nicht in der Stimmung, lange Geschichten anzuhören, »alle Ihre
Erzählungen helfen mir gar nichts, wenn Sie nicht Geld schaffen können!«
»Aber sie erläutern den Fall.«
»Der Fall ist schon so klar wie Krystall; ich brauche zweihundert
Louisd'or, um ein Pferd zu bezahlen. Haben Sie so viel?«
»Nöthig, ja, lieber Freund,« erwiederte Frühbach, sich ausnahmsweise
einmal kurz und bündig fassend, »aber nicht baar.«
»Und können Sie mir dieselben auch nicht verschaffen?«
»Ich wüßte nicht wo.«
»Dann leben Sie recht wohl,« nickte ihm der Lieutenant zu, indem er sich
dabei ohne weitere Umstände von ihm frei machte und rechts ab in eine
der Seitenstraßen bog. Rath Frühbach schien auch einen Moment nicht
übel Lust zu haben, ihm zu folgen, denn gewöhnlich ließ er seine
Schlachtopfer nicht so rasch wieder frei; aber bei näherer Ueberlegung
stand er doch davon ab. Der Lieutenant brauchte Geld, und solchen Leuten
geht man eher aus dem Wege, als daß man sie aufsucht.
Der junge Baron kümmerte sich indessen nicht weiter um seinen Begleiter,
sondern schritt auf ihm allerdings wohlbekannten Pfaden zuerst eine
schmale Gasse entlang, tauchte dann rechts in einen Durchgang und
gerieth hier in ein Viertel der Stadt, das vorzugsweise Bekenner der
mosaischen Religion zu Insassen zu haben schien. Da war Laden neben
Laden, jeder einzeln aus einem kleinen, dunkeln Käfterchen bestehend und
mit Waaren vollgestopft, die man sich nicht bunter hätte denken können.
Da standen alte Bettladen vor der Thür, mit schauerlichen, bunt gemalten
Lithographien darüber; da hingen verrostete Flinten und zerbrochene
Pulverhörner, alte, getragene Kleider und Stiefel; da standen Porzellan
und Steingut friedlich neben eisernen Kochtöpfen und Stutzuhren, da
lagen Messer und Gabeln, Terzerole, Kämme, Hosenträger und Gott weiß was
Alles bei einander, und in den kleinen, wohl kaum je geputzten Fenstern
prangten zerknitterte Blumen, die vielleicht einst ein bildhübsches
Mädchen zuerst beim Tanze getragen, unechter Schmuck, Halsketten mit
Halbmonden und Kreuzen, und dazwischen war gewöhnlich eine Tafel
von Pappe angebracht, auf welcher schreckbar aussehende, vergilbte,
zerbrochene Cigarren verkünden sollten, daß auch dieser Geschäftszweig
-- und welcher nicht? -- hier vertreten wäre.
Gleich daneben war ein Fleischerladen, nicht größer und nicht reinlicher
oder heller als die Rumpelbuden, mit kleinen Papieren auf das
Fleisch geheftet, auf welchen hebräische Zeichen standen. Auch
die Aushängeschilder waren in dieser wie in deutscher Sprache, und
entsetzlich schmutzige Kinder balgten sich auf der Gasse herum,
oder wurden von genau solchen Müttern aus irgend einem in allen
Regenbogenfarben schillernden Fenster des ersten Stocks zur Ordnung
gerufen.
Der Baron durchschritt auch die enge Gasse mit einiger Vorsicht,
besonders wenn sich irgendwo ein Fenster öffnete, denn er wußte
aus Erfahrung, daß die Bewohner dieser Spelunken gerade nicht sehr
wählerisch in den Gegenständen waren, die sie zuweilen von oben herab
auf die Straße schütteten. Er selber aber, obgleich ein Officier in
diese Umgebung allerdings nicht paßte, schien hier nicht die geringste
Aufmerksamkeit zu erregen. Es war eben nichts so Seltenes, daß sich sehr
anständig gekleidete Herren, in Uniform wie in Civil, in dieses Viertel
verloren, und wenn sie auch nichts von den da aufgestellten Waaren
gebrauchen konnten, wurde doch manches »Geschäft« mit den Eigenthümern
derselben abgemacht. Wer konnte diesen verwehren, daß sie auf Uhren oder
sonstige Pretiosen Geld verborgten! Und Mancher, der sich scheute, offen
in das städtische Leihhaus zu gehen, suchte dringenden Bedürfnissen hier
ganz im Geheimen, wenn auch mit etwas größeren Opfern, abzuhelfen.
Das aber galt doch nur für kleine, unbedeutende Verlegenheiten,
wenigstens für solche, die eine geringe Summe betrafen. Bruno von
Wendelsheim brauchte aber mehr, und kannte auch genau die Quelle, zu der
er gehen mußte. Und trotzdem ging er den Weg mit schwerem Herzen, denn
gerade dem Manne gegenüber fühlte er sich unbehaglich, gerade diese
Schwelle hätte er nicht mit einem Ansuchen um Geld mehr überschritten,
wie er es früher so oft gethan, wenn ihm nur eben eine Wahl geblieben
wäre; aber es half ihm nichts, er mußte.
Die enge Gasse hatte er jetzt durchschritten, in welcher das Proletariat
dieser Bevölkerung zu leben schien. Hier kreuzte sie eine andere Straße,
und sie nahm von da ab einen andern Namen an und wurde breiter.
Die Namen der Schilder gehörten allerdings noch ganz entschieden
israelitischer Abkunft an; da gab es einen Oppenheimer und Hirsch, einen
Goldmeier und Levy, einen Süß und Rosenstengel, aber die Läden wurden
eleganter und die Häuser reinlicher und sahen wohnlicher aus. Da
waren Ausschnittläden und Materialwaaren-Handlungen, rechts stand eine
Druckerei und gegenüber wohnte ein Geldwechsler, aber ein Geschäft
betrieb jedes Haus, und die unteren Räume nahm bei allen ein oder das
andere Verkaufslocal ein. Der junge Officier schritt aber immer noch
hindurch, bis er fast das Ende der Straße erreichte, und dort erst
betrat er gleich darauf einen Laden, der wohl auch eine wunderliche
Mischung von Dingen zeigte, aber sich nicht mit dem Abwurf des
gewöhnlichen Lebens beschäftigte.
Es war ein großes Kreuzgewölbe, mit einem dicken steinernen Pfeiler
in der Mitte, und sah allerdings so aus, als ob es weit eher zu dem
Refectorium eines Klosters, als zu seiner jetzigen Bestimmung gepaßt
hätte. Der Hintergrund blieb auch düster, obgleich ihm vorn zwei hohe
Bogenfenster Licht gaben. Der ganze Raum zeigte sich aber mit Dingen
gefüllt, die der Umgebung allerdings entsprachen und fast sämmtlich
vergangenen Jahrhunderten zugehören mußten. Da waren alte, wunderlich
geformte und gemalte Vasen, mit Silber und Elfenbein eingelegte
Kasten, riesige, echt beschlagene Trinkhörner, kostbare, aber ebenfalls
alterthümliche Waffen, chinesische und japanische Schnitzereien
und Lackarbeiten, prachtvolle, aber schon angerauchte alte
Meerschaumpfeifenköpfe, Bernsteinspitzen vom größten Umfange; dann
Rüstungsstücke, mit Silber eingelegte Panzerhemden, Spazierstöcke mit
mächtigen Amethysten oder anderen edlen Steinen als Knopf, Theebretter
mit kostbaren Malereien, Tabaksdosen mit in Brillanten eingelegten
Namenschiffern und Kronen, Thee-Service in Rococoform, kurz alles nur
Erdenkliche, was in dieses Fach schlug und aus allen Theilen der Erde,
von allen Völkern hier versammelt schien.
Der Baron kannte den Platz, und als er ihn erreicht, war es fast, als ob
sein Fuß einen Moment zögerte. Aber was half ihm unschlüssiges Besinnen
-- da drinnen lag seine letzte Hoffnung, und es nützte ihm wahrlich
nichts, den Entscheid nur hinauszuschieben. Wenn er jetzt auch
vorbeigegangen wäre, weiter oben hätte er doch umdrehen und hieher
zurückkehren müssen. So denn, die Zähne fest zusammengebissen, schritt
er auf die Thür zu, warf noch einen raschen Blick nach rechts und links
hinüber, ob er nicht doch vielleicht zufällig jemand Bekanntes sähe, was
ihm wahrscheinlich nicht lieb gewesen wäre, und trat dann schnell ein.
Der Laden war indeß nicht leer von Besuchern, wie er anfangs geglaubt,
denn der alte Mann, der Eigenthümer desselben, stand ziemlich im
Hintergrund mit einer kleinen, corpulenten und wunderlich gekleideten
Gestalt. Das Geschäft mußte aber beendet oder gar nicht entrirt sein,
denn wie er jetzt entschlossen nach hinten schritt, hörte er nur noch,
daß der alte Salomon sagte:
»Nein, lieber Freund, thut mir leid, mache gern Geschäfte, aber nicht
solche und mit unbekannten Leuten.«
Der Kleine flüsterte etwas dagegen; der Alte schüttelte aber mit dem
Kopf und fuhr fort: »Würde Ihnen auch nichts helfen; derlei Sachen kaufe
ich nicht, ist auch nicht mein Geschäft, als ich nur offen und ehrlich
handele mit guten, reellen Waaren. Sollte mich aber gar nicht wundern,
wenn Sie in der Straße weiter unten einen Käufer finden; _ich_ mag
nichts damit zu thun haben.«
Dem kleinen Mann schien die Gegenwart eines Dritten nicht besonders
angenehm. Der Baron merkte auch, daß er etwas in ein rothbaumwollenes
Tuch einschlug und dann unter den Arm nahm. Er erwiederte aber nichts
weiter, drehte sich ab und glitt dann an dem Lieutenant, an dem er einen
halbscheuen Blick hinaufwarf, vorüber, der Thür zu. Dem Baron war es
auch fast, als ob er ihn gegrüßt hätte, das konnte aber auch vielleicht
Verlegenheit oder allgemeine Höflichkeit gewesen sein, und überdies
fühlte er sich gerade nicht in der Stimmung, darauf zu achten oder den
Gruß zu erwiedern. Er sah sich nach dem Davonschleichenden, der aber von
dem alten Händler fest im Auge behalten wurde, bis er die Thür hinter
sich in's Schloß drückte, auch gar nicht um, und nun auf Salomon
zuschreitend, streckte er ihm die Hand entgegen und sagte freundlicher,
als er bis dahin ausgesehen:
»Nun, wie geht's, alter Freund -- immer noch auf dem Zeug?«
»Gott der Gerechte, der Herr Baron!« sagte der Mann mit einem eigenen,
fast wehmüthigen Lächeln, die dargebotene Hand aber nehmend und
schüttelnd. »Hab' ich doch beinah' geglaubt, daß Sie vergessen hätten,
wo der alte Salomon wohnt. Es muß ein Menschenalter sein, daß wir
einander nicht gesehen haben.«
»Nun so lange doch wohl nicht, Salomon,« sagte der Baron halb verlegen,
»ich dächte, es könnten kaum vier Wochen sein.«
»Wie Sie recht haben,« sagte der Alte, sich mit dem dritten Finger der
linken Hand vor die Stirn klopfend. »Aber das Gedächtniß wird schwach,
Herr Baron, das Gedächtniß wird schwach. 's ist ja wahr, vor vier Wochen
etwa, wo Sie mir die Ehre gaben, ein kleines Geschäft mit mir zu machen.
Gott der Gerechte, wie schlecht die Zeiten seitdem geworden sind!«
»Und wie geht es Ihrer Fräulein Tochter?«
»Danke der Nachfrage, Herr Baron -- aber wollen Sie nicht ein wenig
Platz nehmen bei einem alten Manne -- der liebe Gott sei gepriesen,
recht gut geht's ihr! Sie blüht wie ein Röschen im Moos, und der Herr
hat mich Freude erleben lassen an dem Kind; nur in der letzten Zeit
ist sie leidend gewesen. Hat ihr nichts gefehlt im Körper, ist sie blos
gewesen schwermüthig und betrübt, wie junge Mädchen haben ja manchmal
die Laune. Es ist ein gutes, liebes Kind, aber mit viel Gefühl, zu viel
Gefühl für Unsereinen -- möge sie mir noch lange erhalten bleiben.«
»Sie erlauben mir doch vielleicht, daß ich sie nachher begrüßen darf?«
sagte Wendelsheim, immer noch mit einer gewissen Empfindung, das, was
ihn eigentlich hieher geführt, so lange als möglich hinauszuschieben.
Der alte Mann zögerte einen Moment mit der Antwort; endlich sagte er,
still vor sich hin mit dem Kopf nickend: »Sie hält viel auf den Herrn
Baron und hat oft gesagt, er hätte versprochen, einmal wieder zu kommen
und mit ihr zu musiciren. Wie haißt? hab' ich gesagt -- der Herr Baron
hat zu thun, wird er nicht haben so viel Zeit, sich zu Dir herzusetzen
und Musik zu machen.«
»Es ist wahr,« sagte der junge Mann, »ich hatte ihr versprochen, bald
wieder zu kommen und ihr die Schubert'schen Lieder zu accompagniren; ich
hatte aber wirklich so viel zu thun...«
»Nu, wer hat nicht zu thun?« sagte der alte Mann. »Ist ein Kunststück.
Sie haben zu thun in Ihrer, wir in unserer Art; jeder Mensch hat zu thun
und kann nicht immer auf Zeitvertreib denken.«
»Ich hoffe aber, jetzt öfter kommen zu können.«
»Versprechen Sie nichts, Herr Baron, besonders der Rebekka nichts, denn
man weiß nicht immer, ob man's halten kann, und das Warten macht nachher
müde. Es giebt kaum was Schlimmeres auf der Welt, als warten.«
»Ja,« sagte der Baron etwas zerstreut; »aber -- was ich gleich sagen
wollte -- ich bin noch so weit in Ihrer Schuld, lieber Salomon...«
»Da giebt's ein Mittel, das zu ändern,« lächelte der Alte.
»Ein Mittel?«
»Nun, Sie zahlen eben.«
»Ja so, -- gewiß -- das ist wahr -- aber...«
»Nun, ich habe Sie noch nicht gedrängt,« erwiederte der Händler. »Unser
Contract lautet: bei Zurücklegung Ihres vierundzwanzigsten Jahres, wann
wird ausgezahlt werden die Erbschaft. Gott Abraham's, es ist viel für
mich, aber Ihnen wird es dann nicht weh thun!«
»Aber wenn ich heute noch um weitere Vorschüsse käme?«
»Heute?« sagte der Alte, etwas verlegen auf seinem Stuhl umherrückend.
»Der Herr Baron werden gewiß einem alten Mann nicht mehr aufbürden,
als er tragen kann, und es sollte mir leid thun, Ihnen eine abschlägige
Antwort zu geben.«
»Aber ich muß heute Geld haben, Salomon!« rief Wendelsheim, also
gedrängt und in die Enge getrieben. »Ich brauche bis heute Abend sechs
Uhr zweihundert Louisd'or...«
»Gott der Gerechte, was ein Geld!«
»Die zu der bestimmten Frist zu zahlen, ich mein Ehrenwort gegeben habe.
Als Officier muß ich das einlösen oder meinen Abschied nehmen.«
»Wär' kein Unglück,« sagte Salomon; »wenn Sie die Hunderttausende
erben, was thun Sie mit der Lieutenants-Gage? Sie reicht nicht einmal zu
Taschengeld.«
»Aber ich bin auch zugleich beschimpft.«
»Es ist ein sonderbar Ding,« sagte der alte Jude, langsam dazu mit dem
Kopf nickend, »daß sich die Menschen ein Wort so hoch hinstellen und
so verehren, und dann nachher doch so leichtsinnig damit umgehen. Ich
versteh's nicht und kann's nicht begreifen. Aber haben Sie vielleicht
für einen guten Freund oder Verwandten, der in großer Noth und Gefahr
war, gutgesagt, Herr Baron, daß Sie das viele Geld brauchen, oder haben
Sie -- Gott will's verhüten! -- gespielt?«
»Nein, Salomon,« sagte der Baron, »gespielt habe ich nicht. Ich
versprach Euch ja bei dem letzten Anlehen, nicht zu spielen; aber --
mein Pferd war schlecht, ich mußte ein anderes Thier haben, und der
englische Lord, der hier kürzlich seinen Marstall verkaufte, hatte einen
so wundervollen Fuchs...«
»Für zweihundert Lujedor?« rief der alte Mann, seine Hände vor
Verwunderung zusammenschlagend.
»Es ist ein Spottpreis für das Pferd,« rief der Lieutenant, »und ich
konnte es mir nicht entgehen lassen! Die Kaufbedingungen waren aber
baar Geld, oder letzter Zahlungstermin heute Abend unter Garantie. Mein
Ehrenwort wurde natürlich als solche genommen, und ich bekam das Pferd.«
»Zweihundert Lujedor für ein Pferd,« sagte Salomon noch immer
kopfschüttelnd über den Gedanken, »und wenn Sie drauf sitzen und
es stolpert und bricht ein Bein, so sind die zweihundert Lujedors
mitgebrochen und kapores. Man sollt's nicht glauben, wenn man's nicht
mit eigenen Ohren hörte.«
»Und kann ich das Geld bekommen, Salomon?«
Der alte Mann hörte nicht auf zu schütteln. »Herr Baron,« sagte er
endlich, »Sie wissen, daß ich Ihnen bin gefällig gewesen, wo ich konnte,
aber -- es hat Alles seine Grenzen -- auch mein Geldbeutel. Ich bin kein
armer Mann, der Herr hat meine Arbeit und meinen Fleiß gesegnet; aber
in den Waaren steckt viel Geld, und wenig Leute kommen, die kaufen. Wer
soll sorgen für meine alten Tage, wenn ich's nicht thue? Keine Seele.
Was kümmert sie der alte Salomon!«
»Aber das Geld ist Euch doch sicher, Salomon.«
»Weiß ich nicht,« sagte der alte Mann entschlossen, »denn es ist keine
Erbschaft wie sonst, sondern noch in den Händen des Gerichts und an
Bedingungen geknüpft.«
»Die aber in so kurzer Zeit gelöst sind.«
»Weiß ich wieder nicht,« sagte der Alte. »Der Herr Baron sind Officier,
und die Herren Officiere haben einen starken Begriff von Ehre. Es
darf Einer dem Andern aus Versehen auf den Fuß treten und sich nicht
entschuldigen -- und, Gott der Gerechte, was für ein Unglück! -- und sie
gehen hinaus und schießen mit geladene Pistolen auf einander. Der Herr
Baron kann in den paar Wochen auf dem theuern Pferd ausreiten und fallen
und den Hals brechen, und geb' ich das Geld, so bricht der Herr Baron
den Hals nicht, aber der alte Salomon bricht ihn.«
»Aber ich werde mich gewiß in der Zeit sehr in Acht nehmen, Salomon. Ich
weiß ja doch, was für mich und die Meinen davon abhängt.«
»Ist recht schön von Ihnen,« erwiederte der alte Mann, »aber ich stecke
schon tief genug in der Geschichte drin, und mehr noch zu riskiren, wäre
nicht klug gehandelt, selbst angenommen, daß ich das Geld hätte, was
aber, soll mir Gott helfen, nicht der Fall ist. Wenn Sie ein Haus
versichern bei einer Gesellschaft, so nimmt sie die Versicherung nur zu
einem bestimmten Werth, nicht mehr. Ich bin schon weiter gegangen. Als
ich habe nachgesehen meine Bücher am letzten Ersten, habe ich gefunden
große Summen hinter dem Herrn Baron seinen Namen, und alle auf der
einen Seite -- war doch die andere blank und rein, eine wahre
Papierverschwendung. Auf die Seite geht noch viel, auf die andere nichts
mehr, oder der Salomon könnt's nicht verantworten vor Weib und Kind
und dem Gott seiner Väter, als ich will bleiben gesund -- das ist mein
letztes Wort.«
»Aber, Salomon,« rief der Officier in Todesangst, »ich habe keinen
Menschen weiter auf der Welt, von dem ich heute noch so viel Geld
bekommen könnte, und ich muß es haben, oder ich weiß nicht, was ich
thue! Ihr treibt mich zur Verzweiflung, und mir bleibt nichts Anderes
übrig als....«
»Drohen Sie nicht mit einer Sache, junger Mann,« sagte der alte Jude
ernst, »wo der Gedanke, noch nicht einmal ausgesprochen, schon Sünde
ist vor dem Thron des Höchsten. Denken Sie an Ihren Vater, an Ihre todte
Mutter, denken Sie an die Leute, die Ihnen vertraut haben, wenn auch
ohne gegebenes Ehrenwort, doch mit gedachtem, und die Sie auf die Weise
nicht bezahlen können. Sie sind noch jung, und ein Fehler ist in Ihrem
Alter leicht wieder gut gemacht -- aber das müssen Sie selber thun --
ich nicht --, und doch verlangen Sie's von mir.«
Der Officier saß vor ihm, die rechte Faust auf seinem Knie geballt, die
Augen stier und düster am Boden haftend. Ein Gedanke, wie ein Blitz,
schoß ihm durch die Seele. Noch war Hoffnung. Rebekka, des Juden
Tochter, hatte ihn lieb, das wußte er, und wenn er oft mit dem wunderbar
schönen Mädchen getändelt, traf ihn manchmal ein Blick aus ihren
schwarzen Augen, der ihm in die Seele schnitt. Er mied sie auch deshalb,
denn er war nicht schlecht, und wollte keine Neigung erwecken, die er,
wie er glaubte, doch nie erwiedern durfte. Aber jetzt galt es, ihn aus
einer wirklichen Noth zu erretten, und zwar einer Summe wegen, die er
ja in wenigen Monden schon mit reichen Zinsen zurückzahlen konnte und
wollte. -- Sie mußte ihm helfen, den Vater zu erweichen, und sie that
es, denn mit dem Alten war, nach dem letzten Schwure, den er gethan,
kein Wort weiter zu reden, das wußte er gut genug.
»Ihr seid hart heute, Salomon,« sagte er endlich, »hart und zäh, wie ich
Euch nie gefunden....«
»Schade für mich,« sagte der Alte störrisch.
»Ich weiß auch im Augenblick nicht, wie ich mir helfen soll, wenn Ihr
mich im Stiche laßt. Ich muß Zeit zum Ueberlegen haben, und es ist das
Beste, daß ich gehe....«
»Thut mir leid,« sagte der alte Mann, »den Herrn Baron umsonst den
weiten Weg haben machen zu lassen; aber soll mir Gott helfen, ich kann
nicht anders. Ich habe mehr für Sie gethan, als für einen andern fremden
Menschen auf der Welt; aber eine Grenze muß sein, und wir stehen dran.«
»Es ist möglich, Salomon,« sagte der junge Mann, »daß wir uns jetzt
in längerer Zeit nicht sehen. Erlauben Sie mir, Ihre Tochter noch zu
begrüßen.«
Der Alte zögerte. »Gehen Sie,« sagte er endlich; »ihre Mutter ist oben,
ich kann jetzt noch nicht; es ist vier Uhr gerade, und ein Freund wollte
kommen, mit dem ich habe zu reden. Ich folge gleich nach, muß dann erst
zuschließen die Ladenthür, denn viel Gesindel treibt sich hier herum.«
»Ich werde vorausgehen.«
»Der Herr Baron wissen ja den Weg, die Treppe ist etwas dunkel; erst
vier Stufen, dann ein Absatz und dann drei. Fallen Sie nicht.«
»Ich kenne ja die Treppe -- also auf Wiedersehen, Salomon!« Und mit
schwerem Herzen schritt der junge Mann durch die Hinterthür über den Hof
und dort dem schmalen Eingang zu, der zu dem eigentlichen Wohnhaus des
alten Mannes hinaufführte.
7.
Rebekka.
Das Haus war von der Vorderseite, wenn auch massiv gebaut, doch
unscheinbar genug, denn den ganzen unteren Theil nahm der gewölbte
Laden ein, während die oberen Räume zu Speichern und Waarenläden benutzt
wurden und nicht einmal Fenster, sondern braune Laden zeigten. Eben so
schmal war der Hof; aber von dem Hintergebäude an erweiterte sich das
Grundstück, das hinter diesem einen wohl von Mauern eingeschlossenen,
aber doch freundlichen und auch nicht ganz kleinen Garten besaß. Auf der
Treppe herrschte allerdings kaum Dämmerlicht, und es erforderte einige
Geschicklichkeit, sich hinaufzufinden; oben aber verrieth eine sauber
angestrichene Glasthür die behäbigere Wohnung, und das Licht fiel hier
durch ein Fenster von dickem Glase schräg auf den Vorsaal hinab, in dem
sich drei Thüren öffneten.
Wendelsheim zog die Klingel; drinnen wurde der Vorhang etwas
zurückgeschoben, und er hörte die Stimme der Mutter.
»Gott der Gerechte, der Herr Baron -- Rebekkchen, der Herr Baron kommt!«
Zugleich wurde der Schlüssel umgedreht und die Kette zurückgeschlagen,
und die alte Frau begrüßte den jungen Officier mit einem tiefen Knix.
»Und darf ich eintreten, liebe Frau Salomon?«
»Mit dem größten Vergnügen, wenn Sie uns die Ehre anthun wollen.«
Die Frau war wirklich die Höflichkeit selber, denn erstens wirkte der
Name eines Barons doch immer auf sie ein, und dann hatte sie den jungen
Mann, der sich früher in ihrem Hause eingeführt und manche Stunde
dort in harmloser, geselliger Weise verbracht hatte, in der That
liebgewonnen.
Bruno schritt der Thür zu, wo er Rebekka wußte, und als er dort
anklopfte und ein leises, kaum hörbares Herein! vernahm, sah er sich
plötzlich dem Mädchen gegenüber, das schon seinen Namen draußen gehört
hatte und jetzt, ihn erwartend, mitten in der Stube stand. Aber auf der
Schwelle blieb er wie gefesselt halten, denn mehr einer überirdischen
Erscheinung als einem menschlichen Wesen glich das wunderbar schöne
Mädchen.
Ein langes weißes Gewand, nur in der Mitte durch einen blitzenden Gürtel
gehalten, umhüllte ihre schlanke Gestalt. In vollen, üppigen Locken fiel
ihr das rabenschwarze Haar auf den Nacken nieder, und aus dem jetzt
nur durch die Erregung bleichen Antlitz sahen ihn ein Paar große,
seelenvolle Augen an -- und diese Augen, dieser Blick, der ihn traf!
»Rebekka,« sagte der junge Officier, wirklich überrascht von dem
Anblick, denn so schön -- so ungewöhnlich schön hatte er das Mädchen
noch nie gesehen -- »wie freue ich mich, Sie wieder begrüßen zu dürfen!«
»Thun Sie das wirklich?« sagte sie mit leiser, zitternder Stimme. »O,
wenn ich das glauben dürfte!«
Er schritt auf sie zu und faßte ihre Hand -- sie war kalt und bebte in
der seinigen; er hatte sie sonst nur auf diese Weise begrüßt, heute
hob er unwillkürlich die feinen Finger an seine Lippen und preßte einen
heißen Kuß darauf.
»Und wie lange sind Sie ausgeblieben,« flüsterte Rebekka mit einem
leisen, aber doch so freundlichen Vorwurf im Tone; »wie hatte ich mich
darauf gefreut, daß Sie Ihr Versprechen halten und mit mir die Noten
durchgehen würden, die Sie mir geschickt.«
»Ich bekenne mich schuldig, mein Fräulein,« sagte der junge Mann, indem
er ihr voll in die klaren Augen schaute, während die ganze duftige
Gestalt des Mädchens vom Sonnenlicht wie übergossen schien; »aber ich
fürchte fast, daß ich trotzdem noch -- zu oft gekommen bin.«
»Was Sie für häßliche Wortspiele machen,« lächelte Rebekka, leicht
erröthend. »Wie kann man dahin, wo man gern gesehen ist, zu oft kommen?
Das verstehe ich nicht.«
»Und wenn es nun zu oft für mich wäre?«
»Das verstehe ich wieder nicht; wenn Sie gern kommen, und ich -- hätte
das doch so gern geglaubt --«
»Sie sind so lieb und gut, Rebekka,« sagte der junge Mann, »daß
Ihnen die Welt nur immer, wohin Sie schauen, Ihr eigenes Spiegelbild
zurückwirft. O, bleiben Sie so -- ich kann Ihnen nichts Weiteres
wünschen!«
»Sie sprechen heute wirklich in lauter Räthseln,« sagte kopfschüttelnd
das schöne Mädchen. »Aber wollen Sie nicht ablegen? Sie stehen da
so mitten in der Stube -- oder -- war das nur ein Besuch, den Sie im
Vorübergehen abmachen wollten, um vielleicht eine alte Verpflichtung
einzulösen?«