welt. Das wird Sie auch ein wenig
zerstreuen,« setzte sie leiser hinzu und huschte dann aus dem Zimmer.
»Armes Kind,« sagte die Mutter, die ihr nachsah und langsam dazu mit dem
Kopfe nickte -- »jetzt ist sie noch so jung und heiter, und kennt keine
Sorgen und Schmerzen; und wie bald wird die Zeit kommen, wo sie an die
Thür klopfen und dann nicht mehr weggehen, man mag thun und machen, was
man will!«
»Gott möge sie ewig fern von ihr halten!« sagte Bruno viel weicher,
als er sonst wohl dachte und fühlte, denn unwillkürlich traf ihn der
Gedanke, daß er selber die Ursache sein könne, welche die erste Thräne
in des Mädchens Augen rief, den ersten wehen Schmerz in ihre Brust
einziehen ließ.
»Sagen Sie, Herr Lieutenant,« rief da die Frau, deren Gedanken rasch
einen andern Flug nahmen, »Sie haben ein so gutes und weiches Herz und
sind so ein braver Mensch, und tragen doch immer an Ihrer Seite einen
langen spitzen Degen, um Menschen damit todtzustechen -- Gott der
Gerechte, wenn ich mir denken müßte, wo so eine Klinge in den Leib
geht!«
»Aber, liebe Frau Salomon,« lächelte Bruno, der sich gewaltsam Mühe gab,
die alten Gedanken abzuschütteln, »der Degen ist so weit ganz harmlos
und gehört nur mit zu meiner Uniform. Eben so wenig aber, wie ich
die Epauletten ablegen dürfte, darf ich auch die Waffe von der Seite
lassen!«
»Und mitten im Frieden -- wer thut Ihnen denn 'was? Und Sie wollen doch
auch Niemandem etwas zu Leide thun.«
»Aber der Soldat muß doch Waffen tragen!«
»Im Kriege, ja, wenn sie sich einander todtschlagen; aber wenn nun der
Salomon den ganzen Tag mit einem Schleppsäbel herumgehen wollte,
und über die Treppen rasseln, und unten im Laden das Porzellan damit
herunterschmeißen -- Gott Abraham's, wie der Salomon damit aussehen
müßte! Hat er sich doch neulich einmal zum Spaß einen umgeschnallt und
ist damit auf und ab gegangen, aber nicht lange, denn er kam ihm gleich
zwischen die Füßcher, und beinahe wär' er damit hingefallen. Hätt' sich
können Schaden thun mit dem Säbel, und wär' ihm recht geschehen, warum
macht er solche Dummheiten auf seine alten Tage!«
Bruno lachte, und auch Rebekka's liebes Gesicht klärte sich wieder auf,
als sie in diesem Augenblick in's Zimmer trat und ihren jungen Gast so
freundlich sah.
»Und nun trinken Sie,« sagte sie, ihm Glas und Flaschen hinschiebend;
»es wird Ihnen gut thun und der Kopf Ihnen wieder klar werden.«
»Aber nur auf so lange, Rebekka, bis ich Ihnen wieder in die Augen
sehe.«
Das Mädchen wurde ernst. »Das ist nicht recht, Herr Baron,« sagte sie.
»Erinnern Sie sich noch, als Sie das erste Mal bei uns waren und mir so
viele Schmeicheleien sagten, wie sie wohl draußen bei Ihnen Sitte sind?
Damals bat ich Sie so herzlich, das nicht mit mir zu thun, und Sie
versprachen es mir und haben Ihr Wort ehrlich gehalten. Wollen Sie es
jetzt brechen?«
»Nein, Rebekka -- nein, wahrlich nicht,« seufzte der junge Mann recht
aus tiefster Brust; »es sollte auch bei Gott keine fade Schmeichelei
sein, es war ehrlich gemeint! Aber -- Sie haben recht,« brach er kurz
ab, »wir wollen wieder musiciren -- kommen Sie.«
»Und wollen Sie nicht erst trinken? Das Wasser ist so frisch.«
Bruno folgte der Einladung; er goß sich reichlich Rum hinzu und stürzte
das Glas hinunter. Dann trat er zum Instrument und griff einzelne
Accorde.
Während Rebekka zu ihm ging und die Mutter sich auf einem der nächsten
Stühle niederließ, wurde nebenan leise und geräuschlos die Thür
geöffnet, und der alte Salomon trat ein; wie er aber die Musik hörte,
warf er erst einen Blick durch den Vorhang, der die beiden Zimmer
schied, hinein, glitt dann still zu dem nächsten Kanapee und ließ
sich darauf nieder. Er regte sich dabei nicht und sah nur still
und unverwandt ein Bild an, das ihm gegenüber hing -- das seiner
verstorbenen Mutter.
Der junge Officier präludirte eine Weile, aber nicht lange; er ging
bald in eine etwas schwermüthige Phantasie über, der er sich hingab und
darüber seine Zuhörer fast vergaß.
»Aber so ernst?« sagte Rebekka endlich leise.
»Sie haben recht, mein Fräulein -- ich muß....« er horchte -- die Uhr
hob zum Schlagen aus -- er zählte: es schlug fünf Uhr -- »ich muß Ihnen
etwas Heiteres spielen, denn Sie sollen nicht sagen, daß ich mit einem
Trauermarsch von Ihnen geschieden bin.« -- Und jetzt spielte er einen
der wildesten Strauß'schen Walzer von Anfang bis zu Ende durch. --
»Nun,« sagte er dann, »klang der besser?«
»Der klang fast noch trauriger als das erste Stück,« sagte das junge
Mädchen ernst und wandte sich dabei halb scheu zur Seite.
»Aber ich weiß nicht, was Du willst, Kind,« rief die Mutter -- »was
Lustigeres kann es ja doch gar nicht geben, und zuckt es doch sogar mir
alten Frau, die das Tanzen lange abgeschworen hat, in den Füßen.«
Bruno erwiederte nichts; wieder griff er einige Accorde, die sich
aber fast von selber zu einer Melodie gestalteten, und ohne daß er
es vielleicht wußte, klangen sie plötzlich zu Mendelssohn's: »Es ist
bestimmt in Gottes Rath,« zusammen. Er spielte es durch, beide Verse,
die letzten Töne so leise, daß sie kaum hörbar durch das Zimmer klangen;
dann stand er langsam auf und griff nach seiner Dienstmütze, die oben
auf dem Instrument lag.
Rebekka stand ihm stumm und regungslos gegenüber; ihr Gesicht war
marmorbleich geworden, daß sich die rabenschwarzen, langen Wimpern der
niedergeschlagenen Augen deutlich und scharf in einem dunkeln Bogen auf
den Wangen abzeichneten. Jetzt schlug sie den Blick zu ihm auf; er war
mit Thränen gefüllt und schwamm darin wie zwei dunkle Diamanten, und o
-- wie zauberschön und lieblich sie war!
»Rebekka!« rief der junge Officier, seiner Sinne kaum mehr mächtig --
»und Dich, Mädchen, Dich soll ich nie wiedersehen? Aber es muß sein --
die Zeit verfliegt, ich kann nicht länger säumen! Leb' wohl, und wenn
Du....«
Er vermochte nicht weiter zu reden, Thränen erstickten seine Stimme;
aber er hatte auch das Uebermenschliche geleistet, und die Jungfrau an
sich ziehend, preßte er einen heftigen Kuß auf ihre Lippen. In demselben
Augenblick fühlte er sich aber auch von Rebekka's Armen in wilder
Leidenschaft umschlungen.
»Bruno,« flüsterte sie, indem sie ihn fest an sich preßte, »wenn Du mich
verläßt, sterbe ich.«
»Gott der Gerechte!« rief die Mutter, die ebenfalls aufgesprungen war
und vor Verwunderung die Hände zusammenschlug.
»Herr Lieutenant,« sagte da die kalte, ruhige Stimme Salomon's, »es wird
Zeit, daß Sie aufbrechen; es ist halb sechs Uhr vorüber, und wir haben
noch unten ein kleines Geschäft mit einander abzumachen.«
»Salomon,« hauchte der junge Mann, sich verstört, wie aus einem Traum
emporrichtend -- »zürnen Sie mir nicht....«
»Ich habe gehört,« fuhr der alte Mann ruhig, aber doch mit bewegter
Stimme fort, »was die Rebekka gesagt hat, und habe gehört, was Sie
gesagt haben. Ich hatte anfangs geglaubt, Sie wollten über 'was Anderes
mit dem Mädel sprechen. Es hätt' Ihnen nichts geholfen, Herr Baron; aber
-- nehmen Sie mir den Verdacht nicht übel -- Sie sind ein Ehrenmann, und
ich hoffe, Sie werden nicht abreisen und das gegebene Ehrenwort derweil
auf mich übertragen.«
»Salomon!«
»Bitte, kommen Sie herunter, es liegt Alles bereit, und Dinte und Feder
steht daneben; wir brauchen keine zwei Minuten damit zu versäumen. Sie
wissen doch um sechs Uhr.«
»Und er kehrt zurück, Vater?«
»Wird er zurückkehren, wenn er sein Wort hält, und ich glaube, er thut's
-- meinetwegen -- und vielleicht auch Deinetwegen.«
»Salomon, wie soll ich Euch danken.«
»Ein Kunststück,« lachte der alte Mann still vor sich hin, »das wär'
leicht genug -- aber wir vertrödeln die kostbare Zeit. Er kommt wieder,
Rebekka, ich versprech' Dir's, und Du weißt, _ich_ halte mein Wort.«
»Und ich auch, Salomon, so wahr sich ein Himmel über uns wölbt!« rief
der junge Officier leidenschaftlich, indem er das schöne Mädchen noch
einmal an sich preßte und einen leisen Kuß auf ihre Stirn drückte. Der
alte Salomon seufzte tief auf, aber er sprach nichts mehr hinein, und
den jungen Mann nur bei der Hand nehmend, führte er ihn aus der Stube
hinaus, die etwas dunkle Treppe hinab in das Gewölbe.
Die Läden waren schon geschlossen; es brannte nur ein Licht auf dem
Tisch. Dort blieb der Mann stehen.
»Der alte Salomon hat sich zum ersten Mal in seinem Leben verrechnet,«
sagte er. »Wie ich Ihnen das Geld verweigerte und Sie mich fragten, ob
Sie zu der Rebekka hinaufgehen dürften, glaubte ich, daß Sie das Mädel
um das Geld drängen würden -- ich hatt' es gehofft, denn leider hab' ich
schon lange fühlen müssen, daß sie mehr an Ihnen hing, als ihr und mir
gut war. Das aber hätt' sie curirt und es wär' aus und vorbei gewesen
mit dem Baron und der Tochter des alten Juden. -- Es ist anders
gekommen. Die Liebe ist aufgeschlagen wie eine Flamme aus lodernder
Scheune -- und ob das ein himmlisches oder ein verderbliches Feuer wird
-- die Zeit muß es lehren.«
»Salomon -- haltet Ihr mich für einen ehrlichen Mann?«
»Lieber Gott,« sagte der Jude, »wie haißt -- Sie sind ein Baron und von
altem Adel, und wie es einmal werden soll, der Herr da oben weiß es
-- doch es wird spät. Hier, Herr Baron,« fuhr er fort, indem er mit
langsamen Zügen einen Wechsel ausfüllte, »Geld hab' ich nicht so viel im
Haus -- besonders kein Gold -- aber das Papier hier, mit dem Namen vom
alten Salomon darunter, ist in der ganzen Stadt so gut wie Gold. So,
und hier auf den Zettel schreiben Sie: »von Isaak Salomon 200 Lujedor --
schreibe zweihundert Lujedor mit fünf Procent Zinsen geborgt erhalten zu
haben, bescheinigt« -- und Ihren Namen darunter.«
»Salomon....«
»Es wird gleich sechs Uhr schlagen -- wozu das viele Reden -- wo ich
mein eigenes Kind riskire -- was liegt an dem Geld!«
»Ich werde Euch das nie vergessen!«
»Wär' mir auch nicht lieb,« nickte der Alte, indem er den rasch
geschriebenen Schein gegen das Licht hielt und dann wegschloß. »Und
jetzt leben Sie wohl! Warten Sie, ich lasse Sie gleich durch den Hof auf
die Straße, vorn ist zu.«
»Mein lieber, braver Salomon!«
»Auf Wiedersehen, Herr Baron, auf Wiedersehen!«
Und der alte Mann drängte ihn selber hinaus auf die Straße; dann ging er
zurück in den Laden, schloß den Geldschrank und schob den Schlüssel in
die Tasche, löschte das Licht aus, kniete neben dem Stuhl, an dem er
stand, nieder und betete da im Dunkeln, allein mit seinem Gott, heiß und
brünstig.
8.
Der Familienball.
Am Mittwoch Abend war große Gesellschaft beim Staatsanwalt Witte,
allerdings nicht zu dessen eigenem Vergnügen, denn er haßte nichts
mehr auf der Welt -- einen schlechten Proceß ausgenommen --, als derlei
sogenannte Vergnügungen oder Festlichkeiten, die das eigene Haus
schon auf drei, vier Tage vorher auf den Kopf stellen und jede eigene
Bequemlichkeit aus dem Fenster werfen. Er hatte auch gewünscht, daß
sie das Ganze in einem Hotel arrangiren möchten, wo sich nicht allein
passendere Räumlichkeiten fanden, sondern auch die Leute darauf
eingerichtet waren, und er dann Abends, nach überstandenem Genusse,
augenblicklich wieder in seine alte Ordnung und Ruhe zurückkehren
konnte. Es kostete allerdings eine Kleinigkeit mehr -- und das
vielleicht nicht einmal. Wenn man aber all' die Unruhe und Aufregung und
die vielen fremden Leute rechnete, die man gezwungen war zur Bedienung
in das Haus zu nehmen, so konnte das gar nicht in Betracht kommen. Er
wurde jedoch im Familienrath überstimmt, denn Frau wie Tochter hatten
es sich einmal in den Kopf gesetzt, die kleine Festlichkeit auch in den
eigenen Räumen zu geben, selbst wenn diese etwas beschränkt waren.
Ein Hotel -- dort war die Frau Staatsanwalt weiter nichts, als was ihr
Titel besagte, aber nicht die Hausfrau, und Ottilie nicht die Tochter
vom Hause. Man bewegte sich in fremden Sälen genau so, als ob man wo
anders zu Gaste gewesen wäre, und viele der Eingeladenen wurden sich am
Ende nicht einmal recht klar, wem sie die Einladung verdankten: dem, der
die Karten geschickt, oder vielleicht einem Andern, für den er das nur
besorgt hatte; ja, es konnte eben so gut eine »Actien-Gesellschaft«
sein, wo sich Mehrere zusammengethan, um ihre Freunde und Bekannten
einmal »abzufüttern.« Da lieber nicht -- die Frau Staatsanwalt erklärte,
daß sie ihrem Manne »den Gefallen gethan habe,« die Freunde zu sich zu
bitten (sie hatte ihn nämlich bis auf's Blut gequält und immer wieder
erinnert und gebohrt, bis sie seine Einwilligung bekam), nun aber wolle
sie die Sache auch ordentlich in's Werk setzen, wie sich's gehöre, und
nicht halb und stückweise.
Dabei blieb es natürlich, denn der Staatsanwalt war eben nur ein Anwalt,
kein Richter, besonders in seinem eigenen Hause, und hatte dafür das
Vergnügen, daß ihm schon zwei Tage vor dem eigentlichen Festabend
sein Studirzimmer selber, aus Mangel an Raum, mit denjenigen Möbeln
vollgepfropft und verstellt wurde, die aus dem Salon und anderen
Nebenpiècen ausgeräumt werden mußten, um Platz für Seitentische und den
Tanzraum zu schaffen. Er protestirte allerdings dagegen und behauptete
thörichter Weise, daß er zu seinen Bücher-Regalen freien Zugang haben
müsse, weil er nicht wissen könne, welches er gerade brauche; aber
was half es ihm! Seine Frau bewies ihm, daß die Sache nicht anders zu
arrangiren sei; er habe den Ball einmal gewollt, und nun müsse er
auch die Folgen tragen. Mit einem Seufzer fügte er sich deshalb in das
Unvermeidliche.
Witte's Unglück war, daß seine Frau für den Adel schwärmte. Sie
behauptete selber, im vierten oder fünften Zweig ihres Stammbaumes aus
einer edlen Familie abzuleiten, aus welcher eine ihrer Vormütter -- Gott
vergebe es ihr -- einmal eine Mesalliance gemacht. Für sie hatte denn
auch nur der Adel Werth, und sie begriff eigentlich manchmal in stillen
Stunden selber nicht, weshalb sie einen Bürgerlichen geheirathet hatte.
Witte mußte jedenfalls in seiner Jugendzeit zu unwiderstehlich gewesen
sein, und an der Sache war auch überhaupt nichts mehr zu ändern. Aber
sie suchte sich wenigstens ihre Umgebung am liebsten unter dem Adel auf,
und ihr Lieblingsgedanke blieb immer der: ihre Ottilie doch jedenfalls
wieder gesetzlich und berechtigt in die Kreise und den Rang einzuführen,
aus dem jene besagte Vormutter freiwillig und leichtsinniger Weise
ausgetreten, das heißt, sie an einen Baron zu verheirathen.