Indessen war auch Bruno's Fuchs gesattelt worden, und wie er den Bruder

nur erst einmal gut untergebracht wußte, eilte er hinab, sprang, ohne

weder von Vater oder Tante Abschied zu nehmen, in den Sattel und ritt,

seinem feurigen Thier die Sporen eindrückend, in einem scharfen Trab aus

dem Schloßhof hinaus und durch das Dorf.

Am letzten Hause des Dorfes stand eine Frau, die dem Reiter, als er

vorüber brauste, freundlich und fast vertraulich zunickte. Bruno kannte

sie auch, es war die alte Heßberger, die er sonst wohl oft in seines

Vaters Hause gesehen; er bemerkte auch vielleicht, daß sie ihn

grüßte, sah wenigstens die Bewegung, hatte aber den Kopf so voll der

verschiedensten Dinge, daß er gar nicht daran dachte, ihr auch nur

zu danken, sondern gleich darauf, ohne ihr nur den Kopf noch einmal

zuzuwenden, die breite Fahrstraße verließ und rechts ab in einen Fußweg

einbog, der nicht allein die Strecke bis zur Stadt etwas verkürzte,

sondern auch zwischen den Getreidefeldern einen weichen und elastischen

Rasenboden für sein Thier gewährte.

Die Heßberger sah ihm mit demselben lachenden Gesicht, mit dem sie ihn

vorhin gegrüßt, nach, selbst wie er schon weit von ihr entfernt durch

die Kornfelder dahintrabte, bis er endlich eine kleine Erhöhung überritt

und dann dahinter verschwand; und nun erst nickte sie still vor sich hin

mit dem Kopf und murmelte dabei:

»Merkwürdig, merkwürdig -- und man lernt doch nie im Leben aus. Sonst

denkt man doch immer, es stäke im Blute und wär' angeboren -- aber es

läßt sich auch anerziehen, wenn es nur recht begonnen und durchgeführt

wird. Ja, ja, Puppe, reite Du nur da so stolz auf Deinem hübschen Gaul,

als ob Du ein König oder Kaiser wärest, und gucke die alte Frau nicht

an, die den Staub von Deines Rosses Hufen schluckt. Und wenn die

alte Frau wollte -- doch sie will eben nicht und läßt Dich so lustig

hinreiten, als ob Du wirklich alles das wärest, was Du Dir denkst. Nun,

vielleicht kommt doch einmal die Zeit, wo sie Dir in den Weg tritt --

und wie höflich Du dann werden wirst, mein Bürschchen, wie erstaunlich

höflich!«

Bruno von Wendelsheim trabte indessen, ohne auf die Alte auch nur einen

Gedanken zu wenden, scharf den Rasenpfad entlang, und das Herz war ihm

so voll und schwer, der Kopf that ihm so weh vom vielen Grübeln.

Benno, sein armer Bruder, er war viel kränker, als er es je für möglich

gehalten -- und wer blieb ihm von all' seinen Verwandten, wenn der

Knabe starb? Sein Vater? Er hatte wohl rauhe und heftige Reden oder

Ermahnungen, nie aber ein Wort der Liebe von seinen Lippen gehört. Seine

Tante? Er biß die Zähne fest auf einander, wenn er nur an das letzte

Begegnen mit ihr dachte, wo sie ihn ordentlich mit Hohn abgewiesen.

Hatte sie Liebe zu ihm? Wahrlich nicht! Und vor sich hin schüttelte er

still den Kopf, wenn er daran dachte, wie groß der Haß gegen ihn sein

müsse, daß sie sich nicht einmal aus Klugheit freundlicher gegen ihn

benahm.

Seinem Fuchs hatte er dabei die Zügel gelassen; er mußte bald in der

Stadt sein, einestheils seiner eigenen Angelegenheit wegen, anderntheils

aber auch, um den Arzt so rasch als nur irgend möglich nach Wendelsheim

hinauszusenden. Wie er so auf dem schmalen Weg dahin trabte -- und

der Fuchs war eigentlich halb mit ihm durchgegangen, denn der Reiter

bekümmerte sich gar nicht mehr um seine Führung --, machte der Weg,

gerade an einer niedern Stelle, wo das Korn außerordentlich hoch stand,

eine scharfe Biegung, und als Bruno dahinflog, sah er plötzlich einen

Fußgänger vor sich, der auf dem weichen Rasen das nahende Pferd gar

nicht gehört hatte und jetzt kaum noch Zeit genug behielt, um zur Seite

zu springen. So dicht an ihm vorbei aber schoß der Fuchs, daß Bruno den

Fremden, in dem er jetzt den jungen Baumann erkannte, noch mit dem

Knie streifte. Er versuchte auch sein Pferd einzuzügeln, um sich zu

entschuldigen; aber es war nicht möglich. Der Fuchs hatte das Gebiß

zwischen die Zähne genommen und setzte in eine ordentliche Carrière ein,

daß Kies und Rasenstücke hinter ihm emporstiebten. Bruno mußte ihn eben

laufen lassen, und wenige Minuten später erreichte er schon die Thore

der Stadt, wo er das wilde Roß erst wieder in seine Gewalt bekam.

4.

Die elende Familie.

In der Lindenstraße, aber ziemlich weit draußen, so daß der Garten mit

seiner Rückseite schon an die dort beginnenden Felder stieß, lag das

Grundstück des alten Majors a. D. von Halsen, der da mit einer alten

Verwandten, die ihm das Hauswesen führte, einem Gärtner, einer Köchin

und einem alten Stubenmädchen wirthschaftete.

Das Haus selber war groß und massiv gebaut und in den oberen Räumen

wirklich herrschaftlich eingerichtet, der Garten parkähnlich, mit einem

großen Treibhause und dem kostbarsten Obst darin, und der Besitzer

galt für reich, aber für einen Sonderling, der sich hier von der Welt

vollkommen abzuschließen schien. Er hatte es allerdings sehr gern,

wenn ihn Jemand besuchte und eine Stunde mit ihm verplauderte, denn die

Langeweile quälte ihn oft fürchterlich; er selber aber machte nie einen

Besuch, außer in letzter Zeit häufig bei dem Staatsanwalt Witte, mit dem

er besonders viel und heimlich zu verkehren hatte.

Uebrigens fanden sich nur Wenige, die dann und wann das »Lazareth,«

welchen Namen das Haus schon in der ganzen Stadt erhalten, betraten,

denn es bot sehr wenig Anziehendes, und der Major selber, ohne die

geringste gesellschaftliche Tugend, war ein so unliebenswürdiger Gesell,

daß man ihm immer lieber aus dem Wege ging, als ihn in seiner Höhle

aufsuchte. Es sah auch noch dazu selbst ungemüthlich bei ihm aus.

Schon der Garten war wie ein Nonnenkloster mit einer zehn Fuß hohen und

sehr dicken Mauer, in die nicht einmal eine Gitterthür einen Einblick

gestattete, umschlossen. Ebenso wurden alle nach der Straße führenden

Fenster, wenn nicht das Logis einmal gereinigt werden mußte, fest

verhangen gehalten, und das Wohnzimmer des Majors selber, wo er

auch seine sämmtlichen Besuche empfing, glich eher der Wohnung eines

Tagelöhners oder ärmeren Bürgers, als der eines reichen Mannes aus den

höheren Ständen.

Die obere Etage war, wie schon erwähnt, sehr elegant eingerichtet, aber

nur wenige Menschen hatten sie einmal zufällig zu sehen bekommen und

sie wohl kaum je betreten. Das untere Zimmer dagegen, das, mit der

Küche dicht daneben, nach dem Garten zu hinausführte, zeigte nicht

die geringste Bequemlichkeit, einen alten, mit abgeschabtem Leder

überzogenen Lehnstuhl ausgenommen, noch viel weniger Eleganz. Die Wände

waren nicht einmal tapeziert, sondern nur gemalt, die Dielen weiß, mit

Sand bestreut. Ein großer Tisch aus Tannenholz stand in der Mitte, und

zwei hölzerne, zwei Rohrstühle und ein vereinzelter aus Kirschbaumholz

zierten die Ecken. Auch das Buffet war nichts weiter als ein lackirter

Holzschrank, und das Sopha unter dem kleinen, schwarz umrahmten Spiegel

so furchtbar hart und zusammengesessen, daß man sich erst dann ausruhte,

wenn man wieder davon aufstand.

Als Verzierung befanden sich allerdings drei Lithographien in schwarzen

Rahmen im Zimmer, aber sie paßten zu den Bewohnern. Die eine stellte ein

Schlachtfeld mit schrecklich Verstümmelten und Todten vor, die andere

das Martern und Verbrennen verschiedener Ketzer im Mittelalter, und

die dritte jenes bekannte Pferd, an welchem alle nur erdenklichen

Pferdekrankheiten mit Nummern angedeutet und darunter auch die Namen

genannt werden.

Nicht einmal Gardinen zeigten die Fenster, ein paar zerwaschene

Lappen ausgenommen, die oben darüber angebracht waren und weit eher so

aussahen, als ob sie dort zum Trocknen aufgehangen wären. Ueberhaupt das

ganze Zimmer machte den Eindruck der Dürftigkeit, und doch schien sich

der alte Major wunderlicher Weise nur gerade hier wohl und zufrieden zu

fühlen, wenn er das überhaupt je gethan hätte. Er gehörte aber leider

zu jenen Menschen, die eigentlich die größte und jede Ursache gehabt

hätten, gegen Gott dankbar zu sein, aber sich dabei allein für schlecht

und nichtswürdig behandelt hielten, und nun schon darüber, weil sie

keine gegründete Ursache zur Klage auffinden konnten, ärgerlich und

verdrießlich durch das Leben stöhnten.

Eine Verwandte von ihm, die verwittwete Frau von Bleßheim, lebte mit in

dem nämlichen Hause, und ein besser zusammenpassendes Paar hätte es auf

der Welt nicht geben können. Das mußte sie auch allein bewogen haben,

dieses »Lazareth« zu ihrem Aufenthaltsort zu wählen, wo sie »angeblich«

dem Major die Wirthschaft führte, in Wirklichkeit aber nur mit ihm

stöhnte und ächzte.

Sie war allerdings schon ziemlich hoch in den Jahren und von kränklichem

Körper, und würde mit dem Vermögen, das sie besaß, recht gut und bequem

haben leben können, aber sie mochte nicht allein sein. Sie fühlte das

dringende Bedürfniß, nicht allein bedauert zu werden, sondern auch

Jemanden zu haben, den sie bedauern konnte, dem es wenigstens nicht

besser ging, als ihr selber. Das Lamentiren gehörte mit zu ihrem Leben,

ja bildete fast ihre einzige Unterhaltung, und da sie gefunden, daß sie

gesunden Leuten damit endlich lästig fiel und unerträglich wurde, so war

der alte Major ihre letzte Zufluchtsstätte geworden. Dort konnte sie in

ihrer Leidenschaft grünen und blühen, und fand sogar in der Dienerschaft

Mitleidende.

Der Major saß auf seinem gewöhnlichen Platz, dem alten Lehn- oder

Sorgenstuhl, hielt das Morgenblatt, seine einzige Lectüre, in der Hand

und stöhnte. Ihm gegenüber, an einem in die Ecke geklebten dreieckigen

Schranke, stand Frau von Bleßheim und nahm einiges Geschirr heraus.

»Ach Du mein großer Gott,« seufzte sie dabei vor sich hin, »o Du mein

lieber Himmel!«

»Ah--h!« stöhnte der Major aus seiner Ecke. »Aber was hast Du nur heute,

Rosamunde? Was fehlt Dir denn?«

»Mir? Ach du großer Gott, und das fragst Du auch noch?« lautete die

Antwort. »Alle Glieder sind mir wie zerschlagen, und mein Herz klopft

mir so furchtbar, daß ich es ordentlich an den Rippen fühle!«

»Ach, was Du auch immer hast,« ächzte der Major, »ewig winseln und

lamentiren! Was soll ich denn da sagen, wie mir zu Muthe ist?«

»Ich wollte nur, ich wäre so gesund wie Du!« seufzte die gnädige Frau.

»O du meine Güte, versündige Dich nicht!« rief der Major und ließ vor

Erstaunen über den entsetzlichen Wunsch die Zeitung sinken. »Sitz' ich

denn hier nicht in dem verdammten alten Stuhl mit allen Fehlern und

Leiden behaftet, wie das Pferd da drüben an der Wand, und es fehlte

weiter nichts, als daß ich numerirt würde über den ganzen Leib, um sie

nachher auch auf einer Tabelle neben einander zu haben! Du so gesund wie

ich, wünschest Du Dir -- es ist rein zum Todtschießen, wenn man nur so

etwas mit anhören muß!«

Die alte Dame schwieg und stöhnte nur leise weiter, als die Köchin,

mit einem dicken, weißen Tuch um die Backen -- denn sie hatte ewig

Zahnschmerzen -- in's Zimmer trat, um die Schüsseln herauszuholen.

Diese faßte sie unter den linken Arm, mit der Rechten hielt sie sich die

Backe.

»Ist der Christian noch nicht wieder da, Liese?« fragte der Major, ohne

von ihren Schmerzen weitere Notiz zu nehmen. »Der bleibt auch wieder

eine Ewigkeit! Kein Mensch kommt hieher, um Einen im Elend zu besuchen;

nur amüsiren wollen sich die Leute, tanzen und vergnügt sein, ja wohl,

aber an einen armen Mitmenschen denken sie eben so wenig, wie an ihr

einstiges Seelenheil!«

»Der Christian kann auch selber nicht fort,« sagte die Liese mürrisch.

»Der Rheumatismus ist ihm die Nacht wieder in's Kreuz geschlagen, und er

geht ja so krumm wie eine Tischbürste.«

»Ach, der hat auch immer was!« stöhnte der Major.

»Ja wohl,« sagte die Liese; »es soll auch schon gar Niemand weiter krank

sein, wie Sie ganz allein. Wenn ich nur den Jammer hier im Hause nicht

mehr mit ansehen müßte!«

»Na, meinethalben kann Sie gehen,« fuhr da der Major auf, »ich halte Sie

nicht, wenn Sie's hier gar so schlecht hat! Ich will Niemanden zwingen,

bei einem armen und kranken Manne zu bleiben; ich kann mich auch allein

in eine Ecke auf's Stroh legen und verrecken, wen kümmert's -- keinem

Teufel würde ein Auge drum naß werden! Ach Du lieber Gott, ist das ein

Elend auf der Welt!«

Die Köchin, der schon seit zwanzig Jahren alle Tage wenigstens zweimal

der Dienst gekündigt wurde, verließ brummend das Zimmer, und die beiden

Verwandten waren wieder eine Zeit lang allein, bis die Thür endlich

aufging und der lang erwartete Christian hereintrat.

Christian paßte vollkommen in die Gesellschaft. Er lahmte vollständig,

trug dabei einen dicken, wollenen und sehr bunt gestopften Strumpf um

den Hals und hielt den Oberkörper ganz gebückt oder vielmehr krumm und

nach der rechten Seite hinübergezogen.

»Na, Christian,« sagte der Major, indem er den Kopf nach ihm hindrehte,

»wie seht Ihr wieder aus -- wie ein wahres Jammerbild! Geht nachher nur

hinaus und stellt Euch in die Erbsen, denn weiter werdet Ihr doch wohl

keine Arbeit thun können!«

»Ja, Sie spotten noch,« sagte Christian; »wenn _Sie_ das Kreuz

hätten...«

»Und ich tausche augenblicklich!« rief der Major, schon von dem Gedanken

entrüstet, daß Jemand ein schlimmeres Kreuz haben sollte, als er selber.

»Wenn Euch aber nur ein Finger weh thut, dann möchtet Ihr Euch gleich in

Baumwolle einwickeln! War der Staatsanwalt zu Hause, und kommt er? Ich

kann ja nicht ausgehen!«

»Ja, er käme gleich,« knurrte der Mann, »und ich glaubte, er wäre schon

da; er ging mit mir zur Thür hinaus, und ich bin nur den Weg hieher

gekrochen, ich konnte nicht mehr fort -- da ist er auch schon.«

Draußen ging in der That die Saalthür auf, und es pochte gleich darauf

an; aber es war nicht der Erwartete, sondern ein alter Freund des

Majors, der »Rath Frühbach,« wie er in der Stadt genannt wurde, der mit

einem sonoren: »Nun, mein lieber Herr Major, wie geht's heute

Morgen?« den Hut schon von draußen in der Hand, in das Eß-, Wohn- und

Empfangszimmer eintrat.

Rath Frühbach war einer von den Menschen, die der liebe Gott nur auf die

Erde gesetzt hat, um sich hier zu amüsiren, aber etwa in der Art, wie

eine Stechfliege, die sich von dem Blute ihrer Mitgeschöpfe nährt und

dabei äußerst wohl befindet. Allerdings war er nicht blutgieriger Art,

wenn er auch daheim über seinem Schreibtische einen Cavallerie-Säbel und

eine Doppelflinte hangen hatte; aber er benutzte die beiden letzteren

so wenig wie den ersteren, und seine einzige sichtbare Beschäftigung auf

der Welt war: seinen linken Arm auf den Rücken spazieren zu tragen und

Geschichten oder vielmehr Anekdoten ohne Pointe zu erzählen. Von denen

stak er aber bis zum Rande voll, und man brauchte ihn nur anzutupfen,

so entlud sich schon das Eine oder Andere über den nächsten, besten

Unglücklichen, ja, sie kamen sogar ohne Antupfen, er schwitzte

sie ordentlich aus, und konnte in dieser Eigenschaft, besonders

beschäftigten Leuten, furchtbar werden. Dazu kam, daß er sehr laut,

aber sehr langsam sprach -- er hatte immer Zeit --, und wo er einmal ein

Opfer fand, konnte man sich auch darauf verlassen, daß er es festhielt

und zu würdigen verstand. Leicht war er nie im Leben abzuschütteln.

»Herr Rath« wurde er ebenfalls in der ganzen Stadt genannt, und seine

Frau im natürlichen Weltlauf »Frau Räthin,« was sie den Dienstboten

gleich beim Anzuge selber sagte. Was für ein Rath er aber sei, konnte

Niemand erfahren oder herausbekommen, und da der Mann das Interesse

auch wirklich nicht besonders in Anspruch nahm, so bemühte sich Niemand

deshalb. »Herr Rath« war außerdem kürzer als »Herr Frühbach.«

Wie er nach Alburg kam, hatte er den Major, den er von Schwerin aus

kannte, wohl dann und wann gesprochen, aber selten aufgesucht. Dessen

Haus bot zu wenig Genüsse, und er war in der Stadt noch nicht bekannt,

also auch nicht gefürchtet. Wie er sich aber erst einmal entwickelte,

einzelne Spaziergänger überfiel und sich an sie hing, ja, Leuten, die

ihm vertrauensvoll genaht, sogar auf's Zimmer rückte und ihnen so lange

Geschichten erzählte, bis sie verzweiflungsvoll in Rock und Stiefeln

fuhren und einen wichtigen Ausgang vorschützten, da fing es ihm an

schwerer zu werden, Opfer für seine Anekdoten zu finden, und nun fiel

ihm der alte Major als passendes Lamm in die Hände. Damit war denn auch

Beiden geholfen, denn der Major wollte nur erzählen hören, was auch

immer, blieb sich gleich, ja er wußte oft nicht einmal, von was

gesprochen wurde. Frühbach dagegen wünschte sich nur mitzutheilen, und

die alte Dame ging dann um Beide herum und seufzte oder machte draußen

der Liese Umschläge auf ihren Backen. Ein Topf mit Camillenthee kochte

wenigstens permanent das ganze Jahr und Winter und Sommer auf dem

häuslichen Herde des Majors.

»Ah, mein lieber Rath,« sagte der Major, doch einigermaßen enttäuscht,

»ja, wie soll's gehen -- wie es einem armen, kranken Menschen gehen

kann, dem der Tod schon im Nacken sitzt. Ich athme eben noch, das ist

etwa Alles, was ich von mir rühmen kann.«

»Bei Athmen,« sagte der Rath, indem er seinen Stock und Hut, wie

gewohnt, in die Ecke stellte, »fällt mir.... -- ach, ergebenster Diener,

Frau von Bleßheim, freue mich, Sie so wohl zu sehen!«

»Wohl? Ach Du lieber Gott, ich kann die Glieder kaum fortschleppen!«

»Fällt mir eine komische Geschichte ein,« fuhr der Rath fort, ohne auf

den Krankheitszustand der Dame weitere Rücksicht zu nehmen. »Denken Sie,

ich sitze eines Abends noch spät an meinem Schreibtische und arbeite,

und meine Frau war schon zu Bett gegangen, denn sie ist kein Freund

vom langen Aufbleiben. Auf einmal, wie ich horche, um die Uhr draußen

schlagen zu hören -- wir haben eine Schwarzwälder Uhr, die immer auf dem

Gange hängt, weil es für das Mädchen in der Küche bequem ist, wenn sie

sehen kann, welche Zeit es ist --, da athmete 'was im Zimmer, und zwar

lang und schwer. Nun sehen Sie, Herr Major, ich bin wahrhaftig

nicht ängstlicher Natur und habe ja auch immer meine Waffen über dem

Schreibtisch hangen, wenn je einmal etwas vorfallen sollte, aber im

ersten Augenblicke lief mir's doch ordentlich kalt über den Leib, und

mein erster Gedanke war: Da hat sich ein Kerl hereingeschlichen und

liegt unter dem Sopha. Ich nicht faul, meinen Säbel von der Wand und mit

der Lampe unter das Sopha geleuchtet; aber es lag nichts darunter. Ich

sehe mich im ganzen Zimmer um, und es war eigentlich nirgends mehr ein

Raum, wo sich ein Mensch hätte verstecken können. Auf einmal höre ich

etwas klopfen, und zwar von meinem Schreibtische her, und wie ich mich

jetzt dorthin drehe, was ist da? Mein Hund, der verwünschte Jagdhund,

der sich hereingeschlichen haben muß, ohne daß ich ihn bemerkte, und

der jetzt ganz vergnügt, weil ich aufstand, mit dem Schwanze wedelte und

dabei gegen den Schreibtisch schlug.«

»Ja,« sagte der Major, der indessen die ganze Zeit an den Staatsanwalt

gedacht hatte und ob der noch nicht käme, »er wird wahrscheinlich noch

beschäftigt gewesen sein.«

»Gott bewahre,« versicherte der Rath, »er hatte geschlafen und ich das

Athmen gehört, und weil er unter dem Schreibtische lag, klang es so

curios, als ob es von dem Sopha herkäme.«

»Wie geht es denn Ihrer Frau Gemahlin?« sagte die gnädige Frau.

»Ah, ich danke Ihnen, Frau von Bleßheim, recht gut! Es ist merkwürdig,

wie sich die Frau auf den Füßen hält, und immer thätig, immer auf dem

Zeuge, und doch den vielen Aerger dabei! Ich versichere Ihnen, mit den

Dienstboten ist gar nicht mehr auszukommen, wir haben nun in diesem Jahr

schon das fünfte Mädchen...«

»Da kommt er,« sagte der Major, der indessen draußen einen Schritt

gehört hatte. Gleich darauf klopfte es auch wieder, und auf sein rasches

»Herein!« trat der Staatsanwalt in's Zimmer.

»Guten Morgen, Major, guten Morgen, gnädige Frau! Ah, da ist ja auch der

Herr Rath Frühbach! Wie geht's, Rath?«

»O, ich danke Ihnen, Herr Staatsanwalt, so ziemlich! Ich erzähle eben

der gnädigen Frau...«

»Nun, lieber Major, Sie hatten mich rufen lassen, ich habe eben nicht

viel Zeit und noch einen Termin abzuhalten, den ich nicht gern versäumen

möchte...«

»Wie es mir beinahe einmal gegangen ist,« sagte der unverbesserliche

Rath Frühbach. »Denken Sie, ich hatte in einer wichtigen Angelegenheit

-- es betraf das Vermögen einer Wittwe in Schwerin, deren Mann nach

Konstantinopel gegangen und an der Cholera gestorben war, und die Stadt

hatte die Sache zu besorgen -- einen Termin angesetzt bekommen, um elf

Uhr Morgens, und es verstand sich von selbst, daß ich den einhalten

mußte, wenn ich das Ganze auch nur aus Gefälligkeit that. Ich ziehe mich

also an, und da es noch ein wenig früh war, schlendere ich langsam über

die Promenade dem Rathhause zu. Unterwegs treffe ich aber den früheren

Minister von Bassefeld, einen alten Freund von mir, und ich bleibe

natürlich stehen; wir kommen in's Plaudern und erzählen uns so einige

interessante Sachen aus früheren Zeiten. Wie ich aber noch so dastehe,

schlägt es ja wahrhaftig Elf, und ich hatte noch reichlich zehn Minuten

zu gehen. Ich sage Ihnen, so rasch bin ich in meinem ganzen Leben nicht

ausgeschritten! Der Minister lachte ordentlich, wie er mich fortlaufen

sah, aber ich kam doch noch eben zur rechten Zeit auf's Amt.«

Witte hatte wie auf Kohlen gestanden und wiegte sich immer von einem Fuß

auf den andern.

»Könnten wir denn nicht vielleicht hinauf in eins der Zimmer oder in

den Garten gehen,« sagte er jetzt, »um unsere Sache abzumachen? Ich habe

nicht lange Zeit, Major....«

»Ach, Sie wollen etwas mit einander besprechen,« sagte der Rath, »ja,

dann will ich Sie lieber allein lassen. =A propos=, Herr Major, haben

Sie denn die Aepfelwein-Cur begonnen, die ich Ihnen das letzte Mal

anrieth? Sie glauben gar nicht, wie segensreich das auf die Eingeweide

wirkt. Ich fühle mich immer ungeheuer erleichtert danach und bin auch

überzeugt, daß es eine Umwandlung im ganzen Blut hervorbringt....«

»Also was war es, Major?« rief der Staatsanwalt, der ungeduldig wurde

und schon nach der Uhr sah. »Ich muß wahrhaftig wieder fort, wenn Sie

nicht reden!«

»Rechtshändel,« sagte Frühbach, indem er nach seinem Hut und Stock ging,

»müssen unter vier Augen abgemacht werden, und ein Dritter ist dabei das

fünfte Rad am Wagen. Also Adieu, lieber Herr Major -- leben Sie recht

wohl, Frau von Bleßheim! Bald hätt' ich auch noch vergessen, daß ich

Sie von meiner Frau grüßen sollte, und wenn ich wiederkomme, bringe ich

Ihnen auch das Recept zu den Umschlägen mit; heute habe ich wirklich

nicht daran gedacht. Solche Recepte sollte man übrigens immer bei sich

führen, denn man weiß nie, wie man Jemandem damit helfen kann. So ging

es mir einmal, da fuhr ich von Schwerin nach Wasmuhlen -- damals hatten

wir noch keine Eisenbahn -- (der Staatsanwalt lief, die Hände auf dem

Rücken, im Zimmer auf und ab und sah nach der Decke hinauf), und in

Wasmuhlen, gleich im ersten Hause, wo ich abstieg, lag eine Frau, die

ich recht gut von früher her kannte, und hatte furchtbare Krämpfe, und

kein Arzt war aufzutreiben. Aber glücklicher Weise trug ich ein ganz

vortreffliches Recept für solche Fälle, das mir der berühmte Schönlein,

ein alter Jugendfreund von mir, einmal gegeben, bei mir in der

Brieftasche, ging gleich selber in die Apotheke, ließ es zubereiten, und

die Krämpfe verloren sich. Aber die Herren haben zu thun -- also guten

Morgen allerseits! Wenn ich Zeit habe, komme ich vielleicht morgen

einmal wieder vor und sehe nach, wie es geht. Fangen Sie nur mit dem

Aepfelwein an, Major.«

»Herr Du mein Gott,« rief der Staatsanwalt, als der Rath kaum die Thür

hinter sich zugedrückt hatte, »ist das ein langweiliger Peter! Der

Mensch bringt Einen ja rein zur Verzweiflung! Ich begreife nicht, wie

Sie den, zu allen Ihren übrigen Leiden, auch noch ertragen können,

Major!«

»Du lieber Gott,« sagte dieser, »es ist ein seelenguter Mensch, und

vertreibt mir manchmal eine Stunde die Zeit.«

»Schlägt sie todt, ja,« nickte Witte; »aber nun heraus mit der Sprache,

denn ich habe wirklich wenig Zeit.«

»Also vor allen Dingen,« sagte der Major, »haben Sie den Schlosser

Baumann gesprochen?«

Der Erbe: Roman. Erster Band. · 第 3 / 15 段