»Ja, kann ich mir denken; aber da laß die Finger von, mein Junge. Das

ist nichts für Unsereinen, und ein ehrlicher Handwerker soll sich auch

nicht einmal der Gefahr aussetzen, von dem vornehmen Volk abgewiesen zu

werden.«

»Aber wie Du nur gleich wieder bist, Vater,« sagte die Frau; »Fritz

ist ein ganz schmucker Bursche, und wer weiß denn, ob sich der Herr

Staatsanwalt nicht gerade deshalb so genau bei Dir nach uns erkundigt

hat. Lieber Gott, er ist doch auch kein Prinz und sie keine Prinzessin.«

»Ne, Alte, da hast Du recht,« sagte der Schlosser; »aber Gleich und

Gleich gesellt sich doch immer besser, und ich denke, der Alte hat

sich da auch schon sein Part ausgesucht -- oder vielmehr das junge Blut

selber. Wie ich gerade hinüber ging und anklopfen wollte, kam ein Herr

Lieutenant, der junge Baron Wendelsheim, aus der Stube, wo er den Damen

jedenfalls einen Besuch gemacht hatte, denn der Staatsanwalt war in

seinem Büreau; und wie er Adjes sagte, küßte er der Mamsell nicht allein

auf das zärtlichste die Hand, sondern sie wurde dabei auch über und über

roth und dachte gar nicht daran, sie wieder fortzuziehen, bis ich ihnen

wohl ein bischen in die Quere und nicht besonders gelegen kam.«

»Der junge Herr Baron von Wendelsheim?« sagte die Frau und ihr Blick

flog wie forschend nach Fritz hinüber.

»Na, der Alte küßt keinen hübschen jungen Mädchen mehr die Hand,« lachte

der Schlossermeister, »oder sie würden sich wenigstens nicht besonders

viel daraus machen. Es war der zierige Lieutenant, der immer den --

Rücken so dreht, wenn er geht, wie ein coquettes Frauenzimmer -- wir

haben so ein eigenes Sprichwort dafür. Ich weiß nicht, mein Geschmack

wär's nicht. Aber Du lieber Gott, das zweierlei Tuch hat schon manchem

sonst vernünftigen Mädel den Kopf verdreht und Unheil angerichtet. Weiß

der Himmel, wo's drin steckt; ich kann's nicht begreifen.«

»Nun, der Herr von Wendelsheim,« sagte die Mutter, »ist doch gewiß ein

ganz sauberer, hübscher Mensch, und so vornehm sieht er immer aus!«

»Hübscher Mensch!« lachte der alte Baumann; »er sieht genau so aus, wie

unser Karl da, mit derselben aufgestülpten Nase -- nur dümmer; und die

Haare hat er sich bis hinten in die Halsbinde hinunter gescheitelt

-- weiter kann man's nicht sehen. Uebrigens wär' er eine ganz famose

Partie, das ist richtig, denn er muß ja nächstens die große Erbschaft

heben; da giebt's nachher Geld wie Heu, und das können alle Menschen

gebrauchen, auch die Advocaten.«

»Und der machte bei Wittes Besuch?« fragte die Frau.

»Nun natürlich, und weshalb sollte er auch nicht? Ein Lieutenant hat

ja doch auf der Gotteswelt nichts weiter zu thun, und mit etwas muß der

liebe lange Tag todtgeschlagen werden.«

»Aber er war doch heute in Wendelsheim draußen,« sagte Fritz.

»Nun, das war etwa um zwölf Uhr, vielleicht wie er zurückkam. Aber woher

weißt Du das?«

»Ich war selber draußen.«

»Du, in Wendelsheim?« fragte die Mutter rasch und erstaunt. »Was hattest

Du denn da zu thun?«

»O, ich bin oft draußen,« sagte Fritz, »bei dem kranken jungen Baron.

Heute brachte ich ihm eine Maschine hinaus, die wir zusammengestellt

hatten. Das ist ein liebenswürdiger junger Herr, aber nur leider immer

so krank und schwächlich. Ich fürchte, ich fürchte, er macht's nicht

lange mehr, was mir recht leid um ihn thun sollte.«

»Es ist doch eigenthümlich,« sagte die Frau, »daß da weiter gar keine

Kinder sind. Wenn der nun auch noch stirbt, so erbt der Aelteste Alles.«

»Nun, und was hast Du darüber zu seufzen?« lachte ihr Mann. »Und der

Herr Lieutenant wird ebenfalls nicht böse darüber sein und schon wissen,

wohin er mit dem Gelde soll. Der bringt's bald unter die Leute, darauf

kannst Du Dich verlassen, denn Schulden hat er schon jetzt in der Stadt

wie Sand am Meere -- beinahe mehr noch, als sein Vater.«

»Gelobt sei Jesus Christus!« sagte in diesem Augenblicke eine etwas

scharfe Stimme in der Thür.

»Hol' Dich der Teufel!« beantwortete Meister Baumann etwas rauh und

lästerlich den frommen Gruß.

»Aber Baumann,« sagte die Frau, während der Schuhmacher Heßberger,

ein kleines, schwarzes Buch unter dem Arm, und nicht im mindesten

zurückgeschreckt, das Zimmer betrat -- »schämst Du Dich denn gar nicht?

Vor den Kindern und dem Lehrlinge solltest Du Dich doch wenigstens

geniren!«

»Ach was,« sagte Baumann ärgerlich, indem er sich das schwarze Käppchen

auf's eine Ohr schob: »Dein Schwager soll auch die albernen Faxen

lassen, denn er müßte doch nun nachgerade wissen, daß er bei mir damit

an den Unrechten kommt!«

»Du bist und bleibst ein Heide, Bruder Baumann,« sagte der Schuhmacher,

indem er näher zum Tisch trat und in den Bierkrug sah -- er war aber

geleert. »Ein gutes Wort sollte auch eine gute Statt finden, und ich

thue keinem Menschen damit weh.«

»Nicht weh?« sagte Baumann mürrisch. »Sand willst Du den Leuten damit in

die Augen streuen, Du alter Heuchler Du, weiter nichts, denn im Herzen

bist Du ein so durchtriebener Strick, wie's nur einen auf der Welt

giebt! Und woher kommst Du jetzt?«

»Aus der Kirche,« erwiederte Heßberger ruhig.

»Aus der Kirche? Am Werkeltag?«

»Aus der Abendstunde, die unser Herr Pastor hielt -- o, es war sehr

schön!«

»Und weshalb bist Du nicht dort geblieben?« lachte Baumann, der den

kleinen Schuster kopfschüttelnd betrachtete. -- Er sah auch in der That

komisch genug aus, denn er trug schwarze, ganz abgeschabte und an den

Knieen ordentlich glänzende Hosen, einen eben solchen, aber etwas zu

engen, besonders in den Aermeln zu kurzen Frack, eine weiße Halsbinde

und Weste und einen wahrhaft monströsen Seidenhut mit fuchsigem Deckel.

Die Kinder auf der Straße liefen ihm auch gewöhnlich nach, und wenn er

dann stehen blieb und ihnen einen grimmigen Blick zuschleuderte, hätte

man sich keine schönere Caricatur eines Menschen auf der Welt denken

können. -- »Junge, Junge, wie Du so da stehst, könnte man Dich, bei

Gott, für Geld sehen lassen -- es wär' der Mühe werth!«

»Bruder Baumann,« sagte der Schuster mit Würde, »Du redest wie Du es

eben verstehst. Wenn ich in ein Gotteshaus gehe, muß ich mich auch

anständig constimiren....«

»Und das nennst Du anständig....?«

»Und kann nicht einhergehen, als ob ich zu Bier ginge,« fuhr der

Schuhmacher unbekümmert fort.

»Und was willst Du?« sagte Baumann trocken.

»Nichts von Dir,« entgegnete Heßberger mit scharfem Ton; »nur meiner

Schwägerin Guten Abend sagen und dann den Staub wieder von meinen Füßen

schütteln.«

»Na, dann schüttele,« lachte Baumann; »je eher, desto lieber.«

»Aber Gottfried!« bat die Frau.

»Ach was,« rief der Schlosser ärgerlich, »er soll sich betragen wie ein

anderer vernünftiger Mensch, nachher wird er auch so behandelt; aber die

Firlefanzereien duld' ich nicht in meinem Hause und will nichts davon

wissen!«

Die Meisterin war praktischer Natur. Sie hatte dem Lehrjungen schon

ein Zweigroschenstück in die Hand gedrückt und mit dem Auge nach dem

Bierkrug hinüber gewinkt, und der fuhr auch, ohne daß der Meister auf

ihn Acht hatte, damit zur Thür hinaus.

»Na, Onkel Heßberger,« sagte da Karl, dem es selber leid that, den

kleinen Mann so rauh behandelt zu sehen, »so legen Sie doch wenigstens

ab und nehmen Sie sich einen Stuhl. Wie geht's zu Hause? Ist die Tante

wohl?«

»Danke, mein Sohn,« sagte der Schuhmacher, indem er der Einladung Folge

leistete -- denn das Verschwinden des Bierkruges war nicht unbeachtet

von ihm geblieben -- »leidlich wenigstens; sie hat aber heute wieder

über Land gemußt, um ein paar Patienten in Wendelsheim zu besuchen,

leider jedoch keine guten Nachrichten von dort mitgebracht.«

»Von Wendelsheim?« rief Fritz schnell. »Doch nicht vom Schlosse?«

»Ja, allerdings,« nickte der Schuhmacher mit einem wehmüthigen Blick

nach oben. »Des Herrn Hand ruht schwer auf dem stolzen Baron; sein

zweiter Sohn, der Benno....«

»Es ist ihm doch nichts geschehen?«

»Er hat heute Morgen einen furchtbaren Blutsturz bekommen und liegt am

Tode.«

»O, Du großer, allmächtiger Gott!« rief Fritz erschreckt aus. »Aber

das ist ja gar nicht möglich. Ich bin selber noch heute Morgen bei

ihm gewesen, und als ich fortging, hörte ich noch, wie er sich laut

unterhielt und fröhlich lachte.«

»Ganz richtig,« sagte der Schuhmacher; »nach dem Deschuneh war er in

den Garten spazieren gegangen, und da hat's ihm arrivirt. Er ist ja

auch elend von seiner Geburt an gewesen; seine ganze Constitution ist

corrumführt. Kurz und gut, er bekam plötzlich einen Blutsturz, und als

meine Frau, die unten zufällig im Dorfe war und davon hörte, hinauf

eilte, waren ihm schon die ganzen Extermitäten kalt.«

»Ach, das ist ja schrecklich,« stöhnte Fritz; »der arme junge Herr! Und

ich freute mich noch so, als ich fortging, daß er so vergnügt und heiter

war.«

»Ja, Du lieber Himmel,« sagte der Schuhmacher, »mit dem Menschen geht es

oftmals schnell zu Ende, und es weiß Keiner, wann ihm sein Brot gebacken

ist. Aber was thut's, der Freiherr hat ja noch immer den einen Sohn, und

der erbt jetzt die ganze Bescherung. Es soll ein heidenmäßiges Vermögen

sein.«

»Der arme Vater!« seufzte die Frau.

»Ja, das kann nichts helfen,« sagte Baumann; »der Tod sieht nicht

auf Rang und Stand und kehrt bei Armen und bei Reichen ein. Wer mag's

ändern!«

»Wir müssen Alle sterben,« sagte der Schuhmacher und schenkte sich von

dem Bier ein, das der Lehrling eben auf den Tisch stellte; »der Gerechte

mit dem Ungerechten, und erst dort werden die Schafe und Böcke gesondert

werden.«

»Na, Schwager Heßberger,« lachte Baumann wieder, der die Familie

Wendelsheim viel zu wenig kannte, um größeren Antheil an ihrem Verlust

zu nehmen, wie bei anderen fremden Menschen. »Du kommst zu den Böcken,

darauf kannst Du Dich verlassen; denn Du hast schon hier auf Erden so

lange bei den Schafen gestanden, daß Dir eine Veränderung ingrimmig Noth

thut.«

»Du redest, wie Du es verstehst, Bruder Baumann,« sagte Heßberger, indem

er sich noch einmal einschenkte. »Was ich aber gleich sagen wollte,

Schwägerin, meine Frau läßt Dich bitten, Du möchtest doch heute Abend

einmal zu ihr hinüber kommen; sie hätte Dir etwas zu sagen.«

»Und weshalb kommt sie da nicht her?« fragte Baumann. »Sie liegt ja doch

den ausgeschlagenen Tag auf der Straße.«

»Eben deshalb,« erwiederte ruhig der Schuhmacher, »weil sie so viel

herumzulaufen und bald da, bald dort eine Besorgniß zu machen hat, so

muß sie die wenige Zeit im Hause zusammennehmen und uns doch auch etwas

zu essen machen. Vom Canditer können wir es uns nicht holen lassen und

von Confett leben.«

»Na,« lachte Baumann, »dazu seid Ihr Beide nicht hübsch genug.«

»Was hat sie denn? Ist was vorgefallen?« fragte die Frau.

»Nicht daß ich wüßte,« sagte Heßberger kopfschüttelnd; »Du bist aber

auch so lange nicht bei uns gewesen, und wenn sie hieher kommt, kriegt

sie ewig mit Deinem Manne Streit.«

»Mit mir?« sagte Baumann. »Ich thu' ihr wahrhaftig nichts; aber sie soll

mir auch mit ihrem Kartenlegen und Prophezeien vom Leibe bleiben.«

»Na, Guten Abend denn miteinander!« sagte der Schuhmacher, indem er

wieder aufstand; »ich muß auch heim, sonst machen mir die verflixten

Jungen lauter dumme Streiche.« Und nach kurzem Gruß gegen die

Verwandtschaft nahm er sein Buch wieder unter den Arm, setzte den

riesigen Hut auf und stieg aus der Thür.

Baumann hatte ihm kopfschüttelnd zu- und nachgesehen und ließ den

Lehrjungen dann das Geschirr hinausräumen. Wie der draußen war, sagte er

finster: »Kathrine, Du darfst mir's glauben, der Heßberger, wenn er auch

Deine Schwester geheirathet hat und dadurch unser Schwager wurde, ist

ein Erzlump, und Deine leibliche Schwester -- bestärkt ihn nur darin.«

»Aber Gottfried!«

»Nein, nein,« winkte ihr Mann mit der Hand, »das ist der reine Betrug,

was die Beiden mitsammen treiben, und daß sie nur noch Esel finden, die

ihnen glauben und Geld bezahlen, das einzige Unglück bei der Sache.«

»Aber sie hat schon so viel vorhergesagt, was eingetroffen ist.«

»Bah, komm Du mir nicht auch etwa mit dem Unsinn! Wenn der Zufall einmal

sein Spiel hat, wird es ausgebeutet, und wenn es nicht eintrifft, eben

nicht weiter davon gesprochen. Ueberhaupt, Kathrine, es thut mir leid,

daß ich es sagen muß, denn es ist nun einmal Deine Schwester, aber der

Umgang mit ihr ist mir nicht lieb, und da Du lange Jahre fast gar

nicht mit ihr verkehrt hast, thut's mir leid, daß das jetzt wieder von

Frischem anfangen soll.«

»Sie meint es gewiß gut,« sagte die Frau mit einem recht aus tiefer

Brust herausgeholten Seufzer. Aber Baumann schüttelte auch dazu den

Kopf.

»Mit sich, ja, das geb' ich zu, aber nicht mit anderen Leuten,« sagte

er finster; »sie hat kein gutes Herz, das steht ihr schon in den Augen

geschrieben, und wenn sie Einen damit ansieht, kommt es mir immer so

vor, als ob sie durch und durch bohrte, um Alles zu errathen, was man

denkt.«

»Du kannst sie nun einmal nicht leiden, Gottfried.«

»Ehrlich gesagt, nein, und kein Mensch in der ganzen Stadt. Niemand hält

mit ihr Umgang, und wenn sie die vornehmen Weibsleute Nachts heimlich

besuchen, um sich von ihr die Karten legen zu lassen, oder wer weiß was

sonst für Mittel und Latwergen zu holen, so sitzt der augenverdrehende

Lump, der Heßberger, nebenan in der Stube bei seinem Leisten und brüllt

geistliche Lieder ab. Es ist rein zum Verrücktwerden, wenn man's nur mit

ansehen muß!«

»Aber kann ich's ändern, Gottfried? Ich habe auch schon dagegen

gesprochen...«

»Und sie hat auch keinen guten Einfluß auf Dich ausgeübt, Kathrine,«

fuhr der Mann, finster vor sich hin mit dem Kopfe nickend, fort.

»Das erste Jahr nach unserer Verheirathung warst Du ganz anders, bis

plötzlich Deine Schwester hieher zog und immer so viel mit Dir zu

erzählen und zu schaffen hatte. Nachher war's aus, und wie viel hast Du

damals nicht geweint, und wenn ich Dich fragte, was Du hättest, immer

nur gesagt, das Herz thäte Dir so weh und Du wüßtest eigentlich selber

nicht, weshalb Du weinen müßtest.«

»Aber, Gottfried, das ist gewiß nicht so arg gewesen.«

»Nicht so arg? Wie Du damals mit Deiner Schwester fort warst, um die

Erbschaft zu heben, und wieder zurückkamst, sahst Du mehr todt als

lebendig aus, und ich glaubte schon, Du würdest ganz ernstlich krank

werden. Der arme Junge, der Fritz, hatte auch darunter zu leiden, denn

der kam ganz von Kräften -- na, er scheint sich doch wieder aufgefuttert

zu haben. Jetzt war auch die langen Jahre Frieden, und ich habe Deine

Schwester über Jahr und Tag nicht einmal gesehen -- fangt mir deshalb

also nicht die alten Geschichten an, denn ich will von der Gesellschaft

nichts wissen, und wenn wir zehnmal mit einander verschwägert sind.«

»Wer weiß denn, was sie von mir will?« sagte die Frau, die bis dahin mit

im Schooße gefalteten Händen vor sich nieder gestarrt hatte. »Vielleicht

thut's ihr leid, daß wir so gar nicht zusammenkommen, und hart kann

ich doch nicht gegen sie sein; sie hat mir ja noch niemals 'was zu Leid

gethan und bleibt doch immer meine Schwester.«

Der alte Schlosser rückte wieder an seinem Mützchen. Recht war's ihm

nicht, aber er konnte der Frau auch nicht so ganz unrecht geben und

litt eben -- was er nicht verhindern mochte. Er war aber doch ärgerlich

geworden und mußte sich ein klein wenig zerstreuen; da war denn freilich

das Beste, daß er hinüber in den »Goldenen Stern« ging und noch ein Glas

gutes Bier trank. Nachher vergaß er all' die unangenehmen Sachen und

bekam wieder eine glatte Stirn.

6.

Der alte Salomon.

Lieutenant Bruno von Wendelsheim hatte seine Dienstwohnung eigentlich in

der Kaserne; da ihm das aber aus mancherlei Gründen nicht recht paßte,

so miethete er sich derselben gerade gegenüber ein kleines

freundliches Parterre-Logis mit Stallung, und führte dort eine

Junggesellen-Wirthschaft, in der es manchmal außerordentlich vergnügt

herging. -- Er sah aber heute Morgen nicht so vergnügt aus. Es konnte

kaum zehn Uhr sein, und er kam schon erhitzt und müde, mit bestaubten

Stiefeln, von einem Gang zurück, warf Mütze und Handschuhe auf den Tisch

und ging mit unterschlagenen Armen und finster zusammengezogenen Brauen

in seiner Stube auf und ab.

Die Sache war aber auch unangenehm, denn daß er, der Erbe eines so

ungeheuern Vermögens, ja eigentlich schon der Besitzer, da es sich nur

um Wochen handelte, jetzt seit drei Tagen fast vergebens in der Stadt

herumgelaufen sein sollte, um lumpige zweihundert Louisd'or zu bekommen,

schien fast unglaublich, ließ sich aber nicht abläugnen, denn die

Thatsache stand fest. Aber er mußte das Geld haben; er konnte sich nicht

so furchtbar blamiren, den Handel rückgängig zu machen -- der Verkäufer

wäre auch gar nicht darauf eingegangen --, und er zerbrach sich eben den

Kopf, wie er es am besten ermöglichen könne, ohne zu riesige Procente

zu zahlen, als der Briefträger draußen anpochte. Er kannte ihn schon am

Klopfen.

Der Herr Lieutenant wußte recht gut, daß ihm von daher keine Hülfe kam;

Correspondenz hatte er fast gar keine, und was ihm die Post in's Haus

schickte, waren beinahe nur eingesiegelte Rechnungen oder gar directe

Mahnbriefe. Er warf auch kaum einen Blick auf die drei oder vier

Couverts, die ihm der Bote auf den Tisch legte; aber plötzlich

haftete sein Auge auf einem der nicht so kunstgerecht wie die übrigen

zusammengelegten Schreiben, und er brach es, wie er sich nur wieder

allein sah, rasch auf. Die Adresse trug nur seinen Namen und die

Wohnung -- die letztere sehr gewissenhaft angegeben -- und war mit etwas

schwerfälligen Zügen, wie von der Hand eines Quartaners geschrieben.

Inwendig enthielt das Couvert aber keine Silbe weiter, sondern nur

einfach einen Fünfthalerschein.

»Das ist aber doch merkwürdig,« sagte der Officier, indem er

kopfschüttelnd die wunderliche Sendung betrachtete; »wieder eine

Fünfthaler-Note und kein Sterbenswort dabei, als die nämliche

Handschrift auf der Adresse -- und richtig, wieder mit einem Geldstück

petschirt! Wer mag denn nur in aller Welt mein sehr großmüthiger, aber

leider, wie es scheint, sehr unbemittelter Protector sein, der mir von

Zeit zu Zeit so bedeutende Geldsendungen zukommen läßt? Fünf Thaler! Du

lieber Gott, nicht einmal fünfhundert könnten mir heute helfen, und das

ist höchstens genügend zu einem Frühstück, um mir die Grillen aus dem

Kopfe zu jagen!«

Noch während seines kurzen Selbstgespräches hatte er das Couvert nach

allen Seiten genau betrachtet, ob nicht irgendwo ein Stempel oder ein

anderes Zeichen auch nur auf die Spur des Absenders deuten ließe,

aber umsonst. Es war noch dazu ziemlich ordinäres Schreibpapier, mit

Packsiegellack geschlossen, mit einem Geldstück petschirt, und er

steckte kopfschüttelnd den Fünfthalerschein in die Westentasche und warf

das Papier in die Ecke.

Was wollte er auch anders machen? Was konnte er thun? Irgend Jemand

liebte ihn oder schwärmte für ihn und sandte ihm -- jetzt schon das

zehnte oder zwölfte Mal -- durch die Post, ohne irgend einen Werth auf

der Adresse anzugeben, einen Fünfthalerschein. Zurückschicken konnte er

denselben nicht, er wußte ja nicht an wen, und das Geld auf die Straße

werfen? Es wäre schade darum gewesen. Monate lang hatte er sich auch bei

früheren Sendungen den Kopf darüber zerbrochen, wer nur möglicher Weise

der freundliche Geber sein könne, aber natürlich vergebens; denn der

Fall, daß ihn Jemand Geld schickte, war so außerordentlich, daß er jedes

Versuches spottete, ihn jemals zu enträthseln.

Aber die Zeit verstrich. Er hatte erst die Absicht gehabt, an dem Morgen

noch einmal nach Wendelsheim hinaus zu reiten, um zu hören, wie es

seinem Bruder ginge; aber er konnte heute unmöglich, und hoffte ja auch,

daß es doch nur einer jener Anfälle gewesen, die der stets Kränkliche

von je gehabt und der dann wahrscheinlich auch eben so rasch

vorüberging. Hier aber drängte ihn die Zeit; er pfiff seinem Burschen,

ließ sich noch einmal sorgfältig abbürsten, zog seine Handschuhe an und

eilte dann, mit wahrlich schwerem Herzen einen Gang zu thun, den er gern

vermieden hätte. Aber es ging eben nicht mehr, er mußte, und wenn er

dort auch kein Geld bekam.... -- Er biß die Zähne auf einander und

schüttelte die trüben, bitteren Gedanken ab. Noch war es ja nicht so

schlimm.

Vor dem Hause begegnete er einer ältlichen Frau aus den geringeren

Ständen, die ihn freundlich, aber achtungsvoll grüßte. Er warf ihr einen

Blick über die Achsel zu und hob dann die rechte Hand etwa zehn bis

zwölf Zoll, als ob er damit an die Mütze greifen wollte, kam aber noch

nicht einmal bis zum ersten Knopfloche der Uniform. Er kannte die Frau,

sie war ihm schon begegnet, aber er wußte nicht, wer es sei -- möglicher

Weise seine Wäscherin, die Geld von ihm haben wollte; er that viel

besser, sie vollständig zu ignoriren.

Sein Weg führte ihn durch die nämliche Straße, in welcher, Nr. 11 im

ersten Stocke, der Staatsanwalt Witte wohnte; aber sein Herz dachte

heute Morgen weder an ihn, noch an seine Tochter, und nur zufällig hob

er im Vorübergehen den Blick zu den Fenstern. Aber dort saß Ottilie

schon am Nähtisch bei ihrer Arbeit, lange jedoch nicht so beschäftigt,

um nicht dann und wann das Auge nach der Straße hinabgleiten zu lassen.

Es war ja so interessant, zu sehen, wer vorüberging. Sie hatte auch

schon mehrfach an dem Morgen Gelegenheit gehabt, zu grüßen, oder

vielmehr grüßend zu danken, aber noch nie so freundlich und so tief

dabei erröthend, als diesmal. Man sah es ihr ordentlich an, daß es

sie freute, ihren Tänzer von neulich Abend wieder zu erblicken, und

Wendelsheim selber, ordentlich erschreckt, daß er sie fast übersehen

hätte, grüßte auf das verbindlichste.

Dadurch aber, daß er seine Aufmerksamkeit nach dem Fenster oben

richtete, lief er einer andern Gefahr in den Rachen, und zwar gerade

gegen den unvermeidlichen Rath Frühbach an, der ihn auch ohne weiteres

Säumen stellte.

»Ah, mein lieber Herr Baron, auch schon auf der Promenade, und wie ich

sehe, sehr angenehm beschäftigt? Ja, mein lieber junger Freund -- na,

ich gehe ein Stück mit Ihnen hier hinunter, denn ich habe doch nichts zu

versäumen -- mein lieber junger Freund, was ich gleich sagen wollte

-- in meiner Jugend habe ich es auch nicht besser gemacht, und ich

war Ihnen ein verfluchter Kerl. Da lebte in Schwerin ein alter reicher

Rauchwaarenhändler, ein steinreicher Bursch, sag' ich Ihnen, aber

auch ein komischer Kauz, eine Art von Sonderling, der hatte eine

wunderhübsche Tochter, Rosine hieß sie -- nein, warten Sie einmal,

das war eine andere; Rosine war die Nichte vom Ober-Appellationsrath

Breitnagel, mit der ich auch einmal verlobt sein sollte -- die Tochter

von dem Rauchwaarenhändler -- Herr Gott, fällt mir jetzt der Name nicht

mehr ein -- na, wenn sie das wüßte -- aber es bleibt sich gleich, ich

komme auch vielleicht noch darauf -- aber es ist ärgerlich, wenn Einem

so ein Name fehlt, und man quält sich manchmal einen Tag damit herum,

ja, kann Nachts nicht davor einschlafen. Dieser Tochter also, Fräulein

Therese -- Jesus ja, Therese, wie ich das auch vergessen konnte! --

machte ich damals furchtbar den Hof. Lieber Gott, ich war jung, sie war

jung, und wenn sich ein paar junge Leute gern haben -- warum nicht?

Ja, das war ein wunderhübsches Mädchen, und ich hätte eine ganz gute

Speculation mit der Heirath gemacht.«

»Und warum heiratheten Sie sie nicht?« fragte von Wendelsheim, der nur

mit halbem Ohr auf die Salbaderei hörte.

»Wie ich mir's noch überlegte,« sagte der Rath, »war sie auf einmal

mit einem Lieutenant verlobt, und noch dazu mit einem weitläufigen

Verwandten von mir, den ich dort selber eingeführt hatte.«

»Das war Pech,« sagte der Baron; »aber, =à propos=, mein lieber Rath,

Sie sagten mir doch einmal, daß Sie so etwas von einem Finanzmann

wären?«

»Ei, gewiß,« rief Rath Frühbach rasch, »ich könnte Ihnen da Arbeiten

zeigen...«

»Bitte, ist gar nicht nöthig; aber die Hauptaufgabe eines Finanzmannes

wäre meiner Meinung nach die, lieber Rath, Geld in Zeit der Noth zu

schaffen, nicht wahr?«

»Und das vorhandene zu verwalten,« ergänzte der Rath.

»Während wir von dem letzteren Punkt vor der Hand absehen,« fuhr der

Lieutenant fort, »möchte ich Sie dann bitten, mir, gegen gute Interessen

natürlich, bis heute Abend zweihundert Louisd'or zu schaffen.«

Rath Frühbach sah seinen Begleiter über die Brille an und lächelte. »Da

fällt mir eine Geschichte ein,« sagte er.

Der Erbe: Roman. Erster Band. · 第 5 / 15 段