»Ja, aber Ihre Nachricht, so weit es die Familie betrifft, war

vollkommen unbegründet. Schlosser Baumann, außerdem ein anerkannt

rechtlicher Mann, der nie zu einer Schurkerei die Hand bieten würde,

wohnt noch in dem nämlichen Hause, das er von seinem Vater ererbte,

und hat dort hinein vor etwa sechsundzwanzig Jahren geheirathet. In

derselben Kirche, in der er getraut wurde, sind auch seine sämmtlichen

Kinder getauft; und ich habe selber das Kirchenbuch nachgesehen, und

Ihre Nachricht, die Sie mir gaben, ist vollkommen falsch. Seine ältesten

Kinder sind lauter Jungen, er hat nur ein einziges Mädchen von noch

nicht sieben Jahren. Der älteste Sohn ist Werkführer beim Mechanikus

Obrich, der zweite arbeitet mit dem Vater, der dritte ist bei einem

Tischler in der Lehre. Seine Kinder sind außerdem alle gesund und am

Leben geblieben, daß also auch mit einem Todesfalle keine Schmuggelei

vorgefallen sein konnte. Wie kamen Sie überhaupt auf die Familie?«

»Weil die Heßberger, die damalige Hebamme der Baronin Wendelsheim, die

Schwester von des Schlossers Frau ist,« sagte der Major. »Und wie ich

neulich zufällig hörte, daß die Baumann ihr erstes Kind, ein Mädchen,

gleich wieder verloren hätte, war doch nichts natürlicher, als nach

dieser Richtung hin Verdacht zu fassen.«

»Es ist aber, wie ich Ihnen sage, nicht wahr, denn ich habe mich selber

überzeugt. Ein blankes altes Weibergeschwätz, mit dem Sie keinen Hund

hinter dem Ofen vorlocken. Sie sind nun einmal auf die Ihnen entgangenen

fünfzigtausend Thaler verbissen und können die fixe Idee nicht los

werden, daß bei der Geburt des Erben irgend eine Täuschung stattgefunden

haben müsse. Aber so lange Sie dafür weiter nichts beibringen können,

als Ihre eigene Ueberzeugung, hilft Ihnen das gar nichts. Beweise müssen

wir haben, kalte, trockene Beweise, keine hitzköpfigen Verdächtigungen,

sonst will ich wenigstens mit der ganzen Sache nichts zu thun haben.«

Der Major hatte, beide geballte Hände auf der Lehne seines Stuhles

liegend, still und verbissen zugehört, und Witte in der That Recht, denn

der Major war eben jener, damals junge und etwas lockere Officier von

Halsen, der, im Falle der Baron von Wendelsheim ohne männlichen Erben

blieb, fünfzigtausend Thaler von der Erbschaft auf seinen Antheil

bekommen haben würde, wobei sich natürlich denken ließ, daß er, mit

einem solchen einmal gefaßten Verdacht, Alles aufbieten werde, um

sein Ziel zu erreichen. Er war auch in der That die langen, dazwischen

liegenden Jahre nicht müssig gewesen und bald auf dieser, bald auf

jener Fährte laut geworden, aber immer ohne Resultat, bis er es

endlich aufgab. Nur das Heranrücken des entscheidenden Zeitpunktes, der

vierundzwanzigste Geburtstag des jungen Erben, rüttelte ihn noch einmal

aus seiner Lethargie auf, um einen letzten, verzweifelten Versuch zu

machen, um dem alten Baron, den er ärger als die Sünde haßte, den fetten

Bissen vor dem Munde wegzuschnappen.

»Beweise, Beweise,« knurrte er vor sich hin; »wenn ich nur das verdammte

Wort gar nicht mehr hören müßte. Aber Sie sollen auch Beweise haben, und

deshalb gerade ließ ich Sie heute zu mir rufen.«

»Da wär' ich begierig,« sagte Witte.

»Wir haben,« berichtete der Major, »vor etwa sechs Monaten ein

Hausmädchen angenommen, mit dem wir die ganze Zeit sehr zufrieden waren.

Sie that ruhig und unverdrossen ihre Arbeit, und wir bekümmerten uns

auch gar nicht darum, wo sie früher in Dienst gestanden. Heute Morgen

nun wischt sie im Zimmer ab, und da mich die Langeweile plagte....«

»Aber das brauch' ich ja Alles nicht zu wissen!«

»Lassen Sie mich doch nur ausreden -- knüpfe ich also ein Gespräch

mit ihr an und erfahre dabei, daß sie, bald nach der Vermählung des

Freiherrn von Wendelsheim, als Kammermädchen in Diensten der gnädigen

Frau gestanden und drei Jahre bei ihr gewesen sei, also auch in der Zeit

ihrer ersten Niederkunft....«

»Hm, und weiter?«

»Nachher wurde sie schlecht behandelt -- sie behauptet, die gnädige Frau

wäre eifersüchtig auf sie gewesen und habe sie plötzlich fortgeschickt.

Es muß jedenfalls etwas vorgefallen sein, denn sie spricht nur in den

bittersten Ausdrücken von allen Beiden und behauptet dabei, in jener

Nacht sei nicht Alles mit rechten Dingen zugegangen.«

»Aber ich will gar nicht wissen, was sie behauptet. Welche _Beweise_

bringt sie dafür? Das Geschwätz haben wir schon seit vierundzwanzig

Jahren gehabt, und es konnte nachher doch Niemand auftreten und sagen:

ich weiß etwas; es hieß nur immer: ich vermuthe.«

»Ich fragte natürlich weiter,« fuhr der Major fort, »und sie erzählte,

daß an dem nämlichen Abend mit der Hebamme Heßberger ein Mann, der etwas

unter dem Arm getragen habe, nicht vorn herein, sondern durch den Park

gekommen sei und sich dort aufgehalten habe; ja, der Gärtner wollte

sogar gehört haben, daß es ein kleines Kind gewesen sei, denn es hätte

geschrieen.«

»Und kann er das beschwören?« fragte Witte. »Und wenn er es selbst

beschwören könnte, was hälfe es? Aber weiter! Was sonst noch?«

»Da lief plötzlich der Ruf durch's Schloß, die gnädige Frau habe einen

Knaben bekommen; der Freiherr kam selber heraus auf die Treppe und

schrie es den Leuten jubelnd zu, und dann wurde Hurrah geschrieen, und

Wendelsheim vertheilte Wein unter die Leute...«

»Und ist das Alles?«

»Aber die Heßberger soll selber in der Zeit auf der dunkeln Treppe

gewesen sein, so behauptet die Frau wenigstens.«

»Ich will Ihnen etwas sagen, Major,« rief der Staatsanwalt, »ich werde

aus Ihrer ganzen Erzählung nicht klug, denn Sie mengen alte Geschichten

und neu Erfahrenes bunt durch einander! Wir können die Sache deshalb

vereinfachen. Wo ist die Person?«

»Draußen in der Küche.«

»Rufen Sie sie herein.«

»Sie wird aber nicht in Ihrer Gegenwart reden wollen....«

»Und weshalb nicht? Sie braucht oder soll gar nichts weiter sagen,

als was sie selber gehört und gesehen hat; ich will auch nichts weiter

wissen und kann nichts Anderes gebrauchen. Lassen Sie die Person nur

einmal hereinkommen.«

Der Major griff nach der neben seinem Stuhl hangenden Klingel und zog

daran, und gleich darauf steckte die bezeichnete Frau den Kopf in die

Thür und fragte, was sie solle.

»Kommen Sie einmal her, Frau Meier,« sagte der Major.

»Aber ich kann ja nicht, ich sehe so schrecklich aus!«

»Macht nichts,« lachte der Staatsanwalt, »wir sind alle Zwei ein paar

alte Knaben und haben unsere Herzen schon lange, der Eine verloren, der

Andere eingetrocknet. Wir wollen Sie nur bitten, uns ein paar Fragen zu

beantworten.«

»Fragen beantworten?« wiederholte die Frau mißtrauisch, indem sie, in's

Zimmer tretend, sich noch die Hände an ihrer Schürze abtrocknete.

»Sie haben früher bei der Frau Baronin Wendelsheim in Dienst gestanden,

wie?«

»Ja,« nickte die Frau; »das hab' ich ja schon dem Herrn Major erzählt.«

»Schön. Sie waren also auch dort, wie der erste Knabe geboren wurde,

wie?«

»War ich auch. Aber weshalb?«

»Liebe Frau,« sagte der Staatsanwalt ruhig, »es handelt sich hier

nur darum, von Ihnen die Bestätigung oder Nichtbestätigung eines alt

gefaßten Verdachts zu bekommen. Sie selber haben natürlich gar nichts

damit zu thun, und es ist nur die Frage, ob Sie vielleicht irgend ein

Interesse dabei hätten, etwas zu verschweigen, was mit jener Sache in

Verbindung steht.«

»Ich,« sagte die Frau halb beleidigt, »was sollte _ich_ für ein

Interesse dabei haben? Ich bin mir nichts Schlechtes bewußt und kann

jedem Menschen frei und offen in die Augen sehen.«

»Wollen Sie mir also das genau erzählen, was Sie heute Morgen dem Herrn

Major erzählt haben?«

Die Frau zögerte. »Was geht's mich an?« sagte sie endlich. »Was

Einen nicht juckt, soll man nicht kratzen. _Ich_ will mit der ganzen

Gesellschaft nichts weiter zu thun haben.«

»Das sollen Sie auch nicht, liebe Frau,« sagte der Staatsanwalt ruhig;

»aber wissen Sie, wer ein geschehenes Unrecht verheimlicht, nimmt

indirect selber Theil daran, er mag sonst noch so unschuldig sein.«

»Aber ich weiß von keinem Unrecht,« sagte die Frau; »ich habe nur

erzählt, was ich an dem Abend gesehen, und -- hätte auch vielleicht mein

Maul besser gehalten. Ueber die Geschichte ist Gras gewachsen, und Todte

können doch nicht wieder lebendig werden.«

»Todte?« fragte der Staatsanwalt, indem er sie scharf dabei ansah.

»Nun, ich weiß nicht, wie's damals gewesen ist,« sagte die Frau,

vielleicht selber unwillig darüber, daß sie schon so viel gesprochen.

»Dem Herrn Major hab' ich's aber einmal erzählt, und wenn Sie's auch

wissen wollen, weshalb fragen Sie denn nicht den darum?«

»Da haben Sie recht,« lenkte der Staatsanwalt ein, »und die Hauptsache

weiß ich ja nun doch; es war mir nur nicht glaublich, daß der Freiherr

selber in der Nacht sein Kind hätte forttragen können.«

»Das hab' ich auch nicht gesagt, Herr Major,« rief die Frau rasch,

»keine Silbe davon! Wie das Kind aber geboren war, ließ die Heßberger

damals die Wartefrau, eine Verwandte von ihr, mit der sie dicke

durchsteckte, oben allein bei der Wöchnerin und der »Tante« und ging

in den Hof hinunter, so viel ist sicher, denn das habe ich mit meinen

eigenen Augen gesehen. Sie trug auch etwas unter dem Mantel und kam

ebenso zurück, und wir Alle haben viel darüber gesprochen, denn so eine

Frau gehört in der Zeit in das Wochenzimmer und nicht in den Hof. Die

Leute im Hause meinten auch damals, es sei gar kein Knabe gewesen,

sondern ein Mädchen, und der Herr Baron hätte es nur so verkündet; aber

nachher stellte es sich doch heraus, daß es ein prächtiger Junge war,

der ja auch gut gediehen und groß und stark geworden ist. Das wär'

Alles, was ich darüber sagen könnte.«

»Und wer war der Mann, der damals mit jener Frau in den Park kam?«

»Und woher sollt' ich das wissen?« sagte die Frau. »Ich habe ihn gar

nicht einmal gesehen, und das Volk im Hause, oder vielmehr der Gärtner,

meinte freilich, es wäre der Schuster Heßberger, der Heßberger ihr Mann,

gewesen; aber wer kann's sagen! Dunkel war's ebenfalls und regnete die

ganze Nacht hindurch, und nachher kümmerte sich auch weiter Niemand

um ihn, denn in dem Regenguß mochte natürlich Keiner mehr in den Park

gehen, da noch dazu unten in der Gesindestube eine Flasche Wein neben

der andern stand.«

»Das ist erklärlich,« nickte der Staatsanwalt leise vor sich hin, »und

kommt auch wohl eigentlich nichts darauf an, aber Sie meinten vorher,

Frau Meier, daß Todte nicht wieder lebendig werden könnten. Was wollten

Sie eigentlich damit sagen?«

»Von Todten habe ich nichts gesprochen,« sagte die Frau zurückhaltend.

»Doch, Frau Meier,« nickte der Staatsanwalt; »aber es ist zu leicht

denkbar, daß in einer so aufgeregten Zeit Manches von den Leuten nur so

obenhin gesprochen und vermuthet wird, ohne daß irgend ein fester Beweis

dafür zu Grunde liegt. Wahrscheinlich bezieht sich das, was Sie sagten,

auch nur auf derartige Vermuthungen. Erinnern Sie sich vielleicht noch

einiger der damals gehenden Gerüchte? Lieber Gott,« setzte er hinzu,

als er sah, daß die Frau noch unschlüssig schwieg, »es ist seitdem eine

lange Zeit vergangen und viel Wasser den Berg hinabgelaufen; es wäre

kein Wunder, wenn Sie es vergessen hätten, und kommt auch eigentlich

nichts darauf an, aber einen Grund müssen die Leute doch damals für ihre

Behauptung gehabt haben.«

»Für welche denn?« sagte die Frau, die dem Gedankengang nicht folgen

konnte.

»Nun dafür,« meinte Witte ruhig »daß sie glaubten, der Mann, der das

Kind umgetauscht, habe das ihm überlieferte, also wahrscheinlich ein

Mädchen, umgebracht.«

Die Frau sah ihn bestürzt an. Hatte sie denn das selber schon gesagt,

oder war das dem Manne mit der hohen, kahlen Stirn und den weißen Haaren

selber so vorgekommen.

»Ich weiß es nicht,« sagte sie endlich, durch das viele Fragen ganz

verwirrt gemacht, »die Leute reden viel. Gesprochen wurde allerdings

davon, die damalige Wirthschafterin hatte ein böses Mundwerk und sagte

immer mehr, als sie verantworten konnte.«

»Und die meinte es auch?«

»Ganz ähnlich so wenigstens,« nickte die Frau; »aber ich habe von Anfang

an dagegen gesprochen und glaub's auch nicht bis auf den heutigen Tag,

denn dazu kann eine Mutter nicht ihr Kind hergeben und ein anderes

annehmen und so lieb haben, wie die gnädige Frau den Jungen gehabt hat.

Sie küßte ihn nur immer in Einem fort und ließ ihn gar nicht aus den

Augen, so lange sie ihn nur eben hüten konnte, und der Baron selber

wußte nicht vor lauter Freude, was er angeben sollte. Der freilich hätte

sich auch nichts Besseres wünschen können; denn daß er mit dem Knaben

eine große Erbschaft machte, war ja schon damals überall bekannt.«

Die Frau war in Zug gekommen, und Witte hütete sich wohl, sie darin zu

stören. Nur erst als sie schwieg, sagte er, aber auch mehr zum Major

gewandt, als zu ihr:

»Ganz richtig ist die Sache keineswegs gewesen, davon bin ich ebenfalls

überzeugt, aber die Frau Meier hat ganz recht; es ist Gras darüber

gewachsen, und Alles, was sie uns da erzählt hat, weiter nichts, als was

sich ein paar Monate nach der Entbindung eben die ganze Stadt heimlich

erzählte, ohne irgend etwas beweisen zu können. Nur noch Eins, Frau

Meier. Sie erwähnten vorhin einer Wartefrau, die allein bei dem Kinde

geblieben, als die Frau Heßberger fortging. Lebt die noch und wo ist

sie?«

»Ja, Du lieber Gott,« sagte die Frau, »wer weiß das! Eine Zeit lang

war sie noch in der Gegend, nachher ging sie fort und, wie es allgemein

hieß, nach Amerika, und später soll sie sogar dort gestorben sein; die

Heßberger erzählte es wenigstens so in der Stadt. Sie hatte einen Vetter

in Amerika, und von dem wollte sie einen Brief erhalten haben.«

»Genau so, wie ich mir dachte,« nickte der Staatsanwalt. »Alles, was

irgend eine positive Aussage machen könnte, fehlt, und was uns bleibt,

sind nichts als wilde Gerüchte und Vermuthungen; denn daß die Frau

Heßberger selber irgend welche Auskunft geben würde, ist doch wohl nicht

denkbar.«

»Die?« rief die Frau Meier. »Die schlechte Person, die -- eher bisse die

sich die Zunge ab, ehe sie aus der Schule schwatzte! Und die weiß

auch wohl, warum, denn umsonst trägt sie nicht an Sonn- und Feiertagen

seidene Kleider und echte Spitzen daran und einen Hut mit großen Federn

auf, damit sie ja nicht so aussieht wie Unsereins! Die ist mit allen

Hunden gehetzt, und ihr Mann auch, der alte Heuchler...«

»Na, Frau Meier,« sagte der Major, der wohl einsah, daß sie jetzt

Alles erzählt hatte, was sie wußte, »dann gehen Sie nur wieder an Ihre

Arbeit;« und als die Frau sich zurückzog, rief er triumphirend den

Staatsanwalt an: »Na, was sagen Sie nun? Sind das keine Beweise?« -- Er

schien auch seinen sonst so trostlosen Krankheitszustand rein vergessen

zu haben, denn während der ganzen Zeit hatte er nicht ein einziges Mal

geächzt oder gestöhnt, sondern mit der gespanntesten Aufmerksamkeit den

Worten der Frau gelauscht.

Der Staatsanwalt war aufgestanden und ein paarmal im Zimmer auf und

ab gegangen. Jetzt sagte er kopfschüttelnd: »Beweise? Nicht die blasse

Spur. Dem alten Freiherrn traute ich allerdings eine solche Handlung

schon zu, und schlimmere Dinge sind wirklich vorgefallen; aber die Frau

hat auf der Gotteswelt nichts weiter gethan, als die alten Gerüchte,

die damals Jahre lang wiedergekaut wurden, bestätigt. Neues ist nichts

darin, als daß die Wartefrau in dem Wochenzimmer, während die Heßberger

hinausging, allein zurückgeblieben, und hätten wir die Frau hier und

könnten sie zum Reden bringen, so möchten wir allerdings Genaueres

erfahren. Wenn sie aber todt oder nur nach Amerika ausgewandert ist, so

hilft uns das Alles nichts und wir sind so klug als vorher.«

»Wenn aber nun jener Mensch das kleine, neugeborene Mädchen wirklich

umgebracht hätte?«

»So wäre das allerdings ein scheußliches Verbrechen,« sagte der

Staatsanwalt, »ist aber gar nicht denkbar, denn irgendwo hätte dann in

damaliger Zeit ein Kind gefehlt, und man würde davon gesprochen und es

in jener Aufregung und dem allgemeinen Verdacht gegen den Baron gewiß

mit dieser Sache in Verbindung gebracht haben. Nein; hat jene alte Frau

Heßberger wirklich zu einem Verbrechen oder einer Betrügerei die Hand

geboten, so ist das Alles so schlau und geschickt angefangen, daß nicht

einmal auf frischer That ein Beweis geführt werden konnte, wie viel

weniger denn jetzt, nach beinahe vierundzwanzig Jahren.«

»Und dann erbt also in den nächsten Wochen der Lieutenant das ganze

riesige Vermögen, und wir Anderen sind geleimt.«

»Allerdings, wenn er an dem Tage noch lebt, und gesund und kräftig genug

sieht er dazu aus. Jetzt bitte ich Sie aber, Major, daß Sie mich mit der

Sache ungeschoren lassen, denn Sie haben mich schon drei- oder viermal

darin vergebens auf den Trab gebracht.«

»Aber es ist doch Sache des Staates, einem solchen Verbrechen

nachzuforschen!« rief der Major gereizt.

»Jawohl,« sagte Witte, »wenn wir selber die Möglichkeit einer

Beweisführung einsehen oder irgend ein gegründeter Verdacht vorliegt,

gewiß; doch auf altes Weibergeklatsch, auf Hörensagen und blinde

Gerüchte hin, nachdem beinahe ein Menschenalter verflossen ist, trete

ich nicht mit einer solchen Klage vor die Gerichte. Also gute Besserung,

Major!« Und mit diesen Worten griff er wieder Hut und Stock auf und

verließ das Haus.

5.

Beim Schlosser Baumann.

Beim Schlosser Baumann wurde das Abendbrot auf den Tisch gestellt:

Kartoffeln in der Schale, kräftiges Schwarzbrot, Butter, Käse und ein

Krug Bier dazu, denn Baumann arbeitete allerdings ganz tüchtig und war

ein geschickter Mann, ließ sich jedoch nichts abgehen und hielt etwas

auf seinen inneren Menschen. Aber er duldete auch nicht, daß die Leute

schlechteres Essen bekamen, als er selber. Er verlangte ordentliche

Arbeit von ihnen, und wahrhaftig kein Feiern dabei, denn wie er selber

zugriff, mußten auch die Anderen mit angreifen. Doch ordentliche Nahrung

sollten sie dazu in die Knochen haben, und dann hielten sie es auch mit

Vergnügen aus und schlugen in der Schmiede nicht zu, als ob sie Nüsse

knacken wollten.

Nur auf seinen äußeren Menschen gab er nichts. Sonntags allerdings, wenn

er einmal mit der Frau ausging, zog er seinen langen, blauen Rock an und

band sich eine etwas unbequeme, hohe Cravatte um; in der Woche aber ging

er in Hemdsärmeln und mit dem Schurzfell und dazu ein schwarzes, kleines

Käppchen auf; ja, selbst wenn er Arbeit in der Stadt hatte und ausgehen

mußte, wechselte er das nicht, wie auch die Frau dagegen redete. Es

schickte sich nicht für einen Meister, sagte sie, daß er wie ein Gesell

umherlief, und er solle doch etwas mehr auf seine »Reputation« sehen.

Aber Meister Baumann lachte dann nur immer und meinte: er sähe in seinem

Schurzfell ein ganz Theil besser und anständiger aus, als sie selber mit

ihrer aufgedunsenen Crinoline, mit der sie dem Ambos nicht einmal mehr

dürfe zu nahe kommen. Und dabei blieb es, denn Baumann, so seelensgut er

sonst sein mochte, hatte einen entsetzlichen Dickkopf in manchen Dingen,

und auch gerade nicht ganz Unrecht mit der Crinoline, die er seiner Frau

vorwarf.

Seine Frau war wirklich herzensgut und sorgte für ihren Mann und ihre

Kinder, wie nur eine Mutter sorgen kann, und besonders an dem Jüngsten,

einem Mädchen von sieben Jahren, hing sie mit unsagbarer Liebe; aber

sie besaß einen Fehler: sie war ein wenig eitel, und zwar nicht mehr auf

ihre Schönheit, so hübsch sie auch vielleicht in früheren Jahren gewesen

sein mochte, aber auf ihr Aeußeres, auf ihre »Stellung« im Leben, und

das Gefühl geht freilich durch alle Schichten der Gesellschaft, von hoch

herunter bis zum Niedrigsten. Meister Baumann versuchte nun allerdings

zuweilen, ihr den »Dünkel«, wie er es nannte, auszutreiben, und

argumentirte dann ganz einfach, daß sie nichts als schlichte Handwerker

wären, die keinen Anspruch machten und an die kein Anspruch gemacht

würde; aber darin gab sie ihm nie Recht. Er, ihr Mann, sei, wie

sie behauptete, ein geachteter Bürger der Stadt, wenn auch nur ein

Handwerker, der sich sein Brot mit seiner Hände Arbeit verdiene:

aber deshalb gerade könne sie nicht wie eine Tagelöhnersfrau in einer

»schlampigen Fahne« umherlaufen, und »wenn dem Tischler Behrens seine

Frau und dem Bäcker Gluck seine« in großen Crinolinen einherstolzirten,

so möchte sie einmal das Gesicht sehen, mit dem die sie angucken würden,

wenn sie »nur so« zwischen ihnen herum liefe.

Baumann lachte bei solchen Argumenten, und die Sache war abgethan. Nur

wie sie einmal den Versuch machte, eine Schleppe zuzulegen, curirte

er sie gründlich gleich von vorn herein. Er sagte nämlich kein Wort

darüber; wie aber Abends, nach einem stolz verlebten Sonntag-Nachmittag,

das Kleid im Schrank hing, nahm er eine Scheere, ging hin und schnitt

heimlich hinten alles Ueberflüssige herunter. Gesprochen wurde auch

darüber gar nichts. Die Frau fand das etwas arg zugerichtete Kleid --

denn Baumann war nichts weniger als ein Damenschneider --, reparirte es

wieder, so gut es gehen wollte, und gab dann jeden weiteren Versuch in

dieser Richtung auf.

Diese Eitelkeit hatte aber auch ihre guten Seiten, denn sie warf sich

auf die Erziehung der Kinder, für die sie Alles anstrengte. Ein paar

Jahre nach ihrer Verheirathung hatte sie eine kleine Erbschaft gemacht,

und wie der Erstgeborene heranwuchs, wollte sie absolut, daß er studiren

und ein gelehrter Mann werden solle. Dagegen aber legte Meister Baumann

entschieden Protest ein; denn wenn das Kind auch in den ersten Jahren

etwas kränkelte, entwickelte es sich doch später vortrefflich, und der

Vater behauptete, daß sein Sohn nichts Anderes werden dürfe, als was der

Vater gewesen: ein ehrlicher und tüchtiger Schlosser auch. Das bahne ihm

dann den Weg weiter, und habe der Junge Talent und Geschick, so könne

er es schon noch zu Allerlei bringen, denn das Schlosserhandwerk sei

in jetziger Zeit der Anfang zu allen möglichen ehrenvollen Laufbahnen

geworden.

Fritz, wie der Knabe getauft worden, trat denn auch bei ihm selber in

die Lehre, und der Erfolg bewies, daß der Vater recht gehabt. Er zeigte

sich bald so außerordentlich fleißig und geschickt, daß ihn der alte

Schlossermeister selber nach drei Jahren dem Mechanikus Obrich überließ,

um etwas Tüchtiges aus ihm heranzubilden.

Der zweite Sohn, ein derber, prächtiger Junge, wurde ebenfalls

Schlosser, und der dritte, da er mehr Neigung zu Holzarbeiten verrieth,

kam zu einem Tischler in die Lehre. Mit dem Studiren, wie es die Frau

immer gehofft, war es also nichts, und die Knaben befanden sich auch

alle drei bei dem gewählten Beruf vortrefflich.

»Sag' einmal, Alte,« begann der Meister, während er mit seiner Frau,

den Gesellen und einem Lehrling am Tisch saß und eben eine etwas heiße

Kartoffel schälte -- Fritz war gleichfalls herüber gekommen, hatte aber

schon gegessen und sich nur ein Glas Bier eingeschenkt, was es drüben

nicht gab -- »kennst Du denn den Staatsanwalt Witte oder seine Familie

näher?«

»Näher?« sagte die Frau kopfschüttelnd. »Woher soll ich die Leute näher

kennen? Die Kinder haben früher oft mitsammen gespielt; ich bin aber nie

zu ihnen in's Haus gekommen. Weshalb denn?«

»O, ich meinte nur,« sagte der Meister, während Fritz, ohne jede

scheinbare Veranlassung, ordentlich roth wurde und fast wie verlegen

aussah. »Aber wie ich heute drüben war, denn er ließ mich eines

Schlüssels zu seinem Schreibtisch wegen rufen, fragte er mich so

angelegentlich nach Euch Allen, und wie viel Kinder wir hätten, und ob

es Jungens oder Mädchens wären, und ob uns keines gestorben sei, und

wie lange wir verheirathet seien, kurz, tausenderlei, was ihm doch

eigentlich verwünscht gleichgültig sein könnte.«

»_Ich_ kenne die Leute, Vater,« sagte jetzt Fritz, indem er zugleich das

Bier an die Lippen hob; »ich komme manchmal hinüber, wenn wir etwas für

den Staatsanwalt zu thun haben.«

»_Du_ kommst hinüber?« sagte der Vater erstaunt. »Wozu?«

»Nun, wenn irgend eine gemachte Arbeit abgeliefert wird.«

»Na, das hat bei Euch der Werkführer zu thun? Bei uns thut's der Junge.«

»O,« meinte Fritz, doch jetzt etwas verlegen, »wenn einmal irgend etwas

sehr Zerbrechliches vorkommt, was man dem Jungen nicht gut anvertrauen

kann. Er ist gar so zerstreut.«

»So?« sagte der Vater und nickte still lächelnd vor sich hin; »ei, wie

besorgt der Fritz ist. Das junge hübsche Mädchen drüben hast Du wohl

noch gar nicht einmal gesehen?«

»O doch, Vater,« sagte Fritz rasch, und der Alte lachte.

Der Erbe: Roman. Erster Band. · 第 4 / 15 段